„Schreiben als eine Form von Verantwortung“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Linda Treiber, Schriftstellerin _ Wien 23.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Linda Treiber

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung/Bocca di leone,
Rom um 1971

Im Interview _ Linda Treiber, Schriftstellerin _ Wien

Liebe Linda, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist zum einen ein sprachlicher und zum anderen ein biografischer. Bachmann reflektiert immer die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache. Dichtung wird bei ihr zu einem Ort des Widerstands – aber auch des Scheiterns.

Zitat: „Was kann Sprache noch sagen, nachdem sie missbraucht wurde?“

Ingeborg Bachmanns Texte stehen oft auch in einem engen Dialog mit ihrem eigenen Leben: Kriegserfahrung, Krankheit, Liebesbeziehungen und ihr früher Tod prägen Motive wie Verletzbarkeit, Angst, Sprachverlust und Selbstbehauptung.

Linda Treiber, Schriftstellerin _ Wien

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ich denke, für Ingeborg Bachmann ist Schreiben kein ästhetisches Spiel, sondern eine Form von Verantwortung. Sie sieht genau hin und gibt dem Leid eine Stimme, auch dort, wo Sprache an ihre Grenzen stößt.

Persönliche Erfahrung wird zur allgemeinen existenziellen Frage.

Ihre Texte sind poetisch verdichtet und zugleich philosophisch reflektiert. Sie denken, argumentieren, fragen, zweifeln. Dadurch entziehen sie sich einfachen Deutungen.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Für mich sind vor allem ihre Essays und kleineren Schriften von Bedeutung. Zum Beispiel ihr Essay über Ludwig Wittgenstein war sehr aufschlussreich für mich. Aber auch Malina und das Gedicht „Die gestundete Zeit“ zählen für mich zu den wichtigsten und schönsten ihrer Arbeiten.

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik hat auch heute höchste Relevanz. Bachmann zeigt, wie Sprachstrukturen patriarchale Herrschaft stabilisieren und Normalität suggerieren. Feminine Stimmen werden marginalisiert, die Selbstzerstörung folgt als resignative Reaktion. Besonders ihre Kritik an sprachlicher Gewalt und der Unterdrückung von Frauenstimmen trifft auch heute noch auf heftige Debatten. Ich denke dabei an verschiedene Anti-Gewalt-Bewegungen und Debatten über die Pflegearbeit.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Nein, Schreiben und Kunst sind nicht zwangsläufig eine Form persönlichen Martyriums. Kunst kann genauso gut Freude, Provokation oder ästhetische Erfahrung vermitteln.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte ihr gerne persönlich gedankt, für die großartigen Schriften, die sie der Menschheit hinterlassen hat.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich nutze die kalten Wintertage, um mich von einem arbeitsreichen Jahr zu erholen. Meine Arbeit für die Republik Kugelmugel steht auch 2026 im Vordergrund. Aber auch das Schreiben an meinem schon lange geplanten Buchprojekt möchte ich weiter vorantreiben.

Herzlichen Dank für das Interview!

Linda Treiber, Schriftstellerin _ Wien

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.

Fotos: Linda Treiber_ privat.

Walter Pobaschnig   1_26

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