„Die Versöhnung gesellschaftlicher Gegensätze“ David Eisermann, Schriftsteller _ Bonn 5.5.2022

Lieber David, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In der Frühe schreibe (und lese) ich. Später am Tag fahre ich gelegentlich noch zu Büchergesprächen ins WDR Funkhaus Köln. Sonst erledige ich Büroarbeit, bin verabredet (oder bei meiner bettlägerigen Mutter), mache Ausflüge (den Rhein stromabwärts genau wie stromaufwärts) und treffe mich abends mit Freunden zum Gespräch. Alle haben Examen in Philosophie – nur ich nicht J

David Eisermann, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In Verbindung bleiben – gerade wegen der Einschränkungen, die uns durch die Corona-Krise auferlegt worden sind. Ansteckung vermeiden (schon aus Verantwortung gegenüber meinen Angehörigen).

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

 „Vor einem Aufbruch“ haben die Menschen noch stets gestanden – so lange ich mich erinnern kann (und das ist lang). Wesentlich erscheinen mir heute die Versöhnung gesellschaftlicher Gegensätze (die bisweilen unvereinbar erscheinen) und die Umweltpolitik, die uns als Klimapolitik nicht nur vor technisch-wissenschafliche, sondern gerade auch vor gesellschaftliche Herausforderungen stellt. Literatur und Kunst allerdings lassen sich hier nicht in die Pflicht nehmen und sind frei.

Was liest Du derzeit?

Colm Tóibín, Der Zauberer [Originaltitel The Magician, 2021], übersetzt von Giovanni Bandini, München: Carl Hanser Verlag, 2021; 556 S.; 28 Euro; ISBN 978-3-446-27089-3.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Textimpuls“ Was Schreiben für uns bedeutet. Aus: Colm Tóibín, Der Zauberer [Originaltitel The Magician, 2021], übersetzt von Giovanni Bandini, München: Carl Hanser Verlag, 2021

[S. 39ff] Thomas war bewußt, daß Armin häufig von ihren Klassenkameraden wegen ihrer Freundschaft verspottet wurde. Er, Thomas, galt als jemand, dem die edleren männlichen Tugenden ermangelten, der zu sehr von sich eingenommen und zu sehr an Poesie interessiert war, sich zuviel auf die einstige Bedeutung seiner Familie in Lübeck zugutehielt. Er wußte, daß Armin das mit einem Lachen abtat und nicht einsah, warum er Thomas nicht als Freund behalten sollte. Es war offensichtlich, daß Armin ihn aufrichtig mochte. Dann würde es ihn doch wohl auch nicht überraschen, sollte Thomas ihm die Gedichte zeigen oder ihm auf andere Weise seine Gefühle offenbaren? […] Armin gab Thomas die Gedichte zurück und boxte ihm sanft und leicht spöttisch in die Brust. „Sieh zu, daß niemand diese Gedichte findet. Was dich angeht, haben sich meine Freunde schon eine Meinung gebildet, aber mein Ruf wäre ruiniert.“ „Meine Gedichte bedeuten dir nichts?“ „Mir sind Schiffe lieber als Gedichte, und Mädchen lieber als Schiffe, und so solltest du es auch halten. Armin ging voraus. Als er zurückblickte und sah, daß Thomas noch immer die beschriebenen Blätter in der Hand hielt, lachte er. „Steck das Zeug weg, sonst sieht es noch jemand und schmeißt uns ins Wasser!“

Vielen Dank für das Interview lieber David, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

David Eisermann, Schriftsteller

Über mich:

Mein Buch „Crèvecoeur oder Die Erfindung Amerikas: ein literarischer Gründervater der Vereinigten Staaten“ (CMZ-Verlag, Rheinbach-Merzbach 1985 ISBN 3-922584-35-7) war die erste Studie über einen franko-amerikanischen Schriftsteller, der im amerikanischen Revolutionskrieg (1775-83) zwischen die Fronten geriet. Aus meiner Zusammenarbeit mit Florian Steinbiß resultierten zahlreiche Arbeiten für den literarischen Almanach „Der Rabe“ im Haffmans Verlag sowie der Dokumentarfilm „Propaganda Swing: Dr. Goebbels’ Jazz-Orchester“ für das Südwestfunk-Fernsehen. Bevor ich zwanzig Jahre als Moderator und Autor für das Kulturradio WDR3 gearbeitet habe, war ich Übersetzer aus dem Französischen und dem Englischen (u. a. „White Jazz“ von James Ellroy). Bis 2018 Vorsitzender des Vereins Literaturhaus Bonn. Seit 2020 erscheinen meine Texte in dem Literaturmagazin WORTSCHAU, herausgegeben von Johanna Hansen und Wolfgang Allinger. Ich bin Lehrbeauftragter an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität.

Mein neuer Text im Heft 38 der Zeitschrift WORTSCHAU ist angelegt als autofiktionaler Tagebucheintrag, in dem sich unvermutet die Geschichte eines Wiedersehens entwickelt. Eine breite, baumbestandene Straße steht gleichzeitig für Fernweh und die Frage, wie Sprache und Gedächtnis uns gegen die Endgültigkeit helfen mögen, die der Tod für uns bereithält. Erschienen im Literaturmagazin WORTSCHAU, Ausgabe 38: „Fernweh“, Oktober 2021, ISBN 978-3-944286-33-4

Vorab hier online auf der Seite faustkultur:

https://faustkultur.de/literatur-zeitgeist/seitenwechsel-aus-bonn/?fbclid=IwAR0PT6WTNJgNx4WCD-8Jau62m1SsSPaKCLNCtQQ_dnKNN5xYp0E89EjtYFU

Foto_privat.

14.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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