Lieber Jochen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Morgens vier, fünf Mal auf den Wecker schlagen. Auf der Matratze in alle Himmelsrichtungen dehnen und dabei versuchen, zu mir kommen. Beobachten, wie nach und nach die Sonne durch die Rollladenritzen ins Zimmer scheint. Dabei allerhand Gedanken sortieren, und die älter werdenden Knochen eben gleich mit.
Zeitung lesen, Müsli essen, dem Schreibtisch ‚Hallo‘ sagen. Mails beantworten, und dabei ins kreative Schreiben reinkommen.
Zwischen 13 und 14 Uhr mit Knoblauch, Auberginen, Olivenöl, Kurkuma, Koriander & Co das ganze aufgestaute Fernweh stillen. Und zugleich den Hunger meiner Töchter. Anschließend Siesta in der Sonne oder in der Waagrechten. Zwischen 16 und 18 Uhr: Schreiben!
Abends (wechselweise) Bandprobe, schwimmen, spazieren, Bäume bestaunen und möglichst viel Wind in die Taschen stecken.
Jochen Weeber, Schriftsteller, Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht vergessen, ein Lächeln aufzusetzen. Auch und vor allem in der Begegnung mit anderen. Beim Tragen von Masken versuchen, das irgendwie mit den Augen hinzukriegen (Vorsicht, nicht wie ein Idiot zwinkern!). Fragen, wie es anderen geht. Hilfe anbieten. Wenn man selbst genug hat: Geld an Menschen spenden, die bedürftig sind. Und vor allem: Lesen! Die eigene Mama anrufen! Oder die Mama von jemand anderem anrufen! Oder die Telefonseelsorge! Oder alle drei! Und so oft es geht: Spaghetti aglio e oglio essen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Als Autor gilt es für mich immer auszuloten, wo es eine Schnittmenge gibt von aktuell wichtigen Ereignissen oder Diskursen und meinem eigenen emotionalen Kompass. Spüre ich, dass ein Thema unbedingt raus will, gibt es dazu früher oder später einen Text. Für mich ändert sich an dieser Vorgehensweise in punkto kreativem Schreibprozess durch die Pandemie erstmals nicht.
Die andere Seite sind die Veranstaltungen und was aus den Geschichten letzten Endes gemacht wird. Im Moment steht vieles unter dem Aspekt des Krieges in der Ukraine. Literatur hat dabei viele Funktionen – Geschichten, als Hoffnungsgeber und Mutmacher, zum Ablenken und Krafttanken. Zusammen mit anderen Kinderbuch-Autorinnen und Autoren lassen wir gerade in Eigenregie Kindergeschichten ins Ukrainische übersetzen und bringen diese mit Illustrationen kombiniert so in Umlauf, dass Mütter, die in der Ukraine mit ihren Kindern flüchten müssen, diesen Geschichten-Fundus auf ihrem Smartphone haben. Denn meist kann bei der Flucht nur das Nötigste mitgenommen werden – vor allem keine Bücher.
Ich denke, es gibt keine Richtung, in die die Kultur nicht denken darf! Alle Hebel in Bewegung setzen, um mit Veranstaltungsformaten bei den Menschen „anzukommen“ und etwas in Gang zu setzen. Auch Benefiz-Veranstaltungen, die anderen Menschen in ihrer Not helfen, und dabei ein Thema in die Öffentlichkeit rücken, halte ich für sinnvoll. Das darf auch nicht beim Krieg in der Ukraine aufhören, sondern muss unbedingt auch viele andere Missstände, unter denen Menschen leiden, im Blick behalten. Als Autor ist man es gewohnt, sich in andere Menschen einzufühlen, ist auf eine Art sensibel, bei vielen Schriftstellern ist das vermutlich einfach ein wichtiger Teil des eigenen Naturells, ohne den gute Texte erst gar nicht möglich wären. Ich für meinen Teil kann nicht anders, als meine künstlerische Arbeit letzten Endes immer als Ganzes zu sehen, das helfen soll, dass es Menschen gut gehtbzw. die Welt hier oder da einen Zipfel besser wird.
Was liest Du derzeit?
„Kleines Land“, Gael Faye
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Man soll auch die anderen Mannschaften nicht unter dem Teppich kehren lassen.“ (Fußballspieler Olaf Thon)
Jochen Weeber, Schriftsteller, Musiker
Vielen Dank für das Interview lieber Jochen, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Frederic Wianka lebt seit 1989 in Berlin. Hier studierte er Geschichte, Politikwissenschaften und Soziologie. Wochentags arbeitet er bürgerlich und frei von jedem Kunstanspruch, an den Wochenenden schreibt er Prosa. Seine ersten öffentlichen Lesungen fanden 2009 statt. Im Frühjahr 2020 erschien bei PalmArtPress sein Romandebüt „DIE WENDE im Leben des jungen W.“
Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage gestalten sich sehr unterschiedlich; je nachdem ob ich Tonstudiotermine habe, Theaterproben oder ein Drehtag am Programm stehen oder ob ich einen Schreibtag für meine Kolumnen einlege. Ich bin Frühaufsteherin, in der ersten Tageshälfte bin ich am produktivsten, habe die meiste Energie. Neben meiner Arbeit als Schauspielerin und Sprecherin studiere ich berufsbegleitend Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien, Organisation ist quasi mein zweiter Vorname 😉 Den Tag lasse ich daheim mit meinem Lebensmenschen ausklingen; freie Zeit verbringe ich mit meiner Familie, engen Freunden oder draußen in der Natur. Diese Menschen, die so nah an meinem Herzen sind, sind mir das Wichtigste im Leben.
Barbara Kaudelka_Schauspielerin, Sprecherin und Kolumnistin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Besonnenheit, zwischenmenschliche Wärme, kritische (Selbst-)Reflexion, Medienkompetenz und ein respektvolles aufeinander-Zugehen auf allen Ebenen. Das gemeinsame Arbeiten an Lösungen. Das beginnt in der kleinsten Zelle. Es sind verstörende Zeiten, durch die wir gerade taumeln. Globale Pandemie, Terroranschläge, Femizide, Klimakrise, sexuelle Diskriminierung, Gewalt und aktuell eine kaum begreifbare Kriegsgefahr, die mit Gefühlen und Ängsten konfrontiert, denen sich viele von uns in ihrem Leben noch nie stellen mussten. Von den Menschen, die direkt von humanitären Katastrophen betroffen sind, ganz zu schweigen. Das sind zutiefst emotionale Zeiten.
Es benötigt meiner Ansicht nach den Balanceakt aus Innehalten und entschlossen Vorwärtsgehen – Innehalten, um ganz archaischen Grundbedürfnissen des Menschseins Aufmerksamkeit zu schenken: Geborgenheit, Sicherheit, auch Anerkennung und Fairness, wirtschaftlicher wie sozialer Natur. Entschlossen vorwärts gehen im Hinblick auf die unbequeme Wahrheit, dass wir aus der Trägheit, auch einer gewissen Naivität, der letzten Jahrzehnte aufwachen müssen: ökologische Ressourcen sind nicht unbegrenzt, der Friede ist nicht selbstverständlich und das Alltags-Bewusstseins für die globale Schere zwischen arm und reich ist gelinde gesagt ausbaufähig. Ich nehme mich da gar nicht aus. Ich glaube, die Zeit, in der dieses fragile Konstrukt, das uns als Menschheit und Gesellschaft per se umgibt, noch irgendwie gehalten hat, ist vorbei.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Was wir als Gesellschaft vom Theater lernen können ist die Wichtigkeit des team work. Letztlich ist das Gelingen immer Ensembleleistung. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Egal ob am Filmset, auf der Bühne oder im Tonstudio: meiner Erfahrung nach braucht es alle, um das optimale Ergebnis auf die Beine zu stellen. Und wie die Welt sein kann, wenn alle an einem Strang ziehen, erleben wir immer wieder, denken wir an die Anfangszeit der Pandemie oder die Welle der Hilfsbereitschaft, die gegenwärtig durch Europa rollt. Auch das sind wir Menschen.
Was liest Du derzeit?
„Die Evolution der Sprache“ von Guy Deutscher
„Risikokommunikation und die Risiken der Kommunikation wissenschaftlichen Wissens: Zum gesellschaftlichen Umgang mit Nichtwissen.“ von Bechmann & Stehr
und als Hörbuch für unterwegs läuft bei mir gerade „Das Ende von allem* astrophysikalisch betrachtet“ von der großartigen Katie Mack. (hört sich schlimmer an, als es ist J )
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt die Macht unserer Wahl. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit. – Viktor Frankl –
Barbara Kaudelka_Schauspielerin, Sprecherin und Kolumnistin
Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Kunst-, Medienprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Barbara Kaudelka_Schauspielerin, Sprecherin und Kolumnistin
Ein Jahrhundert geht zu Ende und jetzt steht er auf der Bühne. Seine Botschaft sind Imperative und Rufzeichen. Eine neue Zeit braucht neue Wege. Überall. In allem. Die Natur weist den Weg. Allein. Und das Licht wartet auf die, die ihm folgen und neue Menschen werden. Ihm, im weißen Gewand und den Worten wie Schwertern…
Jetzt stapft er durch den Schnee. Kalt und schwer. Wie in der Jahreszeit seiner Geburt. Als er 1851 das Licht der Welt erblickt, ist er schwach und die Familie bangt um sein Leben. Das zarte brüchige Leben erholt sich und setzt Schritte ins Leben, zur Bildung. Dann der Tod der Eltern. Die Erde ist weit und leer. Sein Weg führt zur Kunst. Zur Malerei. Und ins brüchige Leben mit schwerem Schnee überall. Auf Sehnsucht und Liebe. Scheitern und – Hoffnung. Doch wo ist diese zu finden?
Er liest, hört und geht nun radikal seinen Weg. Licht, Luft, Liebe…es beginnt – oder endet – jetzt?
„Die Idee des neuen Lebens wird von hier ausgehen und die ganze Welt umfassen…“
Felix Kucher, österreichischer Schriftsteller und Philosoph, Philologe und Theologe nimmt mit seinem vierten Roman „Vegtarianer“ Leserin und Leserzu einer fulminanten gesellschaftlichen Zeitreise mit, in der spannend wie genial konstruiert die Ebenen von Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen und begeistert staunen lassen ob dieses literarischen Kunstgriffes.
Begeisternd ist auch der erzählende Stil, der gleichsam ein historisch-biographisches Mosaik zum zeitübergreifenden fliegenden Teppich von Sinn und Abgrund des Lebens werden lässt.
Der Autor ist ein Zauberer der Sprache und der dringlichen wie subtilen Frage nach Sinn und Leben in Gegenwart und Zukunft.
„Mit so viel literarischer Raffinesse über Mensch und Zeit zu schreiben, ist einmalig!“