„eine sehr austriakische Verbindung von Verzweiflung, Exaktheit und Heiterkeit“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Richard Schuberth, Schriftsteller _ Wien 22.4.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Richard Schuberth, Schriftsteller _ Wien

Lieber Richard, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Mit 30 schenkte mir eine Freundin, mit der ich damals eine Affäre hatte, „Sämtliche Erzählungen“ von Ingeborg Bachmann. Ich muss gestehen, dass ich trotz ehrlicher Bemühungen wenig damit anfangen konnte. Es wirkte auf mich wie egosensible Verinnerlichung, die mir in der Literatur zuwider war.

Gleich mal vorweg, um falschen Schlüssen vorzugreifen: Das hat nichts mit dem Unverständnis einer weiblichen durch eine männliche Perspektive zu tun. Ich war immer neugierig auf weibliche Perspektiven und hatte in meinen frühen Zwanzigern, wenn nicht früher, mit Begeisterung Elfriede Jelinek, Kate Millett, Mary Wollstonecraft und belle hooks gelesen, und Emily Brontë war überhaupt meine Soul Sister. Was mich störte, war die automatische Selbsteinsortierung von Frauen ins literarische Fach Psyche, Verinnerlichung, Subjektivität. Denn genau das reproduzierte ja die patriarchale Rollenzuordnung. Es störte mich, wenn Frauen behaupteten, sie könnten mit psychologischen und Beziehungsthemen persönlich mehr anfangen als mit Gesellschaftlichem. Genau darüber hatte sich ja auch Jelinek stets lustig gemacht. Aber was Bachmann anbelangt, war es eine Projektion meinerseits.

Nach späterer Lektüre musste ich mein Urteil als Vorurteil revidieren. Gerade Bachmann als weiblich geframte Verinnerlichung zu annoncieren, schadet dem parageschlechtlichen und zutiefst gesellschaftskritischen Gehalt ihres Oeuvres. Außerdem entscheidet letztlich der Stil, und nicht die Gesinnung über die Wahrhaftigkeit von Literatur. Politisch bin ich selber. Ich brauch mich mit der Autorin, dem Autor nicht identifizieren, und es entscheidet nicht, was er oder sie mir, sondern wir er oder sie es mir erzählt.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Auf höchstem formalem Niveau macht sie ihr Leid, das immer gesellschaftliches Leid ist (konkret das Leid an einer männlich dominierten und konstruierten Wirklichkeit), beredt. Das hat es vor ihr und sehr viel häufiger nach ihr, oft von ihr inspiriert, gegeben, aber diese Verinnerlichung, die eben nicht bloß Verinnerlichung ist, sondern Protokollierung der gesellschaftlichen Schäden im Inneren, diese Wahrhaftigkeit ist eben nicht nur Authentizität, sondern gewinnt durch die Suche nach dem mot juste, und ihre sehr austriakische Verbindung von Verzweiflung, Exaktheit und Heiterkeit seinen unnachahmlichen künstlerischen Wert. Ihre sprachliche Genauigkeit, und das verstehen viele AusdruckstänzerInnen der Literatur heutzutage nicht mehr, will die Wirklichkeit nicht aufspießen wie Schmetterlinge fürs naturkundliche Archiv, sondern das Ungefähre, Wolkenhafte so genau wie möglich umreißen. Höchste Subjektivität wird zum Mittel höchster Objektivität.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ich mochte immer ihre Erzählung „Im dreißigsten Jahr“. In den letzten Jahren erforschte ich Bachmanns Lyrik. Ich glaube, Elfriede Jelinek, die ihrer Prosa den Vorzug gibt, hat einmal an ihrer Lyrik die „Sicherheit der Behauptung“ kritisiert. Eben diese macht die Gedichte aber so kompakt. Selbstermächtigung, Herrin der Behauptung zu sein, ist kein Verrat an der Fragilität, keine Illusion über die eigene reale Macht bzw. Ohnmacht, sondern eine Rolle, ein Als-ob. Der Boden unter den Füßen schwankt nicht immer. Man muss die Felsen im Sumpf aufsuchen, um Überblick zu gewinnen, das bedeutet nicht die Anmaßung falscher Autonomie. Souveränität im Urteil und existenzielle wie ontologische Unsicherheit sind keine Gegensätze.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Patriarchale Welt ist ein Abstraktum, und die Tendenz, alle Übel dieser Welt auf eine geschlechtsspezifische Ursache runterzubrechen ist Ideologie und Denkverweigerung. Ich, der jedes Unterdrückungsverhältnis abschaffen will, hege große Zweifel gegen jede romantische Aufwertung der Unterdrückten als moralische Instanzen. Unterdrückung schafft Ressentiments. Die angeblich weniger aggressive oder weniger offensive Natur der Frau kann auch ein Mal ihrer Jahrtausende währenden Herabminderung sein. Deshalb halte ich feministische Autorinnen für interessanter, die miese, zumindest höchst ambivalente Frauenfiguren schufen und sich dem Identifikationsbedürfnis der LeserInnen verwehrten. Nichtsdestoweniger bin ich überzeugt, dass die Regierungen dieser Welt, in den Händen von Frauen, ökonomisch und politisch um ein Vielfaches weniger Wahnsinn erzeugten als die regierenden Männer (und ihre Handlangerinnen in niedrigeren Positionen). Letztlich würden aber auch sie an strukturellen Hindernissen ökonomischer und geopolitischer Natur scheitern, die uns einmal mehr vor Augen führen, dass es radikalen Wandels bedarf, und nicht bloß einer Enttestosteronisierung der Macht.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Frauen nicht gesünder. Anders krank. Obwohl, das muss ich zugestehen, von einer unmessbar größeren emotionalen Intelligenz als Männer. Tja, Macht macht dumm. Ich fürchte, der zunehmend regressive, narzisstische Charakter der Menschen, zu dem die Warenverhältnisse sie nötigen, macht Liebe, die den Begriff verdient, immer schwieriger. Liebe bedeutet das Sich-Öffnen für das Andere im Anderen, nicht Selbstidentifikation, und es bedeutet die Überwindung jeglichen Zweck-Nutzen-Kalküls. Ein One-Night-Stand kann dem Ideal der Liebe näherkommen als heuchlerische Beziehungsarrangements, und geben sie sich auch noch so harmonisch. Liebe zu Menschen unterscheidet sich gar nicht so sehr von Liebe zur Wahrheit. Wie bei der Erkenntnis bedeutet sie Erfahrung des anderen, nicht geteilte Erfahrungslosigkeit.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

So richtig Martyrium wird es erst, sobald der Existenzdruck einen nötigt, Preise entgegenzunehmen, die nach Anton Wildgans benannt sind.

Ja, schreiben isoliert, es ist eine einsame Kunstform. Und das ist ihr Glück. Denn was für Gewinn ist eine Einsamkeit, die sich dem normativen Druck des Kommunikativen entzieht. Schreiben, vor allem ein Schreiben, das sich um höchste Qualität und größte Leichtigkeit (nicht Simplizität!) bemüht, ist eine einzige Schinderei. Wann immer Leute meinen, ich schüttelte die Texte eh nur so aus dem Ärmel, hätte ich dort, wo ihrer Meinung nach meine Texte wie Fallschirmjäger auf den Absprung warten, in den Ärmeln – hätte ich dort gerne wurfbereite Ninja-Sterne. Was bleibt einem anderes übrig als diese Schinderei, wenn die Gedanken aus einem rauswollen und man in die Schafherden der Gedankenlosigkeit nicht mehr zurückkann.

Außerdem soll man den Mythos von der genialischen, an seine Grenzen gehenden, hypersensiblen Künstlerexistenz nicht allzu ernst nehmen. Es gibt Schaffensprozesse, die machen großen Spaß, die gehen wirklich leicht von der Hand, die erzeugen Glücksgefühle. Während des Schreibens. Das Martyrium sind dann danach die Ignoranz gegenüber dem fertigen Werk und die stereotypen bzw. falschen Projektionen darauf. 

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Hm, ich weiß nicht, ob es ein Supplement oder nicht doch nur Wiederholung ist, vielleicht aber Präzisierung. Bachmann erzählt sich als Wunde. Das ist indes Verinnerlichung, die nicht in die eigenen seelischen Idiosynkrasien flüchtet. So wie – das ebenso narzisstische Gegenteil – die objektivistische Durchschauerpose die eigene subjektive Verstrickung in die Verhältnisse verdrängen mag. Bachmann leidet, aber sie jammert nie, sie reflektiert Demütigungen, aber inszeniert sich nicht als Opfer.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Können Sie mir einen Tschik geben bitte? Nein, ich hätte sie gefragt, was ich auf die eigenartige Frage, was ich sie gefragt, ihr gesagt hätte, antworten soll.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Oben auf der To-do-List steht ein satirisch-philosophischer Roman, die Abenteuer und Vergeblichkeiten zweier Menschen in einer Welt, die nur durch Missverständnisse und falsche Projektionen einigermaßen im Lot gehalten wird. Aber noch weiter oben auf der To-do-List wäre: to do nothing peculiar! Ein ganz großes Herzensprojekt von mir ist, mich den Anmutungen der politischen Wirklichkeit durch produktiven Eskapismus zu entziehen – Muße, Denken, Abschalten – mir das Denken durch Abstinenz zu erhalten, Sozialismus durch egoistische Brachwirtschaft. Weiters würde es mich reizen, nach meinem letzten, etwas sperrigen Buch über die aktuellen Formen des Antisemitismus („Vom Antisemitismus, der keiner sein will“) ein didaktisches Buch zum selben Thema nachzureichen, für Jugendliche, in einfacherer Sprache. Dann weitere Forschungsreisen ins Großbritannien zwischen 1660 und 1830, ein Film, ein Theaterstück, und ein bisschen in die Möglichkeiten satirischer Podcasts reinzuschnüffeln.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Darf es auch ein längeres sein? Es ist schlichtweg wunderbar, und Ingeborg Bachmann sprach diese Worte eben bei der Verleihung des oben erwähnten Wildgans-Preises. Und sie widerlegt sich darin selbst, jedenfalls ihrer Behauptung, „kristallinische Worte“ kämen in einer Rede nicht vor.

„Die Forderungen, die darum an Schriftsteller gestellt werden, aufs Leichtfertigste, doch zumindest die Welt zu verändern, sind völlig sinnlos. Ein aufnehmendes, abgebendes, verändertes Ich, verändert schreibend, ist etwas anderes, und zu den Aktualitäten habe ich nur zu sagen, dass man sie hinwegschreiben muss, man muss die Aktualitäten seiner Zeit korrumpieren, man darf sich nicht von den Phrasen, mit denen diese Aktualitäten einem aufgedrängt werden, korrumpieren lassen. Ein Schriftsteller hat die Phrasen zu vernichten, und wenn es Werke auch aus unserer Zeit geben sollte, die standhalten, dann werden es einige ohne Phrasen sein. Es bedarf also nicht so sehr der Talente, denn es gibt viele, sondern [der] Schriftsteller, denen es möglich ist, den Charakter auf der Höhe ihres Talents zu halten, und das ist das Allerschwierigste. Das Kryptokristallinische dieser Worte ist mir bewusst, wir wissen nicht, was Talent und was Charakter ist, aber ich kann redend nur mit der Ohnmacht der Rede auf etwas hindeuten, das mir wichtiger erscheint als das idiotische Gerede von [der] Rolle des Schriftstellers gestern, heute und morgen. Die kristallinischen Worte kommen in Reden nicht vor. Sie sind das Einmalige, das Unwiederholbare, sie stehen hin und wieder auf einer Seite Prosa oder in einem Gedicht.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Richard Schuberth, Schriftsteller

Aktuelle Buchveröffentlichungen von Richard Schuberth

Der Paketzusteller. Roman. Drava Verlag. Celovec/Klagenfurt 2025

Vom Antisemitismus, der keiner sein will. Essays. Edition Tiamat. Berlin 2026

Die gedichte. Drava Verlag. Celovec/Klagenfurt 2026

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.

Foto: Richard Schuberth _  Jana Madzigon.

Walter Pobaschnig, 9.4.26

https://literaturoutdoors.com

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