Es ist Kultur in Werk, Austausch und Gespräch, die eine Gesellschaft prägt und die sie weiterentwickelt. Und die sie wesentlich trägt. Etwa in Zeiten besonderer Herausforderungen wie jetzt in einer Pandemie. Kultur und Kunst sind da wichtiger Anker im Sturm der Zeit, der Lebenswelten erschüttert. Und eben diese finden nun auch wesentlich Halt in Wort und Werk, Buch und Film, Musik, verschiedensten Ausdrucksformen von Fragen, Ansichten und Perspektiven wie auch der Möglichkeit von Ablenkung und Erholung darin…
Kultur und Kunst sind aber immer auch in einer kritischen Lage was ihre Möglichkeiten der Voraussetzung und Verwirklichung betrifft. Der Begriff der „Systemrelevanz“ ist dabei in diesen Zeiten der Pandemie öfters gefallen und es galt und gilt sich da zu behaupten und auf Wert und Nutzen für Mensch und Gesellschaft hinzuweisen.
Dieses Ringen der Gegenwart ist aber auch in der Geschichte immer wieder Herausforderung gewesen. Bewunderung wie unmittelbare, direkt oder verzögert, Zerstörung waren da oft sehr nahe beieinander. Jubel und Untergang. Triumph und Drama. Kunst und Kultur haben da viel zu erzählen…
Hermann Parzinger, Archäologe und Prähistoriker, Präsident der Stiftung preußischer Kulturbesitz, stellt im vorliegenden Buch „Verdammt und Vernichtet“ Kulturzerstörungen in der Weltgeschichte in fundierter wie eindringlicher Weise dar. In dreizehn Überblickskapitel über die Anfänge im Altertum, den byzantinischen Bilderstreit, der neuzeitlichen Reformation, das Zeitalter der Kolonialisierung, der französischen Revolution, des Nationalsozialismus bis zu islamistischen Zerstörungen der Gegenwart und kritischen Ausblicken der Gegenwart gibt der Autor einen kompakten Gesamtüberblick wie eine anschauliche Darstellung dieser dunklen Kapitel unser Menschheitsgeschichte in Schönheit wie Zerstörung und steten Neubeginn von Kunst und Kultur.
„Ein ganz wichtiges Buch, das Erinnerung und Mahnung wie Auftrag und Impuls für die Schönheit und Kraft wie auch Gefährdung von Kunst und Kultur zu aller Zeit ist“
Liebe Jeanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe immer sehr früh auf, das hat sich verändert – ich schlafe tief und fest und wache früh auf. Glücklicherweise habe ich momentan das Privileg viel zu proben und zu drehen: Das ist erfüllend, dafür ist es aber nervenzehrend nicht zu wissen, wann wir wieder vor einem Publikum spielen oder wann beispielsweise wieder Filmfestivals stattfinden dürfen. Wenn ich nicht arbeite, gebe ich mich der Vorbereitung meiner Projekte oder den Kulturformen hin, die man auch in Ein- oder Zweisamkeit betreiben kann: Lesen, Filme schauen, kochen. Ich bin auch jeden Tag damit beschäftigt mit der Sehnsucht umzugehen, die sich gerade nicht stillen lässt: Nach Kultur, Familie, Gemeinsamkeit.
Jeanne Werner, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Menschen, die Krieg erlebt haben, haben mir kürzlich gesagt: Wir schaffen das, uns geht es doch gut. Neben dieser Art von Demut sind zur Zeit sicher zwei Dinge hilfreich: Verantwortung für sich und andere, und Akzeptanz. Ich habe in dieser Pandemie nach und nach gelernt, dass es nichts bringt, sie wegzuwünschen. Unser vorheriges Leben ist erstmals vorbei und wird in genau derselben Form hoffentlich auch nicht (sofort) wiederkommen: Die unreflektierte und unkontrollierte Art und Weise zu konsumieren, massiv zu reisen und sich dauernd mit anderen zu vergleichen. Ich habe gemerkt, wie wenig ich brauche. Was ich aber brauche, sind neue Begegnungen und Kultur. Es tut weh, dass die Theater und Kinos, sowie unzählige andere kulturelle Orte mit guten Hygienekonzepten, nicht offen sein dürfen. Sie könnten den Menschen auch in diesen schwierigen Zeiten Hoffnung und Rückhalt zu geben. Am Ende scheint die Impfung der einzige Ausweg gewesen zu sein, nicht ein verantwortungsvolles Miteinander. Klare und motivierende Botschaften hierzu habe ich in unserer medialen Öffentlichkeit und bei den Entscheidungsträgern in letzter Zeit stark vermisst.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich bin voller Hoffnung, dass etwas neu wertgeschätzt werden wird, das vorher völlig selbstverständlich schien: Das kulturelle Live Erlebnis. Ich weiß genauso wenig wie alle anderen, was nun kommen wird, und welche Rolle wir dabei spielen werden: Aber dass wir wieder zusammen ‚feiern‘ wollen, sei es in einem vollen Theatersaal oder in Form gemeinsamer körperlicher Betätigung in einer Sporthalle, oder wie auch immer… ich bezweifle stark, dass wir den Drang danach verlernen.
Was liest Du derzeit?
„Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski. Ein sehr lebensbejahendes Buch.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Mascha Kaléko: „Rezept“
Jage die Ängste fort Und die Angst vor den Ängsten. Für die paar Jahre Wird wohl alles noch reichen. Das Brot im Kasten Und der Anzug im Schrank.
Sage nicht mein. Es ist dir alles geliehen. Lebe auf Zeit und sieh, Wie wenig du brauchst. Richte dich ein. Und halte den Koffer bereit.
Es ist wahr, was sie sagen: Was kommen muss, kommt. Geh dem Leid nicht entgegen. Und ist es da, Sieh ihm still ins Gesicht. Es ist vergänglich wie Glück.
Erwarte nichts. Und hüte besorgt dein Geheimnis. Auch der Bruder verrät, Geht es um dich oder ihn. Den eignen Schatten nimm Zum Weggefährten.
Feg deine Stube wohl. Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn. Flicke heiter den Zaun Und auch die Glocke am Tor. Die Wunde in dir halte wach Unter dem Dach im Einstweilen.
Zerreiß deine Pläne. Sei klug Und halte dich an Wunder. Sie sind lang schon verzeichnet Im großen Plan. Jage die Ängste fort Und die Angst vor den Ängsten.
Vielen Dank für das Interview liebe Jeanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Holger, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Eigentlich nicht sehr anders als vor der Pandemie. Aufstehen, mit dem Hund raus gehen, Kind versorgen und ab an den Computer. Das Schreiben von Theaterstücken und Drehbüchern ist ja an sich ein sehr einsamer Prozess, wo man sich schon unter „normalen“ Umständen vorkommt, als wäre man in Quarantäne. Die Tage verschwimmen und wenn man keine schulpflichtigen Kinder hätte, würde man überhaupt nicht mehr wissen, was für ein Tag eigentlich ist. Das ist jetzt auch so, mit dem Unterschied, dass meine Frau im Nebenraum sitzt und das gleiche erlebt. Was sich natürlich geändert hat, ist der Pegel an Hoffnung und Optimismus, dass das alles in absehbarer Zeit besser wird. Der geht nämlich immer weiter nach unten, an manchen Tagen hat man das Gefühl, dass man die Anzeige gar nicht mehr lesen kann.
Ich habe ja im November 2020 das SZENE Waldviertel Festival übernommen, das ab Herbst unter seinem neuen Namen „Tagträumer*innen – Theaterfestival für junges Publikum“ in mehreren Orten im Waldviertel Station machen wird. Und ich weiß noch, als ich im November zugesagt habe, das zu machen, dachte ich mir : Herbst 2021? Das geht sich sicher aus. Da sind wir alle geimpft und die Welt ist ein Ort voller rosa Wolken und wir tanzen alle in den Sonnenuntergang. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher und hoffe, dass wir bis zu unserem Start Ende August überhaupt spielen dürfen. Ein internationales Theaterfestival in diesen Zeiten zu planen, ist ungefähr so lustig, wie sich mit einer Käsereibe zu rasieren. Abgesehen davon, dass man sich nichts live anschauen kann und ein ganzes Festival aufgrund von Videomitschnitten und Hörensagen plant, macht einen das ständige „Wenn-Dann“ einfach fertig. Vor allem wenn man das zum ersten Mal macht, denn es ist nicht einfach, den Ausnahmefall zu planen, wenn man noch nicht mal weiß, wie der Regelfall funktioniert. Also ist der aktuelle Tagesablauf eine immer unberechenbarere Abfolge an Verzweiflung, Euphorie und dem Wunsch, sich zu betrinken (was für mich als Antialkoholiker besonders verwirrend ist) und den Momenten, wo man einfach auf der Couch sitzt und ins Leere starrt und hofft, dass Wunder passieren.
Holger Schober, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir miteinander lachen können. Wenn ich mit Frau, Kindern und Hund am Boden sitze und kichere, dann ist alles nicht mehr so schlimm. Dass wir uns gegenseitig spüren, dass wir wissen, dass wir für einander da sind. Dass wir den Mut nicht verlieren. Dass wir uns nicht zerfleischen. Dass wir lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Dass wir aufhören, kleinlich zu sein und das große Ganze sehen können. Dass wir Liebe zulassen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Ich kann es nicht mehr hören, wenn unser Bundeskanzler von einer „Rückkehr in die Normalität“ spricht. Es wird keine Rückkehr geben, die Pandemie hat unser aller Leben für immer nachhaltig verändert. Es wird an uns liegen, ob wir diese Veränderung annehmen, die richtigen Schlüsse daraus ziehen und statt der Rückkehr zu einer alten Normalität, die unseren Planeten mit 150 kmh gegen die Mauer gefahren hat, hin zu einer „neuen“ Normalität finden, die unser Spezies überleben lässt. Die Kunst kann dabei eine wesentliche Rolle spielen, weil es ihre Aufgabe ist, Fragen zu stellen, ohne dass sie Antworten liefern muss. Das Theater als Treffpunkt für Menschen, die etwas gemeinsam erleben möchten, die sich Emotionen hingeben möchten, die gemeinsam einer Erzählung lauschen möchten, die sie berührt, sie schüttelt und zum Glühen bringt, wird ein wesentlicher Faktor werden, zumindest theoretisch. Ich habe das Gefühl, dass in der Theaterszene sehr viel aufbricht, überall erheben sich Stimmen gegen patriarchale und diktatorische Strukturen, Menschen, die ausgebeutet werden, lernen NEIN zu sagen. Wenn das Theater so einem Selbstreinigungsprozess unterzogen wird, dann hat es vielleicht wieder die Möglichkeit, seiner ureigensten Aufgabe nachzukommen, nämlich gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren, zu benennen, an zu stoßen und Utopien zu entwickeln. Und bei allem, was rund um uns passiert, werden wir in den nächsten Jahren alles an Utopien brauchen, was wir kriegen können.
Was liest Du derzeit?
„Mein Bruder“ von Karin Smirnoff, das mir die schwedische Verwandtschaft ans Herz gelegt hat. Ein unfassbar starkes Buch, dass teilweise so weh tut, dass ich gar nicht weiß, ob ich es empfehlen soll.
„Außerirdisch – Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“ von Avi Loeb. Vielleicht unterbewusst ein eskapistischer Gedanke, ganz weit weg zu gehen, da es ja mit dem intelligenten Leben auf unserem Planeten gefühlt seit der Pandemie noch weiter bergab geht, als sonst.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien, denn dort passiert alles 50 Jahre später.“ Von Gustav Mahler- finde ich im Moment sehr tröstlich.
Und mein immerwährendes Lebensmotto, das, wie ich finde, jetzt gerade sehr gut passt: „Ich mache aus Scheiße Gold – oder umgekehrt.“
Vielen Dank für das Interview lieber Holger, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Buchprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Vielen Dank auch und alles Gute. Danke für diese tolle Interview-Reihe, ich lese sie mit sehr großer Begeisterung.
5 Fragen an KünstlerInnen:
Holger Schober_Schauspieler, Regisseur, Autor und Festivalleiter
Foto_Anna Stöcher
2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ein fester Tagesablauf gehört eigentlich zu den Dingen, die ich mir für später aufsparen wollte. Jetzt stehe ich aber mit erschreckender Regelmäßigkeit früh auf und mache dann erst mal Sport, um die folgenden Stunden am Schreibtisch gut zu überstehen. Je später es wird, desto enger rücken die Wände. Wenn am Nachmittag die Zimmerdecke schon fast den Schreibtisch berührt, fliehe ich nach draußen. Ich flaniere durch die Gegend und höre Hörbücher, weil man beim Lesen auf der Straße doch sehr leicht verunglückt.
Martin Knuth, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
„Jeder lebt in seiner eigenen Welt“ haben die Lassie Singers einst gesungen und denke, dass sie damit auch in Pandemiezeiten recht haben. Für manche hat sich fast nichts geändert, für andere alles. Natürlich hoffe ich, dass es in den kommenden Jahren nicht zu dem befürchteten kulturellen Kahlschlag kommen wird. Davon abgesehen stehen viele wahrscheinlich gerade vor der großen Herausforderung, jetzt nicht ihre im letzten Frühjahr geschriebenen Corona-Tagebücher oder gar den deutschsprachigen Corona-Roman zu veröffentlichen. Ich denke, dass wir damit noch ein paar Jahre warten sollten, denn das Thema ist einfach zu frisch und ausgenudelt zugleich.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur kann dabei helfen, der räumlichen und geistigen Enge zu entfliehen. Ob man eskapistische Literatur auch im Lockdown schreiben kann? Ich stelle mir gern vor, dass mein Zimmer ein Raumschiff, mein Schreibtisch die Steuerkonsole ist. So entsteht vielleicht keine Hochliteratur, aber vielleicht etwas, was uns in zukünftigen, klimabedingten Lockdowns auf andere Gedanken bringt.
Was liest Du derzeit?
Gerade lese ich „Schau mich an“ von Elif Shafak. Bisher geht es da um eine unheimlich dicke Frau, die während einer nicht enden wollenden Fahrt im Sammeltaxi davon träumt, eine Sahnetorte zu verdrücken. Für meinen Geschmack ein sehr guter Beginn. Außerdem lese ich immer mal wieder „A Swim in a Pond in the Rain“ von George Saunders.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die Gedankengänge, vor deren Abschluss wir stehen, dem Schriftsteller nur eine Forderung präsentieren, die Forderung nachzudenken, seine Stellung im Produktionsprozesse sich zu überlegen.“
Walter Benjamin: Der Autor als Produzent
Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Veronika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das ist eine Frage zu der ich gerne eine schöne Antwort hätte, die ich ehrlicherweise allerdings nicht bieten kann. Genauso wie mein emotionales Innenleben zur Zeit recht willkürlich erscheint (teils auch mir selbst), genieße ich diese Freiheit von äußeren Strukturen und gebe mir Raum, um intuitiv jeden Tag so zu gestalten wie er für mich authentisch in dem Moment Sinn macht. Die einzigen Konstanten sind wohl mein morgendlicher Kaffee mit Hafermilch, Lesen, mit Freunden Videocalls führen, Yoga, Meditieren und Improvisieren (Tanz).
Außerdem arbeite ich gerade an einem Solo (oder besser gesagt ein Duo mit einer Stehlampe) und versuche hier immer wieder regelmäßig Studiozeiten einzubauen.
Veronika Kulcsar, Tänzerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wohlwollen, Mitgefühl, Solidarität und Geduld. Obwohl ich im Tanz, in der Bewegung und auch in meinem Leben selbst eigentlich ein sehr energetischer, dynamischer und teils auch ungeduldiger Mensch bin, habe ich die Notwendigkeit einer geerdeten Ruhe in sich selbst zu finden, in den letzten Monaten sehr stark zu fühlen bekommen. In der immer schnelllebigeren Zeit sind wir als Gesellschaft, aber auch als Individuen (mich inkludiert) es nicht mehr gewohnt, dass manche Dinge länger Zeit brauchen und Hektik und Panik die Dauer der Zeit nicht verkürzen, sondern sie subjektiv vielleicht sogar länger erscheinen lassen. Deshalb ist eine gelassene Geduld wohl das beste was wir uns und den anderen Menschen tun können in dieser Zeit. 🙂
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?
Ich denke der Tanz und die Kunst generell sind sich der eigenen Rolle in der Gesellschaft und der auch damit verbundenen Aufgabe und Verantwortung nicht mehr ganz so bewusst. Kunst war gesellschaftlich und auch politisch oft sehr relevant und KünstlerInnen waren sich ihrer Kraft Menschen, Herzen und auch Meinungen zu bewegen bewusst. Leider scheint das kapitalistische System meiner Meinung nach auch die Kunst (und damit auch den Tanz) als ein weiteres Zahnrad in sich integriert zu haben und anstatt kritisch darüber reflektieren zu können sind wir KünstlerInnen zu sehr beschäftigt nicht in dem System unterzugehen und verlieren aber den tiefen Mehrwert, den wir der Gesellschaft bieten könnten. Ich selbst finde mich auch immer wieder mit diesem Problem des “Wollens” vs. “Könnens” konfrontiert und hoffe stark, dass KünstlerInnen und auch alle kunstbegeisterten Menschen die Kunst wieder mehr vom kapitalistischen Druck befreien können. Ein bedingungsloses Grundeinkommen oder andere finanzielle Absicherungen des Staates, was auch KünstlerInnen zu Gute kommen würde, könnten mögliche Wege dazu sein, um der Kunst ein Stück ihrer Freiheit und damit Mündigkeit wieder zu geben.
Was den Tanz angeht denke ich, er bietet etwas sehr Wertvolles um nicht nur durch diese Krise gehen zu können, sondern auch um danach die Erlebnisse zu integrieren und eventuelle “Wunden” oder Defizite die daraus entstanden sind in uns einzelnen Menschen heilen zu können. Bewegung und Tanz schaffen es uns ganz tief mit uns selbst und unserem Körper zu verbinden während wir gleichzeitig uns mit unserer Umgebung und anderen Menschen in einem gegenseitig voneinander beeinflussten System wahrnehmen können. Das gilt, meiner Meinung nach, bei der aktiven physischen Teilnahme an Tanzprozessen genauso wie bei der Teilnahme als Zuschauer oder Publikum.
Bewegung und Tanz als eine erweiterte nicht linguistische Form der Sprache und Kommunikation haben meiner Meinung nach ein sehr großes Potential und können Empathie in uns Menschen wachsen und blühen lassen. Sie sind ein Weg zurück zu der eigentlichen Bescheidenheit unserer individuellen Existenz.
Was liest Du derzeit?
Ich lese immer gern mehrere Bücher aus verschiedenen Genres parallel. Derzeit lese ich “The mind is flat” von Nick Chater, “Der Ego Tunnel” von Thomas Metzinger, “Emotionale Intelligenz” von Daniel Goleman, “Kafka on the shore” von Murakami und “Human Acts” von Han Kang.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“Is the body an extension of the environment or the environment an extension fo the body?” Xavier le Roy
Vielen Dank für das Interview liebe Veronika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!