Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Jana Franke, Schriftstellerin
Susanna Klein, Künstlerin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Jana Franke _ privat
Fotos: Susanna Klein, Künstlerin _ Wien _ performing „Malina“ _ Romanschauplatz Wien _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig 5/23.
Jörg Schorn, in Wien lebender Autor, Künstler, legt eine rasante, kompakte, Wort-Bildbiographie Ingeborg Bachmanns vor, die gleichsam ein Stationenweg von Klagenfurt bis nach Rom in Werk und Liebe, Leben, Tod ist, an dem Information wie Impuls geöffnet wird und so Zugänge, auch und gerade in schon vorhandenen oft schweren fixierten Bachmannbildern der Rezeption im Kopf, öffnet und ein Schriftstellerinleben in sehr treffenden, hintergründigen Zeichnungen und Wortwitz auf Grund und Boden von Leben und Zeit zurückholt.
„Die Bachmann“ ist gleichsam ein Kontrapunkt zu umfassenden Biographien, die natürlich auch einen spekulativen Raum betreten müssen und genau hier setzt Schorn eine Zeichnung und dialogisches Wortspiel hin, das sich sehr exakt an Fakten hält und alles Weitere im Augen- und Leseblick offenlässt. Das ist ein spannender Bachmann-Coup, der sehr gut gelingt.
Vielleicht hat der Autor ja tatsächlich als Kind Ingeborg Bachmann in Klagenfurt getroffen und dabei wurde ihm mehr verraten als vielen anderen von Klagenfurt bis Rom…
„Ein biographischer Schnelldurchlauf mit Pfiff und Biss, ein Lese-, Bild- und Gedankengenuss.“
Die Bachmann, Jörg Schorn. Eine illustrierte Biographie. Jacoby _ Stuart Verlagshaus.
Monika Helfer,Schriftstellerin _ hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
Monika Helfer (ganz links) als Nominierte bei derVerleihung des österreichischen Buchpreises 2025 in den Wiener Praterateliers :_ folgende
Im Interview _Barbara Deissenberger, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Barbara, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Bei einem Sommer-Literaturworkshop im Waldviertel, den ich vor vielen Jahren bei Robert Schindel machte, tauchte in der Mittagspause im Restaurant eine apart in Schwarz gekleidete Frau auf. Sie zog alle Blicke auf sich, wie sie da freudig von Seminarleitern und Dichterkolleginnen begrüßt wurde und strahlte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich „Bevor ich schlafen kann“ von ihr gelesen, wusste aber nicht, wie sie aussah. Ich hatte sie noch nie vorher getroffen.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Monika Helfer schreibt in einer tendenziell reduzierten Sprache, vor allem in ihrer autofiktionalen Familientrilogie. Gleichzeitig evoziert ihr Stil eine dichte, fein gesponnene Atmosphäre, die mich an die subliminiale Melancholie in Romanen von Marguerite Duras erinnert. Ich kann auch viel mit den Themen und Motiven ihrer Bücher anfangen: Suche nach den eigenen Wurzeln, Außenseitertum, Verflechtung von weitergegebenen Mustern über Generationen hinweg, Heuchelei, Bigotterie und Neid am Land, Überleben in Kriegszeiten.
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
Mit der „Bagage“ habe ich Monika Helfer für mich wiederentdeckt. Diesen Roman schlug ich als Lektüre in einem Literaturzirkel der Volkshochschule, den ich leitete, vor. So habe ich mich näher mit dem Text beschäftigt. Die erzählende Ich-Figur gibt sich gleich anfangs als Enkelkind der Familie, über die sie schreibt, zu erkennen. Ihre Spurensuche ist auch Teil des Texts, etwa wenn sie Auskunft über den Ursprung ihrer Informationen gibt. Dabei spielen Fiktion und Autobiografisches zusammen. Monika Helfer hat in einem Interview eine schöne Definition ihrer Autofiktion gegeben: „Für mich dauert die Wahrheit in meinem Roman maximal zehn Zeilen lang, dann galoppiert die Phantasie in die Geschichte, hält inne bei dem Unglück mit Paula, jedes Mal, ob ich will oder nicht, die Fiktion rettet mich und macht mich mutig.“ (Literaturblatt Schweiz). Der Roman verwebt auch Vergangenheit und Gegenwart kunstvoll miteinander. Wenn etwa ein Leben in der Erzählgegenwart endet und unmittelbar darauf in der Vergangenheit weiter erzählt wird. Das ist tröstlich.
Wie hast Du Monika Helfer bei Lesungen, als Kollegin erlebt?
Sie war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die – aber das nur meiner persönlichen Wahrnehmung nach – zu lange öffentlich eher als Michael Köhlmeiers Frau gesehen wurde. Es ist gut, dass ihre autofiktionale Roman-Trilogie „Die Bagage“, „Vati“ und „Löwenherz“ schließlich breit rezensiert und sie so einem größerem Lesepublikum bekannt wurde.
Monika Helfer-Köhlmeier und ihr Mann Michael Köhlmeier, Schriftsteller
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten?
„Ich ließ die Gedanken schweifen, ich glaube, damals hatte ich zum ersten Mal das Gefühl glücklichen Alleinseins, nach dem ich mich bis heute sehne und das sich nicht machen lässt, es kommt oder kommt nicht. Und macht am glücklichsten, wenn es unverhofft kommt.“ aus dem Roman „Löwenherz“
Herzlichen Dank für das Interview!
Barbara Deissenberger, Schriftstellerin _ Wien _ Foto: performing „Undine geht“ _ Wien/Lobau _ Walter Pobaschnig
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Elfriede Schüsseleder, Schauspielerin, Autorin
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Fotos: Elfriede Schüsseleder, Schauspielerin, Autorin _ Wien_ performing Undine geht/Donau Wien _ _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ Wien _ Walter Pobaschnig 7/26.
„Ich bin Medea! Soll sie zu Mama gesagt haben, als Mama sie im Irrenhaus besuchte, und: Hier stinkt es! und: Sie hat mich gestoßen! Als es um einen ominösen Sturz ging, bei dem sie sich eine Oberschenkelhalsfraktur zugezogen hatte…“
Die überlieferten Worte der Großmutter
„Ein Phantom. Oder ein Phantasma. Die Fremde. Grandmama russe…“
Und jetzt beginnt die Spurensuche nach einem Leben in allen Dunkelheiten der Zeit, der Kriege, der Vernichtung, der Verstoßung und der letzten Tage…
„In den Schoel hinabsteigen…diesen Wartsaal der Finsternis, Raum der Fragen, des Verlangens, des Forderns, Ort der Ödnis, der Verwüstung, des Staubs…“
Der in der Schweiz geborene und in Bern und Berlin lebende Schriftsteller Christoph Geiser ist eine der herausragendsten Stimmenmoderner deutschsprachiger Literatur.
In seinem Werk stellt er sich konsequent und sprachlich virtuos Existenz und Zeit und kommt dem Menschen in seinem Mikro- und Makrokontext von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, Chancen und Verhängnissen literarisch so nahe, dass es erschüttert wie fasziniert. Dem umfangreichen Recherchieren, im vorliegenden Roman der Lebensweg der in Russland geborenen und in Basel verstorbenen Großmutter zwischen Schoa und persönlicher, familiärer Tragik, folgt eine sprachliche Ausdrucksform, die Leben und Wort gleichsam auf dem Drahtseil von Augenblick und Fall der Existenz balancieren lässt und bis zur letzten Seite fesselt. Der Autor versteht es einzigartig, Leserin und Leser mit den Protagonisten :innen mitgehen zu lassen und filmgleich im Geschehen von Biographie, Geschichte und Phantasie erschütternd da zu sein.
„Christoph Geisers Bücher sind ein geniales Gesamtkunstwerk, das Leben, Zeit und Phantasie in ein faszinierendes Karussell von Sprache setzt und dann virtuos zurück- und fortfliegen lässt.“
„Die Spur der Hasen“ Eine Grablegung. Christoph Geiser. Roman. Secession Verlag Berlin.
Die Spur der Hasen (Band 13)
Der Abschluss der dreizehnbändigen Werkausgabe.
HRSG. VON MORITZ WAGNER UND JULIAN REIDY MIT EINEM NACHWORT VON CASPAR BATTEGAY MIT LESEBÄNDCHEN