„jeden Tag eine bessere Version seiner selbst zu sein“ Ioana Miron, Schriftstellerin _ Bukarest 24.12.2022

Liebe Ioana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesaublauf ist sehr komplex. Ich wache auf, bringe die Kinder zur Schule, danach gehe ich laufen oder ins Fitnessstudio, ich ˮverliereˮ mich sehr gerne in diversen Parks und beobachte gerne Menschen und ihre Gespräche, mit einem großen Kaffee und einem Buch dabei, in das ich manchmal diverse Sachen notiere, dann später übersetze oder schreibe oder ich illustriere etwas, abends lese ich oder erfinde Geschichten gemeinsam mit meinen Kindern.

Aber die wichtigsten Stunden sind zwischen 13 und 17 Uhr nachmittags, wenn ich mich zwischen verschiedenen Zitaten, grammatikalischen Strukturen und neuen Posen der Bedeutungsspiele verliere, die literarische Texte, ob Prosa oder Poesie, in ihrer Komposition haben.

Aber ich denke, der wichtigste Tagesablauf ist die Zeit mit sich selbst, sich neu zu entdecken, zu polieren, zu definieren.          

Ioana Miron, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Wichtigste ist jetzt die Freiheit in all ihren Formen und der Friede. Und da Frieden ohne Freiheit nicht wirklich existieren kann, denke ich, dass deshalb diese beiden Aspekte der Realität als ein einheitliches Ganzes gesehen werden müssen. Und ich glaube nicht, dass diese Aspekte unmöglich zu erreichen sind. Aber ich denke, das Wichtigste, um dieses einheitliche Ganze zu erreichen, ist dein Friede mit dir selbst und der Versuch, jeden Tag eine bessere Version deiner selbst zu sein, ohne wie ein Klischee oder so zu klingen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabeider Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst und Literatur sind für mich nicht trennbar. Kunst repräsentiert alles, was wir visualisieren und wahrnehmen können, jenseits dessen, was vor unseren Augen präsentiert wird. Und Literatur stellt den Motor dar, der das Visuelle materialisiert, jenseits chromatischer Wahrnehmungen oder sozialer, politischer Eindrücke usw. Ich könnte Kunst und Literatur nicht aus meinem Leben ausschließen. Ich bin mit viel Literatur aufgewachsen und habe das danach mit bildender Kunst, Grafik, Street Art kombiniert.

Kunst und Literatur stellen für mich gemeinsam das höchste Gedicht des Geistes dar, das kontinuierlich geschrieben wird, das tägliche Flussgedicht.

Was liest Du derzeit?

Jetzt lese ich Jon Fosse, die Trilogie. Er ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren, die ich schätze. Ich mag die Atmosphäre, in die es mich einhüllt, und jedes Mal, auf jeder neuen Seite, ist es eine Atmosphäre, die vollständig und vollständig erscheint. Was Jon Fosse schreibt ist ein zeitloses Märchen von großer Zartheit und Poesie. Ich mag seine äußerst poetische Prosa sehr. Es rekonfiguriert meine poetische Wahrnehmung des Schreibens im Allgemeinen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

og jeg følte det gik et/ und ich fühlte, dass es funktionierte

stort uenneligt/ entschieden widersprechen

skrig gennem/ Schrei durch

naturen/ die Natur

Das ist eine Zeile von Edvard Munch, in der ich mich wiederfinde, in der ich alles finde, was eine künstlerische Anstrengung mit sich bringt. Der Schrei der Natur ist der Schöpfungskeim in der Kunst, der sich mehr oder weniger sichtbar manifestiert, bei seinem Schöpfer aber immer mit Intensität einschlägt. Es hat eine sehr intensive, schwere, hyperluzide poetische Ladung. Es fasziniert mich total.

Ioana Miron, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Ioana, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ioana Miron, Schriftstellerin

Zur Person _ Ioana Miron, geboren am 10. November 1989 in Botoşani, Rumänien, schreibt Gedichte und hat vor kurzem Zeit begonnen, mit Prosa zu jonglieren, um ihre eigene Realität zu überdenken und zu polieren. Sie übersetzt Gedichte und Prosa aus dem deutschen und nordischen Raum. Sie ist auch Illustrator und Grafiker und Mitglied für Pen Rumänien. Sie lebt derzeit in Bukarest.

Fotos_privat


2.12.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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