Liebe Anne Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf hat sich nicht wesentlich verändert. Bereits lange vor Pandemie und Krieg habe ich mein Leben in eine Richtung gelenkt, die nachhaltiger ist und das Essentielle sucht. Ich habe mich dem zugewandt, was mir wirklich wichtig ist und auf viele unnötige Dinge, die man meint, haben oder tun zu müssen, verzichten gelernt. Das hat auch mit meiner eigenen Biographie zu tun, die von tiefen Einschnitten geprägt ist.
Anne Marie Pircher, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist ganz wichtig, in diesen schwierigen Zeiten nicht den Mut zu verlieren und mehr als sonst auf sich selbst und seinen Nächsten achtzugeben. Ich denke, dass Humor und Gelassenheit gute Mittel sind, um Situationen, die unüberwindbar scheinen, zu begegnen. Es gibt derzeit so viel Hass und Unsicherheit, auch so viel Ungerechtigkeit, dass man am liebsten schreien würde. Und viele tun das auch zu Recht. Jeder muss da seinen eigenen Weg finden. Ich lerne derzeit mehr Achtsamkeit in Bezug auf meine nähere Umgebung. Es braucht mehr Freundlichkeit unter uns Menschen, auch gegenseitige Wertschätzung. Vor allem aber echte Empathie für den Mensch, der neben uns steht. Es ist leicht, sich in eine Ideologie zu flüchten, viel schwerer ist es, im gelebten Alltag füreinander da zu sein. Kriege beginnen im Kleinen, in den Familien, auf der Straße, im Geschäft, in den Institutionen. Davon bin ich überzeugt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass es für uns alle wichtig ist, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Zu schauen, was passiert und in welche Richtung es geht. Achtsamkeit ist das Gebot der Stunde. Mir macht die Spaltung der Gesellschaft große Sorge, sie ist so stark spürbar, dass es mich jeden Tag auf irgendeine Weise beschäftigt. Ich sehe viel Verbitterung, Kälte und Egoismus zu allen Seiten. Auch reale Armut. Da gilt es, hinzuschauen.
Während der Pandemie habe ich meinen Roman „Iris & Pupille“ geschrieben. Er erzählt vom Ausbruch einer jungen Frau im Südtirol der 1980er Jahre. Ein Text zwischen Abgrund, Rebellion und Neubeginn. Ich habe trotz der Drastik versucht, nicht zu werten, sondern die Menschen darin sprechen zu lassen. Literatur ist unter anderem auch eine Kunst des Zuhörens. Darin sehe ich eine große Chance und meine Aufgabe.
Was liest Du derzeit?
„Geschichte eines Kindes“ von Anna Kim.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Es gab Sehnsucht nach etwas, das verloren war, Sehnsucht nach etwas, das sich nicht erfüllt hatte, Sehnsucht danach, etwas zu finden, und manchmal auch danach, etwas zu verlieren.“ Iris Wolff
Vielen Dank für das Interview liebe Anne Marie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Anne Marie Pircher, Schriftstellerin
Zur Person _ Anne Marie Pircher lebt als Schriftstellerin und Lyrikerin in der Nähe von Meran/Südtirol. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt den Roman „Iris & Pupille“ in der Edition Laurin Innsbruck, 2022. War Finalistin beim Literaturwettbewerb „Floriana“ in St. Florian b. Linz. Sie erhielt mehrere Stipendien der Südtiroler Landesregierung.
Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Foto_Heinz BachmannHeinz und Sheila Bachmann_London _ Hochzeit 7. August 1971 in London. 2 Söhne. Ingeborg Bachmann reiste zur Hochzeit nach Großbritannien an _ Foto Fam.Bachmann_London.
Heinz Bachmann und Schwester Isolde Moser, geb.Bachmann (*1928 Klagenfurt) _ Hausübergabe Elternhaus/Henselstraße 26, Klagenfurt an Stadt Klagenfurt/Land Kärnten 15.9.2021
Lieber Dr.Heinz Bachmann, es sind herausfordernde Zeiten, denen wir uns alle stellen müssen. Du hast in Deiner beruflichen Tätigkeit in Afrika in den 1960/70er Jahren auch politische Krisenzeiten miterlebt. Welche Erfahrungen hast Du da gemacht?
Das ist der Zeitraum meiner letzten Studienjahre und der ersten Jahre in meiner Arbeitswelt als Geophysiker. Der Algerienkrieg war zur Erleichterung aller zu Ende gegangen. Das betraf auch meine Schwester Ingeborg ziemlich direkt, da ihr guter Freund Pierre Evrard auch Gefahr lief, dort eingesetzt zu werden. Nach meiner Promotion im Juli 1964 besuchte ich Algerien und durchquerte die Sahara bis ins Hoggargebirge mit einem Studienkollegen. Das Land war zu dem Zeitpunkt sehr friedlich und die Leute ohne Feindseligkeit. Ab 1965 arbeitete ich als Geophysiker in der Öl und Gasaufschließung.
Im Jahr 67 nach meiner Rückkehr aus Gabun hatte ich zwei Monate Urlaub und wurde Mitte Juni nach Katar und Oman versetzt. Mein Flug dorthin fand wenige Tage nach dem Ende des Sechstagekrieges statt. Die Spannung auf dem Flug war spürbar, aber alle vermieden das Thema. Die Einheimischen waren schockiert und als „Europäer“ war man vorsichtig etwas darüber zu sagen.
Was war Deiner Schwester Ingeborg in den politischen Krisenzeiten der 1960/70er Jahre, die ja auch von Kriegen und gesellschaftlichen Herausforderungen geprägt waren, wichtig?
Der Vietnamkrieg prägte im Laufe der Jahre immer stärker die Schlagzeilen und auch die Gespräche. Ingeborg war schockiert.
Erinnerst Du Dich an ein Gespräch zum Thema Krieg?
Besonders Vietnam natürlich. Aber auch wie schon erwähnt der Algerienkrieg. Ingeborgs Einstellung dazu ist ja bekannt. Besonders Vietnam empfand sie als schrecklich. Aber darauf hatte ja niemand einen Einfluss in Europa. Die Dominotheorie schien alles zu rechtfertigen. Wie absurd das war, stellte sich erst später heraus.
In der „Salzburger Edition“ der Werkausgabe „Ingeborg Bachmann“ als Gemeinschaftsprojekt der Verlage Piper und Suhrkamp erschien im November des Jahres der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Die umfangreiche Korrespondenz wie viele Fotos werden dabei erstmals zu lesen/sehen sein.
Die Korrespondenz ist wohl die umfangreichste aller aus dem Nachlass sowohl meiner Schwester als auch von Frisch, wenn auch vieles auf Kohlepapierdurchschriften basiert. Es sind wenige Fotos inbegriffen, denn der Umfang des Buches ist ja schon sehr groß.
„Wir haben es nicht gut gemacht“ Briefwechsel Ingeborg Bachmann _ Max Frisch _ Erscheinungstermin_ 06.12.2022 Fester Einband mit Schutzumschlag, 1039 Seiten Mit Fotografien und Faksimiles _ Suhrkamp Verlag
Lesung „Wir haben es nicht gut gemacht“ Briefwechsel Ingeborg Bachmann _ Max Frisch _ Caroline Peters und Roland Koch _ Schauspielerin*er Burgtheater Wien _ Akademietheater Wien_ 6.12.2022von rechts_Heinz Bachmann (Bruder von Ingeborg Bachmann), Andreas Moser (Neffe von Ingeborg Bachmann mit Gattin), Walter Pobaschnig6.12.2022
Was waren Gründe für Dich und Deine Familie diesen Briefwechsel nun freizugeben?
Ich muss da etwas zurückgreifen. Vor fast 50 Jahren ließen wir die gesamte Korrespondenz sperren und wurden dafür sehr kritisiert, dass diese nicht zugänglich wäre. Es wurde sogar der Verdacht geäußert, wir wollten etwas verbergen. Es ging aber vorwiegend um die Privatsphäre der Briefschreiber. Heute ist das ganz anders, der Datenschutz wurde seither sehr ausgeweitet.
Die Situation ist nun so, dass dieser gesperrte Nachlass nach 50 Jahren ohnehin geöffnet werde sollte und in einigen Jahren die Autorenrechte ablaufen werden. Dann kann jeder beliebig daraus zitieren. Es war also angebracht noch eine verantwortungsbewusste Edition zu erstellen.
Via Giulia _ Rom
Was überrascht Dich selbst im Briefwechsel und gibt es Briefe/Briefetappen, die Du hervorheben möchtest?
Was mich schon bei der ersten Sichtung der Frischbriefe überrascht hat, war, dass es so viele Briefe als Durchschläge an meine Schwester geschickt wurden. Man sah das am verschmierten Kohlepapierabdruck. Ich kann das verstehen, wenn es darum bei einer Trennung um das Aussortieren der persönlichen Gegenstände geht, aber das geht darüber hinaus. Der Leser kann das ja selber im umfangreichen Kommentar beurteilen.
Das Schlimme ist eben dieses Auseinanderleben, das sich nach anfänglichem Überschwang abzeichnet.
Rom_Via Giulia_folgende_ erste gemeinsame Wohnung von Ingeborg Bachmann und Max Frisch in Rom 1959 _ Fotos _ revisited 2018
Wie wichtig war Ingeborg Bachmann grundsätzlich Briefkorrespondenz? Schätzte Sie Briefe und Telefongespräche gleichermaßen?
Briefeschreiben war ihr sehr wichtig. Das war auch Tradition in der Familie, unser Vater bestand darauf. Aber es war auch ein Bedürfnis, das sieht man aus den bisherigen Korrespondenzen. Als ich dafür sorgte, dass ein Telefon ins Haus kam, musste ich es bezahlen.
Ingeborg Bachmann _ im Hintergrund Matthias und Olga Bachmann (Eltern) _ Rom 1962 Heinz BachmannKlagenfurt _ Friedhof Annabichl _ Familiengrab Bachmann _ 2022
Gab es im Schreiben eines Briefes bestimmte Vorlieben Deiner Schwester Ingeborg was etwa Briefpapier, Füllfeder/Kugelschreiber/Schreibmaschine betrifft?
Papier spielte glaub ich keine Rolle, manchmal in Hotels verwendete sie das Hotelpapier. Feder, Kugelschreiber oder Schreibmaschine, hing ein bisschen vom Thema ab. Persönliche Briefe mit der Hand, seltener mit Maschine, meist wohl mit Kugelschreiber, wenn ich mich nicht irre.
Via Bocca Di Leone _Rom _ Ingeborg Bachmann bezog diese Wohnung in der Nähe der Piazza di Spagna nach der Tennung von Max Frisch _ Foto Graibaldi Schwarze
Via Bocca Di Leone _Rom _revisited _ 2018 _ und folgendes Foto
Erinnerst Du Dich an das Kennenlernen beider im Jahre 1958 in Paris?
Ich besuchte Ingeborg Ende Juni in Paris und blieb ein paar Tage. An den Tag erinnere ich mich ziemlich genau, da Ingeborg mir etwas Geld in die Hand drückte und meinte ich sollte Paris auf eigene Faust erkunden. Am nächsten Tag war sie etwas spät zum Frühstück gekommen und hatte mit ihrem Freund Pierre Schluss gemacht, da sie Frisch kennengelernt hatte. Ich selber begegnete ihm aber erst ein Jahr später.
Du hast im Frühjahr 1962 mit Deinen Eltern Deine Schwester Ingeborg in Rom in ihrer gemeinsamen Wohnung mit Max Frisch besucht und eine hervorragende Fotoserie erstellt, die 2016 in Klagenfurt und 2020 in Salzburg präsentiert wurde und ein Foto davon ist auch auf dem Buchcover der Briefwechselausgabe zu sehen.
Wie kam es zu diesem Besuch in Rom, wie war die Anreise und wie gestalteten sich die gemeinsamen Tage und die Erstellung der Fotoserie?
Ingeborg hatte uns eingeladen, mein Vater war in Pension und ich hatte Osterferien. Wir fuhren in Vaters weißem VW über die Autostrada del Sole nach Rom. An einem der Tage nach unserer Ankunft in der Via de Notaris drückte sie mir einen 36 und zwei 20 Schwarz-Weiss Filme in die Hand und gab mit ein paar grundlegende Anweisungen, wie man Aufnahmen macht. Ich hatte noch nie Portraitaufnahmen gemacht.
Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Foto_Heinz Bachmann _ folgendeAusstellung _ „Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ Fotografien Heinz Bachmann _ Klagenfurt/Musilmuseum 2016 Probe_szenische Eröffnung _ „Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ _ Heinz Bachmann, Isabella Jeschke (Schauspielerin), Walter Pobaschnig (Text/Regie), Sheila Bachmann (von links) _ Wien 5/2016Heinz Bachmann und Isabella Jeschke _ Szenische Eröffnung _ „Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ _Text/Regie_Walter Pobaschnig Musilmuseum Klagenfurt 25.6.2016
Heinz Bachmann mit Originalkamera von 1962 _ Ausstellung Musilmuseum2016
Heinz Bachmann im Gespräch mit Birgit Birnbacher_ Bachmannpreisträgerin 2019
Heinz Bachmann und Walter Pobaschnig (Ausstellungsorganisation/Vermittlung) _ Salzburg 1/2022
Welche Erinnerungen hast Du an Deine Schwester Ingeborg und Max Frisch in Rom?
Ingeborg umsorgte uns und wir waren viel zu Fuß unterwegs, dabei machte ich die Aufnahmen mit unterschiedlichem Hintergrund. Essen gingen wir nur mit meiner Schwester, wenn ich mich recht erinnere.
Von Max Frisch habe ich keine besonderen Erinnerungen, er hielt sich da offensichtlich sehr zurück. Im Rückblick wundert es mich, dass ich keine einzige Aufnahme von ihm machte.
Wie gestaltete sich das tägliche Zusammenleben des Paares Ingeborg Bachmann und Max Frisch was Lebensorganisation, literarische Tätigkeit und gemeinsame Aktivitäten betraf?
Über diesen Aspekt kann ich wenig sagen. Ich glaube selbst in dieser relativ großen Wohnung muss das Klappern der Schreibmaschinen problematisch gewesen sein. Drei Jahre vorher in Uetikon (Zürich, Anm.) , als ich die beiden im Oktober 59 besuchte, war das ziemlich deutlich, denn meine Schwester hatte in Zürich eine Stadtwohnung, um diesen „Konflikt“ zu vermeiden und in Ruhe schreiben zu können.
Via de Notaris _ Rom _ folgende _ letzte gemeinsameWohnung von Ingeborg Bachmann und Max Frisch ab dem Frühjahr 1961 bis 1962(hier erfolgte Ostern 1962 der Besuch der Familie Bachmann aus Klagenfurtund Heinz Bachmann portraitierte seine Schwester Ingeborg)
Hat Max Frisch auch Kärnten besucht und gab es da gemeinsame Unternehmungen mit Deiner Familie?
Es gab einen Besuch der beiden im Frühjahr 1959 – ein genaues Datum habe ich nicht. Sie kamen in einem kleinen Fiat Sportwagen und dürften im Hotel Musil übernachtet haben. Unsere Mutter bereitete gute Wienerschnitzel vor und unser Vater hielt eine sehr schöne Willkommensrede. Wir fuhren dann mit den Eltern weiter zu unserer Schwester Isolde und Schwager Franz nach Kötschach. Ingeborg am Steuer des weißen VWs und ich im Sportwagen mit Max Frisch am Steuer.
Deine Schwester Ingeborg hat die Familie regelmäßig in Kärnten besucht. Was schätzte Sie bei Ihren Aufenthalten besonders? Welche Besuche machte Sie da, welche Orte suchte Sie gerne auf?
Bei ihren Besuchen in Klagenfurt war natürlich das Kreuzbergl mit den schönen Wanderwegen der Hauptanziehungspunkt. Ingeborg ging aber nie in die Stadt, außer um im Hotel Musil zu übernachten. Sonst war sie auch gerne in Obervellach bei Hermagor, wo man stundenlang spazieren konnte. Dort waren auch Verwandtenbesuche ein wichtiger Teil des Aufenthalts. Vor allem bei Tante Rosa, die uns über schwere Zeiten hinweg geholfen hatte. Ein besonderer Aufenthalt war in Warmbad Villach, der viele Grundlagen für den „Fall Franza“ darstellt.
„Drei Wege zum See – Ingeborg Bachmann outdoors“ 2015f. _ szenische Wanderung Kreuzbergl/Klagenfurt _ Schauspiel_Christina Wuga_Wegkonzeption/Stationen _ Alina Nedwed_Idee/Text/Regie/Organisation_Walter Pobaschnig
Erinnerst Du Dich persönlich an Gespräche mit Max Frisch?
Das deutlichste Gespräch war bei einem Treffen in Uetikon, wo die beiden eine Wohnung gemietet hatten. Ich war auf der Rückreise im Oktober 1959 aus Israel über Zürich geflogen. Beim Abendessen fragte ich Frisch direkt über Stiller (Roman von Max Frisch, Anm.) und wie weit dies die Geschichte seiner Frau wäre. Er wischte diese Frage mit einem „Das ist sie und das ist sie nicht“ etwas zur Seite.
Hast Du und Deine Familie Deine Schwester Ingeborg auch in der gemeinsamen Wohnung mit Max Frisch in Zürich besucht?
Wir müssen bei der Rückreise der Eltern von Territet, wo unser Vater ein Jahr als Lehrer tätig war, Anfang Juli über Uetikon dann weiter nach Österreich gefahren sein. Seltsamerweise habe ich da nur sehr vage Erinnerungen.
Der Titel des im November erschienen Briefwechsels ist „Wir haben es nicht gut gemacht“ und nimmt damit ein Zitat Max Frischs auf. Wie hast Du als Bruder diese Beziehung miterlebt und woran scheiterte in Deiner Sicht diese Beziehung?
Wie sieht man die Beziehung einer Schwester? Was interessiert eine Frau an einem Mann? Alles ein bisschen rätselhaft für mich, auch heute noch. Zwei Schreibende in einem Haushalt, der Lärm der Schreibmaschinen. Zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten, meine Schwester fröhlich, immer der Mittelpunkt einer Gesellschaft, anderseits gegenüber eine trockene Persönlichkeit, für mich etwas belehrend (aber ich war ja jung). Irgendwie war das vorgezeichnet.
Heinz Bachmann _ Wien _ 2019
Wie ging Deine Schwester Ingeborg mit dem Scheitern dieser Beziehung um?
Sie litt darunter offensichtlich, empfand das Buch Frischs als Indiskretion. Aber ich frage mich, wie sehr die von einem Modearzt geförderte starke Medikamentabhängigkeit die emotionellen Probleme verstärkt hat. Sie sah aus dieser Abhängigkeit keinen Ausweg.
Gab es nach dem Scheitern der Beziehung noch Kontakt miteinander?
Von Seite der Familie keinen, außer einem Brief des Vaters. Für meine Schwester zog sich das Jahre hin, weil die verschiedenen „Haushalte“ aufgelöst werden mussten, also Uetikon, in Rom Via de Notaris. Welche Bücher gehören wem, sonstige Andenken, das ist für niemanden bei einer Trennung einfach.
Wie lange dauerte für Deine Schwester Ingeborg der Prozess der innerlichen Ablösung von dieser gescheiterten Beziehung und welche Hilfe nahm Sie dabei in Anspruch?
Ingeborg hat ja nur weitere zehn Jahre gelebt und ist irgendwie nie ganz davon los gekommen. Sie wollte im Schreiben über dieses Thema noch etwas allgemein Gültiges schaffen. Leider sind diese Romane mit Ausnahme von „Malina“ unvollständig geblieben. Das Wichtige war das Schreiben über dieses Thema, was tun wir uns bei solchen Brüchen an, wie gehen wir damit um.
Wie ging Deine Schwester Ingeborg danach mit den literarischen Seitenhieben Max Frischs um?
Nun, die meisten Bezugnahmen kamen ja nach dem Tod meiner Schwester. Mit „Gantenbein“ hat sie sich ziemlich abgequält, das kann man an den Briefen erkennen.
Erinnerst Du Dich abschließend vielleicht an eine heitere Episode in der Beziehung von Ingeborg Bachmann und Max Frisch?
Bedauerlicherweise nicht. Das klingt sehr lakonisch, aber da war vielleicht wenig Gelegenheit eine heitere Begebenheit zu beobachten. Frisch war andererseits sicher keine Person mit spontanen Äußerungen.
Lieber Heinz, herzlichen Dank für das Interview und für Dich und Deine Familie alles Gute in diesen Tagen!
Lieber Walter auch Dir und den Deinen alles Gute!
Heinz Bachmann _ Salzburg 2020
Interview_Dr.Heinz Bachmann, Geophysiker, London. Bruder von Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin (*1926 Klagenfurt +1973 Rom).
Walter Pobaschnig 10.12_2022.
Alle Fotos (andere gekennzeichnet) _ Walter Pobaschnig, Wien.
„Wir haben es nicht gut gemacht“ Briefwechsel Ingeborg Bachmann _ Max Frisch _ Erscheinungstermin_ 06.12.2022 Fester Einband mit Schutzumschlag, 1039 Seiten Mit Fotografien und Faksimiles _ Suhrkamp Verlag
Ha! Ich wünschte ich hätte einen Tagesablauf! Ich bin ein ziemlicher Tausendsassa und mache – wie üblich – vieles auf einmal. Gerade schreibe ich meine Masterarbeit, mache eine Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin, arbeite als Legasthenietrainerin und bereite mich auf die paritätische Bühnenreifeprüfung vor. Da ist also von Schauspiel- und Gesangsunterricht über wissenschaftliche Recherche bis hin zu Kinder bespaßen alles dabei. Kein Tag ist wie der andere!
Lisa Pointner, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube, dass wir auf uns selbst und aufeinander schauen. Fürsorglich und verständnisvoll, aber auch reflektiert, kritisch! Wir leben in einer turbulenten Zeit und Informationen und Fehlinformationen sind so unkompliziert zugänglich wie noch nie. Es ist leicht, in seinem eigenen Dunstkreis zu schwelgen, sich gegeneinander aufbringen zu lassen und alles, was nicht mit dem eigenen Weltbild übereinstimmt, besserwisserisch abzutun.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich persönlich finde wichtig, dass wir vor lauter Angst um die Zukunft nicht im eigenen Egoismus versumpfen. Das mag naiv sein, aber ich bin überzeugt davon, dass wir im Kern alle dasselbe wollen: (sorgen)frei leben. Klar ist jeder einzigartig. Aber unsere Individualität ist nichts, was uns voneinander trennt, sie verbindet uns!
Die Kunst macht das, was sie immer schon gemacht hat: kondensieren, überhöhen, hinterfragen, abbilden, verständlich machen, berühren, zum Nachdenken und zum Handeln anregen. Kollektive Erfahrungen wie zum Beispiel ein Theaterbesuch können meiner Meinung nach all das!
Was liest Du derzeit?
Ich habe gerade begonnen den ersten Teil der Hexer-Reihe von Andrzej Sapkowski zu lesen. Ich war schon als Kind ein großer Fantasy-Fan. Mit dem Germanistikstudium ist dann absurderweise meine Leselust komplett versiegt. Das ändert sich gerade wieder ein bisschen und ich genieße es, in diese fremde Welt abzutauchen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das Toleranz-Paradoxon vom Philosophen Karl Popper: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“ und zwei Fragen zum Nachdenken: Welche Instanz entscheidet, was tolerant und was intolerant ist? Und kann ich auch intolerant tolerant sein?
Lisa Pointner, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Lisa Pointner, Schauspielerin
Zur Person_ Lisa Pointner, geboren und aufgewachsen in der Steiermark, Studium der Germanistik, Geschichte und Sprechwissenschaft in Graz und Regensburg. Seit 2019 Schauspielausbildung in Wien.
Fotos_Paul Vincenth Schütz
12.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Chöre des Schweigens walten durch verwüstete Wiesen.
Entfernte Gegend, Zypresse und Zitronenduft…
Auch das Meer blutet, Fische fressend Kinderleichen,
Chaos, Schreie, man floh vor Krieg und
Hunger und nun ertrinkt die Hoffnung im Morgenrot.
An allen Ecken der Welt eine einzige
Nation des Leidens und diese
Chiffre: Frieden, die Urantwort,
Erbe, Zukunft und Traum:Give Peace A Chance!
Sabine Aussenac, 30.11.2022
Sabine Aussenac, Schriftstellerin
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Sabine Aussenac, Schriftstellerin
Zur Person:
Sabine Aussenac wuchs zwischen Mittelmeerlichtern und Tannenwäldern auf, pendelte oft zwischen Rhein und Garonne. Sie arbeitet als Deutschlehrerin in der „rosa Stadt“ Toulouse und schreibt Gedichte, Romane, Kurzgeschichten… Ihre Richtlinien: Frauenrechte, Lyrik, Shoah und Engagement gegen Antisemitismus, deutsch-französische Beziehungen… Meistens schreibt sie auf Französisch, aber manchmal auch auf Deutsch. Ihr letztes Buch ist ein Essay über Rose Ausländer, die sie auch übersetzt. Sie promoviert gerade über drei Worpsweder Künstlerinnen. Wien gehört zu ihren Lieblingsstädten!
Lieber Gero, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nach dem Aufstehen in Ruhe frühstücken, dann zur Arbeit. Der Weg von Haustür zu Haustür ist in 110 Minuten zu bewältigen. Ich bin in einem Seniorenheim tätig und erlebe viele Situationen, die mich inspirieren. Den Arbeitsweg nutze ich häufig für mein Training, es entstehen viele Haiku. Wenn die Energie nicht verbraucht ist, formuliere ich noch ein wenig und schreibe die Gedanken nieder oder ich arbeite an einem Bild. An erster Stelle steht für mich jedoch der Austausch mit meiner Frau.
Gero Ulbricht,Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Bei aller Unruhe und Unsicherheit sollten wir uns der hervorragenden Erkenntnisse vorheriger Generationen erinnern, Schwierigkeiten gab es schon immer und auch deren Lösung. Am wenigsten nutzt Panikmache. Klarheit und Konsequenz sind m.E. erforderlich.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst als Ganzes, hier sehe ich alle Genres, ist wichtig für die Aufklärung, den Humor, die Stille und die Ablenkung. Wenn die Kunst stirbt, stirbt das Menschliche in uns. Die Stilllegung der Kunst in der ersten Phase der Pandemie hat das verdeutlicht und das sollte nie wieder geschehen. Mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine ist auch hier klar geworden, was Kunst vermag. Das ist in vielen aktuellen Ausstellungen und in Veröffentlichungen erkennbar, welche durch osteuropäische Künstlerinnen und Künstler bereichert werden.
Was liest Du derzeit?
Thomas Collmer „Pfeile gegen die Sonne – Der Dichter Jim Morrison„ und Lawrence Ferlinghetti „Little Boy“. Es ist ein wenig Flucht ins Vergangene, jedoch auch sprachliche Lust am Wort. Außerdem lese ich verschiedene Veröffentlichungen befreundeter Lyrikerinnen und Lyriker mit großer Freude.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Beginne dort, wo du bist, warte nicht auf bessere Umstände. Sie kommen automatisch in dem Moment, wo du beginnst. Dieses Zitat von Petra Kelly ist mein Antrieb.
Vielen Dank für das Interview lieber Gero, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Gero Ulbricht,Schriftsteller
Foto_privat
21.11.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Zur Person: Sabine Foraboschi, Schriftstellerin, geboren in Bruneck, wohnhaft in Kurtatsch. Veröffentlichungen von Büchern sowie Texten in verschiedenen Zeitschriften.
Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Um Punkt 6 Uhr läutet der Wecker. Ich heize ein, begleite meinen Sohn zur Schule, arbeite. Ich schreibe, inszeniere, denke. Nachmittags bringe ich meinen Sohn zum Klettern oder wir spielen oder wir gehen in den Wald oder wir beobachten den Himmel. Denn Oskar möchte eines Tages zum Mars fliegen.
Elisabeth Weilenmann, Autorin und Regisseurin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Innehalten. Der Moment. Die Stille. Solidarität. Das Ende des Patriarchats. Demokratie.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wenn Du es eilig hast, dann mache einen Umweg. Das sagte die Schriftstellerin Brigitte Schwaiger vor Jahren zu mir. Es ist ein buddhistisches Sprichwort. Und ich schaffe es nur mäßig danach zu leben. Aber ich denke, dass es wichtig ist, das Leben Schritt für Schritt zu gehen, nicht zu hetzen, stehen zu bleiben, in die Natur zu gehen, zu begreifen, dass wir aus ihr hervorgegangen sind. Kunst spielt in diesem Prozess eine wesentliche Rolle, nämlich die des (auch schmerzhaften) Spiegels, nicht die des Verführers (und ich schreibe hier sehr bewusst dieses Wort NICHT in der weiblichen Form).
Was liest Du derzeit?
Heimat bist du toter Töchter
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
An allem Unfug, der passiert, sind nicht nur die Schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern. ERICH KÄSTNER.
Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Elisabeth Weilenmann, Autorin und Regisseurin
Zur Person_Elisabeth Weilenmann wurde als dritte von sechs Töchtern geboren. Sie wuchs auf dem Land auf – inmitten von Blumen, Kühen, Schafen, Wäldern und alten Strukturen. Nach der Matura ging sie ein Jahr nach Frankreich, kam zurück und studierte Kommunikations-und Politikwissenschaften, sowie die französische Sprache. Ihr erstes Hörspiel MEIN KÖRPER IST EIN SCHLACHTFELD schrieb sie 2008. Es folgten über 40 Stücke für diverse Sender (NDR,DLF, ORF, SRF, BR, HR, MDR). Sie gewann zahlreiche Preise (u.a Hörspiel des Jahres, Hörspielpreis der Kritik, Silver Radio Award, Prix Europa)