„Tanz bringt uns in Beziehung mit uns selbst“ Andrea Nagl, Tänzerin/Choreographin _ Wien 2.9.2022

Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich gerade Sommerpause habe und viel Zeit im Waldviertel verbringe, beginnen meine Tage meistens mit Gartenarbeit, anstatt zum Unterrichten ins Tanzstudio zu radeln. Fast jeden Tag nehme ich an einer online Klasse aus NY teil – ein Geschenk der Pandemie Zeit. Dazwischen schreibe ich Konzepte, arbeite an der Dokumentation von Projekten oder probe.

Andrea Nagl, Tänzerin/Choreographin und Tanzpädagogin

So viel Zeit in und mit der Natur zu verbringen ist für mich von immenser Bedeutung. Ich liebe Gestein, Boden, Pflanzen, Tiere, die Weite der Landschaft ohne Beton. Auch unter dem Jahr machen wir jeden Sonntag eine Wanderung, das ist mir heilig.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kontakt zu uns selbst, Kontakt zur Natur, Kontakt zu Menschen, mit denen wir im Einklang sind.

Kommunizieren – es gibt keine einfachen Lösungen, die Antworten liegen im Dazwischen.
Wertschätzung und Respekt allen/m Lebendigen gegenüber, uns wieder als Teil des Ganzen begreifen.
Miteinander, anstatt gegeneinander arbeiten, die Idee von Konkurrenz und Wettbewerb verbannen. „Being“ statt „doing being“.
Sich auf das Wesentliche besinnen, bewusst und im Moment sein – für mich stellt sich dieser klar fokussierte Zustand beispielsweise beim performen, aber auch beim Wandern im Gebirge oder der Beschäftigung mit jeder einzelnen Pflanze in unserem Garten ein. 

Zu bedenken ist, dass unsere Fragen und Antworten aus einer durchaus privilegierten Position heraus formuliert sind, für die ich sehr dankbar bin.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Theater, der Kunst an sich zu?

Wir leben momentan in einer andauernden Krisensituation, die nach permanenten Neubeginnen verlangt. Gesellschaftlich wichtig wäre ein Zurückdrängen bloßer wirtschaftlicher, gewinnorientierter Interessen zugunsten sozialer Gerechtigkeit und Schutz unseres Planetens.

Kunst ist eine Art, die Welt wahrzunehmen und zu versuchen, sie zu verstehen. Kunst darf Träume, Ideale, Phantasie als Lebensentwurf verwirklichen und so neue Wege aufzeigen.
Kunst konfrontiert uns mit uns selbst und den Gedankenräumen anderer, sie konfrontiert uns mit Meinungen, Ausdrucksweisen und Ästhetiken, die wir möglicherweise schätzen, aber auch solchen, die wir kritisch oder negativ sehen. So fordert sie uns zur Auseinandersetzung damit auf.

Andrea Nagl, Tänzerin/Choreographin und Tanzpädagogin

Tanz ist mein Kommunikationsmittel, das aufgrund seiner Abstraktheit dem Gegenüber Raum lässt, intuitiv und mit dem Herzen und der Seele zu verstehen. Wer sich auf die Schwingungsebene einlässt, wird unmittelbar berührt, weil die Rezeption nicht primär über den Intellekt funktioniert.

Tanz bringt uns in Beziehung mit uns selbst, unserem Körper. Wir können mit mehr Bewusstsein durchs Leben gehen. Tanzen entspringt einem Urinstinkt des Menschen. Was bleibt über, wenn alles auseinanderbricht? Der eigene Körper, die bloße Physis unserer Identität und ein gewisses Bewusstsein darüber…

Was liest Du derzeit?

In Hinsicht auf unsere aktuellen Projekte, in denen es um Natur und Erdgeschichte geht – in einem „vertanze“ ich die geologischen Einheiten Niederösterreichs, lese ich gerade naturwissenschaftliche Literatur:

Geologie der österreichischen Bundesländer – Niederösterreich (Gottfried Wessely / Geologische Bundesanstalt); Eine (sehr) kurze Geschichte des Lebens (Henry Gee); Verwobenes Leben (Merlin Sheldrake).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners (Heinz von Foerster)

Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Andrea Nagl, Tänzerin/Choreographin und Tanzpädagogin

http://www.naglandrea.com/

Fotos_Nagl ~ Wintersberger

28.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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