Sie verschluckte sich am Kaffee. Damit hatte sie nicht gerechnet – mit dieser Nachricht auf dem Schirm. Doch hatten so einige davor gewarnt, hatten informiert, berichtet, gezeichnet, hatten enttarnt. Vor Stunden, vor Tagen, vor Wochen.
Sie starrte den Fernseher an, sah hin, blickte nicht durch, konnte nichts durchdringen. RanG mit sich. Wie nun? RoutIne? Einfach weiter? Voran?
SiE fasste sich ans Herz und sPürte. Nichts. DEn KAffee kippte sie runter – schmeCktE nicht mehr. Sie wusste, sie musste. Zur Bahn. Die käme gleich. Würde nicht wArten. Die Dinge liefen weiter.
Sie sCHAltete ab, stopfte eiN PäCkchEn Hoffnung in die Tasche. Musste laufen.
überdecken, wieder auffüllen, unter den Teppich kehren
seinem Kind, dem Geliebten über den Kopf streichen,
vielleicht beiläufig
lesen von
Panik in den Augen
ein letztes Mal
Atmen, früher hörtest du sie singen, jetzt
hörst du sie schreien und wieder und wieder schreien, Mykyta
Солнышко, Cherub
hast dich verirrt im Hass, in einem betäubten
Entsetzen.
Alltag stolpert zu Tisch in diesen herzgeränderten Tagen einmal mehr
das Essen schmeckt fahl im
Gegenlicht dieser Bilder
Erinnerungen mischen sich ein
In den Anblick des Sterbens der Anderen
Vergrabener Schmerz
ein Geschoss und wieder
Panik in den Augen
ein letztes Mal
atmen, früher hörtest du sie singen, jetzt
hörst du sie schreien und wieder und wieder schreien, Nikita
Солнышко, Cherub, hast dich verirrt in einem Sonnenblumenfeld, in der Chronik zu Unrecht
vergessener Kriege, in einem Geflecht aus Neid und Gier
und im Abwasch, der mahnt, Funktionstüchtig
keit anmahnt, aber
Erinnerung streut
Salz in die Wunden vergangener Tage
füttert sie auf, bis sie halboffen daliegen,
sich tiefer noch einbrennen
wie das Schrapnell, das im Bein des Grossvaters wandert
bis sie rosig aufglänzen wie der Flaum, den er auf seiner Oberlippe trug, wie das Haar
der jungen Männer, die Söhne, Geliebte, Väter sind.
So schreiben sich Kriege ein in alle herzgeränderten Tage.
Scheinbar leicht wischt sich Alltag, wischt sich Asche vom Tisch.
Melanie Katz, 8.4.2022
Melanie Katz, Schriftstellerin
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Melanie Katz, Schriftstellerin
Kurzvita_Dr. phil. Melanie Katz studierte Sozialpsychologie und Deutsche Literaturwissenschaften und promovierte zu Geschlecht als Kategorie des Wissens an der Universität Basel. Sie lebt in Zürich, forscht zu Wissen um Pflanzen und arbeitet als Autorin und Performerin. Sie leitet das Einsame Begräbnis in der Deutschschweiz.
Liebe Armela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ein bisschen aus den Fugen geraten. Kaffeetrinken. Kochen. Lohnarbeit. Lesen. Schreiben. Ganz viel Nachrichten konsumieren.
Armela Madreiter, Dramaturgin, Autorin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich begreife mich selbst als intersektionale Feministin und denke gerade viel über Solidarität nach. Eines der Worte, das mittlerweile vielleicht ein bisschen zu oft und nicht im ernstgemeinten Sinne verwendet wird. Dabei ist es so wichtig – aufeinander zu achten und füreinander einzustehen. Welche Stimme habe ich durch meine Privilegien und wie kann ich sie am Besten solidarisch nutzen? Wie kann ich das, was ich habe teilen? Ich glaube, generell würde ich mir auch weniger Egoismus wünschen. Sich mehr nach anderen umsehen und das floskelhafte „Wie geht’s dir?“ sollten wir auch viel ernster nehmen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ein Augenmerk auf gesellschaftlich relevante Diskurse zu legen finde ich wichtig. Jede Künstler*in hat da vielleicht andere Themen, die sie mitbringt und für die sie*er ein Auge hat. Dabei gilt es auch immer, die eigene Perspektive zu hinterfragen. Kunst, zumindest die Bereiche in denen ich mich besser auskenne, Theater und Literatur, kann Menschen abholen und sie begleiten. Dabei spielt Humor für mich auch immer eine zentrale Rolle. Ich bin als Publikum eher bereit, mich auf schwierigere Themen einzulassen, wenn ich auch ein bisschen Lachen darf. Das hat manchmal auch was sehr tröstliches. Generell haben mich insbesondere Bücher, Texte, Gedichte schon oft getröstet. Kunst soll also für mich eine aufzeigende, aktivierende und tröstliche Rolle spielen.
Was liest Du derzeit?
„Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Und „Im Herzen der Gewalt“ von Eduard Louis.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie sagt in einem ihrer Essays sowas wie: Feminismus ist, wie den anderen die Tür aufhalten. Das finde ich ein sehr schönes Bild.
Vielen Dank für das Interview liebe Armela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Armela Madreiter, Dramaturgin, Autorin
Foto_Johanna Mayerhofer
27.2.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Klaus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Um 7 Uhr stehe ich auf, messe, weil ich juveniler Diabetiker bin seit 50 Jahren, meinen Blutzucker. Danach dusche ich kalt, mach ne halbe Stunde Gymnastik, dusche wieder kalt und fahr dann, je nach Wind-Situation, an die Bay oder an den Ozean und schwimme eine zwei Minuten währende Runde. Gegen 10 Uhr sitze ich am Schreibtisch und arbeite an einem autobiographischen Roman über den BE Theater-Zwerg Hans Peter Silvester Luppa! Der Nachmittag ab vier Uhr gehört dem Lesen und dem Kritzeln.
Klaus Pohl, Schauspieler Schriftsteller Regisseur,Gemüsehändler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den vielfältigen Manipulationen durch eigene Ideen und Nachforschungen widerstehen!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel/Literatur, der Kunst an sich zu?
Neugierde für s Detail, für das Besondere. Endlich weg von den alles über einen Kamm scherenden Debatten, Dramaturgien und Erzählungen. Formen finden für die Geschichten der einzelnen vereinzelten Menschen.
Was liest Du derzeit?
E.T.A.Hoffmann und Eva Menasse und – immerzu: Schopenhauer.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„ÜBRIGENS WÄRE ES SONDERBAR, IN EINER ZEIT WIE DER UNSRIGEN VON DEN MENSCHEN KLARHEIT ZU VERLANGEN.
Vielen Dank für das Interview lieber Klaus, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Klaus Pohl, Schauspieler, Schriftsteller, Regisseur, Gemüsehändler
Foto_privat.
31.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Im Nieselregen (Hamburg) steigen Yuliia, Georgii, Natalia und Nika aus einem Mercedes
V8, ich weiß nicht, keine Ahnung von Zündkerzen, von Motoren, ob ein Panzer Zündkerzen braucht, auf jeden Fall aber aus
Einem Mercedes (der Stern).
Polen, dort ist mein Mann, sagt Yuliia, eine Woche vor dem Krieg nach Polen, zum Arbeiten.
Ein Glück.
Aber Natalias Mann, sagt Yuliia, ist immer noch dort. Kiev.
Ceylon-Tee, unsere Nachbarn haben nichts anderes. Wir trinken ihn schwarz, in winzigen Schlucken zwischen den Blicken aufs Handy, do you have wi-fi, weil Natalias Mann so lange überlebt, wie sein Gesicht im Display aufscheint, die Stirn müde, in Falten.
Es sind Nudeln für euch da, sage ich, Kekse und Sauce.
Auf dem Klavier spielt Georgii und singt:
Cold Heart, Dua Lipa
Hannover, dort waren sie zuletzt.
Aus dem Hotel mussten sie ausziehen, jetzt ein paar Tage hier, dann weiter. Papiere, Anmelden, Behörde, Schule. We all gonna learn German, it’s a chance for us, I tell Georgii, but he misses his friends.
Nicht nur die Freunde, alles andere auch.
Chaos im Flur. Sie schieben die Plastiktüten (irritierend für mein grünes Auge, darin das Nötigste) eng zusammen, wollen nicht im Weg stehen, nicht zur Last fallen. Bald weiter, soon gone. We are
Lieber Lothar, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zurzeit gibt es für mich weniger Auftritte mit meinen Solo-Theaterstücken, deshalb arbeite ich an zukünftigen Theaterprojekten und mache mehr Skulpturen und ähnliches. Ich bin froh, als Künstler in mehreren Bereichen aktiv sein zu können. Dazu kommen kleinere handwerkliche Projekte. Ich bin nicht der Typ für feste Tagesabläufe. Mal sitze ich bis mittags am PC, lese Artikel und arbeite erst spät abends, mal fange ich morgens gleich mit dem Arbeiten an.
Lothar Lempp, bildender Künstler, Clown und Puppenspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das ist für mich die schwierigste der 5 Fragen. Das muss – nein, das kann jeder für sich entscheiden, je nachdem an welcher Stelle er Möglichkeiten hat, etwas für sich und andere zu tun. Einige Vorschläge: Schlechte Laune nicht an denen auslassen, die nichts für die Ursachen können, KEINE PANIK! (Sagt auch der Reiseführer durch die Galaxis), die kosmopolitische Sicht nicht verlieren – aber wenn du mitten drin steckst – stecken wir nicht alle mitten drin? Vielleicht doch besser PANIK, da diese auch des Klimas wegen angemessen ist? Und jetzt auch noch ein Krieg der zusätzlich Kräfte und Ressourcen bindet…! Oder nur eine kurze Panik, um dann wieder besonnen handeln zu können, soweit möglich… Man merkt, ich bin nicht besonders begabt für alle zu sprechen. Ich persönlich versuche mein Ding weiter zu machen und hier und da ein paar Sonderdinger einzubauen, die der momentanen Lage Rechnung tragen. Durchatmen!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Nach Corona ist der Sinn von Kunst durch den Krieg erneut und doppelt in Frage gestellt. Natürlich ist primär das Überleben wichtig, die großen Räder der Welt werden mit dem ganz großen Besteck gedreht und manchmal auch weggesprengt. Können wir als Künstler da überhaupt was ausrichten? Ist Kunst Luxus für bessere Tage? Abgesehen von konkreten Aktionen ist es gerade jetzt wichtig, den Wert der Kunst zu sehen. Kunst ist der Humus für unsere Kultur im weitesten Sinne! Auch für den Erhalt der grundlegenden zivilisatorischen Errungenschaften. Um bei dem Vergleich zu bleiben: Lange hat man in der Landwirtschaft die Wichtigkeit der Mikroorganismen im Boden unterschätzt. Sie sind es, die ein nachhaltiges Wirtschaften mit gesunden Böden überhaupt erst ermöglichen. In der Kultur der Gesellschaft hat die Kunst diese Aufgabe – aber auch die vielen anderen menschlichen Interaktionen, die von Verständnis und Einfühlungsvermögen – aber auch vom Humor leben, in vielen Berufen, im Privaten usw. Vielleicht passt hier ganz gut der erweiterte Kunstbegriff von Joseph Beuys. Zerstören ist immer einfacher. Gewaltvolle Politik schafft Fakten aber keine Werte, die müssen wir alle nach der Zerstörung umso mehr wieder einbringen, um – ja um was zu tun? Letztendlich um zu heilen. Ich habe mal Workshops bei einem französischen Clown gemacht. Er sagte: Vielleicht haben unsere Väter oder Großväter im Krieg aufeinander geschossen, was wir hier machen, ist „Healing Work“.
Was liest Du derzeit?
Ich beschäftige mich gerade sehr viel mit dem polnischen Autor Stanisław Lem, zu dem ich, zusammen mit meinem Freund und Kollegen Michael Blümel, ein Kunstprojekt und ein Theaterstück mache. Ich lese aktuell eine Sammlung von Aufsätzen mit dem Titel „Die Technologiefalle“. Lem war ein humorvoller Pessimist, der die Diskrepanz zwischen technologischer und moralischer Entwicklungsfähigkeit der Menschheit klar gesehen hat.
Dann lese ich noch einen Bildband mit Aufsätzen zu Kunstwerken von Kurt Schwitters, die er im englischen Exil zur Zeit des zweiten Weltkriegs geschaffen hat. Ich bewundere Schwitters künstlerisches Durchhaltevermögen. Schwitters war gezwungen auszuwandern, die meisten Künstlerkollegen mit denen er vorher interagiert hatte waren in der Welt verstreut, sein wichtigstes Werk, der Merzbau in Hannover, war zerstört worden. Trotzdem sammelte er weiter Material für seine Kollagen, wo er sie nur finden konnte, machte weiter an seiner ganz eigenen Kunst, ohne wissen zu können, ob das nicht alles auf dem Abfallhaufen der Geschichte landen wird. Doch, es hat sich gelohnt! Schwitters Kunst hat überlebt und hat unzählige andere Menschen inspiriert. Ansonsten wäre die Kunst nur für ihn eine Überlebenshilfe gewesen und hätte so auch schon einen Wert gehabt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Der Niederrheinische Kabarettist und Literat Hanns Dieter Hüsch schreibt in einer seiner „Hagenbuch“ Geschichten: „[…] Und Hagenbuch habe am neunten Tage gesagt, dass man die Schwachen immer hänsele und erniedrige, obwohl jeder wisse, dass nur die Schwachen Güte und Großzügigkeit in die Welt gebracht und die Starken immer die Welt am Ende zerstört. Aber immer seien die Schwachen ob ihrer Schwäche gehänselt und erniedrigt worden, bis sie an Schwäche gestorben. Aber auch die Starken wären gestorben Und alles Durchsetzen habe ihnen nicht weitergeholfen, so wenig wie alles Aufgeben den Schwachen weitergeholfen. Aber die Schwachen hätten die Güte unterirdisch aufrechterhalten und die Starken wären nur stark gewesen, weil sie in Wirklichkeit schwach und die Schwachen wären immer viel stärker gewesen weil sie in Wirklichkeit stark. Aber die Welt sei aus einem völlig falschen Verständnis heraus geschaffen und so sei auch diese Erkenntnis wiederum falsch und umsonst und bringe niemanden weiter, obwohl dies die älteste Menschenkrankheit sei, die Hoffnung weiterzukommen undsofort undsofort […]“
Lothar Lempp, bildender Künstler, Clown und Puppenspieler
Vielen Dank für das Interview lieber Lothar, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Lothar Lempp, bildender Künstler, Clown und Puppenspieler