„Das entfesselte Jahrzehnt“ Sound und Geist der 70er, Jens Balzer. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

Es sind zwei ganz besondere Ereignisse in den USA, welche das Jahrzehnt der 1970er Jahre in großen Utopien und Optimismus fulminant beginnen lassen. Die Musik und das Weltall sind die Auslöser für das gemeinschaftliche Erwarten, Feiern und Erhoffen von Millionen Menschen, weit über das Land hinaus. Eine neue Zeit in Vision und ungeahnter Dimension des Lebens bricht für so viele an und lässt eine Generation durchstarten:  „flower power, make love not war“ und „one small step for a man, one giant leap for mankind“. Das Musikfestival in Woodstock 15.-18.August 1969. Die Mondlandung 21.Juli 1969, Apollo 11. So endet und beginnt ein Jahrzehnt, dass so viel an Aufbruch und Veränderung in allen Lebensbereichen in sich tragen wird. Im aktiven innovativen Geist einer Generation und vor allem auch einem sound, der Lebensgefühl und Ausdruck spiegelt, prägt und trägt…

Der Autor, Kolumnist und künstlerische Ideengeber, Initiator und Berater (etwa Donaufestival Krems) Jens Balzer, legt mit „Das entfesselte Jahrzehnt“  eine vieldimensionale Zeitreise in das Jahrzehnt der 1970er Jahre vor, die vor allem in ihren zahlreichen kulturellen Querverbindungen und Erläuterungen, Spannung und Information verbindet und so ein Lesevergnügen öffnet, das ganz besonders ist.

Der Autor setzt vier Schwerpunktkapitel, die mit Aufbruch, Veränderung, Bewusstseinsbildung und Ausblick zusammengefasst werden können. Dabei kommt der Musik von David Bowie, Disco bis zu Punk eine besondere Bedeutung und Beachtung zu aber auch den wesentlichen Veränderungen der Lebensverhältnisse in wissenschaftlicher Innovation (etwa Antibabypille),  medialer Ansprache (Fernsehen, Werbung) und schließlich beginnender Digitalisierung. Beachtlich ist auch wie dem Autor eine weltweite Zusammenschau von Kultur, Gesellschaft und Politik gelingt. Ebenso ist der gute Erzählstil hervorzuheben, der Geschichte und story einzigartig zu verbinden weiß.

„Ein Buch wie ein Rockkonzert, das ein Jahrzehnt fulminant auf eine spannende wie informative Bühne bringt und leicht mitschwingen wie auch kritisch Hintergründe und Ausblicke mitdenken lässt.“

„Das entfesselte Jahrzehnt“ Sound und Geist der 70er, Jens Balzer. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Walter Pobaschnig 7_19

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„Gotteskind“, John Wray. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

Sie ist achtzehn Jahre alt. Und jetzt ist eine Entscheidung getroffen. Aden Grace kommt mit dem genehmigten Visum für die große Reise nach Hause. Ihre Mutter ist im Bett, alle Bilder sind umgedreht. Es ist ein kurzes Gespräch. Eigentlich nur eine Mitteilung über die Abreise. Doch diese hat eigentlich schon früher hier begonnen. In diesem Haus. Bei Vater und Mutter und der Suche der Tochter nach sich selbst. Sie war allein. Hier und dort. Kann eine Reise das ändern? Die eigene Welt neu erschaffen?

Jetzt geht Aden zu ihrem Vater. Er ist Professor an der Universität Berkley, sein Fachgebiet sind Nahoststudien. Der Vater versucht mit ihr zu sprechen und ihre Bewegründe und vor allem die Gefahren dieser Reise zu bedenken. Doch auch er selbst wählte in jungen Jahren den Weg nach Kandahar, um seinen persönlichen Fragen nachzugehen und Erkenntnis zu gewinnen. Aden erinnert ihn daran und lässt sich nicht aufhalten…

Am Flughafen trifft sie Decker. Sein Weg führt nach Pakistan wie der von Aden auch. Beide haben Bücher im Gepäck, die an der Zollkontrolle kritisch hinterfragt werden. Es sei für ihre religiösen Studien, sagen sie. Sie dürfen nach längerem Argumentieren passieren und steigen in das Flugzeug. Aden will mehr über ihre Religion und über ihr Selbstbild erfahren, deswegen ist sie jetzt im Flugzeug. Lange hatte sie mit ihrem Freund über die Möglichkeiten vor Ort dazu, in Pakistan gesprochen. Sie hatte sich vorbereitet. Doch als sie am Flughafen ankommen und die Stadt betreten, öffnet sich eine Welt, in der die Schatten des Krieges schon wie Regen auf die dunkle Erde fallen. Und der Weg wird noch weiterführen. Weiter in das Unvorstellbare, das alles fordern wird…

Der Deutschlandfunk Preisträger des Ingeborg-Bachmann Literaturwettbewerbes 2017 in Klagenfurt, John Wray, zeichnet in „Gotteskind“ den Weg einer jungen Frau nach, die sich von Familie und Herkunft löst, um ihren religiösen Fragen nachzugehen und Erkenntnis über ihren Lebensweg zu gewinnen. Dem Autor gelingt es dabei sehr anschaulich einen jungen Menschen in Wille und Ambivalenz zu beschreiben wie auch die Erfahrungen und Reflexionen darzustellen, welche sich in dieser Suche ergeben. Es ist ein moderner kritischer Entwicklungsroman, der in Thema und Anspruch mutige zeitgeschichtliche Wege geht, die in Spannung und Interesse folgen lassen.

„Ein Buch, das in spannender Erzählung wesentliche zeitkritische Fragen nach Sinn und Tragik in der Wandlung von Lebensidealen öffnet.“

„Gotteskind“, John Wray. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Walter Pobaschnig 7_19                  

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Isolde Moser, „Bruder, komm zum Militär“ Aus den Tagebuchnotizen des k.k. Artilleristen Josef Sechterberger in der Zeit der Napoleonischen Kriege, Neuerscheinung Hermagoras Verlag.

 

Die Geschichte dieses Buches beginnt in der Kindheit der Autorin. Als die Mutter eine Schublade öffnet, kommt ein vergilbtes Heft mit geheimnisvollen handgeschriebenen Schriftzeichen zum Vorschein. Das Interesse des Kindes ist geweckt und begleitet, bis die Möglichkeit kommt, dieser besonderen Familiengeschichte nachzugehen. Hinein in eine Zeit europäischer Konflikte, Kriege, Friedenschlüsse und mannigfachen Aufbrüchen der Gesellschaft in neue Herausforderungen…

Die Kärntner Autorin, Isolde Moser, studierte Philosophin mit Schwerpunkten zu Biographien und Geschichte, legt mit den Militär Tagebuchnotizen ihres Urahns, des Artilleristen Josef Sechterberger, eine ganz besondere Zeitreise in die Epoche Napoleons und deren dramatischen Bewegungen in Krieg, Politik und Friedensperspektiven bzw. -hoffnungen vor.  Der Zeitraum, der im Tagebuch vermerkten Stationen des Artilleristen, umfasst die Jahre 1813-1823. Es beginnt also mit dem militärischen Ringen in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.-19.Oktober 1813, in dem Napoleon einer europäischen Allianz (Russland, Preußen, Österreich, Schweden, England) unterliegt. Am Schlachtfeld auch Josef Sechterberger, der unmittelbarer Akteur wie Augenzeuge ist. Weitere militärische Stationen folgen für den Artilleristen und an seinen Wegrouten werden wesentliche militärische Entwicklungen wie Lebensbedingungen und gesellschaftliche Prozesse der Zeit deutlich.

„Ein Militär-Tagebuch der Epoche Napoleons und deren europäischen Folgejahren, das in umfangreicher Zuordnung, Erklärung und Illustration zu einem eindrücklichen Panoptikum von Mensch, Zeit, Politik und Gesellschaft wird.“

Isolde Moser, „Bruder, komm zum Militär“ Aus den Tagebuchnotizen des k.k. Artilleristen Josef Sechterberger in der Zeit der Napoleonischen Kriege, Neuerscheinung Hermagoras Verlag.

Walter Pobaschnig 7_19

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Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

 

Commissario Brunetti hat Dienstschluss. Er blickt noch kurz aus dem Fenster, bevor er die Questura verlässt. Ein wolkenloser Himmel über Venedig. Einer dieser Tage und Abende, in denen der Glanz der Sonne im Wasser zu malen scheint und sich die Gondeln darin wie tanzende Sterne spiegeln. Er überlegt kurz über die Piazza San Marco zu gehen, aber das Wetter und die damit verbunden zu erwartenden Menschenaufläufe verbieten das. So steigt er in die öffentlichen Verkehrsmittel um zum Palazzo Falier zu gelangen. Sein Schwiegervater bat ihn um einen Termin…

Angekommen, erzählt ihm der Conte über seinen langjährigen Freund Gonzalo, der auch zur Familie gehört und ebenso dem Commissario und seiner Frau gut vertraut ist. Brunetti hat ihn selbst kürzlich getroffen und sein heller gewordenes Haar und auch der bemühte aber sichtbare der Gang des Alters fiel ihm auf. Und jetzt kommt der Conte auf den Punkt. Brunetti zieht die Augenbrauen hoch…

Der kinderlose Gonzalo wünsche sich jetzt eine Regelung für sein Erbe. Er wünsche sich einen Sohn und habe sich bereits über Adoptionen erkundigt. Und jetzt mache sich der Conte Sorgen. Doch seine Hilfe hat der Gonzalo abgelehnt. Darum dieses Gespräch mit seinem Commissario Schwiegersohn…

Brunetti ahnt, dass dies eine sehr heikle Angelegenheit ist, in der Interessen und Geld bald den Himmel über der Lagunenstadt verdunkeln könnten. Und er hat Recht. Es beginnt ein Sturm, in dem er nun Ruhe bewahren muss, um die schwankende Stadt und deren Familien wieder in sichere Häfen zu führen…

Die amerikanische Bestsellerautorin Donna Leon legt mit ihrem achtundzwanzigsten Fall für Commissario Brunetti eine spannende, abwechslungsreiche und wunderbar lebensweltliche Reise zu Familienwegen und Interessen vor, der Leserin und Leser gerne folgen.

„Ein Roman, der über die Macht des Sterbens und die Angst davor und noch viel mehr über das Leben in Traum, Erwartung und schwieriger Endlichkeit erzählt.“

Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

Walter Pobaschnig 7_19

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„Eine bejahende, freiheitsliebende Message“ Bachmannpreis 2019

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Abwechslungsreich, engagiert und spannend. So lassen sich die 43.Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt zusammenfassen. Dies trifft auf die Texte der 14 AutorInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz  – Martin Beyer, Ines Birkhan, Birgit Birnbacher, Yannic Han Boan Federer, Leander Fischer, Andrea Gerster, Daniel Heitzler, Julia Jost, Tom Kummer, Lukas Meschik, Ronya Othmann, Katharina Schultens, Silvia Tschui, Sarah Wipauer – wie auf die Jurydiskussionen (Jury – Hubert Winkels, Stefan Gmünder, Nora Gomringer, Klaus Kastberger, Hildegard Elisabeth Keller, Michael Wiederstein, Insa Wilke –  im Saal wie des Publikums danach zu. Es sind Texte, die im unterschiedlich bewerteten Anspruch von literarischer Konstruktion wesentliche Fragen an Mensch und Gesellschaft in Aufmerksamkeit, Kritik  und Utopie stellen.

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Der Ingeborg Bachmannpreis ging heuer, nach einer spannenden Stichwahl zwischen Birgit Birnbacher und Yannic Han Bao Federer, an die in Salzburg geborene und lebende Schriftstellerin und Soziologin Birgit Birnbacher. Ihr Text „Der Schrank“ verband hohe sprachliche mit kritischer sozialer Aufmerksamkeit. Die Jurorin Hildegard Elisabeth Keller, beim Literaturclub des Schweizer Fernsehens tätig, betonte, dass die soziale Frage nach der Reaktion des Individuums im „Wegbrechen von Arbeitsverhältnissen“ und den Prozessen neuer Identitätsfindung, etwa angesichts von „Zynismen: Neue Arbeit“, im Text thematisiert werde. Stefan Gmünder, Literaturredakteur bei „Der Standard“, hob hervor, dass das „reduziert werden auf eine Nummer im Text nicht plakativ ist“ sondern im „hier und jetzt“ passiert. Insgesamt sei der Text literarisch „äußerst fein gemacht.“ Klaus Kastberger, Professor für neuere deutschsprachige Literatur am Franz Nabl Institut der Stadt Graz und Leiter des Literaturhauses Graz, sprach davon, dass viel „Bachmann im Text steckt“, in literarischen Topoi (etwa Das Verschwinden, Romanende von Malina) und der Erzählstruktur „puren Alltagsleben in Leichtheit und Verspieltheit und doch Dringlichkeit“. Michael Wiederstein, Chefredakteur des Schweizer Literaturmagazins Literarischer Monat/Schweizer Monat, betonte die „Empathie für eigene Figuren und den Humor – etwa bei Berlacovic (Erzählfigur, Anm.)“, das ist „großartig.“

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Im Interview nach der Preisverleihung wies die Bachmannpreisträgerin darauf hin, dass es „für uns Autorinnen und Autoren eine Verpflichtung ist, bestimmte Missstände in der Gesellschaft nicht auszusparen. Mein Text handelt von der Erosion der sozialen Mitte. Es war mir sehr, sehr wichtig dies zu zeigen.“ Ebenso sei aber die Referenz auf Samuel Beckett am Ende wesentlich, „das Singen als große Freiheitslust“. Denn am Ende sollte „eine bejahende, freiheitsliebende message“ stehen.

Grundsätzlich werde in der modernen Gegenwartsliteratur um „Inhalte gerungen“, dies zeigten für sie auch eindringlich „die Texte wie die Jurydiskussionen in Klagenfurt.“

 

Marie-Luise Mathiaschitz, Bürgermeisterin der Stadt Klagenfurt, welche den Ingeborg Bachmann Hauptpreis in Höhe von 25 000EUR zur Verfügung stellt, hob hervor, dass „moderne Literatur immer Reflexion unserer Gesellschaft ist und diese verschiedenen Blickwinkel sind wichtig, um Gesellschaft mitgestalten zu können.“ Der Landeshauptmann von Kärnten, Peter Kaiser, wies darauf hin, dass es gesellschaftliche „Aufgabe der Kultur an sich ist, im Besonderen aber auch der Literatur, autokratischen Formen entgegenzuwirken.“

Hubert Winkels, Juryvorsitzender und Literaturredakteur des Deutschlandfunk, betonte die „Reflexionskraft von Literatur“, die in allen Lebensbereichen, besonders aber auch in gesellschaftspolitischen Herausforderungen wichtig ist.

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Weitere PreisträgerInnen sind: Leander Fischer – Deutschlandfunk Preis, Ronya Othmann – Publikumspreisträgerin BKS Preis, Julia Jost – Kelag Preisträgerin, Yannic Han Biao Federer – 3sat Preis.

Herzliche Gratulation den PreisträgerInnen und Dank an die Veranstaltungsleitung/Unterstützung von ORF, 3sat, Stadt Klagenfurt und Land Kärnten!

Der Ingeborg Bachmannpreis wird seit 1977 in Klagenfurt vergeben. Der erste Preisträger war Gert Jonke. Der renommierte Literaturwettbewerb ist einer der wesentlichen Treffpunkte der Präsentation und Diskussion moderner deutschsprachiger Gegenwartsliteratur.

 

Walter Pobaschnig, 3.7.2019

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