Lieber Josef, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jeder Tag ist anders!
Josef Wurm, Künstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Achtung! Niemand sollte sich anhand dubioser Informationen von seinen Nächsten trennen, die Gräben dieser Welt sind ohnehin tief genug.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Am Boden bleiben, und Respekt! (allerdings: Jene die andere täglich demütigen, haben ein Recht darauf selbst gedemütigt zu werden!)
In Zeiten wie diesen muss Kunst besonders kompromisslos sein, im besten Fall ästhetisch und mit viel Humor. Opportunismus und Kunst geht nicht.
Was liest Du derzeit?
Kurt Vonnegut.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wir haben das Ticket gekauft, jetzt müssen wir auch die Reise durchziehen“ frei nach Hunter S. Thompson
Josef Wurm _ O.T. 2022, Mischtechnik/Leinwand, 80x100cm
Vielen Dank für das Interview lieber Josef, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Josef Wurm, Künstler
Foto_1 Portrait _ Jasmin Schuller; 2 Josef Wurm.
20.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Reinhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin momentan sehr mit Schreibarbeit eingedeckt: dem Fertigstellen meiner Promotion, dem Fertigstellen von meinem nächsten Lyrikmanuskript, das in Kürze bei der Wiener Edition Melos erscheint; wenn dann noch Zeit bleibt, arbeite ich an meiner Kurzgeschichtensammlung.
Und, es steht ein Neuanfang mit meiner Partnerin bevor: wir werden von Würzburg nach Wien umziehen.
Reinhard Lechner, freischaffender Autor und Übersetzer
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Es ist schwierig, auf die aktuelle Weltlage und unsere Probleme – Ukraine-Konflikt, Pandemie, Umweltzerstörung – schnelle und richtige Antworten zu finden. Andererseits ist zeitlos, was uns als Gesellschaften zusammenhält: Engagiert sein, die und den Anderen ‚sehen‘, wo man kann die eigene Stimme einsetzen, für Solidarität und für Frieden, der niemals selbstverständlich ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Auch hier fällt mir vermutlich bloß etwas Altbackenes ein, das dennoch wichtig bleibt: die Kunst als Vermittlerin zwischen uns Individuen, als eine Sprache vorerst ohne Verzweckung, ohne Funktionszusammenhang, die uns dadurch zur humanen, humanistischen Verständigung dienen kann.
Was liest Du derzeit?
Ferdinand von Schirachs Roman „Tabu“, und die aktuellen Short Stories von T.C. Boyle, „Sind wir nicht Menschen“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Früher in der Zeit vor der Box, hatten meine Tochter und ich ein Freitagnachmittagsritual: Ich hielt auf dem Heimweg bei dem italienischen Restaurant gleich um die Ecke von unserem Haus, trank etwas, plauderte ein bisschen mit denen, die ich kannte, und rief dann Katie an und lud sie zu unserem Vater-Tochter-Abendessen ein, um ein wenig Zeit nur mit ihr zu verbringen, in ihr zu lesen, an den Gedanken und Gefühlen einer jungen heranwachsenden Frau teilzuhaben. Aber das taten wir nicht mehr.“
Aus: T.C. Boyle, „Wiedererleben/Sind wir nicht Menschen. Stories“
Vielen Dank für das Interview lieber Reinhard, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Reinhard Lechner, freischaffender Autor und Übersetzer
Foto_Susanne Schäflein
3.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Bettina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Wecker klingelt um 07:07 Uhr (ich liebe die Sieben), manchmal bin ich vorher wach. Ich mag es, ein wenig Zeit zu spüren und langsam sein zu dürfen, bevor der Tag seine Imperative rausholt.
Meine Arbeit als Bestatterin kann sehr unterschiedliche Elemente enthalten: Gespräche mit Angehörigen, Totenfürsorge, Trauerfeiern, Verstorbene vom Sterbeort abholen, Schreibtischarbeit und Formalitäten, vorbereiten von Ritualen und Zeremonien.
Da ich, zwar nur noch wenig, auch als freie Texterin arbeite, sitze ich abends manches Mal am Schreibtisch und schreibe noch.
In den freien Momenten schreiben sich meine Gedichte aufs Papier und die Geschichten.
Bettina Strang, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß es wirklich nicht. Es gibt manches, was mir zeitlos wichtig erscheint. Das Innehalten zum Beispiel. Das Wundern. Das Hinsehen, Zuhören, Aussprechen. Der Mut. Das Miteinander.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Mut wird wesentlich sein. Die Bereitschaft sich selbst und die Welt wirklich anders zu denken und zu leben. Literatur und Kunst empfinde ich als Wegweiser, Heimat von Utopien und atemberaubenden Ausdruck des Menschseins. Sie ist ein Motor, eine Lupe, ein Zufluchtsort, ein Seziermesser, eine Hoffnung, ein Pflaster und eine Wonne.
Was liest Du derzeit?
Don DeLillo – Die Stille
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Es gibt kein Dazwischen“, sagte ich. „Jeder Ort, an dem wir vorbeifahren, ist in diesem Moment hier. Dazwischen ist eine Illusion.“
(Russel Hoban – Turtle Diary)
Vielen Dank für das Interview liebe Bettina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
„Einen Augenblick bitte!“, so beginnt im Alltag einer hektischen Großstadt oft ein Gespräch im besonderen Moment einer Aufmerksamkeit. Ein Wiedererkennen, Erinnern oder Mitteilen kann der Grund sein. Es ist gleichsam ein Anhalten des rasenden Tempos der Bewegung der Vielen im Vielen. Ein „Augenblick“ nimmt dabei das Tempo heraus und hält fest. Den Blick der Augen im Moment. Den Dialog von Mensch zu Mensch. Von Linse zu Linse.
Fotografie ist eben dieser Dialog von Mensch zu Mensch. Ein Dialog im Bild. Eine Momentaufnahme des flüchtigen Lebens. Ein Festhalten der Zeit. Erinnern und wiederbegegnen.
Die Fotografie des Stadtlebens ist eine besondere Form der Kunst wie des menschlichen Dialoges. Es ist der individuelle Blick auf das Allgemeine, das immer das Besondere ist. Ein einmaliger unwiederholbarer Moment. Mensch. Zeit, Bild.
Die Ausstellung „AUGENBLICK!“ STRASSENFOTOGRAFIE IN WIEN, vom 19. Mai 2022 bis 23. Oktober 2022 im Wien Museum MUSA, 1010 Wien, Felderstraße 6–8, gibt einen beeindruckenden Überblicküber die Straßenfotografie Wiens im Zeitraum von über 150 Jahren, von den 1860er Jahren bis in die Gegenwart.
Plätze, Straßen, Gebäude der Stadt werden dabei in ihrem historischem Prozess ebenso dokumentiert wie der „menschliche Augenblick“ der Bewegung, des Gesprächs oder des Ruhens in der Großstadt im Weg durch die Zeiten.
Der vorliegende Ausstellungsbegleitband dieser beeindruckenden wie einmaligen Fotodokumentation fügt nun zahlreiche Essays von Kulturwissenschafter:innen zu den abgebildeten Fotos der Ausstellung hinzu, die aus verschiedenen Blickwinkel in die fotografischen Blickwinkel blicken und diese wissenschaftlich perspektivisch öffnen.
„Eine ganz bemerkenswerte fotografische wie kulturwissenschaftliche Dokumentation Wiens“
Lieber Bernhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Analog zur Textzeile „So I start a revolution from my bed“ aus Oasis-Song „Don´t Look Back in Anger“, koordiniere und übe ich ausgerüstet mit Laptop, Handy und aktueller Lektüre auf meinem Couchbett meine multiplen Aufgaben für den von mir mitbegründeten Theatervereins „Wiener*innen Wahnsinn“ aus. Mein Aufgabenspektrum umfasst Autor, Regisseur-to-be, Produktions- und Kommunikationsleitung.
Zwischen diesen Identitätssprüngen esse ich viel proteinhaltige Nahrung und gehe dreimal die Woche zum Krafttraining ins Fitnesscenter, um das alles körperlich -um es auf Wienerisch zu sagen- „zu d`erheben und d`erstemmen“😉
Wichtig ist mir, dass jede Woche arbeitsfreie Wochenenden eingehalten werden.
Bernhard Bilek, Autor, Regisseur, Theatermacher, Kultur- und Kommunikationsmanager
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Augenblick genießen, an das Leben und nicht an Demagog*innen glauben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Film, der Kunst an sich zu?
„Das einzige Beständige ist der Wandel“, sagte Techno-DJ Sven Väth mal in einem TV-Interview und zitierte dabei den antiken griechischen Philosophen Heraklit. Deswegen finde ich es wichtig, loslassen zu können und auch loslassen zu müssen. Nichts ist von Dauer und Beständigkeit, am wenigsten das Leben. Wesentlich ist für mich die Solidarität mit meinen Mitmenschen, der Gemeinschaftssinn, denn wir alle sitzen im gleichen Boot der Endlichkeit unserer aller Leben. Wir sollen unsere Vielfalt akzeptieren, uns nicht gegenseitig das Leben schwer machen und uns gegenseitig ausgrenzen. Wir sollen uns auch nicht Leid, Gewalt und Grausamkeit zufügen wie leider aktuell ganz nah in der Ukraine geschieht. Denn da lassen die politisch Verantwortlichen nicht von alten Konzepten, Ideen und Fixierungen los.
Theater/Film bzw Kunst an sich können meiner Meinung nach keine kollektiven Konflikte und Dynamiken lösen, aber sie können auf fruchtbaren Boden fallen bei individuellen Menschen, die ihren Teil dazu beitragen können und diesen Trost, Hoffnung, Freude, Gemeinschaft und Inspiration spenden.
Ich finde es auch in Ordnung, wenn Kunst uns hilft unser Leben erträglicher zu gestalten und in manchen Fällen einfach eine synästhetische Erfahrung -gerne mit Irritationen- ist 😉 Ohne die filmischen Werke von David Lynch oder Madonnas musikalischen Backkatalog würde ich nicht leben wollen. Für mich gehören auch Drag Queens und Drag Kings zu den größten lebenden Künstler*innen, weil sie über ihr Zeichenrepertoire von Make-Up, Perücken, Kleidung und Körperformen die biologistischen Konstruktionen von Identität und Geschlecht so bildgewaltig subversiv unterwandern und dekonstruieren, die besonders Religionen und rechte Ideologien uns allen immer ideologisch aufzwingen wollen.
Was liest Du derzeit?
Ich lese immer gleichzeitig mehrere Sachen quer. Aktuell reicht mein Lesespektrum von einer Werkmonographie des britischen Regisseurs Ken Russell über von Kleists „Die Marquise von O“ und Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ bis zu allem, was ich filmhistorisch und -wissenschaftlich über den Stummfilmstar Rudolph Valentino in meinem Bücherregal finde.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der (Johnny) glaubt: Dass man für das Leben: Des für einen richtig ist: Kämpfen muss. (…). Der liebe Gott ist wurscht. Und der Himmel auch. Aber nicht des Leben. (…) Einfach die Beine in die Hand nehmen und dem Leben in die Arme werfen. Und drauf (scheißen): Was andere sagen. Die sind ja nur neidig: Weil´s Angst haben: Dass man keine Angst hat. Vorm Leben.“
(Mitzi in „Trümmerherz“, 6. Szene, Seite 18)
Vielen Dank für das Interview lieber Bernhard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Bernhard Bilek _ Autor, Regisseur, Theatermacher, Kultur- und Kommunikationsmanager
Foto_Matthias Heschl
1.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Da ist das Leben. Und da ist da Schmerz. Zuerst der Schmerz dann das Leben. Oder das Leben und dann der Schmerz. Unten, oben, überall. Zu Wasser und zu Land. Seegurken, Schlangensterne, Trilobiten. Der Skorpion. Schrift. Kind. Der Tod. Der Schinderhannes. Millionen Jahre.
Und jetzt Ekaterina Manos` Körper. Schmerz, Tinte. Der Meister tut es. Überall. Sisi hat dazu geraten.
Und da ist die Bühne. Die Musik. Die Band. Polly X. Das Blau. Das Strahlen. Und da ist Nana. Im Keller.
Und so geht es fort. Jetzt nach Bad Aussee zum Meister. Da ist auch der Skorpion. Das Wasserbecken und die Wanduhren. Die Rituale. Die Geburt…
Das Geworfensein. Woher? Wohin?…es geht weiter…
Ines Birkhan, Schriftstellerin und Performerin legt mit ihrem Roman „abspenstig“ eine geniale phantastische, sprachmächtige Elegie von Existenz, Schmerz und verschlungener Utopie vor, die begeistert. Hier mutet sich Sprache alles zu und traut sich alles. Taucht in die Tiefen des Lebens unseres Planeten einmalig wort- und sinnverspielt hinab und lässt dabei Wörter in allen Harmonien, Dissonanzen und Chorälen variantenreicher Erzählmodi einmalig klingen.
Ines Birkhan ist der Rockstar der modernen Literatur. Mutig, leidenschaftlich, grenzenlos. Sprache wird zum in alle Richtungen und Möglichkeiten gewundenen Instrument von Reflexion und Konzeption und erinnert dabei in musikalischer Analogie an Jimi Hendrix, dessen „star spangled banner“ einer Generation ein staunendes Denkmal setzt. „abspenstig“ tut dies gleichsam der Erde. Eine universelle Lebensgeschichte unseres Planeten im Werden und Vergehen zwischen Schmerz, Verhängnis und Möglichkeit als einmalige sprachliche Performance. Ein modernes Epos, das Kultur, Gesellschaft, Vergangenheit, Traumata, Rituale und Befreiung in einer zentralen Erzählfigur verdichtet, auftauchen und verschwinden lässt. Die Mitte ist dabei immer die Sprache, welche dem bildhaften Aufblitzen existentieller Erkenntnis einen Rahmen zu geben sucht, diesen überschreitet und ständig neu definiert, wie entlang den Grenzen ihrer selbst und damit jenen der Welt weiterschreitet, weiterexperimentiert.
Die Wiener Schriftstellerin und Bachmannpreisteilnehmerin 2019, beeindruckt auch im Konzept einer narrativen Struktur, die phantastisch assoziert wie zahlreiche naturwissenschaftliche, mythologische, literarische Referenzen öffnet und Leserin und Leser wie in einem Sog bis zum Ende in Komödie und Tragödie führt und packt. So viel verdichtetes Wissen, Verknüpfungskunst und story – sensationell!
Ines Birkhan weckt die Sprache zum Leben, da wo der Buchstabe schon tot zu sein schien. Ein tiefgründiges roadmovie von Existenz und Planet in mitreißender Faszination literarischer Wort- und Erzählkunst.
„Ein Roman als genial einzigartiger wie tiefsinniger Sprach-Trip. Laut, still, wild, grenzenlos!„
Da war das Aufwachsen für Marie. Der Rahmen in Familie und Gesellschaft. Doch es währte nicht lange. Schwangerschaft. Kind. Arrangement. Dann die Liebe. Ein neuer Weg.
Ein neuer Weg auch draußen. Die Welt in Bewegung. Eine Geburt auch da. Ein Kind?
Marie ist dabei. Schrei nach Leben.
Doch dann die Dunkelheit, der Schmerz. Alles wendet sich, verändert sich…bis zum Wiedersehen…
Alena Mornstajnova, vielfach ausgezeichnete tschechische Schriftstellerin, legt mit dem Roman „Es geschah im November“ eine mitreißende Lebensgeschichte vor, die historische Referenzen aufnimmt und frei weitererzählt. Die Autorin stellt die Frage nach Wegen von Leben und Geschichte erschreckend aktuell und entfaltet ein Bild von Freiheitswillen und Unterdrückung, das spannend wie erschüttert erzählt wird.
„Zweifellos ein Roman zur Zeit. Eindringlich, erschütternd wie tragisch visionär“