„Literatur ist unter anderem auch eine Kunst des Zuhörens“ Anne Marie Pircher, Schriftstellerin _Meran 22.12.2022

Liebe Anne Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht wesentlich verändert. Bereits lange vor Pandemie und Krieg habe ich mein Leben in eine Richtung gelenkt, die nachhaltiger ist und das Essentielle sucht. Ich habe mich dem zugewandt, was mir wirklich wichtig ist und auf viele unnötige Dinge, die man meint, haben oder tun zu müssen, verzichten gelernt. Das hat auch mit meiner eigenen Biographie zu tun, die von tiefen Einschnitten geprägt ist.

Anne Marie Pircher, Schriftstellerin  

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist ganz wichtig, in diesen schwierigen Zeiten nicht den Mut zu verlieren und mehr als sonst auf sich selbst und seinen Nächsten achtzugeben. Ich denke, dass Humor und Gelassenheit gute Mittel sind, um Situationen, die unüberwindbar scheinen, zu begegnen. Es gibt derzeit so viel Hass und Unsicherheit, auch so viel Ungerechtigkeit, dass man am liebsten schreien würde. Und viele tun das auch zu Recht. Jeder muss da seinen eigenen Weg finden. Ich lerne derzeit mehr Achtsamkeit in Bezug auf meine nähere Umgebung. Es braucht mehr Freundlichkeit unter uns Menschen, auch gegenseitige Wertschätzung. Vor allem aber echte Empathie für den Mensch, der neben uns steht. Es ist leicht, sich in eine Ideologie zu flüchten, viel schwerer ist es, im gelebten Alltag füreinander da zu sein. Kriege beginnen im Kleinen, in den Familien, auf der Straße, im Geschäft, in den Institutionen. Davon bin ich überzeugt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass es für uns alle wichtig ist, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Zu schauen, was passiert und in welche Richtung es geht. Achtsamkeit ist das Gebot der Stunde. Mir macht die Spaltung der Gesellschaft große Sorge, sie ist so stark spürbar, dass es mich jeden Tag auf irgendeine Weise beschäftigt. Ich sehe viel Verbitterung, Kälte und Egoismus zu allen Seiten. Auch reale Armut. Da gilt es, hinzuschauen.

Während der Pandemie habe ich meinen Roman „Iris & Pupille“ geschrieben. Er erzählt vom Ausbruch einer jungen Frau im Südtirol der 1980er Jahre. Ein Text zwischen Abgrund, Rebellion und Neubeginn. Ich habe trotz der Drastik versucht, nicht zu werten, sondern die Menschen darin sprechen zu lassen. Literatur ist unter anderem auch eine Kunst des Zuhörens. Darin sehe ich eine große Chance und meine Aufgabe.

Was liest Du derzeit?

„Geschichte eines Kindes“ von Anna Kim.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es gab Sehnsucht nach etwas, das verloren war, Sehnsucht nach etwas, das sich nicht erfüllt hatte, Sehnsucht danach, etwas zu finden, und manchmal auch danach, etwas zu verlieren.“ Iris Wolff

Vielen Dank für das Interview liebe Anne Marie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anne Marie Pircher, Schriftstellerin  

Zur Person _ Anne Marie Pircher lebt als Schriftstellerin und Lyrikerin in der Nähe von Meran/Südtirol. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt den Roman „Iris & Pupille“ in der Edition Laurin Innsbruck, 2022. War Finalistin beim Literaturwettbewerb „Floriana“ in St. Florian b. Linz. Sie erhielt mehrere Stipendien der Südtiroler Landesregierung.

Nähere Infos unter http://www.annemariepircher.eu.

Foto Collage_privat

4.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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