Über wortweg08

Fotografie, Literatur, Theater, Film, Kunst. Mail: walter.pobaschnig8@gmail.com

„Sinnliche Live – Erfahrung funktioniert digital -zum Glück- noch nicht“ Benjamin Kornfeld, Schauspieler_Wien 10.6.2021

Lieber Benjamin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mich zieht es direkt zur Kaffeemühle, dann zum Siebträger (low budget, hätte aber gerne so ein Gastroding). Kaffee ist die erste Amtshandlung. Dann mache ich mir meistens irgendwas -natürlich- gesundes mit Haferflocken, Früchten und Joghurt. Mails checken, telefonieren, Newsletter Statistik checken, Listen exportieren, importieren, Kalendererinnerungen erstellen, meinen dutzendenden Whatsapp – Gruppen die nötige Aufmerksamkeit schenken, ob privat oder beruflich. Dabei höre ich manchmal Fm4 oder auch Techno, heute war es jedoch Mamy Blue (Remastered) von Ricky Shane.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität in der Kunst -und Kulturszene. Gegenseitige Unterstützung bei
Projekten aber auch einfach mal wieder herum strawanzen zu können und zu
dürfen. Tapetenwechsel, sprach die Birke.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/
Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst soll ein ständiges abstraktes Spiegelbild sein von dem was jetzt ist,
oder? Viele reden von Digitalisierungsformen der darstellenden Kunst. Neue
Formate. Kommt aber durch die reale unmittelbar sinnliche Live – Erfahrung
nicht aus. Und das funktioniert digital -zum Glück- noch nicht.

Was liest Du derzeit?

Die Arbeit der Nacht, Wie später ihre Kinder (leider länger nicht mehr
weitergelesen), viel Tagesschau, Zeit und standard und ab und an Tom of
Finland.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der Optimist erklärt, dass wir in der besten aller Welten leben, und der Pessimist
fürchtet, dass dies wahr ist.

James Branch Cabell

Vielen Dank für das Interview lieber Benjamin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Benjamin Kornfeld, Schauspieler

Foto_Gregor Mantel

14.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Kunst schafft einen Platz, an dem gemeinsam gelacht, gestaunt, zugehört, gesehen, diskutiert wird“ Renate Pirker, Künstlerin_Völkermarkt 10.6.2021

Liebe Renate, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An meinem Tagesablauf hat sich nicht sehr viel geändert. Ich verbringe viel Zeit zuhause, im Garten, im Wald und in meinem kreativen Arbeitsraum. Versuche zwischendurch immer wieder, einen Rhythmus zu finden, Regelmäßigkeiten in meinen Tagesablauf einzubauen was mir nicht immer gelingt mit Ausnahme von Aufstehen und Kaffee trinken. Momentan hat Jahreszeiten bedingt der Garten Vorrang. Die häuslichen Pflichten wie kochen, saubermachen, Einkauf etc. werden mehr oder weniger nebenbei erledigt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mir gefällt der Gedanke „gemeinsam schaffen wir das“ sehr gut. Toleranz, Hilfsbereitschaft und so gut es geht einen positiven Blick in die Zukunft bewahren, das wären so meine Gedanken dazu. Wenn ich den Blick zwischendurch von mir selbst auf mein Gegenüber werfe, um zu sehen, ob und wie ich helfen kann, dann findet Austausch statt und ein Miteinander kann entstehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Kunst an sich zu?

Ich denke, es ist uns durch diese Zeit noch bewusster geworden, wie wichtig
Kunst für uns ist. Dass Kunst einen Raum zur Begegnung, zum Austausch schafft
einen Platz an dem sich Menschen treffen an dem gemeinsam gelacht,
gestaunt, zugehört, gesehen, diskutiert wird, an dem Leben stattfindet. Dass
dies in Zukunft vielleicht noch mehr wertgeschätzt wird, nach dieser Zeit der
Entbehrungen.

Was liest Du derzeit?

Elisabeth Strout „Die langen Abende“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich gebe mir selbst gute Ratschläge, aber ich folge ihnen sehr selten“ Alice im
Wunderland.

Es is noch nie so gwesn, dass nit irgendwie gwesn war.

Renate Pirker, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Renate, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Renate Pirker, Künstlerin

Alle Fotos_privat.

11.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ruth Weiss hat Wien immer geliebt“ Thomas Antonic, Regisseur/USA – Wien 10.6.2021

Ich arbeite seit längerem an einer Biographie über die vielseitige Dichterin und Performancekünstlerin Ruth Weiss, die zur selben Zeit wie William S.Burroughs (1936) in Wien lebte. Sie ist 1928 in Berlin geboren, 1933 nach Wien gekommen und dann 1938 mit ihren Eltern vor den Nazis als jüdische Familie nach New York geflüchtet.

Als junge zwanzigjährige Frau trampte sie dann über zwei Jahre per Autostopp quer durch die Vereinigten Staaten und ließ sich dann 1952 in San Francisco nieder.

Ruth Weiss sagte, dass sie Gedichte schrieb seit sie denken konnte und ihr erstes Gedicht bereits mit fünf Jahren verfasste und damit nie aufhörte. Das war das was sie machen wollte und nichts anderes kam für sie in Frage.

„..i`m 22.

don´t think i`ill make it to 30.

don`t think. write.

words are my friends. Words are wings. Protect…“

I always thought you black, Ruth Weiss

Ruth Weiss musste in ihrem Schreiben viele Jahre mit sehr wenig Geld auskommen, hatte Gelegenheitsjobs als Kellnerin, Postbeamtin, Tankwartin. Erst mit 70 Jahren, als das Buch von Brenda Knight, Women of the Beat Generation (1996) erschienen war, indem sie auch porträtiert ist, wurde sie bekannt. Die Beat-Generation wurde ja von Männern dominiert.

1955 lernte Ruth Weiss in Kalifornien Jack Kerouac kennen. Sie lebte damals im berühmt berüchtigten Hotel Wentley in San Francisco. Das war eine billige Spelunke mit Klo, Dusche am Gang, ein Treffpunkt für Schriftsteller und Künstler. Jack Kerouac hang da auch vor Ort ab. Sie schrieben dann gemeinsam nächtelang Haiku Gedichte, die leider alle verschollen sind. Jack Kerouac trank Wein, Ruth Weiss trank Bier und am Morgen wurden sie von Neal Cassady abgeholt und sie fuhren auf den Portrero Hill in San Francisco und sahen gemeinsam dem Sonnenaufgang zu. Sie betonte immer wieder, dass dies eine Freundschaft zwischen Dichterkollegen und keine sexuelle Beziehung war.

Ruth Weiss hat schon Anfang der 1950er Jahre in New Orleans grellgrüne kurzgeschnittene Haare getragen, ist in Männerkleidung, weiß geschminkt aufgetreten und hat eigentlich das Genre Jazz&Poetry 1959 in Chicago erfunden. Später wurde dies in San Francisco von Lawrence Ferlinghetti und Jack Kerouac übernommen und auch auf Schallplatten veröffentlicht. Sie galten dann auch als Erfinder dieses Genres, aber es stammte von Ruth Weiss.

Sie wurde auch in den 1960/70er Jahren zu einer Underground Ikone, einer Vorreiterin der LBGTQ Bewegung. Für Ruth Weiss war die LBGTQ Bewegung sehr wichtig, lange bevor es diesen Begriff gab. Persönlich hat sie nicht über ihre Sexualität offensiv gesprochen. Sie war bisexuell und hatte mit 22 Jahren ihre erste Freundin, mit welcher sie mit einer Schreibmaschine bewaffnet quer durch die USA getrampt ist. Sie war dann 41 Jahre mit einem homosexuellen Künstler zusammen. Sie sagte dazu, dass die Sexualität da nie eine große Rolle spielte, weil sie zu sehr mit ihrer Dichtkunst beschäftigt war. Es war ihr wichtig, dass es in der Sexualität eine Freiheit gibt und dass da niemand schräg dafür angesehen oder gar verfolgt wird.

Ich habe Ruth Weiss 2012 in Wien persönlich kennengelernt, weil ich an einem Forschungsprojekt zu transnationalen Einflüssen der Beat Generation und der österreichischen Literatur gearbeitet habe. Ruth Weiss war bei dem Sprachsalzfestival in Tirol und kam da zufällig nach Wien, wo wir uns für ein Interview im Amerlinghaus trafen. Daraus ergaben sich weitere Gespräche und Treffpunkte in Österreich und den USA. Bei der vierten Begegnung entstand die Idee eine Biographie über sie zu schreiben. Ich erzählte dann davon einem befreundeten Filmwissenschaftler, Robert Dassanowsky, der meinte, ich sollte eine Kamera für die Interviews mit Ruth Weiss mitnehmen. Er wurde dann auch der Produzent meines heute bei der Diagonale in Graz präsentierten Film:

One More Step West Is the Sea: ruth weiss

Dokumentarfilm, AT 2021, digital, 94 min, eOmdU

Regie/Buch: Thomas Antonic

Filme A-Z « Diagonale – Festival des österreichischen Films

Ich begann 2017 bei Ruth Weiss zu filmen, lebte dazu eine Woche bei ihr. Sie hat ab 1983 so drei Autostunden nördlich von San Francisco in einem winzigen Dorf am Pazifik gelebt under red wood trees.

Ich entwickelte dann ein Konzept für einen Dokumentarfilm. Habe etwa Jazz&Poetry Performances von ihr gefilmt. Sie ist im hohen Alter von 89 Jahren noch mit einer Jazzband auf der Bühne gestanden.

Der weitere Plan war dann der Route ihrer Lebensorte San Francisco – New Orleans _ Chicago – New York, in umgekehrter Lebensreihenfolge zu folgen. Ich hörte dann auf diesem roadtrip meine Interviews mit Ruth Weiss im Radio. Da wusste ich, ich muss umdrehen und mehr von ihr erfahren.

Ich bin dann einem neuen Filmkonzept gefolgt, das mehr Ihrem spontanen Schreiben entsprochen hat. Zwischen 2017 und 2019 war ich dann mehrmals bei ihr und habe gefilmt.

2019 im Sommer begann ich dann den Film zu schneiden und fertigzustellen. Ruth Weiss ist im Juli 2020 verstorben. Es gab dann sehr schnell von der Diagonale Interesse und der Film läuft jetzt im aktuellem Programm.

Ruth Weiss sprach auch über eine mögliche unbewusste Zurückhaltung vor dem „Licht der Öffentlichkeit“, die mit ihren Nazi-Erfahrungen in den 1930er Jahren in Österreich zu tun haben könnte als sie sich verstecken und flüchten musste. Sie versuchte etwa über Innsbruck in die Schweiz zu fliehen, dies misslang und sie kam zurück nach Wien. Ein Freund ihres Vaters, der schon in New York war, schaffte es dann ein Visum für die Familie zu beschaffen mit dem sie alle im letzten Moment im Dezember 1938 fliehen konnten. Sie mussten dabei auf ein Schiff in Holland und reisten im Zug quer durch Deutschland.

„…in vienna our visa from New York awaited us.

There was still time to leave.

December 31st 1938 –

Midnight –

The last possible moment…“

Single Out, Ruth Weiss

Mit dreißig Jahren hat Ruth Weiss ihre Fluchtgeschichte vor den Nazis aufgeschrieben. 1993 wurde sie vom Holocaust Museum in New York interviewt. Dies war ein weiterer Impuls für autobiographische literarische Bezüge.

1998 wurde Ruth Weiss zu einem Beat-Generation Festival in Prag gemeinsam mit Lawrence Ferlinghetti eingeladen. Es kam da auch zu einer Versöhnung mit dem Autor und Verleger Lawrence Ferlinghetti, der ihre Bücher nicht auflegte.

In Prag sagte Ruth Weiss dann, „ich bin jetzt 4 Stunden entfernt von Wien“ und reiste so nach 60 Jahren das erste Mal wieder in ihre Heimatstadt.

Ruth Weiss hat dann über einen Kontakt in San Francisco zu Christian Ide Hintze an der Schule für Dichtung in Wien unterrichtet. Daraus ergaben sich dann weitere literarische Verbindungen etwa zur Edition Exil, in der ihre Gedichte erschienen oder zum Sprachsalz Festival in Tirol.

Sie hat Wien immer geliebt. Eine frühere Rückkehr, nach Europa zu fliegen, war aus finanziellen Gründen nicht möglich. Punktuell kam es für sie immer wieder zu einer literarischen Auseinandersetzung mit den autobiographischen Erfahrungen der 1930er Jahre in Österreich.

„…old faces

New faces

Lifetalk

Deathtalk…

you have an accent; yes viennese….“

Single Out, Ruth Weiss

Diagonale
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz

Film: One More Step West Is the Sea: ruth weiss

Thomas Antonic, Dokumentarfilm, AT 2021, digital, 94 min, eOmdU

Donnerstag, 10.06.
19:00 Uhr, Schubertkino 2

Freitag, 11.06.
10:00 Uhr, Annenhof Kino 6

Regisseur*innen « Diagonale – Festival des österreichischen Films

Foto_Ruth Weiss_1959_Ruth Weiss Archiv

Interview _Walter Pobaschnig und Fanny Altenburger _Hotel König von Ungarn _ Wien_6_21.

Alle weiteren Fotos _ Walter Pobaschnig 6_21

https://literaturoutdoors.com

„Mutter“ Umjubelte Uraufführung des E3 Ensembles Wien_8.6.2021

Da ist der leere Raum. Die Stille. Die Dunkelheit. So beginnt es. Das Leben und die Wurzel. Nackt. Ohne Erde. Dasein.

Musik. Der Lebensgang. Rhythmus der Sehnsucht. Dunkel und schwer. Die Suche. Nach Licht. Hier, dort, irgendwo…

btr
btr
btr

Der Tanz des Lebens, das Ringlspiel – Sein-Wollen, Sein-Dürfen…

btr
btr

Bis es wieder dunkel wird. Im letzten Gang im Trauergewand…

btrhdr
btr
btrmdn
btrmdn
btrmdn

Das Wiener E3 Ensemble lädt in seiner neuesten Produktion „Mutter“ das Publikum zu einer mitreißend tragisch absurden Seelenreise zu Sinn und Identität, Leben und Sehnsucht des modernen Menschen ein. Der leere Bühnenraum und die Trauerkleidung des Ensembles sind schon erste Assoziation eines Spiegelbildes der Seele in der hoffnungslosen Suche nach Orientierung, Anerkennung und Miteinander. Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Dazwischen bewegen, reiben, erfinden und zerstören sich die Bedürfnisse des Menschseins. Sprache und Körper sind dabei Möglichkeit und Verhängnis, die immer wieder verstricken und fallen lassen. Umgeben ist alles von der Erschütterung des Todes. Seine stille überwältigende Macht räumt gleichsam in einem monströsen Fest des Absurden das Leben leer – „Am Zentralfriedhof is‘ Stimmung, wia’s sei Lebtoch no net wor…“.  

btrmdn

Inszenierung und Darstellung begeistern in einer rasanten wie tiefgründigen Sprach- wie Körperdynamik, die gleichsam als Seelen-Katapult die Tragik des Lebens auf die Bühne schleudert. Wie hier der Alltag des Menschen zwischen Sehnsüchten und Missverständnissen als tägliches Sterben – tragisch-absurde „scheene leich“ – zelebriert wird, ist einzigartig. Einzigartig ist auch das Spieltempo, das von Beginn bis zum Finale mitreißt.

Es ist beeindruckend wie das so innovative Wiener Ensemble die Sehnsucht nach Leben und Sinn tief aus der dunklen Erde von Angst, Liebe, Familie und Gesellschaft der Zeit gräbt und künstlerisch transformiert. Die vielen Gang- und Stolperarten der Lebenswelt werden in tragisch-komischer Spielwucht zelebriert, dass es das Publikum in Lachen und Gänsehaut schüttelt und erschüttert. Ein Geschenk an das Publikum in begeisternder Kraft modernen Theaters in Unterhaltung wie Tiefsinn!

„Das E3 Ensemble lädt zu einer scheenen Wiener leich, die sich gewaschen hat – sensationell!“

Mutter _ Uraufführung _ E3 Ensemble Wien

mit ISABELLA JESCHKEMICHAELA SCHAUSBERGER und GERALD WALSBERGERMARKUS PECHMANN (Trompete), DARIO SCHWÄRZLER (Tuba) und ANNA TSOMBANIS (Saxophon), Dramaturgie THOMAS BISCHOF, Kostüm/Ausstattung PIA STROSS, Bühne/Grafik SEBASTIAN SPIELVOGEL, Künstlerische Beratung SUSANNE BRANDT.

Koproduktion von E3 Ensemble und perflux
Kooperation mit DAS OFF THEATER Wien
04., 05., 06., 08., 10. und 13. Juni 2021 um 20 Uhr
OPEN.BOX im DAS OFF THEATER
Kirchengasse 41, 1070 Wien

E3 Ensemble

Walter Pobaschnig 8.6_21

Alle Fotos_Walter Pobaschnig.

https://literaturoutdoors.com

„Kunst ist für mich vor allem eine Lebensform“ Jürgen Berlakovich, Schriftsteller und Musiker, Wien_ 9.6.2021

Lieber Jürgen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

JB: Das Reisen und die Auftritte, die ich vor der Pandemie regelmäßig hatte, fehlen mir zunehmend. Der Homeschooling-Alltag meiner Tochter hat in den letzten Monaten meine Vormittage strukturiert und damit eine wohltuende Konstante in die sonst so wirre Zeit gebracht. Am späten Vormittag laufe ich nach Möglichkeit 10 Kilometer, koche danach das Mittagessen, arbeite dann an meinen Aufträgen, Texten und meiner Musik und treffe mich sporadisch mit einer über die ganze Welt verstreuten Online-Community aus klassischen Gitarristinnen und Gitarristen, um gemeinsam Stücke von J.S. Bach, Arvo Pärt oder für Gitarre transkribierte Koramusik von Toumani Diabaté zu erarbeiten.

Abends schreibe, lese und musiziere ich noch ein paar Stunden oder schau mir Filme und Serien auf Netflix an. So gesehen klingt das gar nicht so schlecht – wären da nicht dieses permanente Endzeitgefühl und eine von mir so noch nie zuvor empfundene, zutiefst existentielle Bedrohung und Zukunftsangst, die mich seit Beginn der Pandemie ständig begleiten und mir selbst die kleinsten angenehmen Momente des Tages vergällen, oft noch bevor ich sie überhaupt bewusst wahrnehmen kann.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

JB: Eine ehrliche und offene Auseinandersetzung mit unseren sozialen, ökonomischen, medialen und gesamtgesellschaftlichen Parametern und mutige Schritte von uns allen, um eine solidarische, weniger profitorientierte, weniger verlogene und um vieles gerechtere Welt zu schaffen. Erkenntnisse diesbezüglich, die aus der globalen Entwicklung der Pandemie gezogen werden könnten, gäbe es ja einige. Ich zweifle aber angesichts der aktuellen täglichen Meldungen, ideologischen Debatten und uneinsichtigen politischen Diskurse, ob Schritte dahingehend je stattfinden werden, und befürchte leider eher das Gegenteil: Entsolidarisierung, wirtschaftliche Exzesse, Wirklichkeitsverzerrungen, massiver Konkurrenzdruck und eine immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, Musik, der Kunst an sich zu?

Ich weiß es nicht. Kunst ist für mich vor allem eine Lebensform, ein zutiefst menschlicher Ausdruck und eine Sehnsucht, die täglich gelebt, aufrichtig praktiziert und genährt werden will. Ohne Hintergedanken, ohne Inszenierung, ohne Distinktionswillen, ohne Ideologie. Ich frage mich aber: Ist so eine Lebensform angesichts der aktuellen Entwicklung überhaupt noch möglich? Und wenn ja: Wen interessiert so etwas dann noch?

Was lest Du derzeit?

Francisco Cantú: No Man’s Land. 
Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen.
Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Ihr uns mitgeben?

„Der Schein ist Sein. Wir entrinnen der Wirklichkeit nicht dadurch, dass wir uns täuschen oder getäuscht werden. Denn das Wirkliche ist dasjenige, zu dem wir nicht erfolgreich auf Abstand gehen können. Jeder Fluchtversuch scheitert hier daran, dass wir uns mitnehmen, dass also dasjenige, dem wir zu entkommen suchen – die Wirklichkeit – durch unsere Einbildung allenfalls verändert wird. Kein Gedanke und keine Tätigkeit bringen sie zum Verschwinden.“ (Markus Gabriel: Fiktionen)

Jürgen Berlakovich, Schriftsteller und Musiker, Klangkünstler

Vielen Dank für das Interview lieber Jürgen, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Jürgen Berlakovich, Schriftsteller und Musiker, Klangkünstler

Jürgen Berlakovich – Text & Sound

Alle Fotos_Eva Kelety

BIO

Jürgen Berlakovich (*1970) ist Schriftsteller, Musiker und Klangkünstler. Er schreibt, komponiert und produziert Romane, Hörspiele, Soundinstallationen, Filmmusik, Soundscapes und Songs. Er verwendet DNA-Sonifikationen und sprachliche Mikropartikel in Kombination mit Gitarre, Bass und Elektronik für seine Kompositionen und Solokonzerte. Er betreibt das JSB Trio, ist Ensemblemitglied von The Vegetable Orchestra und war Co-Initiator des Literatur- und Musikperformance-Duos Sergej Mohntau. Berlakovich studierte Deutsche Philologie und Philosophie an der Universität Wien. Publikationen und Auftritte auch unter Juergen Berlakovich, J.S. Berlakovich, JSB und Takamovsky. Zuletzt erschienen: Tobman. Roman. (Klever Verlag / 2018); Sonic Counterpoint (Takamovsky / CD / Etymtone / 2016); Instrumentum Vocale. Ein Figurenpark aus Text und Klang (Buch & CD / Klever Verlag / 2014) Jürgen Berlakovich – Text & Sound

10.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Theater heißt Geschichten erzählen, neue Impulse zu bekommen“ Helena Vogel, Schauspielerin_ Wien 9.6.2021

Liebe Helena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Viel in meiner Wohnung vor dem Laptop sitzen, wenig auf der Bühne stehen.
Das ist sehr schade. Ich verlerne so langsam, wie man sich auf so einer Bühne
verhält. Dafür koche ich aber wieder mehr, kann öfter die Sonne genießen,
telefoniere mit Freund*innen, die ich schon ewig nicht mehr gesehen habe. Mit
ein paar Leuten aus meinem Jahrgang treffe ich mich regelmäßig. Und so
langsam kommt auch das Studium wieder ins Rollen. Jetzt, wo es wärmer und
heller wird, fühlt sich alles viel leichter an.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten. Uns etwas Gutes tun. Optimistisch bleiben. Lachen. Die Situation
nutzen und online den Kontakt mit Menschen wiederherstellen, an die man
sonst vielleicht gar nicht gedacht hätte. Das befruchtet und gibt neue Impulse.
Auf sich und seinen Körper hören. Sich austauschen. Im Moment befinden sich
die meisten in einem Gefühlswirrwarr und in einem ständigen Auf und Ab. Dies
akzeptieren. Rausgehen. Die Sonne genießen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der
Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass erstmal viel Unsicherheit, viele Ängste bleiben werden. Das ist
gerade für uns alle eine sehr anstrengende, ungewisse Zeit. Aber sie birgt auch
neue Chancen. Das Theater kann dabei helfen, Menschen wieder
zusammenzubringen. In der Kunst kann und wird unsere jetzige Situation
aufgearbeitet werden. Und Theater heißt Geschichten erzählen, Geschichten
sehen. Ich glaube, das fehlt gerade vielen Menschen: neue Impulse zu
bekommen aus dem Außen, mit anderen Leuten zusammen in einem Raum Unterhaltung genießen, sich in eine andere Welt entführen zu lassen. Der
Energieaustausch, der da stattfindet, die Gespräche, die nach einer Aufführung
entstehen. Netflix und Co können das nicht ersetzen. Unsere Theater können da
hoffentlich ansetzen und vielleicht sogar wieder mehr Menschen für sich
begeistern.

Was liest Du derzeit?

STRAFE von Ferdinand von Schirach. Das muss ich endlich einem meiner
Kommilitonen zurückgeben. Grüße an Jonas an dieser Stelle.
Und nebenbei lese ich schon ein bisschen rein in Imaginary Friend von Stephen
Chbosky. Fast 900 Seiten, das wird meine Lektüre für Donauinsel-Nachmittage.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit.

Michael Ende in Momo

Vielen Dank für das Interview liebe Helena, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Helena Vogel, Schauspielerin

Foto_Anne Sophie Vogel

11.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Kunst muss kompromisslos, mutig, radikal sein“ Thomas Antonic, Regisseur_Wien/USA 8.6.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

5:00 Yoga

6:00 Zazen

6:40 Dichten

7:00 Laufen

8:30 Kalt duschen, sauber machen, Nasenhaare entfernen usw.

9:00 Frühstück im Beisein meiner Sottocapa und meiner Consigliera, mit denen ich die weitere Vorgangsweise in diversen Projekten bespreche (oft auch via Zoom-Schaltung, weil wir eine interkontinentale Bewegung sind; momentan etwa konzentrieren sich unsere Geschäfte auf San Francisco, Wien, Berlin, Graz, Bangkok und Tropea). Dazwischen liest mir mein Segretario die wichtigsten E-Mails der letzten 24 Stunden vor und ich diktiere, falls notwendig, Antworten.

11:00 Dichten

13:00 Schwimmen

14:00 Lunch, oft auch mit Geschäftspartnerinnen (Verbündete, z.B. vom Poetry Planetariat, dem Black Quantum Futurism (BQF) oder dem in Kolumbien gegründeten Movimiento Poético Mundial (via Zoom)), mit denen taktische Manöver besprochen werden. Aktuell liegen hier die Schwerpunkte beispielsweise auf einem radikalen Kampf gegen einen als Identitätspolitik getarnten Sexismus und Rassismus und – mit Kolleginnen aus Berlin – auf der Erstellung einer völlig neuen deutschen Grammatik, in der es weder maskuline noch feminine Endungen bzw. generell keine Genera gibt.

15:00 居眠り (Inemuri)

15:20 Dichten

17:00 Rudern (an geraden Tagen) oder Bogenschießen (an ungeraden Tagen)

18:00 薙刀道 (Naginatadō)

19:00 Völliger Reizentzug („sensory deprivation“) in meinem Floating-Tank

20:00 Abendessen (außer es ist gerade Fastenzeit)

21:00 Musezeit bzw. Dolcefarniente oder irdische Vergnügen (z.B. Schweden Espresso oder Yab-Yum)

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dichten und Yab-Yum.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich glaube eher nicht, dass „wir“ gesellschaftlich vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen. Meines Erachtens befindet sich die „Gesellschaft“ – wobei ich nicht weiß, was das eigentlich sein soll, also sage ich besser „Menschheit“ – seit Jahrtausenden in einer Abwärtsspirale. Und sie besitzt zu wenig Intelligenz, um diesen Weg nach unten aufzuhalten (selbstfahrende Autos sind halt wichtiger). Konrad Bayers Satz aus dem sechsten sinn, „wo leben und eigentum bedroht werden, da hören alle unterscheidungen auf,“ stimmt wohl leider nicht. Oder es fühlen sich die meisten offenbar noch immer zu wenig bedroht. Was aber auch nicht stimmen kann, denn sonst würde es weniger Angst und Hass geben. Was Literatur, Musik, Kunst an sich betrifft … die müsste kompromissloser, mutiger, radikaler und weniger darauf ausgerichtet sein, ja nicht irgendwo anzuecken (oder nur pro forma, pseudoprovokativ). Aber nicht einmal dann wird die Kunst etwas bewirken. Einzelne werden aus ihr allerdings immer einen Gewinn ziehen.

Was liest Du derzeit?

Trickster Feminism von Anne Waldman, The Smallest Lights in the Universe der Astrophysikerin Sara Seager, geheime CIA-Dokumente, und immer wieder alles von ruth weiss und Autorinnen in ihrem Umfeld, da ich gerade ihre Biographie schreibe und jüngst einen Dokumentarfilm über sie fertiggestellt habe, der seine Uraufführung am 10. Juni beim Diagonale Film Festival in Graz hat.

Diagonale 2021 _
Festival des österreichischen Films
8.–13. Juni 2021, Graz:

Regisseur*innen « Diagonale – Festival des österreichischen Films

Thomas Antonic_One More Step West Is the Sea: ruth weiss
Dokumentarfilm, AT 2021, 94 min., eOmdU
Donnerstag, 10.06., 19:00 Uhr, Schubertkino 2
Freitag, 11.06., 10:00 Uhr, Annenhof Kino 6

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The art world is so fucking boring it could make your heart cry.“ (Jack Micheline)

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Literatur- Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Thomas Antonic, Regisseur, Schriftsteller, Musiker

Amongst Nazis / Unter Nazis – faltershop.at

William S. Burroughs Hurts – Official Website | William S. Burroughs Hurts – Official Website (wsb-hurts.com)

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

7.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Kultur unterm Hakenkreuz“ Michael H.Kater. wbgTheiss Verlag

Es war ein nie da gewesener Bruch in der Freiheit von Kultur und Kunst, der sich in der Machtübernahme unter dem „Hakenkreuz“ ereignete. Unmittelbar mit der politischen Ausschaltung demokratischer Strukturen kam es zu einer Instrumentalisierung von Kunst auf allen Ebenen. Film, Architektur, Malerei, Literatur, weiteres, wurden in den Dienst der Partei gestellt. Parallel dazu kam es zu Ausgrenzung und Verfolgung von nicht systemkonformen                        Künstler*innen. Rassenideologie und politische Ideologie hatten dabei eine skrupellose antihumanistische antidemokratische Ausrichtung und setzen ihre Konzepte gnadenlos auch im Kunstverständnis um. Künstler*innen wurden vertrieben, verfolgt und getötet. Eine ganz schreckliche Zeit für die Freiheit von Gesellschaft und Kunst.

Der renommierte Historiker Michael H.Kater, Guggenheim fellow und Konrad Adenauer Preisträger der Alexander von Humboldt-Stiftung, legt nun eine umfassende Studie zu den historischen Voraussetzungen, Programmen und Verläufen nationalsozialistischer Kulturpolitik wie den kulturpolitischen Maßnahmen vor. Es ist eine facettenreiche wie unterschiedliche Aspekte berücksichtigende Studie, die auch in der kompakten Darstellung und Lesbarkeit überzeugt.

Das Buch selbst ist in sechs Überblickskapitel gegliedert. Die mit der „Zerschlagung der Moderne“ beginnen und „Nationalsozialistische Vorkriegskultur“, „Juden im NS-Kulturbetrieb“, „Der Krieg in der Öffentlichkeit: Propaganda und Kultur“, „Künstler im Exil“ wie „“Mai 1945: Stunde null?“ anschließen. Ein umfassender Anhang mit Literatur-, Archivverweisen wie Personenregister runden die Kapiteldarstellung sehr gut. Ebenso ist auf den ausführlichen Bildteil zu verweisen, der einen sehr guten Einblick in die Darstellung von Kunst und Propaganda gibt.

„Eine Studie, die ein ganz wesentliches wie dunkles Kapitel in der Kunstgeschichte thematisiert und vielseitige Zugänge öffnet“

Walter Pobaschnig 6_21

https://literaturoutdoors.com

„Ob wir in der Lage sind, uns als Gemeinschaft wahrzunehmen und zu handeln“ Simina Badea, Künstlerin_ Wien 8.6.2021

Liebe Simina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Rückblickend auf die Wiener-Lockdowns war es recht monoton, zugleich aber auch vertiefend durch die meist an Wochenenden unternommenen Waldausflüge. Es war und ist auch eine Zeit, in der ich gerne Dinge zu Ende bringe. Einer der herausfordernden Aspekte, unter anderem, bedeutete der Fernunterricht. Die Isolation der Kinder in dieser Zeit bereitete mir Sorgen und war schmerzhaft anzusehen. Zugleich braucht man nur einen Blick auf die Inzidenz bei Kindern und Jugendlichen zu werfen oder Ärzteberichte zu lesen, um zu verstehen, dass die Situation real ist.

Um von dem seit bereits mehr als einem Jahr allgegenwärtigen Thema abzuschalten, tauche ich immer wieder in Filme bzw. Filmserien ein, welche ein Gefühl der Zeitlosigkeit in mir widerspiegeln oder mich einfach nur zum Lachen bringen!


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld!

Simina Badea_Feuer Zustände 2, 2015, Tusche auf Papier

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was
wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Wir leben, zumindest hier in Europa, seit Jahren, frei von Krieg, in einer stabilen politischen Lage, wo wir das antrainierte Konsumverhalten gepaart mit ausgeprägtem Egoismus relativ unbeschwert ausleben durften, zumindest war das so bis zur Corona Krise, die uns mit anderen Themen konfrontiert hat.

Simina Badea_Starry Night, 2020, Acryl auf Leinwand

Im Vergleich zu der sich entfaltenden Klimakrise ist diese Pandemie erst der Anfang eines global nötigen Umdenkprozesses. Die aktuelle gesellschaftliche Aufstellung ist nicht zukunftstauglich. Auf Kredit leben hat seinen Preis. Die Frage ist, ob wir in der Lage sind, uns als Gemeinschaft wahrzunehmen und zu handeln. Momentan schaut es nicht sehr danach aus. Eine Mischung aus bewusst eingesetzter Desinformation, die durch bestimmte Interessen vorangetrieben wird, welche das Narrativ des „anders denken -“ und „anders sein als die Anderen“ bedient und die gleichzeitige Gefahr der Reduktion komplexer Zusammenhänge auf Zahlen durch die Wissenschaft, scheinen mir momentan unser größtes Problem zu sein.

Simina Badea_Bienenkönigin 2007 Tusche auf Karton

In der Krise hat die Kunst wenig bis gar keine Unterstützung erhalten. Das sagt viel über die ungleiche Prioritätensetzung in unserer Gesellschaft aus, über das Ausblenden der Tatsache, dass es keinem von uns gut gehen kann, solange es nicht uns allen gut geht.
Tanzen und sich umarmen aus Protest während anderen auf den Intensivstationen die Luft ausgeht und das medizinische Personal an ihren Grenzen arbeitet. Gut schlafen während Flüchtlinge an den Grenzen Europas ertrinken. Versuchen zu rationalisieren, dass wir keine Einschränkungen in Kauf nehmen wollen, weil lediglich ein geringfügiger Anteil unserer Gesellschaft betroffen sei, der bei genauer Betrachtung, eben gar nicht so gering ist. Nicht zu vergessen, dass die Ärmsten durch die Krise noch ärmer geworden sind und die Reichsten noch reicher geworden sind. Die kriegerische Spaltung in Fronten, statt Solidarität und Zusammenhalt, geht so weit, dass jedes Argument das noch so subjektiv ist und die andere Seite ausblendet, plötzlich Berechtigung findet. Dass manche Argumente mehr über den Argumentierenden enthüllen als über das Thema selbst, ist dabei vielen nicht bewusst. Jeder ist auf der richtigen Seite und fühlt sich somit berechtigt die Gegenseite zu bekämpfen, ein Hauch von heiligem Krieg schwingt schon mit, da ist keine Seite zimperlich.

Simina Badea_Hungry Ghosts 2015, Tusche auf Karton

Die Rolle des Künstlers in so einer Situation liegt im schöpferischen, kreativen Hervorbringen von Lösungen, auch in der Diplomatie, im Handeln und im ganzheitlich Betrachten, niemanden hintanzulassen, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen. Peter Paul Rubens war z.B. Diplomat im damaligen kriegerischen Europa. Er hat seine Fähigkeiten für ein friedliches Zusammenleben eingesetzt auch wenn er es Zeit seines Lebens nicht mehr erleben durfte. Unsere jetzige Situation hat dringenden Bedarf an Utopien Aufbauenden und Handelnden. Darin sehe ich die Aufgabe und die Rolle der Kunst, denn es ist tatsächlich mehr als „Fünf vor Zwölf“.

Simina Badea_Gui2, 2014, Tusche auf Papier

Was liest Du derzeit?

Zur Zeit lese ich „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben. Nachdem ich mir nie Gedanken über Bäume gemacht habe und sie immer noch schwer voneinander unterscheiden kann, werden sie für mich durch diese Lektüre plötzlich zu magischen Wesen die viel zu wenig ergründet wurden, denen wir das Leben auf dem Planeten verdanken. Parallel dazu kommt „Klima“ von Charles Eisenstein und TCM-Skripten die ich wortwörtlich lerne und zugleich wiederhole.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Eine fürsorgliche Gesellschaft ist eine, in der es selbstverständlich ist zu fragen: „Wen haben wir vergessen? Wer leidet? Wessen Potential haben wir nicht erkannt? Wessen Bedürfnisse haben wir nicht berücksichtigt?“ Das sind Leitfragen, sowohl für eine ökologische Gesellschaft als auch für eine gerechte Gesellschaft.“
Charles Eisenstein, Klima – Eine neue Perspektive

Vielen Dank für das Interview liebe Simina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke für das Interview.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simina Badea, Künstlerin

Simina Badea – Art & Eat

Alle Fotos_ Simina Badea.

9.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die Musik kann uns von der Verzweiflung in die Hoffnung tragen“ Veronika Vitazkova, flutist _ Wien 7.6.2021

Liebe Veronika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Also, ich würde sagen, dass mein Tagesablauf momentan viel ruhiger ist als davor. Nach dem Aufstehen mache ich Sport – Laufen, Yoga oder ein Workout. Dann sitze ich vor dem Laptop und schreibe Emails, verschicke Zoom-Links für meine SchülerInnen, mache ich endlich meine Website, kümmere ich mich um meine Social Media, lerne wie man ein Homestudio richtig aufbauen soll, knüpfe Kontakte online und übe die Flöte. Oder es kommt ein neues Instrument aus dem anderen Ende der Welt per Post und ich bin voll begeistert dabei es auszuprobieren.

Seit Corona habe ich angefangen, viele neue ethnische Blasinstrumente kennenzulernen und mein Wissen zu vertiefen. An einem Tag bin ich in geistlich in Armenien mit dem Duduk und am anderen Tag in den Tatras mit der slowakischen Fujara. Dann kommt ein Auftrag für Musik für eine Dokumentation, eine Werbung oder einen Film und ich probiere Klänge aus und so kann der ganze Tag schnell weg sein, wenn ich mich damit beschäftige.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geistlich und physisch frisch zu bleiben. Lernen wir was Neues, finden wir einen anderen oder neuen Zugang zu den alten Sachen. Experimentieren wir.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, dass wir aus dieser Pandemie lernen,  dass nicht alles selbstverständlich ist. Das wenn man ein Konzert oder Theater live erleben darf, dass es wirklich etwas besonderes ist und dass man es mit keinem noch s guten Kopfhörer oder Bildschirmen ersetzen kann. Dass wir uns nicht immer nur um die Zukunft oder Vergangenheit kümmern sollen sondern einfach hier und jetzt das Wertschätzen und Genießen wieder erlernen. Die Musik kann uns dabei von Trauer in die Freude, von der Verzweiflung in die Hoffnung tragen. Und dieser Prozess ist so gesund.

Was liest Du derzeit?

Die Welt von Gestern“ von Stefan Zweig.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Letztlich habe ich gelesen, wie wichtig es in der Natur und eigentlich überall ist, dass man anpassungfähig bleibt. Ich habe mir da mehrere Gedanken gemacht. Adaptation – wie für die Pflanzen in der Wüste, Polarbären in der Kälte.. Für die Menschen ist es nicht anders, wir müssen uns adaptieren können an die Situation oder an Zeiten, die kommen oder gekommen sind. Es gibt keinen Weg rundherum.

Veronika Vitazkovka, flutist, world woodwind player, recording artist

Vielen Dank für das Interview liebe Veronika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Veronika Vitazkova, flutist, world woodwind player, recording artist

Fotos_1 Karina Shabnam Naghiei, 2 privat; 3 und 4 Katja Rivas-Liebmann;

10.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com