Anmerkung: Dass es deutsche Bezeichnungen für ukrainische Orte gibt, unterstreicht noch einmal die historische Verflechtung und Verantwortung Deutschlands zur Solidarität mit der Ukraine
Liebe Lydia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Geweckt werde ich manchmal vom Vogelbesuch auf meinem Balkon noch bevor der Wecker klingelt. Die erste Tageshälfte verbringe ich im Büro oder im Home-Office, ich arbeite in einem Verlag für Bildungsmedien, nachmittags beantworte ich Mails und erledige Allfälliges. Die verbleibende Zeit verbringe ich ganz unterschiedlich, ich bin auch sehr spontan, aber ein bisschen Sport gehört genauso dazu wie das Musizieren und Malen. In der richtigen Stimmung zum Schreiben bin ich dann meist erst am Abend.
Lydia Steinbacher, Schriftstellerin, Redakteurin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Öfter sich selbst misstrauen, die eigenen Ziele und Motive nicht unhinterfragt lassen. Ich meine, so fällt es auch leichter, nicht vorschnell über andere zu urteilen. Genauso wichtig wie die Selbstreflexion ist das Zuhören, der Versuch, sich wirklich auf das Gegenüber einzulassen und offen zu bleiben für abweichende Vorstellungen, was nicht bedeutet, dass eigene Ansichten zu verhehlen wären. Aber manchmal habe ich das Gefühl, es geht in Gesprächen nur darum, wer das letzte Wort hat.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich, zu?
Die bevorstehenden Zeiten werden uns herausfordern, die Angst vor Verlust geht um. In letzter Zeit habe ich mich viel mit dem gedächtnisbildenden Potenzial von Literatur beschäftigt, aber das ist nur eine ihrer vielen möglichen Funktionen. Sie kann auch eine Art magischer Spiegel sein, ein Portal zu anderen Welten, dann wieder ein Zerrbild der eigenen. Auf jeden Fall wird die Kunst den gesellschaftlichen Wandel kritisch begleiten, wie sie es immer tut, wenn sie nicht gewaltsam zum Schweigen gebracht wird.
Was liest Du derzeit?
„Der Zauberberg“ von Thomas Mann und „Eine blassblaue Frauenschrift“ von Franz Werfel, als nächstes möchte ich Erzählungen von James Tiptree Jr. lesen, die mir ein Freund empfohlen hat. Dazwischen lese ich auch gern Gedichte, hin und wieder lerne ich eines auswendig, das ist ein bisschen aus der Zeit gefallen, ich weiß.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Der hasst, ist fremder, als der gehasst wird, und die Fremdesten sind, die sich am meisten zu Hause fühlen! – Ilse Aichinger, Die größere Hoffnung
Vielen Dank für das Interview liebe Lydia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Lydia Steinbacher, Schriftstellerin, Redakteurin
Foto_Helmut Steinbacher.
7.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Da ist die Stadt und da ihr Müllplatz. Hier wird alles getrennt. Das Gewesene kommt in Wanne da und Wanne dort. Alles nummeriert bis in die 30er. Hier endet alles. Müll und Mist. Leben und Tod.
Und mittendrin der Udo. Der Wiener Charmeur. Mit seinem Spruch. Das macht es aus. Tod und Liebe sind sehr nah. Und wo etwas weggeworfen wird, kannst du auch etwas mitnehmen. Leben oder Liebe, oder?
Jetzt ist es ein Knie. Auch weggeworfen. Und weitere Teile finden sich…
Mord. Das Puzzle beginnt jetzt. Und mittendrin auch der Brenner. Denn der arbeitet auch da. Am Mistplatz.
Und jetzt beginnt die Reise, das Riesenrad von Leben und Tod dreht sich, schnell und abgründig…immer weiter…zwischen Müll und Leben, Leben und Müll…Abgrund und Tod…und Brenner hängt dran…
Der Wiener Kultautor Wolf Haas setzt seine legendäre Brenner_Reihe fort und beschenkt damit Fans wie Leseneugierige mit Spannung wie Witz im atemberaubenden Sprachtempo. Haas versteht es einmalig Leserinnen und Leser in faszinierend scherenschnittartigen Charakter- und Situationsbeschreibungen in Licht und Schatten, Leben und Abgrund der Welt mitzunehmen bis zum großartigen Finale.
„Atemberaubende Sprachrasanz und schwarzer Humor – besser geht es nicht!“
Lieber Jochen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Morgens vier, fünf Mal auf den Wecker schlagen. Auf der Matratze in alle Himmelsrichtungen dehnen und dabei versuchen, zu mir kommen. Beobachten, wie nach und nach die Sonne durch die Rollladenritzen ins Zimmer scheint. Dabei allerhand Gedanken sortieren, und die älter werdenden Knochen eben gleich mit.
Zeitung lesen, Müsli essen, dem Schreibtisch ‚Hallo‘ sagen. Mails beantworten, und dabei ins kreative Schreiben reinkommen.
Zwischen 13 und 14 Uhr mit Knoblauch, Auberginen, Olivenöl, Kurkuma, Koriander & Co das ganze aufgestaute Fernweh stillen. Und zugleich den Hunger meiner Töchter. Anschließend Siesta in der Sonne oder in der Waagrechten. Zwischen 16 und 18 Uhr: Schreiben!
Abends (wechselweise) Bandprobe, schwimmen, spazieren, Bäume bestaunen und möglichst viel Wind in die Taschen stecken.
Jochen Weeber, Schriftsteller, Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht vergessen, ein Lächeln aufzusetzen. Auch und vor allem in der Begegnung mit anderen. Beim Tragen von Masken versuchen, das irgendwie mit den Augen hinzukriegen (Vorsicht, nicht wie ein Idiot zwinkern!). Fragen, wie es anderen geht. Hilfe anbieten. Wenn man selbst genug hat: Geld an Menschen spenden, die bedürftig sind. Und vor allem: Lesen! Die eigene Mama anrufen! Oder die Mama von jemand anderem anrufen! Oder die Telefonseelsorge! Oder alle drei! Und so oft es geht: Spaghetti aglio e oglio essen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Als Autor gilt es für mich immer auszuloten, wo es eine Schnittmenge gibt von aktuell wichtigen Ereignissen oder Diskursen und meinem eigenen emotionalen Kompass. Spüre ich, dass ein Thema unbedingt raus will, gibt es dazu früher oder später einen Text. Für mich ändert sich an dieser Vorgehensweise in punkto kreativem Schreibprozess durch die Pandemie erstmals nicht.
Die andere Seite sind die Veranstaltungen und was aus den Geschichten letzten Endes gemacht wird. Im Moment steht vieles unter dem Aspekt des Krieges in der Ukraine. Literatur hat dabei viele Funktionen – Geschichten, als Hoffnungsgeber und Mutmacher, zum Ablenken und Krafttanken. Zusammen mit anderen Kinderbuch-Autorinnen und Autoren lassen wir gerade in Eigenregie Kindergeschichten ins Ukrainische übersetzen und bringen diese mit Illustrationen kombiniert so in Umlauf, dass Mütter, die in der Ukraine mit ihren Kindern flüchten müssen, diesen Geschichten-Fundus auf ihrem Smartphone haben. Denn meist kann bei der Flucht nur das Nötigste mitgenommen werden – vor allem keine Bücher.
Ich denke, es gibt keine Richtung, in die die Kultur nicht denken darf! Alle Hebel in Bewegung setzen, um mit Veranstaltungsformaten bei den Menschen „anzukommen“ und etwas in Gang zu setzen. Auch Benefiz-Veranstaltungen, die anderen Menschen in ihrer Not helfen, und dabei ein Thema in die Öffentlichkeit rücken, halte ich für sinnvoll. Das darf auch nicht beim Krieg in der Ukraine aufhören, sondern muss unbedingt auch viele andere Missstände, unter denen Menschen leiden, im Blick behalten. Als Autor ist man es gewohnt, sich in andere Menschen einzufühlen, ist auf eine Art sensibel, bei vielen Schriftstellern ist das vermutlich einfach ein wichtiger Teil des eigenen Naturells, ohne den gute Texte erst gar nicht möglich wären. Ich für meinen Teil kann nicht anders, als meine künstlerische Arbeit letzten Endes immer als Ganzes zu sehen, das helfen soll, dass es Menschen gut gehtbzw. die Welt hier oder da einen Zipfel besser wird.
Was liest Du derzeit?
„Kleines Land“, Gael Faye
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Man soll auch die anderen Mannschaften nicht unter dem Teppich kehren lassen.“ (Fußballspieler Olaf Thon)
Jochen Weeber, Schriftsteller, Musiker
Vielen Dank für das Interview lieber Jochen, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!