
_ Marlen Schachinger-Pusiol, Schriftstellerin _ Wien _
performing Undine geht/Donau Wien _
_ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ Wien _
Walter Pobaschnig 7/26, folgende

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Interview&Text&Performance UNDINE GEHT _ Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961
Marlen Schachinger-Pusiol, Schriftstellerin _ Wien
Literatur outdoors
Liebe Marlen, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
Ingeborg Bachmann erzählt darin die Geschichte der verführerischen Frau, mit der ein Fremdgang aus Ehebetten gerne vorgenommen wird und stellt dabei die einst (?) herkömmliche Teilung ›Hure | Heilige‹ infrage, indem sie just jenen Männern keinen Freispruch erteilt, deren Konsumhaltung weiblicher Körper sie in schuldhafte Verstrickung bringt, samt einem damit verbundenen Machtanspruch. Weder kann ein Ungeheuer mit Namen ›Hans‹ sich selbst spüren noch einen anderen Menschen. Keine*r – fern seines Ichs – kennt ihm Individualität. Folglich sind sie ihm austauschbare Körper, die er sich im Wochenplan berechtigt zurechtlegen kann. Mit der Gruppierung ›Hans‹ jedoch spricht Bachmann diesem Typus gleichfalls den Charakter des Individuums ab, und die Erkenntnis seiner unbelehrbaren Ungeheuerlichkeit, aus der er nie erwachen wird, bewirkt Undines Rückkehr in das Element des Wassers.

Wie siehst Du „Undine“?
Wir dürfen nicht vergessen, dass Undine rund 60 Jahre alt ist und ein Porträt der Frau darstellt, fern des damals üblichen kleinbürgerlichen Settings aus erstem Kuss und nachfolgendem Trauschein: Bachmanns Undine denkt nicht an Absicherung durch Ehe, benötigt auch keine Kinder, um eine Bindung zu vollziehen. Ihr genügt ihr eigenes selbstbestimmtes ›Ja‹ zu einem Gegenüber, ohne Kirche oder Staat, um sich gebunden zu fühlen, um zu lieben. Und dennoch scheitert sie am bürgerlichen Setting der Welt. Und an der Gewohnheit der Männer, alles besitzen zu wollen: die Beziehung zu einer Frau, die für sich selbst einsteht, und eine klassische Familie, von der sie glauben, dass sie diese dominant und patriarchal ermächtigt versorgen und beherrschen dürfen, widerspruchslos. Ein Spagat, der niemals glücken kann. Denn der Patriarch taugt nicht zum Liebhaber.

„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Die Familienrechtsreform unter Christian Broda war ein erster Schritt und brachte den Frauen das Recht auf selbstbestimmte Arbeitsverhältnisse, auf Bankkonto, Reisepass und Führerschein. Die Frau war nicht mehr diejenige, die – wiewohl erwachsen – für jeden Schritt um Erlaubnis ihres Ehegatten zu bitten hatte und damit in unerträglicher Abhängigkeit geknebelt blieb. Hertha Firnberg, Wissenschaftsministerin, frohlockte, dass mit jener Reform endlich eine Gesetzgebung aus ›Postkutschenzeit‹ abgeschafft wäre, und Johanna Dohnal trug ihres dazu bei, dass jener Zukunftsweg weiter beschritten werden konnte. Wie unzählige Frauen und einige Männer auch.
Jedoch zu glauben, dass damit in den Strukturen und Hierarchien des Staates oder auch bloß im allgemeinen Denken, im täglichen Leben der Frauen ein Wandel mehr als nur eine Möglichkeit darstellte, wäre ein einfältiger Trugschluss. Veränderung bedarf der Zeit, um annähernd verständlich zu werden – Männern wie Frauen! –, und jede angestrebte Freiheit der Rollen kennt gegenläufige, rückschrittliche Perioden, denn niemand verzichtet freiwillig auf angestammte Rechte, die seit eigener Kindheit Gewohnheit sind. Um zu einer partnerschaftlichen Haltung zu gelangen, braucht es mehrere Generationen an Vätern und Müttern und Kindern, die wiederum Eltern werden, weshalb für jene rund 60 Jahre das bislang Erreichte nüchtern betrachtet recht mager ist – Stichworte wie sexuelle Übergriffe und Belästigungen, gleichwertige Chancen, ein Kampf um Equal Pay, gläserne Decken, all das sollte die Welt schon lange nicht mehr beschäftigen. Dass die Hälfte der Menschheit – weil sie ein Paar Hoden spazieren trägt! – in aller Ruhe davon ausgeht, Unrecht stünde ihnen rechtmäßig zu, das spricht nicht für ihre Intelligenz.

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
Schonungslos? Nun ja, vielleicht schonungslos für einen literarischen Text, der 60 Jahre alt ist und den Teilaspekt der persönlichen Beziehung herausnimmt, doch ansonsten kann man »Undine geht« wohl kaum als ›schonungslos‹ bezeichnen.
Patriarchale Macht ist nach wie vor eine Konstante. Und beide Geschlechter erhalten sie erschreckenderweise aufrecht. Aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit, aus Faulheit, aus einem Gefühl angestammter Rechte. Patriarchale Macht ist keine Frage persönlicher Lebensgestaltung solange sie auch in Gremien und Instituten dominiert, in Ämtern und Strukturen verankert bleibt und nicht zuletzt auch recht fest im Sattel der Kunst sitzt.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?
Ich denke, es ist relevant, dass aus aufflammendem Zorn und einhergehender Trauer keine Bitterkeit wächst. Einen Ausweg sehe ich in einer als Faktum angenommenen Gleichwertigkeit der Geschlechter, darin liegt ebenso viel Kraft wie im Humor. Ohne sie, täglich, stündlich, nächtlich, als Notwendigkeit, müssten wir wüten, und das würde weniger verändern als gebrandmarkte Lächerlichkeit. Gewiss, solch ein Widerstand bedarf des Rückgrats, um sich – im Undinschen Sinn – niemals ›kaufen‹ zu lassen, weder mit Zuwendung, wohldosiert, noch mit gegönnter Hinwendung und (angedrohtem) Liebesentzug danach, schon gar nicht mit gewährtem Adabei oder überreichtem Klunker.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
In der literarischen Darstellung die Infragestellung von Verhältnissen durch ein als Faktum angenommenes Setting und die Beschränkung auf einen Teilaspekt eines Themas, der nicht zu verhandeln ist, damit der Raum der Erzählung nicht überfrachtet werde. Und ein (kultur-)politisches Engagement, das sich aus dem Wissen speist, dass vielen Frauen eine finanzielle Selbstfürsorge auch 60 Jahre nach Undine nur begrenzt ermöglicht wird.

Was bedeutet Dir Natur?
Einen zu schützenden Erholungsraum, Nahrungsquelle und Studienobjekt, Freiraum, Atem.
Was bedeutet Dir das Element Wasser?
Leben und Untergang. Abhängigkeit und Genuss. Gefahr und Wohltat.
Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?
Wer wie ich einen Garten bestellt, kommt nicht umhin, mit dem Kreislauf aus Ruhen und Werden und Ernten und Vergehen zu leben. Es wäre zumindest ziemlich dumm, dagegen anlaufen zu wollen.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
Nur in Achtsamkeit – für andere, für die Natur und für sich selbst. Und das Wissen, dass sich in dieser Dreieinigkeit keine Ebene wertend über die anderen hebt. Was niemals ein Verhältnis ist, einmal erreicht, das Bestand hat. Es bedarf vielmehr des täglichen Blicks darauf, des täglichen Wollens.

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?
Achtsamkeit. Geduld. Ruhe. Zeit.
Was lässt Liebe untergehen?
Respektlosigkeit, Ignoranz, Egoismus, Verrat, Illoyalität, Borniertheit, Machtstreben, Ermächtigung über den anderen, Korruption.
Wie war Dein Weg zur Literatur?
Sie war und ist meine Überlebensstrategie in dieser Welt, aus dem (Vor-)Lesen früh ins Erzählen gewachsen..
Welche aktuellen Projektpläne hast Du?
Zu viele. Und das ist gut so. Und die Natur lehrt, dass das Leben nicht bloß aus Werden besteht …
Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?
»Ihr Ungeheuer mit euren Redensarten, die ihr die Redensarten der Frauen sucht, damit euch nichts fehlt, damit die Welt rund ist. Die ihr die Frauen zu euren Geliebten und Frauen macht, Eintagsfrauen, Wochenendfrauen, Lebenslangfrauen und euch zu ihren Männern machen laßt. (Das ist vielleicht auch ein Erwachen wert!) Ihr mit eurer Eifersucht auf eure Frauen, mit eurer hochmütigen Nachsicht und eurer Tyrannei, eurem Schutzsuchen bei euren Frauen, ihr mit eurem Wirtschaftsgeld und euren gemeinsamen Gutenachtgesprächen, diesen Stärkungen, dem Rechtbehalten gegen draußen, ihr mit euren hilflos gekonnten, hilflos zerstreuten Umarmungen. […] Ihr mit euren Musen und Tragtieren und euren gelehrten, verständigen Gefährtinnen, die ihr zum Reden zulaßt … Mein Gelächter hat lang die Wasser bewegt, ein gurgelndes Gelächter, das ihr manchmal nachgeahmt habt mit Schrecken in der Nacht. Denn gewußt habt ihr immer, daß es zum Lachen ist und zum Erschrecken […].« (S. 235-236) Undine geht, Ingeborg Bachmann, 1961

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Akrostichon bitten?
UNDINE GEHT
Und sagte ›Ja!‹
nochmals zur Liebe.
Die deine blieb
im Stoß halbiert.
Nutzlos, nichtig,
erogener Abgesang:
grundverkehrt, du.
Ein Ozean – nur ein
halber
Tropfen verschenkt.

Herzlichen Dank für das Interview&die Undine-Performance!

Zur Person/Website: Marlen Schachinger – marlenschachingers Webseite!
Aktueller Roman von Marlen Schachinger: „Landschaften in Schalen“ Marlen Schachinger-Pusiol, Roman, Edition Arthof 2025.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Marlen Schachinger-Pusiol, Schriftstellerin _ Wien _
performing Undine geht/Donau Wien _
_ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ Wien _ Walter Pobaschnig 7/26
Walter Pobaschnig, 27.7.2026
























































































