„Geschichten als Hoffnungsgeber und Mutmacher“ Jochen Weeber, Schriftsteller _ Reutlingen/D 23.3.2022

Lieber Jochen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Morgens vier, fünf Mal auf den Wecker schlagen. Auf der Matratze in alle Himmelsrichtungen dehnen und dabei versuchen, zu mir kommen. Beobachten, wie nach und nach die Sonne durch die Rollladenritzen ins Zimmer scheint. Dabei allerhand Gedanken sortieren, und die älter werdenden Knochen eben gleich mit.

Zeitung lesen, Müsli essen, dem Schreibtisch ‚Hallo‘ sagen. Mails beantworten, und dabei ins kreative Schreiben reinkommen.

Zwischen 13 und 14 Uhr mit Knoblauch, Auberginen, Olivenöl, Kurkuma, Koriander & Co das ganze aufgestaute Fernweh stillen. Und zugleich den Hunger meiner Töchter. Anschließend Siesta in der Sonne oder in der Waagrechten. Zwischen 16 und 18 Uhr: Schreiben!

Abends (wechselweise) Bandprobe, schwimmen, spazieren, Bäume bestaunen und möglichst viel Wind in die Taschen stecken.

Jochen Weeber, Schriftsteller, Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht vergessen, ein Lächeln aufzusetzen. Auch und vor allem in der Begegnung mit anderen. Beim Tragen von Masken versuchen, das irgendwie mit den Augen hinzukriegen (Vorsicht, nicht wie ein Idiot zwinkern!). Fragen, wie es anderen geht. Hilfe anbieten. Wenn man selbst genug hat: Geld an Menschen spenden, die bedürftig sind. Und vor allem: Lesen! Die eigene Mama anrufen! Oder die Mama von jemand anderem anrufen! Oder die Telefonseelsorge! Oder alle drei! Und so oft es geht: Spaghetti aglio e oglio essen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Als Autor gilt es für mich immer auszuloten, wo es eine Schnittmenge gibt von aktuell wichtigen Ereignissen oder Diskursen und meinem eigenen emotionalen Kompass. Spüre ich, dass ein Thema unbedingt raus will, gibt es dazu früher oder später einen Text. Für mich ändert sich an dieser Vorgehensweise in punkto kreativem Schreibprozess durch die Pandemie erstmals nicht.

Die andere Seite sind die Veranstaltungen und was aus den Geschichten letzten Endes gemacht wird. Im Moment steht vieles unter dem Aspekt des Krieges in der Ukraine. Literatur hat dabei viele Funktionen – Geschichten, als Hoffnungsgeber und Mutmacher, zum Ablenken und Krafttanken. Zusammen mit anderen Kinderbuch-Autorinnen und Autoren lassen wir gerade in Eigenregie Kindergeschichten ins Ukrainische übersetzen und bringen diese mit Illustrationen kombiniert so in Umlauf, dass Mütter, die in der Ukraine mit ihren Kindern flüchten müssen, diesen Geschichten-Fundus auf ihrem Smartphone haben. Denn meist kann bei der Flucht nur das Nötigste mitgenommen werden – vor allem keine Bücher.

Ich denke, es gibt keine Richtung, in die die Kultur nicht denken darf! Alle Hebel in Bewegung setzen, um mit Veranstaltungsformaten bei den Menschen „anzukommen“ und etwas in Gang zu setzen. Auch Benefiz-Veranstaltungen, die anderen Menschen in ihrer Not helfen, und dabei ein Thema in die Öffentlichkeit rücken, halte ich für sinnvoll. Das darf auch nicht beim Krieg in der Ukraine aufhören, sondern muss unbedingt auch viele andere Missstände, unter denen Menschen leiden, im Blick behalten. Als Autor ist man es gewohnt, sich in andere Menschen einzufühlen, ist auf eine Art sensibel, bei vielen Schriftstellern ist das vermutlich einfach ein wichtiger Teil des eigenen Naturells, ohne den gute Texte erst gar nicht möglich wären. Ich für meinen Teil kann nicht anders, als meine künstlerische Arbeit letzten Endes immer als Ganzes zu sehen, das helfen soll, dass es Menschen gut geht bzw. die Welt hier oder da einen Zipfel besser wird.

Was liest Du derzeit?

„Kleines Land“, Gael Faye

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Man soll auch die anderen Mannschaften nicht unter dem Teppich kehren lassen.“  (Fußballspieler Olaf Thon)

Jochen Weeber, Schriftsteller, Musiker

Vielen Dank für das Interview lieber Jochen, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jochen Weeber, Schriftsteller, Musiker

www.jochenweeber.de

Alle Fotos_Gordon Kölmel.

14.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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