
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Wolfgang Scherreiks, Schriftsteller _ Berlin
Lieber Wolfgang, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann gehört zu meinen späten Entdeckungen. Zwar hatte ich eine grobe Ahnung von ihren Werken. Dazu wird ja gern Biographisches und sehr Privates über die Schriftstellerin öffentlich breitgetreten. Aber erst Recherchen zu meinem neuen Roman führten zum Einstieg in ihre Texte. Ich räume ein, ich bin immer noch dabei, sie zu lesen. Die Weitergabe autoritärer Erfahrungen bis in intime Beziehungen hinein mit den Mitteln der Literatur zu untersuchen und dafür eine Poetik zu erarbeiten, das hat mich zuerst angezogen. Ein ferner Bezug zum geographischen Referenzraum meiner eigenen Arbeit war auch das Wüstenbuch ihrer Ägyptenreise. Bald ein Jahr lang besaß ich bis vor Kurzem sämtliche Bände ihres Todesarten-Projekts aus der Berliner Staatsbibliothek. Erstaunlicherweise hatte die selbst im Jahr ihres 100. Geburtstag über diese lange Zeit niemand sonst entliehen.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie ringt um das, was für mich eine gute Schriftstellerin oder einen Schriftsteller unter anderem ausmacht: Eine Sprach- und Formsuche, hinter der eine existenzielle Not oder jedenfalls ein Begehren steht.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Lieber eine Edition. Ich weiß, dass die erzwungene Struktur der Kritischen Ausgabe des Todesarten-Projekts von Piper nicht jedem gefiel. Ich las darin weniger akademisch. Überhaupt eintauchen zu können in die Textvarianten mit ihren Vor- und Korrekturstufen, ist sehr faszinierend.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Auch wenn das Patriarchat (in den Medien) ein lautes Comeback feiert und sein Militarismus erstaunlich unkritisch in den Köpfen von Männern und Frauen zurück ist, würde ich in Bachmanns Texten zwei Kontexte mitlesen: Die historische Gegenwart, in der diese Texte entstanden, sowie ihre eigene Erfahrung. Dass sich seit ihrer Zeit im gesellschaftlichen Bewusstsein nun gar nichts nirgendwo geändert hat, wird man nicht ernsthaft behaupten können.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ich weiß nur, dass wir sehr unterschiedlich lieben. Das Bachmann-Zitat bietet natürlich eine Steilvorlage für die dichotomische Anlage gegenwärtiger Debatten, die wenig lösungsorientiert auf Trennendes setzen. Vielleicht ist die Aussage aber nicht so 1 zu 1 auf Individuen zu lesen. Steht ihre „Krankheit der Männer“ nicht eher als Bild für die zerstörerische Energie des Patriarchats? Populär missverstanden, blockiert ein gegenseitiges Pathologisieren jedenfalls den Dialog zwischen den Geschlechtern. Das Patriarchat außergeschlechtlich zu begreifen und ihm gesamtgesellschaftlich-emanzipatorisch entgegenzutreten, scheint mir ein gesunderer Weg zu sein.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Märtyrer bedeutet ja Zeuge. Verdammter Zeuge also. Oder zum Zeugnis verdammt. Ich halte viel vom persönlichen Impuls, der die Sache vorantreibt. Die Selbstzerstörung des Künstlers ist für diese Passion unnötig. Warum sollte der verdammte Zeuge die Transformation in Kunst nicht als Reise von der metaphorischen Hölle ins Paradies durchlaufen, als deren Begleiter oder zumindest zu deren Ende die Möglichkeit von Liebe steht? „L’amor che move il sole e l’altre stelle“, endet die Commedia.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihre Verbindung von Innen mit der Geografie finde ich sehr interessant.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Vermutlich etwas enttäuschend Unliterarisches. Aus meiner ewigen Retterfantasie heraus und in dem Wunsch, dass sie uns noch länger erhalten geblieben wäre, hätte ich ihr etwas aus dem Werkzeugkasten der Suchtberatung gesagt…
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Derzeit lässt die Unruhe um die Vorstellung meines Romans »Goldberg« wenig Zeit für die Konzentration auf ein neues Projekt. Allerdings existiert die erste Rohfassung eines neuen Romans. Darin wird es um eine Reise gehen. Ich möchte mich mit dem gesellschaftlich wie politisch inzwischen scheinbar utopischen Thema Vergebung auseinandersetzen. Und was uns der Mythos dazu für Angebote macht. Bereits der »Goldberg« probiert, im Schauen andere Perspektiven auszuloten. Es gilt, diese Aufmerksamkeitspoetik des Nature Writing auf eine Ding- und Porträtbeschreibung zu übertragen. Dazu ist es mein Wunsch, mehr ins Erzählen zu kommen. Und dabei erneut mein spielerisches Gebot des Happy Ends jenseits der Klischees zu berücksichtigen. Aufgaben genug.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Dann zur Literatur als Utopie aus den Frankfurter Poetikvorlesungen:
„Die Literatur aber, die selber nicht zu sagen weiß, was sie ist, die sich nur zu erkennen gibt als ein tausendfacher und mehrtausendjähriger Verstoß gegen die schlechte Sprache – denn das Leben hat nur eine schlechte Sprache – und die ihm darum ein Utopia der Sprache gegenübersetzt, diese Literatur also ist zu rühmen wegen ihres verzweiflungsvollen Unterwegsseins zu dieser Sprache und nur darum ein Ruhm und eine Hoffnung der Menschen.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Bitte sehr.

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Wolfgang Scherreiks _ privat.
Walter Pobaschnig, 24.4.2026