„Hier ist noch alles möglich“ Gianna Molinari. Roman. Neuerscheinung Aufbau Verlag.

 

„Hier ist noch alles möglich“ Gianna Molinari. Roman. Neuerscheinung Aufbau Verlag.

Sie ist auf der Suche. Nicht nach diesem Job, den sie jetzt als Nachtwächterin auf diesem Fabrikgelände annimmt, das längst nur mehr seinem Ende entgegensieht. Sondern nach ihrer Geschichte oder Geschichten. In jedem Fall nach einem Beginn des Verstehens von Ich und Welt inmitten von tagtäglichen Bildern, die im Nebel irren lassen.

Hier soll es einen Wolf geben. Das interessiert sie sehr. Sie ist aufmerksam in allem. Der Chef, Lose, der Koch, Clemens. Sie führt Gespräche und erkundet das „Umland“. Das Zeichnen hilft ihr, Gedanken einen Raum zu geben und diese spielen und wachsen zu lassen. Die Einsamkeit des Ortes und seiner Geschichten fordert das Denken und den Versuch zusammenzufassen heraus. Aber das gelingt jetzt nicht. Die Fallgrube, gut getarnt, ist noch offen. Der Wolf ist noch unterwegs, oder? Der Tote vom Himmel ist begraben. Ohne Geburtsdatum. Und wie viel Leben gibt es hier eigentlich noch? Was sehe ich? Wie sehe ich? Sie blickt auf den Monitor. Dunkelheit. Doch der Wolf lässt nicht los – Ist er schon da? Hier ist noch alles möglich…

Die Schweizer Autorin und Literaturwissenschaftlerin Gianna Molinari, die 2017 bei den 41.Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt mit dem 3sat Preis ausgezeichnet wurde, legt mit „Hier ist noch alles möglich“ einen fulminanten Roman vor, der im großartigen Sprachspiel Sinn und Existenz als postmoderne Fabel hintergründig reflektiert. Der Autorin gelingt es meisterlich Deutung und Bedeutung modernen Weltverständnisses, Moral und Selbstbild reduziert wie pointiert erzählend zu öffnen. Der Mensch ist und bleibt in großer Aufmerksamkeit und Orientierung auf der Suche. Hintergründigkeit und Assoziation begegnet dabei in feiner ironischer Dystopie auf jeder Seite des Romans und lädt zum weiteren Nachdenken ein. Ein Roman, der sehr viel zu sagen und zu fragen hat.

„Molinari schreibt eine Fabel moderner Gesellschaft und Existenz – und sie tut dies fulminant“

 

Walter Pobaschnig, Wien 9_2018

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„Wovon Schwalben träumen“ Daniela Meisel. Roman. Neuerscheinung Picus Verlag.

 

Und jetzt stehen sie wieder hier am Baum. Hier begann es vor zwei Jahren. Viel passiert dazwischen. Zwischen Ihnen. Und jetzt der Heiratsantrag. Eigentlich alles perfekt. Doch da ist plötzlich diese Frage bei ihr: Wer bin ich? Und wer werde, könnte ich an seiner Seite sein? Die Worte fehlen ihr. Ein Taxi bringt sie nach Hause. Sie geht in die Wohnung der verstorbenen Großmutter – „Deine Wohnung ist ein Platz zum Atmen…Niemand sucht mich in der Wohnung einer Toten“. Und jetzt beginnt der Weg. Das Bild der Großmutter auf den Knien. Der Weg mit dem Abschied und ihrem Aufbruch – „Ich sitze im Wohnzimmer und alles flüstert deine Geschichte…“. Der Habicht am Fenster des Geburtszimmers, der Vater, der keiner sein konnte, die Tränen der Mutter, die Wiesen der Kindheit, die Jahre der Schule, der Krieg, der Hass, die Gewalt, das Verschwinden, der Tod und das Schweigen, Paul – Wer bin ich? Wie kann es weitergehen? – Der Weg der Großmutter. „…du bist deine Tage so selbstbestimmt angegangen. Wie ist dir das damals gelungen? Ihr Leben und mein Leben. Erinnern und mich wiederfinden. Der Weg beginnt – „Der Staub löst sich und die Teilchen wirbeln ins Blau…“.

Die studierte Biologin, Schriftstellerin und Schreibpädagogin, Daniel Meisel, die für ihre bisherigen Romane und Kinderbücher zahlreiche Auszeichnungen erhielt, legt mit „Wovon Schwalben träumen“ einen fulminanten Erzählbogen sprachlicher wie psychologischer Raffinesse vor, der moderne Fragen von Identität und Lebensentscheidung in einen mitreißenden Dialog mit familienhistorischer wie zeitgeschichtlicher Perspektiventiefe setzt. Eine Selbstsuche im familiären Kontext, in der es die Autorin beeindruckend schafft, die Bedeutung von Erzählung und Geschichte als wesentliche Schlüssel für Selbstverständnis und Selbstbewusstsein zu öffnen.

„Ein Roman, der existentielle wie historisch-kritische Reflexion mit poetischer Sprachkraft verbindet und in Spannung und Anspruch fesselt.“

„Wovon Schwalben träumen“ Daniela Meisel. Roman. Neuerscheinung Picus Verlag.

Walter Pobaschnig 8_18

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„Tokyo Fragmente“ Leopold Federmair. Neuerscheinung Otto Müller Verlag.

„Beschreiben wird bei Federmair immer zum Schreiben, zum sprachlichen Flanieren in und zu vielfältigen Bezügen von Gesellschaft, Kultur, Geschichte.“

 

„Tokyo Fragmente“ Leopold Federmair. Neuerscheinung Otto Müller Verlag.

Jemand kommt in einer Stadt an. Es gibt einen Ausgangspunkt und bald mehrere Anhaltspunkte. Ja, ganz unmittelbar. Gehen, stehenbleiben, gehen, stehenbleiben und so fort. Die Wege, Orte werden verbunden und vertraut. Das Wort „Ankommen“ nimmt in den Ortswiederholungen, die Aufmerksamkeit erzeugen, Form an. Um mehr von der Stadt erfahren zu wollen, gilt es, von diesen ersten Schrittfolgen und -linien dann nach und nach weg zu springen. In das Neue, das Unbekannte. Das ist schwerer als es scheint – sich in einer Stadt „verirren“ zu wollen. Wenn es gelingt, lohnt es. Vielerseits. Die Umwege werden zu Erfahrungen, Erkenntnissen, Richtungen oder zu Fallen. All das passiert. Eine Stadt erzählt vom Leben.

Der österreichische Schriftsteller Leopold Federmair, der seit 16 Jahren in Japan lebt und derzeit auch an der Universität Hiroshima unterrichtet, versteht viel vom „Verirren“ in der Großstadt – „Diese Kunst, wenn es eine ist, braucht vor allem Aufmerksamkeit, eine bestimmte Art davon, und ein Gespür, das erst mit der Zeit, mit den Jahren, mit den Wiederholungen kommt…“ – so beschreibt der Autor im Vorwort den Ausgangspunkt des vorliegenden Schreibprojektes, welches zeitlich 2011 in Tokyo begann und „zur Überraschung…im Lauf der Zeit zu einer geschlosseneren Form“ führte. Die Wege der Stadt rundeten sich im Wort und „die Erzählung begann, sich auf ihr Ende hinzuschreiben“.

Die Erzählung „Tokyo Fragmente“ selbst ist eine beeindruckende Reise der Aufmerksamkeit in Herz und Seele Tokyos. Federmair flaniert entlang von Wolkenkratzern und winzigen Stehlokalen (Udon), Shinto-Schreinen und Bahnhöfen, Cafes und Kinos. Die beschreibende Beobachtung von Ort, Mensch und Situation ist dabei immer eine sprachlich pointierte, die fast unbemerkt in eine ebenso markant auf den Punkt gebrachte Reflexion übergeht. Beschreiben wird bei Federmair immer zum Schreiben, zum sprachlichen Flanieren in und zu vielfältigen Bezügen von Gesellschaft, Kultur, Geschichte. Wie der Autor diese wunderbare Verbindung schafft, ist sein Geheimnis aber er in jedem Fall ist er ein Zauberer dabei und versteht viel vom Kunststück des Erzählens im besonderen Verirren in Stadt und Sprache.

 

Walter Pobaschnig 8_18

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„Königin der Berge“ Daniel Wisser. Roman. Neuerscheinung Jung und Jung Verlag.

 

„Königin der Berge“ Daniel Wisser. Roman. Neuerscheinung Jung und Jung Verlag.

Es geht um Leben und Tod. So viel steht fest. Für alle hier. Die, die näher und ausweglos am schwindenden Leben sind und die, die wieder gehen können, wenn die Arbeit zu Ende ist. Doch zu Ende ist für alle hier nichts. Dafür sorgen die Tage und Nächte der Menschen, die hier unterwegs ins Irgendwo sind und dabei still warten oder laut auftreten…

Herr Turin, mit Betonung auf der ersten Silbe, gehört zu Letzteren. Und er weiß was er will. Er will seine Whiskey Flasche im Nachtkästchen, in der Cafeteria des Heimes einen Wein trinken, seine erotischen Phantasien verbal und handgreiflich seiner Mitwelt schamlos entgegenschleudern – und er will in die Schweiz. Er will sich dort den Tod holen, jetzt in seiner ausweglosen Krankheit und seinen fünfundvierzig Jahren. Das will er, und keine Spaziergänge im Garten. Er hasst die umgebende Natur wie seinen mehr und mehr hilflos werdenden Körper. Sein Humor ist ein Galgenhumor, der keine Empathie kennt und der wohl sein letzter Schutz vor dem großen Schmerz in ihm selbst ist. Dem Schmerz des Verlassenseins und Verlassenwerdens, den er tief als Wunde im Leben und Sterben zu tragen und zu ertragen sucht…

Der in Klagenfurt geborene und in Wien lebende Schriftsteller und Musiker, Daniel Wisser, legt mit „Königin der Berge“ einen Roman am Puls der Zeit vor, der die großen aber stillen Themen moderner Gesellschaft – Einsamkeit und Hilflosigkeit angesichts der Kontingenz des Lebens – in direkter, authentischer und mitreißender Erzählform aufnimmt. Wisser schafft es in beeindruckend spielerischem Sprachstil (Narration, Dialog) das persönliche Ringen mit Krankheit zwischen innerer Zerrissenheit und vorgeschobenem Schutzschild täglicher Masken des überzogenen Selbstbewusstseins eindringlich, bis zur Lese-Gänsehaut, darzustellen.

„Ein Roman, der sicherlich einer der bemerkenswertesten Entdeckungen des Jahres ist.“

Daniel Wisser, Königin der Berge. Roman. Jung und Jung Verlag.

 

Walter Pobaschnig, Wien 8_2018

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Fotos: Cover _ Jung und Jung Verlag; Motiv _ Walter Pobaschnig.