
5 Fragen an Künstler:innen
Johanna Wagmeier, Kabarettistin und Autorin _ Graz
Liebe Johanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der hat sich Mitte September radikal geändert. Die ganze Familie muss jetzt in die Schule, wir stehen also früh auf, damit wir rechtzeitig fertig sind. Dann fahre ich mit dem E-Bike in die Schule und unterrichte. Am Nachmittag beschäftigen sich unsere Kinder sehr viel selbst, deshalb hab ich meist ein bisschen Zeit, um alles zu erledigen, was sonst so liegenbleibt. Außerdem muss ich ca. eine Stunde für die Irrigation einplanen – ich mache mir einen Einlauf mit warmem Wasser um meinen verbliebenden Dickdarm zu leeren, damit ich die übrige Zeit im Idealfall kontinent bin. Abends bringen mein Mann und ich die Kinder abwechselnd ins Bett und haben dann noch Zeit zum Lesen oder um einen Film zu schauen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Seit meiner Krebserkrankung bin ich der Meinung, dass für uns alle Gesundheit das Wichtigste im Leben ist. Davor konnte ich das nicht nachvollziehen, weil Gesundheit für mich selbstverständlich war. Aber wenn sie fehlt, dann versteht man erst die Wichtigkeit. Abgesehen davon finde ich es wichtig, in jeder Situation das Beste aus dem eigenen Leben zu machen – und zwar sowohl für sich als auch für andere. Für mich ist das Schreiben und auf der Bühne stehen daher eine Synergie: Es ist für mich ein wunderbares Erlebnis und ich kann andere zum Lachen und zur Koloskopie bringen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mein persönlicher Aufbruch war meine Krebsdiagnose, das war der Startpunkt einer langen Reise. Mir war rasch klar, dass ich diese Reise nicht alleine schaffen werde, daher habe ich begonnen, über meine Krankheit zu reden und zu scherzen – um viele andere „ins Boot zu holen“.
Gesellschaftlich ist mein Eindruck, dass die Entwicklung für viele auch in diese Richtung geht. Es wird heute zum Glück mehr über Krankheiten, Tabuthemen und Unperfektes gesprochen. In meiner Kindheit war es noch so, dass es sehr viele Normen gab, denen man entsprechen musste und wie man zu funktionieren hatte. Ich habe heute in vielen Bereichen das Gefühl, das Ziel ist, jeder soll das Beste aus sich machen können und zwar auf seine eigene Art. Es wird zum Glück verstärkt Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse genommen und Unterschiede werden oft als Bereicherung gesehen. Ich hoffe, dass sich diese Sichtweise durchsetzt und die Menschen erkennen, dass es viele verschiedene Wege gibt, um eine gute und wertvolle Person zu sein.
Was liest Du derzeit?
Die „That’s life in dystopia“ Trilogie von Johanna Grillmayer. Außerdem die Deutschmatura des Herbsttermins 2026.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wenn man nur einmal lebt, sollte man vielleicht so sehr Mensch sein, wie es möglich ist.
Quelle: Berni Wagner im White Ribbon Podcast https://whiteribbon.at/erzaehl-amal-berni-wagner-ueber-maennlichkeit-das-patriarchat-verstuemmelt-maenner/ Grund, warum ich es mir angehört habe: Er ist mein Bruder.
Vielen Dank!

Zur Person/über mich: Johanna Wagmeier
Ich wurde 1987 in Linz geboren und wuchs in Oberösterreich auf. Nach der Matura 2005 am BG/BRG Auhof folgte das Lehramtsstudium Deutsch und Chemie an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Anschließend arbeitete ich erst zwei Jahre an einer ländlichen Mittelschule dann an einem Grazer Gymnasium. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Im Herbst 2022 wurde bei mir ein Rektumkarzinom diagnostiziert. Während der Behandlungen entdeckte ich mein Talent dafür, schwierige Situationen mit Humor zu meistern und hatte mein Debüt als Kabarettistin beim Grazer Kleinkunstvogel. Mir ist es wichtig, offen mit meiner Krankheit umzugehen und ich habe festgestellt, dass dies nicht nur von meinem Umfeld, sondern auch in der Öffentlichkeit gut aufgenommen wurde. Inzwischen bin ich in der onkologischen Nachsorge. Drei Jahre, ein Buch und ein Soloprogramm später hat sich im Grunde nichts geändert: Ich bin immer noch der Meinung, Krebs ist eine zu ernste Diagnose, um sie nicht mit Humor zu nehmen. Daher plädiere ich weiter für Offenheit im Umgang mit Schicksalsschlägen und zaubere meinem Publikum ein Lachen ins Gesicht, egal wie ernst das Thema ist.
Zuletzt erschien mein Buch „Donauschwabe und Mostschädel. Die Geschichte meines Großvaters“ ebenfalls im Verlag am Rande. Es handelt von meinem Großvater der als Sechsjähriger im Zweiten Weltkrieg im Zuge der Aussiedelung der Donauschwaben von Kroatien nach Österreich kam.
Website: johannawagmeier.at
Aktuelle Bücher von Johanna Wagmeier:

„Mein Leben war das ganz normale Alltagschaos einer berufstätigen Mutter von zwei Kleinkindern. Ich war 35 Jahre alt, als ich unerwartet die Diagnose Darmkrebs erhielt, die alles veränderte.
Schnell wurde mir klar: „Über den Scheiß sollte mal jemand reden.“ Im folgenden Jahr durchlief ich mehrere Behandlungen, die mein Leben in vielerlei Hinsicht auf den Kopf stellten. Dabei erlebte ich viele absurde Momente, in denen mir nicht klar war,
ob ich besser lachen oder weinen sollte. Ich entschied mich (meist) für das Lachen.
Dies ist ein Buch über Krebs – und trotzdem ein lustiges Buch.
Und es geht gut aus, versprochen.“
Johanna Wagmeier
UNTER DER GÜRTELLINIE
Mit Humor gegen den Tumor
Hardcover, Fadenheftung
204 Seiten
ISBN: 978-3-903190-70-2
€ 24,20

Johanna Wagmeier
DONAUSCHWABE UND MOSTSCHÄDEL
Die Geschichte meines Großvaters
ISBN: 978-3-903190-79-5
Verlag am Rande, 1. Auflage Juli 2026,
Hardcover, Fadenheftung, Lesebändchen 176 Seiten, € 24,20
Fotos: Portrait _ Lukas Fritzer; Cover _ Verlag.
Walter Pobaschnig _ 23.9.2026