„Tokyo Fragmente“ Leopold Federmair. Neuerscheinung Otto Müller Verlag.

„Beschreiben wird bei Federmair immer zum Schreiben, zum sprachlichen Flanieren in und zu vielfältigen Bezügen von Gesellschaft, Kultur, Geschichte.“

 

„Tokyo Fragmente“ Leopold Federmair. Neuerscheinung Otto Müller Verlag.

Jemand kommt in einer Stadt an. Es gibt einen Ausgangspunkt und bald mehrere Anhaltspunkte. Ja, ganz unmittelbar. Gehen, stehenbleiben, gehen, stehenbleiben und so fort. Die Wege, Orte werden verbunden und vertraut. Das Wort „Ankommen“ nimmt in den Ortswiederholungen, die Aufmerksamkeit erzeugen, Form an. Um mehr von der Stadt erfahren zu wollen, gilt es, von diesen ersten Schrittfolgen und -linien dann nach und nach weg zu springen. In das Neue, das Unbekannte. Das ist schwerer als es scheint – sich in einer Stadt „verirren“ zu wollen. Wenn es gelingt, lohnt es. Vielerseits. Die Umwege werden zu Erfahrungen, Erkenntnissen, Richtungen oder zu Fallen. All das passiert. Eine Stadt erzählt vom Leben.

Der österreichische Schriftsteller Leopold Federmair, der seit 16 Jahren in Japan lebt und derzeit auch an der Universität Hiroshima unterrichtet, versteht viel vom „Verirren“ in der Großstadt – „Diese Kunst, wenn es eine ist, braucht vor allem Aufmerksamkeit, eine bestimmte Art davon, und ein Gespür, das erst mit der Zeit, mit den Jahren, mit den Wiederholungen kommt…“ – so beschreibt der Autor im Vorwort den Ausgangspunkt des vorliegenden Schreibprojektes, welches zeitlich 2011 in Tokyo begann und „zur Überraschung…im Lauf der Zeit zu einer geschlosseneren Form“ führte. Die Wege der Stadt rundeten sich im Wort und „die Erzählung begann, sich auf ihr Ende hinzuschreiben“.

Die Erzählung „Tokyo Fragmente“ selbst ist eine beeindruckende Reise der Aufmerksamkeit in Herz und Seele Tokyos. Federmair flaniert entlang von Wolkenkratzern und winzigen Stehlokalen (Udon), Shinto-Schreinen und Bahnhöfen, Cafes und Kinos. Die beschreibende Beobachtung von Ort, Mensch und Situation ist dabei immer eine sprachlich pointierte, die fast unbemerkt in eine ebenso markant auf den Punkt gebrachte Reflexion übergeht. Beschreiben wird bei Federmair immer zum Schreiben, zum sprachlichen Flanieren in und zu vielfältigen Bezügen von Gesellschaft, Kultur, Geschichte. Wie der Autor diese wunderbare Verbindung schafft, ist sein Geheimnis aber er in jedem Fall ist er ein Zauberer dabei und versteht viel vom Kunststück des Erzählens im besonderen Verirren in Stadt und Sprache.

 

Walter Pobaschnig 8_18

https://literaturoutdoors.com/

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