„Theater muss sich radikal erneuern“ Ute Liepold, Regisseurin_ Klagenfurt 2.4.2021

Liebe Ute, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zurzeit arbeite ich viel am Schreibtisch, als freiberufliche Regisseurin und Theaterleiterin habe ich immer mehrere Projekte gleichzeitig in Arbeit. Manchmal treffe ich Autor*innen und andere Künstler*innen für mein aktuelles Projekt „Fluid Identities“. Mir scheint, dass sich gerade jetzt viele Beteiligte noch mehr freuen, analog mit Menschen arbeiten zu dürfen.

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Wege zu finden, diese Situation physisch und psychisch auszuhalten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir werden nie wieder so leben, wie wir gelebt haben. Das, was gerade passiert, hat auf allen Ebenen langfristige Auswirkungen.  Ich denke, es ist jetzt wichtig, Fragen zuzulassen: Was passiert mit einer Welt, die dem schnellen Wirtschaftswachstum alles andere unterordnet? In der noch immer Männer das Sagen und die Ressourcen haben. Theater als eine der letzten großen Bastionen des Patriarchats muss sich radikal erneuern: Intendant*innen, Regisseur*innen und Autor*innen müssen ein vielstimmiges Zukunftsnarrativ entwickeln um von einer Welt zu erzählen, in der die weißen, gesunden, männlichen Stadtbewohner endlich Platz machen für alle anderen Menschen dieser Welt.

Was liest Du derzeit?

Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet.

Mieko Kawakami: Brüste und Eier.

Annie Ernaux: Die Scham.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Fremder: erstickte Wut tief unten in meiner Kehle, schwarzer Engel, der die Transparenz trübt, dunkle, unergründliche Spur. Der Fremde, Figur des Hasses und des anderen, ist weder das romantische Opfer unserer heimischen Bequemlichkeit noch der Eindringling, der für alle Übel des Gemeinwesens Verantwortung trägt. Er ist weder die kommende Offenbarung noch der direkte Gegner, den es auszulöschen gilt, um die Gruppe zu befrieden. Auf befremdliche Weise ist der Fremde in uns selbst: Er ist die verborgene Seite unserer Identität, der Raum der unsere Bleibe zu nichte macht, die Zeit, in der das Einverständnis und die Sympathie zugrunde gehen. Wenn wir ihn in uns erkennen, verhindern wir, dass wir ihn selbst verabscheuen.

Julia Kristeva

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Vielen Dank für das Interview liebe Ute, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Über uns (wolkenflug.at)

Fotos_Johannes Puch

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst muss in Zeiten der Veränderung mit Humanismus vorangehen“ Nadine Breitfuß, Schauspielerin_ Linz 2.4.2021

Liebe Nadine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin am Theater Phönix in Linz im Festengagement. Wir haben gerade ein neues Stück „Draußen vor der Tür“ fertig geprobt und warten jetzt darauf, dass wir wieder spielen können. Im März war ich ein Monat auf Kurzarbeit. Ich nutzte diese Zeit für mich: mit Sport, Literatur und Meditation.

Jeden Morgen lese und schreibe ich in das Buch Glücksperiment.

Nadine Breitfuß, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren und sich sinnvoll weiterentwickeln. Fast jeder hat jetzt die Zeit dazu, die bisherigen Lebensroutinen zu hinterfragen. Sich zu fragen, was macht mich richtig glücklich und was brauche ich wirklich dazu.

Mir persönlich hilft gerade Sport, Bewegung, Meditation, Tanzen und frische Luft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Seit Corona ist viel mehr Menschen klar, dass sich in unserer Gesellschaft was verändern muss. Die Kunst muss die Gesellschaft mit ihren Missständen und Fehlern porträtieren, um in Zeiten der Veränderung, dieser mit Beispiel an Humanismus voranzugehen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher. Zurzeit: „Frag den Buddha“ von Jack Kornfield, „Ich bin der Sturm“ von Michaela Kastel und „Das Buch der Freude mit Dalai Lama & Desmond Tutu“ von Douglas Abrams

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Der Regen hat aufgehört,

die Wolken haben sich verzogen,

und es ist wieder klar.

Ist dein Herz rein,

dann sind alle Dinge in deiner Welt rein…

Dann wirst du vom Mond und den Blumen

auf deinem Weg geführt.

Nadine Breitfuß, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Nadine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nadine Breitfuß, Schauspielerin

theater-phönix (theater-phoenix.at)

Fotos_Stefan Weiss

10.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ein knisternder Theaterabend und danach ein bis fünf Spritzer“ Violetta Zupancic, Schauspielerin_Wien 1.4.2021

Liebe Violetta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich seit 14 Monaten für einen kleinen Menschen sorge, sieht mein Tagesablauf auch ohne Pandemie sehr sehr anders aus, wie er als Vollzeit Schauspielerin ausgesehen hat. Er wird nicht mehr von IntendantInnen und RegisseurInnen und Spielplänen dominiert, sondern von einem Wesen, das die Welt entdeckt. Ebenfalls ein sehr schönes und anstrengendes Schauspiel.

Zwischen 6 und 7 Uhr werde ich aufgeweckt, weil der besagte kleine Mensch auf mir herumturnt und in den Tag starten möchte. Ich eher immer nicht so. Über ein Jahr Babywecker hat meinen vom Theater indoktrinierten Rhythmus noch nicht in den eines Morgenmenschen verwandeln können. Aber es wird wohl oder übel das Bett verlassen. Danach wird Zähne geputzt und Frühstück gemacht und gespielt und so gut wie möglich für den Tag vorgekocht und Wäsche aufgehängt und auch sonst langweiliger langweiliger Haushalt erledigt.

Violetta Zupancic, Schauspielerin

Dann gibt es ein Vormittagsschläfchen und da lege ich mich gleich mit dazu. Ich finde ich habe das verdient, da ich in der Nacht ohnehin mehrmals geweckt werde. Es ist mir sowieso unbegreiflich, dass ich seit 14 Monaten eigentlich nie länger als drei Stunden am Stück geschlafen habe (und tendenziell sind es eher 1 ½ Stunden) und dass ich noch am Leben bin.

Am späten Vormittag geht es raus Besorgungen machen und einen nahegelegenen Spielplatz stürmen. Sandkiste ist neuerdings hoch im Kurs. Sowie allen Menschen winken. Ein freundliches Kind. Dann geht es wieder heim und es gibt Mittagessen und ein Mittagschläfchen. Das nehme ich meistens auch in Anspruch. Weil ich kann. Und will. Und muss.

Am Nachmittag geht es meistens wieder nach draußen und Freunde treffen. Nur draußen wird sich getroffen, wenn nicht getestet worden ist. Wenn getestet wurde und wenn alle negativ getestet sind dann gehen wir zu uns in die Wohnung und ich koche für uns alle und der Besuch darf den kleinen Menschen bespaßen. Spielen, essen, baden, spielen, ein Buch anschauen, in den Schlaf stillen … und wenn der kleine Mensch friedliche eingeschlafen ist, wird das Babyphone angemacht und auf Zehenspitzen rausgeschlichen. Danach wird alles erledigt, was den Tag über liegen geblieben ist im Haushalt. Oder es wird Bürokratisches abgearbeitet. Oder wenigstens ein bisschen versucht die Website endlich neu zu gestalten und zu aktualisieren und neue Showreel Szenen zu schneiden und Mails zu schreiben mit „Hallo es gibt mich noch ich möchte gerne wieder arbeiten, wenn man eines Tages wieder arbeiten kann und darf“ … was man eben so macht, also freischaffende arbeitslose Künstlerin während einer Pandemie, die gerade auch noch ein Kind bekommen hat. Manchmal muss man dann auch versuchen, die Existenzängste nicht überhand gewinnen zu lassen. Und dann macht man Yoga. Und liest. Und schaut was auf dem Laptop. Und dann geht man ins Bett. Ohnehin viel zu spät. Und wenn man gerade sanft am Einschlafen ist, dann wird der kleine Mensch daneben wach und will wieder zurück ins Land der Kinderträume begleitet werden. Ob sie von weißen Masken in der Straßenbahn handeln? Meine handeln gelegentlich davon. Und dann wiederholt sich alles von vorne.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich würde gerne sagen durchhalten. Aber ich kann eigentlich fast auch nicht mehr. Aber trotzdem. Durchhalten!

Lieb zueinander sein. Auch mit Maske und Abstand. Aber trotzdem: an die Regeln halten und brav testen gehen!

Humor Kinder. Humor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke bitter notwendig wäre eigentlich ein Systemwechsel. Diese Pandemie hätte eine Chance sein können aber dafür haben wir leider eine falsche Regierung. Weg vom Kapitalismus und der Leistungsgesellschaft. Systemrelevante Berufe aufwerten vor allem in der Bezahlung. Bedingungslosen Grundeinkommen einführen. Endlich klare radikale Klimaziele schaffen und durchziehen. Und ich meine RADIKAL. Ich vermute, die Pandemie ist ein Witz im Gegensatz zu dem, was mit einer Klimakrise noch auf uns zukommen wird. Da kommen dann wahrscheinlich auch noch ein paar mehr Pandemien. Und man hat ja gesehen, wie schnell plötzlich Gesetzte beschlossen werden können und die Staaten zu einer Zusammenarbeit fähig sind. Und dass auch die Menschen sich adaptieren können, wenn es sein muss. Das bitte auch bei der Klima- oder zum Beispiel auch der Flüchtlingsthematik. Ich könnte die Liste noch weiter fortführen … Und eigentlich hab ich wahrscheinlich auch gar keine Ahnung von gar nichts …

Das Theater und die Kunst allgemein müssen diese Themen weiter im Diskurs halten und im Idealfall auch vorantreiben. Das Theater muss weiterhin hinschauen und hinzeigen und sowohl die Utopien als auch die drohenden Dystopien erzählen. Wenn die Theater aber endlich wieder öffnen dürfen, dann sollen die Menschen auch einen Hafen der Freude und Lust und Fröhlichkeit finden. Endlich wieder kollektive Erlebnisse, die nicht aus Homeoffice und Stäbchen in der Nase bestehen. Ein Wechselspiel zwischen SchauspielerInnen und Publikum und Text live und in Person. Ein knisternder Theaterabend und danach ein bis fünf Spritzer. Es ist nicht immer schlecht, wenn es menschelt nach einem Theaterabend. Es ist sogar schön.

Was liest Du derzeit?

„Dicht“ Stefanie Sargnagel

„Vegan für unsere Sprösslinge“ Carmen Hercegfi und Anna Maynert

„Dein kompetentes Kind“ Jesper Juul

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zu Ehren von Rosa Luxemburg, die dieses Jahr am 5. März 150 Jahre alt geworden wäre:

„Sieh, dass du Mensch bleibst.

Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt:

fest und klar und heiter sein, ja,

heiter trotz alledem.“

Violetta Zupancic, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Violetta, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Violetta Zupancic, Schauspielerin

violetta zupančič | schauspielerin

Alle Fotos_Anna Breit

5.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Bleiben wir positiv bei der Einstellung und negativ bei Corona!“ Günther Lainer, Kabarettist_Linz 1.4.2021

Lieber Günther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich sehr unterschiedlich, weil ich jeden Tag planen muss und eine Tagesstruktur schaffen will. Immer dabei ist Frühstück, Mittagessen, Abendessen, hie und da ein Spaziergang und sehr oft ein Mittagsschlaferl. Ansonsten schreibe ich sehr viel. (Soloprogramm, Buch und Kolumnen in den OÖN) Sonst habe ich wenig Termine.

Günther Lainer, Kabarettist, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für uns wichtig ist, kann ich nicht sagen. Ich denke das sollte jeder für sich wissen. Ich versuche trotz dieser eigenartigen Zeit positiv zu bleiben. Quellen, die einen Energie und Kraft geben zu suchen, zu finden und zu nutzen. Bleiben wir positiv bei der Einstellung und negativ bei Corona!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe wir lernen aus dieser Krise. Ich denke es hat sich viel verändert. Es ist nicht alles selbstverständlich. Nehmen wir das Positive aus der Krise mit und lassen wir das Negative zurück. Kabarett kann mit Humor die Situation erträglicher machen.

Was liest Du derzeit?

Arznei gegen die Sterblichkeit von Christoph Ransmayr. Den Falter (Abo) und die Spatzenpost (auch ein Abo – kein Witz)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gib nur so viel auf deinen Teller, wie du essen wirst. Essen ist zum Wegwerfen zu schade! (aus der aktuellen Spatzenpost, Ausgabe 7, März 2021)

Vielen Dank für das Interview lieber Günther, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kabarett-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Günther Lainer, Kabarettist, Schauspieler

Günther Lainer – der Kabarettist aus Linz (guentherlainer.at)

Foto_Volker Weihpold

4.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wie steht es mit unserem Doppel-Ich?“ Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Station bei Bachmann _ Wien 31.3.2021

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin

Das Wiener Cafèhaus fehlt mir jetzt sehr. Es ist einer der Orte, an dem ich immer sehr gerne bin. Da ist eine ganz große Geschichte von Kunst und Kultur. Es ist eine Wiege der Literatur, der Kunst.

Das Wiener Cafèhaus und die Stadt Wien hängen ganz stark zusammen.

Ich bin gerne hier im Cafè Prückel mit Blick zum „Ungargassenland“ Ingeborg Bachmanns oder im Cafè Bräunerhof, das ja einen starken Bezug zu Thomas Bernhard hat. Und auch in vielen weiteren Cafès der Stadt, die Liste ist sehr lang.

Ich bin in Wien geboren und in Niederösterreich aufgewachsen. In der Kindheit war Wien für mich schon starker kultureller Bezugspunkt, etwa in Museumsbesuchen. Meine Großmutter war da sehr engagiert und prägte wesentlich meinen Sinn für Kunst und Kultur. Da wurden tiefe, feste Verbindungen schon sehr früh geknüpft, die bis heute tragend und bereichernd sind.

Die Theaterlandschaft Wiens ist einzigartig und unglaublich schön und inspirierend.

Auch die Natur, das Grün ist ja wesentlicher Teil dieser Stadt und sehr gut fußläufig erreichbar. Etwa der Kahlenberg, Cobenzl. Ich mag dieses über die Stadt blicken, diese Verbindung von Natur und Stadtleben, sehr gerne.

Wien ist eine wunderschöne Stadt mit unglaublich hoher Lebensqualität. Wien, das ist immer Liebe, unvergänglich.

Ich war immer sehr neugierig und vielseitig interessiert. Es war nie schwer mich für einen Museumsbesuch, Kultur zu begeistern.

Ich erinnere mich da an einen Museumsbesuch mit etwa sieben Jahren als mich ein Deckengemälde so faszinierte, dass ich mich auf die Sitzbank davor legte und es sehr lange aufmerksam betrachtete. Der Wachbeamte sagte damals zu meiner Oma, so ein Kind hat er noch nicht erlebt (lacht).

Der Besuch eines Museums ist auch heute noch sehr wichtig für mich. Auch wenn die Zeit manchmal knapper dazu ist. Anschließend geht es dann ins Cafèhaus, das gehört zusammen. Es ist auch das Ritual eines besonderen Tages. Der Geburtstag war da immer ein Fixpunkt dazu.

Wien inspiriert auch als Schauspielerin. Es ist eine Quelle der persönlichen Kraftquelle wie auch der Menschenwahrnehmung, -beobachtung. Ein Spaziergang, und eben das Cafè, sind da beste Bezugspunkte. Ich erarbeite da auch Rollen.

Ingeborg Bachmann ist mir erstmals in der Gymnasialzeit begegnet. Ich hatte eine sehr engagierte literaturaffine Deutschprofessorin, die uns über den Lehrplan hinaus Literatur, eben auch Bachmann, näherbrachte.

Bei Ingeborg Bachmann habe ich das Bild einer starken Frau vor mir. Auch eine Frau, die der Zeit voraus ist bzw. vorangeht. Und die an Grenzen geht und darüber hinaus. Kompromisslos.

Bachmann ließ keine Facetten des Menschseins im Roman aus. Und gibt ja diese Fragen nach Leben, Liebe, Sinn als Spiegel an jede Leserin/jeden Leser weiter. Wie steht es mit unserem Doppel-Ich?

Leben, Liebe, Kunst sind nicht zu trennen. Da ist eine Wechselwirkung. Bachmann wusste dies wie vielleicht keine zweite.

In den 50 Jahren seit Erscheinen von „Malina“ hat sich als Frau wahnsinnig viel verändert und gleichzeitig viel zu wenig. Es ist noch sehr viel zu tun in der Gleichberechtigung.

Das trifft unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft von Wirtschaft, etwa der Bezahlung, bis zur Bildung, zur Erziehung in starren Rollenbildern, die später schwer abzulegen sind.

Im Schauspielbereich gibt es mehr Frauen als Männer. Männer haben es von daher eine Spur leichter. Aber natürlich spielen viele andere Faktoren mit.

Frauen als Schauspielerinnen haben es im mittleren Alter bei Rollenbesetzungen oft sehr schwer. Bei Männern ist das völlig egal. Sie gelten als attraktiver mit höherem Alter. Das ist ein wesentlicher Punkt.

In der Liebe gibt es in der Gegenwart ein Bedürfnis nach Tradition und gleichzeitig eine Sehnsucht nach modernen Beziehungsformen, nach Erfahrung, Experiment. Da ist eine Zerrissenheit.

Das Beziehungsmodell in Malina, also die Affäre, ist zeitlos. Das ist heute alltäglich und wird immer mehr gesellschaftsfähiger.

In Leben und Liebe gibt es immer die Gegenwart und die Möglichkeit. Den Zweifel und das Andere, das vermeintlich Bessere?  Und die Zerrissenheit darin oder daraus. Persönlich kenne ich beides. Diese Zerrissenheit aber auch die Schönheit von Klarheit, von Halt.

Liebe ist eine Resonanz. Dann kann etwas entstehen.

Die Frau muss in ihren Bedürfnissen wahrgenommen werden. Da braucht es keine Abwägung, keine Rechtfertigung.

Es geht nicht um eine Rolle in einer Beziehung sondern um Menschsein, gleichwertiges Menschsein.

Liebe ist emotionale Intelligenz und Persönlichkeit.

Eine gute Gesprächsbasis ermöglicht in der Liebe alles.

Beziehungen sind heute fragiler. Das hat auch wesentlich mit dem Arbeitsmarkt zu tun.

Eine Affäre verändert immer alle Beteiligten.

Verliebtsein auf den ersten Blick gibt es.

Der moderne Mann ist dabei traditionelle Rollenbilder loszulassen.

Warum braucht es die Befreiung aus einer Beziehung? Das ist für mich die entscheidende Frage. Wohl auch jene des Romans.

Mein Modestil ist sehr individuell und hat sich schon früh geprägt. Das bedeutet mir auch viel.

Als Schauspielerin kannst du nur spielen was in dir da ist. Jede Rolle ist letztlich jene deines Lebens. Es ist sehr spannend die schlummernden Facetten seiner eigenen Persönlichkeit zu entdecken.

Facetten eines individuellen wie möglicherweise repräsentativen Menschseins im künstlerischen Prozess, die im Privaten oft übersehen werden oder denen das Zutrauen, Vertrauen fehlt, diese zu leben.

Ich habe ein Grundvertrauen in Sinn, persönliche Entwicklung. Ereignisse und Erfahrungen versuche ich als Prozess zu verstehen und einzuordnen.

Der Rückblich ist da oft ein wesentlicher Anker des Verstehens, des guten Verstehens im Blick auf Gegenwart und Zukunft.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Valerie Anna Gruber,  Schauspielerin _Wien.

Home – Valerie Anna Gruber – Schauspielerin

Alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Cafè Prückel_Wien_5.3.2021

Walter Pobaschnig _ 3_2021

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„Theater ist ein Ort, der mir erzählt, dass auch meine Geschichte noch nicht geschrieben ist“ Julia Maria Ransmayr, Festivalleiterin_Linz 31.3.2021

Liebe Julia Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nichts und alles hat sich geändert. Nichts, weil ich auch davor schon von zu Hause arbeiten konnte, und alles, weil ich nicht mehr unterwegs bin, um Theaterstücke und Kunst zu sichten, und meine Tage und Abende nicht mehr in Theatern verbringe. Ich vermisse es sehr Publikum zu sein. Mit Körpern.

Ich versuche früher aufzustehen, als vor einem Jahr. Was absurd klingt, weil sich die Gegenwart wie ein Wartezimmer ins Ungewisse streckt, aber mir hilft der Morgen und die damit verbundene Routine und Ruhe des Häferlkaffees. Von Kaffee und Zeitung kommend, steige ich dann über Stufen empor in mein Raumschiff. Manche würden es Schreibtisch nennen. Ich beame mich also konzentriert und so gut es geht in eine Kapsel aus blinkenden Bildschirmen, tönenden Telefonen und freue mich täglich über das Sitzkissen, das mir meine Mutter vor langer Zeit geschenkt hat. Aus dieser Kommandozentrale schicke ich dann Botschaften ins pandemische Universum und hoffe, dass ich meinen Körper nicht ganz verliere.

Ein internationales Theaterfestival (SCHÄXPIR in OÖ) in einer Pandemie zu konzipieren und zu gestalten ist durchaus eine komplexe Aufgabe. Täglich gibt es mehrmals Gespräche über Situationen, Umdenken, Adaptieren, Weiterdenken mit unserem großartigen Team und vielen Künstler*innen, Gruppen, Theaterhäusern. All diese Verschiedenheit findet über einen Bildschirm statt. Gesichter, die dort auftauchen und wechseln. Es ist immer ein merkwürdiges Gefühl nach diesen Terminen den Computer wieder im Ruhezustand zu sehen. Man ist ins Private zurückgeworfen, obwohl noch immer am selben Platz, und sich manchmal nicht sicher, ob all das gerade wirklich stattgefunden hat, oder wir uns lediglich in einer Zeitschleife verfangen haben. Diese Zeit ist geprägt von ständiger Arbeit und Kommunikation. Wir laden uns alle auf— nur findet nie eine Entladung statt. Kein Applaus. Kein Gemeinsam. Kein Dazwischen. Ich will keine Texte mehr beginnen müssen mit: „Dieser Text hätte eigentlich ein anderer werden sollen. (…)“ Seit einem Jahr hagelt es Konjunktive.

Neben dem hohen Maß an Kommunikation, schreibe ich derzeit tippend an Theatertexten und meiner Masterarbeit.

Julia Maria Ransmayr, Festivalleiterin, Regisseurin, Autorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Perspektive. Das Zufällige. Der Optimismus. Die Flexibilität. Das Spontane. Das Vertrauen. Das Zutrauen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater,  der Kunst an sich zu?

Theater, Kunst – Kultur generell, wird eine wesentliche Rolle spielen, wenn es darum geht, wieder in Bewegung— und zu Begegnung zu kommen. Wieder miteinander Utopien zu verhandeln und kollektive Imagination zu suchen. Durch das Spiel und den Möglichkeitsraum, den Theater aufwirft, kann ich mir überhaupt erst vorstellen, dass die Welt eine änderbare ist. Alles kann. Nichts muss. Theater ist ein Ort, der mir erzählt, dass auch meine Geschichte noch nicht geschrieben ist. Und das ist nicht nur ein sehr befreiendes Gefühl, sondern auch wegweisend, für das Theater, weil es aufzeigt, was wichtig ist und sein wird. Gesellschaftliche und kollektive Phantasie, die so im Theater passieren kann, oder auch erst kreiert wird. Dazu soll das Theater sich und uns weiter befragen, was neben all der Realität, der sich auch das Theater nicht entziehen kann, an Formen, Ästhetik, und Positionen mit der Zukunft noch möglich ist.

Theater, Kunst sollte uns alle herausfordern, aber nicht so, wie das gerade jetzt der Fall ist.

Was liest Du derzeit?

Why Theatre? publiziert vom NT Gent

Zorn und Stille von Sandra Gugić

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„We accept reality so readily – perhaps because we sense that nothing is real.” Jorge Luis Borges, The Aleph

Vielen Dank für das Interview liebe Julia Maria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke auch und Grüße nach Wien!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Maria Ransmayr, Festivalleiterin, Regisseurin, Autorin

www.schaexpir.at

Foto__Florian Voggeneder

3.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Home Kino ist nicht vergleichbar mit einem live Event“ Sarah Leidl, Schauspielerin_Wien 31.3.2021

Liebe Sarah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist derzeit von Tag zu Tag zeitlich sehr unterschiedlich.
Ich studiere momentan Musical in Wien und habe somit trotz der Corona Situation reichlich zu tun. Unter der Woche bin ich teils online, teils vor Ort aktiv.

Zusätzlich arbeite ich als Museumsführerin im Schokomuseum der Firma Heindl. Da dieses aber derzeit geschlossen ist, helfe ich als Verkäuferin in den Filialen aus. So oder so: Schokolade (und somit auch die Arbeit damit) macht glücklich!

Meine Woche wäre damit eigentlich voll, aber Aufnahmeprüfungen, E-Castings, kleine Projekte und weiteres füllt inklusive der dazugehörigen Vorbereitungen dann auch die letzten Lücken im Wochenplan.

Man müsste eigentlich tot umfallen, bei solch einem Programm, aber wenn man seine Leidenschaft gefunden hat und dafür alles zu geben bereit ist, kann man auch die anstrengendsten Zeiten meistern. 😊

Sarah Leidl_Schauspielerin, Sängerin, Sprecherin , Model

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Man hört in unserer heutigen Welt voller Medien oft mehr Schlechtes als Gutes und in unserem stressigen Alltag neigen wir leider auch dazu, uns viel zu viel zu beschweren. Davon möchte ich mich selbst nicht ausnehmen.

Man muss sich aber am Kragen packen und sich auf das Positive fokussieren. Es sind oft simple Dinge:
Einen Spaziergang an der frischen Luft zu machen hilft, seine Energie zurückzuholen und den Kopf freizubekommen.
Freunde treffen ist zwar schwierig, aber ich habe mich letztens erst online per Videoanruf mit meinen Volksschulfreundinnen das erste Mal seit langer Zeit getroffen und wir haben ewig getratscht.

Ein kleiner Tipp für positive Gedanken:
Ich schreibe seit über einem Jahr ein „Dankbarkeits-Tagebuch“. Jeden Abend eine Kleinigkeit aufschreiben, für die man dankbar ist. Das kann etwas sein, worauf man stolz ist, dass man gesund ist oder ganz einfach, dass man von einer fremden Person am Bahnsteig angelächelt wurde. Wenn man sich dann unmotiviert fühlt oder schlecht drauf ist, einfach durchblättern und wieder lächeln.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, Theater, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe natürlich, dass aus dieser Situation gelernt werden konnte und wir uns zum Positiven verändern können.
Ich möchte hier nicht groß auf Wirtschaft und Politik eingehen, denn davon hört man sowieso schon zu viel.
Persönlich werde ich auf alle Fälle die Gesundheit meiner Mitmenschen viel mehr schätzen und dankbar für meine Familie und meinen Freundeskreis sein.

Kunst und Kultur ist so wahnsinnig wertvoll. Speziell in Lockdown Zeiten wurde das wohl dem Großteil der Menschen bewusst. Ob Bücher, Filme oder Musik hören: Ohne uns wäre es still. Ich hoffe natürlich ebenso wie alle anderen Künstler, dass die Theater und Konzertsäle bald wieder aufsperren können, denn das Home Kino ist eben nicht vergleichbar mit einem live Event.

Vienna 2020

Trotz der schwierigen Situation bin ich aber zuversichtlich, dass sich sowohl durch die zunehmenden Impfungen, sowie durch Eintrittstests zu Veranstaltungen bald wieder die Tore öffnen können.

Das letzte Jahr hat uns gezwungen viele neue Wege zu gehen und mehr der Technik zu vertrauen als zuvor, da persönliche Kontakte nicht möglich waren. Ich bin überzeugt, dass auch hinter den Kulissen für die Zukunft einiges adaptiert werden/bleiben wird. So sind zum Beispiel viele Castings und Vorstellungsgespräche online durchgeführt worden. Das ist zwar speziell für uns Bühnendarsteller eine ganz andere Erfahrung (und ich bevorzuge immer ein persönliches Kennenlernen), aber so läuft alles flexibler und kostengünstiger ab.


 Was liest Du derzeit?

Leider komme ich generell eher wenig zum Lesen, weil ich bei meinem vollen Programm verhindern möchte, dass ich dann vielleicht mehrere Wochen nicht weiterlese und dann nicht mehr weiß, was zuletzt passiert ist. Haha!
Dieses „Problem“ betrifft aber in erster Linie das Lesen von Romanen.

Wenn dann „gelesen“ wird, sind das meist Texte für Castings oder aktuelle Produktionen.

Folgende Bücher nehme ich derzeit aber abwechselnd immer wieder gerne zur Hand:

  • „Musicals – Geschichte und Interpretation“ von Wolfgang Jansen
  • „Singen macht glücklich – Atem-Körper-Stimme“ – von Susanne Amberg Schneeweis
  • „Jetzt! – Die Kraft der Gegenwart!“ von Eckhart Tolle
    (welches mir von einem Kollegen empfohlen wurde und für jeden geeignet ist, der im stressigen Alltag wieder mehr zu sich selbst finden und zur Ruhe kommen möchte)

Was Romane angeht:
Da wartet schon der nächste Band der fantastischen „Lockwood&Co.“-Reihe von Jonathan Stroud auf mich. Für mich als Krimi-Liebhaberin, die aber auch gerne in übernatürliche Geschichten eintaucht, sind die packend geschriebenen Abenteuer einer jugendlich besetzten Agentur, die Geistererscheinungen bekämpft, genau richtig.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was ich als Darstellerin über die Jahre gelernt habe ist definitiv Folgendes:
„Das kalte Wasser wird nicht wärmer, wenn du später springst!“ – Bodo Schäfer
und „Man kann nicht jedem gefallen!“ – Carey Mulligan

Und was man nie vergessen und sich immer vor Augen führen sollte:

„Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden, sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen!“ Oliver Wendell Holmes, Sr.

Sarah Leidl_Schauspielerin, Sängerin, Sprecherin , Model

Vielen Dank für das Interview liebe Sarah, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sarah Leidl, Schauspielerin / Sängerin / Sprecherin / Model

Fotos_1,3,4, Sophia Grabner; 8,9,10 Christian Graf; 2, Daniel Schaler; 7, Thomas Lenger;

7.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Lyrik ohne Punkt und Komma“ argelyrik. Mona May _31.3.2021

„Lyrik ohne Punkt und Komma“ Mona May. SoralPRO Verlag

Die österreiche Autorin, Regisseurin, Choreographin Mona May öffnet in ihrem neuen Lyrikband „Lyrik ohne Punkt und Komma“ Horizonte und Sehnsüchte des Seins mit großem Sinn und Aufmerksamkeit wie Augenzwinkern.

Es geht in den Gedichtzyklen immer um den Menschen. Um das Wahrnehmen und Bemühen in Leben und Liebe. Um Sehen und Gesehen-Werden. Um Kraft und Hingabe. Um Ansprache und Dialog. Um Sinn und Annahme.

Die Poesie wird zum „Vademecum“, das begleitet und Impuls im Innehalten des Tages gibt. Ein Impuls, der zu Reflexion wie einfach zum genießenden, lächelnden Augenschließen einlädt. Worte als Gespräch, als Geschenk gleichsam des Zuhörens in so viel Rhythmus und Melodie von Sprache – ganz im wortwörtlichen Sinn von Lyrik .

Als Form wählt die Autorin freie Verse mit freien Rhythmen. Dies verbindet sich sehr gut mit der inhaltlichen Vielfalt der Wortbilder und dem Spielraum der Empfindungen und Assoziationen.

Leserin und Leser begegnen einer sehr ausdrucksstarken direkten Ästhetik, in der das lyrische Ich zwischen Selbst-, Sinn- und Weltaussage ein Erlebnis im Lesen eröffnet, das ein umfassender Genuss im Klangreichtum von Form und Inhalt  ist.

Es ist ein virtuoser poetischer Wortbogen, welchen die Schriftstellerin spannt und dessen Pfeile mit leichten, bunten Federn punktgenau in das Herz von Mensch und Zeit treffen. Ein Erlebnis und Genuss.

Walter Pobaschnig 3_21

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„Nil“ Anna Baar. Roman. Wallstein Verlag.

Sie schreibt für ein Frauenmagazin. Eine Fortsetzungsgeschichte. Da geht es ums Erfinden. Ums Geschichten-Erzählen. Die Fortsetzungsstory soll jetzt zu einem Ende kommen. Die Chefredaktion will es so. Das Zu-Ende-Kommen, ein Verschwinden, ein Erfinden…

Da sind jetzt die vielen Bilder im Kopf. Die Kindheit. Das Erlebte. Der Zoo. Das Krokodil und die zwei Bären. Zuhause die Gespräche mit der Mutter. Das zerbrochene Glas…Was ist der Mensch? Wer ist der Mensch?

Und jetzt ist der Wärter da. Sie hat die Hände vorm Gesicht. Wie damals. Da sind die Bilder und die Worte. Die Geschichten, die nicht loslassen. Träume. Imagination. Hell und dunkel. Fern und nah. Da und dort. Ich und Ich. Und wo bin ich? Wo bin ich ich?

Wie führt der Weg nun weiter? Jeder Tag, jeder Schritt ist Erinnerung, Traum und Wirklichkeit…Zukunft?

Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin Anna Baar legt mit „Nil“ einen Roman vor, der im experimentellen Mut von Sprachkunst wie einem mitreißenden Spannungsaufbau beeindruckt. Die Autorin verwebt sprachspielerisch Welt, Biographie und Sinn in einzigartiger Wortlust, Reflexionskraft und Sprachmacht, die erschüttern und fasziniert staunen lassen.

Es sind ganz große Fragen nach Menschsein und Identität in Rück- und Ausblick eines Lebens, die hier sprachlich innovativ und assoziativ verhandelt werden. Der Imagination und Sprachkonstruktion kommt dabei eine Schlüsselstellung zu. Es sind großartige Textmontagen, eine faszinierende Bildkraft und Rollenspiel (Spiegel-Ich), die Auslotung von Abgründen und der Ausblick in der/die Dämmerung dieser Welt, die begeistern. Anna Baar sitzt hier auch, 50 Jahre nach Malina, mit Ingeborg Bachmann am Schreibtisch und hebt die Welt mit der Sprache aus den Angeln. Aufmerksam, schonungslos – in unendlicher Kraft und Hingabe.

„Innovativ, kompromisslos, genial. Ein Meisterwerk!“

Walter Pobaschnig 3_21

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„Und vor allem weitermachen. Die Projekte nicht liegen lassen“ John Sauter, Schriftsteller, Leipzig 30.3.2021

Lieber Johnny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich mache viel Musik. Das ist gut für die Seele. Geht so ab neun morgens los, da texte ich meist was, wie jetzt gerade, wenn ich das Interview beantworte. Auf dem Schreibtisch neben mir liegt ein Blatt, wo ich mir Notizen, Schlagworte und Phrasen drauf schreib, die ich später verkette.

John Sauter, Schriftsteller, Sänger

Die LP „Nostromo“ (via Das Label mit dem Hund) ist grad frisch draußen, hab wieder mehr Kopf frei. Gegen 11 geht’s also ab ins Studio, Treffen mit einem Produzenten, mit dem ich gerade neu zusammenarbeite. Sitzen an ein paar spannenden Songs. Der hat echt was drauf. Mein Gitarrist Chris hat uns auch grad neue Spuren zum rumbasteln geschickt. Nach der Session werd ich ein bisschen an Gedichten arbeiten. Bin ich grad wieder angefixt, da mein neuer Band „Zone“ (erscheint unter meinem bürgerlichen Namen John Sauter) endlich vom Schreibtisch ist und in diesem Moment in die Druckerei geht.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Füreinander da sein. Auch wenn die andere Person vielleicht mal nervt. Niemanden allein- oder zurücklassen. Und vor allem weitermachen. Die Projekte nicht liegen lassen und denken, kann ich ja auch morgen (oder übermorgen, oder überüber…) machen. Nein. Man sollte sich klar sein, dass man die Sachen eben nicht für den übergestülpten Terminplan macht, sondern für sich selbst. (Ja!) Und im zweiten Schritt ist der Output ja auch für andere wichtig, die wiederum darauf reagieren (können). Sprich, regelmäßig aufstehen, Bett machen und produktiv/kreativ sein, da lassen sich die eigenen Dämonen am besten im Zaum halten. Ausgetrieben bekommt man sie eh nie ganz, hehe.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Sie wird den Menschen Halt geben, Hoffnung und Perspektive. Das hat sie schon immer getan. Klar können wir das jetzt von ihr ein- und herfordern. Aber sie wird uns ihre weiche Hand auf die Schulter legen, und flüstern, dass sie nie weg war. Sondern immer schon da.

Was liest Du derzeit?

Gerade liegt hier ein Text von Martina Hefter, eine Schriftstellerin, die ich sehr schätze, und die öfters mal auch über meine Texte drüberliest. Es geht in ihrem Text um ein Pferd. Das in der Stadt lebt. Da habe ich direkt eine kleine Skizze dazugekritzelt. Was liegt hier noch. Mmh. Hesse! Meine Mitbewohnerin hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass in unserem Haus auf der Geschenkestufe ein Stapel Hermann Hesse-Bücher liegt. Den hab ich mir instant geholt. Ich lese in den Gedichten herum, wenn ich nervös durch die Wohnung tigere. Ich glaube, ich habe schon wieder zu viel Kaffee getrunken. Aaah. Jedenfalls stehen da gute, aufwühlende aber auch Kraft gebende Dinge drin. Guter Vibe. Kunst-Machen heißt auch Sozialarbeiter*in sein. Hesse ist mir gerade ein guter Sozialarbeiter. Martinas Großstadtpferd aber auch!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mein Verleger und Lektor Helge Pfannenschmidt meinte neulich, dass er es krass findet, wie sehr es in meinem neuen Buch um Freundschaft geht. Das ist mir vorher selbst nie aufgefallen. Ich dachte immer, das Buch ist mega düster. Diesen Effekt habe ich aber schon öfter beobachtet, dass Leute was ganz Anderes und Positives mit den geschriebenen Sachen anstellen in ihrem Kopf. Das finde ich knuffig, super und toll. Deswegen:

„Ein kalter Planet kann es sein

Wir müssen uns festhalten“

(aus: „Mädchen am See“, in Zone, 2021, Edition Azur/Voland&Quist, Dresden/Berlin 2021)

Vielen Dank für das Interview lieber Johnny, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke für deine Zeit, lieber Walter,

Cheers!

5 Fragen an KünstlerInnen:

John Sauter, Schriftsteller, Musiker

Foto_Alena Sternberg

1.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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