Liebe Nur Gimenez Villarroya, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Vor kurzem zog ich in die Schweiz. Ich wurde ich für das Master-Programm in Physical Theatre an der Dimitri Theater Akademie ausgewählt.
Seit September hat sich meine Routine komplett gewandelt, vom Leben auf den Straßen von Urfahr in Linz, Österreich, zum Aufwachen in den Bergen des Tessins, Schweiz.
Hier beginnen die Tage um 9 Uhr und enden um 16 Uhr – als feste Struktur – der Inhalt variiert zwischen Kursen, Seminaren, Forschung, aber am Nachmittag haben wir eine Vielzahl von Aktivitäten unter ihnen, Akrobatik, Kulturabende, mehr Seminare, mehr Kurse.
Also, eigentlich endet mein Tag um 20 Uhr, aber obwohl die Tage lang sind, sind sie voller Inspiration.
Nur Giménez Villarroya, dancer, performer _ Le Sacre du Printemps at Landestheater Linz, choregrafin Mei Hong Lin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Lenken Sie den Fokus Ihrer Aufmerksamkeit auf den nächsten Körper (den Körper). Verbinden Sie sich mit diesem sensiblen, einfühlsamen, ehrlichen und natürlichen Raum, der uns mit der Welt verbindet, schauen Sie „nach innen“, um zu lernen, auf „das Äußere“ zu hören, und so werden wir vielleicht aufhören, gefühllos zu handeln.
Nur Giménez Villarroya _ Foto: Silvia Arenas
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Theater, Kunst und Tanz waren in unserer menschlichen Entwicklung schon immer in unzähligen Ausdrucksformen präsent. Ich denke nicht, dass wir Theater/Kunst/Tanz fragen sollten, was sie uns in diesen Zeiten bieten können, sondern wiederum unseren Körper fragen sollten: In welcher Beziehung steht er jetzt zu den Künsten? Konsumieren Sie aus Langeweile, arbeiten Sie nur für Geld? Was möchte ich schaffen, um (ich = meinen Körper) der Welt mit meiner Kunst anzubieten? – Schaffen bedeutet, lieben zu verstehen, sich weiterzuentwickeln und neu aufzubauen.-
Nur Giménez Villarroya, queer feminist festival, folgendes
Was liest Du derzeit?
Momentan:
Metagenealogía, Alejandro Jodorowsky y Marianne Costa
Politica Sexual de la Pornografia. Sexo, Desigualdad, Violencia, Mónica
Alario Gavilán
Sommerhits:
Un apartamento en Urano, Paul B. Preciado
Tengo miedo Torero, Pedro Lemebel
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„(…) Aber weil ich euch liebe, meine tapferen Gleichen, wünsche ich, dass auch ihr den Mut verliert. Ich wünsche mir, dass Ihnen die Kraft fehlt, die Norm zu wiederholen, dass Sie nicht die Energie haben, Ihre Identität weiter zu erschaffen, dass Sie die Entschlossenheit verlieren, weiterhin daran zu glauben, dass Ihre Rollen die Wahrheit über Sie sagen. Und wenn Sie allen Mut verloren haben und verrückt vor Feigheit sind, wünsche ich Ihnen, dass Sie neue und fragile Verwendungsmöglichkeiten für Ihre verletzlichen Körper erfinden. Weil ich dich liebe, wünsche ich dir schwach und nicht mutig. Weil die Revolution durch Schwäche handelt. Lyon, 22. November 2014.“
Der Mut, du selbst zu sein, aus „An Apartment on Uranus“ von Paul B. Preciado.
Vielen Dank für das Interview, liebe Nur, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Nur Giménez Villarroya, dancer, performer
Zur Person _ Nur Giménez Villarroya ( 7.5.88, Barcelona/Spain) a non-binary , transfeminist freelance dancer/Performer with 15 years of International Professional Experience, graduated with Distinction by the Royal Academy of Dance and awarded dancer of the year 19/20 by Landestheater Linz. As well a Yoga Teacher, Phytotherapist and actively involved in several cultural collectives. Currently cursing the Masters Program of Physical Theater at Academia Teatro Dimitri, Verscio/Switzerland.
Es ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte, die für den 1899 als Sohn eines Sattlermeisters in Dresden geborenen vielseitigen Journalisten Ende der 1920 Jahre in Deutschland beginnt. Der gefeierte Theaterkritiker veröffentlicht 1929 sein erstes Kinder/ Jugendbuch „Emil und die Detektive“, dem „Pünktchen und Anton“ (1931) und „Das fliegende Klassenzimmer“ (1933) als Bestseller der Zeit folgen. Es ist eine Millionenauflage, denen auch eine Verfilmung folgt. Der Gipfel des Erfolges. Alles steht dem studierten Germanisten, Dr.phil., offen und viele Pläne gibt es jetzt. Doch dann…
1933. Jetzt verändert sich alles in Deutschland. Der Nationalsozialismus ergreift die Macht. Der Erfolgsautor wird verhört, seine Bücher werden öffentlich verbrannt. Seine Kollegen:innen emigrieren nach Möglichkeit, suchen Wege dem Terror zu entkommen.
Er bleibt. Schreibt weiter in Pseudonymen. Überlebt.
Sein Name: Erich Kästner.
Tobias Lehmkuhl, renommierter Literaturkritiker und Autor, geht in dem vorliegenden Buch den Wegen eines der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellers in Leben, Werk, Gesellschaft und Politik nach und öffnet in 14.Kapitel viele bisher nicht bekannte Realitäten und Facetten einer Schriftstellerexistenz in herausforderndsten Zeiten.
Das Buch besticht in Recherche, Aufbau, narrativer Zusammenschau wie kritischem Ein- und Ausblick. Es stellt den Menschen, Schriftsteller Erich Kästner an Lebens-, Werksstationen in unbekannten Details vor und lässt diesen interessiert folgen.
In der Zusammenschau geht es in dieser sehr bemerkenswerten Biographie um Grundwerte des Lebens und Kunst im äußersten Spannungsfeld von Leben und Gesellschaft und greift damit weit über ein Leben hinaus.
Der doppelte Erich. Kästner im Dritten Reich. Biographie. Tobias Lehmkuhl. Rowohlt Verlag.
Es ist ein Leben im Rampenlicht der berühmtesten Opernbühnen der Welt, der TV- und Filmscheinwerfer und der privatem Öffentlichkeit, welche die 1923 als Tochter griechischer Eltern in New York geborene und 1977 in Paris verstorbene Sängerin, Schauspielerin Maria Callas zur einzigartigen Sopranistin, außergewöhnlichen Schauspielerin wie hingebungsvoll und unglücklich Liebenden abseits der Bühne zur Legende von „Kunst und Mythos“ bis zum heutigen Tage machen.
Zum 100.Geburtstag der letzten „Diva“ legt nun der renommierte Musikwissenschaftler und Professor an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Arnold Jacobshagen, eine kompakt informative wie inspirierende Biographie vor, die kompetent Leben und Werk vorstellt wie auch vielfältige Impulse zur Gegenwart setzt.
Hervorzuheben ist zunächst der klare Kapitelaufbau, den der Autor wählt, und der in vier Themenbereichen – Leben-Kunst-Mythos-Callas morgen – aufgebaut ist. Damit gelingt ein klarer Leitfaden, was bei der Komplexität des Themas nicht einfach ist, aber diese Biographie auch wesentlich ausmacht. Leserin und Leser folgen den Stationen eines Lebens und erleben gleichsam Erfahrungen und Erlebnisse, Träume und Triumphe wie Enttäuschungen und Hoffnungen eines ganz außergewöhnlich erfolgreichen wie persönlich tragischen Künstlerinnenlebens strukturiert und hervorragend in den Rahmen der Zeit gesetzt mit.
Bestechend wie begeisternd ist das musikalische Fachwissen des Autors, mit dem die Bühnenauftritte in Genre, Aufbau, Musikgeschichte und schließlich Wirkung vorgestellt und lebendig gemacht werden. Das ist eine besondere Konzertreise, zu der hier eingeladen wird.
Schließlich ist auf die Darstellung des Lebensbogens zu verweisen, der auch hier Fakten aneinanderreiht, ohne nach Sensationen greifen zu wollen, und damit ins Schwarze trifft. Die Kunst wird über das Leben gestellt.
„Eine Callas Biographie, die Maßstäbe setzt!“
Maria Callas. Kunst und Mythos. Jacobshagen, Arnold. Reclam Verlag
Liebe Ana Bilic, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Neben dem Notwendigen – Frühstück, Mittagessen und Abendessen – und auch dem Erwarteten – das Schreiben, das Planen, das Umsetzen – gibt es auch drei wichtige Rituale:
1) „Welt hören“ – ruhig sitzen und eine kurze Zeit auf die Töne und die Geräusche um mich konzentrieren;
2) sich ein leichtes Dessert nach dem Mittagessen gönnen;
3) meine gekrizelten Notizen voll von Ideen in Ordnung bringen.
Ana Bilic, Autorin und Filmregisseurin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Eigene Krisen zu bewältigen: Selbsterkenntnis gepaart mit Toleranz zu sich selbst, sich Zeit nehmen und Gelassenheit festigen. Bei Krisen um uns herum: Teilnahme an der Umweltnachhaltigkeit, gesunde Diät bei Informationsüberflutung und kritisches Denken bei Moden jeder Art.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, der Kunst an sich zu?
Als Antwort nehme ich ein Gedicht aus meinem Lyrikband „Von Klarheit und anderen Irrtümern“ als Zitat:
Opferbereitschaft
Heutzutage ist Kunst anders als sie früher war:
Auch zum Frühstück zu gehen oder Wäsche zu waschen
wird als Kunst betrachtet.
Solche Performances helfen sowohl Kunstmachenden als auch Kunstkonsumenten
ein höheres Bewusstsein zu erreichen:
Jeder Akt des Lebens wird zur Kunst,
und damit wird das Leben auch viel sehnlicher.
Was liest Du derzeit?
Den Roman „Der Einzelgänger“ von Eugène Ionesco – der einzige Roman, der dieser großartige Dramatiker1973 verfasst hat. „Der Einzelgänger“ redet über Gott und die Welt in einem einfachen, fast infantilen Stil und somit trägt der Roman die Witzigkeit und die Komik in sich, wegen der sich der Roman in einem Atem lesen lässt. Die Frage wird in den Raum gestellt: Ein Teil der Welt oder ein Einzelgänger zu sein?
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein kurzes Zitat aus meinem Langspielfilm „Wenn die Heidelerche singt“ zum Thema Natur und Umwelt:
„JUNGE FRAU:
Du hast kein Recht so zu reden. Der Wald rettet und liebt. Ich bin noch immer am Leben.“
Ana Bilic, Autorin und Filmregisseurin
Vielen Dank für das Interview, liebe Ana, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Filmprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Ana Bilic, Autorin und Filmregisseurin
Zur Person _ Ana Bilic (1962, Zagreb) lebt in Wien als Autorin/Filmregisseurin. Sie ist auch tätig als Theaterautorin und -regisseurin sowie als Linguistin.
Der ideale Mensch. Die ideale Frau. Der ideale Mann. Was ist das? Gibt es das? Und vor allem wo kommen Ideale hier? Wie wurden diese Ideale geformt und wie wirken diese heute nach?
Eleanor Janega, Professorin für mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte an der London School of Economics, Forschungsschwerpunkte sind dabei Sexualität, Propaganda und apokalyptisches Denken im Spätmittelalter, legt ein Grundlagenwerk kritischen Gesellschaftsverständnisses vor, das fundiert historische Grundlagen von Frausein in Komplexität und Variabilität erläutert wie persönliche Wege von Frauen in der Lebenswelt der Zeit vorstellt:
„Wenn wir verstehen wollen, wie die westliche Gesellschaft zu ihren gegenwärtigen Einstellungen in Bezug auf Frauen kommt, müssen wir sie bis ins mittelalterliche Europa zurückverfolgen…“
Das Buch ist in fünf Kapitel aufgebaut, die jeweils Form und Norm weiblicher Rolle beleuchten und vorstellen und dann zum Ausblick „Was bedeutet das für uns heute?“ ansetzt.
In der Analyse mittelalterlicher Quellen bringt die Expertin Überraschendes ans Licht der Forschung und setzt dies in einem gut lesbaren Stil und Kontext, sodass das Leben der Zeit in allem Licht und Schatten sehr bildhaft lebendig wird. Kritisch wird dabei der Bogen in die Gegenwart gespannt und so entsteht ein vielfältig impulsgebender Dialog zu Existenz und Gesellschaft im Heute
„Eine spannende Reise zu Leben und Bild der Frau im Mittelalter und deren gegenwärtige Auswirkungen!“
„Die ideale Frau“ Eleanor Janega. Wie uns mittelalterliche Vorstellungen von Weiblichkeit noch heute prägen. Propyläen Verlag.
Lieber Robert Preis, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich starte mit einem Morgenlauf mit meiner Hündin Bonnie. Dann gibt’s Social Media-Check und ein bis zwei Stunden Schreiben am aktuellen Romanprojekt. Danach fahre ich in die Weststeiermark – ich bin Journalist einer Tageszeitung. Am Abend Plaudern mit der Familie, Netflix oder ein gutes Buch.
Robert Preis, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Diese Frage verstehe ich nicht ganz. Aber spontan würde ich sagen, dass wir uns klarmachen sollten, dass das Leben endlich ist, ziemlich schnell vorüberbraust und wir das Beste daraus machen sollten – ohne anderen – den Menschen, den Tieren, der Natur – damit zu schaden. Das ist manchmal schwer genug.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich sehe das pragmatisch. So groß ist der Aufbruch gar nicht. Wir sollten einander nur nicht ständig vorhalten, welche Art zu leben richtig und welche falsch ist, denn ich befürchte, die Antwort darauf ist immer subjektiv. Ich sehe die Rolle von Literatur & Kunst eher darin, wieder mehr Empathie zu entfachen. Auch Empathie für sich selbst.
Was liest Du derzeit?
„Die Wilde Jagd“ von Rene Freund
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Manche träumen vom Erfolg, andere stehen auf und arbeiten hart dafür…
(habe ich gerade irgendwo aufgeschnappt und fand es ganz treffend)
Foto_privat
Vielen Dank für das Interview, lieber Robert, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Robert Preis, Schriftsteller
Zur Person _Robert Preis wurde 1972 in Graz geboren. Nach dem Publizistik- und Ethnologiestudium in Wien lebt er heute mit seiner Familie wieder in der Nähe seiner Heimatstadt. Er ist Journalist, Autor zahlreicher Romane und Sachbücher und Initiator des FINE CRIME-Krimifestivals™ in Graz.
Aktueller Roman _ Gottes Plagen,Robert Preis. Historischer Roman. emons Verlag.
Die Geschichte einer unmöglichen Liebe und der Entstehung des Grazer Gottesplagenbildes. 1463: Stjepan Tomašević, der letzte Despot Serbiens und König von Bosnien, wird von osmanischen Reitern enthauptet. Seine hochschwangere Frau Helena beobachtet die Ermordung und kann mit einem kleinen Gefolge fliehen. Hilfe erhält sie auch von einem Pilger namens Johannes, der sie Richtung Norden ins sichere Graz des Heiligen Römischen Reiches führen will. Doch die Osmanen sind ihnen dicht auf den Fersen, und in einer Zeit von Krankheiten, Plagen und Kriegen scheint am Ende nur noch ein Bild die Hoffnung auf eine Zukunft zu nähren.
Gottes Plagen, Robert Preis, Broschur 13.5 x 20.5 cm 576 Seiten ISBN 978-3-7408-1945-3 18,00 € [DE] 18,60 € [AT]
Zur Person _ Tanja Langer, geboren 1962 in Wiesbaden, lebt seit 1986 in Berlin. Sie veröffentlichte Erzählungen, Hörspiele und Romane wie Der Tag ist hell, ich schreibe dir, Der Maler Munch, Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte und den Afghanistanroman Der Himmel ist ein Taschenspieler (mit D. Majed). Als Textdichterin für Neue Musik verfasste sie das Libretto für die Oper Kleist (UA 2008) und den Liederzyklus Künstlerinnen/ Fürchterlich ist die Braut am Abend von Rainer Rubbert, die Oper Ovartaci – crazy, queer & loveable für 12 Komponist*innen (2017/8 Staatsoper Unter den Linden, Berlin) u.a.. 2019 eröffnete sie ihr Projekt zum Erinnern und Vergessen mit dem Roman Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder die Erfindung der Erinnerung. 2016 gründete sie den polyphonen Bübül Verlag Berlin.
Langer gilt als »… eine aufregende und avancierte Autorin mit Gespür für politisch-gesellschaftliche Umbrüche, die sie immer auch aus privater Sicht zu spiegeln weiß.« Volker Heigenmooser, literaturkritik.de
Zur Person _ Udo Brückmann, geb. 1967, lebt als Autor, Coach und Dozent im ländlichen Niedersachsen, zahlreiche Veröffentlichungen: Kriminalromane, Fantasy-Roman, historischer Roman, Kurzgeschichten, Kindergedichte, Radio, Lyrik, Auftrags-Gedichte u.a. – Alle Infos auf der Webseite http://www.udo-brueckmann.de
Niederkaltenkirchen ist wieder in heller Aufregung. Auf Rasen und Straßen. Es geht um den Golfclub und überhaupt um Neues. Und dann wird ein Toter vor Ort gefunden. Es ist der Steckerlfischkönig. Und die Ermittlungen beginnen mit so mancher Überraschung, ein Fall für Franz Eberhofer…
Rita Falk legt ihren 12 Franz Eberhofer Krimi vor, und dieser ist wiederum eine spannende, humorvolle wie ab- und hintergründige Reise zu menschlichen, allzumenschlichen Facetten täglichen Lebens und deren ungeahnten Wirkungen und Folgen.
Die Autorin versteht es brillant in menschliche Seelen zu blicken und in allen hellen und dunklen Farben leuchten zu lassen.
„Ein einmaliges Lesevergnügen in Spannung, Witz und Abgründigkeit!“
„Steckerlfischfiasko“ Rita Falk. Ein Provinzkrimi, dtv Verlag.
Station bei Malina_ Astrid Kohlmeier, Schriftstellerin_Graz_ Roman „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)Station bei Malina_ Astrid Kohlmeier, Schriftstellerin_Graz_ Roman „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Liebe Astrid Kohlmeier, wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien. Sind Dir die Orte hier vertraut?
Ich lebe in Graz und bin leider viel zu selten in Wien, weshalb mir die Stadt grundsätzlich zu wenig vertraut ist. Bei unserer ersten Begegnung in der Ungargasse waren mir auch die Schauplätze des Romans „Malina“ noch völlig fremd. Inzwischen habe ich Bachmanns „Ungargassenland“ auch lesend bereist und entdeckt – dies war eine außergewöhnliche Reise.
Welche Bezüge und Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und dem Roman Malina?
Ich bin mit Ingeborg Bachmann im Rahmen meines Germanistik-Studiums in Berührung gekommen – leider wurde ihre Arbeit jedoch nicht ausführlich besprochen – ihre Lyrik, der Roman „Malina“ und das Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ blieben vielmehr Randnotizen. Einige Gedichte der Autorin sind mir natürlich vertraut, jedoch längst nicht ihr gesamtes lyrisches Werk. Vor Jahren habe ich „Herzzeit“, den Briefwechsel der Schriftstellerin mit Paul Celan, gelesen und erst gestern habe ich mir den Film „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ von Margarethe von Trotta im Kino angesehen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mich in nächster Zeit eingehender mit Bachmanns Werken zu beschäftigen und mein Versäumnis nachzuholen.
Welche Eindrücke hast Du von den Schauplätzen in der Ungargasse, die wir besucht haben?
Wir haben die Ungargasse an einem wunderbaren Herbstmorgen besucht. Es hat eine bezaubernde und zugleich geheimnisvolle Stille über diesen Orten gelegen und obwohl ich „Malina“ zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelesen hatte, war es doch ein erhebendes Gefühl, zu wissen, dass ich mich gerade an den Romanschauplätzen einer großen Schriftstellerin aufhalte. Etwas unfassbar Zartes und Melancholisches hat in der Luft gehangen und ich war mir bewusst, dass ich gerade die Grenze von Realität und Fiktion übertrete. Dass Bachmann selbst Jahre zuvor unzählige Male die Ungargasse hinauf- und hinuntergelaufen sein muss, sich in den Häusern, die wir aufgesucht haben, aufgehalten hat und vielleicht vom Innenhof zu denselben Fenstern hinaufgeblickt hat, zu denen ich an diesem Tag hinaufgeblickt habe, hat in mir beinahe den Eindruck geweckt, in der Zeit zu reisen.
Wie siehst Du den Aufbau und das Konzept des Romans?
Die Dreiteilung des Romans in „Glücklich mit Ivan“, „Der dritte Mann“ und „Von letzten Dingen“ eröffnet dem Leser von Kapitel zu Kapitel neue Perspektiven auf das innere und äußere Erleben der Ich-Erzählerin, womit Bachmann eine unglaubliche Tiefgründigkeit und Komplexität des Erzählten erreicht. Der Roman vereint erzählende und dialogische Passagen, Versatzstücke von Telefonaten, Traumsequenzen und Briefe in sich, woraus sich eine sehr kunstvolle Komposition ergibt. Zusammengehalten und getragen wird „Malina“ von der unglaublichen Intensität und Strahlkraft von Bachmanns Sprache, in der die Stimme der Lyrikerin laut wird. Besonders die schonungslose Ehrlichkeit in der Beschreibung der Gedanken und Emotionen der Ich-Erzählerin haben mich nicht unberührt gelassen.
Was sind für Dich zentrale Themen und Aussagen des Romans?
Ich denke, dass „Malina“ ein Buch über die Sehnsucht nach der vollkommenen, allumfassenden Liebe ist, die jedoch nie gestillt wird. Es ist ein Text über das sich Suchen, sich Finden und sich Verlieren in einem Gegenüber, über die heilende, aber auch vernichtende Kraft, die sich aus einer innigen Zweierbeziehung entwickeln kann. Es ist ein Roman über Glückseligkeit, Rettung, Schmerz, Verlust und Einsamkeit – über drei Arten von aussichtsloser Liebe zwischen Mann und Frau, die am Ende zum völligen Erlöschen der liebenden Person, ja zu deren gewaltsamen Tod führt.
Wie ist die Beziehung zwischen Mann und Frau im Roman dargestellt und wie ist dies heute zu sehen?
Die Beziehung zwischen Mann und Frau wird in „Malina“ anfänglich irrtümlich als sinnstiftend und glücksbringend, dann jedoch zusehends als gleichgültig, von Nicht-Verstehen geprägt – über Malina etwa äußert die Erzählerin „Wir werden einander nie verstehen, wir sind wie Tag und Nacht […]“ – distanziert, gewaltsam und schlussendlich als vernichtend geschildert. Im Kapitel „Der dritte Mann“ wird die Gewalt in albtraumhaften Szenen bis ins Unerträgliche gesteigert. Die Ich-Erzählerin wird in ihren Träumen von ihrem Vater – der sinnbildlich auch für die männerdominierten Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges steht – wiederholt geschändet und auf unterschiedlichste Art und Weise von ihm ermordet. Am Ende ist es die Frau, die durch die Beziehung zu einem Mann in eine „unhaltbare Situation“ getrieben wird, unter ihr leidet und an ihr zerbricht, durch diese ausgelöscht wird. Die Ich-Erzählerin ist von der Sehnsucht nach einer vollkommenen Liebe getrieben und gibt sich schließlich selbst dafür auf. Ihre Liebe wird nicht in dem Maße erwidert, wie sie es sich erhofft und ein solches Ungleichgewicht ist zu jeder Zeit und natürlich auch heute denkbar. Die hohe Anzahl an jährlich verübten Femiziden zeigt auch, dass Frauen nicht nur im übertragenen Sinn an einer Liebesbeziehung zu Grunde gehen, sondern dass reale Morde an Frauen tragische Realität sind. Dennoch sollte man den Gedanken nicht außer Acht lassen, dass sich die Vorzeichen auch umkehren ließen – dass also auch ein liebender Mann in eine solch hoffnungslose Situation geraten könnte.
Wie beurteilst Du die Protagonisten Ivan, Malina, Ich-Person in ihrem literarischen Kontext bzw. dem Kontext der Autorin und ihrer Biographie?
Auch wenn Ingeborg Bachmann selbst ihren Roman als „geistige, imaginäre Autobiographie“ bezeichnet hat und es durchaus erhellend sein kann, derartige Querbezüge herzustellen, möchte ich den Text ungern in diesem Kontext beurteilen, da ich der Auffassung bin, dass ein literarisches Werk unabhängig von der Biographie seines Urhebers bewertet werden sollte.
Wie siehst Du das literarische Konzept des dreistufigen Aufbaus des Romans?
Siehe Antwort oben
Welches Frauen- und Männerbild spricht Ingeborg Bachmann in „Malina“ an und wie aktuell ist dies heute?
In „Malina“ unterliegt eine intellektuelle, erfolgreiche Frau dominanten Männern – Ivan, dem Vater, Malina, denen sie sich unterwirft und in deren Abhängigkeit sie sich begibt. Sie ist „Malinas Geschöpf“ und auch finanziell von ihm abhängig, da er sie „beide durch die teuren Zeiten bringt“. Sie ist weiters abhängig von Ivans Zeit, seiner Aufmerksamkeit und Zuneigung, denn „er soll [sie] erlösen“. Über ihn sagt sie etwa: „Er ist mein Leben, meine einzige Freude“ und „[…] ich möchte, daß Ivan mich braucht, wie ich ihn brauche, und für das ganze Leben.“ Während die Ich-Erzählerin bereit ist, für ihre Liebe zu Ivan alles zu tun und zu opfern, wirkt dieser emotional kalt und unbeteiligt. So wartet sie ständig auf Ivans Anrufe und will für ihn ein Buch schreiben, ohne zu verlangen, dass er es jemals liest. Die Schriftstellerin versucht sich sogar als Hausfrau, beginnt aufwendigst für ihren heimlichen Geliebten zu kochen, weil er „genug habe von diesen belegten Broten und [einmal] wissen möchte, was [sie] zu kochen verstünde“. Sie hütet obendrein noch seine Kinder, wenn er gerade verhindert ist. Gleichzeitig lässt sie sich von ihm demütigen und beschimpfen: „Durch Ivan, der das Spiel will, habe ich deswegen auch eine Gruppe von Schimpfsätzen kennengelernt. Über den ersten Schimpfsatz bin ich noch sehr erschrocken, aber nun bin ich fast süchtig geworden und warte auf die Schimpfsätze, weil es ein gutes Zeichen ist, wenn Ivan zu schimpfen beginnt. Ein kleines Aas bist du, ja du, was sonst? […] Ich rede mit dir, wie ich will / Ein kleines Luder bist du […] Du bist zu dumm, du verstehst eben nichts. […] Manchmal siehst du richtig alt aus […] Graue und braune Kleider machen dich alt / Verschenk deine Trauerkleider ans Rote Kreuz / Wer hat dir diese Grabkleider erlaubt? Natürlich bin ich böse, ich habe Lust, böse zu sein.“ Am Ende wird der Ich-Erzählerin schmerzlich bewusst: „Ich habe in Ivan gelebt und ich sterbe in Malina.“ Sowohl ihr Leben als auch ihr Sterben sind von ihren beiden Männern bestimmt, ihre Albträume von einer gewalttätigen Vaterfigur, die, wie mir scheint, das Patriarchat als solches verkörpert.
Trotz der fortschreitenden Emanzipation bin ich der Auffassung, dass wir weiterhin in einer von Männern dominierten Welt leben, dass es auch heute noch unzählige Frauen gibt, die ihr eigenes Leben wie die Ich-Erzählerin dem eines Mannes – sei es nun der Vater, der Partner oder ein Vorgesetzter – unterordnen und daran zerbrechen. Ich denke, es wird noch sehr lange dauern, bis sich die herrschenden Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern wandeln und ein gleichberechtigtes Miteinander Realität werden kann.
Welchen Einfluss hatte und hat der Roman auf die Entwicklung von Literatur, Kunst und Emanzipation und Gesellschaft?
Diese Frage muss ich leider unbeantwortet lassen.
Wie siehst Du das Ende des Romans?
Das Ende ist tragisch, jedoch unausweichlich.
Gab es in Deinen Literatur-, Kunstprojekten Berührungspunkte zu Ingeborg Bachmann?
In meinen Gedichten und Prosatexten erforsche ich immer wieder zwischenmenschliche Beziehungen, so auch jene zwischen Mann und Frau. Das Motiv der weiblichen Sehnsucht nach einer vollkommenen Liebe, das Sich-Verlieren in einem Gegenüber, die Gewalt, der Frauen ausgesetzt sind, spielen auch in meinen Texten eine Rolle.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Soeben ist mein Gedichtband „Zärtliche Risse“ im Wolf Verlag erschienen, derzeit arbeite ich bereits an meinem dritten Lyrikband und an einigen Erzählungen, die gesammelt in einem Band erscheinen sollen. Ich spiele gerade auch wieder mit dem Gedanken, einen Literaturklassiker für die Bühne zu bearbeiten.
Hättest Du mit Ingeborg Bachmann gerne einen Tag in Wien verbracht und wenn ja, wie würde dieser aussehen?
Sehr gerne hätte ich mit Ingeborg Bachmann einen Tag in Wien verbracht. Vielleicht hätte ich mit ihr gemeinsam einen Spaziergang unternommen und mich mit ihr bei ein paar Gläsern Wein und einigen Zigaretten über ihr Leben, ihr Schreiben und die Liebe unterhalten.
Station bei Malina_ Astrid Kohlmeier, Schriftstellerin_Graz_ Roman „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Station bei Malina_Roman Ingeborg Bachmann_Wien_1971
im Interview und szenischem Fotoportrait_acting Malina:
Astrid Kohlmeier, Schriftstellerin_Graz_ _Wien_ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _
Aktuelles Buch _ Astrid Kohlmeier, Zärtliche Risse. Gedichte. Wolfsberg: der wolf verlag 2023. 112 Seiten. ISBN 978-3-903354-47-0.