Michael Hillen ist eine ganz besondere lyrische Stimme, die sich in ganz außergewöhnlicher feiner Sprachkraft in Form und Thema manifestiert. Es ist ein sehr aufmerksamer Blick auf Leben in Weg und Erinnerung und die Begegnungen, Erfahrungen, Besonderheiten darin, der sich poetisch narrativ wie ein Fluss durch Ort, Welt und Zeit still und ausstrahlend bewegt. Und wie an einem Fluss ist gleichsam das Lesen ein Öffnen der Sinne und Einlassen auf Wasser und Stein am Weg des Lebens.
Der Gedichtband selbst ist in drei große Kapitel – „Geruch aus fernen Tagen“ / „Aus mittlerer Entfernung“ / „Heute noch“ – gegliedert, die Stationen und Blitzlichter von Erinnerung, Gegenwart und Zukunft ausdrucksstark wie eindrücklich poetisch lebendig werden lassen. Und darin ist der Autor ein Meister, ein poetischer Zauberer, der in großer Faszination wie Geheimnis Sprachbilder auftauchen, wirken, strahlen und sanft entschwinden lässt.
Wo das Gestern geblieben ist. Gedichte. Michael Hillen. Königshausen&Neumann Verlag
Gleichmut angesichts von Ungerechtigkeit ist verwerflich
Emanzipation des Weiblichen sei unser Hauptanliegen
Blauäugigkeit ist von Schaden und soll durch Literatur eliminiert werden
Ohne Wahrheit keine Menschlichkeit, sie ist dem Menschen zumutbar
Realität ist nicht durch Drogen, wohl aber durch Widerständigkeit veränderbar
Glückssuche gelingt leider nur zeitweilig
Franziska Bauer, 6.1.2026
Franziska Serokina Lindenthaler, Schauspielerin, Moderatorin_Wien _ acting Malina _ Wien 4/23, Walter Pobaschnig 4/23, folgende
Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen ihrer Texte. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin. Mit Wien bleibt die später in Rom lebende Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina spielt in Wien, ebenso nehmen viele Gedichte darauf Bezug.
Ingeborg Bachmann am Pressegger See/Kärnten. Die Familie verbrachte hier regelmäßig Sommer/Urlaubstage bei den Verwandten väterlicherseits im Gailtal.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Kirstin, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann habe ich früh, in meiner Jugend, zu lesen begonnen, in einem Alter, als es noch undenkbar war, dreißig Jahre alt zu sein. Diese Phase dauerte etwa zehn Jahre. Seitdem habe ich Bachmann aber mehr gelesen. Vielleicht kommt ja irgendwann eine neue Phase … Den Beginn damals machten Gedichte im Schulbuch oder in Lyrik-Anthologien wie etwa die „Gestundete Zeit“ oder die „Anrufung des großen Bären“. Die Melancholie Ingeborg Bachmanns hat gut zu meiner Weltuntergangsstimmung in den 1980er Jahren gepasst, wo man sich noch vor dem Waldsterben durch sauren Regen, dem Treibhauseffekt und einem Atomkrieg zwischen Ost und West gefürchtet und der „Spiegel“ prognostiziert hat, dass im Jahr 2000 kein Baum mehr in mitteleuropäischen Innenstädten stehen würde. Die Zeile „Es kommen härtere Tage“ aus „Die gestundete Zeit“ hat bei mir Resonanz ausgelöst. Ebenso die Konsumkritik in dem Gedicht „Reklame“. Oder die Hymne an die Natur „Freies Geleit“. „Die Erde will keinen Rauchpilz tragen“, heißt es darin, was jene, die den Button „Atomkrieg, nein danke“ an der Brust getragen haben, so wie ich, natürlich politisch verstanden haben.
Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin _ „Station bei Ernst Jandl“ _ Wien _ Walter Pobaschnig 12/25, folgende.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das Besondere ihres Schreibens hat für mich damals die Mischung aus Verletzlichkeit und Aufbegehren ausgemacht. Und natürlich, dass Ingeborg Bachmann eine der wenigen Frauen war, die in den Anthologien vorkamen. Sie war eine Frau, die gesprochen hat – und schon insofern ein großes Vorbild. Und sie war eine Frau, die nicht versucht hat, ihre Weiblichkeit zu leugnen – auch das hat mich angesprochen. Dass sie sich dagegen aufgelehnt hat, wie Frauen gesehen und behandelt werden – und trotzdem als Frau gekämpft hat.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Nach den Gedichten habe ich dann angefangen, ihre Prosa zu lesen, den Roman „Malina“ oder die Erzählung „Das dreißigste Jahr“. Die Probleme der Autorin schienen mir aber eher weit weg. Das lag zum einen daran, dass ich noch zu jung war, um erwachsene Beziehungen zu verstehen. Und zu anderen daran, dass wir geglaubt haben, eh schon voll emanzipiert zu sein und nicht mehr von Männern abhängig werden zu können. Das war vielleicht ein Irrtum, aber trotzdem war das Geschlechterverhältnis damals – den 1968ern sei gedankt – bereits ein anderes als jenes der Welt von Ingeborg Bachmann, die vierzig Jahre vor mir geboren wurde.
Auch ihr Pathos erschien damals schon ein bisschen antiquiert. Als ich Ingeborg Bachmann zum ersten Mal lesen gehört oder gesehen habe – wahrscheinlich im Fernsehen –, bin ich richtig erschrocken, weil sie plötzlich ganz weit weg schien. Genauso wie Thomas Mann, der seinen „Tonio Kröger“ so theatralisch und altvaterisch vorgelesen hat, dass ich mich posthum für ihn geniert habe. Auch Ingeborg Bachmanns Pathos, ihr Leidenspathos, hat auf uns Jugendliche, die cool sein wollten, eher abschreckend gewirkt. Gleichzeitig war man in den 1980er- und 1990er-Jahren immer noch an der existenzialistisch angehauchten Nachkriegsliteratur geschult – und hat nicht wie heute erwartet, von einem Buch unterhalten zu werden. Günter Anders, Max Frisch, Thomas Bernhard – sie alle waren, so wie Ingeborg Bachmann, gesellschaftskritisch. Natürlich aus männlicher Perspektive.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Wenn man sich die Welt von heute, zu Beginn des Jahres 2026 ansieht, kann man Zweifel daran hegen, ob es überhaupt Sinn macht, „zerstörerische“ Kräfte zu kritisieren. Kriege gibt es seit Menschengedenken. Und alle, die geglaubt haben, die Katastrophe der letzten beiden Weltkriege sei ein abschreckendes Beispiel für zukünftige Konflikte, haben nicht mit der Zeit gerechnet. Damit, dass die Generation ausstirbt, die Kriege erlebt hat und es deswegen als ihre Lebensaufgabe sieht, einen weiteren zu verhindern. Und damit, dass Menschen immer gleich „dumm“ auf die Welt kommen und sowieso Teufel tun, auf ältere Generationen zu hören.
Unter anderem deswegen glaube ich auch nicht, dass Ingeborg Bachmanns Werk Antworten auf Fragen der Jetztzeit bieten kann. Ihre politische und persönliche Situation ist zu anders, zu weit weg. Ihr Vermächtnis besteht eher darin, dass sie es gewagt hat, ihre Stimme zu erheben. Auch gegen die gesellschaftliche Mehrheit ihrer Zeit – und etwa den Nationalsozialismus als eine der Ersten schonungslos kritisiert hat. Sich gegen die Mehrheit zu stellen erfordert auch heute noch einen starken Charakter. Ingeborg Bachmann hat Generationen von Frauen beigebracht, dass man nicht warten muss, bis man gefragt wird, sondern dass Frauen etwas zu sagen haben. Manche von ihren Gedichten lösen bei mir auch heute noch Gänsehaut aus, etwa „Freies Geleit“ von 1957 mit Versen wie folgenden: „(…) Die Erde will keinen Rauchpilz tragen, / kein Geschöpf ausspeien vorm Himmel, / mit Regen und Zornesblitzen abschaffen / die unerhörten Stimmen des Verderbens. // Mit uns will sie die bunten Brüder / und grauen Schwestern erwachen sehn, / den König Fisch, die Hoheit Nachtigall / und den Feuerfürsten Salamander. // Für uns pflanzt sie Korallen ins Meer. / Wäldern befiehlt sie, Ruhe zu halten, / dem Marmor, die schöne Ader zu schwellen, / noch einmal dem Tau, über die Asche zu gehn. (…)“
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Wie oben erwähnt, hat der Pathos von Ingeborg Bachmann bereits zehn Jahre nach ihrem Tod antiquiert gewirkt. Genauso die Vorstellung, dass Dichterinnen und Dichter leiden müssen. Ingeborg Bachmann war ein gefeierter Star ihrer Zeit, sie hat vermutlich mehr Bewunderung erfahren und Gedichtbände verkauft als jede lebende Autorin heute. Insofern wird sie von vielen von uns Heutigen wohl eher beneidet. Lyrik galt damals als der Gipfel der Kunst. Während heute Menschen, die „nur“ Gedichte schreiben, eher belächelt werden. In der Nachkriegszeit passierte genau dasselbe mit Prosaautoren – Marlen Haushofer etwa wurde nicht annähernd so ernst genommen und verehrt wie Ingeborg Bachmann, weil sie „nur“ Romane geschrieben hat (nachzulesen in Daniela Strigls formidabler Haushofer-Biografie aus dem Jahr 2000). Das zeigt uns aber auch, dass Moden kommen und gehen. Derzeit erfährt die Lyrik jedenfalls wieder einen kleinen Aufschwung …
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ingeborg Bachmann hat auf mich immer sehr unnahbar gewirkt. Deswegen konnte ich mir nie vorstellen, sie etwas zu fragen. Auch heute nicht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich überarbeite gerade meinen Roman über ein Frauenschicksal der Kriegs- und Nachkriegszeit, meine Protagonistin ist etwa zehn Jahre jünger als Ingeborg Bachmann – und keine Künstlerin. Deswegen sind ihre Lebenswege kaum vergleichbar.
Herzlichen Dank für das Interview!
Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin _ „Station bei Ernst Jandl“ _ Wien _ Walter Pobaschnig 12/25
Ingeborg Bachmann, Rom, auf der Terrasse ihrer Wohnung in der Bocca di Leone, um 1971
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Felix Kucher, Schriftsteller
Lieber Felix, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Viele unterschiedliche in verschiedenen Lebensabschnitten. Da waren zuerst – noch zu Schulzeiten – die Gedichte, später die Lektüre von Malina (das für mich als 20jähriger natürlich ein völlig anderes Buch war als 30 Jahre später). Dann die Erzählungen, als Klagenfurter kommt man ja nicht um „Drei Wege zum See“ und „Jugend in einer österreichischen Stadt“ herum; viel später habe ich auch die anderen Erzählungen und vor allem ihre Hörspiele gelesen, dann auch gelungene und weniger gelungene Dramatisierungen ihrer Prosawerke auf verschiedenen Bühnen gesehen. Erst im letzten Jahr (2025) bin ich auf ihre Frankfurter Poetik-Vorlesungen gestoßen.
Felix Kucher, Schriftsteller _ vor den Rosenhügel Filmstudios Wien _ Bezugspunkt zu seinem aktuellen Roman „Von Stufe zu Stufe“, Picus Verlag 2025 _ Walter Pobaschnig 2/25, folgende.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Schwer zu sagen, ich bin kein Literaturwissenschaftler. Bachmann ist Lyrikerin, Dramatikerin, Autorin von Prosa und jemand, der über Literatur und Philosophie mit einem enormen Hintergrundwissen reflektiert. Ich bewundere, wie sie alle diese Genres beherrscht und zugleich deren Konventionen auf ihre Art Konventionen bricht.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Die oben genannten Frankfurter Vorlesungen, vor allem „Warum schreiben? Wozu?“ und „Über Namen“.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Obwohl gerade ihre Gesellschafts- und Patriarchatskritik natürlich klar die Patina ihrer Entstehungszeit aufweisen, sind ihre Kernanliegen nach wie vor aktuell.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Natürlich, Himmel, Hölle und Fegefeuer in einem.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
–
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite am nächsten Roman, wie immer ist es ein Seiltanz. Ich hoffe, dass es was wird.
Franziska Bauer, sehr vielseitige wie renommierte Schriftstellerin und Pädagogin, legt ein sehr beachtliches kompaktes Grundlagenwerk zum lyrischen Schreiben in Theorie und Praxis vor, das einem Gedicht gleich mit fließender Leichtigkeit und Verständlichkeit wesentliche Horizonte von Formsprache, Gattung öffnet und erläutert wie sehr inspirativ einlädt, eigene poetische Schritte in diesem hervorragenden Rahmen zu setzen.
Eine Lyrik-, Sprachwerkstatt im besten Sinne also, die Werkzeuge und Raum bietet, zu entdecken, zu verstehen und selbst an Sprache, Vers und Welt im Sinne des großen Poeten Walt Whitman (US; Schriftsteller) weiterzubauen:
„Ich und mein Leben, die immer wiederkehrenden Fragen…Wozu bin ich? Wozu nutzt dieses Leben?
Die Antwort: Damit du hier bist. Damit das Leben nicht zu Ende geht, deine Individualität. Damit das Spiel der Mächte weitergeht und du deinen Vers dazu beitragen kannst.“ Walt Whitman
Willkommen in der Lyrikwerkstatt. Reiseführer in die Welt der Poesie. Franziska Bauer. Pohlmann Verlag.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Lisa Fertner, Schauspielerin _ Salzburg_ performing „Undine geht“_ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 6/24, f.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
Undine geht _ Akrostichon
Text _ Franziska Bauer, Schriftstellerin
Performance_ Lisa Fertner, Schauspielerin
Mit gutem Grund zurück ins Wasser
Akrostichon zu Ingeborg Bachmanns Erzählung UNDINE GEHT aus dem Erzählband „Das dreißigste Jahr“
Undine ist ein Wasserwesen,
Nur eine Seele hat sie nicht.
Das hofft für sich sie so zu lösen,
Indem sie sich von Hans verspricht,
Nie enden wollend, dessen Liebe.
Er würd’ ihr, wenn er treu ihr bliebe,
Genau so eine Seele schenken.
Er scheitert just an dieser Pflicht.
Hans kann man dies wohl kaum verdenken:
Treu auszuharren liegt ihm nicht.
Franziska Bauer, 6.1.2026
Lisa Fertner, Schauspielerin _ Salzburg_ performing „Undine geht“_ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 6/24, f.
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Liebe Brigitta, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Es manifestiert weibliches Hindurchsterben und Anfragen; Zeugt von erkämpftem Selbstverständnis, von konsequentem Sich – auffinden und Wiederzusammenfügen, an den zentralen Wendepunkten und Bruchlinien menschlicher Existenz. Auch meiner eigenen dicht gedrängten, wie unsteten Biografie. Es steht für eine nachhaltige Lebenserschütterung im allerbesten Sinn. Ingeborg Bachmann war mir Verhinderung, Maß und Anlass zugleich, den eigenen literarischen Ausdruck aufzuspüren, ihm zu trauen und ein früh verinnerlichtes ‚Schreibverbot‘ sukzessive zu überwinden.Meine Annäherung an ihr Werk, ist von einer forschenden und lernenden Haltung getragen; Einer achtsamen Auseinandersetzung, auf Basis großer Wertschätzung und geistiger Nähe, die weit zurückreicht und auf Lebenstangenten beruht. Ausreichend, um die ‚Hand des Schicksals‘ für den Umstand zu bemühen, dass ich heute – wie von ungefähr – ausgerechnet in unmittelbarer Nähe ihrer Herkunft lebe.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ingeborg Bachmann ist eine kritische, visionäre Schriftstellerin und Philosophin. Eine „lodernde Fackel“ für Freiheit und monetäre Unabhängigkeit.Eine Feministin, die den großen Themen der Menschheit einen klugen, radikal weiblichen Blick schenkt und den Finger in die Wunden des Zusammenspiels patriarchaler Strukturen und Unterdrückung legt. Bis zur Selbstaufopferung.
„Mit meiner verbrannten Hand, schreibe ich von der Natur des Feuers.“
Ihr gesamtes Werk ist von Musikalität durchdrungen. Es ist ausschließlich vor ihrem biografischen Hintergrund lesbar und politisch, psychologisch – philosophisch, weitgehend auch theosophisch interpretierbar. Nichts darin ist zufällig, in Allem verbirgt sich Wahrheit, Erkenntnis und Bezugnahme. Bachmann bedient eine tiefgründige Metaphorik und greift häufig auf Elemente der Mythologie zurück. Sie deutet an, verschlüsselt, gibt Rätsel auf, mahnt, mutet zu und deckt auf. Sie zielt auf ernsthafte Auseinandersetzung, auf Verstehen und entzieht sich einer oberflächlichen Deutung. In ihrer Prosa, wie auch in der Lyrik, verschreibt sie sich der Phänomenologie der Wahrheit. Sie ist eine präzise Analytikerin der Gelechterdifferenz und grassierenden Geschichtsvergessenheit.
MENSCH SEIN (Hommage an Ingeborg Bachmann)
Als randvolle Gestalt als Gegründete im Grundlosen im Wissen um Wagnis vor dich hinzutreten ist viel Denn es ist was uns eint nicht bloße Tändelei Das zuunterst Erworbene das Hindurch-Gestorbene ist das Anfragende Benennendes `Du` Anderes /unterscheidbares SEIN
Nicht Lockung / noch Kurzweil Nicht Andeutung Spiel und Flammenwurf Nicht betörend kluge Wortgirlanden Meisterhafte Sprachimpulse Wundersam geschlungen um Sinnleere und ach – so fragile Seele
Nein Es ist was ich bin – das Urbare Der dammbrechende Ruf ins bekennende Lieben Schnörkellos / zweifelsfrei und ohne den raffiniert hingestreuten Anreiz eines `Vielleicht` und `Irgendwann`
Brigitta Huemer Aus: ‚GEDANKEN AN ROT‘ ISBN 978-3-903190-03-0
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Neben den Gedichtbänden ‚Die gestundete Zeit‘ und ‘Anrufung des großen Bären‘, natürlich den Roman ‚Malina‘, die Romanentwürfe ‚Requiem für Fanny Goldmann‘ und ‚Der Fall Franza‘; Den posthum erschienenen Lyrikband ‚Ich weiß keine bessere Welt – unveröffentlichte Gedichte‘, mit herausgegeben von den Geschwistern Isolde Moser und Heinz Bachmann;
Unter Vorbehalt, den Briefwechsel mit literarischen Größen ihrer Zeit. Setzt er doch voraus sich dem Spannungsfeld – Intimität und Geheimnis, versus literarisch relevantes Allgemeingut, bewusst zu stellen. Vielleicht legitimiert eine pietätvolle Haltung, den mannigfach darin enthaltenen Erkenntniszuwachs.
‚Undine geht‘, im Erzählband ‚Das dreißigste Jahr‘, hat mich in meinem Frausein besonders angesprochen und für ihre literarische Genialität eingenommen. Eine schonungslose Thematisierung der Geschlechterdifferenz, die dem Ursächlichen nachgeht und einem reif agierenden Feminismus das Wort redet. Dieser Text ist ein emanzipatorisches Monument und als solches zu meinem ‚persönlichen Evangelium‘ avanciert. Das Mann- Frau – Paradigma ist heute auch in meinem eigenen Schaffen zentral auffindbar.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
In dieser generalisierenden Aussage scheinen mir ihre zahlreichen Kontakte und unterschiedlich gelagerten Beziehungen zu bekannten Männern der Literatur, Philosophie und Psychologie, ausgenommen zu sein.
Ingeborg Bachmann hielt ihre Dankesrede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden (1959), für ‚Der gute Gott von Manhattan‘ vor Kriegsversehrten. Im jüngsten Film von Margarethe von Trotta: ‚Reise in die Wüste‘, spricht sie symbolträchtig vor einer Armada von Männern mit Augenbinden und versteinerter Miene. Ob die Regisseurin diese Assoziation gezielt einsetzt oder nicht; Es drängt sich einem unweigerlich die Frage auf: Hat sich an dieser zur Schau gestellten Blindheit – auf zumindest einem Auge – bis heute etwas zum Besseren gewendet? Die Antwort darauf, gaben in ihrer Zeit und geben heute wieder, beklemmende Aktualitäten.
„Wir müssen wahre Sätze finden.“ riet Ingeborg Bachmann. Eindringlich. Sie hat sich selbst beim Wort genommen. Wahr ist ihr Satz. Er wagt den Alleingang. Er schält sich aus dem Kontext, steht frei. Ein Satz, wird zum Monument im Text. Er setzt sich aus. Er hält die Botschaft hoch. Ein Satz der bleibt. Schlicht und vollkommen: „Die Geschichte lehrt dauernd, sie findet aber keine Schüler.“ (Ingeborg Bachmann)
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ja, “es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren“. Vor Allem dann, wenn Schreiben Obsession ist, Überlebensmotiv, innerer Auftrag, alles bestimmende Notwendigkeit.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Einsamkeit, in die ich dir nachfolge. Und: „Wohin aber gehen wir?“
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ein weiteres Buchprojekt
Mehrere Beiträge zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann
Unter Anderem:
Kulturforum Amthof Feldkirchen (Kärnten)
SA, 13. Juni 2026, 20h
WAS WAHR IST
Musikalische Lesung anlässlich des 100. Geburtstags von INGEBORG BACHMANN, mit anschließender Podiumsdiskussion zu Leben und Werk
Es lesen: Brigitta Huemer & Claudia Rosenwirth-Fendre
Moderation & Diskussionsleitung: Ingrid Schnitzer
Musik: Friedegund Rainer (Violoncello)
Lieber Walter, ich danke für Dein vielfältiges Wirken im Dienst der Kultur, vornehmlich der Literatur.
Im Interview _ Julia Kulewatz,Schriftstellerin, Verlegerin, Literaturwissenschaftlerin, Dozentin
Liebe Julia, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Wenn die Bachmann gegen etwas angeschrieben hat, so begegnet mir das täglich. Es sind auch die Männer mit Namen Hans, aber nicht allein das märchenhafte Rollenbild. Das hat und hätte uns niemals gereicht, das erschöpft uns nicht, es lässt uns vielleicht die Moore und Menschen und Myzelien verlassen, so weit und so klar und in einer solchen Überlichtgeschwindigkeit, dass wir uns von uns selbst überrascht wiederfinden, irgendwo im All, zwischen Sternen, nicht tot, nicht lebendig, umgeformt, erneuert, vielleicht als ein Fackelbaum, brennend, sich vor aller Augen im Abglanz selbst verzehrend, mahnend, himmlisch verheerend sind wir dann, gemacht aus geborgten Wörtern oder aus müde herübergeschenkten Versatzstücken, nur die verborgenen, die zwischen den Zeilen hausen, die sind nicht so einfach zu haben, wie wir waren, so wie Hans, wie Ivan, wie die meisten Menschen. Ein Zugang kam über Hans:
Männer mit Namen Hans
für I. B. und all die anderen Wasserfrauen,
bekannt und unbekannt
Hans,
Immer Einer nur unter den Vielen mit Namen.
Einer zog aus, das Fürchten zu lernen,
Ein Anderer, es Hans zu lehren,
Einer nur hat es gelernt,
Den Dirnen und Trinen,
Der Gretel,
Den Dummen und Gescheiten,
Der Geliebten,
Der starke Hans im Glück,
Eisenhans, dann Hänschen klein,
Hans mein Igel.
Unter Waffen,
Unter Wasser,
Unversehrter Hans-Guck-in-die-Luft,
Hast Schwein gehabt, Hans,
Und eine goldene Gans,
Versierter Hans-Dampf-in-allen-Gassen.
Fürchte dich, Hans!
Vor Wiederholung,
Vor Auflösung
Und vor Ohne-Namen-Sein,
Auf der Lichtung liebend,
Und in Wassern,
Undine kommt.
Kulewatz, Julia: Männer mit Namen Hans, aus: Orkaniden. Sturmgedichte, 3. Auflage, 2023, kul-ja! publishing, Erfurt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
„An schönen Oktobertagen kann man, von der Radetzkystraße kommend, neben dem Stadttheater eine Baumgruppe in der Sonne sehen. Der erste Baum, der vor jenen dunkelroten Kirschbäumen steht, die keine Früchte bringen, ist so entflammt vom Herbst, ein so unmäßiger goldener Fleck, daß er aussieht, als wäre er eine Fackel, die ein Engel fallen gelassen hat. Und nun brennt er, und Herbstwind und Frost können ihn nicht zum Erlöschen bringen.
Wer möchte drum zu mir reden von Blätterfall und vom weißen Tod, angesichts dieses Baums, wer mich hindern, ihn mit Augen zu halten und zu glauben, daß er mir immer leuchten wird wie in dieser Stunde und daß das Gesetz der Welt nicht auf ihm liegt?“
Zit. Bachmann, Ingeborg: Auszug aus Jugend in einer österreichischen Stadt, in: Das dreißigste Jahr. Erzählungen, ungekürzte Ausgabe, 1. Auflage, 1966, Deutscher Taschenbuchverlag, München.
Sie setzt sich als Schriftstellerin den Elementen vollkommen aus: „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers.“ Ingeborg Bachmann ignoriert in ihrem Schreiben das Offensichtliche, enttarnt es durch ledigliche Benennung als bloßes Blendwerk, Ablenkung vom Wesentlichen. So geht die Erzählperspektive mit uns vorüber am Stadttheater, streift es nicht einmal, hängt den Blick lieber an einen flammenden Baum, wohl wissend, dass sein Simulacrum besser zu tragen ist als eine Bühne, als Inszenierung und großes Theater, wohl wissend, das auch davon nichts bleiben wird. „Das Krematorium von Wien ist seine geistige Mission, sehen Sie, wir finden die Mission doch noch, man muß sich nur weit genug auseinanderreden, aber schweigen wir darüber, hier hat das Jahrhundert an seinem brüchigsten Ort, einige Geister zum Denken befeuert und es hat sie verbrannt, damit sie zu wirken beginnen […].“ (Bachmann, I.: Malina, Piper,Sonderausgabe 1982, Gesamtherstellung in Wien) –
Bachmanns Blick allein inszeniert für die Rezipienten und vor sich selbst als eine Rechtfertigung des In-der-Welt-sein-Müssens, ein In-ihr-Stehen und -Sehen, ist in diesem Augenblick selbstbestimmter Direktor einer eigenen Gedankenbühne als Momentaufnahme und führt, weg vom Theater, nicht hinter die Kulissen, sondern zu dem, was vorher war und auch nachher sein muss, nach allen Bühnen sein muss, den Kulturstätten und „kultischen Administrationen eines Totenreichs“ zum Trotz zurück zu einer gefährdeten und zu gleich gefährdenden, vermeintlich ursprünglichen Natur. Aber sogar dort geht alles in Flammen auf, weil keine Einheit bestehen kann und die Sehnsucht als Suche nach dieser bleiben muss. Was zuvor schon fruchtlos war, muss brennen, damit es wirken kann und das wird nicht zu löschen sein.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Nicht spezifische Werke an sich, aber vielleicht Aspekte ihres Schreibens, die mir wichtig erscheinen …
Mich beschäftigen vor allem die Werke, wo die Dichterin (die Erzählstimme) über den Denker spricht, als eine Art absonderlicher Archetypus. Es ist meines Erachtens nur Wenigen gelungen, das Dichterdenken als eine zyklisch wiederkehrende Hybridform des ewigen Übergangs beider Disziplinen ineinander zu begreifen, zu leben, festzuhalten, abzubilden. Bachmann hat das im Gedicht nicht weiter verfolgt, dieses bewusste Abbrechen, das ich nie als ein Innehalten begriffen habe, das hat mich schon als Vierzehnjährige erstaunt und dann tatsächlich innehalten lassen, vor jedem Gedicht. Ich habe viele Eindrücke nie versprachlicht. Wie hätte man das seinem Deutschlehrer erklären sollen? Das brauchte einen langen Atem wie Ertüchtigungen und Übungen, fließend bis zum Ätherhauch hin. Das war keine Verweigerung, aber doch ein Zutrittsverbot für die, die das nicht mitfühlen oder denken konnten oder schlimmer, sich nicht einließen mit etwas wie Dichtung. Für mich war es, wie sich in die Sprache hineinatmen zu müssen, später auch über den perpetuierten Akt des Sprechens an sich, schließlich über gelebte Performanz. Es war ein Aus-sich-herausgehen-Müssen, ein Sich-auf-Zeit-Verlassen, Sichhingeben und Von-sich-selbst-Ablösen.
In einem Interview mit Kuno Raeber aus dem Jahr 1963 wird Bachmann gefragt, was ihr am wichtigsten in ihrer Produktion sei, Lyrik, Hörspiel oder Prosa. Sie antwortet: „Die sind mir alle eins […]“ und betont daraufhin, dass sie aufgehört habe, Gedichte zu schreiben, als ihr der Verdacht kam, sie „[…] »könne« jetzt Gedichte schreiben, auch wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe. Und es wird eben keine Gedichte mehr geben, eh’ ich mich nicht selbst überzeuge, daß es wieder Gedichte sein müssen und nur Gedichte, so neu, daß sie allem seither Erfahrenen wirklich entsprechen.“
Ich muss dazu sagen, dass das Lesen ihrer Dichtung meine eigenen ersten lyrischen Versuche gestoppt und mich darüber lange im Gefühl reflektieren lassen hat, ich habe mich dann in mir selbst eingesponnen und einfach alles archiviert, was die Welt uns angetan hat in unvergleichlicher Brachialität, in ihrer radikalen Poetik, in ihrem schmerzhaft poetischen Ausdruck, der gewissermaßen ewig ist. –
Das hat sie mir gegeben, die Bachmann. Deshalb lese ich ihre Briefe nicht. Das wiederum möchte ich ihr geben, einen privaten, indifferent diffusen, nicht lesbaren Raum, eine Art Dunkelkammer, eingebettet in meiner Vorstellungskraft, sinnierend in meinem Denken, das manchmal das Gedicht, der Gedanke, die Erzählung einer anderen wird, etwas, das ich mit niemandem teile: Zutritt verboten. „Weil es darüber nichts zu sagen gibt. Das gehört in die Intimität von zwei Personen.“
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Diese Lesart ist für mein Empfinden natürlich gegeben, bleibt aber an der Oberfläche. Nehmen wir ihre Erzählung „Undine geht“. Die Lichtung der Begegnung mit Hans initiiert den ersten Schwellenmoment als ein unbestimmbarer Ort ohne Fokus, ein Ort, der immer ist und doch nie, ein Reich im Dazwischen. Denn es liegt überhaupt nicht in der Natur einer Undine (die personifizierte Natur ist) „zu gehen“, zu verführen, zu locken, zu rufen hingegen schon. Erst die Verbindung mit Hans, der, so die Erkenntnis Undines, alle Hänse ist, aber Undine ist auch alle Undinen (was aber nicht gezeigt wird), ermöglicht das Sich-Aufrichten in weiblicher (anscheinend übermenschlicher) Wut (und ja, die wird in unserer Zeit noch immer nicht genug wahrgenommen und oft als überemotionaler Ausbruch ohne Berechtigung gewertet). Wir schauen als Rezipienten aus Undines verletzter Sicht auf Hans, die eine fließende ist. Hans währenddessen ist das rationale, (aktiv) verletzende männliche Prinzip. Das Gehen wird doppelt aufgeladen, im Sinne eines Verlassens und gleichzeitig ist es ein Sich-Erheben, denn Undine ist und bleibt ein (in der Literaturgeschichte zumeist unbeseeltes) äußerlich menschlich anmutendes Wasserwesen aus einem dem Menschen verloren geglaubten Zauberreich. Sie ist nicht die vollendete (ganze, heile) Frau, sondern bekommt durch Hans erst die Möglichkeit, gehen zu lernen. Oder nehmen wir Malina, den männlichen Doppelgänger der Ich-Erzählerin, der bleibt, während Ivan (wie ein Hans von vielen) als Reibungsfläche, als Widerspieglung von Gewalt verschwindet. Ivan ist letztendlich nicht mehr als ein männlich geartetes/codiertes Symptom einer Krankheit, die unsere Zeit bestimmt. Tatsächlich geht es um die viel schwerwiegendere Integration des männlichen Doppelgängers, die Integration von überstandener Verletzung in einer an Dualität (auch im Sinne von Trennung) krankenden Welt.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich bin mir nicht sicher, ob man sich da bewusst hineinbegibt, sagt, jetzt werde oder bin ich Schriftsteller, und so begründe ich jetzt mein Leiden, das ein edles ist, weil ich doch etwas zu sagen habe, das alle lesen/hören/sehen müssen. Da spricht auch die Verlegerin aus mir, die die absonderlichsten Geschichten hört, warum Menschen schreiben und warum ihr Buch in diese Welt muss, die es verändern wird. Persönlich habe ich mich lange zurückgehalten, was das literarische Schreiben angeht. Und ja, das Leben hat sich in mich eingeschrieben und doch ist es aus meiner Sicht nur eine mitunter sehr begrenzende Ausdrucksform. Das reicht mir nicht und es reicht mir auch nicht, diesen Weg als Martyrium zu versinnbildlichen. Aber ich verstehe genau, was es heißt, wenn Bachmann sagt: „[…] eh man sich nicht die Hand verbrannt hat, kann man nicht darüber schreiben.“ Für mich persönlich hat es drei Gräber (ein anonymes, ein Familiengrab und ein Dichtergrab), drei Formen zerstückelter Erinnerungen in ihrer Rückführung und drei Träume (einen ersten, zweiten und letzten) gebraucht, um für eine Zeitlang im Schreiben so unverwundbar heil zu sein, dass die Nachtgedichte (O Nyx. Nachtgedichte, kul-ja! publishing, 2025) entstehen konnten. Ich habe die Verbrennungen erst archivieren und dann überwinden müssen, die Erkenntnis dahinter war, dass ich sonst meine Leser verwunde, wie es Bachmann mit mir getan hat, und nicht jeder will und kann zur übertragenen Fackel werden, wohl aber sollte man Ausschau nach dem Brennen halten, denn das wird, wie Bachmann sagt, weder durch Frost noch Herbstwind zu erlöschen sein, es wird in der Welt wirken.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Keine Sorge, ich lese deine Briefe nicht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Auf meine Nachtgedichte folgen mit Nereiden reden nicht in diesem Jahr endlich meine Tiefseegedichte begleitet von den Unterwassercollagen von Patrizia Spieker in die Welt. Sie erscheinen am 19. März zur Leipziger Buchmesse. Auch wird es bald eine Zusammenfassung aller meiner Kurzgeschichten in einem Band geben. Da hole ich mir gerade die Rechte von anderen Verlagen zurück. Die multidisziplinäre Künstlerin Sara Stubenbaum wird das im Bild umsetzen. Darauf freue ich mich von ganzem Herzen.
Mit der Verleihung des Deutschen Verlagspreises 2025 haben sich die Manuskripteinsendungen für kul-ja! publishing verdreifacht, das hat mein eigenes Schreiben leider etwas in den Hintergrund gedrängt. Das Verlagsteam arbeitet gemeinsam mit mir fieberhaft und bereits in Vorfreude auf die großen Buchmessen hin. Durch meine Vorlieben und unsere Autoren im Verlag rückt jetzt natürlich auch Wien in den Fokus. Außerdem baue ich gerade internationale Künstlerkooperationen auf, um weiterhin Talente sichtbar zu machen. Dafür brauchte es viele verschiedene Formen des Ausdrucks und eine gute, klar strukturierte Zusammenarbeit auf Augenhöhe.
Lieber Walter, und das möchte ich Dir schon länger sagen, es ist eine große Arbeit, die du für uns Kulturschaffende tust und die kann man nicht genug wertschätzen. Wir haben zu danken.
Undine geht_ Clara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin_acting _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 5/24, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
Undine geht _ Akrostichon
Text _ Harald Darer, Schriftsteller
Performance_ Clara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin
UNDINE GEHT
Und
Niemals
Dachte
Ich:
Niemals
Erlöst
Gott
Eine
Horde
Täter
Harald Darer, 8.1.2025
Undine geht_ Clara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin_acting _ Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 5/24.
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.