Lieber Herbert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
mein alltag ist in den letzten zehn, zwölf jahren ziemlich unverändert: aufstehen, wasser lassen, leitungswasser trinken, am gerät (computer) schreiben, frühstücken, post erledigen, lesen, zeichnen, und wenn nicht lockdown ist, weggehen (cafés, ab und zu eine literatur- oder kunstveranstaltung, freundinnen und freunde treffen), nach hause kommen, musik hören, filme schauen, was arbeiten (texte korrigieren etc.).
Herbert J.Wimmer _ Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
dass wir nicht den kontakt untereinander verlieren, und dass wir gesund und produktiv bleiben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur,der Kunst an sich zu?
„aufbruch und neubeginn“ wird wohl nicht so abrupt eintreten, dazu ist der wunsch nach wiederherstellung des alltags zu gross. literatur und kunst können tun, was sie bisher getan haben: mit ihren ästhetischen und intellektuellen mitteln auf die veränderungen der welt reagieren, jede schriftstellerin, jeder schriftsteller, jede künstlerin, jeder künstler nach ihrem, nach seinem vermögen. weniger allgemein kann ich es jetzt nicht sagen.
Was liest Du derzeit?
adagia des desiderius erasmus von rotterdam, der sprichwörtliche weltbürger. hg. von wolfgang hörner und tobias roth. verlag das kulturelle gedächtnis.berlin 2018
friederike mayröcker, da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete. bibliothek suhrkamp, berlin 2020
peter stephan jungk, die dunkelkammern der edith tudor-hart. s.fischer-tb, frankfurt am main 2017
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
erasmus: „ein geizhals macht nichts richtig, außer zu sterben. – avarus nisi cum moritur nil recte facit“ – „in der tat, wer seine ganze sorge dem geld widmet, ist während seines lebens niemandem zuträglich. nur sein tod ist für seine erben und seine freunde von vorteil.“
Vielen Dank für das Interview lieber Herbert, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Olivia, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?
Romy Schneider hatte eine melancholische und zutiefst traurige Seite, welche vor allem in Bildern von ihr zum Vorschein kommt. Ich erkenne mich in diesem Punkt sehr in ihr. Sie war aber auch sehr kämpferisch und hat immer wieder betont: „Es gibt nur ein Leben, und ich will es leben.”
Glanz und Tragik sind in ihrem Leben und Beruf immer Hand in Hand gegangen.
Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?
Ich finde es schwierig nur einen Film hervorzuheben. Vielmehr möchte ich die Zeit nach den Sissi Verfilmungen hervorheben. Zwar erreichte Sie durch diese Rolle den Weltruhm, jedoch hat sie stark dagegen angekämpft, dass sie nur noch in diese Schublade gesteckt wurde. Sie wurde in sehr vielen darauffolgenden Rollen kritisiert, aber sie ist sich selbst treu geblieben und wollte immer beweisen, dass sie mehr kann als nur die Kaiserin zu spielen.
Gab es Berührungspunkte zu Werk und Leben Romy Schneiders in Deinen bisherigen Schauspielprojekten?
Bisher leider noch nicht, aber ich bin mir sicher, dass sich noch einige Berührungspunkte ergeben werden.
Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?
Es ist schwierig, als Schauspielerin das private Leben und den Beruf zu trennen. Es funktioniert mit sehr viel Mühe, aber sobald man eine gewisse Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hat, dringt vieles nach Außen, was man gerne privat halten würde.
Ich glaube Romy Schneider hat immer sehr offen über Tabuthemen, wie zum Beispiel Abtreibung gesprochen, nicht nur um zu zeigen, dass dies keine Tabuthemen sein sollten, sondern auch, dass sie immer selbst entscheiden wollte, was man über sie erfährt und was nicht.
Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?
Für mich gibt es keinen vergleichbaren Beruf, in welchem man sich so weiterentwickeln kann, wie im Künstlerberuf. Die künstlerische Arbeit ist eine wilde Mischung aus erschütternder Ehrlichkeit und Persönlichkeit, aber auch der Unpersönlichkeit und der Aufrechterhaltung des Scheins.
Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?
“ich war dauernd a Prinzessin, aber dann wollt ich’s halt eines Tages nicht mehr sein”
Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?
Wien ist neben Kärnten meine zweite Heimat geworden. In Wien durfte ich meine ersten Rollen, abseits des Stadttheater Klagenfurts spielen. Ich habe erfahren, wie schwer es ist als Künstlerin Fuß zu fassen und das dieser Beruf bedeutet, sich jeden Tag beweisen zu müssen und das man im Grunde nie wirklich stillsteht. Es sind eben nicht nur die Kontakte und das Talent wichtig, sondern auch die Geduld und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Schauspielerin in Wien/Österreich?
Puh nicht einfach. Es gibt mittlerweile so viele tolle KünstlerInnen und leider nicht genug Projekte, um alle zu beschäftigen. Noch dazu in Zeiten der Pandemie.
Vor allem ist mir schon sehr lange bewusst geworden, dass es NachwuchsspielerInnen besonders schwer gemacht wird. Mal die Chance zu bekommen überhaupt gesehen zu werden und zu zeigen was man kann, muss hart erkämpft werden.
Nur wenige schaffen es wirklich bei diesem Gegenwind dran zu bleiben.
Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?
Geschichten zu erzählen und in andere Rollen zu schlüpfen, solange es geht. Ein Leben voller Kreativität und Herausforderungen, über mich selbst hinauszuwachsen und eine intensive Zusammenarbeit mit anderen tollen Künstlern, gemeinsam etwas zu erreichen.
Was sind Deine kommenden Projekte?
Mitte März ist Probenbeginn von “Annie get your gun” am Stadttheater Klagenfurt. Premiere dann im Mai. In Dezember ist die Wiederaufnahme vom Kinderstück “Neinhorn” in den Kammerlichtspielen Klagenfurt.
Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?
Nicht aufzugeben , auch wenn man immer wieder gegen eine Wand läuft, gerade im Schauspielberuf. Stets an sich selbst zu arbeiten und die eigene kreative Arbeit und Reise nicht von Engagements abhängig zu machen. Zieht euer eigenes Ding durch, zeigt euch.
Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?
Was sie sich selbst in schweren Zeiten gesagt hat und was ihre Motivation war, um weiterzumachen.
Was kann eine Schauspielerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?
Das zwischen Leben und Tod nur ein schmaler Grad liegt und dass die künstlerische Arbeit sich immer auf diesem Grad bewegt, hin und her springt, tanzt, weint und lacht. Ein Leben voller Emotionen, Konflikten und Schicksalsschlägen, welche in die Arbeit einfließen. Man muss sich gut überlegen, ob man das auch wirklich will und welchen Preis man dafür bereit ist zu zahlen.
Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Schneider Achrostikon bitten?
Liebe Martina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich versuche vor meinen zwei Kindern aufzustehen, um in Ruhe den ersten Kaffee zu trinken und Musik zu hören. Danach lese ich vor, spiele mit ihnen drinnen und draußen, vorzugsweise am Wasser oder im Wald. Tagsüber – und nachts, wenn ich aufwache – notiere ich mir Momente und Gedanken. So versuche ich die Momente und Gedanken einzufangen, die ich anschließend beim Schreiben verdichte, sodass ihre Flüchtigkeit für einen Moment stillsteht.
Martina Caluori, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Unsere Aufmerksamkeit und Ängste nicht nur auf einen Punkt, auf ein Ereignis, zu konzentrieren. Es ist wichtig, dass die anderen Menschheitskrisen nicht an den Rand unserer Wahrnehmung gedrängt werden. Und, dass wir – egal wie eingebunden und eingeschränkt wir sind – uns unserer Gedankenfreiheit bewusst sind; es geht darum, im Kopf neue Fenster zu öffnen, um etwas neu, anders oder frisch zu denken.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Vielleicht ist es auch ein Umbruch, eine Transformation. Ich glaube, dass die Sehnsucht nach Kunst und Kultur gewachsen ist. Die Rolle, Wichtig- und Dringlichkeit von Literatur, der Kunst an sich wird bleiben. Denn in keiner anderen Kunstform wird Erinnerung über und durch Jahrhunderte hinweg so vermittelt wie in der Literatur. Es braucht aber Diskussionen über die Zukunft der Literatur, Kunst an sich, ihre Entwicklungsmöglichkeiten und ihr Selbstverständnis sowie auch über Werte.
Was liest Du derzeit?
Ich lese immer mehrere Bücher parallel, aktuell sind es „Im Zimmer ist Winter“ von Natascha Berlehner, „Null“ von Gine Cornelia Pedersen und „Taubenleben“ von Paulina Czienskowski.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Natürlich mein Prosadebüt “Weisswein zum Frühstück“ mit Zeichnungen von Simone Züger, erscheint am 25. April.
Und wer hier lieber ein Zitat lesen will: „Every moment happens twice: inside and outside, and they are two different histories.“ – Zadie Smith
Vielen Dank für das Interview liebe Martina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Martina Caluori, Schriftstellerin
Buchneuerscheinung: “Weisswein zum Frühstück“ Martina Caluori, mit Zeichnungen von Simone Züger. Verlag_lectorbooks
Evgeniy Nikitin wurde 1981 in Riscani, Moldawien, geboren. und dreifach emigriert: von Moldawien nach Deutschland, von Deutschland nach Russland und von Russland nach Israel. Lebt jetzt in Rishon Lezion, arbeitet im Bereich Alterspflege.
Tätig als Dichter, Prosaschriftsteller, Übersetzer, Kritiker. Veröffentlicht in meisten russischen Zeitschriften, unter anderem „Novy Mir“, „Vozdukh“ und Textonly.
Evgeniy Nikitin war einer der Koordinatoren des poetischen Projekts im Rahmen des 53. Venedig Kunstbiennale (2009).
Gedichtbände „Sketches in the Wind“ (M.: 2005), „Invisible Lens“ (M.: 2009), „Standup Lyrics“ (M.: 2015). Sammlungen von Kurzgeschichten: „Eastern Seventeen“ (M.: 2011, gemeinsam mit Alena Churbanova), „Über Papa“ (M.: 2019). Preisträger des „Furious Vissarion“-Preises in der Nominierung „For kritische Kühnheit“ (2021).
Während der russischen Invasion in der Ukraine initiierte er zusammen mit Dmitry Kuzmin zwei offene Briefe von Dichtern, die die russische Aggression verurteilten, und begann, Gedichte auf Deutsch zu schreiben.
die übermäßig oben war, nun treibt sie da im amselsang, gespalten von raketen, sound für das ende –
das lied, das eben noch lief, geht auf pause und irgendwann wieder auf play – hörst du es anders jetzt? hat es einschusslöcher oder ist‘s noch dasselbe?
amsel – lied – raketen –
immer schon hat sich die geige in den bunker geschlichen, hat was hoffnung geflüstert wie der oktopus, der sich aus dem einmachglas schält – immer gab es was, das sich nicht spalten lässt, gab es den satz, der sich brennt