„gorbatschows lächeln“ Erika Kronabitter, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Bregenz 3.9.2022

GIVE PEACE A CHANCE

eine liebe kehrt nie mehr zurück


gorbatschows lächeln
im grünen dichten wäldchen
vergessen gleichsam
einem hohen berg entrückt

perestrojka
etwas neblig grau der morgen
an den du dich erinnerst mit
c-moll im blick
es wird nie ein paradies

als präsident

chancenlos glasnost die
hehren ziele
an einem ruhigen fleck am ufer
charme der schatten
eine liebe kehrt nie mehr zurück


Erika Kronabitter, 1.9.2022

Erika Kronabitter, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Erika Kronabitter, Schriftstellerin

www.kronabitter.com

Foto_Petra Rainer

Walter Pobaschnig _ 1.9.2022.

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„Die Kunst zu verteidigen vor Beschädigung – und sie wach zu vermitteln“ Mayjia Gille, Schriftstellerin _ Leipzig 3.9.2022

Liebe Mayjia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tägliche Etuden (Übungen)  (Gesang, Instrument, Schreiben, Malen) damit ich jederzeit meine Kunst ausüben kann. Das Ganze dann auch mit meinem Kollegen teilen, ausüben und neue Projekte kreieren. Deshalb gibt es täglich auch Waldläufe, Dance Stunden, Gymnastik, auch Waldspaziergänge oder manchmal ist eine Tages Wanderung dran. Ansonsten fliege ich täglich in den Weltraum, um zu sehen, wie weit es noch ist… und natürlich Sex, Kaffee ( wie die Finnen nun mal so sind) Rock`n`Roll – stimmt und doch nicht: Tagesabläufe sind für mich hoch privat. Aber zum Trost: man muss schon fit bleiben, in seinem Kunst-stoff reinfallen und ausufern. Freunde und Familie. Anträge, Rechnungen, Planungen. Alles strohtrocken. Rest ist auch mal Schweigen (das ist viel und fängt sechs Uhr morgens an), alles weitere bleibt privat..( was bleibt?? Eine Menge)

Mayjia Gille _ Schriftstellerin, Sängerin, Komponistin,
Schauspielerin, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein-und Ausatmen. Beten während Liegestützen und Waldspaziergängen.

Sich von allen möglichen Strömungen nicht mitreißen lassen, kein Arschkriecher werden, nur um krampfhaft der gültigen Meinungsmacher zu gefallen. Sich nicht in politische Meinungsmache verwickeln oder in Schubladen drücken lassen. Dazu ist es gut, mit Bedacht von Mensch zu Mensch zu sprechen und sich klar zu erklären, falls man gefragt wird. Gut, wenn man nichts nachquatscht, sondern sich selbst was ausdenkt, wie man die Welt wahrnimmt. Sich nicht abbringen lassen vom eigenen intrinsisch motivierten Schaffen und Beobachten. Sich selbst und andere nicht ablehnen, nicht hinreißen lassen zur Bitterkeit- und gechillt bleiben, wenn es um scheinbare „Wichtigkeiten oder Berühmtheiten“ geht…

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Wesentlich wird sein: Alle Anfeindungen der Kunst gegenüber, die aus politischen, aktivistischen oder propagandistischen Richtungen kommen, erstmal wach zu prüfen. Weiterhin und daraufhin gilt es: Die Kunst zu verteidigen vor Beschädigung und sie wach zu vermitteln. Freiheit in der Kunst. Freiheit auch von „modernen“ Wünschen, dass sie künstlerisch was  „mitzudrehen“ hat, weil sich jetzt alle drehen wollen. Die Kunstobjekte selbst, die Werke, sollten geschützt werden, vor politischem Übereifer, der letztlich nur vernichtend wirkt und zu früh verurteilen könnte. Kunst braucht viel Zeit und Sich- Befassen, um zu wirken, Talent UND Arbeit, um überhaupt von außen ein wenig eingeschätzt werden zu können. Die Kunst an sich oder Künstler müssen für mich persönlich gar keine „Rolle“ annehmen. Höchstens Rolle Vorwärts. Rückwärts Seitwärts. Salto. Die haben schon genug zu tun. Sie sollen ihre Fähigkeiten gut ausüben und trainieren können, nicht zum Instrument für schnell wechselnde gesellschaftliche, politische oder kulturelle Bedürfnisse werden. Aber das ist eine rein persönliche und „berufsethische“ Haltung. Ich hoffe, man stößt sich daran.

Was liest Du derzeit?

Ich lese mehrere Bücher zur Zeit über den August / September hinweg. Vor allem mit Notizen aus privaten und beruflichen Gründen diese:

„Links“ von Artur Becker / zum xten mal Watzlawick: „Anleitung zum Unglücklichsein“ / Christoph Heins kleine Novelle „der fremde Freund / Drachenblut“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus Drachenblut / Der fremde Freund ( Christoph Hein):

„Meine Träume können nicht mehr beschädigt werden, meine Ängste nicht mehr gelöscht“

Vielen Dank für das Interview liebe Mayjia viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musik-, Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Mayjia Gille _ Schriftstellerin, Sängerin, Komponistin,
Schauspielerin, Regisseurin

Willkommen

Foto_privat

26.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Maksym“ Dirk Stermann. Roman. Rowohlt Verlag.

Jetzt ist es Winter und die Wollhandschuhe sind so klein. Doch das tut dem Angebot die Zukunft aus der Hand zu lesen keinen Abbruch. Aber Dirk lehnt ab und setzt sich erfolgreich durch – „Na ja, vielleicht im Sommer mal.“

Dann der Morgen mit Nina. Die Pizza von gestern und ein schleppendes Gespräch. Schließlich fliegt die Tasse – „Ich klebte die „Carpe That Fucking Diem“ Tasse, legte mich ins Bett, das noch nach ihr roch, und nutzte den Tag…“. Ninas Weg führt nach New York…

Jetzt ist er mit Hermann, dem Sohn, im Zimmer allein und guter Rat teuer. Ein Babysitter muss her, denn er ist als Künstler viel unterwegs. Schließlich findet er einen ukrainischen Babysitter Maksym.

Jetzt beginnt eine neue Lebensreise für Dirk. Erfahrungen, Begegnungen, nach Innen und Außen, verändern sein Leben und das Wiener Karussell dreht sich…

Dirk Stermann, in Wien lebender erfolgreicher Schriftsteller, Kabarettist, Schauspieler, Moderator legt mit „Maksym“ einen mitreißend unterhaltsamen Roman vor, der in Witz, Abgründigkeit und Charme begeistert. Stermann versteht es glänzend Pointen wie Erzählfluss im Schwung zu halten und dabei so viel über die „unerträgliche Leichtigkeit“ des Lebensgefühls in biographischen Etappen im Kontext eines Künstlerlebens zwischen Bühne und Wohnzimmertisch wie des Stadtlebens zu öffnen, dass es einem vor Lachen und auch Wiedererkennen schüttelt.

„Ein Buch, das unterhaltsamst die Welt auf den Kopf oder den Kopf auf die Welt stellt oder…genial!“

Walter Pobaschnig 8_22

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„Tanz bringt uns in Beziehung mit uns selbst“ Andrea Nagl, Tänzerin/Choreographin _ Wien 2.9.2022

Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich gerade Sommerpause habe und viel Zeit im Waldviertel verbringe, beginnen meine Tage meistens mit Gartenarbeit, anstatt zum Unterrichten ins Tanzstudio zu radeln. Fast jeden Tag nehme ich an einer online Klasse aus NY teil – ein Geschenk der Pandemie Zeit. Dazwischen schreibe ich Konzepte, arbeite an der Dokumentation von Projekten oder probe.

Andrea Nagl, Tänzerin/Choreographin und Tanzpädagogin

So viel Zeit in und mit der Natur zu verbringen ist für mich von immenser Bedeutung. Ich liebe Gestein, Boden, Pflanzen, Tiere, die Weite der Landschaft ohne Beton. Auch unter dem Jahr machen wir jeden Sonntag eine Wanderung, das ist mir heilig.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kontakt zu uns selbst, Kontakt zur Natur, Kontakt zu Menschen, mit denen wir im Einklang sind.

Kommunizieren – es gibt keine einfachen Lösungen, die Antworten liegen im Dazwischen.
Wertschätzung und Respekt allen/m Lebendigen gegenüber, uns wieder als Teil des Ganzen begreifen.
Miteinander, anstatt gegeneinander arbeiten, die Idee von Konkurrenz und Wettbewerb verbannen. „Being“ statt „doing being“.
Sich auf das Wesentliche besinnen, bewusst und im Moment sein – für mich stellt sich dieser klar fokussierte Zustand beispielsweise beim performen, aber auch beim Wandern im Gebirge oder der Beschäftigung mit jeder einzelnen Pflanze in unserem Garten ein. 

Zu bedenken ist, dass unsere Fragen und Antworten aus einer durchaus privilegierten Position heraus formuliert sind, für die ich sehr dankbar bin.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Theater, der Kunst an sich zu?

Wir leben momentan in einer andauernden Krisensituation, die nach permanenten Neubeginnen verlangt. Gesellschaftlich wichtig wäre ein Zurückdrängen bloßer wirtschaftlicher, gewinnorientierter Interessen zugunsten sozialer Gerechtigkeit und Schutz unseres Planetens.

Kunst ist eine Art, die Welt wahrzunehmen und zu versuchen, sie zu verstehen. Kunst darf Träume, Ideale, Phantasie als Lebensentwurf verwirklichen und so neue Wege aufzeigen.
Kunst konfrontiert uns mit uns selbst und den Gedankenräumen anderer, sie konfrontiert uns mit Meinungen, Ausdrucksweisen und Ästhetiken, die wir möglicherweise schätzen, aber auch solchen, die wir kritisch oder negativ sehen. So fordert sie uns zur Auseinandersetzung damit auf.

Andrea Nagl, Tänzerin/Choreographin und Tanzpädagogin

Tanz ist mein Kommunikationsmittel, das aufgrund seiner Abstraktheit dem Gegenüber Raum lässt, intuitiv und mit dem Herzen und der Seele zu verstehen. Wer sich auf die Schwingungsebene einlässt, wird unmittelbar berührt, weil die Rezeption nicht primär über den Intellekt funktioniert.

Tanz bringt uns in Beziehung mit uns selbst, unserem Körper. Wir können mit mehr Bewusstsein durchs Leben gehen. Tanzen entspringt einem Urinstinkt des Menschen. Was bleibt über, wenn alles auseinanderbricht? Der eigene Körper, die bloße Physis unserer Identität und ein gewisses Bewusstsein darüber…

Was liest Du derzeit?

In Hinsicht auf unsere aktuellen Projekte, in denen es um Natur und Erdgeschichte geht – in einem „vertanze“ ich die geologischen Einheiten Niederösterreichs, lese ich gerade naturwissenschaftliche Literatur:

Geologie der österreichischen Bundesländer – Niederösterreich (Gottfried Wessely / Geologische Bundesanstalt); Eine (sehr) kurze Geschichte des Lebens (Henry Gee); Verwobenes Leben (Merlin Sheldrake).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners (Heinz von Foerster)

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Andrea Nagl, Tänzerin/Choreographin und Tanzpädagogin

http://www.naglandrea.com/

Fotos_Nagl ~ Wintersberger

28.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Genau“ Myrna Maxam, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Hamburg 2.9.2022 

GIVE PEACE A CHANCE


Genau

Im

Vorgarten

Eingeschlagen:

Papierflugzeug.

(Einatmen.

Ausatmen.)

Crimsonrot

Eingefärbt.

Aschefetzen.

Clowns

Halten

Ansprachen.

Nur

Chiffriermaschinen

Entrinnen.


Myrna Maxam, 23.8.2022

Myrna Maxam, Schriftstellerin  

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Myrna Maxam, Schriftstellerin  

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 23.8.2022.

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„Wie erwartet war nichts wie erwartet“ Leon Engler, 3sat Preisträger 2022_46.Bachmannpreis_Rückblickinterview _ Wien 1.9.2022

Leon Engler, D/A _3sat Preisträger 2022 (mit Urkunde), neben Philipp Tingler, einladender Juror und Karin Bernhard, Landesdirektorin des ORF-Kärnten (links vom Preisträger) sowie  Cecile Schortmann, Moderation

Lieber Leon, wie sieht Dein Rückblick auf die Literaturtage in Klagenfurt 2022 aus?

Dieser schöne und eitle Moment verblasst im Angesicht der alltäglichen Apokalypse. Da wird man kleinlaut als Mensch und will nicht mehr auf sich selbst zeigen.

Interviews nach der Preisverleihung_ORF Gartenbühne_von links_Christian Ankowitsch, Moderation, Insa Wilke einladende Juryvorsitzende des 3sat Preisträgers, Leon Engler_3sat Preisträger 2022, Ana Marwan_Bachmannpreisträgerin 2022, Klaus Kastberger, einladenden Juror der Bachmannpreistreisträgerin 2022, Cecile Schortmann, Moderation

Was war für Dich wie erwartet, was überraschend?

Wie erwartet war nichts wie erwartet.

Wie beurteilst Du das diesjährige erstmalige Setting der Zweiteilung in Lesebühne und der Jury im Studio?

Gut für die Lesenden, schlecht für die Jury.

Lesebühne_ORF Garten

Welche Inspirationen nimmst Du für Deine Literaturprojekte mit?

Eine höchst inspirierende Schreibblockade.

Was möchtest Du kommenden Teilnehmer:innen mitgeben?

Studiert lieber Astrophysik oder entkernt Marillen! Wenn es gar nicht anders geht: Nehmt euch nicht zu ernst, nehmt die Jury nicht zu ernst – nur die Literatur kann man vielleicht nicht ernst genug nehmen.

(von links) Ana Marwan (Bachmannpreisträgerin 2022), Andreas Moster, Alexandru Bulucz (Deutschlandfunkpreisträger 2022), Leon Engler (3sat Preisträger 2022), Mara Genschel, Hannes Stein
Leon Engler, Schriftsteller D/A _3sat Preisträger 2022

Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg weiterhin!

Bachmannpreis 2022_im Rückblickinterview:

Leon Engler, Schriftsteller D/A _3sat Preisträger 2022 _Wien/Berlin

Bachmannpreis 2022_ „Ich finde es schade, wenn man mit allen Diskursen gewaschen sein muss, um einem Text folgen zu können“ Leon Engler, Schriftsteller _ Wien 20.6.2022

46.Bachmannpreis _ Tage der deutschsprachigen Literatur _ Klagenfurt 22. – 26.6.2022

Fotos_1-7 Walter Pobaschnig; 8/9 Leon Engler

Interview _Walter Pobaschnig.

Walter Pobaschnig 9_22

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„Meine tagtägliche Realität, von der es keine Ablenkung gibt“ Ganna Gnedkova, Schriftstellerin _ Kyjiw, Ukraine / Wien, Österreich 1.9.2022

Liebe Ganna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Enttäuschend für jene, die etwas mehr über mein Schreiben zu erfahren hoffen.

Denn ich schreibe dieses Jahr wenig und nur wenn ich glaube, dass meine Texte meinem Land etwas dienen könnten. Meistens sind das Artikel, die das Medienzentrum der Ukrainischen Community in Wien, dessen Ansprechperson ich bin, deutschsprachigen Medien anbietet. Manchmal, sehr selten, schreibe ich Gedichte als unmittelbare Reaktion auf etwas, was ich in den Nachrichten lese.

Mein Tag beginnt mit den Nachrichten von der ukrainischen Front und endet auch damit. Anders geht es nicht.

Mein Cousin kämpft gegen russische Okkupanten im Osten, meine Eltern sind Freiwillige in Kyjiw. Viele ukrainische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ich lese und denen ich seit Jahren in Sozialnetzwerken folge, sind heute Soldaten an der Front oder Freiwillige: Artem Tschech, Serhij Schadan, Artem Tschapaj, Halyna Kruk, Kateryna Kalytko, Andrij Ljubka. Statt literarischer Texte schreiben sie meistens Berichte über Medikamente, Autos und Munition. Am 9. Juni verstarb der Sohn der Schriftstellerin Switlana Powaljajewa, der Aktivist Roman Ratuschnyj, an der Front. Er war 24 Jahre alt. An diesem Tag bestand meine Chronik allein aus Nachrufen.

Was für andere nur ein „Thema“ in den Medien bleibt, das nicht mehr so „reizt“, ist für mich mein Land, dessen Schicksal eng mit meinem verbunden ist, und meine tagtägliche Realität, von der es keine Ablenkung gibt.

Ganna Gnedkova, Schriftstellerin: Kyjiw, Ukraine / Wien, Österreich

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass die momentane Gas- und Getreidekrise Russland und der blinden europäischen Politik gegenüber Russland zu verdanken ist.

Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass auch die russische Invasion in der Ukraine seit 2014 sich vielleicht zu keinem großangelegten Angriff entwickelt hätte, wenn die Welt auf die Annexion der Halbinsel entschlossen mit harten Sanktionen reagiert und nach Alternativen für russische Rohstoffe gesucht hätte.

Wichtig ist, nicht zu vergessen und endlich aus der Geschichte zu lernen. Die meine und ältere Generationen zähle ich zu „verlorenen“ Generationen in dem Sinne, dass wir diesen Krieg Russland nie vergessen und sehr unwahrscheinlich verzeihen werden. Ich glaube, dass auch die nächste Generation – die Kinder meiner Freundinnen, die gerade 5-7 Jahre alt sind – diesen Krieg ihr ganzes Leben lang im Gedächtnis behalten werden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich sehe keinen Aufbruch, sondern einen Bruch und eine Ruine nicht nur in der Ukraine, sondern auch auf der Welt, und der Mordversuch an Salman Rushdie hat mir diese Vision nur bestätigt. Ich fürchte, dass unser Krieg nicht der letzte sein wird.

Aber ich versuche mal zu träumen und mir vorzustellen, dass dieser Bruch zu etwas Neuem führt und etwas Gutes bringt.

Ein Bruch mit Russland, ein Bruch mit Imperialismus und Kolonialismus. Eine Wende, die auch vor unserem Krieg begonnen hat: Die Neuentdeckung der „kleinen Literaturen“, die im Schatten großer Postimperien übersehen wurden. Das wünsche ich auch der ukrainischen Literatur.

Was liest Du derzeit?

Nachrichten, wie gesagt, und außerdem ukrainische Bücher, denn es gibt jeden Mittwoch Buchpräsentationen und Diskussionen im ukrainischen Zentrum Open Space Barbareum in Wien, die ich moderiere und auf die ich mich gründlich vorbereite. Bald werde ich eine Lesung der ukrainischen Schriftstellerin Tanya Pyankova moderieren, daher habe ich in meinem kurzen Urlaub ihren Roman Das Zeitalter der Roten Ameisen mitgenommen. Das ist ein schreckliches Buch – und ich meine damit, dass dieses Buch eine der schrecklichsten Geschichten des 20. Jahrhunderts – die vom Holodomor, der Hungersnot in der Ukraine – erzählt. Es sprechen in diesem Buch sowohl die Opfer als auch die Täter. Aber die wahre Hauptfigur des Buches ist der Hunger, und zwar nicht metaphorisch gesehen: Der Hunger handelt als Figur in diesem Text, er spricht mit, er fordert das Seine, er vergewaltigt, er macht einen wahnsinnig. In der Ukraine ist der Roman eine Neuerscheinung, aber auch in Deutschland wird das Buch bald erscheinen und man kann es bereits vorbestellen – im Ecco Verlag, in der Übersetzung von Beatrix Kersten. Keine leichte Lektüre für einen Urlaub – aber eine verpflichtende für jene, die nicht wissen, was die Ukraine im 20. Jahrhundert unter der russischen sowjetischen Macht erlebt hat.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zwei Gedichte von Rose Ausländer, einer berühmten deutschsprachigen Dichterin jüdischer Herkunft, die 1901 in Tscherniwzi (heute Ukraine, damals Teil der österreichischen Bukowina) geboren wurde:

  1. MUTTERLAND

Mein Vaterland ist tot

sie haben es begraben

im Feuer

Ich lebe

in meinem Mutterland

Wort

  1. BIOGRAPHISCHE NOTIZ

Ich rede

von der brennenden Nacht

die gelöscht hat

der Pruth

von Trauerweiden

Blutbuchen

verstummten Nachtigallsang

vom gelben Stern

auf dem wir

stündlich starben

in der Galgenzeit

nicht über Rosen

red ich

Fliegend

auf einer Luftschaukel

Europa Amerika Europa

ich wohne nicht

ich lebe

Vielen Dank für das Interview liebe Ganna und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ganna Gnedkova_Schriftstellerin, Literaturwissenschafterin, Übersetzerin, Journalistin

Foto_Georgii Kravchenko

31.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ein Leben in Geschichten“ Donna Leon. Diogenes Verlag 2022

„Ich fackle von Natur aus nie lange und habe bei all meinem Tun nie mehr als den ersten Schritt bedacht. Mach den ersten Schritt – unterschreib den Vertrag, geh zum Vorstellungsgespräch, nimm den Job, miete die Wohnung -, und dann warte ab, was geschieht. Irgendetwas muss doch geschehen? Du weißt vielleicht nicht, wohin die Reise geht, aber irgendwohin muss sie doch gehen?…“.

So schreibt die, 1942 in New Jersey/USA geborene, Bestsellerautorin Donna Leon, im Vorwort zu dieser Jubiläumsausgabe anlässlich Ihres runden Geburtstages.

Und es ist eine Ausgabe, die wunderbar dieses so vielseitige Leben, dass von vielen Begegnungen, Wagnissen, Aufbrüchen und Erfolgen geprägt ist, schon im Titel „Ein Leben in Geschichten“ beschreibt und dann einmalig auf knapp 200 Seiten in die so spannende Lebens-, Erfahrungs- und Kunstwelt dieser großartigen Schriftstellerin blicken lässt.

Diese Geschichten/Essaysammlung ist in vier Themenblöcke gegliedert – Amerika/On the road/Italien/Bergen – welche Lebens- wie Kunststationen von Donna Leon öffnen und Leserin und Leser gleichsam ein wunderbares lesendes Mitgehen ermöglichen.

Ein sehr gelungenes Geburtstagsgeschenk, zu dem Autorin wie Verlag nur zu gratulieren ist!

„Lebensstationen einer großartigen Autorin – spannend wie Ihre Bücher!“  

Walter Pobaschnig  8_22

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„Die Stille hat Hegemonie“ Pegah Ahmadi, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Köln 1.9.2022

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Türen sind vereint

Die Stille hat Hegemonie

Türen sind vereint

Ich bin

hier

Und die langen Drähte aus der ganzen Welt,

folgen mir in die Zimmer

Sie werden um meinen Knöchel gewickelt und verknotet.

wenn das Kind mit fünf Fingern im Nebel, den Zug weiter bewegt.

Dann küsst jemand,

weint,

verschwindet.

Der Raum erzittert.

Ich berühre die Oberfläche der Phantome

Wo die Dinge erinnert werden 

Und wir, die wir den Krieg noch nicht kennen

rennen mit unseren Puppen in den Keller.

Ich berühre die Oberfläche der Phantome

Und diese Statue starrt mich so an

als hätten wir ein gemeinsames Verständnis von der Welt.


Pegah Ahmadi, 10.8.2022

Pegah Ahmadi, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Pegah Ahmadi, Schriftstellerin

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 10.8.2022.

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„Pier Paolo Pasolini“ Eine Biographie. Nico Naldini. Wagenbach Verlag.

Es ist ein Künstlerleben, das sich konsequent und willensstark seinen Weg sucht und bahnt und diesen bis zum gewaltsamen Ende weitergeht. Ein Künstlerleben, das den Blick immer ganz nach Innen in die Tiefen menschlichen Seelenlebens in Licht und Schatten legt und dabei nie das Außen, die gesellschaftlichen Bedingungen, Verfasstheiten und Möglichkeiten der Veränderung sieht und einfordert. Ein Künstlerleben, das aber auch tief verwurzelt und geprägt von Geschichte und Herkunft ist und sich damit zeitlebens auseinandersetzt. Ein Künstlerleben, das sich in Film, Poesie und Text mit Zeit und Welt auseinandersetzt und damit bis heute wichtiger Impulsgeber ist.

Ein Künstlerleben von Pier Paolo Pasolini, Regisseur, Poet, Publizist (*1922 Bologna  +ermordet 1975 Rom).

Es ist ein großes Unterfangen ein Leben über eine Künstlerbiographie zu beschreiben, die so vielseitig, schillernd wie tragisch und komplex ist. Viele sind davor zurückgeschreckt und schrecken davor zurück, weil Person, Werk und Zeit zu umfangreich erscheinen. Und es stimmt, es braucht Ruhe, Überlegung und Kenntnis, um den Lebens- und Kunstlinien dieser so außergewöhnlichen Persönlichkeit nachzugehen…

Nico Naldini, italienischer Schriftsteller und Kulturjournalist, stellte sich dieser Aufgabe und ihm gelingt eine fulminante wegweisende Künstlerbiographie, die sehr genau den biographischen Ausgangspunkt und dessen weiterführende Linien im Kontext der künstlerischen Schwerpunkte wie gesellschaftlichen Entwicklungen in den Blick zu fassen vermag.

Es ist eine Biographie, die in ihrer Aufmerksamkeit und Bildhaftigkeit des Erzählens an Filme Pasolinis selbst erinnert und so Leserin und Leser ein Erlebnis in Spannung, Überraschung, Freude und Tragik bietet.

„Eine Biographie wie ein Film Pasolinis – aufmerksam, direkt, spannend, hintergründig.“

Walter Pobaschnig 8_22

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