Liebe Kristine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Regelmäßig und strukturiert. Das Kind muss in die Schule, also geht es hier morgens früh los, obwohl das frühe Aufstehen nicht meine Stärke ist. Wenn die Umstände mehr Raum geben für zeitliche Verschiebungen, bin ich bis spät in die Nacht wach und gehe den kommenden Tag langsam an, mit Tee, Radio, Lesen; vor dem frühen Nachmittag schreibe ich dann zwar keine Zeile, dafür drehe ich aber abends wieder richtig auf. Im Alltag also viel Disziplin, dazwischen diese kostbaren, langsamen, aus der Form geratenen Tage.
Kristine Bilkau, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität mit allen, die vor Krieg und Krisen flüchten müssen. Wohlwollen und Geduld im Umgang miteinander. So komplex wie das eigene Leben ist, so widersprüchlich, anstrengend, ernüchternd und durcheinander es sich anfühlt, so komplex sieht es auch im Leben der Anderen aus. Nie kann man ganz erkennen, was einen anderen Menschen wirklich bewegt und belastet, man wird immer nur einen Ausschnitt wahrnehmen können. Und es zählt, einen aufmerksamen, kritischen Blick auf die Welt zu bewahren, sich an nichts zu gewöhnen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Dort, wo Sprache die Situation von Menschen unsichtbar machen will, die Sprache der Macht, Unterdrückung, Ausbeutung, Gleichgültigkeit, Achtlosigkeit, dort können Kunst und Literatur etwas dagegensetzen. Sie können die Oberflächen immer wieder aufrauen und aufbrechen. Sie können in ihrer Unruhe und ihrem Widerstand ein Gefühl des Aufgehobenseins erzeugen. Oder wie Herta Müller in einem Gespräch mit Swetlana Alexijewitsch gesagt hat: Literatur könne behüten ohne zu lügen. Literatur könne trösten ohne zu täuschen.
Was liest Du derzeit?
„Taghaus, Nachthaus“ von Olga Tokarczuk. „Sommer“ von Ali Smith. „Nostalgie“ von Barbara Cassin. Und immer wieder nehme ich „Übungen im Fremdsein“ von Olga Tokarczuk zur Hand.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Das Unbedeutende und Kleine, das Zufällige und Überflüssige, das Verdrängte stehen im Mittelpunkt meines Interesses, weil es niemals zum Objekt der Beute werden wird, von der Walter Benjamin in seinem Essay Über den Begriff der Geschichte schreibt, die Beuteobjekte, die die Sieger aus der Gegenwart in die Zukunft mitnehmen, aus denen sich – wie aus Ziegelsteinen – das historische Narrativ der Herrschenden zusammensetzt.“
Aus „Glückliche Fälle“ von Yevgenia Belorusets
Vielen Dank für das Interview liebe Kristine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Kristine Bilkau, Schriftstellerin
Aktueller Roman : „Nebenan“ Kristine Bilkau, Luchterhand Verlag 2022
Foto_privat.
1.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Barbara, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?
In meiner Kindheit habe ich mit meiner Familie besonders in den Feiertagen die Sissi- Filme gesehen, in denen Romy Schneider die Hauptrolle spielte.
Barbara Dibon _ Model, Künstlerin_Wien_ reenacting Romy Schneider
Wie siehst Du Werk und Leben von Romy Schneider?
Neben den Sissi-Filmen sind für mich „Christine“ und „Mädchen in Uniform“ ihre bekanntesten Filme.Großartige Filme sind unsterblich und haben kein Ablaufdatum.
Die Bilder der Sissi Filme sind nun schon über Generationen im Kopf und wenn man an Österreich denkt, springt der Gedanke bei Sissi wie bei Mozart, Falco, auch in Verbindung mit einer der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Wiens dem Schloss Schönbrunn, über.
Zu Romy Schneiders Leben fällt mir ad hoc ein, dass sie eine brillante Schauspielerin mit besonderem Wiedererkennungswert war, aber abseits der Kamera war sie nicht besonders glücklich. Sie musste schreckliche Schicksalsschläge erleiden und starb am gebrochenen Herzen.
Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?
Es ist die Sissi-Triologie. Sie war sehr jung und es war im Kontext eine großartige Performance, die vielen Türen öffnete. Das bot Chancen aber forderte auch den Kampf künstlerischer Identität. Romy Schneider nahm diesen auf. Sie war eine Löwin und bekam was sie wollte.
Für mich zeichnen sich wirklich gute Schauspieler/innen in Persönlichkeit, Wiedererkennungswert aus. Gute Schauspieler/innen sind jene, die authentisch sind, davon gibt es nicht viele…
Schauspiel erfordert Empathie. Und Empathie ist wesentlich Intelligenz. Romy Schneider hatte beides in hohem Maße.
Das ist auch in der Fotografie so. Kunst ist Erkenntnis von Mensch und Welt. Romy Schneider wusste das sehr gerne und ging im Film wie in der Fotografie schonungslos an alle Grenzen – intelligent und ästhetisch.
Gab es Berührungspunkte zu Werk und Leben Romy Schneiders in Deinen bisherigen Kunstprojekten?
Wirkliche Berührungspunkte zu dem Werk und Leben Romy Schneiders gab es in meinen bisherigen Kunstprojekten nicht. Ein schwarz-weiß Bild in einem Studio Shooting erinnerte mich persönlich an Romy Schneider. Vielleicht der Grund für dieses Projekt (lacht).
Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?
Ich habe den Eindruck, dass viele bekannte und erfolgreiche Schauspieler/innen mit ihrem (Privat)Leben sehr unglücklich sind/waren. Schauspielerischer Erfolg ist bestimmt großartig in aller Präsenz und Interesse aber es ist wohl auch „erdrückend“.
Ich denke, dass man trotz Medienrummel sehr leicht „vereinsamt“….
Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges in einem künstlerischen Beruf?
Ich denke, dass man die Genres wählen sollte, worin man sich wohlfühlt und sich identifiziert, andernfalls „steckt man“ zu sehr in einer Rolle/Kategorie. Das tat Romy Schneider konsequent. Ob es künstlerisch richtig oder falsch war, nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er abrupt das Filmgenre wie das Land zu wechseln, kann ich nicht sagen. Ich denke jedoch, dass es eine individuelle Entscheidung war, die keine Alternative zuließ. Romy Schneider ging es um künstlerische Entwicklung – was möchte ich, wo will ich hin, wo sehe ich mich, worin fühle ich mich wohl, womit kann ich mich identifizieren?…- das ist ein Prozess, der nicht nur den künstlerischen Beruf betrifft, sondern jeden Menschen unabhängig in welcher Berufssparte/-gruppe wir uns befinden.
Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?
Romy Schneider hatte auch einen „Wiener Schmäh“. Sie war da schlagfertig, direkt.
Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier im Kunstbereich gemacht?
Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen. Für mich bedeutet Wien viel, es ist ein Teil von mir und darin stecken so viele Erinnerungen. Wien ist eine Stadt, die viele Türen öffnet.
Wer sich musikalisch und schauspielerisch weiterentwickeln möchte, ist in Wien richtig. Tradition wie Gegenwart sind hier sehr lebendig und weltoffen.
Wie siehst Du die Möglichkeiten als Künstlerin in Wien/Österreich?
Die Möglichkeiten als Künster/in in Wien/Österreich können sowohl begrenzt, aber auch unbegrenzt sein. Glück braucht man immer und vor allem das richtige Timing.
Was wünscht Du Dir für den Kunstberuf?
Wünschenswert wäre, dass der Kunstberuf mehr gefördert wird. Ich denke, von der Kunst, sei es Schauspiel, Fotografie usw. zu leben, ist nicht einfach bzw. unmöglich ohne einen Nebenjob.
Gerade zu Zeiten der Pandemie zeigte sich wie prekär der Kunstberuf ist. .
Was sind Deine kommenden künstlerischen Projektpläne?
Da ich viele Interessen habe, werde ich mich am besten überraschen lassen. Viele Dinge, gerade in der Kunst geschehen unerwartet, aber dafür sind es die spannendsten Projekte.
Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?
Ich würde mich in erster Linie bei ihr bedanken, dass sie so Großartiges geleistet und in ihren Filmen so Brillantes hinterlassen hat. Sie hat gezeigt was in ihr steckt und die Welt an ihrem Talent, Fleiß, wie an ihrer Leidenschaft Schauspielerin zu sein, teilhaben lassen. Das ist Inspiration und Vorbild.
Man muss nicht immer eine Frage stellen, manchmal reicht auch ein „Dankeschön“.
Was kann eine Künstlerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?
Ganz einfach Leidenschaft, Inspiration…. Überall wo wir Leidenschaft leben und reinstecken, darin sind wir gut und inspirieren auch andere Menschen, strahlen etwas aus.
Wichtig ist, sich nicht zu vergleichen und authentisch zu bleiben, dass macht Menschen einzigartig. Romy Schneider gibt es kein zweites Mal.
Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Schneider Achrostikon bitten?
Reisen ist ein großer Teil des Lebens und kann unserer persönlichen Weiterentwicklung dienen.
Orte können Menschen bewegen.
Musik ist wie die Luft zum Atmen.
Y Juwelen sind wir Menschen, wir müssen nur genauer hinsehen.
Barbara Dibon _ Model, Künstlerin_Wien_ reenacting Romy Schneider
Herzlichen Dank, liebe Barbara, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung! Viel Freude und Erfolg weiterhin für alle Kunstprojekte!
40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Liebe Valerie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jeder Tag ist ein bisschen anders.
Aber meistens: zwischen 7 und 8 aufstehen. Fenster aufreissen. Heisses Zitronenwasser. Kaffee. Kinder wecken. Strecken. Wenn ich zuhause bin in Frankreich, viel Natur um mich, ich versuche, einmal am Tag eine Runde spazieren zu gehen. Wenn die Kinder mittags zuhause sind, kochen. Vormittags Emails beantworten und ein bisschen singen am Klavier. Im Moment erarbeite ich wieder ein paar neue Lieder für meinen Auftritt in NYC. Ich blättere in meinen Notenbüchern und klimpere ein paar Melodien und das was hängen bleibt, schau ich mir genauer an. zB „How much I love you“ neulich von Kurt Weill und Ogden Nash. Ich schreibe auch fast täglich ein paar Zeilen in mein Tagebuch. Wenn ich in Wien bin, treffe ich mich zum Songs schreiben, aufnehmen..Da ist dann ein anderes Tempo.
Poesie. Die Poesie des Augenblicks. Die Poesie der Worte.
Und: Ein Support System, auf das man sich verlassen kann. Wissen, wen man anrufen kann, wenns einem grad mies geht. Ich denke auch es ist wichtig, für sich ein Werkzeug zu finden, mit seinen Ängsten umzugehen. Ruhepausen sind wichtig. Und liebevoller Umgang miteinander.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Musik und Kunst richten nicht. Sie sind ein Spiegel der Zeit und dennoch zeitlos.
Musik eint. Und Musik begleitet einen auch in der Einsamkeit. Musik spricht aus dem Herzen in die Herzen der Menschen.
Funambule sans filet_Valerie Sajdik,
Funambule sans filet
N’aie pas peur de tomber
Tu fais deux pas en avant
Un pas en arrière
Les yeux tous droits
Tiens l’équilibre
Vole dans l’air du temps
Et ne perds jamais confiance
Funambule, danse
Somnambule sans regrets
N’aie pas peur du réveil
Car tu vis auprès d’un rêve
Que pour le présent
Les yeux figés
Sans rien voir
Noyés dans l’air du temps
Et tes rêves te balancent
Somnambule, danse
Seiltänzerin ohne Netz
Hab keine Angst vorm Fallen
Du machst zwei Schritte vorwärts
Einen Schritt zurück
Die Augen gerade nach vorne gerichtet,
Halte das Gleichgewicht
Flieg durch die Luft
Und verliere nie dein Vertrauen
Seiltänzerin, tanz
Schlafwandler, der nichts bereut
Hab keine Angst vor dem Aufwachen
Denn du lebst nach einem Traum
Nur für die Gegenwart
Die Augen erstarrt
Ohne etwas zu sehen
Ertrunken in der Melodie der Zeit
Und deine Träume schaukeln Dich
Schlafwandler, tanz
Was liest Du derzeit?
Grad gestern „Hilde Knef und das Lied des Lebens“ fertiggelesen, von Maxine Wildner. Davor habe ich Joseph Roths Aufzeichnungen aus seinen Reisen nach Russland und in die Ukraine gelesen. Kann ich jedem empfehlen. Beide Bücher.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Gedicht von Mascha Kaleko, das mich zu meinem Lied „Funambule“ inspiriert hat:
Seiltänzerin ohne Netz
Mein Leben war ein Auf-dem-Seile-Schweben.
Doch war es um zwei Pfähle fest gespannt.
Nun aber ist das starke Seil gerissen:
Und meine Brücke ragt ins Niemandsland.
Und dennoch tanz ich und will gar nichts wissen,
Teils aus Gewohnheit, teils aus stolzem Zorn.
Die Menge starrt gebannt und hingerissen.
Doch gnade Gott mir, blicke ich nach vorn.
Vielen Dank für das Interview liebe Valerie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lara Bumbacher, Christopher Korkisch und Clemens Fröschl
Es ist Abend.
Für Danny und Helen im Wohnzimmer. Hier steht das Abendessen bereit. Das Lachen, die Worte und Ausblicke auf ein gemeinsames Leben, werdendes Leben…
Eine Familie…
Draußen ist es auch Abend. In Dunkelheit. Schmerz. Blut. Liam, Helens Bruder ist am Weg zum Haus der Schwester.
Zur Familie…
Und dann das Blut. An Liam. Und was jetzt? Was tun?
In der Familie…
Und es wird Nacht. Eine Nacht der Worte, der Fragen, der Handlungen, der Dunkelheiten, der Wahrheiten, der Schuld…
Der Familie?
Die Premiere von „Waisen“ (Dennis Kelly) des Wiener Theaterkollektivs „taschenspielerinnen“ begeistert mit einem Theaterabend, der in hervorragender Inszenierung wie mitreißender schauspielerischer Präsenz und Dynamik eine fesselnde Dramatik, auch in wunderbar gesetzter Tragikkomik, zu erzeugen imstande ist, die zum Besten gehört was Theater in einer Texterarbeitung leisten kann.
Das reduzierte Bühnenbild gibt dem experimentierfreudigen Regisseur Peter Pausz und dem intensiven dialogischen Spiel von Lara Bumbacher, Christopher Korkisch und Clemens Fröschl besten dramatischen Raum, der zum abgründigen wie mitreißenden Seelenschauplatz in Konflikt und Emotion wird.
Beeindruckend ist auch wie in Inszenierung und Darstellung ein grundsätzlicher Dialog von Beziehungsrealitäten sehr fein und hintergründig in die Textdramatik eingewoben wird und so auch diese weiterentwickelt. Es geht dabei immer um den Menschen als Ganzes in aller Brüchigkeit scheinbarer tragender Lebenssäulen.
„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, sagte und forderte Ingeborg Bachmann 1959. Das „taschenspielerinnen“ Kollektiv stellt mit ihrer selbstbewussten, sehr gelungenen Inszenierung und Darstellung von „Waisen“ die Aussage Ingeborg Bachmanns 2022 neu – mutig zeitkritisch, erschütternd hintergründig, mitreißend spielfreudig und vielseitig impulsgebend – herzlichen Dank!
Lieber Sven, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Um 7 Uhr aufstehen, Text lernen und Kaffee trinken bis um 9 Uhr. Von 10-15 Uhr Probe… dann nach Hause, was essen, Text lernen, im Garten arbeiten… um 18 Uhr am Theater sein, um 19:30 die Vorstellung spielen. Spätestens um 12 Uhr nachts ins Bett gehen.
Sven Sorring_Schauspieler, Komponist, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Bildung, Empathie … Weitermachen
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Geduld, Durchhaltevermögen! Theater: Theater kann ablenken, zum Denken anregen, spiegeln und reflektieren. Theater bietet Bildung.
Was liest Du derzeit?
Die Textbücher zu den Theaterstücken, die ich spiele (Thomas Bernhard)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wenn du am Boden liegst, steh auf, und mach einfach weiter. Sei emphatisch, mitfühlend, und helfe anderen.
Vielen Dank für das Interview lieber Sven, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sven Sorring_Schauspieler, Komponist, Schriftsteller
Lieber David, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
In der Frühe schreibe (und lese) ich. Später am Tag fahre ich gelegentlich noch zu Büchergesprächen ins WDR Funkhaus Köln. Sonst erledige ich Büroarbeit, bin verabredet (oder bei meiner bettlägerigen Mutter), mache Ausflüge (den Rhein stromabwärts genau wie stromaufwärts) und treffe mich abends mit Freunden zum Gespräch. Alle haben Examen in Philosophie – nur ich nicht J
David Eisermann, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
In Verbindung bleiben – gerade wegen der Einschränkungen, die uns durch die Corona-Krise auferlegt worden sind. Ansteckung vermeiden (schon aus Verantwortung gegenüber meinen Angehörigen).
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
„Vor einem Aufbruch“ haben die Menschen noch stets gestanden – so lange ich mich erinnern kann (und das ist lang). Wesentlich erscheinen mir heute die Versöhnung gesellschaftlicher Gegensätze (die bisweilen unvereinbar erscheinen) und die Umweltpolitik, die uns als Klimapolitik nicht nur vor technisch-wissenschafliche, sondern gerade auch vor gesellschaftliche Herausforderungen stellt. Literatur und Kunst allerdings lassen sich hier nicht in die Pflicht nehmen und sind frei.
Was liest Du derzeit?
Colm Tóibín, Der Zauberer [Originaltitel The Magician, 2021], übersetzt von Giovanni Bandini, München: Carl Hanser Verlag, 2021; 556 S.; 28 Euro; ISBN 978-3-446-27089-3.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Textimpuls“ Was Schreiben für uns bedeutet. Aus: Colm Tóibín, Der Zauberer [Originaltitel The Magician, 2021], übersetzt von Giovanni Bandini, München: Carl Hanser Verlag, 2021
[S. 39ff] Thomas war bewußt, daß Armin häufig von ihren Klassenkameraden wegen ihrer Freundschaft verspottet wurde. Er, Thomas, galt als jemand, dem die edleren männlichen Tugenden ermangelten, der zu sehr von sich eingenommen und zu sehr an Poesie interessiert war, sich zuviel auf die einstige Bedeutung seiner Familie in Lübeck zugutehielt. Er wußte, daß Armin das mit einem Lachen abtat und nicht einsah, warum er Thomas nicht als Freund behalten sollte. Es war offensichtlich, daß Armin ihn aufrichtig mochte. Dann würde es ihn doch wohl auch nicht überraschen, sollte Thomas ihm die Gedichte zeigen oder ihm auf andere Weise seine Gefühle offenbaren? […] Armin gab Thomas die Gedichte zurück und boxte ihm sanft und leicht spöttisch in die Brust. „Sieh zu, daß niemand diese Gedichte findet. Was dich angeht, haben sich meine Freunde schon eine Meinung gebildet, aber mein Ruf wäre ruiniert.“ „Meine Gedichte bedeuten dir nichts?“ „Mir sind Schiffe lieber als Gedichte, und Mädchen lieber als Schiffe, und so solltest du es auch halten. Armin ging voraus. Als er zurückblickte und sah, daß Thomas noch immer die beschriebenen Blätter in der Hand hielt, lachte er. „Steck das Zeug weg, sonst sieht es noch jemand und schmeißt uns ins Wasser!“
Vielen Dank für das Interview lieber David, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
David Eisermann, Schriftsteller
Über mich:
Mein Buch „Crèvecoeur oder Die Erfindung Amerikas: ein literarischer Gründervater der Vereinigten Staaten“ (CMZ-Verlag, Rheinbach-Merzbach 1985 ISBN 3-922584-35-7) war die erste Studie über einen franko-amerikanischen Schriftsteller, der im amerikanischen Revolutionskrieg (1775-83) zwischen die Fronten geriet. Aus meiner Zusammenarbeit mit Florian Steinbiß resultierten zahlreiche Arbeiten für den literarischen Almanach „Der Rabe“ im Haffmans Verlag sowie der Dokumentarfilm „Propaganda Swing: Dr. Goebbels’ Jazz-Orchester“ für das Südwestfunk-Fernsehen. Bevor ich zwanzig Jahre als Moderator und Autor für das Kulturradio WDR3 gearbeitet habe, war ich Übersetzer aus dem Französischen und dem Englischen (u. a. „White Jazz“ von James Ellroy). Bis 2018 Vorsitzender des Vereins Literaturhaus Bonn. Seit 2020 erscheinen meine Texte in dem Literaturmagazin WORTSCHAU, herausgegeben von Johanna Hansen und Wolfgang Allinger. Ich bin Lehrbeauftragter an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität.
Mein neuer Text im Heft 38 der Zeitschrift WORTSCHAU ist angelegt als autofiktionaler Tagebucheintrag, in dem sich unvermutet die Geschichte eines Wiedersehens entwickelt. Eine breite, baumbestandene Straße steht gleichzeitig für Fernweh und die Frage, wie Sprache und Gedächtnis uns gegen die Endgültigkeit helfen mögen, die der Tod für uns bereithält. Erschienen im Literaturmagazin WORTSCHAU, Ausgabe 38: „Fernweh“, Oktober 2021, ISBN 978-3-944286-33-4
C chemie, ist sie das, die uns menschen verbindet? die chemie stimmt? nichts stimmt.
H hunger-grau sind die bilder. und schattig-braun. dabei ist frühling. und es sind nur bilder. die wahrheit ist vielerorts längst rot. rot-braun-krustig. risse wie auf den ölgemälden der alten meister. ein bild, kein abbild.
A aber
N nein. es gibt kein niemals. niemals ist nicht das gegenteil von immer
C c: abc-waffen-alarm. weißt du noch?
E ein friede. einfriedung. fremd sind wir uns. abc, als wenn man auf der tastatur klavier spielen lernte