Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Gunna Wendt, Schriftstellerin _ München.
Veronika Kulcsar_Tänzerin, Choreographin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Gunna Wendt _ Heike Bogenberger
Fotos: Veronika Kulcsar_Tänzerin, Choreographin _ Wien _ performing Malina _ Romanschauplatz Malina Wien _ Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 6/21.
Im Interview_ Richard Schuberth, Schriftsteller _ Wien
Lieber Richard, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mit 30 schenkte mir eine Freundin, mit der ich damals eine Affäre hatte, „Sämtliche Erzählungen“ von Ingeborg Bachmann. Ich muss gestehen, dass ich trotz ehrlicher Bemühungen wenig damit anfangen konnte. Es wirkte auf mich wie egosensible Verinnerlichung, die mir in der Literatur zuwider war.
Gleich mal vorweg, um falschen Schlüssen vorzugreifen: Das hat nichts mit dem Unverständnis einer weiblichen durch eine männliche Perspektive zu tun. Ich war immer neugierig auf weibliche Perspektiven und hatte in meinen frühen Zwanzigern, wenn nicht früher, mit Begeisterung Elfriede Jelinek, Kate Millett, Mary Wollstonecraft und belle hooks gelesen, und Emily Brontë war überhaupt meine Soul Sister. Was mich störte, war die automatische Selbsteinsortierung von Frauen ins literarische Fach Psyche, Verinnerlichung, Subjektivität. Denn genau das reproduzierte ja die patriarchale Rollenzuordnung. Es störte mich, wenn Frauen behaupteten, sie könnten mit psychologischen und Beziehungsthemen persönlich mehr anfangen als mit Gesellschaftlichem. Genau darüber hatte sich ja auch Jelinek stets lustig gemacht. Aber was Bachmann anbelangt, war es eine Projektion meinerseits.
Nach späterer Lektüre musste ich mein Urteil als Vorurteil revidieren. Gerade Bachmann als weiblich geframte Verinnerlichung zu annoncieren, schadet dem parageschlechtlichen und zutiefst gesellschaftskritischen Gehalt ihres Oeuvres. Außerdem entscheidet letztlich der Stil, und nicht die Gesinnung über die Wahrhaftigkeit von Literatur. Politisch bin ich selber. Ich brauch mich mit der Autorin, dem Autor nicht identifizieren, und es entscheidet nicht, was er oder sie mir, sondern wie er oder sie es mir erzählt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Auf höchstem formalem Niveau macht sie ihr Leid, das immer gesellschaftliches Leid ist (konkret das Leid an einer männlich dominierten und konstruierten Wirklichkeit), beredt. Das hat es vor ihr und sehr viel häufiger nach ihr, oft von ihr inspiriert, gegeben, aber diese Verinnerlichung, die eben nicht bloß Verinnerlichung ist, sondern Protokollierung der gesellschaftlichen Schäden im Inneren, diese Wahrhaftigkeit ist eben nicht nur Authentizität, sondern gewinnt durch die Suche nach dem mot juste, und ihre sehr austriakische Verbindung von Verzweiflung, Exaktheit und Heiterkeit seinen unnachahmlichen künstlerischen Wert. Ihre sprachliche Genauigkeit, und das verstehen viele AusdruckstänzerInnen der Literatur heutzutage nicht mehr, will die Wirklichkeit nicht aufspießen wie Schmetterlinge fürs naturkundliche Archiv, sondern das Ungefähre, Wolkenhafte so genau wie möglich umreißen. Höchste Subjektivität wird zum Mittel höchster Objektivität.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich mochte immer ihre Erzählung „Im dreißigsten Jahr“. In den letzten Jahren erforschte ich Bachmanns Lyrik. Ich glaube, Elfriede Jelinek, die ihrer Prosa den Vorzug gibt, hat einmal an ihrer Lyrik die „Sicherheit der Behauptung“ kritisiert. Eben diese macht die Gedichte aber so kompakt. Selbstermächtigung, Herrin der Behauptung zu sein, ist kein Verrat an der Fragilität, keine Illusion über die eigene reale Macht bzw. Ohnmacht, sondern eine Rolle, ein Als-ob. Der Boden unter den Füßen schwankt nicht immer. Man muss die Felsen im Sumpf aufsuchen, um Überblick zu gewinnen, das bedeutet nicht die Anmaßung falscher Autonomie. Souveränität im Urteil und existenzielle wie ontologische Unsicherheit sind keine Gegensätze.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Patriarchale Welt ist ein Abstraktum, und die Tendenz, alle Übel dieser Welt auf eine geschlechtsspezifische Ursache runterzubrechen ist Ideologie und Denkverweigerung. Ich, der jedes Unterdrückungsverhältnis abschaffen will, hege große Zweifel gegen jede romantische Aufwertung der Unterdrückten als moralische Instanzen. Unterdrückung schafft Ressentiments. Die angeblich weniger aggressive oder weniger offensive Natur der Frau kann auch ein Mal ihrer Jahrtausende währenden Herabminderung sein. Deshalb halte ich feministische Autorinnen für interessanter, die miese, zumindest höchst ambivalente Frauenfiguren schufen und sich dem Identifikationsbedürfnis der LeserInnen verwehrten. Nichtsdestoweniger bin ich überzeugt, dass die Regierungen dieser Welt, in den Händen von Frauen, ökonomisch und politisch um ein Vielfaches weniger Wahnsinn erzeugten als die regierenden Männer (und ihre Handlangerinnen in niedrigeren Positionen). Letztlich würden aber auch sie an strukturellen Hindernissen ökonomischer und geopolitischer Natur scheitern, die uns einmal mehr vor Augen führen, dass es radikalen Wandels bedarf, und nicht bloß einer Enttestosteronisierung der Macht.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Frauen nicht gesünder. Anders krank. Obwohl, das muss ich zugestehen, von einer unmessbar größeren emotionalen Intelligenz als Männer. Tja, Macht macht dumm. Ich fürchte, der zunehmend regressive, narzisstische Charakter der Menschen, zu dem die Warenverhältnisse sie nötigen, macht Liebe, die den Begriff verdient, immer schwieriger. Liebe bedeutet das Sich-Öffnen für das Andere im Anderen, nicht Selbstidentifikation, und es bedeutet die Überwindung jeglichen Zweck-Nutzen-Kalküls. Ein One-Night-Stand kann dem Ideal der Liebe näherkommen als heuchlerische Beziehungsarrangements, und geben sie sich auch noch so harmonisch. Liebe zu Menschen unterscheidet sich gar nicht so sehr von Liebe zur Wahrheit. Wie bei der Erkenntnis bedeutet sie Erfahrung des anderen, nicht geteilte Erfahrungslosigkeit.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
So richtig Martyrium wird es erst, sobald der Existenzdruck einen nötigt, Preise entgegenzunehmen, die nach Anton Wildgans benannt sind.
Ja, schreiben isoliert, es ist eine einsame Kunstform. Und das ist ihr Glück. Denn was für Gewinn ist eine Einsamkeit, die sich dem normativen Druck des Kommunikativen entzieht. Schreiben, vor allem ein Schreiben, das sich um höchste Qualität und größte Leichtigkeit (nicht Simplizität!) bemüht, ist eine einzige Schinderei. Wann immer Leute meinen, ich schüttelte die Texte eh nur so aus dem Ärmel, hätte ich dort, wo ihrer Meinung nach meine Texte wie Fallschirmjäger auf den Absprung warten, in den Ärmeln – hätte ich dort gerne wurfbereite Ninja-Sterne. Was bleibt einem anderes übrig als diese Schinderei, wenn die Gedanken aus einem rauswollen und man in die Schafherden der Gedankenlosigkeit nicht mehr zurückkann.
Außerdem soll man den Mythos von der genialischen, an seine Grenzen gehenden, hypersensiblen Künstlerexistenz nicht allzu ernst nehmen. Es gibt Schaffensprozesse, die machen großen Spaß, die gehen wirklich leicht von der Hand, die erzeugen Glücksgefühle. Während des Schreibens. Das Martyrium sind dann danach die Ignoranz gegenüber dem fertigen Werk und die stereotypen bzw. falschen Projektionen darauf.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Hm, ich weiß nicht, ob es ein Supplement oder nicht doch nur Wiederholung ist, vielleicht aber Präzisierung. Bachmann erzählt sich als Wunde. Das ist indes Verinnerlichung, die nicht in die eigenen seelischen Idiosynkrasien flüchtet. So wie – das ebenso narzisstische Gegenteil – die objektivistische Durchschauerpose die eigene subjektive Verstrickung in die Verhältnisse verdrängen mag. Bachmann leidet, aber sie jammert nie, sie reflektiert Demütigungen, aber inszeniert sich nicht als Opfer.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Können Sie mir einen Tschik geben bitte? Nein, ich hätte sie gefragt, was ich auf die eigenartige Frage, was ich sie gefragt, ihr gesagt hätte, antworten soll.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Oben auf der To-do-List steht ein satirisch-philosophischer Roman, die Abenteuer und Vergeblichkeiten zweier Menschen in einer Welt, die nur durch Missverständnisse und falsche Projektionen einigermaßen im Lot gehalten wird. Aber noch weiter oben auf der To-do-List wäre: to do nothing peculiar! Ein ganz großes Herzensprojekt von mir ist, mich den Anmutungen der politischen Wirklichkeit durch produktiven Eskapismus zu entziehen – Muße, Denken, Abschalten – mir das Denken durch Abstinenz zu erhalten, Sozialismus durch egoistische Brachwirtschaft. Weiters würde es mich reizen, nach meinem letzten, etwas sperrigen Buch über die aktuellen Formen des Antisemitismus („Vom Antisemitismus, der keiner sein will“) ein didaktisches Buch zum selben Thema nachzureichen, für Jugendliche, in einfacherer Sprache. Dann weitere Forschungsreisen ins Großbritannien zwischen 1660 und 1830, ein Film, ein Theaterstück, und ein bisschen in die Möglichkeiten satirischer Podcasts reinzuschnüffeln.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Darf es auch ein längeres sein? Es ist schlichtweg wunderbar, und Ingeborg Bachmann sprach diese Worte eben bei der Verleihung des oben erwähnten Wildgans-Preises. Und sie widerlegt sich darin selbst, jedenfalls ihrer Behauptung, „kristallinische Worte“ kämen in einer Rede nicht vor.
„Die Forderungen, die darum an Schriftsteller gestellt werden, aufs Leichtfertigste, doch zumindest die Welt zu verändern, sind völlig sinnlos. Ein aufnehmendes, abgebendes, verändertes Ich, verändert schreibend, ist etwas anderes, und zu den Aktualitäten habe ich nur zu sagen, dass man sie hinwegschreiben muss, man muss die Aktualitäten seiner Zeit korrumpieren, man darf sich nicht von den Phrasen, mit denen diese Aktualitäten einem aufgedrängt werden, korrumpieren lassen. Ein Schriftsteller hat die Phrasen zu vernichten, und wenn es Werke auch aus unserer Zeit geben sollte, die standhalten, dann werden es einige ohne Phrasen sein. Es bedarf also nicht so sehr der Talente, denn es gibt viele, sondern [der] Schriftsteller, denen es möglich ist, den Charakter auf der Höhe ihres Talents zu halten, und das ist das Allerschwierigste. Das Kryptokristallinische dieser Worte ist mir bewusst, wir wissen nicht, was Talent und was Charakter ist, aber ich kann redend nur mit der Ohnmacht der Rede auf etwas hindeuten, das mir wichtiger erscheint als das idiotische Gerede von [der] Rolle des Schriftstellers gestern, heute und morgen. Die kristallinischen Worte kommen in Reden nicht vor. Sie sind das Einmalige, das Unwiederholbare, sie stehen hin und wieder auf einer Seite Prosa oder in einem Gedicht.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Richard Schuberth, Schriftsteller
Aktuelle Buchveröffentlichungen von Richard Schuberth
Der Paketzusteller. Roman. Drava Verlag. Celovec/Klagenfurt 2025
Vom Antisemitismus, der keiner sein will. Essays. Edition Tiamat. Berlin 2026
Die gedichte. Drava Verlag. Celovec/Klagenfurt 2026
Undine geht _ Jennifer Pöll, Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin _ Wien _ Thematisch-szenisches Fotoshooting _ _ Donau/Wien 9/25 _ Walter Pobaschnig, folgende
„Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961)
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance
UNDINE GEHT_ Akrostichon
Text _ Gero Ulbricht, Schriftsteller, Künstler
Performance _ Jennifer Pöll, Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Undine geht _ Jennifer Pöll, Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin _ Wien _ Thematisch-szenisches Fotoshooting _ _ Donau/Wien 9/25 _ Walter Pobaschnig, folgende
UNDINE GEHT
U nterm Spiegel eines Waldteiches
N ymphe verhüllt in Tüll
D ienerin der Götter
I dylle mit bezauberndem Gesang
N arkotische Erscheinung
E ntzieht die Luft zum Atmen
G efährtin einer Nacht bringst
E insamkeit durch einen Kuss
H allt dein Gesang lange nach
T ränend die Augen sich schließen
Gero Ulbricht, 6.2.2026
Undine geht _ Jennifer Pöll, Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin _ Wien _ Thematisch-szenisches Fotoshooting _ _ Donau/Wien 9/25 _ Walter Pobaschnig, folgende
UNDINE GEHT Text/Performance
Text _ Gero Ulbricht, Schriftsteller, Künstler
Performance _ Jennifer Pöll, Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Jennifer Pöll, Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Gero Ulbricht _ privat.
Fotos Jennifer Pöll, Schauspielerin, Tänzerin, Sängerin _ Wien _ Thematisch-szenisches Fotoshooting _ Undine geht _ Donau/Wien 9/25 _ Walter Pobaschnig.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Cornelia Koepsell,,Schriftstellerin
Peter Nitsche _ Schauspieler _ Wien _ Walter Pobaschnig
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto_ Cornelia Koepsell _ privat.
Fotos: Peter Nitsche _ Schauspieler _ Wien _ performing „Ivan“ _ am Romanschauplatz Malina _ Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 8/21
Liebe Cornelia, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann, Jahrgang 1926 ist eine Frau aus der Generation meiner Mutter. Für mich ist ihre Klarsichtigkeit erstaunlich, wie sie beschreibt und benennt, wie Frauen im Patriarchat zugerichtet und regelrecht „liebessüchtig“ werden (siehe Malina)
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Mir kommt es so vor, als ob sie in größeren und kleineren Kreisen immer um das herum schreibt, was sie sagen will, die Außenbezirke sehr genau auslotet, der Leser muss mitdenken, um zu verstehen, es wird ihm nichts auf dem Tablett serviert.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Ich habe nicht alles von ihr gelesen, kürzlich die Erzählung „Das Dreißigste Jahr“ angehört, eine Art Wiederauferstehungs-Geschichte. Sie hat mich beeindruckt.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie nach der Quelle ihrer Kraft gefragt, woher sie den Mut genommen hat.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Eine autofiktionale Erzählung über die Demenzerkrankung meiner Mutter, die mir auch in kleinen Puzzleteilen Zugang zu ihrer Vergangenheit, Kindheit und Jugend verschaffte.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass man nur in einem Krieg ermordet wird.„
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse in ihrer Wohnung in der Bocca de Leone/Rom _ um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Jens Schröter, Schriftsteller, Medienwissenschaftler_ Bonn
Lieber Jens, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich hab` selbst nicht zu Bachmann gearbeitet, ich bin ja auch nicht aus der Literaturwissenschaft. Aber ich habe im Studium zuerst „Anrufung des Großen Bären“ gelesen und das hat mich sehr beeindruckt. Ich komme immer wieder zu dieser Gedichtsammlung zurück.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ich finde ihre Bilder und Wortkombinationen tief überraschend, schön und zwingend.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
„Die Anrufung des Großen Bären“ wird wohl immer mein Lieblingswerk bleiben
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ach nichts, ich hätte Sie in Ruhe gelassen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Derzeit laufen mehrere Projekte, wir bringen drei Volkswagen-Projekte (eins zu KI in den Wissenschaften, eins zur Digitalisierung von Geruch und Geschmack und eins zu post-monetärer Ökonomie) gerade zuende und arbeiten an den Publikationen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Das scheint mir heute angemessen:
In einer großspurigen Zeit
muß man rasch von einem Licht ins andre gehen, von einem Land
Jens-Philipp Gründler, Autor und Journalist, studierte Philosophie, Vergleichende Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte, lädt in seinem neuesten Erzählband (Kurzprosa) zu einer Reise, zu einem Sturz in Lebens- und Gesellschaftssituationen ein, in denen Menschen vor Herausforderungen stehen in Krieg und Frieden, Jugend und Alter und ihren Weg in Entscheidung, Mut und Konsequenz suchen und gehen.
Da ist der US-Soldat im Vietnamkrieg, der sich einem Befehl widersetzt und das Gewissen vor dem Befehl stellt. Da ist der schwere Schulalltag zwischen Stille und Ausgrenzung und danach der Blick ins Weite und die Faszination Fotografie, die Anerkennung und Erfolg bringt, was die Schulglocke verweigerte.
Und da sind viele Existenzmodelle mehr, in denen Menschen zwischen Sturm und Sonne ihren Lebensweg erkunden, beschreiten, verändern, geworfen werden und dagegen ankämpfen, um mit letztem Einsatz ihr Weltbild und den Sinn in jedem neuen Tag suchen und danach ringen.
Jens-Philipp Gründler beweist in diesem Erzählband einmal mehr seine große Fähigkeit und sein Talent zu einer spannenden, tiefgehenden Prosa, die in den biographisch-gesellschaftlichen Miniaturen mitreißend einladen, Existenzsituationen in Krisis und Entscheidung wahrzunehmen und zu reflektieren. Wie hätte ich gehandelt? Was würde ich jetzt tun? Was ist für mich Wert und Sinn?
Bilder des so variantenreichen wie beeindruckenden Künstler Michael Blümel bilden einen hervorragenden Bilddialog zu einer Prosa, die in dieser Form einzigartig ist.
„Ein Erzähl-, Bildband, der Existenz und Menschsein in Krisis, Sinn und Entscheidung mitreißend ins Wort und Bild setzt.“
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Im Interview _Miriam Unterthiner, Schriftstellerin _ Wien.
Liebe Miriam, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ehrlich gesagt, lesen. Lesen als direkteste und unmittelbarste Begegnung. Ich versuche, jedem Text unbefangen zu begegnen, ihn von seiner Rezeption zu trennen und ihn vielleicht mit einem kindlichen, lesenden Eifer unbefangen zu begegnen. Persönlich kann ich Bachmanns Texten auf diese Weise am besten begegnen, daher habe ich bislang davon abgesehen und möchte es weiterhin tun, Texte außerhalb ihrer literarischen Werke wie etwa private Briefwechsel zu lesen.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
In Bachmanns Texten liegt für mich eine Unmittelbarkeit. Ihre Sprache könnte auf den ersten Eindruck als schlicht, womöglich sogar als einfach aufgefasst werden, vielleicht ist sie das auch, aber für mich ist sie vor allem direkt, unvermittelt. Ihre Sprache ringt um das Wort, sie möchte nicht festschreiben, nicht losschreiben, sondern vielleicht eher fragen. Das macht die Texte für mich ehrlich und gleichzeitig auf einer zutiefst menschlichen Ebene schmerzhaft.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Wie vermutliche vielen anderen, liegt mir bei dieser Frage „Malina“ auf der Zunge, dennoch möchte ich davon absehen, diesen Roman hervorzuheben. Für mein eigenes Schreiben waren und sind die Essays von Ingeborg Bachmann am bedeutendsten.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Vermutlich würde ich Ingeborg Bachmann nichts fragen, lieber wäre mir, sie könnte die Zeit für ihr Schreiben verwenden. Ich kann mir vorstellen, dass ihr das selbst auch lieber wäre.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
In letzter Zeit liebäugle ich mit Prosa. Ich möchte mir die Zeit und den Raum nehmen, um herauszufinden, wohin sie mich führt. Vielleicht wird es ein Roman, vielleicht ein Scheitern, ich weiß es nicht, aber freue mich, es herauszufinden.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“
Aus ihrer Dankesrede für die Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden (1959)
Zur Person: Miriam Unterthiner, geboren 1994, wuchs am Rande eines kleinen Bergdorfes in Italien auf. Sie studierte Philosophie, Germanistik sowie Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst Wien. Der Theatertext „Blutbrot“ wurde mit dem Kleist-Förderpreis für neue Dramatik, dem Literaturpreis der Universität Innsbruck sowie dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet. Bei edition laurin, innsbruck university press, erschien der Text ebenso in gedruckter Version. Der Theatertext „Mundtot“ wurde mit dem Hans-Gratzer-Stipendium sowie dem Hans-Gratzer-Preis des Schauspielhauses Wien ausgezeichnet.