Station bei Milena _ „Sie sind allein? Tag und Nacht?“ Mara Christine Koppitsch, Schauspielerin _ Wien 18.9.2024

Station bei Milena Jesenska  und Franz Kafka _
Mara Christine Koppitsch, Schauspielerin, Musikerin _Wien_performing


80.Todesjahr _ Milena Jesenská (10.August 1896 Prag + ermordet 17.Mai 1944 KZ Ravensbrück) _Journalistin, Schriftstellerin, Übersetzerin

100.Todesjahr Franz Kafka * 3.Juli 1883 Prag
+ 3.Juni 1924 Kierling/Klosterneuburg (AUT) _ Schriftsteller

Fotos _ am Wohnort Milena Jesenskas in Wien.
Franz Kafka war hier im Sommer 1920 für 4 Tage zu Gast.
Milena Jesenská (10.August 1896 Prag + ermordet 17.Mai 1944 KZ Ravensbrück) _
Journalistin, Schriftstellerin, Übersetzerin
Franz Kafka, Schriftsteller _
100.Todesjahr Franz Kafka * 3.Juli 1883 Prag+ 3.Juni 1924 Kierling/Klosterneuburg (AUT) _ Schriftsteller

Zum Projekt: Das Literatur outdoors Projekt „Station bei“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Fotografie und Theater/Performance.

Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.

Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person am biographischen bzw. werksgeschichtlichen Bezugsorten beizutragen.

Mara Christine Koppitsch, Schauspielerin, Musikerin _Wien

Liebe Mara Christine Koppitsch, Schauspielerin, Musikerin, welche Zugänge gibt es von Dir zu Franz Kafka und Milena Jesenska?

Milena Jesenska habe ich tatsächlich erst vor kurzem „kennengelernt“. Sie macht einen äußerst sympathischen Eindruck auf mich – wir sind nahezu Nachbarinnen und werden uns von nun an öfter auf einen Kaffee treffen 😉.

Milena beeindruckt mich. Gelesen habe ich zwar noch nicht viele Zeilen von ihr, aber nach etwas Recherche über sie als Person kann ich eine Powerfrau mit Gerechtigkeitssinn erkennen. Schon als junges Mädchen in Prag musste sie einen inneren Drang verspürt haben – gesehen zu werden, geliebt zu werden, sich aus dem sozialen Korsett zu befreien. Letzteres hatte, wie man es aus dem Briefwechsel erlesen kann, auch seine unangenehmen Folgen…

Durch die Heirat mit Ernst Polak nach Wien übersiedelt, mit Geldnöten und vielen Ängsten konfrontiert wollte sie sich auf die eigenen Beine stellen. Die Texte von Kafka hatten sie angesprochen – umso wertvoller dürfte der Austausch mit dem „echten“ Kafka für sie gewesen sein. Die Briefe vermitteln eine schwierige Beziehung zwischen Milena und ihrem Ehemann Ernst.


Gerne würde ich den Moment miterleben in dem Milena und Kafka sich das erste Mal begegneten…

(Prag, 4. bis 5. Juli 1920)

Sonntag 1/2 123) Ich nummeriere, wenigstens diese Briefe, keiner darf
Dich verfehlen, so wie ich Dich nicht verfehlen durfte in dem kleinen Park.

…und die Szene sehen als Kafka (am Ende der Kräfte) seine Tagebücher an Milena übergab.


Das was Milena nach Kafkas Tod für viele von der Gesellschaft unterdrückten Personen leistete, ist unfassbar mutig und lehrt mich demütig zu sein.

Wir sind hier am Lebensort Jesenskas, an dem auch Kafka zu Gast war. Welche Eindrücke hast Du vom Haus/Umfeld hier?

Die Lerchenfelder Straße kenne ich gut. Ich spaziere hier oft entlang, da diese breite Straße in der Nähe meiner Wohnung liegt. Kafka beschreibt bereits 1923 den Lärm der Straße. Wie er den (mit Sicherheit angestiegenen) Lärmpegel heute wohl empfinden würde? Ich stelle mir vor, dass Franz mit Milena schnell in die Wohnung geflüchtet wäre. Vorausgesetzt Ernst wäre nicht zuhause.

Das Haus Nr. 113 liegt unscheinbar. Zuerst daran vorbeigelaufen, wäre ich beinahe zu spät zu unserem Fotoshooting gekommen. Endlich angelangt, übt die Eingangstüre sogleich ihren Altbau-Charm auf mich aus. Wie konnte ich das Gebäude nur übersehen?  Auch im Gebäude gibt es einiges zu entdecken.

Eine kleine gewundene Steintreppe führt einen Halbstock nach unten, im Anschluss gelangt man durch einen kurzen dunklen Gang in einen kleinen, schmalen Hof. Eine kafkaeske Atmosphäre ist wahrnehmbar… Schummrig, dunkel, alt – Treppe und Gang. Der enge Hof mit hohen Mauern der mich fast verzweifeln lässt aber… Da! Grünes Gewächs rankt sich nach oben und ich kann zum blauen Himmel blicken. Diese neue Perspektive gibt kurze Zeit Hoffnung. Jedoch… Werde ich diese Gemäuer jemals bezwingen können? Sind die Mauern nicht zu hoch, der Gang zu finster? Einsamkeit macht sich breit.

Entscheidet man sich der gewundenen Treppe hoch in die oberen Stöcke zu folgen, wird man einen gemusterten Fliesenboden erkennen. Die Farben des Bodens – warme Töne in Rot, sandfarben und braun – passen wundersamer Weise perfekt zu meiner „Milenas“ Kleidung. Die Enge des Stiegenhauses symbolisiert die beengende Beziehung zwischen Milena Jesenska und Ernst Polak…


Ich stelle mir vor als Milena in das Haus zu kommen, ich gehe durch das Treppenhaus hinauf, ich frage mich – wird Ernst zuhause sein? Hat er wieder schlechte Laune?  Wird die Geliebte anwesend sein? Im zweiten Stock angelangt, atme ich kurz durch, Stecke den Schlüssel ins Schlüsselloch, drehe ihn langsam um, drücke behutsam die Türe auf und betrete die Wohnung…  Ein leichtes Schaudern läuft mir über den Rücken.

Briefausschnitt von Franz Kafka:

(Meran, Mai 1920)

Sie sind sehr sonderbar Frau Milena, Sie leben dort in Wien, müssen dies und jenes leiden und haben dazwischen noch Zeit sich zu wundern, daß es andern, etwa mir, nicht besonders gut geht und daß ich eine Nacht ein wenig schlechter schlafe als die vorige.

(Meran, 10. Juni 1920)

(…) Aber das alles ist unwichtig gegenüber einem Einfall, den ich heute früh beim Aus-dem-Bettaufstehn hatte und der mich so bezauberte, daß ich gewaschen und angezogen war, ohne zu wissen wie und daß ich auf die gleiche Art mich auch noch rasiert hätte, wenn mich nicht ein Besuch (der Advokat, welcher die Fleischnahrung für notwendig hält) geweckt hätte. Es ist kurz folgendes: Sie gehen für eine Zeit von Ihrem Manne fort, das ist nichts neues, es ist ja schon einmal so gewesen. Die Gründe sind: Ihre Krankheit, seine Nervosität (Sie schaffen auch ihm Erleichterung) und endlich die Wiener Verhältnisse.

Wie siehst Du den Briefwechsel und die Beziehung beider?

„Ich habe noch einmal den Sonntagsbrief gelesen, er ist doch schrecklicher als ich nach dem ersten Lesen dachte. Man müßte Milena Ihr Gesicht zwischen beide Hände nehmen und Ihnen fest in die Augen sehn damit Sie in den Augen des andern sich selbst erkennen und von da an nicht mehr imstande sind, Dinge wie Sie sie dort geschrieben haben, auch nur zu denken.“ (Kafka, Briefe an Milena)

Kafka bzw. Kafkas Texte waren im Jahr 1920 eine Zuflucht für Milena Jesenska. Dies beruhte gewiss auf Gegenseitigkeit. Leider sind die Briefe von Milena an Franz aus diesem Briefwechsel nicht erhalten. Der Austausch der beiden bestand einerseits aus dem Bedürfnis selbst gesehen und ernstgenommen zu werden und andererseits aus dem Verlangen den anderen in seiner Tiefe verstehen zu wollen. Diese beiden Aspekte hielten sich die Waage, beide waren bereit zu geben und bekamen vom Anderen zurück. Zwar liegen nur Kafkas Briefe vor, jedoch wird in seinem Schreiben, eine Kommunikation auf Augenhöhe sichtbar. Seine „Feinstofflichkeit“ Milena gegenüber tritt klar zu Tage. Neben der Ernsthaftigkeit und Tiefe ist in Kafkas Briefen durchaus (s)ein Augenzwinkern zu erkennen.

Kafkas feiner Humor bringt mich und Milena zum Schmunzeln.

Ausschnitte aus Kafkas Briefen:

(Meran, 4. Juni 1920)

Freitag

Zunächst, Milena: was ist das für eine Wohnung, in der Sie Sonntags geschrieben haben?Weitläufig und leer? Sie sind allein? Tag und Nacht? Das muß allerdings trübselig sein dort allein an einem schönen Sonntagnachmittag einem » fremden Menschen« gegenüber zu sitzen, dessen Gesicht nur »beschriebenes Briefpapier« ist. Wie viel besser habe ich es! Zwar ist mein Zimmer nur klein, aber die wirkliche Milena ist hier, die Ihnen Sonntag offenbar entlaufen ist, und, glauben Sie es, es ist wunderbar bei ihr zu sein.

(Meran, 4.Juni 1920)

Freitag

Heute gegen abend habe ich, eigentlich zum erstenmal, allein einen größeren Spaziergang gemacht, sonst bin ich mit andern Leuten gegangen oder, meistens, zuhause gelegen. Was für ein Land ist das! Du lieber Himmel, Milena, wenn Sie hier wären, und du armer denkunfähiger Verstand! Und dabei wäre es eine Lüge, wenn ich sagte, daß ich Sie vermisse, es ist die vollkommenste, schmerzhafteste Zauberei, Sie sind hier, genau wie ich und stärker. wo ich bin, sind Sie wie ich und stärker. Es ist kein Scherz, manchmal denke ich mir aus, daß Sie, die Sie ja hier sind, mich hier vermissen und fragen: »Wo ist er denn? Schrieb er nicht, daß er in Meran ist?«

F

Meine zwei Antwortbriefe haben Sie bekommen?

Was lässt Liebe wachsen, was Liebe untergehen?

Eine komplexe Frage. Eine knappe Antwort.

Wachstum?
Hören – zuhören – ernstnehmen.
Freiräume für- und miteinander schaffen.
Humor.

Untergang? Erwartungen. Der eigene blinde Fleck.

Wann bist Du erstmals mit den Texten Kafkas in Berührung gekommen und welche Aussagen gibt es da für Dich?

Das erste Mal „Kafka“ stand im Gymnasium am Plan. „Die Verwandlung“ ist denke ich Bestandteil des Schulkanons. Die Enge und das Ausgeliefert-Sein werden durch Kafka meisterhaft vermittelt. Bereits in der Schulzeit erzeugten seine Beschreibungen Unbehagen in mir und das ist im Gedächtnis geblieben. In Kafkas Texten wird oft die Frage nach Gerechtigkeit aufgeworfen. Die Abhängigkeiten des Individuums von und in unserer Gesellschaft werden thematisiert. Der technische Fortschritt, welcher damals bereits rasant zunahm, hatte sein Schreiben eklatant beeinflusst. Er beschäftigt uns heute noch. Außerdem spielte das Scheitern für Kafka eine wichtige Rolle. Diese Thematik finde ich persönlich besonders spannend, vor allem wenn man den Blick auf seine unvollendeten Romane richtet. Ich beschäftigte mich deshalb die letzten Wochen mit „der Prozess“ und seinem Amerika-Roman „der Verschollene“. Meine Frage: Wäre hier ein „offizielles Ende“ notwendig gewesen?


Außerdem nehme ich in Kafkas Texten etwas schelmisch-komisches wahr, dieser Aspekt rückt bei Beschäftigung mit seinem Werk oftmals in den Hintergrund.
Zu guter Letzt: Der phantastische Aspekt Kafkas. Seine Geschichten sind wie aus
(Alb-)Träumen gewebt.
Kafkaesk.

Manchmal habe ich den Eindruck, wir hätten ein Zimmer mit 2 gegenüberliegenden Türen und jeder hält die Klinke seiner Tür und ein Wimperzucken des einen, schon ist der andere  hinter seiner Tür und nun braucht der erste nur noch gar ein Wort zu sagen dann hat der zweite schon gewiß die Tür hinter sich geschlossen und ist nicht mehr zu sehn. Er wird ja die Tür wieder öffnen, denn es ist ein Zimmer, das man vielleicht nicht verlassen kann. Wäre nur der Erste nicht genau so wie der Zweite, wäre er ruhig, sähe er scheinbar lieber gar nicht hin zum zweiten, brächte er das Zimmer langsam in Ordnung als sei es ein Zimmer wie jedes andere, statt dessen tut er genau das gleiche bei seiner Tür, manchmal sind sogar beide hinter den Türen und das schöne Zimmer ist leer. (Kafka, Briefe an Milena)

Wie hast Du Dich auf das Fotoshooting/die Performance vorbereitet?

Zu Beginn habe ich mir die „Briefe an Milena“ besorgt. Der Briefwechsel wird sogar im Internet als Download bereitgestellt – sehr zu empfehlen. Im Anschluss habe ich die Briefe durchgesehen und mir Textstellen herausgepickt mit denen ich mich näher befasste. Fotos von Milena sind schwer zu finden, ich habe mich also vor allem von den Briefen, der Zeitgeschichte und meiner eigenen Vorstellung inspirieren lassen. Ein paar Inputs gab mir zusätzlich die (meiner Meinung nach) gelungene neue Serie „Kafka“ (Regie: David Schalko).

Gab es bisher schon Kafka Projekte für Dich?

Bei Performance und Lesung war Kafka mit im Repertoire.

Gerne wieder! Offen für neue Kafka Projekte.

Was sind Deine nächsten Projektpläne?

Jetzt wird erst noch eine Runde Shakespeare „HENRY V“ auf Schloss Artstetten (NÖ) gespielt. Nebenbei werden Kolleg*innen und ich an unserem Nietzsche Projekt – eine multimediale Performance -weiterarbeiten. Dann stehen bald neue Theaterproben am Plan.

Darf ich Dich abschließend zu einem „Milena  Franz“ Akrostichon bitten?

M erke

I nnen

L iebe

E inander

N ehmen

A bends


F lüchtig

R ilke

A bgründe

N ehmen

Z art

Herzlichen Dank, liebe Mara!

Mara Christine Koppitsch und Walter Pobaschnig 5/24

Alle Fotos&Interview _ Walter Pobaschnig 5/24

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„Showbiz made in Vienna“ Die Marischkas. Marie-Theres Arnbom. Amalthea Verlag.

„Showbiz made in Vienna“ Die Marischkas. Marie-Theres Arnbom. Amalthea Verlag.

Es ist Buch als Begleitband, Dokumentation wie Vertiefung einer begeisternden Ausstellung im Theatermuseum Wien 2024.

Wien als Stadt der Theater-, Film- wie Revueunterhaltung wird dabei verbunden mit der wesentlich impuls- wie gestaltgebenden Familie Marischka – vor allem der Brüder Hubert und Ernst – und deren weitreichenden Impulsen in der Revue- wie Filmgeschichte, vor allem dem Welterfolg „Sissi“ in den 1950er Jahren, außergewöhnlich ins Bild gesetzt.

In zahlreichen Abbildungen von Kostüm-, Bühnenentwürfen, Theater-, Filmfotos, Porträts, welche das Theatermuseum aus seinem wunderbaren Archiv beeindruckend zusammenstellte wie begleitenden Essays zur Kunst- Kulturgeschichte Wiens und der Zeit wird das Buch zu einer Erlebnisreise in eine Epoche, die bis in die Gegenwart vielseitig staunen und inspirieren lässt.

„Eine wunderbare Zeitreise zu Höhepunkten des Revuetheaters wie der Theater- und Filmgeschichte Österreichs!“

„Showbiz made in Vienna“ Die Marischkas. Marie-Theres Arnbom. Amalthea Verlag.

ISBN-13: 978-3-99050-256-3

€ 30,00 inkl. MwSt.

1. Auflage, mit zahlr. Abb., 224 Seiten

Walter Pobaschnig  9/24

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Station bei Undine – „Die Suche nach persönlicher Freiheit und Identität“ Anja Knafl, Schauspielerin, spoken word artist _Wien 17.9.2024

Anja Knafl, Schauspielerin, spoken word artist _Wien   _
 performing „Undine geht“
 _
„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.
Anja Knafl, Schauspielerin, spoken word artist _Wien   _
 performing „Undine geht“
 _
„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.

„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.

Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Heinz Bachmann

Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.

Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.

Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.

Liebe Anja Knafl,  wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?

„Undine geht“ ist für mich ein tiefgründiger und bewegender Text, der die innere Zerrissenheit einer Frau in einer patriarchalen Gesellschaft eindringlich darstellt. Ich finde es faszinierend, wie Bachmann es schafft, die Emotionen und Kämpfe von Undine so authentisch zu vermitteln. Es ist eine kraftvolle Reflexion über Identität und Selbstwert.

Die Grundaussagen für mich sind: Die Suche nach persönlicher Freiheit und Identität. Die Kritik an gesellschaftlichen Normen, die Frauen in bestimmte Rollen drängen. Die Traurigkeit über unerfüllte Liebe und das Gefühl der Isolation.

Wie siehst Du „Undine“?

Ich sehe Undine als eine komplexe Figur, die sowohl Stärke als auch Verletzlichkeit zeigt. Sie ist ein Symbol für viele Frauen, die sich in einer Welt behaupten müssen, die oft gegen sie arbeitet. Ihr Streben nach Freiheit und Verständnis ist universell und zeitlos.

„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

Seit der Veröffentlichung des Textes hat sich viel verändert – Frauen haben mehr Rechte und Möglichkeiten, aber es gibt immer noch tief verwurzelte patriarchale Strukturen. Es sollte weiterhin an der Gleichstellung gearbeitet werden, insbesondere in Bezug auf Machtverhältnisse in Beruf und Gesellschaft sowie im persönlichen Bereich.

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?

Die patriarchale Macht ist nach wie vor präsent, wenn auch subtiler. Es gibt Fortschritte, aber viele Frauen kämpfen immer noch gegen Diskriminierung und Ungleichheit. Der Dialog über Geschlechterrollen muss fortgesetzt werden, um ein besseres Verständnis füreinander zu entwickeln.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?

Die Trauer über das Scheitern der Liebe spiegelt sich in vielen Beziehungen wider. Auswege könnten offene Kommunikation, Empathie und das Streben nach echtem Verständnis sein. Wir müssen lernen, uns gegenseitig zuzuhören und Raum für Verletzlichkeit zu schaffen.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute  mitnehmen?

Als Frau und Künstlerin nehme ich aus „Undine geht“ den Mut mit, meine Stimme zu erheben und für meine Überzeugungen einzustehen. Der Text inspiriert mich dazu, authentisch zu sein und meine Erfahrungen in meiner Kunst auszudrücken.

Was bedeutet Dir Natur und das Element Wasser?

Natur bedeutet für mich einen Rückzugsort zur Selbstreflexion und Inspiration. Das Element Wasser symbolisiert Fluss, Veränderung und Emotionen – es erinnert uns daran, dass alles im ständigen Wandel ist.

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

Ich versuche, den Kreislauf der Jahreszeiten bewusst zu leben – durch Achtsamkeit gegenüber der Natur, durch Rituale oder einfach durch Spaziergänge im Freien. Jede Jahreszeit hat ihre eigene Schönheit und Lehren.

Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?

Der moderne Mensch kann Harmonie mit der Welt finden, indem er achtsam lebt, Ressourcen schont und respektvoll mit anderen umgeht – sowohl Menschen als auch der Natur gegenüber.

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

Liebe braucht Vertrauen, Kommunikation und Zeit zum Wachsen. Sie blüht auf durch gemeinsame Erlebnisse und das Teilen von Träumen.

Was lässt Liebe untergehen?

Egoismus, Missverständnisse oder mangelnde Kommunikation können dazu führen, dass Liebe untergeht.

Wie war Dein Weg zum Schauspiel, zur Literatur?

Mein Weg zum Schauspiel war geprägt durch die besten Zufälle, die ich mir nur hätte wünschen können. Mein ehemaliger PKW-Fahrlehrer ist Schauspieler und hat mich mehr oder weniger dazu gebracht, mich mit dieser unglaublich vielfältigen Welt zu beschäftigen. Anfangs war es für mich als geborene Naturwissenschaftlerin noch sehr schwer, mich in dieser Welt der Künstler zurechtzufinden, doch nach ungefähr einem Jahr lernte ich sie kennen und lieben und möchte sie niemals mehr missen.

Welche aktuellen Projektpläne hast Du?

Aktuell arbeite ich an der Veröffentlichung meines ersten Romans, welcher Ende diesen Jahres das Licht der Welt erblicken wird, bereite mich auf mein Schauspielstudium an der Schauspielschule Krauss vor und habe viele Spoken Word-Auftritte und somit verbunden auch größere Projekte.

Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?

„Ich bin nicht nur das Wasser; ich bin auch das Land.“ Dieses Zitat spricht für mich die Dualität an – wir sind mehr als nur unsere äußeren Umstände.

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Akrostichon zu „Undine geht“ bitten?

Unter Wasser träumt sie still,

Nicht gefangen im eigenen Will‘.

Das Herz sehnt sich nach Licht,

In der Dunkelheit bricht es nicht.

Neue Wege will sie gehen,

Ein Leben voller Farben sehen.

Gefühle fließen wie ein Fluss,

4 Erinnerungen tragen ihren Kuss.

Hoffnung blüht im sanften Wind,

Träume wachsen – stark wie die von einem Kind.

Anja Knafl, Schauspielerin, spoken word artist _Wien   _
 performing „Undine geht“
 _
„Undine geht“ Ingeborg Bachmann. Erzählung 1961.

Herzlichen Dank, liebe Anja!

Anja Knafl und Walter Pobaschnig _
Donau/Wien 9/24

Alle Fotos & Interview_Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com 9/24

Die Mandarins von Paris, Simone de Beauvoir. Rowohlt Buchverlag

Die Mandarins von Paris, Simone de Beauvoir. Rowohlt Buchverlag

Es ist ein Roman, der die Verzweiflung, die Traumata und die Hoffnungen, Aufbrüche einer Generation in Paris zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und der Jahre danach einzigartig aus den Perspektiven intellektueller Positionen, Debatten beschreibt und die Suche nach neuen Lebensmodellen eindringlich darstellt.

Die Autorin schafft mit diesem Roman, der erstmals vor 70 Jahren in Paris erscheint, ein einzigartiges Zeitzeugnis, welches philosophische Positionen öffnet wie auch die Auseinandersetzung und Etablierung von Emanzipation in Denken und Leben einzigartig erfasst, analysiert und weiterdenkt.

„Eines der einflussreichsten literarischen Meisterwerke der Moderne in neuer deutscher Übersetzung!“

Die Mandarins von Paris, Simone de Beauvoir. Rowohlt Buchverlag

Übersetzt von: Amelie Thoma, Claudia Marquardt

1024 Seiten

ISBN: 978-3-498-00436-1

Gebundene Ausgabe: 45 EUR

E-Book: 39, 99

Walter Pobaschnig  9/24

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„Kunst ist der Ausdruck höchstmöglicher individueller Freiheit des Menschen“ Alexander Estis, Schriftsteller _ Hamburg 16.9.2024

Lieber Alexander Estis, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das kommt ganz auf den Tag an: An dem einen ist mein Tagesablauf völlig ungeregelt, am nächsten komplett chaotisch, am dritten absolut durcheinander und am vierten gönne ich mir eine Pause von dieser Routine und lebe einfach in den Tag hinein…

Alexander Estis, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Angesichts von Krisen, Kriegen, Katastrophen – der Angst davor, was kommen mag, ins Auge zu sehen, uns aber nicht von dieser Angst beherrschen zu lassen. Angesichts von Populismus, Propaganda und Partikularismus – für die eigenen Positionen, aber einander nicht die Köpfe einzutreten. Angesichts von Unterhaltungsmedien, Unterforderungsspiralen und Unterkomplexität: »Stop making stupid people famous!«

Und angesichts solcher Patentrezepte von irgendwelchen Schriftstellern – alles Simple zu hinterfragen. Die größten Lügen der Menschheit sind triviale Wahrheiten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist und wird sein, dass der Aufbruch nicht zu einem Abbruch wird – zu einem Abbruch unserer zwischenmenschlichen Beziehungen, unserer vernunftgeleiteten Diskussionen, unserer kulturellen Kontinuitäten, unserer optimistischen Bemühungen – und schöner Interviewserien.

Was ist die Rolle der Kunst in diesem Aufbruch oder diesen Aufbrüchen? Kunst wird die Welt nicht retten. Sie wird keine absolute Gerechtigkeit herstellen. Sie wird die Menschen nicht erziehen. Doch das sind auch nicht ihre primären Aufgaben.

Kunst ist für mich der Ausdruck höchstmöglicher individueller Freiheit des Menschen. Das kann sie allerdings nur dann sein, wenn ihr alle Offenheit zugestanden bleibt, wenn sie gerade dafür geschätzt und geschützt wird, wenn sie ihren eigenen Gesetzen gemäß wirken darf und nicht fremdbestimmt oder instrumentalisiert wird – auch nicht zu »gutem Zweck«. Nur dann konfrontiert sie uns mit der Komplexität, die unserer Welt eignet und deren Missachtung stets mehr Probleme schafft als löst. Und nur dann erhält sie uns diese Freiheit, die der Mensch zum Menschsein braucht – gerade auch für den Aufbruch.

Was liest Du derzeit?

Marcel Lewandowski: Was Populisten wollen

Slata Roschal: Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten

Sind Antisemitisten anwesend? Hg. v. Lea Streisand, Michael Bittner, Heiko Werning

Nasima Sophia Razizadeh: Die Goldwaage

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Die Demokratie ist eine Arena der Komplexität. Ressentiments und nicht sublimierte Impulse führen zu einem sektiererischen, gefährlichen Denken in Schwarz und Weiß.« (Cynthia Fleury)

Alexander Estis, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview, lieber Alexander, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen: Alexander Estis, Schriftsteller

Zur Person/über mich: Alexander Estis lebt nach erfolgreich abgebrochener Promotion als Autor im freien Fall. Er arbeitet in literarischen Miniaturformen, die für das Auge des großen Publikums zu klein sind. Die Texte in seinem letzten Prosaband FLUCHTEN (edition mosaik, 2023) stellen Übungen in zeitdiagnostischem Eskapismus dar. Als Agent der zionistischen Weltverschwörung ist er für die Lügenpresse tätig. Daneben gibt er Kurse in destruktivem Schreiben. Seine Bescheidenheit verbietet es ihm, die zahlreichen Auszeichnungen und Stipendien zu erwähnen, die er beinah erhalten hätte.

Infos zu aktuellen Veranstaltungen:

Minutentexte _ Szenische Lesung mit Musik

Donnerstag, 19.9.2024 in Wien, im Souterraintheater des Café Prückel 1010 Wien (Stubenring).

Beginn: 19:00 Uhr; Einlass: ab 18:30 Uhr; pay as you can, freie Platzwahl. Es rasen und lesen: Alexander Estis, Anna Fercher, Angelika Reitzer und Stefan Reiser. Am Klavier improvisiert Florin Gorgos.

Zu kurz, um langweilig zu sein – diese Kurztexte entführen Sie im Minutentakt in eine tragische oder komische, realistische oder groteske, aktionsgeladene oder kontemplative Welt. Eine Rennbahn der Literatur, eine Lesung wie eine Karambolage, ein Blitzspiel der Einfälle, Runde für Runde. Als würden Sie mit den Ohren durch ein soziales Netzwerk der Literatur scrollen, hören Sie hier in rasanter Folge entsetzliche Szenen, bissige Glossen, exotische Anekdoten, grämliche Epigramme, übergriffige Aphorismen und vielschichtige Kürzestgeschichten. Schauen Sie in den Rückspiegel, bleiben Sie in der Spur und lassen Sie die Minutentexte überholen, um nicht von ihnen überfahren zu werden!

Rennleitung: Stefan Reiser

Eine Veranstaltung der GAV – Grazer Autorinnen Autorenversammlung, mit freundlicher Unterstützung der Literar-Mechana.

Cocktaillesung Prosa Colada

Freitag, 20.9.2024 in Wien, auf dem Badeschiff, Donaukanal Franz-Josefs-Kai 4, 1010 Wien (Schwedenplatz).

Beginn: 19 Uhr, Eintritt 10 Euro. Es lesen: Alexander Hörl, Anna Fercher, Gregor Schima, Alexander Estis, Stefan Reiser, René Gröger, Max Haberich und Hendrikje Machate.

Literatur trifft Longdrink: Acht Autorinnen und Autoren, acht Texte – und acht Cocktails, die natürlich alle an der Bar bestellt werden können. Das Publikum wird gerührt und geschüttelt!

Fotos: Magnus Terhorst

Walter Pobaschnig _ 16.9.2024

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Berta Zuckerkandl – Österreich intim. Erinnerungen 1892 bis 1942. Hg. von Reinhard Federmann. Amalthea Verlag.

Berta Zuckerkandl – Österreich intim. Erinnerungen 1892 bis 1942. Hg. von Reinhard Federmann. Amalthea Verlag.

Es ist ein Leben inmitten von Kunst und Kultur in den goldenen Jahren der Blütezeit österreichischen Literatur-, Theater-, Kunstlebens wie an den dramatischen Zeitenwenden und der Dämmerung und Erfahrung ungeahnter Schrecken, Zerstörung und Vernichtung. Ein Leben, dass in einen Kosmos der Offenheit, Begegnung, Inspiration hineinwächst und selbst einen der wesentlichsten kulturellen Treffpunkte formt und Kunst in Gespräch und Austausch fördert. Und nicht zuletzt ein Frauenleben, das sich in schönsten wie turbulentesten Momenten und Zeiten des Lebens zu behaupten und zu verteidigen weiß, bis es nicht mehr möglich ist und nur mehr die Flucht bleibt.

Ihr Name:  Berta Zuckerkandl, Wiener Schriftstellerin, Journalistin, Kritikerin und Salonnière * 13. April 1864 Wien, Bertha Szeps † 16. Oktober 1945 Paris. Die Tochter eines Zeitungsverlages, und seit 1896 mit dem Anatomen Emil Zuckerkandl verheiratet,zeichnete sich von Jugend an in ihrem großem Interesse wie auch der Gabe der Kommunikation und der Gastfreundschaft aus und führte dies beginnend Ende des 19.Jahrhunderts in regelmäßigen Kunsttreffpunkten „Salons“ zu einer einzigartigen Blüte. Es sind klingende Namen wie Arthur Schnitzler, Arnold Schönberg, Sigmund Freud, Stefan Zweig oder Gustav Klimt, die sich hier in ungezwungener privater Atmosphäre begegnen wie inspirieren. Die Gespräche bleiben im Salon und dort waren diese auch bestens bewahrt…

Das vorliegende Buch der Erinnerungen der Gastgeberin Berta Zuckerkandl ist auf das Drängen ihres Enkels zurückzuführen, der sie bat, diese „Schatzkiste“ zu öffnen und einzigartige Begegnungen, Begebenheiten wie Gespräche festzuhalten. Und es ist eine einzigartige Innenschau in künstlerische Prozesse, alltägliche Herausforderungen, gesellschaftliche Analysen wie Sehnsüchten, Ängsten und Hoffnungen an spannendsten Schnittflächen von Kunst, Kultur, Leben und Gesellschaft.

„Ein Buch als sensationelles Ereignis der Innenschau einer Kunstepoche in Blüte und Untergang.“

Berta Zuckerkandl – Österreich intim. Erinnerungen 1892 bis 1942. Hg. von Reinhard Federmann. Amalthea Verlag.

ISBN-13: 978-3-99050-283-9

Erscheinungsdatum: 24.05.2024

1. Auflage, 280 Seiten

€ 25,00 inkl. MwSt.

EPUB  € 20,99

Walter Pobaschnig 9/24

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„Dass wir uns sehen“ Johanna Schmidt, Schriftstellerin _ Wien 14.9.2024

Liebe Johanna Schmidt, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeden Tag ein wenig anders. Nachdem ich hauptberuflich als Lehrerin arbeite, darf das Schreiben kommen, wenn es kommen kann – davor liegt mein Fokus auf Kindern und Jugendlichen (und der damit verbundenen Bürokratie). Ich versuche mir aber Zeit und Ruhe für meine Texte zu schaffen, was nicht immer ganz einfach ist.

Johanna Schmidt, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir uns sehen. Es ist wichtig, die eigenen Bedürfnisse zu spüren und zu reflektieren – genauso wichtig scheint es mir aber, die Perspektive hin und wieder zu wechseln und entweder näher zueinander zu finden oder emotionale, soziale, physische Grenzen klar zu ziehen, verständlich zu machen und diese auf der anderen Seite auch einzuhalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Angeknüpft an die vorangegangene Antwort: Wir können in der Literatur Figuren erschaffen und begleiten, die uns nah, die uns fern sind, die unsere Geschichte in sich tragen. Egal, wie sehr wir uns beim Lesen oder beim Schreiben mit diesen Figuren identifizieren können: Wir setzen uns mit ihnen auseinander und tauchen in die psychische bzw. physische Welt einer Erzählstimme ein. Indem wir (fiktive) Schicksale literarisch mitleben, fällt es uns vielleicht in der realen Welt leichter, Verständnis dafür zu entwickeln oder uns bewusst davon zu distanzieren.

Was liest Du derzeit?

„Alles so still“ von Mareike Fallwickl

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es kann, sagt sie, nie um Vollständigkeit gehen. Es geht um das Auswählen, das Zusammenstellen. Ein Museum von allem wäre wieder bloß die Welt“

aus Thea Mengelers „Nach den Fähren“ (Wallstein 2024) – große Empfehlung!

Vielen Dank für das Interview, liebe Johanna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen: Johanna Schmidt, Schriftstellerin

Zur Person/über mich: Johanna Schmidt, geboren 1993 in Oberösterreich, Studium für Lehramt und Germanistik in Graz, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Lehrerin in Wien.

Bisherige Veröffentlichungen in Magazinen, Anthologien und im Rahmen intermedialer Projekte (siehe beigelegtem Lebenslauf) sowie bei diversen Literatur- und Hörspielwettbewerben, zuletzt beim Ö1-Hörspiel-Wettbewerb Track 5‘ 2022 und 2023 und beim Berliner Hörspiel Festival 2023.

Im Frühling 2024 ist Schmidts erstes Kinderbuch „Mein Garten! Mein Zuhause!“ im Achse Verlag erschienen.

„Mein Garten! Mein Zuhause!“ Johanna Schmidt&Judith Vriba

TSCHAKAKAKA! Was ist das für ein furchtbares Geräusch? Luis hatte sich auf einen friedlichen Morgen gefreut, aber die Elster Pica macht seine Pläne kaputt. Dabei ist das doch sein Garten! Schon ist die Laune im Keller, nichts funktioniert mehr und an allem scheint die kleine Elster Schuld zu sein. Doch auch Pica sieht den Garten als ihr Zuhause an. Traurig fliegt sie davon und muss sich einen neuen Platz suchen. Zuerst genießt Luis die neugewonnene Stille … aber dann holt ihn das schlechte Gewissen ein und er merkt, dass der Garten nicht mehr der gleiche ist.

Im pfiffigen Comic-Stil vermitteln Schmidt und Vrba kleine Streitereien und große Freundschaft von Mensch und Tier im Ökosystem Garten.

32 Seiten
Format 22 x 28 cm
1. Auflage, Achse 2024
ISBN: 978-3-903408-19-7

22,00 € inkl. MwSt.

https://www.achseverlag.com/mein-garten-mein-zuhause/

Foto_ Yvonne Köck.

Walter Pobaschnig _ 13.9.2024

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Station im Justizpalast _im Interview _ „Gerechtigkeit ist eine Schnittmenge“ _ Markus Grundtner, Schriftsteller _ Wien 13.9.2024

Markus Grundtner. Schriftsteller _
Wien

Markus Grundtner im Interview zu seinem neuen Roman _Der Fall der Fantasie, Markus Grundtner. Roman. Edition Keiper _

Der Fall der Fantasie, Markus Grundtner. Roman. Edition Keiper.

Da ist der Tag als Rechtsanwalt im Büro der Kanzleigemeinschaft. Zwischen Leben und Recht. Zwischen Akten und leuchtendem LED-Zeittempo. Eine strukturierte Welt, der Anatol Altmann folgt, Stunde um Stunde.

Doch dann unterbricht die Kanzleiklingel die Ordnung dieser Innenwelt. Ein RSa-Brief wird ihm aus dem Dunkel des Stiegenhauses gereicht. Und dieses Schriftstück vom HGH, dem Höchsten Gerichtshof, hat es in sich:

„Per null Uhr des heutigen Tages unterfällt Rechtsanwalt Dr.Anatol Altmann nicht mehr der sachlichen und örtlichen Zuständigkeit der weltlichen Gerichte. Ihm steht frei, im außerweltlichen Rechtsbereich des HGH erstmals in seinem Leben weltliche Gerechtigkeit zu erwirken.“

Als er tags darauf das ehrwürdige Gebäude des Wiener Gerichts in der Wickenburggasse über den Keller und den Sicherheitscheck betritt, passiert es. Er wird auf den Brief angesprochen und in einem Raum geführt. An diesem Schreibtisch gibt es Papier, Stift, Würfel, wie im Rollenspiel. Die Beschreibung seiner Person, seines Charakters steht jetzt an. Er macht mit. Und nun öffnet sich eine fantastische Welt zwischen Fall und Urteil, Realität und Möglichkeit, Spiel und Gerechtigkeit wie wundersamen Begegnungen….

„Uns stehen nun einmal außergewöhnliche Kräfte zur Verfügung. Warum sollten wir uns ihrer nicht bedienen?“

Der Wiener Schriftsteller Markus Grundtner, der bereits mit seinem Romandebüt „Die Dringlichkeit der Dinge“ Aufsehen erregte und für den Österreichischen Buchpreis 2022 nominiert war, legt nun mit seinem zweiten Roman „Der Fall der Fantasie“ ein begeisterndes literarisches Feuerwerk sprachlicher Virtuosität, Hintergründigkeit wie gesellschaftlichem Brennglas vor, das ohne Zweifel zum Besten deutschsprachiger Gegenwartsliteratur gehört.

Hier spaziert jemand mitreißend und einer einzigartigen formalen Leichtigkeit mit Kafka, E.T.A.Hoffmann, Descartes und Wittgenstein zu den Grundlagen, Spielvarianten und Grenzen von Sprache und Recht entlang von Straßen, Schlaglöchern, Sackgassen und Horizonten des Lebens.

Markus Grundtner ist ein einzigartiger virtuoser wie hintergründiger Sprachtänzer, der neue Maßstäbe in der Verbindung wie Erfindung literarischer Genres setzt. Sein aktueller Roman ist sicherlich eines der Highlights des Jahres.

„Ein begeisternder Roman, der in virtuosem Sprachspiel literarische Genres mit einer Leichtigkeit jongliert und selbstbewusst neu setzt.“

Preis: AT € 25,00 / DE € 24,32
Seiten: ca. 264
ISBN13: 978-3-903575-22-6
Erscheinungsdatum: 13. September 2024
Sprache: Deutsch
Format: 12,0 x 20,0 cm; Pappband

Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Wien 9/24

Walter Pobaschnig 13.9.2024

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Café Hawelka. Maria Wachter. Roman. Piper Verlag.

Café Hawelka. Maria Wachter. Roman. Piper Verlag.

Café Hawelka, Wien. Ein klingender Name in der weltweiten Kaffeehauskultur, der mit der reichen Wiener Kultur-, Kunstgeschichte fest verbunden ist und diese vielseitig als Treffpunkt und Angelpunkt von Inspiration und Ideenaustausch über Jahrzehnte und bis in die Gegenwart bereichert und fördert.

Das Wiener Traditionscafé, das bis heute im Familienbesitz ist und dem auch eine eigene Kaffeerösterei angehört, hat auch eine spannende Familien- und Gesellschaftsgeschichte, welche über die dramatischen Ereignisse wie Höhepunkte österreichischer und europäischer Geschichte viel zu erzählen weiß.

Die Wiener Autorin, Maria Wachter, webt nun Kultur-, Familien-, und vor allem Kaffeehausgeschichte in einem spannenden Roman zu einer begeisternden Melange, die alle Höhen und Tiefen des Lebens in Träumen, Hoffnungen, Erfolgen und Rückschlägen umfasst, zusammen.

„Ein Buch wie ein wunderbarer Nachmittag im Café und seinem bunten Panoptikum des Lebens.“

Café Hawelka. Maria Wachter. Roman. Piper Verlag.

432 Seiten, Klappenbroschur

EAN 978-3-492-32084-9

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]

Walter Pobaschnig 9/24

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„Granniges am Wegesrand, Spreu“ Christian Lorenz Müller, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ Salzburg 12.9.2024

GIVE PEACE A CHANCE

Granniges am Wegesrand, Spreu –
irrlichterte nicht noch
vor drei Monaten der Mohn
entflammt im Wind?

Pressballig das Stroh,
endlos stoppelig reihen sich
alle Septembertage, im Oktober, im November
chemisch weiß der Nebel, ein
erstickter Sommer, Krähiges über Furchen.

Aber die Silos sind voll, die Scheunen.

Chronos sichelt, doch im März, im April
hält er die Samen in der Hand,
alles verjüngt er, gelenkiges Licht
neigt sich über die Felder, so ist er,
Chronos, feinfingrig greift die Freude an
einem Tag im Frühjahr ins junge Korn. 

Christian Lorenz Müller, 10.9.2024

Christian Lorenz Müller, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace

Christian Lorenz Müller, Schriftsteller

Zur Person/über mich: Geboren 1972 in Rosenheim/Bayern. Gelernter Trompetenmacher.
Lebt in Salzburg.

2010 erschien der Roman „Wilde Jagd“ (Hoffmann und Campe), für den der Autor 2012 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde. Müller erhielt einige weitere Preise und Stipendien, unter anderem den Georg-Trakl-Förderungspreis für Lyrik 2012. Weitere Romane: „Ziegelbrennen“ (2018), „Unerhörte Nachrichten“ (2020) und „Radieschen-Revolution“, sämtlich erschienen im Otto Müller Verlag, Salzburg.

Christian Lorenz Müller initiierte 2013 die Textgespräche, eine Schreibwerkstatt für werdende Autorinnen und Autoren. Gelegentlicher Rezensent, unter anderem für die Salzburger Nachrichten. Er schreibt für den Lyrikblog Der goldene Fisch und ist Mitglied des Nature-Writing-Kollektivs dns – die natur schreibt. Von 2015 bis 2022 verantwortete er den Prosateil der deutschen Literaturzeitschrift Konzepte.

Christian Lorenz Müller (christian-lorenz-mueller.de)

Aktueller Roman von Christian Lorenz Müller:

Ein Umkreisen der zentralen Frage:
Ist es in unserer Gesellschaft noch möglich, eine uneigennützige, vorraussetzungsfreie Freude am eigenen Tun zu haben?

Gerd ist nicht gerade begeistert, als seine Freundin Elfi ein Beet in einem Gemeinschaftsgarten mietet. Trotzdem geht er ihr zur Hand und stellt verwundert fest, dass er einen grünen Daumen hat. Bald schon bindet er voller Eifer Tomaten auf, setzt Kartoffeln und siebt Kompost. Als eine Nachbarin eine skurrile Intrige gegen den Garten anzettelt, zögert er nicht, vehement gegen sie vorzugehen – was aber nur dazu führt, dass Elfi und er kurzerhand des Gartens verwiesen werden. Angespornt durch diese Niederlage gelingt es ihm, am Stadtrand ein neues Grundstück zu pachten, auf dem er den Gemeinschaftsgarten seiner Träume errichten will. Die bunte Truppe, die sich zusammenfindet und Beete anlegt, Hackschnitzel verteilt sowie eine Hütte aufstellt, erfüllt Gerd ganz mit Glück und Stolz, während Elfi realistisch bleibt: Schon die erste Ernte besteht nicht nur aus Karotten, Brokkoli und Kraut, sondern auch aus Neidwurz, Eifersuchtskartoffeln und Lästermelisse. Als Gerd endlich aus seinem idealistischen Traum erwacht, muss er erkennen, dass seine grüne Utopie verloren ist, wenn er sie nicht entschlossen verteidigt.

In einer kräftigen, bildreichen Sprache erzählt Christian Lorenz Müller von der Sehnsucht nach einer Welt, die durch das eigene Handeln ein klein wenig besser wird – und von Wünschen und Überzeugungen, die nur mit einer gehörigen Portion Realismus Wirklichkeit werden können.

https://www.omvs.at/buch/radieschen-revolution/

Radieschen-Revolution, Christian Lorenz Müller, Roman, Otto Müller Verlag

Veröffentlichung: 08/2024

ISBN: 978-3-7013-1320-4

252 Seiten, kartonierter Pappband

Preis: € 26

E-Book: € 21,99

Foto_Portrait: Johannes Amersdorfer

Walter Pobaschnig _ 10.9.2024

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