Liebe Lyn Salcom, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen. Erster Stuhlgang. Erste Mahlzeit. Übersetzen, Lektorieren, meine Freundin wecken (eventuell Sex, wenn uns danach ist). Zweite Mahlzeit. Lesen, Spaziergang mit dem Hund der Nachbarn. Studiendaten auswerten, an der Studie arbeiten.
Manchmal kommen Freund_innen zu Besuch. Möglich: zweiter Stuhlgang.
Dritte Mahlzeit. Meine Freundin bingewatch, ich telefoniere mit meiner Mutter in Kanada und laufe um den Block.
Wir gehen ins Bett (zweite Möglichkeit für Sex).
Alles was Kunst sein könnte, entsteht dazwischen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir werden alle sterben, deswegen ist es für uns alle wichtig zu leben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Falsch. Dieses wir-alle ist eine reaktionäre und/oder verblödete Sicht auf die Menschheit, in jedem Fall stehen und standen die Menschen immer schon vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen, je nach class, gender, etc. Groussac hat mal gesagt (grob übersetzt): Ich bewundere meine Mitmenschen für ihre Fähigkeit, überall ein Wir-Gefühl erzeugen zu können und hasse sie dafür, dass sie es nie dann tun, wenn es wichtig wäre.
Ich stehe jeden Tag vor zwei Herausforderungen: den Ansprüchen an mich selbst und den restlichen, die von außen kommen. Die sind jeden Tag anders, so ist das.
Was Kunst damit zu tun hat? Das kommt auf die Ansprüche an.
Was liest Du derzeit?
Robert Frost, Laura Riding Jackson. Vonneguts „Hocus Pocus“, das bereitet gut auf alle kommenden Apokalypsen vor.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Siehe 3.
Vielen Dank für das Interview liebe Lynn, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Lynn Salcom, Künstlerin
Zur Person _ Lynn Salcom (*1990), geboren in Troisdorf, aufgewachsen in Vancouver und Köln. Arbeitet und lebt in London, Köln und (keine Angabe).
Foto_privat
21.4.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Tomas Schweigen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da meine Zeit als Künstlerischer Leiter am Schauspielhaus Wien gerade endet, ändert sich auch mein Tagesablauf momentan fundamental: In den letzten acht Jahren (und auch in den Jahren am Theater Basel davor) haben mein Terminkalender und To-Do-Listen meinen Tag bestimmt, meist auch an den Wochenenden. Jetzt werden meine Abläufe gerade spontaner, seit Freitag habe ich überhaupt Ferien. Das genieße ich sehr.
Tomas Schweigen, Regisseur, künstlerischer Leiter am Schauspielhaus Wien 2015 – 2023
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Unsere offensichtlichen Hausaufgaben zu machen, dabei aber den Spaß, die Lebensfreude und die Zuversicht nicht zu verlieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst zu?
Unsere Gesellschaften – nicht nur die österreichische – polarisieren sich bekanntlich zunehmend. Wir müssen mehr denn je versuchen, uns aus unserer Bubble hinauszubewegen und nicht nur für immer die gleichen Menschen Theater zu machen. Und wir dürfen politisches Theater nicht nur als Propaganda für „eh schon Überzeugte“ verstehen, sondern als Ausloten und Gegenüberstellen von diversen Perspektiven, Denkweisen und Standpunkten. Kunst kann Empathie, Toleranz und Neugier fördern. Das würde ich gerade für sehr gewinnbringend und wichtig halten.
Was liest Du derzeit?
Ich lese meistens Verschiedenes parallel – im Augenblick zum Beispiel T. C. Boyles „Blue Skies“ als Ferienlektüre und das kürzlich erschienene Gespräch zwischen Édouard Louis und Ken Loach über Kunst und Politik.
Welches Zitat, welche Textimpulse möchtest Du uns mitgeben?
Unsere Abschiedsinszenierung „The very End of it All and Everything“ birgt unglaublich viele zitierwürdige Weisheiten über Enden, die immer auch Anfänge sind, oder unseren Umgang mit Zeit, mit der Endlichkeit unserer Existenz. Ich kann mich da unmöglich für nur ein Zitat entscheiden. Fest steht: Das Ende wird kommen.
Vielen Dank für das Interview lieber Tomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Tomas Schweigen, Regisseur, künstlerischer Leiter am Schauspielhaus Wien 2015 – 2023
Zur Person_Tomas Schweigen, geboren 1977 in Wien, studierte zunächst Theaterwissenschaft, Germanistik, schließlich Schauspiel in Wien und ab 2000 Regie an der Zürcher Hochschule der Künste. 2004 gründete er in Zürich die Kompagnie »Far A Day Cage« (FADC). Seitdem über 50 Inszenierungen sowohl in der freien Szene (u. a. Theaterhaus Gessnerallee Zürich, HAU Berlin) wie auch an Stadt- und Staatstheatern, wiederholt u. a. am Schauspiel Frankfurt, am Schauspiel Hannover, Theaterhaus Jena, an den Münchner Kammerspielen, am Badischen Staatstheater Karlsruhe, Theater Oberhausen und am Schauspielhaus Wien.
Seine Inszenierungen wurden vielfach ausgezeichnet, zu zahlreichen internationalen Festivals eingeladen u. a. in Deutschland (Impulse-Festival, Politik im freien Theater, Theaterformen Hannover, Spielart München, Theater der Welt, Radikal Jung, Festival transeuropa uvm.), in der Schweiz (Zürcher Festspiele, Theaterspektakel, Festival Belluard, Auawirleben Bern, Theaterfestival Basel etc.), in Liechtenstein, in Frankreich (Festival Premières Strasbourg), Spanien, Portugal, den Niederlanden, der Türkei (Theaterfestival Istanbul) und im Iran (Fajr-Festival Teheran). Mehrfach wurde er von »Theater heute« als Nachwuchsregisseur des Jahres nominiert.
Von 2012 bis 2015 war er Co-Schauspieldirektor am Theater Basel, davor langjähriger Gastdozent an der Zürcher Hochschule der Künste. Seit 2015 (bis 2023, Anm.,) ist er Künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Wiener Schauspielhauses und inszenierte »Punk & Politik«, »Strotter«, »Traum, Perle, Tod«, »Blei«, »Seestadt-Saga 1+2«, »Digitalis Trojana. Der See, die Stadt und das Ende«, »Schlafende Männer« und »Das Leben des Vernon Subutex I&II«. In der Spielzeit 19/20 ist seine Umsetzung von »Im Herzen der Gewalt« des jungen Starautoren Édouard Louis und »Rand« von Miroslava Svolikova am Schauspielhaus zu sehen.
Zur Person_Esther Ben Mohamed, Musikerin und Autorin, geboren in Hamburg, studierte Musikpädagogik in Saarbrücken und lebt mit ihrem Sohn und ihrem Hund in Lothringen. Sie unterrichtet Querflöte und Klavier, mit 50 Jahren hat sie noch angefangen, Cello zu lernen. Als Autorin veröffentlichte sie ihre Biografie „Das Leben ist ein reines Ausprobieren“ sowie den Gedichtband „Ich habe Liebe gefunden.“ Sie nahm an mehreren Anthologien teil und schreibt fast täglich Lyrik und Gedichte.
Yvonne Brandsteter, Schauspielerin _ acting Christine Lavant _ 50.Todestag Christine Lavant, Schriftstellerin _Christine Habernig, geb. Thonhauser; * 4.Juli 1915 in Großedling be St.Stefan im Lavanttal +7.Juni 1973 WolfsbergSt.Stefan/Lavanttal _ Kärnten „Christine Lavant“ Schule in St.Stefan
Mein Name ist Hans Lintschnig, meine Eltern waren die Quartiergeber Christine Lavants in St.Stefan (ab 1951 Anm.). 1950 vergrößerten wir unsere Gemischtwarenhandlung und konnten Christine eine kleine Wohnung zur Verfügung stellen. Wir haben sie Christl genannt, mit meiner Mutter spielte Christine Karten.
Sie war unsere unauffällige Mitbewohnerin und es war nicht abzusehen, dass aus Ihr eine solche Berühmtheit wird.
Hans Lintschnig zeigt auf die Wohnung Christine Lavants im 1.Stock des HausesGeburtshaus von Christine Lavant
„In diesem Haus in St. Stefan erblickte die Schriftstellerin Christine Lavant (eigentlich Christine Habernig, geb. Thonhauser) am 4. Juli 1915 das Licht der Welt. Das einstige Wohnhaus der Familie wurde später verkleinert und zu einer Garage umgebaut. Das Haus befindet sich kurz nach der südlichen Ortseinfahrt von St. Stefan auf der linken Seite im Ortsteil Großedling. Ca. 600 Meter weiter Richtung Norden, befindet sich auf der rechten, östlichen Straßenseite das Haus der Familie Lintschnig, auf dessen nördlicher Fassade eine Gedenktafel daran erinnert, dass Christine Lavant dort von 1951 bis zu ihrem Tode am 7. Juni 1973 gelebt hat.
Das Haus in Großedling trug vormals die Bezeichnung „Bäcklkeusche“. Erich Kucher, ein Neffe von Christine Lavant, beschrieb die Wohnsituation der Familie Thonhauser folgendermaßen: „Drei Kinder schliefen bei der Mutter im Bett, eines auf dem alten Diwan, zwei auf einem Bett im Keller und das Kleinste in einer großen Schublade, die tagsüber unter das Bett geschoben wurde.“
Hans Lintschnig : In ihrem Kontakt zur Nachbarschaft war ihr Solidarität wichtig. Sie war eine bemitleidenswerte Frau, die niemand etwas Böses wollte.
Sie war in die Sprache verliebt, auch in Wörter, die im Alltag nicht üblich waren. Als Beispiel etwa, sie bezeichnete die Straßenlaternen als „Kandelaber“. Oder die Scheibtruhen der Bauarbeiter waren für sie die „Kaijola“.
Ihr Lieblingsgetränk war Tee, schwarzer Tee. Geraucht hat sie sehr starke filterlose Zigaretten.
Mit Werner Berg und seiner Frau Mauki verband sie eine enge Freundschaft. Wie eng, intensiv diese war, spielt ja keine Rolle mehr. Ich denke, dass nicht alles zutrifft, was gemutmaßt wird.
Christine lebte hier bei uns mit Ihrem Ehemann, dem Kunstmaler, Benedikt Habernig. Es war ein großer Altersunterschied, aber der Tagesrhythmus war ein verschiedener. Ihr Mann ging fast täglich nach Wolfsberg und zurück, wohl zu geselligen Treffpunkten. Christine kochte für ihn. Es war eine einfache Kost von Kartoffeln, Nudl. Nicht Käsnudl, da es damals kaum Topfen gab.
Sie lebte sehr zurückgezogen und hielt sich gerne hier im Garten auf. Sie schätzte auch den Blick auf die Koralm sehr.
Hans Lintschnig im Garten seines Hauses
Ihre Reise nach Instanbul bewirkte auch eine „Verunsicherung“ ihres traditionellen christlich-katholischen Glaubens. Die Symbolik des Mondes, auch auf ihrem Grab, weist für mich darauf hin. Ihr Mann soll ja in den letzten Jahren zum evangelischen Glauben übergetreten sein.
Standort des ehemaligen Wohnhauses von Christine Lavant in St.Stefan_ 1951 Umzug zur Familie Lintschnig
In den 1960er Jahren übersiedelte sie kurz nach Klagenfurt in ein modernes mehrstöckiges Wohnhaus. Ein Reporter besuchte sie damals. Alle Fenster bis auf eines nach Osten waren mit Vorhängen verdunkelt. Auf die Frage des Reporters warum, antwortete sie, dass das eine freie Fenster nach Osten und in das Lavanttal weise.
Sie kehrte daraufhin bald nach St.Stefan zurück.
In der Zeit des Nationalsozialismus war sie in ihrer gesundheitlichen Konstellation sehr gefährdet. Da ein Onkel von ihr Bürgermeister von St.Stefan war, war sie geschützt und wurde nicht wie viele andere im Euthanasie Programm ermordet.
Gegen Ende ihres Lebens übersiedelte sie in ein Pflegeheim nach Wolfsberg, wo sie auch starb.
Grab von Christine Lavant in St.Stefan50.Todestag Christine Lavant, Schriftstellerin _ Christine Habernig, geb. Thonhauser; * 4.Juli 1915 in Großedling be St.Stefan im Lavanttal +7.Juni 1973 Wolfsberg
Lieber Kristian Kühn, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Früh aufstehen, obwohl ich Langschläfer bin, um so gegen 9 Uhr morgens (oder später) am Schreibtisch zu sitzen und für die Signaturen am Täglichen zu arbeiten.
Ab frühem Nachmittag privat Liegengebliebenes, Bürokram, Einkäufe tätigen, danach sind, wenn ich gut drauf bin oder es dringend zeitlich muss, die eigenen Texte dran, seien diese für mich oder für die Signaturen geplant.
Gelegentlich besuche ich auch dann Lesungen oder andere Veranstaltungen. Schreiben und leichte Gartenarbeit, wie Lutz Seiler es kürzlich ironisierend bemerkte. Wobei ‚leichte Gartenarbeit‘ für mich bereits ein bisschen Bewegung wie Müllwegbringen oder leichte Spaziergänge bedeutet.
Kristian Kühn, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht so genau, wer wir alle sind. Weil ich ein ziemlicher Einzelgänger bin, blicke ich auch ziemlich punktuell auf andere. Und könnte da sagen, was mich bei Einzelnen stört, was ich bei anderen bewundere. Letztlich mache ich inhaltlich die Signaturen jetzt seit zehn Jahren, ja, am 6. Juni 2023 sind es genau zehn Jahre, und da hat sich innerhalb der Lyrikszene sehr viel geändert. Bis etwa 2016 kann man hier im Netz einen allgemeinen Versuch beobachten, einen minimalen Zusammenhalt zu wahren und an einem Strang zu ziehen, der sich allerdings in mehrere entflicht. Ein Beispiel dafür ist die damals intensive Frage nach einer besseren Qualität von Lyrikkritik. Man suchte – trotz aller Gegensätze – nach einem Konsens für Planung. In abgeschwächter Form kam es 2018 noch einmal dazu, wurde aber nicht aufgearbeitet, unter anderem nicht nur, weil niemand dazu Lust hatte, sondern auch weil die Beiträge sich kaum noch inhaltlich zusammenbringen lassen konnten. Stattdessen polarisierten politische Invektiven, moralisierende Forderungen, gesellschaftliche Unruhe immer mehr, sodass sich der Kulturkrieg der USA zunehmend auch auf Europa sprich Deutschland übertrug und drei Lager manifestierte, mal von dem Sonderweg feministischer Einwirkungen abgesehen, die kaum noch sich gegenseitig auf einem Blatt ertragen – gattungsmäßig die Moderne, die Postmoderne und als neuer Mitstreiter eine Art Antimoderne, die nur noch eine Ebene sieht, das Diesseits mit den Mitteln der Aufklärung, der Technik und der physischen Weiterentwicklung hin zu einem neuen Menschenbild im Hier und Jetzt, sei dieses der Cyborg-Weg, der sozialistische oder ein matriarchaler oder Mischformen dieser Tendenzen. Dagegen die Postmodernen, die ein gewisses „Mit-ohne-Mit“ (einer doppelten Schönheit) zulassen bzw. zumindest mit ihrer Non-Existenz oder Faltung oder Dekonstruktion literarisch spielen. Und als überholtes Modell, das den Menschen in ein Spannungsfeld zu einer anderen (geistigen) Ebene setzt, die Moderne und ihre Enttäuschungen. Dieses Bild ist auch politisch nachzuvollziehen, autokratisch autonomes Schreiben versus demokratisches Schreiben in Schreibgruppen, in Spontanlesungen, in Ausschreibungen, Verteilung der Preise an alle, usf., und auch kulturell, zwischen Kunst und Kulturalismus, kurzum: der Kampf zwischen diesen Weltanschauungen wird größer, ein Verdrängungswettbewerb von der Atomkraft zur Wärmepumpe, auf allen Ebenen, um jeden Preis. Einige verstummen, weil sie den Druck nicht aushalten (wollen), andere werden übergriffig. Nun pfeift auch noch die KI neuen Wind hinein und treibt zu einer „letzten Entscheidung“, sei diese militärisch, bei den Wahlen oder auf dem Papier – und ich? Wo bleibt das Ich im Kriegsgewirr? Ich sage: diesen Krieg entscheiden wir in uns selbst – jedes Ich im Blickfeld des inneren Spiegels zu sich selbst. Doch Lyrik als Demagogie ist die größte Gefahr hier bei uns, hier in Deutschland sowieso und auch Österreich.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Es ist ein Spagat für viele. Vor allem, wenn man auf der einen Ebene autokratisch und auf der anderen demokratisch ist bzw. sein möchte. Ich denke, gerade in der Literatur kann oder sollte man durchaus zur Polarität stehen und, solange sie das Ich nicht zerreißt, Dialektik zu Rate ziehen. Die Literatur sollte dennoch aufhören, Dinge metaphorisch zu vernebeln, neuen Heldenmut vortäuschen, derweil die Pantoffeln der Subvention angezogen werden, um Ratlosigkeit oder das eigene So-Tun-Als-Ob zu verschleiern, die eigene Meinungslosigkeit oder Herzensunlust mit lyrischen Mitteln „metonymisch zu moralisieren“. Am schlimmsten: Verlogenes Pathos, da rate ich dringend, Pseudo-Longinus: Vom Erhabenen zu lesen, um nicht ins Schwülstige oder Lächerliche zu verfallen. Denn wer kann erhaben schreiben, ohne erhaben zu sein?
Was liest Du derzeit?
Ich frage mich, warum Imagination immer wieder am eigenen Knoten aufhört, lebendig zu werden und dann auch – sich ausbreitend – zu wirken. Warum es heute funktioniert und morgen nicht. Wie man das Lebendige transportieren kann über Zeiten, Räume und Personen, und lese Werke über Imagination sehr verschiedener Art, von Ted Hughes‘ „Wie Dichtung entsteht“ bis Nicholas Roerich: „Shambhala – das geheime Weltzentrum im Herzen Asiens“ oder James Bogans „Blake’s City of Golgonooza in Jerusalem: Metaphor and Mandala“ – weil ich herausfinden will, wie man die Löchrigkeit imaginierter Bilder stabilisieren könnte, mit erlernbaren Mitteln. Anders: Ob und wie Sprache auf den Körper wirkt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Anna Breitenbach: Der Himmel
Etwas heruntergekommen,
aber immer noch: Himmel
unbenommen.
(in Anna Breitenbach: Dichte Nähe. Körper, Wörter, Wirkstoffe. Konkursbuch, 2023)
Vielen Dank für das Interview lieber Kristian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Kristian Kühn, Schriftsteller
Zur Person_Kristian Kühn, Drehbücher, Prosa, Lyrik. Essays. Seit 2010 Mitorganisator des Lyrikpreises München. Seit 2013 Herausgeber des Online-Magazins Signaturen. https://signaturen-magazin.de/ Wohnt in München.
Foto_privat.
21.5.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Valeria Gordeev, Schriftstellerin, Illustratorin _ Berlin
Liebe Valeria Gordeev, herzliche Gratulation zur Bachmannpreisnominierung!
Herzlichen Dank.
Wie und wann hast Du von Deiner Nominierung erfahren? Was war Deine erste Reaktion? Wie wird jetzt gefeiert?
Insa Wilke gab mir schon bald nach der Einreichung meines Textes Bescheid, ich musste also zum Glück nicht lange warten. Erst danach habe ich mich gefragt, ob ich wirklich bereit dazu bin bzw. ob ich mir die Teilnahme im Moment überhaupt erlauben kann, da ich doch eigentlich daran arbeite, meinen Roman abzuschließen. Ich habe in dieser Zeit gerade einen Monat im Mare-Künstlerhaus in Wentdorf bei Hamburg verbracht und bin dort durch das ganze In-mich-hinein-Horchen und nach »Zeichen«-Ausschauhalten bei einem Spaziergang im benachbarten Sachsenwald in einen Bach gefallen (es hatte stark geregnet, ich wollte das Ufer überqueren und rutschte ab). Dass ich mich trotzdem für den Wettbewerb entschieden habe, beweist, wie wenig hilfreich diese hin und wieder in Entscheidungssituationen aufkommende Zeichengläubigkeit ist, schließlich hätte ich ja wohl kein eindeutiger gegen eine Teilnahme sprechendes Zeichen erwarten können als einen Sturz in einen Bach(mann), der mich bis zur Hüfte mit Schlamm bedeckte (aus dem Schlamm ziehen wäre als Entscheidungshilfe auch völlig akzeptabel gewesen), und trotzdem habe ich mich dafür entschieden. Jetzt freue ich mich darauf, sogar sehr. Was für ein Irrsinnsspektakel, schade, dass ich nicht selber vor dem Fernseher sitzen kann. Letztlich überzeugt hat mich die Aussicht, einen bei der Einreichung noch ganz jungen, nur wenige Tage alten Text des Romans in Rahmen des Wettbewerbs vergleichsweise schnell zur Veröffentlichung zu bringen, langsam verliere ich nämlich die Geduld. Gefeiert habe ich noch nicht, gut, dass Sie mich daran erinnern!
Mit welchem Text kommst Du nach Klagenfurt?
Es ist ein Text aus einem neuen Teil meines Romans, das heißt eigentlich das Verbindungsstück zu diesem neuen Teil, den ich lange aufgeschoben habe und jetzt endlich auch schreibe. Ich würde gerne noch mehr davon erzählen, darf das aber vermutlich nicht, schließlich werden die Texte ja erst bei der Lesung veröffentlicht. Nur so viel: Er spielt Anfang der Nullerjahre, arbeitet unter anderem mit Humor und umfasst insgesamt 2913 Wörter (was auf dem Kopf stehend, in den Taschenrechner eingetippt, das Kürzel ELGZ ergibt, möge mir jemand sagen, was das bedeuten soll), der letzte Buchstabe ist ein R, der erste ein E.
Die Lesung ist wesentlicher Teil der Textpräsentation. Welche Performance dürfen wir da von Dir erwarten?
Gute Frage, darüber werde ich mir noch Gedanken machen. Ich versuche, noch ein, zwei Wochen intensiv zu schreiben und widme mich dann der Lesung. Ich mag das monoton Vorgetragene, finde, dass ein Text dadurch mehr als Text wahrgenommen werden kann. Dagegen kann ich szenisch interpretierten, von geschulten Schauspieler*innenstimmen vorgetragenen Texten oft nicht folgen, für mich steht dann mehr die Sprechweise der Schauspieler*in im Vordergrund, aber da gehen die Meinungen ja auseinander. Pausen sind wichtig, Wechsel in der Geschwindigkeit.
Wie sieht Deine Vorbereitung jetzt aus?
Ich esse viel und treibe Sport.
Auf was freust Du Dich schon besonders?
Auf die anderen Lesenden, auf das Kennenlernen der Jury, und vielleicht, das wäre schön, auch auf die eine oder andere neue Freundschaft. Auf die Zugfahrt mit der Österreichischen Eisenbahn. Auf das Schwimmen im Klagen- und Wörthersee, hoffentlich wird in meinem Koffer noch genug Platz sein, um Flossen mitzunehmen und blitzschnell wie ein Delphin das türkisblaue Wasser durchschwimmen zu können.
Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!
Danke.
Bachmannpreis 2023 Teilnehmer:innenvorstellung:
Valeria Gordeev, Schriftstellerin, Illustratorin _ Berlin
Zur Person: Valeria Gordeev ist Autorin und Illustratorin und arbeitet gegenwärtig an ihrem Debütroman. Darin beschäftigt sie sich unter anderem mit einem fiktiven Forschungslabor, das sich der Konservierung des Leichnams Lenins widmet, aber auch anderen, das biologische Leben und Sterben betreffende Fragen auf den Grund zu gehen versucht.
Sie studierte Mathematik, Illustration und Art in Context in Berlin und Literarisches Schreiben in Leipzig. Für ihre schriftstellerische Arbeit erhielt sie Auszeichnungen: 2022 den Preis der Floriana Biennale für Literatur, 2021 eine Nominierung für den Alfred-Döblin-Preis, 2020 ein Stipendium des Landes Brandenburg und des Landes Baden-Württemberg, sowie andere Förderungen (die Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Kolloquiums Berlin, die Schreibwerkstatt Edenkoben), die ihr sehr geholfen haben. Die Recherche für ihren Roman wurde durch das Grenzgänger-Programm unterstützt, allerdings konnte sie die geplante Reise nach Moskau durch den fürchterlichen Krieg nicht antreten. Zeichnungen sind im Guggolz-Verlag erschienen, dort übernimmt sie des Öfteren die Cover-Illustration.
Bachmannpreis 2023
Von 28. Juni bis 2. Juli finden die 47. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt statt.
Ich wollte immer und will, weil ich es nicht wie viele andere tun kann, Freundlichkeit finden, beobachten, was von Wert scheint.
Von den Nachrichten mich am Menschsein schämen müssen, oder aufsteigenden Zorn, gleichsam eine Schwellung im Hals beim Schlucken, empfinden?
Es reflektiert im Grunde und im Endeffekt nur die Bewusstwerdung, dass ich auch einen schwachen Geist haben könnte, der nur zu Verwirrung führt.
Perspektivenwechsel einfließen lassen.
Eine schriftliche Überlieferung bliebe aber immer unvollständig, weil die Schrift das Spüren von lebendiger Angst verhindert.
Angst habe ich, würde ich sagen, weil ich seit jeher nicht weiß, wie man auf etwas wie brutale Aggression zu reagieren hat.
Cortex beherberg die Spielwiese der Seele.
Ereignisse-durchkreuzt, die unheimlich plötzlich und schnell ablaufen.“
Aber, trotz der aktuellen guten Versorgung – die effektive reale oder die mutmaßliche – hat man eine befristete Zeit, und diesbezüglich keine Verträge, die eine entscheidende Rolle spielen.
Chronische Migräne? oder ist es eher ein Kopf-Zerbrechen.
Horchens-Zustand, des betrachtenden Nachdenkens, aber auch im Begriff des uns Aufmachen-Wollens, des Hinein- und des Herausschreiten-Sollens.
Aber gemeinsam und im Ganzen könnten wir, wenn nur wir wollten, eine eigenwillige Frucht bilden.
Nach der Art, dass abrupt die Kerne des Granatapfels einfallen, wo auch jeder Kern jedoch für sich lose wertvoll ist.
Charakter
Einmal wieder mit Zea ins Theater gehen – denn sowas tun andere Menschen, solche mit FRIEDVOLLER Kreativität, eben auch.
Ivo Rossi Sief,29.5.2023
Ivo Rossi Sief, Bildender Künstler, Schriftsteller
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Ivo Rossi Sief, Bildender Künstler, Schriftsteller
Lieber Andreas Wutte, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im besten Fall nicht allzu früh aufstehen, etwas Text lernen, Kabarettprogramm schreiben, Musik hören, zur Theaterprobe fahren, am Abend Vorstellung spielen und den Abend mit guten Freunden und Kollegen, bei einem oder zwei Getränken und guten Gesprächen ausklingen zu lassen. Da mich aber noch kein Theater mit massenhaft Geld überschüttet hat, habe ich auch noch einen Teilzeitjob im Büro.
Dass ich aber schon einen Teil meines Lebens aus dem finanzieren kann, was mir wirklich am meisten Freude bereitet, nämlich der Kunst, bedeutet für mich Lebensqualität. Das passiert auch nicht von heute auf morgen und ist harte Arbeit. Dafür bin ich sehr dankbar.
An den anderen Tagen gehe ich ins Büro und erledigt dort meine Aufgaben. Das mache ich aber auch nicht ungern, vor allem, weil ich in einer großartigen Firma angestellt bin, wo ich flexibel sein kann und die stets auf meine Bedürfnisse als Künstler eingeht. Das ist auch nicht selbstverständlich.
Ich denke 95% der berufstätigen Bevölkerung möchte im tiefen Herzen gerne etwas anderes machen, entscheiden sich aber, aus welchen Gründen auch immer dagegen. Diese Gründe sind meistens durchaus nachvollziehbar. Ich bin jedoch sehr froh diesen Schritt ernsthaft gewagt zu haben.
Andreas Wutte, Schauspieler,Kabarettist, Sprecher
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Floskel „Wir brauchen jetzt alle Zusammenhalt“ ist zwar richtig, wird aber leider zumeist von den Menschen gepredigt, die nicht einmal wissen wie man Zusammenhalt schreibt. Zusammenhalt war auch bereits vor der Pandemie und dem Krieg in Europa nicht ganz unwesentlich. Die Menschen in den vom Krieg betroffenen Regionen weltweit wird es auch recht wenig interessieren ob die Leute in Österreich „eh gut“ zusammenhalten.
Was jetzt besonders wichtig ist, muss denke ich jeder für sich selbst entscheiden. Für mich ist es das, was es schon immer war – den Humor niemals zu verlieren und dankbar zu sein für das, was man hat, bzw. nicht hat.
Darüber hinaus wo es geht, Menschen, denen es nicht so gut geht im Rahmen meiner Möglichkeiten zu unterstützen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das Theater hat die Möglichkeit verschiedenste Blickwinkel aufzuzeigen. Generell bietet Kunst Abstand zum Alltag. Diese Möglichkeit sollte vermehrt genutzt werden.
Was mir persönlich auch sehr wichtig wäre ist, dass die Freunde des Kabaretts, bzw. der Comedy vermehrt jüngeren, sowie nicht der breiten Masse bekannten Künstlern, bzw. die Menschen generell der Off-Szene des Theaters mehr Aufmerksamkeit schenken. Sie werden es nur in den allerseltensten Fällen bereuen. Erfahrungsgemäß seltener als in den großen Häusern.
Was liest Du derzeit?
Hope Street von Campino
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Abgenutzt, aber wahr und zeitlos:
Wie Menschen andere Menschen behandeln, ist eine direkte Reflexion davon, wie sie sich selbst fühlen. (Paulo Coelho)
Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Kabarettprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andreas Wutte,Schauspieler,Kabarettist, Sprecher
Zur Person_Andreas Wutte, geboren und aufgewachsen in Kärnten, lebt in Wien, hat die Schauspielschule 2016 abgeschlossen und erhielt im gleichen Jahr auch das Diplom zum staatlich anerkannten Schauspieler. Im Zwangsurlaub während der Pandemie begann er sich dem Kabarett zu widmen, was ihm auch gleich den Sieg bei der Talente-Show des Wiener Kabarettfestivals 2022 einbrachte. Sein erstes abendfüllendes Soloprogramm „Reine Gedanken“ feierte ebenfalls 2022 Premiere. Ein zweites Programm ist in Arbeit.
Wien und Berlin. Zwei Weltstädte, die in ihrer Vielfältigkeit faszinieren. Diese einmalige Einladung zu Kultur, Geschichte, Kulinarik und auch Natur, die jährlich Millionen Besucher:innen begeistert, hat eine lange Geschichte, die weit über das 21.Jahrhundert hinausführt. Dabei gab und gibt es Austausch, Kooperation und auch Wettbewerb, der auch ganz wesentlich zur Entwicklung und Inspiration moderner Gesellschaft beitrug und beiträgt.
Jens Wietschorke, Kulturwissenschaftler am Lehrstuhl für Europäische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, stellt nun in „Wien – Berlin. Wo die Moderne erfunden wurde“ spannende geschichtliche, kulturgeschichtliche wie identitätsbildende Aspekte dieser besonderen europäischen Metropolen vor.
„Wien und Berlin sind zwei Metropolen, die durch eine ausgesprochen intensive Anziehungs- und Abstoßungsgeschichte miteinander verbunden sind.“
In 8.Kapiteln, beginnend mit „Klischee und Wirklichkeit“ über historische kulturwissenschaftliche Vergleiche, Konkurrenz wie Architektur und Topographie, Musik und Identität, die grauen/goldenen 1920er Jahre, Literatur, Theater wie Kultur und Transformation spannt sich ein informativer wie sehr fein erzählender Städtebogen zwischen Berlin und Wien, der Geschichte-, Kultur-, Reisebegeisterte wie Einheimische wunderbar in Straßen, Plätze, Geschehnisse und Geheimnisse einer Stadt eintauchen und viel Neues und Unbekanntes einst und jetzt entdecken lässt.
Ein ausführlicher Anhang mit Anmerkungen, Literaturhinweisen, Register vertieft diese faszinierende Kultur- und Zeitreise.
„Die Faszination Wien und Berlins als einmalige kulturelle Zeitreise!“
„Wien – Berlin. Wo die Moderne erfunden wurde“ Jens Wietschorke. Reclam Verlag
Originalausgabe; Geb. mit Schutzumschlag. Format 13,5 × 21,5 cm