„Wovon Schwalben träumen“ Daniela Meisel. Roman. Neuerscheinung Picus Verlag.

 

Und jetzt stehen sie wieder hier am Baum. Hier begann es vor zwei Jahren. Viel passiert dazwischen. Zwischen Ihnen. Und jetzt der Heiratsantrag. Eigentlich alles perfekt. Doch da ist plötzlich diese Frage bei ihr: Wer bin ich? Und wer werde, könnte ich an seiner Seite sein? Die Worte fehlen ihr. Ein Taxi bringt sie nach Hause. Sie geht in die Wohnung der verstorbenen Großmutter – „Deine Wohnung ist ein Platz zum Atmen…Niemand sucht mich in der Wohnung einer Toten“. Und jetzt beginnt der Weg. Das Bild der Großmutter auf den Knien. Der Weg mit dem Abschied und ihrem Aufbruch – „Ich sitze im Wohnzimmer und alles flüstert deine Geschichte…“. Der Habicht am Fenster des Geburtszimmers, der Vater, der keiner sein konnte, die Tränen der Mutter, die Wiesen der Kindheit, die Jahre der Schule, der Krieg, der Hass, die Gewalt, das Verschwinden, der Tod und das Schweigen, Paul – Wer bin ich? Wie kann es weitergehen? – Der Weg der Großmutter. „…du bist deine Tage so selbstbestimmt angegangen. Wie ist dir das damals gelungen? Ihr Leben und mein Leben. Erinnern und mich wiederfinden. Der Weg beginnt – „Der Staub löst sich und die Teilchen wirbeln ins Blau…“.

Die studierte Biologin, Schriftstellerin und Schreibpädagogin, Daniel Meisel, die für ihre bisherigen Romane und Kinderbücher zahlreiche Auszeichnungen erhielt, legt mit „Wovon Schwalben träumen“ einen fulminanten Erzählbogen sprachlicher wie psychologischer Raffinesse vor, der moderne Fragen von Identität und Lebensentscheidung in einen mitreißenden Dialog mit familienhistorischer wie zeitgeschichtlicher Perspektiventiefe setzt. Eine Selbstsuche im familiären Kontext, in der es die Autorin beeindruckend schafft, die Bedeutung von Erzählung und Geschichte als wesentliche Schlüssel für Selbstverständnis und Selbstbewusstsein zu öffnen.

„Ein Roman, der existentielle wie historisch-kritische Reflexion mit poetischer Sprachkraft verbindet und in Spannung und Anspruch fesselt.“

„Wovon Schwalben träumen“ Daniela Meisel. Roman. Neuerscheinung Picus Verlag.

Walter Pobaschnig 8_18

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„Tokyo Fragmente“ Leopold Federmair. Neuerscheinung Otto Müller Verlag.

„Beschreiben wird bei Federmair immer zum Schreiben, zum sprachlichen Flanieren in und zu vielfältigen Bezügen von Gesellschaft, Kultur, Geschichte.“

 

„Tokyo Fragmente“ Leopold Federmair. Neuerscheinung Otto Müller Verlag.

Jemand kommt in einer Stadt an. Es gibt einen Ausgangspunkt und bald mehrere Anhaltspunkte. Ja, ganz unmittelbar. Gehen, stehenbleiben, gehen, stehenbleiben und so fort. Die Wege, Orte werden verbunden und vertraut. Das Wort „Ankommen“ nimmt in den Ortswiederholungen, die Aufmerksamkeit erzeugen, Form an. Um mehr von der Stadt erfahren zu wollen, gilt es, von diesen ersten Schrittfolgen und -linien dann nach und nach weg zu springen. In das Neue, das Unbekannte. Das ist schwerer als es scheint – sich in einer Stadt „verirren“ zu wollen. Wenn es gelingt, lohnt es. Vielerseits. Die Umwege werden zu Erfahrungen, Erkenntnissen, Richtungen oder zu Fallen. All das passiert. Eine Stadt erzählt vom Leben.

Der österreichische Schriftsteller Leopold Federmair, der seit 16 Jahren in Japan lebt und derzeit auch an der Universität Hiroshima unterrichtet, versteht viel vom „Verirren“ in der Großstadt – „Diese Kunst, wenn es eine ist, braucht vor allem Aufmerksamkeit, eine bestimmte Art davon, und ein Gespür, das erst mit der Zeit, mit den Jahren, mit den Wiederholungen kommt…“ – so beschreibt der Autor im Vorwort den Ausgangspunkt des vorliegenden Schreibprojektes, welches zeitlich 2011 in Tokyo begann und „zur Überraschung…im Lauf der Zeit zu einer geschlosseneren Form“ führte. Die Wege der Stadt rundeten sich im Wort und „die Erzählung begann, sich auf ihr Ende hinzuschreiben“.

Die Erzählung „Tokyo Fragmente“ selbst ist eine beeindruckende Reise der Aufmerksamkeit in Herz und Seele Tokyos. Federmair flaniert entlang von Wolkenkratzern und winzigen Stehlokalen (Udon), Shinto-Schreinen und Bahnhöfen, Cafes und Kinos. Die beschreibende Beobachtung von Ort, Mensch und Situation ist dabei immer eine sprachlich pointierte, die fast unbemerkt in eine ebenso markant auf den Punkt gebrachte Reflexion übergeht. Beschreiben wird bei Federmair immer zum Schreiben, zum sprachlichen Flanieren in und zu vielfältigen Bezügen von Gesellschaft, Kultur, Geschichte. Wie der Autor diese wunderbare Verbindung schafft, ist sein Geheimnis aber er in jedem Fall ist er ein Zauberer dabei und versteht viel vom Kunststück des Erzählens im besonderen Verirren in Stadt und Sprache.

 

Walter Pobaschnig 8_18

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„Königin der Berge“ Daniel Wisser. Roman. Neuerscheinung Jung und Jung Verlag.

 

„Königin der Berge“ Daniel Wisser. Roman. Neuerscheinung Jung und Jung Verlag.

Es geht um Leben und Tod. So viel steht fest. Für alle hier. Die, die näher und ausweglos am schwindenden Leben sind und die, die wieder gehen können, wenn die Arbeit zu Ende ist. Doch zu Ende ist für alle hier nichts. Dafür sorgen die Tage und Nächte der Menschen, die hier unterwegs ins Irgendwo sind und dabei still warten oder laut auftreten…

Herr Turin, mit Betonung auf der ersten Silbe, gehört zu Letzteren. Und er weiß was er will. Er will seine Whiskey Flasche im Nachtkästchen, in der Cafeteria des Heimes einen Wein trinken, seine erotischen Phantasien verbal und handgreiflich seiner Mitwelt schamlos entgegenschleudern – und er will in die Schweiz. Er will sich dort den Tod holen, jetzt in seiner ausweglosen Krankheit und seinen fünfundvierzig Jahren. Das will er, und keine Spaziergänge im Garten. Er hasst die umgebende Natur wie seinen mehr und mehr hilflos werdenden Körper. Sein Humor ist ein Galgenhumor, der keine Empathie kennt und der wohl sein letzter Schutz vor dem großen Schmerz in ihm selbst ist. Dem Schmerz des Verlassenseins und Verlassenwerdens, den er tief als Wunde im Leben und Sterben zu tragen und zu ertragen sucht…

Der in Klagenfurt geborene und in Wien lebende Schriftsteller und Musiker, Daniel Wisser, legt mit „Königin der Berge“ einen Roman am Puls der Zeit vor, der die großen aber stillen Themen moderner Gesellschaft – Einsamkeit und Hilflosigkeit angesichts der Kontingenz des Lebens – in direkter, authentischer und mitreißender Erzählform aufnimmt. Wisser schafft es in beeindruckend spielerischem Sprachstil (Narration, Dialog) das persönliche Ringen mit Krankheit zwischen innerer Zerrissenheit und vorgeschobenem Schutzschild täglicher Masken des überzogenen Selbstbewusstseins eindringlich, bis zur Lese-Gänsehaut, darzustellen.

„Ein Roman, der sicherlich einer der bemerkenswertesten Entdeckungen des Jahres ist.“

Daniel Wisser, Königin der Berge. Roman. Jung und Jung Verlag.

 

Walter Pobaschnig, Wien 8_2018

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Fotos: Cover _ Jung und Jung Verlag; Motiv _ Walter Pobaschnig.

 

 

„Ein Geschäft mit Träumen – Ingeborg Bachmann“ Begeisternde österreichische Erstaufführung am Heunburgtheater_Kärnten 28.7.2018

Geschäft mit Träumen - 1

„Ein Geschäft mit Träumen – Ingeborg Bachmann“ Begeisternde österreichische Erstaufführung am Heunburgtheater_Kärnten

Das Bühnenbild drückt es auf den ersten Blick wunderbar aus: mein Leben hat einen doppelten Boden. Es gibt ein oben und unten. Da sind der Beruf, die Schreibmaschine und das Telefon auf schwerem Mobiliar und darunter ist ein leerer Raum ohne fixe Einrichtung, den ich alleine betrete. Da geht es um meine Träume und Wünsche. Und natürlich meine Zeit dazu. Oder eben nicht. Wie weit wage ich mich nun persönlich auf meiner Lebensbühne vor? Wie viel Zeit habe, gebe ich?

Regisseur und Intendant Andreas Ickelsheimer bringt mit der österreichischen Erstaufführung von Ingeborg Bachmanns „Ein Geschäft mit Träumen“ eine fulminante Selbst- und Zeitreflexion der Moderne auf die Bühne des einzigartigen Heunburgtheaters in Kärnten.

Beeindruckend ist zunächst der Theaterraum selbst, der, in eine imposante Burgruine gebaut, per se selbst schon Fragen an Dauer und Vergänglichkeit in Geschichte und Wahrheit stellt und so eine kritische Kulisse wie Symbolik für Mensch- und Weltbild ist. Das Bühnenbild wie Lichtdesign, -technik und Musik nehmen nun wunderbar diese vorgegebene Topographie als tragenden Rahmen in Thema und Aussage des Stückes auf. Leben, Wünsche, Träume im rasenden Anspruch der Zeit zwischen (Wolken)Burg wie Licht und Dunkel vergänglichen Seins und Steins.

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Die Inszenierung setzt die existentielle Fragestellung Bachmanns nach Mensch, Welt und Wahrheit in psychoanalytischer und gesellschaftskritischer Perspektive im eindringlich dramatischen Szenenwechsel um und lässt das Publikum differenziertem Schauspiel auf höchstem Niveau folgen. Amrei Baumgartl und Martin Mak setzen als Anna und Laurenz eine sprachliche wie körperliche Präsenz in den Raum, die in szenischer Variation und Präzession fesselt wie erstaunt. Eine solch emotionale Dichte der Darstellung in Wort und Bewegung, auch hervorragendes Kostümbild wie Tanzästhetik von Amrei Baumgartl, im Dialog mit dem aussagekräftigen wie reduzierten Bühnenkontext ist im deutschen Sprachraum sehr selten zu sehen. Baumgartl und Mak zaubern hier und treffen Bachmann pointiert ins Herz. Ebenso spielen Sandra Pascal und Peter Beck wunderbar hintergründig und geben der Dramatik sehr ausdrucksstarke treffende Konturen.

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„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, formulierte die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in der Dankesrede für den Hörspielpreis in Bonn 1959. Diesen bekam sie auch für ihr 1952 veröffentlichtes Hörspiel „Ein Geschäft mit Träumen“. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung befindet sich die berufstätige Schriftstellerin selbst in der Spannung von Lebenswegoptionen. Im Stück über den Büroangestellten Laurenz und dessen Lebenskonturen reflektiert sie dies. Die psychoanalytische Perspektive im Seelenmodell von Wunschanspruch und Kompromiss wird dabei schon sichtbar und im späteren Roman „Malina“ expliziter. Die Wahrheit über die und meine Lebenszeit ist eine tägliche Aufgabe – „Ich fürchte, ich habe nicht so viel Zeit. Ich werde nicht einmal Zeit für den kleinen Traum haben…“, sagt Laurenz.

Das Heunburgtheater lädt in diesem Sommer in wunderbarem Spiel wie Ort ein, Räumen und Träumen des Lebens wieder nahe zu kommen.

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„Ein Geschäft mit Träumen – Ingeborg Bachmann“

Heunburg Theater, 9111 Haimburg

 

Regie – Andreas Ickelsheimer

Laurenz – Martin Mak

Anna – Amrei Baumgartl

Geschäftsführer – Peter Beck

Verkäufer – Sandra Pascal

 

Bühne – Elias Molitschnig

Lichtdesign – Hanno Kautz

Lichttechnik – Bernd Zadow

Musik – Manfred Plessl

Produktionsleitung – Claudia Lange

Weitere Vorstellungen: 02./04. August, 10./11./12./15./16./17. August     http://www.heunburgtheater.at/web/terminuebersicht/

Walter Pobaschnig, Wien 28.7.2018

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Alle Fotos: Walter Pobaschnig

„Rudi Dutschke – Die Biographie“ Ulrich Chaussy. Neuerscheinung Droemer Verlag.

„Eine Biographie, die im fundierten dokumentarischen Anspruch und Bericht wie im mitreißenden Erzählstil ein Maßstab ist, der lange gültig sein wird.“

Gesamte Rezension – bitte hier klicken:

Rudi Dutschke_Die Biographie _ Ulrich Chaussy _ Droemer Verlag _ bEsprechung Walter Pobaschnig 5_18

Foto: Droemer Verlag.

„Karantanien – Slawisches Fürstentum und bairische Grafschaft“ Paul Gleirscher. Neuerscheinung Hermagoras Verlag.

„Geschichte als unmittelbares regionales Erlebnisabenteuer wie spannende Zeitreise zu den kulturgeschichtlichen Wurzeln der Gegenwart.“

Gesamte Rezension – bitte hier klicken:

Karantanien_Paul Gleirscher _Hermagoras Verlag _ Besprechung _ Walter Pobaschnig

 

 

„Drei Wege zum See oder eine andere Stadt“ Hgb.Karsten Krampitz. Neuerscheinung Drava Verlag.

„Die Schriftstellergeneration der Gegenwart auf den Spuren einer Stadt, die wesentlich von Kultur und Sprache inspiriert und darauf gebaut ist“

Gesamte Besprechung – bitte hier klicken:

Drei Wege zum See oder eine andere Stadt_Drava Verlag _ Besprechung Walter Pobaschnig 5_18