Über wortweg08

Fotografie, Literatur, Theater, Film, Kunst. Mail: walter.pobaschnig8@gmail.com

„Akzeptieren, dass und wie die Welt sich verändert. Den Fokus auf die guten Dinge, auf Innovation legen“ Pauline Füg, Schriftstellerin_Fürth_6.10.2020

Liebe Pauline, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Sommer wurde es ruhiger, das lag zum einen daran, dass ich Projekte mit Risikogruppen geplant hatte, die ausgefallen sind, zum anderen, dass ich im Sommer meistens nur kreativ arbeite. Ich könnte mich etwas regenerieren von der beruflichen Umstellungsanstrengung der letzten Monate. Schrieb, las, ging in die Natur und recherchierte

Bis Mitte Juli allerdings hatte ich seit dem Lockdown Wochen, mit 50-60 Arbeitsstunden. Ich habe viele Mails abarbeiten müssen, Veranstaltungen absagen, umplanen müssen. Videokonferenzen, Telefonate. Ich habe dann schnell erkannt, dass ich meine Schreibwerkstätten und Poetry Slam Workshops, sowie einige literarische Veranstaltungen online anbieten kann und mich in diverse Videokonferenztools und deren Möglichkeiten eingearbeitet.

Gleichzeitig habe ich selektiert, auf welchen Kanälen ich Nachrichten konsumiere. Und auch auf meine Psychohygiene geachtet, meditiert und Yoga gemacht.

Jetzt im Herbst geht es dann wieder los bei mir mit neuen Projekten. Ich plane gerade vieles zweigleisig, je nachdem, was möglich sein wird: online oder offline. Mal sehen, wie es weitergeht.

Pauline Füg _ Lockvogel Fotografie

 

 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Akzeptieren, dass und wie die Welt sich verändert. Den Fokus auf die guten Dinge, auf Innovation legen. Mich mit guten Menschen umgeben. Eine gute Balance von Arbeit und Freizeit im neuen Normal zu finden.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kultur spiegelt wieder, was in der Welt passiert. Dokumentiert wird das üblicherweise  durch Literatur und diversen anderen künstlerische Ausdrucksformen. Wie genau, was genau passieren wird, was sich durchsetzen wird, das ist noch im Prozess, denke ich. Ich finde es spannend und bin gespannt, wie wir in 2-5 Jahren auf die aktuelle Zeit zurückblicken werden. Ich halte Kunst in all ihren Formen als ein wichtiges Instrument zur Er- und Aufarbeitung der Ereignisse.

 

Was liest Du derzeit?

„Draußen gehen“ von Christian Sauer. Ein sehr schönes künstlerisch gestaltetes Buch über Gelassenheit, Kreativität und das Laufen, das Gehen, das Wandern. Außerdem immer wieder Lyrik, wenn sie mir online oder auf Papier begegnet.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

This too shall pass.

(nach einer alten Geschichte: https://www.ralphkurz.de/auch-das-wird-vergehen/ )

Vielen Dank für das Interview liebe Pauline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Pauline Füg_Bühnenpoetin, Autorin, Diplom-Psychologin, Creative Coach und Moderatorin.

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Foto_Lockvogel Fotografie

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Erlernt wurde Unsicherheit, Furcht – aber auch Positives: eine andere Art Nähe, Hilfsbereitschaft“ Inken Gaebel, Künstlerin_Berlin 5.10.2020

Liebe Inken, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die jetzige Situation gibt natürlich einen neuen Rhythmus vor. Ich bin freischaffend von Zuhause tätig, und bin Mutter von zwei Schulkindern; der Tag erhält seinen Takt durch ihren Zeitplan und dem Erfüllen ihrer Bedürfnisse.

Meine Arbeitszeit waren/sind die fünf Stunden morgendliche Schulzeit, mein Nachmittag dreht sich um die Kinder, deren Hobbys, unsere Tiere und den Haushalt. Ich brauche, um kreativ arbeiten zu können, Ruhe und Zeit am Stück. Wenn ich jederzeit mit Störungen und Unterbrechungen rechnen muss, werde ich unruhig und ungenau, schlampig und hektisch, das funktioniert gerade bei der akribischen Umsetzung von Vorlagen in realistische Malerei nicht.

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Diese ungestörte Arbeitszeit gab es für mich nicht mehr, da Schule und Freizeitaktivitäten so stark eingeschränkt waren. Das Gefühl, nicht mehr mit seinen beruflichen Projekten voran zu kommen, gebremst zu sein, hat mich anfangs sehr nervös, unruhig, ja, fast wütend gemacht. Dann habe ich mich den Umständen bewusst angepasst und statt einer Ausbremsung neue, andere Möglichkeiten gesehen.

Nun gibt es viel Familienzeit. Wir stehen morgens auf, frühstücken lang, quatschen viel und albern herum. Dann setzen wir uns in den schulfreien Wochen an das homeschooling, was vor allem zeitlich eine ziemliche Herausforderung ist.

Dann folgen Projekte: gemeinsames Kochen, Fahrradtouren zum Haus von dem ‚schimpfenden Mann’, Spaziergänge mit den Hunden durch den Bach und hoch zum Hexenwald, ein Zwiebel- Erdbeer-Beet anlegen, eine Sprungschanze aus Holzschrott bauen, den Hunden Kunststücke beibringen, Telefonstreiche.

Und zwischendrin komme ich auch zu ungestörter Arbeitszeit, in der ich jetzt kleinere, unaufwändigere Arbeiten mache, die sich gut schaffen lassen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ganz profan:

Sich nicht zu sehr zu sorgen und dadurch in Stress zu geraten, sondern die Zeit schön zu verbringen..

Das ein oder andere Pflanzen- Projekt starten, viel Erdbeeren in der Sonne essen und sich ins hohe Gras zu legen und mal zu kucken, wie strahlend blau der Himmel im Moment ist.

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich denke, das Erleben dieses Neubeginns basiert auf dem, aus einer ungewöhnlichen Erfahrung Erlernten, und wie dies uns als Personen geprägt hat.

Erlernt wurde Unsicherheit, Furcht vor der Unberechenbarkeit einer Situation, Distanz, Skepsis, Abwehr und Eigenschutz.

Aber auch Positives: eine andere Art Nähe, Hilfsbereitschaft, eine neue Wertschätzung von Familien und Freunden, Freiheit, Einschränkungen als Chance für sinnvolle Umstrukturierung (zum Beispiel: sind die vielen geschäftlichen Flüge nötig, oder zeigt sich nicht gerade, wie simpel die Meetings mit einer Internet Konferenz abgehalten werden können ohne dass irgendjemand sich umweltbelastend vom Fleck bewegen muss)

Und die hoffentlich lehrreiche Einsicht, wie die Natur durch ein paar zu bewältigende Maßnahmen in der Krise, für eine Sekunde Erholung bekam.

Zeitgenössische Kunst war immer eine radikale Auseinandersetzung mit den Vorgängen der Gegenwart, also wird und sollte die Erfahrung mit dieser Krise und ihre Zusammenhänge in Werke mit einfließen.

Die Frage ist, was mit den Kunstschaffenden, den Museen, den Theatern geschieht. Ich arbeite nicht nur als Künstlerin sondern auch als Illustratorin, habe einen kleinen Internet Handel, in dem ich Poster, Kunstdrucke, Karten und Allgemeine Papeterie meiner Illustrationen vertreibe, so dass ich ein zweites Standbein habe, das mich stützt in Zeiten, wo Ausstellungen und Messen, in denen ich meine Kunst/ Malerei zeige, abgesagt wurden.

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Was liest Du derzeit?

Ich lese zur Zeit ein bezauberndes Buch von Juli Zeh: „Gebrauchsanweisung für Pferde“

Ich bin etwa gleich alt wie Juli, und bin, wie sie, schon Reiterin, seit ich laufen kann. Sie schildert ihre Anfänge der Reiterei mit so viel Charme und Witz, ich finde mich darin genau wieder und habe einen großen Spaß an ihren klugen Beobachtungen mit Augenzwinkern..

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mein Lieblings Zitat, das ich auch schon illustriert habe, ist von Pat Parelli: ‚handsome is, who handsome does‘.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und gleich morgen anwenden!

Vielen Dank für das Interview liebe Inken, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Inken Gaebel, Künstlerin

https://www.etsy.com/de/shop/inkengaebel

Alle Fotos_Inken Gaebel

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Habitat_pandemic version – Doris Uhlich. Atemberaubende Uraufführung_TQW. 3.10.2020.

Es beginnt.

Der leere Raum, Das Licht, das Leben. Der tastende Mensch. Nackt und vorsichtig. Still und suchend. Sich suchend. Spürend. Der Einzelne. Die Einzelne. Stumm. Nur Körper. Allein.

Bin ich da? Wo?

Jetzt den Körper fühlen. Im Raum. An und in den Möglichkeiten des Raumes. Den Grenzen des Raumes. Breite und Höhe.

Der Raum füllt sich. Menschen betreten das Licht, den Tag. Sind da.

Mit Maske. Der Abstand im Dasein.

Jetzt.

Bewegungen. Hintereinander nicht Miteinander. Schnell und dicht.

Der Blick zu den anderen. Den Sitzenden. Dem Gegenüber. Da und dort. Still und stumm.

Dann der Weg der Gruppe. Das Zeigen. Aufstehen. Und zurückkehren. Es bleibt beim Blick. Weiter geht es nicht. Darf es nicht.

Aber der Körper bebt, bewegt sich. Emotion. Grazie und Muse am schmalen Grat. Schönheit und Ausdruck. Dahinter das Hämmern des Körpers am Boden. Das Nicht-Weiterkommen. Das Alleinsein. Gegensätze in der Stille. In der Abwesenheit von Nähe.

 

Dann der Schutzanzug. Wieder Nahekommen im umhüllten, fernen Körper. Eng ist nun das Zusammenstehen. Halten.

Und dann das Umarmen. Ein Lauf, ein Stürzen aufeinander zu. Innig und kräftig. Endlich. Zu Zweit. Für den Moment. Ein Fall in das Du. Für den Moment.

Dann wieder der Blick hinauf, hinaus. Das Gesicht. Die Maske.

Der Blick zueinander.

Dann das Dunkel. Das Licht erlischt. Der Mensch ist da.

40 Menschen. Nackt im Licht und Dunkel der Zeit…

Wir sind da.

Doris Uhlich gelingt mit Habitat pandemic version eine eindringliche wie mitreißende Choreografie der emotionalen Innenwelten in Zeiten der Pandemie. In expressiver Körpersprache und dichter Performanceintensität der 40 TänzerInnen wird dem Innenleben der Zeit beeindruckend Ausdruck und Raum gegeben. Das Alleinsein, das Bedürfnis von Nähe und Miteinander wird in aller Spannung und Ambivalenz, individuell wie kollektiv, wuchtig und direkt in den fließenden Spielraum zwischen Bühne und Sitzreihe gesetzt. Das menschliche Leben in Bedürfnis und Notwendigkeit kommt eindringlich in den Kunstblick und entführt das Publikum in eigene Innenwelten der letzten Monate und der Gegenwart.

Die Nacktheit als direkteste ästhetische Ausdrucksform schafft eine Intensität für den Blick auf den Menschen in aller Ganzheit, Schönheit und Zerbrechlichkeit. Es hat etwas von Anfang, Geburt, Liebe wie auch Endlichkeit.

Beeindruckend ist die Performance der TänzerInnen in Synchronizität und dem Tempo in Maske und Bewegung. Was hier an tänzerischer Qualität und körperlicher Höchstleistung geboten wird, ist atemberaubend!

Ein genialer Kunstgriff in Idee, Choreografie und sensationeller Ensembleleistung!

Der dichten existentiellen psychologischen Komponente in Habitat  (=Lebensraum) korrespondieren zahlreiche mythologisch-religiöse wie gesellschaftshistorische Bezüge.

Das Licht, die Leere, der nackte Mensch (der Spielraum) lassen stark an die jüdische Tradition des Anfangs denken. Das Erschaffen-Werden, das Leben im Paradies und das Geworfensein, das Vertrieben-Sein in das Dasein in Mühe, Leiden und Sterben.

Die Zahl 40 selbst (Anzahl der TänzerInnen) steht in theologisch-mythologischer Analogie für eine Zeit der Veränderung, Orientierung. Die Zeit der Wüstenwanderung. Die Zeit von Aschermittwoch in der christlichen Tradition. Die Säulenzahl antiker Tempel. Die Symbolzahl in Babylonien und Ägypten. Die Frage nach Existenz und Sinn/Transzendenz im Wahrnehmen von Zerbrechlichkeit und Gefährdung des Lebens.

Ebenso leitet sich von der Zahl 40 – quarante (franz.: vierzig) – das Wort Quarantäne ab. Seit dem Spätmittelalter gibt es 40-tätige Zeitspannen der Isolation bei bzw. zur Verhütung von Pestepidemien.

„Eine mitreißende Performance, die kraftvoll und atemberaubend Zeit und Seele an nackter Angst und Sehnsucht packt – genial!“

Walter Pobaschnig 4.10.2020 

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Fotos_ Alexi Pelekanos

Habitat_pandemic Version

Konzept, Choreografie

Doris Uhlich

Doris Uhlich _ Choreografin _ Foto_ Katarina Soskic

Performance

Oliver Arnold, Jonas Becker, Eleonora Ciani, Manuela Deac, Florian Decker, Lukas Froschauer, Verena Giesinger, Doris Haidvogl, Marie Handl, Veronika Harb, Fiona Hauser, Sophia Hörmann, Stefanie Hörmanseder, Sarah Horvath, Christina Hurt, Klaus Lengefeld, Karin Lux, Noa Molato, Ann Muller, Iris Omari Ansong, Lukas Pollhammer, Florian Reither, Thomas Richter, Vera Rosner-Nogel, Alina Schaller, Marie Schmitz, Mim Schneider, Moritz Schöll, Ursula Schönherr, Manaho Shimokawa, Fio Sierwald, Valentino Skarwan, Ulla Stahlstadt, Maritina Theodοrou, Indra Tjoa, Živa Vavpotič, Barbara Vörös, Patrick Wolf, Michael Wolloch, Michael Würmer

DJ

Boris Kopeinig

Lichtdesign

Sergio Pessanha

Dramaturgische Beratung

Sebastian Lorenz, Theresa Rauter

Körpertanks

Proper Space (Juliette Collas, Zarah Brandl)

Konfektionsfertigung, Maßschneiderei

Mick Hennig

Produktion

Sebastian Lorenz

Administration

Margot Wehinger

Presse, Kommunikation

Jonathan Hörnig

Internationale Distribution

Something Great (Berlin)

Eine Koproduktion von Tanzquartier Wien und insert Tanz und Performance GmbH. Mit Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien. Projektpartner der Habitat-Serie sind: donaufestival (Krems), ImPulsTanz (Wien) in Kooperation mit Secession Wien, Tanzquartier Wien.

Weitere Informationen/Spieltermine:

https://tqw.at/event/habitat-halle-e-uhlich-pv/

„Nicht morgen wieder in alte Ideen und Muster verfallen“ Lukas Lauermann, Cellist_Wien 4.10.2020

Lieber Lukas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Während des sogenannten Lockdowns hatte ich zum ersten Mal seit meiner
Schulzeit wieder einen recht geregelten Tagesablauf. Ich bin froh, dass das
inzwischen nicht mehr so ist. Dass die Tage nicht mehr ablaufen, eine Schablone
ausfüllen, sondern ich wieder all dem nachgehen kann, was ich liebe, was mich
außerhalb von Regeln denken und bewegen lässt.

Lukas Lauermann _ Julia Haimburger

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ‚jetzt‘ aus dieser Frage zu streichen. Nicht morgen wieder in alte Ideen und
Muster zu verfallen, von denen man für einen Moment so deutlich wie noch nie
gesehen hat wie kaputt sie sind.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Jede*r ist immer relevant, vollkommen unabhängig von irgendeinem System.
Diese (eigentliche) Selbstverständlichkeit, die als Offenheit bezeichnet wird,
kann und muss Kunst bekräftigen.

Was liest Du derzeit?

Christoph Schlingensiefs Animatograph: Zum Raum wird hier die Zeit (Roman
Berka)

Welches Zitat, welchen Teximpuls möchtest Du uns mitgeben?

Für mich hat ein Künstler nur eine Aufgabe, nur eine einzige Aufgabe und nichts
weiter als diese Aufgabe und das ist, Illusionen zu beseitigen, die man sich über
die Dinge macht.‘ (Morton Feldman)

Vielen Dank für das Interview lieber Lukas, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Lukas Lauermann, Cellist und Komponist

https://lauermann.tumblr.com/

Foto_Julia Haimburger

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Fahrenheit 451“ – Fulminante Uraufführung TAG Theater Wien, 3.10.2020.

Da sind die Stadt und das Leben auf, vor und von den Bildschirmen. Das tägliche Glück vieler...

Aller?

Und da sind die Bücher. Gejagt und verbrannt von der Feuerwehrtruppe mit der Zahl 451 am Revers. Brände werden gelegt, um das gedruckte Wort zu vernichten. Das ist der Job – ohne Worte, ohne Hinterfragen. Oder doch?

Es gibt eine Norm. Das Verordnete. Dem ist zu folgen.

Wie der Droge. Bis zur Überdosis.

Doch der Schmerz zerreißt Verbot und Norm.

Montag beginnt sich Gedanken zu machen, Bücher zu verstecken.

Und da ist Clarisse. Ein freier Geist. Wort und Stimme. Musik. Schönheit.

Und da der Literaturprofessor. Er weiß über das vergessene Lesen, Verstehen, Denken.

Montag will mehr darüber erfahren…

Und der Feuerwehrmann Montag in der Zerrissenheit zwischen Bildschirm und Buchtitel. Lesen-Wollen in der bunten niederdrückenden Welt…

…im Warten, im Donner des Krieges, mit Worten im Kopf…und nicht allein…

Die Dramatisierung des Romans „Fahrenheit 451“ (1953) des US-amerikanischen Autors Ray Douglas Bradbury (1920 – 2012) ist eine Herausforderung in Textfassung und Inszenierung. Dass dies eine höchst spannende und dramatische wie zeitkritische sein kann, beweist das TAG Theater Wien fulminant in dieser Uraufführung. Die Inszenierung von Susanne Draxler und Mimu Merz greift mutig und selbstbewusst nach dem Herz des Textes und das hervorragende Ensemble mit Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert lässt es in Spannungsaufbau und Dynamik hervorragenden Schauspiels laut und zeitlos pochen. Da sind ein Fragen, Ringen, Zweifeln und Wagen auf der Bühne zu sehen und zu spüren, das Publikum und Welt aufmerksam anzusprechen weiß. Und das im Spielraum eines kongenialen Bühnenbildes, das Effekt und stille Wucht hervorragend setzt wie in Variabilität beeindruckt. Wie das Ensemble darin spielt und umgeht ist Sonderklasse.

„Ein Theaterabend, der Mensch und Welt viel zu sagen hat  – in Bewusstsein, Denken, Spiel und Zärtlichkeit.“

Kritik&alle Fotos_Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com   3.10.2020

Fahrenheit 451

Von Ray Bradbury

Bühnenfassung von Susanne Draxler und Mimu Merz

Vorstellungsdauer100 Minuten, keine Pause

Deutsch

Premiere: Sa. 03. Okt. 2020, 20.00

Es spielen:  Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, Georg Schubert

Ausstattung: Elisabeth Gressel

Bühnentechnik: Andreas Nehr, Alexander Schlögl

Dramaturgie: Tina Clausen

Licht: Hans Egger, Katja Thührriegl

Maske: Beate Lentsch-Bayerl

Regie: Susanne Draxler

Regieassistenz: Renate Vavera

Regiehospitanz: Marissa Hübel

Sound: Mimu Merz

Textfassung: Susanne Draxler, Mimu Merz

Videoregie: Mimu Merz

Ton/Video: Peter Hirsch

TAG, Theater an der Gumpendorfer Straße,

Gumpendorfer Straße 67, 1060 Wien

https://literaturoutdoors.com   3.10.2020

„Und wie sehr wir Kunst brauchen, wird uns dankbar klar!“ Inge Maux_Schauspielerin_Niederösterreich _ 3.10.2020

Liebe Inge, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wir leben auf dem Lande- mein Mann Manfred Schmid und die wundervollen rumänischen Pflegerinnen Titiana und Daniela sowie unsere Hündchen Suri und Pepita und unser Dauergasthund Prinz Ebi!! Mein Tagesablauf ist hier eigentlich immer gleich- ich male jeden Tag , ich lese sehr viel und tippe jeweils die neuen Seiten für die Biografie meines Mannes in den Computer und mache wunderbare Spaziergänge mit den Hunden und genieße den Garten… Während dem  Corona Lockdown konnte ich es gar nicht fassen, dass hier alles wie immer ist und wir in dieser wunderbaren Idylle leben- aber nichts mehr “ wie immer ist”- dass im Bewusstsein schlagartig alles anders war- einfach unfassbar- man ist gefangen in dieser wunderschönen Natur- weiß dass es einen unsichtbaren Feind gibt- soviele Menschen sterben- ein Ausnahmezustand herrscht, der noch nie da war- nicht einmal im Krieg- und der uns alle und überall betrifft- und nach  außen hatte sich für uns hier auf dem Lande eigentlich nichts geändert- das war einfach “ spooky”… Ein Film den ich drehen sollte wurde verschoben- mittlerweile konnte ich ihn drehen- Sprecherjobs wurden wieder möglich -Reisen nach Wien- und jetzt der idyllische Alltag wie immer….aber ALLES hat sich verändert- im Bewusstsein-

Inge Maux

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Rücksichtnahme – Gemeinschaftsgefühl- verstärktes MITEINANDER- wo uns „Trennendes „ auferlegt wurde-Verbundenheit- innere Empathie und die Welt- das Leben mit neuen Augen sehen-Sorgsamkeit-Achtsamkeit-Dankbarkeit und 💗 LIEBE

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke dass sich  für alle Menschen jetzt und auch für uns Künstler extrem viel verändert hat!! Nichts ist mehr wie vorher ( außer der ländlichen Idylle)- es hat sich ein neues Bewusstsein herauskristallisiert und das ist auch eine große Chance zum Umdenken und verändern! Auch für das Wertbewusstsein- was zählt wirklich – was brauchen wir nicht?! Und wie sehr wir Kunst brauchen wird uns dankbar klar!!! Nahrung für die Seele-für die Sinne- für den Geist…und wie sehr wir unsere Mitmenschen brauchen- das Miteinander erleben- das Gegenüber- den Austausch- die Isolation hat uns das mehr als deutlich gemacht- und uns gleichzeitig zur BESINNUNG gebracht! Wir werden- müssen -neue Wege gehen und finden!! Das ist eine spannende Herausforderung und eine immense Chance- auch auf allen künstlerischen Gebieten- und das ist bei all dem Schweren und Erschwertem eine echte große Chance- wir müssen und sollten Sie nützen- und es ist ein Grund zur FREUDE!!

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Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade „ Der zerbrochenene Spiegel von Merce Rodoreda gelesen- ( Auf der Placa del Diamant und Der Garten  über dem Meer- habe ich bereits verschlungen) eine so außergewöhnlich tolle Autorin von der ich jede Zeile lesen will, die sie geschrieben hat!!! Jetzt lese ich Marlon Brando – The naked actor von George Englund – jedem aus unserer Zunft sehr zu empfehlen und die Biografie von Woody Allen!! Dann warten auf mich Der Apfelbaum von Christian Berkeley und Die Brüder Saphir von Topsy Küppers !! Und viele viele Köstlichkeiten in meiner literarischen Vorratskammer!! Im Zusammenhang mit Woody Allen habe ich mir die Biografie von Diane Keaton „ Damals-heute“ bestellt… bin lesesüchtig!!!

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Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich möchte 3 Zitate von Martin Buber nennen:

ALLES WIRKLICHE LEBEN IST BEGEGNUNG

AM DU WERDEN WIR ERST ZUM ICH

DAS ZWISCHEN MUSS TÄGLICH NEU AUFGEBAUT WERDEN

💝

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Vielen Dank für das Interview liebe Inge, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Inge Maux_Schauspielerin, Malerin, Fotokünstlerin

Biografie

Alle Fotos_Inge Maux

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Bürgerliches Trauerspiel“ Martin Gruber und aktionstheater ensemble. Mitreißende Uraufführung WERK-X, Wien, 1.10.2020.

Zuerst ist da die Kreide. Und die Linie, die Grenze. Das Eigene, das Unsrige. Und das Verbot. Und die Lust daran. Das muss sein. Das ist das Spiel. Das sind die Regeln. Woher sonst die Lust nehmen? Seit Lessing…

Das Unbehagen und das Schuldgefühl. Alles hat seinen Preis. Was nichts kostet. Wir wissen um Wert und Sinn. Um Opfer.

Die Kreide macht die Stimme sanft. Mensch ärgere Dich nicht. Versteckt das Innere.

Bis das Dunkle in uns rauskommt. Der Wolf. Bis wir zerfetzen, fressen. Bis alles zerplatzt. Wie das Virus. Aber nein, so weit ist es nicht. Die Kreide hält. Nur einen Fuß sind wir drüber. Draußen ist das Virus…

Das Innen hält. Hält fest zusammen.

Der Liegestuhl und der Alkohol.

Wir sind synchron.

Für unseren Müll gibt es Käfige. Vom Balkon bis Kuba.

Wir sind nicht allein, oder? Liebe, Beziehung, Freundschaft. Wir wissen was Papa und Mama dazu sagen.

Thymian-Sex im Liegestuhl allein ist wunderbar. Und dazu Tränen am Bahnhof jetzt.

Saufen und kochen. Der SUV und die Fahne. Der Kaiser und die Trauer.

Und auch für unsere Schuld ist Platz. Wir wissen uns zu helfen.

Unsere Welt ist erklärt. Von klein auf. Mit ausgeschlagenen Schneidezähnen.

Und der Wolf ist draußen…

Pandemie. Here we go…

Bis es dunkel wird…

Das Aktionstheater Ensemble zieht unserer Zeit den Backenzahn. Den eitrigen. Den stinkenden. Den verwachsenen. Und es macht dies mit künstlerischer Dynamik und Raffinesse, die einzigartig sind. Eine solche Kraft, Wucht und Intelligenz lassen nur begeistert staunen.

Martin Gruber und das aktionstheater ensemble ziehen in der großartigen Uraufführung „Bürgerliches Trauerspiel“ alle Register bester Schauspielkunst, die packt und schüttelt, berührt und still wie nachdenklich werden lässt. Inszenierung und Spiel erschaffen so dichte Momente des Ausdrucks und der Ansprache, dass das Publikum nie davor sondern immer mittendrin ist. Und dabei sich im Sessel manchmal etwas zusammenzieht, weil es so unmittelbar trifft und offenlegt.

Das aktionstheater ensemble stellt die Frage – Wer bin ich? – an das Wohnzimmer unserer Zeit. Es reißt die Tapeten der Generationen herunter und blickt auf die nackte Mauer. Zu dem Mobiliar in Raum und Kopf darin. Packt mit fulminantem Spielwitz den wackeligen Zahn von Wert und Gesellschaft. Dieser Griff an die Wurzel kommt an. Ist zu spüren. Schmerzt. Das Publikum entscheidet dann selbst ob Plombe oder Wurzelbehandlung, Implantat oder Brücke. Im Wohnzimmer. Zuhause. Mit einem künstlerischen Röntgen im Liegestuhl, das besser nicht sein könnte.  Pandemie, here we go. Prost.

BÜRGERLICHES TRAUERSPIEL (2020)

Uraufführung von Martin Gruber und aktionstheater ensemble in Koproduktion mit Landeshauptstadt Bregenz/Bregenzer Frühling, Landestheater Linz, in Kooperation mit WERK-X Wien.

Regie: Martin Gruber; Text: Martin Gruber, aktionstheater ensemble und Wolfgang Mörth,

Dramaturgie:  Martin Ojster, Andreas Erdmann; Musik: Kristian Musser, Nadine Abado, Alexander Yannilos; Bühne, Kostüme: Valerie Lutz; Regieassistenz: Tanja Regele, Hacer Göcen; Mit: Michaela Bilgeri, Horst Heiß, Thomas Kolle, Benjamin Vanjek und Kristian Musser, Nadine Abado, Alexander Yannilos.

Nächster Spieltermin_ Sa. 3.10., WERK-X, Oswaldgasse 35A, 1120

http://aktionstheater.at/produktionen/buergerliches-trauerspiel-2020/   2.10.2020

Walter Pobaschnig, literaturoutdoors, 1.10.2020

Alle Fotos_Romana Fürlinger_Walter Pobaschnig

„Literatur muss die Themen und Probleme unserer Zeit aufzeigen, aber auch eine Flucht aus dem Alltag bieten“ Giuliano Musio_Schriftsteller _Bern _ 2.10.2020

Lieber Giuliano, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Inzwischen kann ich besser mit der ständigen Ungewissheit darüber umgehen, ob der nächste Auftritt, die nächste Lesereise stattfinden wird. Ich konzentriere mich auf die verlässlichen und von Corona unabhängigen Lebensbereiche: feste Tagesrituale und die Arbeit am nächsten Buch.

Giuliano Musio Affolter Savolainen

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, dass das Bewusstsein für unsere eigene Fehlerhaftigkeit, unser Unwissen und unseren subjektiven Blick den Kampf für Gerechtigkeit und Solidarität voranbrächte. Das bedeutet, dass es die Bereitschaft braucht, die eigenen Überzeugungen immer wieder infrage zu stellen und gegebenenfalls zu ändern, Fehler einzugestehen, zuzuhören, statt sich von bloßer Empörung leiten zu lassen, und vorsichtig mit Urteilen zu sein. Ich arbeite selbst an all diesen Punkten.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin leider weniger optimistisch und glaube, dass wir unsere alten Gewohnheiten nicht so schnell loswerden. Die Hoffnung auf Veränderung muss dennoch aufrechterhalten bleiben, selbst wenn diese nur im Kleinen stattfinden sollte. Für mich muss Literatur die Themen und Probleme unserer Zeit aufzeigen, aber auch eine Flucht aus dem Alltag bieten. Im Idealfall macht sie beides zugleich.

 

Was liest Du derzeit?

»Happy End« von Joachim Lottmann und »Eisfuchs« von Tanya Tagaq.

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Man darf unklar von dem reden, wohin das Licht der klaren Sprache nicht leuchtet.« (Jean Améry)

Vielen Dank für das Interview lieber Giuliano, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Giuliano Musio, Schriftsteller

https://www.giulianomusio.com/

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mit Literatur und Kunst können wir um Verluste trauern, die Gegenwart neu betrachten und zugleich große, schöne Ideen wagen“ Katharina Adler. Schriftstellerin _ München 1.10.2020

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Arbeiten, schreiben ist für mich zentral. Darum herum die Alltagsdinge und Familie, Freunde, Sport, Spaziergänge, Bücher, Filme, Ausstellungen. Das alles miteinander in Einklang zu bringen, gelingt oft und manchmal nicht. Auch das war schon vor dem Virus so. Und trotzdem hat sich Corona über vieles gelegt. Eine gewisse Leichtigkeit Menschen zu treffen oder an vielbesuchte Orte zu gehen ist fort. Sorge ist dafür da, wie es mit Lesungen, Theater, Konzerten, dem Nachtleben weiter gehen soll. Im Sommer half die warme Luft, die lauen Abende draußen. Aber ich weiß jetzt schon, dass mir im Herbst und Winter die Euphorie stickiger Räume fehlen wird. Das ist mir erst so wirklich klar geworden: an ungelüfteten Orten habe ich schon so viel Großartiges erleben dürfen.

Katharina Adler _ Christoph Adler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich bemerke in letzter Zeit immer wieder den Wunsch bei mir, dass alles schnell vorbei gehen soll und wir zurück zu dem können, wie es vor dem Virus war. Doch dann zügele ich mich. Zurück. Das kann es doch auch nicht sein.
Die „Krise als Chance“ ist eine Floskel, auf die ich bisher in allen Krisen meines Lebens eindreschen wollte. Mittendrin sah ich da nie eine Chance, fand es einfach nur fürchterlich. Wenn es dann aber ausgestanden war, musste ich mir eingestehen, ich war an einem anderen Punkt als zuvor. Meist an einem besseren.
Das bedeutet trotzdem nicht, dass ich Krisen willkommen heiße. Dieses Virus fordert zu viele Tote, zu viele Kranke, zu viele Einbußen – emotional, finanziell, kulturell, besonders die Bildung betreffend usw. – um das alles als Chance verbrämen zu können. Aber wenn die Krise schon einmal da ist, dann ist das wenigstens ein Schimmer am dunklen Horizont. Deshalb glaube ich, gerade ist es wichtig, Geduld zu haben und sich die Zeit zu nehmen Fragen zu stellen. Welches Potential birgt die Situation, trotz allem? Was könnte danach besser sein als zuvor?

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe erst einmal, dass wir es als Aufbruch und Neubeginn begreifen und nicht als Einbruch und Stagnation. Wenn das gelingt, wäre das ja schon enorm. Für Aufbrüche waren die Literatur und Kunst schon oft seismographische Instrumente. Mit diesen Instrumenten können wir um Verluste trauern, die Gegenwart neu betrachten und zugleich große, schöne Ideen wagen. Da ist erst mal alles möglich, jenseits der alltäglichen Realität. Aber im besten Fall ist die Realität dann von der Imagination beeinflusst. Darin liegt viel Potential.

 

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade einen Roman fertiggelesen, der schon lange auf meiner Liste stand: „Ghana must Go“ von Taiye Selasi. Prosa, die umhaut und virtuos afrikanisches Erzählen zwischen Nigeria und Ghana mit dem Genre des amerikanischen Familienromans verknüpft.

Ansonsten arbeite ich mich gerade durch Bücher zum Thema „Solidarität“. Teils aus Interesse, aber auch als Überblicksrecherche für meinen neuen Roman.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe, ehrlich gesagt, keine große Vorliebe für Zitate, auch wenn es zweifellos ganz großartige gibt. Und doch habe ich oft das Gefühl, es sind Aphorismen, die Einsicht und Inspiration simulieren, wo es sich doch einfach nur um ein paar aus dem Zusammenhang gerupfte Sätze handelt. Es herrscht eine Tendenz gerne Dinge auf einen Nenner bringen oder in ein paar Sätzen zusammenfassen zu wollen (auch bei mir). Aber ich glaube, es ist letztlich ein größerer Gewinn, sich in komplexere Zusammenhänge hineinzudenken. Ausführlichkeit. Das wäre mein Impuls. Aber über alle, die so ein richtig griffiges Zitat aus dem Ärmel schütteln, das einem den Atem nimmt und dann vielleicht kurz neu denken lässt, freu ich mich schon auch.

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen

Katharina Adler, Schriftstellerin

Foto_Christoph Adler

9.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Regenschatten“ Seraina Kobler. Roman. Kommode Verlag

Der suchende Blick zu den Staren am Himmel. Es ist schon November. Sie kommen nicht. Ihre Bewegung, das Einssein, das Weiter ohne tägliche Gedanken. Das fehlt jetzt. Wie die Wolken…Und wie weiter jetzt in der umgebenden Katastrophenlandschaft? In der Hitze. Das warme Wasser überall. Die dampfenden Wälder…

Sie blickt aus dem Fenster und denkt nach. Denkt zurück. An die Welt und ihre Wege. Damals. Die Liebe. Die Bewegung. Das Einssein. Das Weiter ohne tägliche Gedanken…David. Jetzt der Riss. Sein Verschwinden….

Doch noch einmal erinnern. Den Anfang. Den süßen Wein. Das immergleiche Lied. Das Wort am Sofa – „Wir sprangen über die Sätze, beendeten sie füreinander, dass es bald egal schien, von wem sie kamen…“.

Lebensfarben. Liebesfarben. Rausch der Tage und Nächte…

Und die neue Wohnung. Ein Neubeginn. Neues Leben. Überall. Auch in ihr. Und nun Herausforderungen. Entscheidungen. Wege…und die Welt geht unter…

Seraina Kobler legt mit „Regenschatten“ einen spannenden Roman zur Zeit vor, der das Leben in aller Leichtigkeit und Dramatik von Mensch, Liebe und zerbrechender Welt am Hals und Kragen zu packen weiß. Die in Zürich lebende Autorin setzt die Unabwägbarkeiten von Tag und Nacht eines Lebens vor den kraftvollen Spiegel der Sprache und lässt Licht und Schatten von Bewegung und Ereignis mitreißend darauf fallen und prallen. Jedes Wort trifft ins Herz von Traum und Hoffnung, Sonnenstrahlen und Regenschatten über einer untergehenden Welt.

„Ein Roman, der Wert und Zeit des Lebens fulminant am Kragen packt.“

Walter Pobaschnig 9_20

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