Liebe Tabea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Als Erstes brauche ich Kaffee. Am Vormittag schreibe ich, und am Nachmittag mache ich alles andere, Mails beantworten, Festivals organisieren, und am Abend lese ich oder treffe Freunde.
Tabea Steiner, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das ist eine große Frage. Sicher Freundschaften.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Literatur hat, so meine Auffassung, die Aufgabe, genau hinzuschauen, nachzudenken und Verhältnisse aufzuzeigen. Es geht weniger um die Tagesaktualität, die Literatur sollte sich dabei Zeit nehmen können.
Was liest Du derzeit?
„Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“ von Jürgen Habermas sowie „Über die Berechnung des Rauminhalts 1“ von Solvej Balle.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Urs Mannhart beschreibt in seinem Essay „Lentille“, dass Kühe sich selber Schmutzpartikel aus den Augen entfernen können, indem sie dazu die Hörner von anderen Kühen zu Hilfe nehmen, die währenddessen ganz ruhig dastehen.
Das finde ich spektakulär, so als Mensch.
Tabea Steiner, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Tabea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Tabea Steiner,Schriftstellerin
Zur Person_ Tabea Steiner, Jahrgang 1981, hat Germanistik und Geschichte studiert. Sie hat das Thuner Literaturfestival initiiert, ist Mitorganisatorin des Berner Lesefestes Aprillen und Mitglied der Autorinnengruppe RAUF und lebt in Zürich.
Mit ihrem ersten Roman Balg war sie 2019 für den Schweizer Buchpreis nominiert und Stipendiatin am Literarischen Colloquium Berlin. 2020 erhielt sie den Werkbeitrag der Stiftung Landis & Gyr und war 2021 Styrian Artist in Residence in Graz.
Provinces, eine Sammlung ihrer ins Englische übertragenen Essays, erschien im Juli 2022 bei Stranges Press. Ihr zweiter Roman Immer zwei und zwei erscheint im Frühjahr 2023 in der edition Bücherlese.
Da ist der Weg in die Stille. Winnifred, Schauspielerin, Peter, Schriftsteller und Dani, ihre Tochter ziehen sich in ein leeres Haus, ein geschlossenes Theater, zurück...
Doch viele Räume öffnen sich nun und die Geister darin beginnen zu sprechen und nehmen mehr und mehr Raum ein, erzählen, tanzen, lieben, singen und nun beginnt der Boden für alle immer mehr zu wanken, beben und Abgründe tun sich auf, aus denen es kein Entkommen gibt…
Das Bernhard Ensemble begeistert mit seiner neuesten Produktion „DIE.STUNDE.SHINING„, welche als immersives Mashup das Publikum einlädt einer sehr gelungen Transformation und freien Bühnenadaption von Stanley Kubricks „The Shining“ (1980) und Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ (1992) im Weg als Stationentheater im Haus zu folgen.
Das Konzept ist ein großartig durchdachtes und inszeniertes, gespieltes, choreografiertes, welches hintergründig und tiefsinnig, dramatisch und humorvoll, das Publikum von Station zu Station der Erlebnis- und Erfahrungsgeschichte des so vielseitigen Off Theater Wien wie auch eines Künstler*innenlebens folgt, welches in wunderbaren Anspielen, Dialogen, Tanzchoreographien mit dem Mashup Vorlagen außergewöhnlich im „roten dramatischen Faden“ in Beziehung gesetzt und umgesetzt wird – großartig ist ebenso das Kostüm-, Bühnenbild in allem fordernden Szenenanspruch der Stationen! Das alles ist einmalige Mashup Bernhard Ensemble Spitzenklasse in Raffinesse und künstlerischer Qualität!
Das Publikum kann den Stationen, die auch die Vielfältigkeit des Hauses von Bühnentheater, Tanz, Marionettentheater wie Musik und mehr sichtbar machen, frei folgen und dieses so experimentierfreudige Konzept nimmt vom ersten Moment an mit und begeistert.
Alles gewagt und alles gewonnen, Gratulation und danke für dieses einmalige vielseitige Bühnenereignis, das mit langanhaltendem Applaus belohnt wird!
DIE.STUNDE.SHINING
Das erste immersive Mashup des bernhard ensembles, inspiriert von Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ und Stanley Kubricks „The Shining“
Besetzung:
Regie/Raum: Ernst Kurt Weigel
Konzept: Christina Berzaczy und Ernst Kurt Weigel
Choreografie: Leonie Wahl
Performance: Christina Berzaczy, Yvonne Brandstetter, Isabella Jeschke, Rina Juniku, Tamara Stern, Albane Tröhler, Leonie Wahl, Mathias Krispin Bucher, Kajetan Dick, Bernhard Jammernegg, Gerald Walsberger, Ernst Kurt Weigel, u.a.
Soundscape: Bernhard Fleischmann
Bühne: Ernst Kurt Weigel
Kostüme: Pia Stross
Kostüm-Mitarbeit: Amy Marlies Tindl, Mael Blau
Lichtdesign/Technik: Julian Vogel
Produktionsleitung: Monika Bangert
Premiere: 3. März, 2023 19:30 Uhr
4.|7.|10.|11.|14.|17.|18.|21.|24.|25.|28.|31. März
Ein erschütternder wie mitreißender Theaterabend – von Eszter Hollósi, Heide Maria Hager, Helena May Heber großartig gespielt – lebendig, ausdrucksstark, spannungsgeladen. Die präzisen intensiven Dialoge, Konfrontationen werden auf der Bühne in brillanter Sprach- und Körperpräsenz des Ensembles zu einer Hochschaubahn und Höllenfahrt des Lebens. Ebenso ist die Abstimmung perfekt und der Spannungsaufbau gelingt atemberaubend.
Es ist ganz großes Theater, das hier in der wunderbaren Regie von Nagy Vilmos und der Assistenz Corinna Orbesz präsentiert wird. Die Regie lässt Text und Ensemble in größtmöglicher Authentizität sprechen, ringen, Wege zueinander finden, und gibt den präzisen dramaturgischen Rahmen dafür. Die Regie-Handschrift des Ausnahmekönners Nagy Vilmos ist deutlich zu erkennen.
Das Bühnenbild von Helena May Heber besticht als elementares Szenenelement, hat eine eigene Sprache, die Szene und Handlung tragen, öffnen, vertiefen und überleiten. Regie und Ensemble nehmen dies auf und interagieren perfekt in den Szenenstationen. Ebenso ist auf die tollen Kontraste – grell, hell, gedeckt, Dunkel – in Kostüm und Bühne zu verweisen. Es sind zwei Welten – das Ringen mit Vergangenheit und die Verdrängung im Scheinwerferlicht – die im Bühnenbild konzipiert und sensationell be- und erspielt werden.
Stimmen von Ensemble/Regie/Bühnenbild:
„Mir war schon vor Jahren klar: „ich will sie spielen, die Daria!, ich will dieses Thema beleuchten, hinschauen, Reflexion (bei mir und dem Publikum) erzeugen, Diskussion anregen, vielleicht sogar Betroffenen (von sexueller Gewalt; Anm.) signalisieren: wir schauen hin, lassen Euch nicht alleine!“
Meine Intention als Schauspielerin ist es, aus mir zu schöpfen, den Weg zuerst nach innen und dann nach außen zu gehen.“
Heide Maria Hager, Schauspielerin, Autorin _ Wien
Heide Maria Hager, Schauspielerin, Autorin (Vordergrund)
„Sexualisierte Gewalt, wie auch seelischer Missbrauch sind immer noch Tabuthemen, deren Inhalte und Vorgänge punktuell an die Öffentlichkeit gelangen...
Ich habe damit gerechnet, dass mir das „Das rote Fahrrad“ unter die Haut gehen würde. Und doch bin ich vor den Kopf gestoßen von der Intensität…“
Eszter Hollósi,Schauspielerin, Autorin, Sprecherin, Kulturredakteurin/Regie _ Wien
„Darias und Sylwias gemeinsame Geschichte muss sichtbar gemacht werden. Der weiße, flauschige Teppich steht für die Unschuld, die befleckt wird, sowie für das Sinnliche. Im Kostüm zeigt sich der Gegensatz der beiden…“
Helena May Heber, Bühnen-, Kostümbildnerin, Schauspielerin _ Wien
Helena May Heber, Bühnen-, Kostümbildnerin, Schauspielerin _ Wien
„Ein Stück, das auf die Bühne muss. Es muss gespielt werden. Es muss gesehen werden.“
Corinna Orbesz, Regieassistenz, Schauspielerin, Clownin _ Wien
„Es gibt so Theaterstücke, die einen finden, die man selbst nicht zwingend suchen würde, die man aber dann dringend auf die Bühne bringen muss…Besonderer Dank gilt Corinna, die viel mehr als Assistenzarbeiten übernommen hat, und uns als gelernte Clownin mit der Gelassenheit am Boden hielt…“
Nagy Vilmos, Regisseur_Wien
Corinna Orbesz, Regieassistenz und Nagy Vilmos, Regisseur
„Ich schreibe nicht, weil ich was weiß, sondern weil ich durch das Schreiben herausfinden will, warum es mich gerade zu dieser Geschichte getrieben hat…“
Fred Apke, Autor
Besprechung _ Walter Pobaschnig 3_23
Alle Fotos_Walter Pobaschnig
Interviews wurden von Regie/Ensemble/Bühnenbild/Autor zur Verfügung gestellt.
Im Moment ist mein Tagesablauf eher unstrukturiert. Ich ziehe derweil um und ordne mein Leben neu. Morgens aufstehen mit meinem Freund, zusammen essen und dann nachdem er gegangen ist, mich nochmal kurz hinzulegen, gehört meistens zu meinem Ablauf. Dann, nach dem Aufstehen, plane ich erst wirklich, was ich tun will. Oftmals mache ich schon die Woche davor aus, wann ich Straßenmusik machen gehe. Nebenbei gehe ich in Therapie und beschäftige mich mit Selbstentwicklung. Ab und an, kommen auch Auftrittsanfragen dazu. Also mein Tagesablauf ist wirklich immer anders. Das Einzige, was ich fest weiß, ist morgens kurz kalt zu duschen und abends einmal kurz warm zu duschen. Es ist eine Art Ritual von mir, um den Tag frisch zu starten und Ihn wohlig und gemütlich zu verabschieden.
Kim Müller, Musikerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Neulich haben mein Freund und ich uns einen Film angesehen. Den ganzen Inhalt zu erklären, wäre jetzt etwas zu viel des Guten, denn es ist viel passiert, aber die Aussage, die tief in mir hängen geblieben ist, ist, dass das Leben, egal in welcher Form etwas ganz Besonderes ist. Dass die Liebe, die wir für unsere Mitmenschen empfinden, etwas ganz Besonderes ist. Dass wir sehen sollten, was wir haben und nicht, was wir nicht haben. Dass wir das, was wir haben, schätzen und pflegen. Und dass wir, was auch immer uns für Schmerzen plagen, immer wieder auf diese Liebe zurückgreifen können und sollten. Denn, wir sind niemals allein und den einzigen Feind den wir haben, ist die böse Stimme in unserem Kopf, die uns davon abhält Liebe und Glückseligkeit zu empfinden. Damit meine ich nicht, dass wir nur noch in Glückseligkeit schweben sollten, nein, auch Schmerzen zu fühlen, zu trauern, wütend zu sein, sind alles Qualitäten der Liebe, wenn wir sie in Liebe annehmen und uns unseren Mitmenschen mitteilen.
Was, meiner Meinung nach gerade besonders wichtig ist, ist sich zu öffnen, ohne sich selbst zu verurteilen, Liebe zuzulassen, gut zu sich selbst und anderen zu sein und immer zu sehen, was dahinter steckt, was man gerade fühlt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Musik und Kunst öffnet Menschen. Sie verbindet Menschen physisch und auch mental. Sie entsteht aus Menschen, für Menschen. Damit man sich darin wiedererkennt, inspiriert wird, sich Selbst tiefer begegnet. In einer Zeit des Aufbruchs, in einer Zeit in der Mann und Frau den Boden unter den Füßen verlieren, sucht man nach Halt, nach Antworten auf die etlichen Fragen, nach Hoffnung. Kunst und Musik kann vielleicht nicht immer Halt verschaffen aber Sie kann uns Kraft und Hoffnung schenken, dem Leben weiter auf der Spur zu sein. Sie kann uns zeigen, dass wir niemals alleine sind und dass, dort draußen noch mehr Menschen sind, die sich so fühlen, wie wir.
Was liest Du derzeit?
Brida von Paulo Coelho
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Die Blüten der Blume welken, wenn es Zeit ist und fallen ab. Die Blume lässt einfach los, denn sie weiß, Sie braucht Ihre Kraft jetzt für etwas Anderes. Wir sollten uns öfters ein Beispiel an der Natur nehmen.“
(meine Beobachtung einer Blume)
-Kim Müller (Ich :D)
Vielen Dank für das Interview liebe Kim, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Kim Müller, Musikerin
Zur Person_
Die Künstlerin Kim Müller, ursprünglich aus Frankfurt am Main, jetzt in Wien lebend, verzaubert mit ihrem tiefgründigen Gesang und begleitet die Zuhörer in andere Welten. Eine Reise ins Unergründliche mit einprägsamen Klängen und Melodien, nur mit der Einfachheit ihrer einzigartigen Stimme und ihres Instruments (Gitarre / Klavier / Ukulele).
Einem konkreten Genre würde sie sich nicht verschreiben, es ist allerdings eine bunte Mischung mit vielen Einflüssen, in Richtung psychedelischem / alternativem Pop, Folk und Soul, mit viel Herz. Kim war schon von klein auf musikbegeistert und probierte sämtliche Instrumente aus, die ihr in die Finger kamen und verarbeitete die Erfahrungen des Lebens in ihrer Musik. Ihre Songs sind also wortwörtlich vom Leben geschrieben. Schon früh stand Kim auf Bühnen und ebenso auf der Straße, um ihre Musik zu präsentieren, was sie seitdem regelmäßig tut.
Ihre Songs sind vorwiegend in Englisch, aber auch in Deutsch geschrieben, dazu improvisiert sie die letzten Jahre viel und erzeugt damit eine gewisse Freiheit für sich Selbst, die das Publikum immer wieder aufs Neue fesselt. Heute mit 23 Jahren, weiß sie, dass Musik eines der stärksten Heilmittel der Welt ist und möchte dies mit den Menschen teilen.
im hof versammelt sich eine gruppe männer sie blicken auf das dach eines schuppens wirf es ordentlich weit weg, ruft der erste von ihnen im widerhall der geschosse und in die luft fliegen körner.
die tauben picken sie dann schon auf, spricht ein zweiter haben wir was gegen magenschmerzen, fragt der dritte und geht in deckung.
im baum flattert ein weißer fetzen …
Olav Amende, 7.2.2023
Hallo Walter, ich schicke Dir anbei mein Gedicht. Ich habe mich für eine Binnenvariante entschieden, weil mich eine Szene aus „Mariupolis 2“ von Mantas Kvedaravičius nicht mehr losgelassen hat.
Olav Amende, Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler.
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Olav Amende, Schriftsteller
Zur Person _ Olav Amende (*1983 in Berlin) ist Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler. Er hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (MA) an der Universität Leipzig studiert. Er schreibt und inszeniert Theaterstücke (u. a. „Das Versprechen“ – Cammerspiele Leipzig, „Die Ungeliebten“ – Die Bühne Dresden, „Im Arrest“ – Neues Schauspiel Leipzig, „Führ‘ mich ans Licht!“ – Anhaltisches Theater Dessau) und veröffentlichte Texte in diversen Literaturmagazinen (u. a. „metamorphosen“, „Maulkorb“, „mosaik“, „GYM“, „apostrophe“). Sein Gedicht „Phantasie in Eile“ wurde im Rahmen der „Superpreis-Anthologie“ der „metamorphosen“ veröffentlicht.
Im Sommer 2021 brachte er sein Theaterstück „Zwischen Dingen“ am Anhaltischen Theater Dessau zur Uraufführung. Im Sommer 2022 erschien sein Langgedicht „abwesenheiten“ im Kölner Lyrik-Verlag „parasitenpresse“. Im Herbst 2022 produzierte er seinen ersten Dokumentarkurzfilm, der 2023 erscheint. Derzeit arbeitet er an einem weiteren Langgedicht für die „parasitenpresse“.
Mein Tagesablauf ist im Moment sehr hektisch, weil ich mich gerade selbstständig gemacht habe. Aber ich bin überzeugt davon, jemand zu sein, der eine Abwechslung braucht. Es liegt wohl in meinen Genen, dass ich mich insgesamt doch wohler fühle, wenn zu viel los ist als zu wenig.
Eva Mühlbacher, Schriftstellerin, Pädagogin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Gerade rutschen wir gefühlt von einer Krise in die nächste. Zusammen mit der Dunkelheit, die in dieser Jahreszeit noch sehr präsent ist, kann das zu einem Zustand der Erschöpfung führen, der uns im Augenblick alle sehr umklammert hält. Deshalb denke ich, es ist im Moment sehr wichtig, die Hoffnung nicht aufzugeben. Schon im Schreiben dieses Wortes merke ich, wie altmodisch es klingt. Aber das Prinzip „Hoffnung“ ist für uns alle entscheidend, um in eine Zukunft blicken zu können, von der wir das Gefühl haben, sie selbst positiv gestalten zu können. „Hoffnung“ ist nicht das naive Warten, dass irgendwann irgendwie alles besser wird, sondern eine aktive Entscheidung, das Gute im Leben zuzulassen und ein gewisses Vertrauen in die Welt, in unsere Fähigkeiten und in das Gute zu behalten.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ja, ich denke, wir leben in einer Zeit des Aufbruchs, aber du hast schon sehr bewusst ein positives Wort dafür gewählt. Aufbruch bedeutet immer, dass etwas Neues beginnt und Beginne sind gut, weil sie uns weiterführen. Der Anfang als negatives Konzept des „Vor-Scheiterns“, weil wir noch nicht das können, was wir eines Tages hoffentlich können werden, ist ein Zeichen unserer Zeit. Man darf mit nichts beginnen dürfen, weil es heißt, dass man etwas noch nicht kann. Aber Anfänge können auch bedeuten, endlich die nötigen Schritte zu gehen, die man schon lange aufgeschoben hat. Dort wird uns die Literatur begleiten können: ihr werden zwei wichtige Rollen zukommen: jene des Spielerischen und jene der Fantasie. Als Menschen brauchen wir beides. Das Spielerische hilft uns, mit Humor und Neugier neue Wege zu suchen und zu finden – und aufzustehen, wenn wir hinfallen. Die Fantasie hilft uns, uns vorzustellen, was wir alles erreichen könnten im Positiven. Bei negativen Erfahrungen kann sie in der Verarbeitung derer ein wichtiges Werkzeug sein. Ich habe das in dunklen Lebensphasen selbst so erlebt – und in den hellen umgekehrt auch.
Was liest Du derzeit?
Im Moment lese ich „Die dunkle Seite der Liebe“ von Rafik Schami. Ich liebe die Literatur dieses Kulturkreises, weil ich das Gefühl habe, dort geht es noch mehr um die Erzählung einer Geschichte, aus der man hunderte Facetten mitnehmen kann. Im Gegensatz dazu ist mir die europäische Art zu schreiben in den letzten Jahren zu kalt, förmlich und stellenweise uninspiriert. Im Buch von Schami wird geweint, geflucht; es wird gehasst und geliebt und alles mit einer Intensität, die einen erschöpft, aber auch sehr erfüllt zurücklassen kann. Dieser Zugang zum Leben liegt mir persönlich viel näher.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Die wichtigste Zeit ist immer die Gegenwart. Der wichtigste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenübersteht. Und das wichtigste Werk ist immer die Liebe.“ – Meister Eckhart.
Meister Eckhart lebte im 13. Jahrhundert und immer wieder fasziniert es mich, wie aktuell ein Zitat sein kann, das 700 Jahre alt ist. Wir dürfen – gerade jetzt und im Hinblick auf deine dritte Frage – nicht vergessen, dass wir im Hier und Jetzt leben, mit allen Möglichkeiten, die sich uns bieten. Wir dürfen nie vergessen, uns auf die Menschen in unserer Umgebung wahrhaft einzulassen anstatt sie, weder gedanklich noch physisch, bloß von rechts nach links zu wischen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass Liebe und Freundschaft unser Leben unendlich bereichern und uns die Kraft geben für alles, was kommen mag.
Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Eva Mühlbacher, Schriftstellerin, Pädagogin
Foto_privat
6.2.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Armseliger Bruder, da drüben, auf der anderen Seite. Der stolz im
Chor der Angreifenden schreit. Nicht einmal ein
Einzelkämpfer. Blutiges Kanonenfutter.
Abkehr! Hörst du?
Cherson als Beispiel: Beschossen und umkämpft.
Hasserfüllter, aussichtsloser Krieg. Wozu? Zur Befriedung deiner
Angst, du Schwächling. Winzig klein vor
Neid und Missgunst, du jämmerlicher Häuptling.
Charon in Wartestellung. Ob du dir den Obolus leisten kannst?
Eingeständnis der Schuld. Einsicht. Reue.
Roland Freisitzer, 3.2.2023
Roland Freisitzer,Schriftsteller, Komponist, Dirigent
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Roland Freisitzer,Schriftsteller, Komponist, Dirigent
Zur Person_
1973 in Wien geboren, wuchs Roland Freisitzer in Moskau, Warschau, Kapstadt und St. Pölten auf, bevor er sich 1989 erneut nach Moskau begab, um Komposition zu studieren. Der Komponist und Dirigent ist Dozent im Bereich der zeitgenössischen Musik an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien sowie stellvertretender Schulleiter an der Friedrich Gulda School of Music in Wien. 2021 erschien sein Debütroman Frey bei Septime Verlag. Im März 2023 erscheint sein zweiter Roman Die Befreiung und mit Emily Maguires Ein Einzelfall auch seine erste Romanübersetzung bei Septime
Liebe Judith, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Man kann sich meinen Tagesablauf aktiv vorstellen, mit Hunderunden von Zeit zu Zeit (wenn ich zu Hause bin), Fußwegen zur Uni (statt Öffis) und eigener künstlerischer Arbeit- die eigentlich nie aufhört (Bleistift und Papier sind immer vorrätig). Ich bin in 3 Bereichen tätig: Bildhauerei (eigene künstlerische Arbeit), Kuratieren (Befassung mit den Werken anderer Künstler*innen), Lehre an der Angewandten (Aktzeichnen) – die Tage sind also ausgefüllt. Das Wochenende unterscheidet sich nur wenig von der Woche, zum Beispiel durch ein Frühstücksei und das genüssliche Lesen der Wochenendausgabe. Es gibt viele spannende Aufgaben, Ideen und Projekte. Dazu kommt der Kontakt mit den Studierenden (- das hat mir in den Lockdown-Phasen 2020/21 wohl am meisten gefehlt). Der Ablauf des Tages ist immer unterschiedlich und doch gleichbleibend- nach dem Motto: ein Kaffee zwischendurch, wann immer es passt.
Judith P. Fischer, Bildende Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
WELTFRIEDEN!
Wenn die Frage lauten würde, was mir wichtig ist: Dann würde ich so antworten: Für meinen jugendlichen Sohn eine saubere Welt zu hinterlassen, in der auch er noch gerne lebt. Für meine Mitmenschen würde ich so antworten: wertschätzender Umgang untereinander. Also die Frage, was jetzt für uns alle besonders wichtig ist, greift (bei mir) nicht so richtig, denn jeder Mensch ist anders und diese Andersartigkeit zieht nach sich, dass eben für jede(n) etwas anderes von Bedeutung ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Kunst- und hier antworte ich (denn nur so kann ich überhaupt etwas dazu antworten) persönlich: Kunst ist für mich ein Lebenselixier. Musik, Literatur gehören da genauso dazu wie bildende Kunst. Die Frage ist doch eher, wie würde unser Leben ohne Kunst aussehen. Es wäre eine endlose TO-DO-LISTE an Wichtigkeiten und Dringlichkeiten ohne Sinnlichkeit und Freude (wenn man von der zwischenmenschlichen tiefen Paarbeziehung absieht, die zweifellos auch ohne Kunst Freude machen kann).
Daher die Frage, welche Rolle der Kunst zukommt- meiner Meinung nach:
Sie kann (mich) glücklich machen.
Sie kann das Leben bereichern.
Sie kann aufrütteln genauso wie beruhigen!
Einen Krieg kann sie nicht beenden!
Was liest Du derzeit?
GALSAN TSCHINAG „Die Rückkehr“, Roman meines Lebens
GÜNTHER OBERHOLLENZER „Von der Liebe zur Kunst“ (die 2. Auflage, die erste habe ich schon gelesen)
JANA CERNA=Honza Krejcarová „TOTALE SEHNSUCHT“, Gedichte, Prosa, Liebesbrief
MARIN MONTAGUT „Verborgene Schätze in Paris“, Dumont
Und hin und wieder blättere ich voll Freude in der eigenen (2022 erschienen) Monografie: LINIE FORM RAUM/LINE SHAPE SPACE, De Gruyter Verlag.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ein schönes Buch nicht wieder zu lesen, weil man es schon gelesen hat, das ist, als ob man einen teuren Freund nicht wieder besuchen würde, weil man ihn schon kennt.“ Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)
Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person_In Linz geboren. Aufgewachsen in Linz und Niederösterreich. Lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich.
AUSBILDUNG Studium der Bildhauerei an der Universität für angewandte Kunst Wien (Prof. Wander Bertoni) Studium für Gesang an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Studium der Kunstgeschichte 1990 Diplom für Gesang 1991 Diplom für Bildhauerei (Mag. art.)
PREISE|ANERKENNUNGEN|FÖRDERUNGEN (Auswahl) 1997 Trakl- Förderpreis des Landes Salzburg (Ausstellung und Katalog) 1998 Pfann-Ohmann-Preis für interdisziplinäre Kunst im öffentlichen Raum 1998/99 Paris Stipendium des Bundeskanzleramts, Kunstsektion des Bundes/A 2000 Kulturpreis für bildende Kunst (Anerkennung) des Landes Niederösterreich 2018 1. Preis Kunst-am-Bau Wettbewerb Wohnhausanlage Salzburg
WERKE IM ÖFFENTLICHEN RAUM (Auswahl) 1996 skull, Flughafen Wien/Schwechat/NÖ 2004 cascade, Handelsakademie Korneuburg/NÖ 2011 Schöpfung.Gerechtigkeit.Frieden, 3 Glocken für die Pfarre Liechtenberg/OÖ 2013 gate, Stahlskulptur für das Wirtschaftszentrum N/ St. Pölten/NÖ 2015 mutiara, Gedenkraum und Objekt, Pfarre Schönau im Mühlkreis/OÖ 2019 together Wohnhausanlage Glanbogen, Salzburg/S 2022 STEP BY STEP, Kunstschaufenster Nespresso Atelier/Kooperation Künstlerhaus u. Nespresso (temporär) 2022 Ha(SHE)tech, Skulptur für ÖBB INFRA/Praterstern Wien (curated by: zs art)
Aktuelle Ausstellung_Wien
AUSSTELLUNG ÖBV: JUDITH P. FISCHER | RÉFLEXION bis 21. April 2023
MONOGRAFIE:
• JUDITH P. FISCHER LINIE FORM RAUM/LINE SHAPE SPACE
Wer noch auf der Suche nach einem Kunstbuch ist (als Geschenk oder ganz einfach aus Freude am Thema), dem lege ich mein heuer erschienenes Buch ans Herz, das im Buchhandel, ONLINE, im LENTOS KUNSTMUSEUM, in der zsart Galerie Wien und im KÜNSTLERHAUS WIEN erhältlich ist. Die Herausgabe des Buches war eines der Highlights des heurigen Jahres und eine schöne Zusammenarbeit mit der Herausgeberin Theresia Hauenfels, dem Grafiker, dem Verlag De Gruyter, der Universität für Angewandte Kunst Wien sowie allen Autor*innen. Die Publikation ist in der Buchreihe der Universität für angewandte Kunst Wien erschienen: Edition Angewandte! Das Buch wurde unterstützt von ecoplus. Niederösterreichs Wirtschaftsagentur GmbH.