„Der Kunst ein Stück ihrer Freiheit und damit Mündigkeit zu geben“ Veronika Kulcsar, Tänzerin_Wien 1.5.2021

Liebe Veronika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist eine Frage zu der ich gerne eine schöne Antwort hätte, die ich ehrlicherweise allerdings nicht bieten kann. Genauso wie mein emotionales Innenleben zur Zeit recht willkürlich erscheint (teils auch mir selbst), genieße ich diese Freiheit von äußeren Strukturen und gebe mir Raum, um intuitiv jeden Tag so zu gestalten wie er für mich authentisch in dem Moment Sinn macht. Die einzigen Konstanten sind wohl mein morgendlicher Kaffee mit Hafermilch, Lesen, mit Freunden Videocalls führen, Yoga, Meditieren und Improvisieren (Tanz).

Außerdem arbeite ich gerade an einem Solo (oder besser gesagt ein Duo mit einer Stehlampe) und versuche hier immer wieder regelmäßig Studiozeiten einzubauen. 

Veronika Kulcsar, Tänzerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wohlwollen, Mitgefühl, Solidarität und Geduld. Obwohl ich im Tanz, in der Bewegung und auch in meinem Leben selbst eigentlich ein sehr energetischer, dynamischer und teils auch ungeduldiger Mensch bin, habe ich die Notwendigkeit einer geerdeten Ruhe in sich selbst zu finden, in den letzten Monaten sehr stark zu fühlen bekommen. In der immer schnelllebigeren Zeit sind wir als Gesellschaft, aber auch als Individuen (mich inkludiert) es nicht mehr gewohnt, dass manche Dinge länger Zeit brauchen und Hektik und Panik die Dauer der Zeit nicht verkürzen, sondern sie subjektiv vielleicht sogar länger erscheinen lassen. Deshalb ist eine gelassene Geduld wohl das beste was wir uns und den anderen Menschen tun können in dieser Zeit. 🙂

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Ich denke der Tanz und die Kunst generell sind sich der eigenen Rolle in der Gesellschaft und der auch damit verbundenen Aufgabe und Verantwortung nicht mehr ganz so bewusst. Kunst war gesellschaftlich und auch politisch oft sehr relevant und KünstlerInnen waren sich ihrer Kraft Menschen, Herzen und auch Meinungen zu bewegen bewusst. Leider scheint das kapitalistische System meiner Meinung nach auch die Kunst (und damit auch den Tanz) als ein weiteres Zahnrad in sich integriert zu haben und anstatt kritisch darüber reflektieren zu können sind wir KünstlerInnen zu sehr beschäftigt nicht in dem System unterzugehen und verlieren aber den tiefen Mehrwert, den wir der Gesellschaft bieten könnten.  Ich selbst finde mich auch immer wieder mit diesem Problem des “Wollens” vs. “Könnens” konfrontiert und hoffe stark, dass KünstlerInnen und auch alle kunstbegeisterten Menschen die Kunst wieder mehr vom kapitalistischen Druck befreien können. Ein bedingungsloses Grundeinkommen oder andere finanzielle Absicherungen des Staates, was auch KünstlerInnen zu Gute kommen würde, könnten mögliche Wege dazu sein, um der Kunst ein Stück ihrer Freiheit und damit Mündigkeit wieder zu geben.

Was den Tanz angeht denke ich, er bietet etwas sehr Wertvolles um nicht nur durch diese Krise gehen zu können, sondern auch um danach die Erlebnisse zu integrieren und eventuelle “Wunden” oder Defizite die daraus entstanden sind in uns einzelnen Menschen heilen zu können. Bewegung und Tanz schaffen es uns ganz tief mit uns selbst und unserem Körper zu verbinden während wir gleichzeitig uns mit unserer Umgebung und anderen Menschen in einem gegenseitig voneinander beeinflussten System wahrnehmen können. Das gilt, meiner Meinung nach, bei der aktiven physischen Teilnahme an Tanzprozessen genauso wie bei der Teilnahme als Zuschauer oder Publikum.

Bewegung und Tanz als eine erweiterte nicht linguistische Form der Sprache und Kommunikation haben meiner Meinung nach ein sehr großes Potential und können Empathie in uns Menschen wachsen und blühen lassen. Sie sind ein Weg zurück zu der eigentlichen Bescheidenheit unserer individuellen Existenz.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer gern mehrere Bücher aus verschiedenen Genres parallel. Derzeit lese ich “The mind is flat” von Nick Chater, “Der Ego Tunnel” von Thomas Metzinger, “Emotionale Intelligenz” von Daniel Goleman, “Kafka on the shore” von Murakami und “Human Acts” von Han Kang.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Is the body an extension of the environment or the environment an extension fo the body?” Xavier le Roy

Vielen Dank für das Interview liebe Veronika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Veronika Kulcsar, Tänzerin, Künstlerin

veronikakulcsar.com | -Art is not a thing; it is a way.-

Fotos_Veronika Kulcsar

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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