„Ich stelle mir gern vor, dass mein Zimmer ein Raumschiff, mein Schreibtisch die Steuerkonsole ist“ Martin Knuth, Schriftsteller_Haßloch/D 1.5.2021

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ein fester Tagesablauf gehört eigentlich zu den Dingen, die ich mir für später aufsparen wollte. Jetzt stehe ich aber mit erschreckender Regelmäßigkeit früh auf und mache dann erst mal Sport, um die folgenden Stunden am Schreibtisch gut zu überstehen. Je später es wird, desto enger rücken die Wände. Wenn am Nachmittag die Zimmerdecke schon fast den Schreibtisch berührt, fliehe ich nach draußen. Ich flaniere durch die Gegend und höre Hörbücher, weil man beim Lesen auf der Straße doch sehr leicht verunglückt.

Martin Knuth, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„Jeder lebt in seiner eigenen Welt“ haben die Lassie Singers einst gesungen und denke, dass sie damit auch in Pandemiezeiten recht haben. Für manche hat sich fast nichts geändert, für andere alles. Natürlich hoffe ich, dass es in den kommenden Jahren nicht zu dem befürchteten kulturellen Kahlschlag kommen wird. Davon abgesehen stehen viele wahrscheinlich gerade vor der großen Herausforderung, jetzt nicht ihre im letzten Frühjahr geschriebenen Corona-Tagebücher oder gar den deutschsprachigen Corona-Roman zu veröffentlichen. Ich denke, dass wir damit noch ein paar Jahre warten sollten, denn das Thema ist einfach zu frisch und ausgenudelt zugleich.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur kann dabei helfen, der räumlichen und geistigen Enge zu entfliehen. Ob man eskapistische Literatur auch im Lockdown schreiben kann? Ich stelle mir gern vor, dass mein Zimmer ein Raumschiff, mein Schreibtisch die Steuerkonsole ist. So entsteht vielleicht keine Hochliteratur, aber vielleicht etwas, was uns in zukünftigen, klimabedingten Lockdowns auf andere Gedanken bringt.

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich „Schau mich an“ von Elif Shafak. Bisher geht es da um eine unheimlich dicke Frau, die während einer nicht enden wollenden Fahrt im Sammeltaxi davon träumt, eine Sahnetorte zu verdrücken. Für meinen Geschmack ein sehr guter Beginn. Außerdem lese ich immer mal wieder „A Swim in a Pond in the Rain“ von George Saunders.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die Gedankengänge, vor deren Abschluss wir stehen, dem Schriftsteller nur eine Forderung präsentieren, die Forderung nachzudenken, seine Stellung im Produktionsprozesse sich zu überlegen.“

Walter Benjamin: Der Autor als Produzent

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Knuth, Schriftsteller

„Zwischenhalt Erde“ von Martin Knuth: Buchtrailer – YouTube

Foto_privat.

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s