„Die Bagage“ Monika Helfer. Roman. Hanser Verlag

 

 

1914. Die Welt in Bewegung. Politik und Poker. Eitelkeit und Untergang. Hier am Berg ist das Leben was es ist. Das tägliche Erwachen zwischen Familie und Wäsche. Im Bett gibt es so wenig Platz wie in allem und für alle hier. Der Mann hat das Sagen. Oder das Schweigen. Und das kann ein Leben lang sein, hier im Dorf. Wie das Reden unten im Tal über die „Bagage“.

Dazwischen der Blick ins Weite, oben und unten, wenn die weiße Wäsche im Wind vor dem Haus weht und das Kind das Leben zeichnet. Doch der Stift ist ein Nagel. Des nicht Loskommens und der Kreuzigung. Das Müde sein, das Augen schließen am Abend, das ist alles. Das wenige Leben festhalten. In Dunkelheiten. Im Schwarz der Haare.

Dann der Brief. Der Krieg beginnt. Da wird auch vor der „Bagage“ nicht Halt gemacht. Der Postadjunkt kommt mit dem Fahrrad. Josef, der Hausherr, tauscht jetzt die Waffen und das Feld. Maria wird allein mit den Kindern sein und es wird auch eine Freiheit sein. Wie immer nur bis zum Morgen. Das muss genügen für ein Leben lang. Eine Nacht lang…

 

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer lässt in Ihrem neuesten Roman Leserin und Leser in gewaltiger Sprachkraft begeistert in die ländliche Lebensrealität des beginnenden 20.Jahrhunderts eintauchen. Es ist die direkte unmittelbare Form des Erzählens, die Seite um Seite gleichsam wie in einem Familienalbum blättern lässt und bis zum mitreißenden Romanfinale nicht loslässt.

Ein besonderes Stück Literatur in bester narrativer Energie, die durch und durch elektrisiert. Die große Aufmerksamkeit für das Leben und seine Wirkmächtigkeit über Generationen hinweg wird hier außergewöhnlich in Worte gefasst.

„Ein faszinierender Roman, der dramatisch am reißenden stummen Fluss des Lebens teilnehmen lässt“

 

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„Es ist eine Zeit des schärfer werdenden Bildes“ Tamara Stajner, Musikerin, Autorin, Performerin _ Wien 27.5.2020

Liebe Tamara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das Vertraute hat sich vor sechzig Tagen aufgelöst. Bis dahin wurde meine Zeit von Säulen in Form von Konzerten, Tourneen, Performances, Kunstprojekten, Aufnahmen und Unterricht getragen, die sich von Woche zu Woche in wandelnden Tageskompositionen manifestierten. Diese tief verankerten Tragemauern wurden durch das vom Virus losgelöste strukturelle Gewitter abgerissen. Das Neue hat noch keine greifbare Form, ich ahne bloß die schattenhaften Umrisse.

Zu Beginn war es, als würde ich von einem ausgebrannten Aschefeld aus in den Tag schauen; ein in sich gekehrter Horizont ohne sichtbare Ankerpunkte des Altvertrauten. Die radierte Zeit stand leer vor mir, mein Terminkalender bis in den Herbst gelöscht. In den ersten Wochen breitete sich eine Lähmung über mein gesamtes Dasein aus; ich beobachtete, nahm wahr, suchte nach einem Halt, einer Orientierung, die Erstarrung der Außenwelt spiegelte sich in meiner inneren Welt wider, die Tage zerbrachen, glitten mir durch die Finger, ließen sich nicht fangen.

 

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In jenen Märztagen waren der klarblaue Himmel und die Vogelstimmen aus dem nahen Schönbornpark das Natürlichste; beides nahm ich verstärkt wahr, wenn ich morgens noch im Bett liegend die Vorhänge zur Seite schob und mich das in der Frühmorgensonne glänzende Gold der Jugendstilfassaden des Hauses gegenüber blendete. Die Dauer änderte sich, die Zeit dehnte sich, wurde nackt, enthüllt, die Sinneswahrnehmung klarer, die Stimmen transparenter, die Farben plastischer, die Gerüche eindringender. Erst die Worte Paul Celans, die Zeit kehrt zurück in die Schale, halfen mir zu meiner eigenen Rückkehr in mich selbst.

Seitdem konnten sich bloß zwei gleichbleibende Elemente des Tages durchsetzen; das erste der Morgen, der kurz vor fünf Uhr Früh anfängt, eine Zeit des Wachwerdens, in der mir das Bewusstsein Verborgenes, Dunkles zuflüstert, die Vergänglichkeit fataler erscheint als später am Tag, manchmal versuche ich nach diesem leisen Morgengeflüster wieder einzuschlafen, zumindest mit geschlossenen Lidern zu liegen, doch meistens stehe ich auf; die Morgengrauenstunden, die mir das Gefühl geben, meiner eigenen Zeit im Voraus zu sein, waren mir immer die wertvollsten. Ich öffne die Fenster, lasse die feuchte Morgentauluft aus dem Schönbornpark hinein fließen, dehne mich lang, dusche kalt, während der Kaffee kocht, trinke wie jeden Morgen meinen Gemüse-Obst-Zaubertrunk und tauche danach die vier Datteln eine nach der anderen in den Kardamomkaffee. Bei der vierten hört das erste Element des Vorhersehbaren an meinem Tagesablauf auf und geht in das zweite, den Hunger, über. Ein Hunger, der nicht mit dem Essbaren zu stillen ist, ein uralter Hunger nach Empfinden, Erleben, Verbinden, der Hunger nach Schönheit des Seins, der mich dazu zwingt, meine Lebensweise in einen fortwährenden, unaufhörlichen Arbeitsprozess, in einen ästhetischen Kosmos zu verwandeln; sein Schauplatz das Florianigassenland.

 

Wenn die Idee reif ist und die Phase eines intensiven Arbeitsprozesses einsetzt, dann bin ich wie gefesselt davon, bis ich es vollendet habe, so kann ich leicht schnell und zielgerichtet sein, kann wochenlang, monatelang, in meiner eigenen Zelle eingesperrt arbeiten ohne dabei müde zu werden. Doch wenn die Idee noch im Kokon reift, dann ist die Gangart eine andere, kreisende, entgleisende, ich verliere mich in Fragmenten, im Waldgeflecht der inneren Impulse, ich suche, warte, versuche.

Inmitten dieser Kreise und Entgleisungen befinde ich mich derzeit. In der Vielschichtigkeit meiner Medien ist es immer eines, das dominiert; manchmal führt das Schreiben, dann wiederum Musik, performative Arbeit, oft ist es der schlichte Nebengedanke eines Dritten, auf dem mein Bewusstsein hängen bleibt und daraus neue Impulse schöpft, oder ein Bild, das die Wellen in mir loslöst, es gibt Tage, an denen von außen betrachtet gar nichts geschieht; ich bewege mich punktuell durch den Raum, vom Sessel zum Sofa, ausharrend wie eine Hochschwangere und ich weiß, dass es im Inneren brüht; all diese Zustände verflechten sich wie Fäden hinter dem Schein einer realen Welt ineinander, führen mich intuitiv weiter, bis das Kind reif ist.

Am späten Nachmittag unternehme ich ausgedehnte Spaziergänge, versuche einen unbekannten Weg zu nehmen, doch immer denselben gehe. Der Tag bestimmt alleine seine Färbung, ich empfinde mich dabei als Medium, durch das sich eine der unzähligen Lebensweisen äußert. Zweifle viel, lache viel; bevor ich einschlafe, bin ich nie satt. Früher war es die Mutter, die mir eine Geschichte am Bett vorlas, jetzt ist es die Stimme eines Hörbuchs, die mich vom Rand des Bettes in die Nacht begleitet.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein paar Werkzeuge aus meinem Hexenkessel:

  1. Die Joker-Karte: Humor
  2. Wenn diese verliert: Ein Schlupfloch, einen Zufluchtsort finden, daraus die Außenwelt als Reflexionsfläche der inneren betrachten, die Übungsfelder erkennen, wertfrei den Status Quo betrachten. nach dieser Bestandsaufnahme in Zuwendung bleiben.
  3. Dorthin gehen, wovor man Angst hat; zulassen, fühlen, loslassen. Sich der eigenen Vergänglichkeit und der der Umgebung wieder bewusst werden, die Qualität der Zeit erkennen, mit Veränderung mitgehen, nicht festhalten.
  4. Lieben, den physischen Körper aktivieren, Routinen brechen, Routinen etablieren, Glückshormone aufwecken.
  5. Kinder beobachten.
  6. Einen Film anschauen, wenn der eigene unausstehlich wird.
  7. Meistens wird danach einem die zweite Joker-Karte zugeworfen. Diese gewinnt.

9.Thomas Bernhard – Monologe auf Mallorca. Ein Lachfaltenzauberer.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Musik, der Kunst zu?

Literatur, Musik und Kunst sind primärste, ursprünglichste Lebensäußerungen durch Sprache, Klang und jede andere Art ästhetischer Manifestation. Sie berühren, begeistern – bewegen den Geist.

Wir erfahren eine Verschiebung, die uns fremd ist; wie wenn ein Kind aus einer vertrauten Welt gerissen wird und in eine versetzt, die zwar ähnlich, sogar gleich aussieht, und doch anders funktioniert. Das Kind beobachtet die neuen Umstände, orientiert sich, hört zu, schmeckt, riecht, nähert sich an, weicht zurück, urteilt nicht, nimmt sich Zeit, solange es will, da es ohnehin in der Zeitlosigkeit lebt. Wenn es bereit ist, beginnt es die neuen Elemente miteinander zu verflechten, Geschichten zu erfinden, Sandschlösser zu bauen, es läuft zu anderen Kindern, lädt sie ein in sein undefiniertes Universum, zwanglos spielt es im Neugut, ohne zu wissen, was es ist, ohne Bedürfnis nach Klassifizierung.

Wir Künstler dürfen uns an dem Kindsein orientieren, beobachten und vertrauen, dass die Zeit, die scheinbar an uns vorbei gleitet unsichtbare Spuren in die Zellen eingraviert, die Samen zum Keimen einlegt, die sich später, wenn es Zeit ist, in einer künstlerischer Form manifestieren werden.

Es ist eine Zeit des schärfer werdenden Bildes, die Elementarteilchen werden durchsichtiger, die Gesellschaftskonturen präziser; wie bei der Restaurierung eines Kunstwerks enthüllt sich die Originalsubstanz.

Nach sechzig Tagen, seitdem die Zeit zurück in die Schale gekehrt ist, wie ich gerne an Celans Worte denke, kann ich immer noch keine klassische Musik hören, auch spielen fällt mir schwer. Als würde ich an einer Wunde reiben, eine Welt wachrufen, die still steht und dabei essenziell ist, zurückkommen wird, doch wer weiß, wie. Musik ist Schwingung. Während eines Konzertes synchronisiert sich das Bewusstsein der Zuhörer auf eine gemeinsame Frequenz, wodurch ein gewaltiges Transformationspotenzial entsteht. Ohne Kunst, ohne Literatur, ohne Musik kommt es in der Gesellschaft zu einem unnatürlichen, befremdlichen Stillstand.

Der Wahlspruch der Secession, Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit, lebt auf, bloß diesmal in einer neuen Ordnung: Der Kunst ihre Zeit, der Zeit ihre Freiheit.

 

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese und höre. In meinem Hörbuch Repertoire befindet sich eine Sammlung, die mich in täglichen Fragmenten begleitet, einige daraus: Holzfällen. Eine Erregung und Alte Meister von Thomas Bernhard, großartig von Thomas Holtzmann vorgetragen, ein garantiertes Lachprogramm, genauso lache ich auch beim Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld, vorgetragen von Peter Simonischek und Gert Voss, problemlos weiter. In die Herzzeit, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, gesprochen von Johanna Wokalek und Jens Harzer, habe ich mich während des vergangenen Sommers in Portugal verliebt und auf meinen Spaziergängen durch Porto fortwährend den Stimmen der beiden gelauscht. Seitdem ist Porto für mich mit Ingeborg und Paul durchwebt, höre ich die Herzzeit in Wien, so weiß ich genau, wo, an welcher Stelle der Stadt ich dieselben Worte in Porto gehört hatte. Auch den Briefwechsel zwischen Peter Handke und Siegfried Unseld, von Jens Harzer und Ulrich Noethen gesprochen, höre ich mir immer wieder an. Das für die beiden Ohrmuscheln. Wenn ich nicht höre, dann lese ich derzeit in Camus Die Pest, Kunderas Das Buch der lächerlichen Liebe, Musils Der Mann ohne Eigenschaften und zur Entspannung in einem Buch über das Beziehungs-Burnout.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Warum bin ich ich und warum nicht du?

Warum bin ich hier und warum nicht dort?

Wann begann die Zeit und wo endet der Raum?

Ist das Leben unter der Sonne nicht bloß ein Traum?

Ist was ich sehe und höre und rieche

nicht bloß der Schein einer Welt vor der Welt?

Gibt es tatsächlich das Böse und Leute,

die wirklich die Bösen sind?

Wie kann es sein, daß ich, der ich bin,

bevor ich wurde, nicht war,

und daß einmal ich, der ich bin,

nicht mehr der ich bin, sein werde?

 

(Peter Handke, Lied vom Kindsein)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tamara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Musik-, Schreib- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tamara Stajner, Musikerin, Schriftstellerin, Performerin

http://www.tamarastajner.com/

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Romanschauplatz „Malina“_Wien 15.5.2020

 

 

16.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir sind alle systemrelevant“ Isabella Jeschke, Schauspielerin_ Wien 26.5.2020

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ohne Wecker aufstehen, meinen Basilikum gießen, meistens Kaffee trinken und eine Runde laufen gehen, ich lese zurzeit viele Zeitungsartikel und schaue mir viele Dokus an über Raum und Zeit, das beamt mich woanders hin und ich merke wie klein wir eigentlich sind und dass es so viel gibt, das wir nicht wissen, das beruhigt mich seltsamerweise dann auch wieder sehr, weil es vieles so zunichte macht. Ich entwickle Ideen für neue Projekte und koche sehr viele Rezepte mit Teig, weil ich schon immer mal wissen wollte wofür ich glattes und wofür ich griffiges Mehl verwenden muss.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für uns alle besonders wichtig ist, kann ich nur schwierig beantworten, weil ich nicht in die Menschen hineinschauen kann, aber von mir gesprochen: Wichtig sind natürlich Solidarität und Aufmerksamkeit, aber auch unbedingt Skepsis. Nicht nur hinnehmen, sondern auch kritisch hinterfragen und Haltung zeigen. Wir sind alle systemrelevant.

 

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In Deinen Produktionen mit dem E3 Ensemble Wien wie dem aktionstheater ensemble geht es wesentlich um den Menschen in seinen An-Herausforderungen angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen und Gegebenheiten. Das Denken, Fühlen und Handeln der/des Einzelnen wird thematisiert. Welche Bezüge bzw Impulse ziehst Du jetzt daraus für einen gelingenden Lebensalltag in Zeiten der Pandemie?

Ich merke, dass mir dieses „ruhig-sein“ auch meine Stimme und mein Mitspracherecht an der Gesellschaft nimmt oder zumindest eingeschränkt wird und ich das Bedürfnis hätte viel lauter zu sein. Die Ungleichheiten, die es bisher innerhalb unserer Gesellschaft gab, sind nicht erst durch die Krise entstanden, sondern kommen durch sie ans Tageslicht und mir ist wichtig, mich dazu zu äußern. Normalerweise geschieht das durch die Theaterperformances beim E3 Ensemble und beim aktionstheater ensemble, aber das liegt zurzeit still. Die kritische Betrachtung der Gesellschaft und Politik ist jedenfalls etwas, das sich in meinen Gedanken und Gesprächen als Kraft erweist, aus der ich auch sehr viel künstlerische Energie schöpfen kann. Nur weil wir gerade nicht auf der Bühne stehen, heißt es nicht, dass es in uns nicht stürmt und arbeitet. Die Produktionen, die nach dieser Zeit zur Uraufführung kommen werden, werden mit Sicherheit eine besonders intensive Energie aufweisen.

 

Was liest bzw siehst Du derzeit?

Ich habe vor kurzem „Die Liebhaberinnen“ von Eflriede Jelinek fertig gelesen und lese jetzt „China am Ziel! Europa am Ende?“ von Christoph Leitl.
Und ich schaue gerade auf ARTE die Dokureihe: „Der Stoff, aus dem der Kosmos ist“ über die Entstehung des Universums bis hin zur Fragestellung nach Raum und Zeit und Illusionen.

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinen Produktionen möchtest Du uns mitgeben?

„Manchmal schaue ich die Politikerrede und den Porno. Gleichzeitig. Da die Politikerrede, da der Porno.“ HEILE MICH, aktionstheater ensemble

 

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Jeschke, Schauspielerin, Regisseurin

http://www.isabellajeschke.com/

 

Foto_Isabella Jeschke _ in literarischer Fotoinszenierung „Ungargassenland“ _ Roman „Malina“ Ingeborg Bachmann_Wien 12.5.2020.

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13.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es obliegt uns, der Gesellschaft, Literatur hochzuhalten, Bücher zu kaufen, zu lesen“ Sandra Gugic, Schriftstellerin, 25.5.2020

Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Unterschiedlich und doch gleichförmig. Ich habe ein kleines Kind, mein Partner und ich teilen uns die Betreuung, das Kind braucht Struktur ebenso wie Abwechslung und vor allem Spaß. Am späten Nachmittag beginnt mein Arbeitstag, meine Schreibzeit, manchmal arbeite ich bis spät nachts. Gegen die Lockdown-Tristesse und Klaustrophobie sind wir möglichst viel draußen mit dem Kind. Die Tage sind eng getaktet, oft stressig, vergehen sehr schnell und langsam zugleich. In Kürze geht mein neuer Roman „Zorn und Stille“, der bei Hoffmann und Campe erscheinen wird, in Druck. Wir schaffen uns aber auch Raum für entspannte Abende, trotz allem.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Miteinander lachen ist wichtig, den Humor nicht verlieren, gerade jetzt. Ich mag die virtuellen Veranstaltungsangebote, höre mir viele Lesungen an und mag das Zuhören ebenso wie das selbst Vorlesen. Auch die virtuellen Treffen mit Freund*innen, die Gespräche und Diskussionen. Für mich allein praktiziere ich Yoga und Meditation um zur Ruhe zu kommen. Das wichtigste für uns als Gesellschaft ist, sich nicht von Ängsten und Verschwörungsphantasmen anstecken zu lassen. Politisch wach zu sein.

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu? 

Der Literatur kommt die Rolle zu, mutig und wachsam zu bleiben. Eigentlich ändert sich die Rolle der Literatur also nicht. Und überhaupt: Wird sich die Gesellschaft wirklich verändern, werden wir uns wirklich verändern? Das können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Vor allem aber muss die Literatur am Leben bleiben, damit sie etwas verändern kann oder aufzeigen, durch das Wort, den Text, die Sprache. Es obliegt uns, der Gesellschaft, diese Literatur hochzuhalten, Bücher zu kaufen, zu lesen. Nach wichtigen Büchern und Stimmen Ausschau zu halten, auch abseits der Feuilletons und Bestsellerlisten.

 

Was liest Du derzeit?

Ich komme derzeit leider kaum zum Lesen, Kind und Arbeit lassen wenig Luft dafür. Meist lese ich Texte, die ich für die Recherche brauche. Ich lese auch möglichst viel Zeitung, das tue ich eigentlich immer. Und Lyrik, die kann man auch in kleinen Zeitfenstern lesen, da sie selten einer Chronologie der Ereignisse folgt, aktuell schmökere ich in „Teilchenland“ von Caca Savic und „Made in China“ von Lea Schneider (beides im Verlagshaus Berlin erschienen). Und Fernando Pessoas „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ habe ich wieder aus dem Regal gefischt. Das passt sehr gut zur aktuellen Stimmung. Vielleicht lese ich doch nicht so wenig, wie es mir scheint.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

„Jedes Ding ist, je nachdem, wie man es betrachtet, ein Wunder oder ein Hemmnis, ein Alles oder ein Nichts, ein Weg oder ein Problem. Es immer wieder anders betrachten heißt, es erneuern und vervielfältigen. Daher hat ein kontemplativer Mensch, ohne sein Dorf je zu verlassen, gleichwohl das ganze Universum zu seiner Verfügung. Das Unendliche findet sich in einer Zelle wie in einer Wüste.“ Fernando Pessoa, Buch der Unruhe

 

Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg für Deine aktuellen Bücher – Roman „Astronauten“, Beck Verlag; Lyrik „Protokolle der Gegenwart“ Verlagshaus Berlin – und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sandra Gugic, Schriftstellerin, 

http://sandragugic.com/

 

5.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Foto: Sandra Gugic

 

„Kultur ist ein Grundnahrungsmittel, ohne das man nicht lange auskommt“ Lisa Sommerfeldt_Schauspielerin, Schriftstellerin_Bonn 24.5.2020

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es sind ruhige, schöne, produktive Tage. Wie aus der Welt gefallen. Kein frühes Aufstehen, jeder lebt nach seinem Rhythmus, wir bleiben lange wach. Der anfängliche Stress mit dem Homeschooling hat sich gelegt, neue Routinen sind entstanden. Meine Arbeit geht weiter wie vor der Krise, ich habe großes Glück gehabt.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es darf keine Selektion geben. Kein Leben darf gegen ein anderes aufgewogen werden. Wir müssen alles dafür tun, dass es nicht zu Triage-Situationen kommt, in denen Alte und Kranke aussortiert werden. Ich bin für eine langsame, kontrollierte Lockerung der Corona-Maßnahmen. Mit dieser Krise müssen wir umsichtig und kreativ umgehen. Gleichzeitig gilt es, andere Themen nicht aus dem Blick zu verlieren: die Versorgung von Kranken, die kein Corona haben, häusliche Gewalt, die Lage der Flüchtlinge in Griechenland und der Türkei, den Klimawandel und die Frauenquote.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst zu?

Ganz wesentlich ist für mich, dass der Neubeginn im Zeichen von Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit steht. Die Krise ist eine Irritation des Kapitalismus: Unproduktivität, Häuslichkeit, Entschleunigung als neue Tugenden. Kaum Flugzeuge am Himmel. Mehr Fahrräder als Autos auf den Straßen. Der Blick in eine utopische, aber mögliche Zukunft. Vielleicht hat das einen bleibenden Eindruck hinterlassen und lässt sich zumindest teilweise in die neue Normalität hinüber retten. Brüssel macht es im Moment vor. Und vielleicht hat auch der Applaus für die Pflegekräfte und im Kontrast dazu ihr miserables Gehalt nachdenklich gestimmt – oder die Vergleichbarkeit von aufgestocktem Kurzarbeitergeld und dem Gender Pay Gap. Die Kunst hat immer die Aufgabe, Realitäten zu reflektieren, da hinzusehen, wo es unangenehm wird. Die Kunst kann helfen, einzuordnen und zu verstehen. Und die Kunst kann Gemeinsamkeiten erzeugen und Themen über Humor entschärfen. Ich denke, nach diesen Monaten ohne Theater, Konzerte, Ausstellungen wird das Publikum ausgehungert zurückkehren. Und vielleicht ist manchem auch bewusst geworden, dass Kultur ein Grundnahrungsmittel ist, ohne das man nicht lange auskommt.

 

 

Was liest Du derzeit?

Wenn ich schreibe, lese ich nicht. Im Moment recherchiere ich sehr viel für meine aktuellen Auftragsarbeiten. Aber wenn ich eine Arbeit abgeschlossen habe, belohne ich mich mit einem Buch. Dann nehme ich mir ein oder zwei Tage frei und lese. Besonders beeindruckt haben mich in letzter Zeit „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann und „Alles ist jetzt“ von Julia Wolf.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das Einzige, was Kunst kann, ist Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“ Heiner Müller

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- Schauspiel- und Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa Sommerfeldt, Schauspielerin, Dramatikerin, Schriftstellerin

Texte

Foto: Julia Klug

 

13.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass das Umdenken, ein Umdenken bleibt“ Kathrin Röggla, Schriftstellerin_ 23.5.20

Liebe Kathrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schreiben, Kinder, Haushalt Schreiben, Kinder, Schreiben, Haushalt, Kinder, Kinder, von 7.00-22.30

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Allmende, eine gute soziale und gesundheitspolitische Absicherung. Dass das Umdenken, ein Umdenken bleibt, und nicht alles auf „normal“ versucht sich wieder einzuschießen.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Sichtbarkeit für die Problemlagen zu erstellen, die unterschiedlichsten Erfahrungswelten zu verknüpfen, Eigensinn und Ernsthaftigkeit mit Spiel zu verbinden. Zum Lachen zu bringen. Möglichkeitsräume aufzuzeigen.

 

Was liest Du derzeit?

Albert Camus, Kurt Tucholsky, Lucia Berlin und Eva Horn übers Anthropozän

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kurt Tucholsky, 1926 in der Weltbühne, „Gruß nach vorn“: „Fragen werden ja von der Menschheit nicht gelöst, sondern liegen gelassen“

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Kathrin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kathrin Röggla, Schriftstellerin

https://www.kathrin-roeggla.de/

 

13.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Literaturszene braucht gemeinsame Strategien“ Katherina Braschel, Schriftstellerin_22.5.2020

Liebe Katherina wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf wurde durch die Covid-Krise vielleicht ein wenig kompatibler mit anderen Menschen als er sonst ist. Wenn ich es mir einrichten kann, beginnen meine Tage um ca. 11 Uhr am Vormittag und enden um ca. 2 Uhr in der Nacht. Diesen Rhythmus beizubehalten ging jetzt relativ gut, da Termine am Vormittag ohnehin quasi ganz wegfallen.
Ich stehe auf, frühstücke, lese Nachrichten oder höre Radio, erledige dann Mails und so weiter, verbringe einen großen Teil jedes Tages mit dem Telefonieren, Sprach- oder Textnachrichten austauschen mit Freund*innen und meiner Familie, gehe eventuell spazieren, einkaufen und setze mich, wenn es geht, gegen Abend ans Schreiben. Allerdings hemmt mich die anhaltende Ungewissheit der Gesamtsituation momentan sehr dabei.
Ich lese momentan auch viel, mehr als zuvor oder verbringe den Abend mit den Menschen, mit denen ich zusammen wohne. Die ersten fünf Isolationswochen war ich alleine isoliert, hatte nur Kontakt mit meiner Mutter und das stets mit zwei Metern Abstand. Das war eine sehr aufreibende, intensive Erfahrung, dieses Fehlen von Anderen, das Fehlen von Berührungen etc. Bei der ersten Berührung nach fünf Wochen, eine Umarmung einer Freundin, hatte ich Tränen in den Augen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das aufeinander Schauen, aneinander Denken, nachfragen, füreinander da sein. Besonders für Menschen, die alleine sind, alleine wohnen oder die jetzt besonders gefordert sind. Menschen mit psychischen Problemen, die sich jetzt eventuell intensivieren, Menschen mit Kindern, die seit Wochen nicht mehr durchatmen können. Menschen mit finanziellen Problemen, gravierenden Zukunftsängsten. Ungewollt Schwangere. Die Liste ist lang.
Besonders wichtig finde ich auch, gerade angesichts der ständigen Betonung des Nationalen, insbesondere durch den Kanzler, nicht den Blick für andere Geschehnisse zu verlieren. Dass Flüchtende an den Außengrenzen der Festung Europa bewusst dem Sterben überlassen werden, das ist Mord (und gleichzeitig nichts Neues, die Situation wird durch den Virus nur nochmals verschärft). Dass viele Menschen keine Wohnung haben, in der sie #stayathome machen können.

 

Katherina Braschel _ Mark Daniel Prohaska

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Die Covid-Krise hat sehr viele Mechanismen und Dynamiken, die in unserer Gesellschaft ohnehin bestehen, verdeutlicht und verstärkt zu Tage treten lassen, zumindest habe ich das sehr stark so erfahren. Diese Dinge werden „nach Corona“ (wie und wann auch immer das sein wird) nicht weg sein, im Gegenteil. Wichtig wird das sein, was jetzt auch wichtig ist, insofern: siehe meine letzte Antwort.
Es fallen jetzt schon so viele durch den Rost, wesentlich wird sein, das weiterhin nicht aus den Augen zu verlieren und so gut es geht etwas dagegen zu unternehmen.
Ich weiß nicht, ob der Literatur speziell eine andere Aufgabe als sonst zukommen wird. Die Verantwortung, die man als Schreibende*r den Figuren, dem Stoff, der Sprache etc. gegenüber hat, bleibt dieselbe.

Natürlich würde ich mir aber wünschen, dass die Literaturszene sich auf die eine oder andere Weise gemeinsam Strategien des Abfederns überlegt. Für diejenigen, die bei allen Förderungen herausgefallen sind, für uns Frühjahrserscheinungen von 2020, für diejenigen, die aufgrund anderer Verpflichtungen wie Care-Arbeit Monate an Arbeitszeit verloren haben…

 

Was liest Du derzeit?

Viel. Und sehr unterschiedliches.
Ich habe einige Frühjahrserscheinungen gelesen, z.B. „Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher oder „Und wie wir hassen!“ herausgegeben von Lydia Haider.
Zudem lese ich immer wieder Texte von befreundeten Schriftsteller*innen, an denen gerade gearbeitet wird.
Außerdem lese ich „Das Wichtigste ist, sich selber treu zu bleiben. Die Geschichte der Zwillingsschwestern Rosl und Liesl“ von Erica Fischer über NS-Widerstand. Dann immer wieder ein paar Seiten in „Das obszöne Werk“ von Georges Bataille und vor ein paar Tagen habe ich auch noch „The Terrible“ von Yrsa Daley-Ward angefangen. Es ist momentan ein bisschen viel, aber ich genieße es auch.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Kein Mensch ist illegal.“
Das ist vielleicht kein klassisches Textzitat, aber eine Tatsache, derer wir uns immer wieder bewusst werden müssen. Menschen sind nicht illegal, können es nicht sein, es ist ein System, das über (Il-)Legalität und Legitimität entscheidet und dieses System ist auch nur eine Erzählung.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katherina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katherina Braschel, Schriftstellerin

Foto_ Mark Daniel Prohaska

 

12.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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