50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

im Interview _ Andrea Grill, Schriftstellerin _ Wien
Bachmannpreisnominierte 2007
Liebe Andrea, Du hast 2007 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Dass sich der Juryvorsitzende lustig gemacht hat über mich, weil ich damals an Eichhörnchen geforscht habe. Beziehungsweise, wahrscheinlich hat er meine wissenschaftliche Arbeit bewundert. „Ich würde mit Frau Grill gerne über Eichhörnchen sprechen, lieber als über Texte.“ Die Hauptfigur meines Textes „Freunde“ war eine Person, die wir heute „queer“ nennen würden. Ein anderes Jurymitglied machte Witze darüber, dass die Figur die Handschuhe seiner/ihrer Mutter anzog. Die wären ihr dann doch viel zu klein. Und außerdem, darüber dass er/sie ein Käsebrot aß am Nachmittag. „Warum denn keine Leberkässemmel? Man wisse nie, wer spreche, wurde dem Text zu Last gelegt, und auch, dass nicht klar sei, ob die Hauptfigur ein Mann oder eine Frau sei.“ Ich erinnere mich spontan an eine undifferenzierte Diskussion. Daniela Strigl hatte mich eingeladen und stand ganz hinter dem Text. Doch das nützte irgendwie nichts. Manchen aus der Jury hat das nach der Diskussion leid getan. Allerdings kam es nie zu erhellenden Gesprächen, auf die ich im Vorfeld gehofft hatte, denn ich war völlig neu in der Literaturszene.
Manche Schriftstellerkolleginnen weinten nach ihrem Auftritt und den Kommentaren der Jury.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Dass er nach Ingeborg Bachmann benannt ist. Deswegen habe ich damals mitgemacht, als mir der Verlag, bei dem ich mein erstes Buch veröffentlich hatte, vorschlug, doch einen Text einzureichen. Weil ich seit meiner Kindheit begeisterte Bachmann-Leserin war, vor allem der Gedichte. Dass der Wettbewerb im Fernsehen live übertragen wird, ist auch etwas Besonderes. Oder war es zumindest. Inzwischen gibt es so viele Live-Streams von allem Möglichen, auch von Literaturlesungen, dass sich das verändert hat. Immer noch bekommt der Bachmannwettbewerb sehr viel Aufmerksamkeit, außergewöhnlich viel für eine Literaturveranstaltung. Eine andere Besonderheit ist, dass unveröffentlichte Texte einem enorm großen Publikum vorgestellt werden. Dass deine literarische Karriere – zumindest war das einmal so – gesichert ist, wenn du ihn gewinnst.
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Schlimm. Siehe oben. Ich musste mich wochenlang davon erholen.
Es war hart. Die Jury mochte den/die ungreifbare Protagonistin/en nicht. Das schmerzte mich. So geht es also Menschen, die so sind wie meine Figur, die müssen mit starken Ressentiments umgehen. Sogar wenn sie eine literarische Erfindung sind.
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deine literarische Öffentlichkeit wie Deinen weiteren persönlichen literarischen Weg, Deinen Schreibstil, ausgewirkt?
Ich habe mich danach richtig dafür entschieden, Schriftstellerin zu werden. und beim Schreiben nur auf mich zu hören. Das zu schreiben, was ich will. Es war wie eine Impfung. Ich wurde immun gegen Kritik unter der Gürtellinie und misogyne Bemerkungen – soweit ich da eine Immunität erreichen kann.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Seit ich teilgenommen habe, hat sich viel zum Besseren gewandelt. Es gibt mehr Wertschätzung in den Diskussionen. Die Jury ist auch diverser geworden. Das Ausgestelltsein von Autor:innen, wie die Kamera dann darauf wartet, wer eine Träne vergießt, wenn die Abstimmung doch gegen ihn oder sie ausgeht, das empfinde ich allerdings sowieso irgendwie als unpassend. Vielleicht sollte so ein Bewerb von Grund auf neu gedacht werden. Irgendwie lockerer werden.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Den Teilnehmer:innen wünsche ich gute Nerven und dass sie oft im See schwimmen gehen können. Der Jury, dass sie die Lesenden so behandeln, wie sie behandelt werden wollen würden, wenn sie einen literarischen Text geschrieben hätten und dort vorlesen würden.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person: Andrea Grill lebt als Dichterin und Schriftstellerin in Wien und Amsterdam, sie ist promovierte Evolutionsbiologin und übersetzt aus dem Albanischen und Italienischen. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane, Lyrikbände, Erzählungen, Essays und Kinderbücher, zuletzt erschienen »Bio-Diversi-Was? Reise in die fantastische Welt der Artenvielfalt« (Leykam 2023) und »Seepferdchen« (Naturkunden Matthes & Seitz 2023). Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis und dem Anton-Wildgans-Preis, ihr Roman »Cherubino« (Zsolnay 2019) war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Andrea Grill – Unsere Leykam Buchverlag Autor*innen 18.6.26

Bachmannpreis/ORF Studio Klagenfurt
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.


Foto: Andrea Grill _ Minitta Kandlbauer
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt-Wörthersee_ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 18.6.2026