Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der Tag beginnt bei mir eigentlich fast immer mit einem Kaffee.
Doch seit dem Einmarsch der russischen Truppen gehe ich nach dem Aufwachen auf die ORF-Website, immer noch von der Hoffnung getragen, das Wort „Frieden“ zu lesen. Und werde jeden Morgen enttäuscht. Ich hoffe, nicht demnächst zu resignieren.
Christian Klinger, Schriftsteller/Jurist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Genau diese Resignation nicht zuzulassen. Auch, wenn der/die Einzelne vielleicht nicht unmittelbar Einfluss auf den Lauf der Welt nehmen kann, so ist jeder noch so kleine Beitrag besser, als gar nicht zu handeln. Dies gilt aber in allen Belangen und nicht nur für Kriege (Syrien und der Jemen seien hier nur exemplarisch für die Vielzahl bestehender Kriege angeführt). Der Hunger und der Klimawandel müssen weiter bekämpft werden, Demokratisierung in autoritären Regimen angestrebt werden und noch vieles mehr.
Wir alle sollten uns überlegen, wie viel Konsum es braucht, und ob wir mit ein wenig Verzicht nicht schon eine Änderung bewirken können.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Eine Änderung zum Guten wird oft von wenigen eingeleitet, Erfolg ist diesem Bestreben aber nur beschieden, wenn es eine breite Unterstützung dafür gibt. Kunst, und dabei auch die Literatur, muss nicht unbedingt politisch sein, aber sie sollte einen Standpunkt beziehen. Kunst und Literatur stehen für Vielfalt und sollten eine Gleichströmigkeit hinterfragen und uns aus einer Gleichgültigkeit aufrütteln.
Was liest Du derzeit?
„Blauwal der Erinnerung“ von Tanja Maljartschuk und für Recherchezwecke „Bianchi. Una storia italiana“ von Daniele Marchesini
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Lernen Sie Geschichte“, das ist jetzt kein literarisches Zitat, aber ich denke, diese Kreisky zugeschriebene Aufforderung hat nach wie vor Gültigkeit. Geschichte eignet sich nicht als Vademekum, um Fehler aus der Vergangenheit nicht nochmals zu begehen, aber gewisse Parameter wiederholen sich oft und sollten uns als Warnung dienen, die Wirkungen genau dieser Wiederholung abzuschwächen.
Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Klaus Wachschütz, ORF Kärnten, techn. Leiter Bachmannpreis
Bachmannpreis 22 _Interview_ Klaus Wachschütz, ORF Kärnten, techn. Leiter Bachmannpreis
Sehr geehrter Herr Wachschütz, welche technischen Neuerungen gibt es heuer beim Bachmannpreis?
Es gibt heuer zwei Bühnen, die Jury befindet sich im Studio und im ORF Garten ist die Lesebühne der Autoren:innen, beide mit Publikumszugang. Buntheit, Offenheit, Vielfalt sind dabei die Leitgedanken. Wir wollen mit diesen Spielstätten auch mehr Literaturerlebnis bieten.
ORF Studio _ Klagenfurt _ JurydiskussionenLesebühne _ ORF Garten vor dem Studio _ Klagenfurt
Im ORF Studio haben wir ein sehr klares, strukturiertes Setting, in dem die Diskussionen der Jury über Literatur stattfinden.
Bei der Lesebühne im Freien ist es bewusst im Setting etwas „heimeliger“. Es soll auch ein Wohlfühlfaktor für die Autoren:innen sein. Für mich sind beim Bachmannpreis die Autoren:innen das Wichtigste. Es soll keine Vorführung von Autoren:innen sein.
Wie wird das neue Setting angenommen?
Es war gestern spannend im ersten Get-Together, in dem es um das Lesesetting ging, da sagte eine einzige Autorin, sie hätte gerne im Studio gelesen. Eine weitere Autorin sagte, „ich hätte Angst hier zu lesen“.
Die Jury sitzt heuer etwas enger. Wir sind auf über 180` im Radius der Juryplätze gegangen, damit die Sicht untereinander auch besser ist.
Die Jury beurteilt und setzt dabei auch Akzente in der Dynamik der Diskussion. Das Setting soll hier unterstützend sein.
Für das Publikum gibt es im Studioraum zwei Möglichkeiten der Sitzplatzwahl, jeweils mit Blick zur Jury wie zu den Lesungsscreens.
Wir versuchen so unser bewährtes Studio mit den gegebenen Möglichkeiten in eine neue Zeit zu führen.
Wie gestalten sich die technischen Vorbereitungen für ein solches Großereignis?
Die Vorbereitung eines solchen Live Ereignisses ist grundsätzlich ein dynamischer, dialogischer Prozess, der nicht stillsteht.
Für den Bachmannpreis 2022 gab es bereits im September 2021 umfangreiche Reflexionssettings mit unterschiedlichen Teams. Was sind Stärken, Schwächen, was kann dem Publikum zugemutet werden, was nicht? Diese Fragen sind auch während der Vorbereitung jetzt präsent und es gibt bereits Überlegungen für das nächste Jahr.
Was lesen Sie derzeit?
Ich lese derzeit den Roman „Matou“ von Michael Köhlmaier. Es geht darin um einen Kater, der durch die Jahrhunderte reist. Ich bin auch seit letztem Jahr Besitzer eines jungen schwarzen Katers. Da passt das Buch wunderbar dazu.
Das ist sicherlich auch ein sehr guter Entspannungsfaktor in diesen fordernden Tagen. Herzlichen Dank für das Interview und gutes Gelingen für alles!
Lesebühne _ ORF Garten vor dem Studio _ Klagenfurt
Liebe Nikola Anne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Allerorts sind Endmoränen der Coronakrise zu finden, überlagert von der Ukrainekatastrophe: Verschobene Termine schichten sich zu Clustern, Erschöpfung ringsum, irritierte Kinder und Jugendliche.
Insofern besteht mein Tagesablauf aktuell aus Abarbeiten, Reden, Aufarbeiten, Erklären – und Freuen, dass die absurden Pandemierestriktionen zumindest derzeit inexistent sind. Jeden Tag starte ich aber mit einer (zumindest kurzen) Schreibflucht, die mich erlöst von der realen Welt, indem sie mir das Abtauchen in eine andere, bessere ermöglicht.
Nikola Anne Mehlhorn_Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Blick zurück auf die Karriere des schlechten Menschengeschlechts:) der zeigt, dass diese Spezies immer schon schlecht war: pestilenzisch, nimmersatt, amoralisch, bigott, martialisch, kurz: ein Desaster.
Die eigene Resilienz stärken, indem man sich seines Wertesystems versichert und konsequent danach lebt. Das Gleiche wünsche ich Europa, um stärker und überzeugter in diesen irren Zeiten agieren zu können.
Helfen, wo es geht. Aktive Unterstützung hilft auch den Helfenden. Passivität vergiftet.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Während der Coronakrise hat mich speziell die Marginalisierung der Kultur geschockt. Insbesondere: Wie willfährig die Künstler:innen diese akzeptiert haben. Bis auf Geldforderungen oder andere Klagen materieller Art kamen kaum Reaktionen aus der Kulturszene, geschweige denn Renitenz. Dabei sollten Literatur, Kunst, Musik gerade in Krisenzeiten Kompasse sein, Seelennahrung! „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (5 Mos 8,3, Mt 4,4) schien urplötzlich vergessen, Hofnarretei, die im Ernstfall systemirrelevant ist – diese jähe Entwertung hat mich zutiefst verunsichert. Insofern ist jetzt ein Konturenziehen und Bemessen für Politik und Kulturschaffende dringend notwendig. Als Lehre aus dem Pandemiedesaster nehme ich, dass Künstler:innen mental und materiell unabhängig von der Gunst der Gesellschaft sein sollten! Förderlich in diesem Kontext wäre das Bedingungslose Grundeinkommen, für das ich schon schmerzhaft lange plädiere.
Was liest Du derzeit?
Ulrich Schnabel: Zuversicht. Außerdem meine Novelle EinmachEngel, die aktuell vertont wird (Uraufführung 2023). Und immer wieder tröstlich: Candide oder der Optimismus (Voltaire).
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Von meiner geliebten, längst verstorbenen, aber durch dieses Zitat verewigten Großmama: „Man muss sich ZWINGEN, das Positive zu sehen!“
Vielen Dank für das Interview liebe Nikola Anne, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
gib mir das wo kaputt gange isch (gib mir das, was kaputt gegangen ist)
i all dene Jahr (in all diesen Jahren)
vor üsere Geburt und denah (vor unserer Geburt und danach)
einisch wottis für üs bewahre, all das Liächt und das Dunkle am Grund vo däm Fluss (einmal will ich es für uns bewahren, all dieses Licht und das Dunkle am Grund von diesem Fluss)
präg du dir die Gschichte ii vode Stei und vom Wasser und vo de sich berüehrende Chreise (präg dir die Geschichten ein von den Steinen und vom Wasser und von den sich berührenden Kreisen)
erschiin wieder hie wo du scho lang bisch (erscheine wieder hier, wo du schon lange bist)
au wänns mängisch schier unerträglich isch (auch wenn es zuweilen beinahe unerträglich ist)
chömmer bitte einisch still sii (können wir bitte einmal still sein)
einisch kei Lärm und keis Schlachtfäld sondern eifach nur Rueh (einmal kein Lärm und kein Schlachtfeld, sondern einfach nur Ruhe)
alles will ich i de Arme häbe vo dere Stund jetzt, vo allem wo mir ned erträged (alles will ich in den Armen halten, von dieser Stunde jetzt und von allem, das wir nicht ertragen)
chömmer bitte einisch truure und d Schuld zu eus näh und unschuldig sii (können wir bitte einmal trauern und die Schuld zu uns nehmen und unschuldig sein)
han au ich de Chrieg noni beändet und wüssti wie das gaht, oh wüsst ich wie das gaht, ich wünscht, ich wüsst wie das gaht (habe auch ich den Krieg noch nicht beendet und wüsste ich, wie das geht, oh wüsste ich, wie das geht, ich wünschte, ich wüsste, wie das geht)
all das wo mir i üs träged, im Chliine, im Große, de Zauber, de Schmärz (all das, was wir in uns tragen, im Kleinen, im Großen, der Zauber, der Schmerz)
nur was bliibt vo all dene Wünsch, dere Verzwiiflig, was bliibt vo dere Realität (nur, was bleibt von all diesen Wünschen, dieser Verzweiflung, was bleibt von dieser Realität)
chunnt so vieles ire Verchleidig, mir hätted eus so gärn verteidigt (kommt so vieles in einer Verkleidung, wir hätten uns so gern verteidigt)
einisch kei Lärm und keis Schlachtfäld sondern eifach nur Rueh (einmal kein Lärm und kein Schlachtfeld, sondern einfach nur Ruhe)
Heinz Bachmann, London, Isolde Moser (geb.Bachmann), Kötschach-Mauthen/Kärnten _ Geschwister von Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin (1926 – 1973). Vor dem Elternhaus in Klagenfurt, Henselstraße 26, 9020 Klagenfurt, anlässlich des Verkaufes an das Land Kärnten und der Übergabe an die Stadt Klagenfurt, _2021.
Lieber Heinz, Du lebst mit Deiner Familie in London. Wann bist Du dorthin gezogen und wie sind Deine Kontakte heute nach Kärnten?
Wir wohnen etwa 100 km westlich von London in der Nähe von Oxford. Wir sind 1995 aus Spanien hierher übersiedelt. Heute beziehen sich meine Kontakte nach Kärnten hauptsächlich auf die Familie, ein paar „alten“ Freunde und natürlich auch sozusagen „offizielle“ Kontakte, vor allem das künftige IB Museum/Haus der Begegnung betreffend.
Heinz und Sheila Bachmann_London _ Hochzeit 7. August 1971 in London. 2 Söhne. Ingeborg Bachmann reiste zur Hochzeit an.
Du reist gern und bist in Deinem Leben viel gereist. Gerade kommst Du von einem gemeinsamen Urlaub mit Deiner Schwester Isolde von Rhodos zurück.
Deine Schwester Ingeborg schrieb ja über Ihre Kindheit „…dass ich gern am Bahndamm lag und meine Gedanken auf Reisen schickte…“.
Ist das Reisen etwas, das Euch Geschwister stark verbunden hat und verbindet? Was liebst Du am Reisen?
Meine Schwester Isolde hat meine Frau und mich nach Rhodos eingeladen, weil das möglicherweise die letzte Möglichkeit gewesen ist, sie vor dem Herbst zu sehen. Wir sehen uns zu selten.
Im Reisen liegt sicher ein gemeinsamer Drang. Vielleicht weil das in unserer Kindheit und Jugend nicht so einfach war. Uns war es immer wichtig andere Kulturen kennen und schätzen zu lernen. Das haben wir vor allem von unserem Vater, der sich sehr intensiv mit der italienischen Sprache und Literatur beschäftigte..
Ingeborg Bachmann, Rom 1962. Fotografie von Heinz Bachmann anlässlich eines Besuches mit den Eltern
Du hast lange in Afrika gearbeitet und gelebt. Was fasziniert Dich an diesem Kontinent?
Für mich ist Afrika nicht eine Einheit, sondern ich sehe den Norden unglaublich interessant aufgrund seiner Geschichte, Kultur und der intensiv farbigen Wüstengebiete in Ägypten und Algerien, wo ich jahrelang an Studien teilgenommen habe-allerdings hab ich dort nie gewohnt. Das waren immer Geschäftsreisen von ein bis maximal zwei Wochen.
Dann die Zone vom Sahel nach Süden, die wieder ganz anders ist. Da war ich jahrelang in Gabun und im Senegal, mit Abstechern nach Tschad, Nordkamerun, Guineé Bissau und Gambia. Faszinierend durch die Herzlichkeit der Leute und ihre Liebe zur Musik. Wir gingen in dieser Zeit viel Tanzen…
Heinz Bachmann _ im Elternhaus Klagenfurt _ 2021
Bist Du auch gemeinsam mit Deiner Schwester Ingeborg gereist?
Leider haben wir nie eine wirklich gemeinsame Reise unternommen. Da waren unsere Verpflichtungen zu unterschiedlich. Ich habe Ingeborg in Rom, Zürich und Paris besucht. Als Kind auch in Wien.
Einmal trafen wir uns in München und fuhren gemeinsam über Salzburg nach Klagenfurt. Häufige Treffen gab es natürlich in Klagenfurt und in Obervellach bei Hermagor, wo unser Vater ein hübsches Häuschen besaß.
Ein Besuch Ingeborgs war im Senegal mit einer Fahrt nach Mali geplant. Leider kam es nicht mehr dazu.
Lieblingsrose von Ingeborg Bachmann_ Elternhaus Klagenfurt _ 2021
Im Herbst des letzten Jahres kam es zum Verkauf Deines und Deiner Schwestern Ingeborg und Isolde Elternhauses an das Land Kärnten und die Übergabe an die Stadt Klagenfurt zur Museumskonzeption.
Wie kam es dazu. Wie sieht derzeit die Planung zum Museum aus?
Heinz Bachmann _ Elternhaus Klagenfurt _ 2021
Die Idee das Haus in ein Museum zu verwandeln – mit so vielen Andenken, Möbeln, Kleidern und der Bibliothek schwebte uns ja schon einige Jahre vor Augen. Ich nahm Kontakt mit Heimo Strempfl, Direktor des Musilmuseums auf und über ihn mit der damaligen Bürgermeisterin Marie Luise Mathiaschitz. Dann kam durch meinen Neffen Andreas der Kontakt mit Samo Kobenter und über ihn mit Landeshauptmann Peter Kaiser zustande.
Elternhaus von Ingeborg Bachmann, Isolde Moser (geb.Bachmann) und Heinz Bachmann_ Klagenfurt _ 2021
Welche Erinnerungen hast Du an Deine Kindheit in Klagenfurt und an Haus und Garten in der Henselstraße?
Im Jahr 49 übersiedelte ich mit meiner Mutter vom Gailtal in die Henselstraße, weil dort ein Zimmer freigeworden war. Im Haus waren ja nach dem Krieg Flüchtlinge einquartiert worden. Die ersten Jahre waren ein bisschen ein Schock nach der Freiheit am Land. Auch kannte ich niemanden. Erst im Laufe der Jahre wuchsen mir das Haus und die Stadt ans Herz. Ich kam dann immer liebend gerne von meine Aufenthalten im Ausland zurück.
Gedenktafel für Ingeborg Bachmann _ Elternhaus Klagenfurt _ 2021
Wie war und ist für Dich die Übergabe des Hauses in Klagenfurt, das „Loslassen“ von diesem Teil Deines Lebens, der Dich/Euch ja auch stark als Familie verbindet? Was wünscht Du Dir für die Zukunft des Hauses?
Natürlich waren das zwiespältige Gefühle, aber die positiven überwiegen bei weitem.
Etwas loszulassen an dem man hängt ist nie leicht. Aber so werden viele Andenken und Erinnerungen allen zugänglich auch den vielen Familienmitgliedern. Man kann das nicht alles „gerecht“ aufteilen. Das wäre sehr schade gewesen. In ein oder zwei Generationen wäre vieles vergessen gewesen.
Heinz Bachmann _ Fotografien der Familie im Elternhaus Klagenfurt _ 2021
Am 22.6.2022 beginnt der Bachmannpreis in Klagenfurt. Es wird wieder live vor Ort sein und die Vorfreude ist groß. Wirst Du vor Ort sein?
Leider werde ich nicht kommen können, da ich derzeit in England viele Verpflichtungen habe. Das ist sehr schade. Es freut mich natürlich, dass wieder eine gewisse „Normalität“ möglich ist. Ich wünsche allen interessante Tage!
Lieblingsrose von Ingeborg Bachmann_ Elternhaus Klagenfurt _ 2021
Es ist der 46.Bachmannpreis 2022. Darf ich Dich bitten zurückzublicken? Wie kam es zur Namensgebung? Welche Überlegungen, Gespräche gab es da?
Wir hatten auf die Namensgebung keinen Einfluss. Das war die Idee von Ernst Willner und Humbert Fink. Es war ja eine ausgezeichnete Idee.
Was meine Schwester Isolde und mich störte war der Name Reich-Ranicki, der meine Schwester wirklich sehr beleidigend angegriffen hatte. Das ist ja allgemein bekannt. Natürlich hat er sicher dazu beigetragen, dass dieser Wettbewerb ein durchschlagender Erfolg wurde. Später hat Reich- Ranicki auch seine Einstellung zu Ingeborg zumindest teilweise revidiert.
Stadthaus Klagenfurt _ erster Austragungsort des Ingeborg Bachmannpreise 1977-82Stadthaus Klagenfurt _ 2020
Was waren für Dich und Deine Schwester Isolde bzw. Eure Mutter Gründe der Zustimmung zur Namensgebung?
Isolde und ich, wir hatten ein kurzes Treffen mit Ernst Willner und brachten unsere Einwände vor ohne einen bestimmten Namen zu nennen. Es blieb aber dabei.
Sharon Dodua Otoo, Bachmannpreisträgerin 2017, vor der Lesung_ORF Klagenfurt
Welche Verbindungen gab es dann in den Folgejahren zum Bachmannpreis?
Von meiner Seite aus wenige, da ich immer im Ausland weilte/weile. Wir hatten noch einen Eklat, als Haiders FPÖ in die Regierung eintrat. Aber, Gott sei Dank, Politik ist etwas Vergängliches und Literatur ist von dauerhafter Bedeutung.
Heinz Bachmann (Mitte) im Gespräch mit Josef Winkler, Büchnerpreisträger_Klagenfurt _ rechts im Bild Dr.Heimo Strempfl, Leiter des Robert Musil Literaturmusum Klagenfurt _ 2021
Was möchtest Du den Schriftsteller:innen, die heuer teilnehmen mitgeben?
Mut für die Zukunft in diesen unsicheren Zeiten, nicht aufgeben.
Birgit Birnbacher, Bachmannpreisträgerin 2019, im Interview nach der Preisverleihung _ im ORF Klagenfurt _ 2019Gratulation an Julia Jost, Kelag Preisträgerin, 2019 _ im ORF Klagenfurt _ 2019Horst L. Ebner (rechts im Bild), ORF Kärnten, Organisator des Bachmannpreises seit 2013 mit Clemens J. Setz, Schriftsteller, Büchnerpreisträger 2021, Ernst Willner Preisträger 2008 in Klagenfurt _ im ORF Klagenfurt _Bachmannpreis 2019
Was wünscht Du Dir für den Bachmannpreis in Zukunft?
Möge man immer würdige Preisträger:innen finden. Die Förderung junger Talente ist so wichtig, vor allem, weil die Verkaufszahlen für Bücher stark zurückgehen und davon zu leben ist heute viel schwieriger als zu Lebzeiten meiner Schwester, obwohl es Ingeborg auch nicht gerade leicht hatte. Das wissen viele nicht, wie unsicher die Existenz selbst bekannter Schriftsteller:innen ist.
Drei Wege zum See_Ingeborg Bachmann outdoors _ szenische Wanderung entlang der Topographie der Erzählung Ingeborg Bachmanns. Kreuzbergl/Klagenfurt _ 2019Abendstimmung Wörthersee _ Klagenfurt 2019
Ist heuer eine größere Reise geplant?
Wir werden im August/September wahrscheinlich unseren älteren Sohn, seine Frau und die kleine Enkelin in den USA besuchen. Haben aber noch keine fixen Pläne.
Im Oktober möchte ich gerne nach Kärnten kommen, um dem amerikanischen Biografen Peter Filkins einen Überblick über Ingeborgs „Orte“ in unserer Heimat zu vermitteln.
Heinz Bachmann, Geologe, London, im Garten des Elternhauses in der Henselstr. 26, Klagenfurt, 2021
Vielen Dank für das Interview, lieber Heinz, Gesundheit für Dich und Deine Familie wie viel Freude bei allen Reisen, Unternehmungen! Auf bald in Klagenfurt!
Interview_Heinz Bachmann, Geologe, London. Bruder von Ingeborg Bachmann.
Am 15. August 2022 erscheint der Band Ingeborg Bachmann „Die Anrufung des großen Bären“, am 21 November des Jahres der Briefwechsel „Ingeborg Bachmann/Max Frisch“ _Salzburger Bachmann Edition/Suhrkamp.
Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, frühstücken, Yoga, arbeiten, kochen, essen, Hunde-Gassi-Gang, arbeiten, Hunde-Gassi-Gang, Ukulele spielen / auf der Terrasse chillen, Abendessen, nette Serie schauen, schreiben (ja, ich bin Spät-/Nacht Schreiberin), beim Lesen einschlafen.
Sandra Andres, Schriftstellerin und Videojournalistin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Uns auf das Gute, Positive in unseren Leben zu konzentrieren und aus allem das Beste zu machen. Das zu verändern, was wir können, aber auch nicht verzweifeln an dem, was wir nicht ändern können.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich versuche, Veränderungen positiv gegenüberzustehen, auch wenn sie mich oft zuerst erschrecken. Veränderungen bringen auch Entwicklung, spannende Chancen. Auch in der Literatur. Veränderung und Entwicklungen realistisch und lebensnah zu beschreiben, liegt mir in meinen Büchern immer am Herzen.
Ich wünsche mir in der Literatur mehr realistische Ansätze, die sich auf das echte Leben und reale Beziehungen einlassen. Mehr starke Frauen, die es in unserem Alltag ja oft gibt, denen in der Kunst aber noch viel zu wenig Tribut gezollt wird. Figuren mit all ihren Fehlern und Makeln. Ein realistisches Bild der Gesellschaft in der Literatur ermutigt und stärkt Menschen in ihrem Alltag. Auch in der Autorengruppe „Herzgespinste“ haben wir uns das zum Ziel gesetzt.
Was liest Du derzeit?
„Spätzletango“ von Kevin Leonard Butler und „Inspektor Takeda und die stille Schuld“. Ist eher ungewöhnlich, ich lese nur sehr auserwählte Krimis. 😉
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wer einen Traum verwirklichen will, muss zuerst aufwachen.“
Und wenn noch Platz ist, gern einen kurzen Textimpuls aus meinem aktuellen Buch: „Liebe ist unschuldig und gleichzeitig kompromisslos, überwältigend und verheerend in ihrer Intensität. Sie kommt ohne Vorwarnung, haut uns völlig aus der Bahn und ist dabei das Schönste, was uns passieren kann.„
Sandra Andres, Schriftstellerin und Videojournalistin
Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sandra Andres, Schriftstellerin und Videojournalistin
Lieber Léon, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022! Wie gestaltet sich der Text- und Bewerbungsprozess und wie hast Du Deine Teilnahmebekanntmachung erlebt? Welche Reaktionen gab es?
Es gibt Texte, an denen ich monatelang sitze und jede Formulierung 23 Mal überdenke, echte Schweißarbeit. Und dann gibt es die, die sich wie von selbst schreiben, wo ich bei der Entstehung eigentlich nur danebensitze, kaum transpiriere und Kaffee trinke.
Der Klagenfurt-Text ist so ein Text, der sich selbst geschrieben hat, wo die Écriture automatique zugeschlagen hat. Als die Einreichfrist vor der Tür stand, habe ich geschaut: Was habe ich denn so produziert in letzter Zeit? Da gab es einen Text, sehr ernste Literatur, den habe ich sehr ernsten Juror*innen gesendet. Und dann war da dieser Text, meine Wildcard, die ging an Philipp Tingler, weil ich dachte, der könnte das schätzen. Und weil ich Adrenalin schätze, habe ich alles erst auf den letzten Drücker losgeschickt, vom Flughafen, kurz bevor das Gate geschlossen wurde, und, um die Sache richtig spannend zu machen: ohne Kontaktdaten.
In Palermo wollte ich dann ein Telegramm hinterherschicken, aber schon allein der Titel meines Texts war 30 Euro lang. Ich habe das Geld dann lieber in Negronis und Pistazien-Eis investiert. Und als Philipp Tingler mich anrief, lief ich gerade über den Piazza Bellini, wo sich früher das wichtigste Theater der Stadt befand und gerade ein Film gedreht wurde und Möwenschwärme kicherten. Das passte alles gut zu meinem Text, in dem es hauptsächlich um Schauspieler und Möwen geht. Man sucht ja als Mensch immer nach dem Symbolhaften, nach Zeichen und Bedeutung, damit am Ende nicht alles für die Katz ist.
Aber schon eigenartig, dass mich jetzt ausgerechnet dieser Text, dieser literarische Schnellschuss, nach Klagenfurt führt und nicht einer der schweißtreibenden Texte, an dem ich so richtig lange saß. Ja, und die meisten Menschen in meinem Umfeld wissen gar nicht so genau, was der Bachmannpreis ist. Mit denen rede ich also eher über das Wetter, die Inflation und den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten.
Léon Engler, Schriftsteller _ Wien
Wie gehst Du jetzt auf den Wettbewerb zu? Welche besonderen Vorbereitungen wird es geben?
Ich habe mir ein Buch von Epiktet gekauft, bin zum Stoizismus konvertiert, habe Bauchatmung gelernt und habe die Trauben gedanklich schon mal für so sauer erklärt, dass es mir gar nichts mehr ausmacht, dass ich selbst mit Hebebühne und Greifzange nicht rankomme. Ich kultiviere also meinen defensiven Pessimismus. Ich bin sehr selbstkritisch und habe eine Unkrautphantasie, deswegen habe ich schon hunderte Wege des Scheiterns durchgespielt. Aber das empfehlen auch die Stoiker: Stelle dir das Schlimmste vor, Tod und Verderben, und wenn das Schlimmste eintritt, dann hattest du wenigstens Recht. Außerdem habe ich darüber nachgedacht, eine Maske meines eigenen Gesichts anfertigen zu lassen oder einen Schauspieler zu engagieren, der aussieht wie ich, aber leider niemanden gefunden, deswegen werde ich den Text wohl oder übel selbst vortragen müssen. Und jetzt bin ich nervöser als vor meiner Geburt.
Ingeborg Bachmann sagte zu den Anfängen ihres Schreibens: „Manchmal werde ich gefragt, wie ich, auf dem Land großgeworden, zur Literatur gefunden hätte. – Genau weiß ich es nicht zu sagen; ich weiß nur, dass ich in dem Alter, in dem man Grimms Märchen liest, zu schreiben anfing, dass ich gern am Bahndamm lag und meine Gedanken auf Reisen schickte…“
Wo bist Du geboren, aufgewachsen und wo liegen die Anfänge, Wurzeln, Inspirationen Deines Schreibens?
Ich wurde auf einer Bauernhofruine in Bayern geboren wurde. Meine Eltern hatten da gerade ihre Selbstversorgerphase und sind von München aufs Land. Die war aber relativ schnell wieder zu Ende, ich glaube, weil das Haus einzustürzen drohte oder die Zucchini nichts geworden sind. Dann sind wir wieder zurück in die Stadt. Dort beginnt meine Erinnerung. Ich bin nicht im Hofgarten-Ralph-Lauren-Aperol-Kokain-München großgeworden, sondern in Giesing, was damals vielleicht am ehesten einem Arbeiterviertel entsprach. In meiner Jugend ging es dann auch weniger um Hochkultur und mehr um die niederen Neigungen – Videospiele, Alkohol, Skaten, Musik. Aus irgendeinem Grund habe ich mir aber Bücher in der Stadtbibliothek ausgeliehen. Mit 15 habe ich dann Nietzsche in der U-Bahn gelesen. Ich habe zwar nicht verstanden, was der Typ mit der Laterne da predigte, aber es hat mich verständnislos berührt. Dann habe ich immer mehr gelesen. Wissen aufsaugen ist ja auch ein Weg, um Unsicherheit zu kompensieren. Und ich war dumm und unsicher, das traf sich also gut. So mit 17 habe ich dann auch begonnen, Texte zu schreiben. Und dann habe ich einfach nie wieder aufgehört. Schreiben heißt für mich für eine Textlänge einen Lebensentwurf anprobieren zu dürfen. Die meisten Menschen haben nur ein Leben. Das wäre nichts für mich.
Was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig?
Richten soll das Gericht und Botschaften übermitteln die Post. Das sehe ich nicht als mein Aufgabengebiet an. Außerdem habe ich eine fürchterliche Phobie vor Gewissheiten. Ich bin immer erstmal dagegen. Die Grönland-Wikinger sind lieber ausgestorben, als Fisch zu essen, weil Fisch in ihrer Kultur als giftig galt. Ich will der sein, der fragt: Vielleicht nicht doch eine Räuchermakrele, Eiríkr? Darum versuche ich, fragende, skeptische, antiideologische Texte zu schreiben. Und Milan Kunderas hat behauptet, dass der Roman vehement antiideologisch eingestellt sein sollte. Bei Dostojewski zum Beispiel weiß man nicht mehr, welcher der darin streitenden »Wahrheiten« er selbst anhing. Und bei Robert Musil ist alles zu spät – da lassen die Weltanschauungen Federn wie die Hühner in der Geflügelrupfmaschine. Diese Fährte der Polyphonie nimmt mein Klagenfurt-Text auf, steht im Zeichen des Zweifels und des sperrigen Wörtchens Ambiguitätstoleranz. Genug Geschwafel: Mir ist auch wichtig, dass meine Texte anschlussfähig sind, darum schrecke ich auch von Humor nicht zurück. Humor ist für mich eine Art trojanisches Pferd, in dem ich die Melancholie verstecke. Die wurde früher auf den Humor zurückgeführt, also auf die Körpersäfte, die schwarze Galle eben. Und das Schreiben ist auch laut Statistik der Beruf, in dem Männer die höchste Wahrscheinlichkeit haben, depressiv zu werden. Man muss es also mit Humor nehmen. Ich bin der Erste in meiner Familie, der an die Uni durfte – deswegen habe ich gleich zweimal studiert. Ich war aber auf keiner Schreibschule und so kommt man vielleicht weniger in die Versuchung, avantgardistische Sachen zu schreiben, auch wenn ich experimentelle Romane sehr gerne habe. In den 60ern und 70ern rebellierte man ja gegen ein Verständnis von Literatur als etwas Hohes und Geheimnisvolles und wollte unmittelbare Kunst schaffen, die ästhetische Erfahrung demokratisieren. Also von einem hermetischen Ansatz zu einem porösen Ansatz, wo jeder mitmachen und mitreden konnte. Und dieses Willkommen-Heißende, Durchlässige, Anti-Elitäre imponiert mir. Ich finde es schade, wenn man mit allen Diskursen gewaschen sein muss, um einem Text oder einem Theaterstück folgen zu können – und selbst dann nicht auch mal zugeben kann, dass der Kaiser ein Nudist ist.
Welche aktuellen Projekte gibt es?
Ich sitze im Moment an einem Hörspiel, einer Verteidigung des Gehens, bei dem ich ganz Berlin durchwandere. Hunderttausende Jahre lebten die Menschen ja als Nomad*innen. Damals reichten ein paar Stunden pro Tag, um alle lebensnotwendigen Bedürfnisse abzuhaken. Man hatte also viel mehr Freizeit als die Büroangestellten und Scheinselbstständigen von heute. In deren 40-Stunden-Woche sind Nahrungsmittelbeschaffung, Fitnesscenter und Achtsamkeitstraining (Pilzsuchen, Brot backen, Waldbaden, Chi Gong) noch nicht eingepreist. Selbst der Urlaub blieb unseren Ahnen erspart, weil sie noch keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit kannten, das Ideal der Wiederherstellung der Arbeitskraft durch Sonnenbaden, All-you-can-eat-Buffets und Mietrollerunfälle. »Was für ein Leben benötigt denn Urlaub vom Leben?«, fragt Ulrich im Mann ohne Eigenschaften. Die Sesshaftwerdung ist der größter Fehler in der Geschichte der Menschheit, da ist sich die Wissenschaft mittlerweile einig. Darum gründe ich den »Club of Roam«: Das Gehen könnte, so meine These, die Lösung aller Probleme sein, sei es die keimende Weltwirtschaftskrise, die Erhitzung des Weltklimas oder ein zu üppiges Mittagessen.
Was kommt unbedingt auch in den Reisekoffer für Klagenfurt?
Zahnseide. Ich möchte an dieser Stelle auf den Fachartikel »Floss or die« im Journal Dentistry Today (Juli 1998) hinweisen, Amerikas führendem klinisches Nachrichtenmagazin für Zahnärzt*innen.
Léon Engler, Schriftsteller _ Wien
Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!