Lieber Zdravko, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Die Glocken der Schafe lassen mich morgens erwachen sowie der Blick aus dem Fenster – Wetter, Licht und Landschaftsbild – stimmen mich auf den Tag ein. Nach dem versorgen der Haustiere gibt es Frühstück und danach starte ich im Winter die Gedankengänge über das Abarbeiten der Korrespondenz, über abgelaufene und anstehende Projekte, empfange und verabschiede Besucher, bei geeigneter Witterung besuche ich den Wald, bis sich der Tag neigt hin in die Dunkelheit. Den Abend verbringe ich meistens mit meiner Frau im Gespräch und Spiel.
Zdravko Haderlap, Künstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Meine begrenzte Lebenszeit selbst zu verwalten, damit ich sie mit anderen teile und mit geöffneten Augen auf die Umwelt einsehen, um sie zusammenhängend zu verstehen, samt ihrer Rhythmen und Geräuschen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Den Aufbruch werden nicht wir bestimmen. Alles, was wir tun können, ist, vielleicht eine Spur legen, die Zukunft zeigt. Dazu eignet sich die Kunst als die perfekte Vermittlungsform.
Was liest Du derzeit?
Gesammelte Werke von Christine Lavant.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich bin maßlos in allem!“ (Lavant)
Vielen Dank für das Interview lieber Zdravko, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
in der anderen die Maus dein Kuscheltier mit nur einem Auge
vieles hast du zurückgelassen was geschehen ist wer kann es dir
erklären
Putin ist das schlimmste Schimpfwort in deinen Ohren viel mehr als das
eines Tages wirst du nein du wirst nicht verstehen weil niemand versteht
alles was ich dir wünsche: einen Platz für deine Seele
Charkiw-Tochter
einen hellen Raum aus Licht und Liebe
aber die Fragen bleiben sie schmerzen die Sehnsucht brennt in dir
Charkiw-Tochter
Hand in Hand stehen wir
an deiner Seite
nie sollst du einsam sein
Charkiw-Tochter schenkst mir
ein zaghaftes Lächeln und zeigst mir dein Liebstes deine Maus
Angela Lohausen, 9.12.2022
Angela Lohausen, Schriftstellerin
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Angela Lohausen, Schriftstellerin
Zur Person_ Angela Lohausen, Lyrikerin, promoviert zurzeit über Lyrik im Exil. Sie arbeitet in der Erwachsenenbildung und als freie Autorin und Lektorin. Ihre Lyrik erschien in mehreren Anthologien, u.a. in Anton G. Leitners „Das Gedicht“ und in der von Axel Kutsch herausgegebenen Anthologie „Versnetze“. Sie wohnt in Kreuzau/NRW.
Liebe Ioana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesaublauf ist sehr komplex. Ich wache auf, bringe die Kinder zur Schule, danach gehe ich laufen oder ins Fitnessstudio, ich ˮverliereˮ mich sehr gerne in diversen Parks und beobachte gerne Menschen und ihre Gespräche, mit einem großen Kaffee und einem Buch dabei, in das ich manchmal diverse Sachen notiere, dann später übersetze oder schreibe oder ich illustriere etwas, abends lese ich oder erfinde Geschichten gemeinsam mit meinen Kindern.
Aber die wichtigsten Stunden sind zwischen 13 und 17 Uhr nachmittags, wenn ich mich zwischen verschiedenen Zitaten, grammatikalischen Strukturen und neuen Posen der Bedeutungsspiele verliere, die literarische Texte, ob Prosa oder Poesie, in ihrer Komposition haben.
Aber ich denke, der wichtigste Tagesablauf ist die Zeit mit sich selbst, sich neu zu entdecken, zu polieren, zu definieren.
Ioana Miron, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das Wichtigste ist jetzt die Freiheit in all ihren Formen und der Friede. Und da Frieden ohne Freiheit nicht wirklich existieren kann, denke ich, dass deshalb diese beiden Aspekte der Realität als ein einheitliches Ganzes gesehen werden müssen. Und ich glaube nicht, dass diese Aspekte unmöglich zu erreichen sind. Aber ich denke, das Wichtigste, um dieses einheitliche Ganze zu erreichen, ist dein Friede mit dir selbst und der Versuch, jeden Tag eine bessere Version deiner selbst zu sein, ohne wie ein Klischee oder so zu klingen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabeider Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst und Literatur sind für mich nicht trennbar. Kunst repräsentiert alles, was wir visualisieren und wahrnehmen können, jenseits dessen, was vor unseren Augen präsentiert wird. Und Literatur stellt den Motor dar, der das Visuelle materialisiert, jenseits chromatischer Wahrnehmungen oder sozialer, politischer Eindrücke usw. Ich könnte Kunst und Literatur nicht aus meinem Leben ausschließen. Ich bin mit viel Literatur aufgewachsen und habe das danach mit bildender Kunst, Grafik, Street Art kombiniert.
Kunst und Literatur stellen für mich gemeinsam das höchste Gedicht des Geistes dar, das kontinuierlich geschrieben wird, das tägliche Flussgedicht.
Was liest Du derzeit?
Jetzt lese ich Jon Fosse, die Trilogie. Er ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren, die ich schätze. Ich mag die Atmosphäre, in die es mich einhüllt, und jedes Mal, auf jeder neuen Seite, ist es eine Atmosphäre, die vollständig und vollständig erscheint. Was Jon Fosse schreibt ist ein zeitloses Märchen von großer Zartheit und Poesie. Ich mag seine äußerst poetische Prosa sehr. Es rekonfiguriert meine poetische Wahrnehmung des Schreibens im Allgemeinen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
og jeg følte det gik et/ und ich fühlte, dass es funktionierte
stort uenneligt/ entschieden widersprechen
skrig gennem/ Schrei durch
naturen/ die Natur
Das ist eine Zeile von Edvard Munch, in der ich mich wiederfinde, in der ich alles finde, was eine künstlerische Anstrengung mit sich bringt. Der Schrei der Natur ist der Schöpfungskeim in der Kunst, der sich mehr oder weniger sichtbar manifestiert, bei seinem Schöpfer aber immer mit Intensität einschlägt. Es hat eine sehr intensive, schwere, hyperluzide poetische Ladung. Es fasziniert mich total.
Ioana Miron, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Ioana, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Ioana Miron, Schriftstellerin
Zur Person _ Ioana Miron, geboren am 10. November 1989 in Botoşani, Rumänien, schreibt Gedichte und hat vor kurzem Zeit begonnen, mit Prosa zu jonglieren, um ihre eigene Realität zu überdenken und zu polieren. Sie übersetzt Gedichte und Prosa aus dem deutschen und nordischen Raum. Sie ist auch Illustrator und Grafiker und Mitglied für Pen Rumänien. Sie lebt derzeit in Bukarest.
Fotos_privat
2.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Zur Person: Sabine Schönfellner, geboren 1987, studierte Literaturwissenschaft, Skandinavistik und Deutsch als Fremdsprache,anschließend Promotion in Literaturwissenschaft. Arbeitet als freiberufliche Texterin und Lektorin,organisiert und leitet Schreibwerkstätten. Zahlreiche Preise und Stipendien.
Aktuelle Veröffentlichungen:Herbstwespen (Erzählung, mikrotext, 2020), Draußen ist weit (Roman, Literaturverlag Droschl, 2021).
Lieber Philipp, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Derzeit ist mein Tagesablauf sehr unterschiedlich und hängt meist von den jeweiligen Konzertreisen ab. Wenn es keinen frühen Flug gibt, bin ich nicht unbedingt ein Frühaufsteher und das Erste nach dem Aufstehen ist eine gute Tasse puren, schwarzen Kaffee. Der ganze Tag ist dann gefüllt mit Allmöglichem – Telefon, Email, Programmplanung, Reiseplanung, etc. Und am Schluss gäbe es da auch noch die musikalische Arbeit am Klavier… Einen fixen Tagesablauf gibt es aber an den Tagen, an denen ich unterrichte, da ich seit Anfang 2022 auch einen Lehrstuhl am Johann-Joseph_Fux Konservatorium in Graz habe. Da wird vormittags diszipliniert zwei Stunden selbst geübt und dann den gesamten Nachmittag acht Stunden diszipliniert mit meinen Schüler:innen gearbeitet. Am Abend darf es dann ein gutes Essen mit einem Glas Wein oder Bier geben.
Philipp Scheucher, Pianist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonders wichtig aus meiner Sicht als klassischer Pianist finde ich die Begegnung – Begegnung mit Menschen, Kultur, Musik, alles was uns als Gesellschaft ausmacht. Die Pandemie hat so vieles eingeschränkt und hat uns ebenso faul gemacht, Neues zu entdecken. Sicherlich spricht nichts gegen einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher mit gutem Essen direkt nach Hause geliefert. Ein Erlebnis wie ein Live-Konzert mit anschließenden Gesprächen und einem gemeinsamen Umtrunk kann aber nichts ersetzen. Es ist aber bereits schön zu sehen, dass sich langsam die Folgen der Pandemie – gerade im Konzertbetrieb – erholen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich glaube Musik ist sowohl Bildung, als auch Unterhaltung; sowohl ein Medium zum einsam sein, als auch zum gemeinsam sein; sowohl Vermittlung von Leiden als auch Vermittlung von Heilung. Ein so universelles Mittel der Kommunikation ist in Zeiten, in denen eine Krise der nächsten folgt, besonders wichtig. Man stelle sich vor, wie ein Konzert Menschen bewegt. Künstler, Konzertsaal und Publikum werden eins. Dies bewirkt in diesem Augenblick eine Situation von Frieden und wirkt hoffnungsvoll auch darüber hinaus weiter.
Was liest Du derzeit?
Nach meinem letzten Besuch bei meinen Eltern habe ich im Bücherregal das Buch „Immer dieser Michel“ von Astrid Lindgren entdeckt. Das war das allererste Buch, das ich als Fünfjähriger verschlungen hatte. Nun lese ich erneut die amüsanten Geschichten von Michel aus Lönneberga und merke, wie das Kind in mir wieder auflebt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Eine falsche Note zu spielen ist unwichtig, aber ohne Leidenschaft zu spielen ist unverzeihlich.“-Ludwig van Beethoven
Dieses Zitat von meinem verehrten Komponisten Ludwig van Beethoven ist meiner Meinung nach nicht nur musikalisch anwendbar. In einer Gesellschaft, in der immer mehr nach Perfektion gestrebt wird, vergessen wir oft, dass wir alle Menschen mit Emotionen sind und nicht fehlerfrei funktionieren. Sicherlich ist es besonders in der Musik zu bemerken, dass ein perfekt gespieltes Konzert uns zwangsläufig nicht so berührt, wie ein Konzert, dass uns emotional auf eine Reise mitnimmt. Das gleiche gilt aber auch in allen Lebenssituationen. Vielleicht denken wir im Alltag auch daran, die Dinge besonders zu genießen und wertzuschätzen, die ins uns Leidenschaft für etwas hervorrufen.
Philipp Scheucher, Pianist
Vielen Dank für das Interview lieber Philipp, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Anne Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf hat sich nicht wesentlich verändert. Bereits lange vor Pandemie und Krieg habe ich mein Leben in eine Richtung gelenkt, die nachhaltiger ist und das Essentielle sucht. Ich habe mich dem zugewandt, was mir wirklich wichtig ist und auf viele unnötige Dinge, die man meint, haben oder tun zu müssen, verzichten gelernt. Das hat auch mit meiner eigenen Biographie zu tun, die von tiefen Einschnitten geprägt ist.
Anne Marie Pircher, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist ganz wichtig, in diesen schwierigen Zeiten nicht den Mut zu verlieren und mehr als sonst auf sich selbst und seinen Nächsten achtzugeben. Ich denke, dass Humor und Gelassenheit gute Mittel sind, um Situationen, die unüberwindbar scheinen, zu begegnen. Es gibt derzeit so viel Hass und Unsicherheit, auch so viel Ungerechtigkeit, dass man am liebsten schreien würde. Und viele tun das auch zu Recht. Jeder muss da seinen eigenen Weg finden. Ich lerne derzeit mehr Achtsamkeit in Bezug auf meine nähere Umgebung. Es braucht mehr Freundlichkeit unter uns Menschen, auch gegenseitige Wertschätzung. Vor allem aber echte Empathie für den Mensch, der neben uns steht. Es ist leicht, sich in eine Ideologie zu flüchten, viel schwerer ist es, im gelebten Alltag füreinander da zu sein. Kriege beginnen im Kleinen, in den Familien, auf der Straße, im Geschäft, in den Institutionen. Davon bin ich überzeugt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass es für uns alle wichtig ist, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Zu schauen, was passiert und in welche Richtung es geht. Achtsamkeit ist das Gebot der Stunde. Mir macht die Spaltung der Gesellschaft große Sorge, sie ist so stark spürbar, dass es mich jeden Tag auf irgendeine Weise beschäftigt. Ich sehe viel Verbitterung, Kälte und Egoismus zu allen Seiten. Auch reale Armut. Da gilt es, hinzuschauen.
Während der Pandemie habe ich meinen Roman „Iris & Pupille“ geschrieben. Er erzählt vom Ausbruch einer jungen Frau im Südtirol der 1980er Jahre. Ein Text zwischen Abgrund, Rebellion und Neubeginn. Ich habe trotz der Drastik versucht, nicht zu werten, sondern die Menschen darin sprechen zu lassen. Literatur ist unter anderem auch eine Kunst des Zuhörens. Darin sehe ich eine große Chance und meine Aufgabe.
Was liest Du derzeit?
„Geschichte eines Kindes“ von Anna Kim.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Es gab Sehnsucht nach etwas, das verloren war, Sehnsucht nach etwas, das sich nicht erfüllt hatte, Sehnsucht danach, etwas zu finden, und manchmal auch danach, etwas zu verlieren.“ Iris Wolff
Vielen Dank für das Interview liebe Anne Marie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Anne Marie Pircher, Schriftstellerin
Zur Person _ Anne Marie Pircher lebt als Schriftstellerin und Lyrikerin in der Nähe von Meran/Südtirol. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt den Roman „Iris & Pupille“ in der Edition Laurin Innsbruck, 2022. War Finalistin beim Literaturwettbewerb „Floriana“ in St. Florian b. Linz. Sie erhielt mehrere Stipendien der Südtiroler Landesregierung.
Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Foto_Heinz BachmannHeinz und Sheila Bachmann_London _ Hochzeit 7. August 1971 in London. 2 Söhne. Ingeborg Bachmann reiste zur Hochzeit nach Großbritannien an _ Foto Fam.Bachmann_London.
Heinz Bachmann und Schwester Isolde Moser, geb.Bachmann (*1928 Klagenfurt) _ Hausübergabe Elternhaus/Henselstraße 26, Klagenfurt an Stadt Klagenfurt/Land Kärnten 15.9.2021
Lieber Dr.Heinz Bachmann, es sind herausfordernde Zeiten, denen wir uns alle stellen müssen. Du hast in Deiner beruflichen Tätigkeit in Afrika in den 1960/70er Jahren auch politische Krisenzeiten miterlebt. Welche Erfahrungen hast Du da gemacht?
Das ist der Zeitraum meiner letzten Studienjahre und der ersten Jahre in meiner Arbeitswelt als Geophysiker. Der Algerienkrieg war zur Erleichterung aller zu Ende gegangen. Das betraf auch meine Schwester Ingeborg ziemlich direkt, da ihr guter Freund Pierre Evrard auch Gefahr lief, dort eingesetzt zu werden. Nach meiner Promotion im Juli 1964 besuchte ich Algerien und durchquerte die Sahara bis ins Hoggargebirge mit einem Studienkollegen. Das Land war zu dem Zeitpunkt sehr friedlich und die Leute ohne Feindseligkeit. Ab 1965 arbeitete ich als Geophysiker in der Öl und Gasaufschließung.
Im Jahr 67 nach meiner Rückkehr aus Gabun hatte ich zwei Monate Urlaub und wurde Mitte Juni nach Katar und Oman versetzt. Mein Flug dorthin fand wenige Tage nach dem Ende des Sechstagekrieges statt. Die Spannung auf dem Flug war spürbar, aber alle vermieden das Thema. Die Einheimischen waren schockiert und als „Europäer“ war man vorsichtig etwas darüber zu sagen.
Was war Deiner Schwester Ingeborg in den politischen Krisenzeiten der 1960/70er Jahre, die ja auch von Kriegen und gesellschaftlichen Herausforderungen geprägt waren, wichtig?
Der Vietnamkrieg prägte im Laufe der Jahre immer stärker die Schlagzeilen und auch die Gespräche. Ingeborg war schockiert.
Erinnerst Du Dich an ein Gespräch zum Thema Krieg?
Besonders Vietnam natürlich. Aber auch wie schon erwähnt der Algerienkrieg. Ingeborgs Einstellung dazu ist ja bekannt. Besonders Vietnam empfand sie als schrecklich. Aber darauf hatte ja niemand einen Einfluss in Europa. Die Dominotheorie schien alles zu rechtfertigen. Wie absurd das war, stellte sich erst später heraus.
In der „Salzburger Edition“ der Werkausgabe „Ingeborg Bachmann“ als Gemeinschaftsprojekt der Verlage Piper und Suhrkamp erschien im November des Jahres der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Die umfangreiche Korrespondenz wie viele Fotos werden dabei erstmals zu lesen/sehen sein.
Die Korrespondenz ist wohl die umfangreichste aller aus dem Nachlass sowohl meiner Schwester als auch von Frisch, wenn auch vieles auf Kohlepapierdurchschriften basiert. Es sind wenige Fotos inbegriffen, denn der Umfang des Buches ist ja schon sehr groß.
„Wir haben es nicht gut gemacht“ Briefwechsel Ingeborg Bachmann _ Max Frisch _ Erscheinungstermin_ 06.12.2022 Fester Einband mit Schutzumschlag, 1039 Seiten Mit Fotografien und Faksimiles _ Suhrkamp Verlag
Lesung „Wir haben es nicht gut gemacht“ Briefwechsel Ingeborg Bachmann _ Max Frisch _ Caroline Peters und Roland Koch _ Schauspielerin*er Burgtheater Wien _ Akademietheater Wien_ 6.12.2022von rechts_Heinz Bachmann (Bruder von Ingeborg Bachmann), Andreas Moser (Neffe von Ingeborg Bachmann mit Gattin), Walter Pobaschnig6.12.2022
Was waren Gründe für Dich und Deine Familie diesen Briefwechsel nun freizugeben?
Ich muss da etwas zurückgreifen. Vor fast 50 Jahren ließen wir die gesamte Korrespondenz sperren und wurden dafür sehr kritisiert, dass diese nicht zugänglich wäre. Es wurde sogar der Verdacht geäußert, wir wollten etwas verbergen. Es ging aber vorwiegend um die Privatsphäre der Briefschreiber. Heute ist das ganz anders, der Datenschutz wurde seither sehr ausgeweitet.
Die Situation ist nun so, dass dieser gesperrte Nachlass nach 50 Jahren ohnehin geöffnet werde sollte und in einigen Jahren die Autorenrechte ablaufen werden. Dann kann jeder beliebig daraus zitieren. Es war also angebracht noch eine verantwortungsbewusste Edition zu erstellen.
Via Giulia _ Rom
Was überrascht Dich selbst im Briefwechsel und gibt es Briefe/Briefetappen, die Du hervorheben möchtest?
Was mich schon bei der ersten Sichtung der Frischbriefe überrascht hat, war, dass es so viele Briefe als Durchschläge an meine Schwester geschickt wurden. Man sah das am verschmierten Kohlepapierabdruck. Ich kann das verstehen, wenn es darum bei einer Trennung um das Aussortieren der persönlichen Gegenstände geht, aber das geht darüber hinaus. Der Leser kann das ja selber im umfangreichen Kommentar beurteilen.
Das Schlimme ist eben dieses Auseinanderleben, das sich nach anfänglichem Überschwang abzeichnet.
Rom_Via Giulia_folgende_ erste gemeinsame Wohnung von Ingeborg Bachmann und Max Frisch in Rom 1959 _ Fotos _ revisited 2018
Wie wichtig war Ingeborg Bachmann grundsätzlich Briefkorrespondenz? Schätzte Sie Briefe und Telefongespräche gleichermaßen?
Briefeschreiben war ihr sehr wichtig. Das war auch Tradition in der Familie, unser Vater bestand darauf. Aber es war auch ein Bedürfnis, das sieht man aus den bisherigen Korrespondenzen. Als ich dafür sorgte, dass ein Telefon ins Haus kam, musste ich es bezahlen.
Ingeborg Bachmann _ im Hintergrund Matthias und Olga Bachmann (Eltern) _ Rom 1962 Heinz BachmannKlagenfurt _ Friedhof Annabichl _ Familiengrab Bachmann _ 2022
Gab es im Schreiben eines Briefes bestimmte Vorlieben Deiner Schwester Ingeborg was etwa Briefpapier, Füllfeder/Kugelschreiber/Schreibmaschine betrifft?
Papier spielte glaub ich keine Rolle, manchmal in Hotels verwendete sie das Hotelpapier. Feder, Kugelschreiber oder Schreibmaschine, hing ein bisschen vom Thema ab. Persönliche Briefe mit der Hand, seltener mit Maschine, meist wohl mit Kugelschreiber, wenn ich mich nicht irre.
Via Bocca Di Leone _Rom _ Ingeborg Bachmann bezog diese Wohnung in der Nähe der Piazza di Spagna nach der Tennung von Max Frisch _ Foto Graibaldi Schwarze
Via Bocca Di Leone _Rom _revisited _ 2018 _ und folgendes Foto
Erinnerst Du Dich an das Kennenlernen beider im Jahre 1958 in Paris?
Ich besuchte Ingeborg Ende Juni in Paris und blieb ein paar Tage. An den Tag erinnere ich mich ziemlich genau, da Ingeborg mir etwas Geld in die Hand drückte und meinte ich sollte Paris auf eigene Faust erkunden. Am nächsten Tag war sie etwas spät zum Frühstück gekommen und hatte mit ihrem Freund Pierre Schluss gemacht, da sie Frisch kennengelernt hatte. Ich selber begegnete ihm aber erst ein Jahr später.
Du hast im Frühjahr 1962 mit Deinen Eltern Deine Schwester Ingeborg in Rom in ihrer gemeinsamen Wohnung mit Max Frisch besucht und eine hervorragende Fotoserie erstellt, die 2016 in Klagenfurt und 2020 in Salzburg präsentiert wurde und ein Foto davon ist auch auf dem Buchcover der Briefwechselausgabe zu sehen.
Wie kam es zu diesem Besuch in Rom, wie war die Anreise und wie gestalteten sich die gemeinsamen Tage und die Erstellung der Fotoserie?
Ingeborg hatte uns eingeladen, mein Vater war in Pension und ich hatte Osterferien. Wir fuhren in Vaters weißem VW über die Autostrada del Sole nach Rom. An einem der Tage nach unserer Ankunft in der Via de Notaris drückte sie mir einen 36 und zwei 20 Schwarz-Weiss Filme in die Hand und gab mit ein paar grundlegende Anweisungen, wie man Aufnahmen macht. Ich hatte noch nie Portraitaufnahmen gemacht.
Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Foto_Heinz Bachmann _ folgendeAusstellung _ „Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ Fotografien Heinz Bachmann _ Klagenfurt/Musilmuseum 2016 Probe_szenische Eröffnung _ „Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ _ Heinz Bachmann, Isabella Jeschke (Schauspielerin), Walter Pobaschnig (Text/Regie), Sheila Bachmann (von links) _ Wien 5/2016Heinz Bachmann und Isabella Jeschke _ Szenische Eröffnung _ „Ingeborg, wie ich sie in Rom sah“ _Text/Regie_Walter Pobaschnig Musilmuseum Klagenfurt 25.6.2016
Heinz Bachmann mit Originalkamera von 1962 _ Ausstellung Musilmuseum2016
Heinz Bachmann im Gespräch mit Birgit Birnbacher_ Bachmannpreisträgerin 2019
Heinz Bachmann und Walter Pobaschnig (Ausstellungsorganisation/Vermittlung) _ Salzburg 1/2022
Welche Erinnerungen hast Du an Deine Schwester Ingeborg und Max Frisch in Rom?
Ingeborg umsorgte uns und wir waren viel zu Fuß unterwegs, dabei machte ich die Aufnahmen mit unterschiedlichem Hintergrund. Essen gingen wir nur mit meiner Schwester, wenn ich mich recht erinnere.
Von Max Frisch habe ich keine besonderen Erinnerungen, er hielt sich da offensichtlich sehr zurück. Im Rückblick wundert es mich, dass ich keine einzige Aufnahme von ihm machte.
Wie gestaltete sich das tägliche Zusammenleben des Paares Ingeborg Bachmann und Max Frisch was Lebensorganisation, literarische Tätigkeit und gemeinsame Aktivitäten betraf?
Über diesen Aspekt kann ich wenig sagen. Ich glaube selbst in dieser relativ großen Wohnung muss das Klappern der Schreibmaschinen problematisch gewesen sein. Drei Jahre vorher in Uetikon (Zürich, Anm.) , als ich die beiden im Oktober 59 besuchte, war das ziemlich deutlich, denn meine Schwester hatte in Zürich eine Stadtwohnung, um diesen „Konflikt“ zu vermeiden und in Ruhe schreiben zu können.
Via de Notaris _ Rom _ folgende _ letzte gemeinsameWohnung von Ingeborg Bachmann und Max Frisch ab dem Frühjahr 1961 bis 1962(hier erfolgte Ostern 1962 der Besuch der Familie Bachmann aus Klagenfurtund Heinz Bachmann portraitierte seine Schwester Ingeborg)
Hat Max Frisch auch Kärnten besucht und gab es da gemeinsame Unternehmungen mit Deiner Familie?
Es gab einen Besuch der beiden im Frühjahr 1959 – ein genaues Datum habe ich nicht. Sie kamen in einem kleinen Fiat Sportwagen und dürften im Hotel Musil übernachtet haben. Unsere Mutter bereitete gute Wienerschnitzel vor und unser Vater hielt eine sehr schöne Willkommensrede. Wir fuhren dann mit den Eltern weiter zu unserer Schwester Isolde und Schwager Franz nach Kötschach. Ingeborg am Steuer des weißen VWs und ich im Sportwagen mit Max Frisch am Steuer.
Deine Schwester Ingeborg hat die Familie regelmäßig in Kärnten besucht. Was schätzte Sie bei Ihren Aufenthalten besonders? Welche Besuche machte Sie da, welche Orte suchte Sie gerne auf?
Bei ihren Besuchen in Klagenfurt war natürlich das Kreuzbergl mit den schönen Wanderwegen der Hauptanziehungspunkt. Ingeborg ging aber nie in die Stadt, außer um im Hotel Musil zu übernachten. Sonst war sie auch gerne in Obervellach bei Hermagor, wo man stundenlang spazieren konnte. Dort waren auch Verwandtenbesuche ein wichtiger Teil des Aufenthalts. Vor allem bei Tante Rosa, die uns über schwere Zeiten hinweg geholfen hatte. Ein besonderer Aufenthalt war in Warmbad Villach, der viele Grundlagen für den „Fall Franza“ darstellt.
„Drei Wege zum See – Ingeborg Bachmann outdoors“ 2015f. _ szenische Wanderung Kreuzbergl/Klagenfurt _ Schauspiel_Christina Wuga_Wegkonzeption/Stationen _ Alina Nedwed_Idee/Text/Regie/Organisation_Walter Pobaschnig
Erinnerst Du Dich persönlich an Gespräche mit Max Frisch?
Das deutlichste Gespräch war bei einem Treffen in Uetikon, wo die beiden eine Wohnung gemietet hatten. Ich war auf der Rückreise im Oktober 1959 aus Israel über Zürich geflogen. Beim Abendessen fragte ich Frisch direkt über Stiller (Roman von Max Frisch, Anm.) und wie weit dies die Geschichte seiner Frau wäre. Er wischte diese Frage mit einem „Das ist sie und das ist sie nicht“ etwas zur Seite.
Hast Du und Deine Familie Deine Schwester Ingeborg auch in der gemeinsamen Wohnung mit Max Frisch in Zürich besucht?
Wir müssen bei der Rückreise der Eltern von Territet, wo unser Vater ein Jahr als Lehrer tätig war, Anfang Juli über Uetikon dann weiter nach Österreich gefahren sein. Seltsamerweise habe ich da nur sehr vage Erinnerungen.
Der Titel des im November erschienen Briefwechsels ist „Wir haben es nicht gut gemacht“ und nimmt damit ein Zitat Max Frischs auf. Wie hast Du als Bruder diese Beziehung miterlebt und woran scheiterte in Deiner Sicht diese Beziehung?
Wie sieht man die Beziehung einer Schwester? Was interessiert eine Frau an einem Mann? Alles ein bisschen rätselhaft für mich, auch heute noch. Zwei Schreibende in einem Haushalt, der Lärm der Schreibmaschinen. Zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten, meine Schwester fröhlich, immer der Mittelpunkt einer Gesellschaft, anderseits gegenüber eine trockene Persönlichkeit, für mich etwas belehrend (aber ich war ja jung). Irgendwie war das vorgezeichnet.
Heinz Bachmann _ Wien _ 2019
Wie ging Deine Schwester Ingeborg mit dem Scheitern dieser Beziehung um?
Sie litt darunter offensichtlich, empfand das Buch Frischs als Indiskretion. Aber ich frage mich, wie sehr die von einem Modearzt geförderte starke Medikamentabhängigkeit die emotionellen Probleme verstärkt hat. Sie sah aus dieser Abhängigkeit keinen Ausweg.
Gab es nach dem Scheitern der Beziehung noch Kontakt miteinander?
Von Seite der Familie keinen, außer einem Brief des Vaters. Für meine Schwester zog sich das Jahre hin, weil die verschiedenen „Haushalte“ aufgelöst werden mussten, also Uetikon, in Rom Via de Notaris. Welche Bücher gehören wem, sonstige Andenken, das ist für niemanden bei einer Trennung einfach.
Wie lange dauerte für Deine Schwester Ingeborg der Prozess der innerlichen Ablösung von dieser gescheiterten Beziehung und welche Hilfe nahm Sie dabei in Anspruch?
Ingeborg hat ja nur weitere zehn Jahre gelebt und ist irgendwie nie ganz davon los gekommen. Sie wollte im Schreiben über dieses Thema noch etwas allgemein Gültiges schaffen. Leider sind diese Romane mit Ausnahme von „Malina“ unvollständig geblieben. Das Wichtige war das Schreiben über dieses Thema, was tun wir uns bei solchen Brüchen an, wie gehen wir damit um.
Wie ging Deine Schwester Ingeborg danach mit den literarischen Seitenhieben Max Frischs um?
Nun, die meisten Bezugnahmen kamen ja nach dem Tod meiner Schwester. Mit „Gantenbein“ hat sie sich ziemlich abgequält, das kann man an den Briefen erkennen.
Erinnerst Du Dich abschließend vielleicht an eine heitere Episode in der Beziehung von Ingeborg Bachmann und Max Frisch?
Bedauerlicherweise nicht. Das klingt sehr lakonisch, aber da war vielleicht wenig Gelegenheit eine heitere Begebenheit zu beobachten. Frisch war andererseits sicher keine Person mit spontanen Äußerungen.
Lieber Heinz, herzlichen Dank für das Interview und für Dich und Deine Familie alles Gute in diesen Tagen!
Lieber Walter auch Dir und den Deinen alles Gute!
Heinz Bachmann _ Salzburg 2020
Interview_Dr.Heinz Bachmann, Geophysiker, London. Bruder von Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin (*1926 Klagenfurt +1973 Rom).
Walter Pobaschnig 10.12_2022.
Alle Fotos (andere gekennzeichnet) _ Walter Pobaschnig, Wien.
„Wir haben es nicht gut gemacht“ Briefwechsel Ingeborg Bachmann _ Max Frisch _ Erscheinungstermin_ 06.12.2022 Fester Einband mit Schutzumschlag, 1039 Seiten Mit Fotografien und Faksimiles _ Suhrkamp Verlag