Ingeborg Bachmann (links sitzend), Hans Marte (rechts sitzend) _ Warschau Mai 1973
Ingeborg Bachmann war im Mai 1973 auf ihrer letzten Lesereise in Polen. Stationen waren Warschau, Torun, Posen, Breslau, Krakau.
Johann Marte, Kulturattaché, von 1971 bis 1974 des Österreichischen Kulturinstituts in Warschau, organisierte die Lesereise und begleitete Ingeborg Bachmann. Eine Station war auch das Konzentrationslager Ausschwitz.
„Die Reise war von großer Wertschätzung auf allen Seiten geprägt“, erinnert sich Hans Marte.
„Es gab viele Gespräche mit Studenten:innen an den Lesestationen. Es war eine sehr offene, wertschätzende Atmosphäre.
In Ausschwitz wollte Ingeborg Bachmann ganz allein sein. Die Initiative dort hinzufahren, kam von ihr. Sie hatte einen roten Mantel an. Es war ein besonderer Moment der Stille für sie und uns alle.“
Hans Marte weist auf die Übersetzung von „Malina“ im polnischen Wörterbuch hin _ „Malina“, Roman von Ingeborg Bachmann, 1971
„Als Ingeborg Bachmann abreiste, fanden wir noch eine Zigarette im Bett. Sie hatte Gitanes geraucht. Es war wie eine Vorahnung.“
Johann Marte, Richter, Ministerialbeamter, Leiter der Österreichischen Nationalbibliothek
Zur Person: Johann Marte, * 2. Mai 1935 in Feldkirch. Richter, Ministerialbeamter, Leiter der Österreichischen Nationalbibliothek
Johann Martes Vater, ein Finanzbeamter, wurde als entschiedener Gegner des NS-Regimes, zur Wehrmacht eingezogen und kam in einem sibirischen Lager ums Leben. Seine Mutter sorgte alleine für ihn und seinen Bruder. Nach der Matura am Zisterzienser-Gymnasiums in Bregenz studierte Johann Marte in Innsbruck Rechtswissenschaft. Von 1963 bis 1969 arbeitete er als Bezirksrichter in Bregenz und Feldkirch. Daneben unterrichtete Marte von 1966 bis 1969 Religion an der gewerblichen Berufsschule in Bregenz, nachdem er einen Fernkurs für theologische Laienbildung der Erzdiözese Wien absolviert hatte. Außerdem fungierte er als Präsident der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft, engagierte sich in der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft und hielt Vorträge am Institut für Sozialpolitik und Sozialreform. Sein Interesse für andere Länder und Kulturen führte Marte 1969 nach Wien, in die Sektion für kulturelle Auslandsangelegenheiten im Unterrichtsministerium.
1971 ging er als Kulturattaché an die Österreichische Botschaft in Warschau, ab 1973 leitete er dort auch das Österreichische Kulturinstitut. Von 1974 bis 1982 war Marte Kulturrat an der Österreichischen Botschaft in Moskau.
1985 wurde ihm die Leitung der Abteilung für bilateralen Kultur- und Wissenschaftsaustausch im Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten übertragen und im Jänner 1986 betraute ihn der damalige Wissenschaftsminister Heinz Fischer mit der Leitung der Sektion für wissenschaftliche Bibliotheken, Bundesmuseen und Denkmalschutz im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung. In dieser Funktion widmete sich Marte vor allem der baulichen Sanierung („Museumsmilliarde“) und der organisatorischen Reform der Bundesmuseen. 1989 wurde die Teilrechtsfähigkeit für Bundesmuseen und Bibliotheken eingeführt. Ebenfalls in Martes Amtszeit als Sektionschef fällt der Aufbau des BIBOS-2-Verbundes, der erstmals Österreichische wissenschaftliche Bundesbibliotheken – Nationalbibliothek und Universitäts- bzw. Hochschulbiblitheken – vernetzt hat.
Von 1993 bis zu seiner Pensionierung 2000 war Johann Marte Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliohek, die er grundlegend reformierte. Von 1989 bis 2003 war Marte Präsident des Vereins zur Erforschung der Geschichte der Juden in Österreich und von 2001 bis 2008 Präsident der österreichischen UNESCO-Kommission. Er war von 1993 bis 1998 Beisitzer im Präsidium der Vereinigung Österreichischer Bibliothekare (VÖB), von 1998 bis 2002 war er 2. Vizepräsident der VÖB. 1990 wurde Johann Marte Kurator von „Pro Oriente“, einer Stiftung zur Förderung der Beziehungen zwischen der römisch-katholischen und den orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Kirchen, 2001 deren Präsident. Diese Funktion übt er bis heute aus.
Ingeborg Bachmann _ Rom 1962 _ anlässlich eines Besuches von Heinz Bachmann und den Eltern entstand eine Fotoserie von Heinz Bachmann, die bisher in Ausstellungen im Musilhaus Klagenfurt (2016) und im Literaturhaus Salzburg (2020) gezeigt wurde.
„Mein lieber Bruder…“ Heinz Bachmann und Ingeborg Bachmann, 1939Dr.Heinz Bachmann (*1939 Klagenfurt), Geophysiker, London_ um 1953Fröhlicher Geburtstag von Isolde im Hause Bachmann _ Ingeborg Bachmann (links) und ihre jüngere Schwester Isolde Moser (geb.Bachmann *1928)„Strickstunde“ Ingeborg Bachmann (links) und ihre jüngere Schwester Isolde Moser (um 1946)„Sommerfreuden am See“ Ingeborg Bachmann (Mitte) und ihre jüngere Schwester Isolde Moser (links) _ Pressegger See, öffentliches Bad _ mit einer Cousine aus Heidenreichstein, der Heimat von Olga Bachmann, Mutter, (Cousine vermutlich Justi).Dr.Heinz Bachmann (*1939 Klagenfurt), Geophysiker und Sheila Bachmann_London _ Hochzeit 7. August 1971 in London. 2 Söhne. Ingeborg Bachmann, Schwester von Heinz Bachmann, reiste zur Hochzeit nach Großbritannien an _ Foto Fam.Bachmann_London.Heinz und Sheila Bachmann (Mitte) _ Hochzeit 7. August 1971 in London_ rechts neben Sheila Bachmann Ingeborg Bachmann. Die Trauzeugen waren Graham und Sue Tarry. Heinz und Sheila Bachmann_London _ Feier der Goldenen Hochzeit 2021Heinz und Sheila Bachmann (sitzend außen) Wien Juni 2016, Probe zur szenischen Ausstellungseröffnung „Ingeborg, wie ich meine Schwester in Rom sah – Fotografien Heinz Bachmann, 1962“ Musilhaus Klagenfurt/2016 _ mit Isabella Jeschke, Schauspielerin, und Walter Pobaschnig (Idee, Regie).Heinz und Sheila Bachmann _ beim Heurigen in Wien, Juli 2023 _ inoffizielle Buchpräsentation „Ingeborg Bachmann, meine Schwester“ Heinz Bachmann/Piper Verlag _8/2023
Liebe Sheila Bachmann, Lieber Heinz Bachmann, wann habt Ihr Euch kennengelernt und wie war Eure erste Begegnung als Paar mit Ingeborg Bachmann?
SB (Sheila Bachmann): Im riesigen Shell Centre an der Themse „South Bank“ in London im Herbst 1969 traf ich Heinz ,als er dort zu arbeiten anfing. Später besuchte ich mit ihm seine Familie in Klagenfurt. Auch Ingeborg kam kurz zu Besuch aus Rom. Ich sprach damals noch kein Deutsch und Ingeborg, trotz Familien- und Zeitdruck, war sehr nett, aufmerksam und nahm sich Zeit mit mir Englisch zu sprechen. Im gleichen Jahr reisten wir nach Rom, das ich noch nicht kannte. Wir verbrachten dort schöne Tage mit Ingeborg.
Sheila Bachmann _ Wien 7/2023
HB (Heinz Bachmann): Sheila und ich trafen uns in diesem Gebäude, in dem man sich verirren konnte, da fiel mir diese kleine, blonde Engländerin auf…Und sie war auch meinen Eltern und meiner Schwester gleich sympathisch, obwohl die Verständigung nicht so einfach war, weil meine Eltern kein Englisch konnten. Dass sich Ingeborg und Sheila gleich verstanden, das freute mich natürlich sehr.
Heinz Bachmann _ Klagenfurt 9/2021 anlässlich der Übergabe des Elternhauses an die Stadt Klagenfurt/Land Kärnten
Welche Erinnerungen gibt es an Eure Hochzeit in London, zu der auch Ingeborg Bachmann zu Gast war?
SB: Ingeborg war das einzige Familienmitglied aus Heinzens Familie. Sie war entspannt, fröhlich, sehr aufmerksam und plauderte angeregt mit meinen Verwandten und unseren Freunden.
HB: Es war eine sehr kleine und bescheidene, aber sehr fröhliche Hochzeit und Ingeborg verstand sich gut mit Sheilas Familie und Freunden. Ich habe ein bisschen darüber in meinem Buch geschrieben, das Anfang September im Buchhandel sein soll.
€ 24,00 [D], € 24,70 [A] Erscheint am 31.08.2023 128 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag EAN 978-3-492-07250-2
Was hat Ingeborg Bachmann für ein Essen/Trinken geschätzt? Auch die Londoner&Kärntner Küche?
SB: Wohl eher die Italienische Küche.
HB: Ich würde sagen vor allem die Italienische Küche, zu Hause die Kärntner Spezialitäten, aber auch Wiener Schnitzel und den Tafelspitz. Ein Glas Wein dazu, wie es in Italien üblich ist. Sonst meistens Tee, der für sie schon vor Sheilas „britischem“ Einfluss in der Familie wichtig war.
Ingeborg Bachmann _ Rom 1962 _ Heinz Bachmann
Ingeborg Bachmann _ im Hintergrund Matthias und Olga Bachmann (Eltern) _ Rom 1962 Heinz Bachmann „Ingeborg, wie ich meine Schwester in Rom sah – Heinz Bachmann Fotografien, 1962“ _ Ausstellung Musilhaus Klagenfurt Juni 2016 Letzte Vorbereitungen der Ausstellung _ Heinz BachmannProbe szenischer Eröffnung _ Isabella Jeschke und Heinz BachmannDie Vernissage im Musilhaus Klagenfurt fällt mit dem 90.Geburtstag von Ingeborg Bachmann zusammen und wird gebührend und süß gefeiert _ Heinz Bachmann, Isolde Moser, Bgm.Mathiaschitz beim TortenanschnittVernissagefeier _ Landhaushof Klagenfurt _ (von links) Dr.Heimo Strempfl, Leiter Musilmuseum Klagenfurt; Isolde Moser, Dr.Heinz Bachmann, MIchael Moser, Isabella Jeschke, Walter PobaschnigHeinz Bachmann „Fotografien Ingeborg Bachmann“ _ Literaturhaus Salzburg Jänner 2020(von links) Tomas Friedmann, Leiter Literaturhaus Salzburg; Magdalena Stieb, Salzburger Literaturforum/Verein Leselampe; Irene Fussl, Salzburger Bachmann Edition; Heinz Bachmann; Alexandra Schmidt, Frauenreferat Stadt Salzburg; Walter Pobaschnig, Ausstellungsorganisation. Großes Publikumsinteresse bei der Vernissage10.1.2020Literaturhaus Salzburg„Mein lieber Bruder, komm` nach Rom“ Szenische Eröffnung mit Heinz Bachmann und Olivia Pflegerl _ Text/Regie _ Walter Pobaschnig Vernissagefeier(von rechts) Heinz Bachmann, Olivia und Ellen Pflegerl, Walter Pobaschnig Geburtstagsfeier _ Heinz Bachmann im Kreise der Salzburger Bachmann Edition _ Salzburg Jänner 2020
Wart Ihr auch gemeinsam in Klagenfurt bzw. habt Ihr Reisen unternommen?
SB: Wie schon oben erwähnt, wir trafen uns in Klagenfurt oder Rom. Wir hatten auch Pläne für einen eventuellen gemeinsamen Haushalt in London oder Rom, es kam aber nie dazu.
HB: Es waren immer Besuche und Treffen in Klagenfurt, im Gailtal oder in Rom. Gemeinsame Reisen, außer einer Fahrt von München nach Klagenfurt oder Abstecher nach Kötschach zu unserer Schwester Isolde, gab es eigentlich keine. Reisepläne gab es für Afrika, die wir leider nie in die Tat umsetzten.
Klagenfurt _ Henselstr.26 _ Haus Familie BachmannLieblingsrose Ingeborg Bachmann _Elternhaus__Klagenfurt
Bachmannweg_ Kreuzbergl/Klagenfurt
„Drei Wege zum See“ _ am Weg der Erzählung – szenisches Stationenprojekt _ Walter Pobaschnig Die in Klagenfurt aufgewachsene Schriftstellerin Ingeborg Bachmann liebte bei ihren Besuchen in Klagenfurt lange Spaziergänge am nahen Kreuzbergl_ Foto _ Christina Wuga, Schauspielerin im szenischen Literaturprojekt „Drei Wege zum See“ – Ingeborg Bachmann outdoors 2018 (Idee/Regie _ Walter Pobaschnig) _ Übergabe des Familienhauses Bachmann in Klagenfurt an die Stadt Klagenfurt und das Land Kärnten _ September 2021 _ Am Bild: (von rechts) Heinz Bachmann, Isolde Moser (geb.Bachmann, Schwester), LH Peter Kaiser, Bgm. Christian ScheiderGroßes MedieninteresseIsolde Moser und Heinz Bachmann im Garten ihres Elternhauses _ KlagenfurtThe last time…Entspannt nach der Übergabe im nahen Cafe JägerUrsulinen Schule Klagengfurt _ Ingeborg Bachmann besuchte hier die Oberschule für Mädchen _ Foto _ Isabel Belherdis, Künstlerin Graz_performing _ Bachmannprojekt 7/2023 (Isabel Belherdis/Walter Pobaschnig) Bachmannprojekt 7/2023 (Isabel Belherdis/Walter Pobaschnig) Klagenfurt _ Friedhof Annabichl _ Familiengrab Bachmann _ 2022
Wann habt Ihr Euch das letzte Mal gemeinsam getroffen? Zu welchem Anlass?
Sheila Bachmann (SB): Unsere letzten Treffen war wohl im April und Mai 73, zuerst lag damals mein Schwiegervater im Sterben, dann während des Begräbnisses und im Mai während unseres Jahresurlaubs. Wir lebten damals im Senegal.
Heinz Bachmann (HB): Nach Vaters Begräbnis machten wir einen Abstecher nach Kötschach zu unserer Schwester Isolde. Das war auch das letzte Mal, dass wir drei Kinder zusammen waren und uns mit Isoldes Mann Franz trafen.
Wie wurdet Ihr über den Brandunfall Eurer Schwester/Schwägerin informiert und wie habt Ihr diese Tage in Rom erlebt?
HB: Als ich ein paar Tage nach dem Unfall im Rahmen einer Geschäftsreise ahnungslos von Holland aus in Klagenfurt bei meiner Mutter anrief, meldete sich meine Nichte Christine, dir mir erklärte was passiert war. Ich war wie vom Donner gerührt, brach meinen Aufenthalt in Holland sofort ab und flog nach Rom weiter. Es war ein Albtraum.
SB: Heinz schickte aus Holland ein Telegramm an die Firma im Senegal mit der schrecklichen Nachricht und mit dem Wunsch ich möge so bald wie möglich nach Rom kommen. Die Firma half mit dem Flugschein und dem Ausreisevisum, und ich reiste so schnell wie möglich nach Rom.
Wie waren die Umstände, die zum Brandunfall geführt haben?
HB: Sie war mit einer brennenden Zigarette im Badezimmer eingeschlafen, Nachthemd und ein Umhang hatten Feuer gefangen.
SB: Es war ein schrecklicher Unfall, der leider mit Zigaretten vorkommt.
Was konnte die Haushälterin sagen, gibt es mit Ihr noch Kontakt?
SB: Ingeborg rief Maria Teofili, die frühere Haushälterin, nach dem Unfall an. Maria eilte in die Wohnung und alarmierte sofort die Rettung.
HB: Mit Maria blieben wir bis an ihr Lebensende in Verbindung. Sie veranlasste den Transport ins Krankenhaus. Da sie keinen Ausweis fand nahm sie das Buch „Malina“ in die Klinik mit, um den Ärzten zu erklären, wer die Patientin war. Sie war sehr erschüttert, als wir sie trafen.
Seid Ihr im Krankenhaus vor Ort geblieben?
HB: Wir waren abwechselnd in Rom, aber selbst das war nicht durchlaufend möglich, da gerade, als meine Schwester im Sterben lag, mein Schwager verunglückte und acht Tage vor Ingeborg starb.
SB: Ich kam so schnell wie möglich aus dem Senegal. Ich blieb in Rom eine Nacht und begleitete Isolde dann nach Kötschach, als ihr Mann gestorben war. Nach dem Begräbnis kehrte ich so bald wie möglich nach Rom zurück.
Konntet Ihr mit Ingeborg sprechen?
HB: Es gab in der Isolierstation des Krankenhauses Telefone über die man mit Ingeborg sprechen konnte. Als ich in Rom ankam, muss Ingeborg schon im Koma gewesen sein. Sie antwortete auf meine Fragen, die ich ihr über das Telefon stellte, nicht mehr.
SB: Ich konnte leider mit Ingeborg nicht mehr sprechen.
Wie habt Ihr vom Tod Ingeborgs erfahren?
SB: Im Krankenhaus von einem diensthabenden Arzt.
HB: Nach mehreren Versuchen erreichte mich Sheila telefonisch in Dakar.
Wie habt Ihr die Wohnungsräumung und die Überführung nach Klagenfurt organisiert?
SB: Mit großen Schwierigkeiten aber mit selbstloser Hilfe von Freunden in Rom haben wir es geschafft.
HB: Sheila organisierte mit Bekannten das Verpacken und den Transport aller Möbel und der Bibliothek nach Österreich. Zuerst in unser halbfertiges Haus in der Nähe von Kötschach. Erst 1978 kam alles nach Klagenfurt
Was war Euch beim Begräbnis wichtig?
SB: Ich wünschte nur endlich Ruhe für uns alle in der Familie, denn die Tage in Rom waren unbeschreiblich.
HB: Ein letztes Mal mit Ingeborg allein zu sein, nur die Familie war anwesend.
Ist das Grab ein Ehrengrab der Stadt Klagenfurt?
HB: Ja, das Grab ist ein Ehrengrab der Stadt Klagenfurt und man merkt, dass Menschen aus aller Welt dieses Grab immer wieder besuchen. Wir sind dankbar, dass das Grab von der Stadt immer gepflegt wird, da die Familie in alle Welt verstreut ist..
Was wünscht Ihr Euch für das Andenken an Ingeborg Bachmann?
HB: Ich hoffe, dass die Erinnerung an sie weiter lebendig bleibt, vor allem das Werk, das für Ingeborg die Grundlage ihres Seins war. Auch, dass das Haus in Klagenfurt ein schönes und vielbesuchtes Museum werden möge. SB: Ingeborgs Wunsch nach Frieden sollte Wirklichkeit werden.
Was ist Euer Lieblingsgedicht von Ingeborg?
SB: An die Sonne
HB: Die Wahl ist nicht einfach. Unter sovielen ist es unmöglich eines auszuwählen, aber Sheilas Wahl scheint mir besonders treffend.
Welchen Prosatext schätzt Ihr besonders?
SB: Der Erzählband „Simultan“ in dem es vielen subtilen Humor gibt
HB: Auch hier habe ich Probleme, denn meine Schwester hat sehr unterschiedliche Prosa geschrieben. „Das Buch Franza“, oder die Erzählung „Alles“….es gibt so viele, die ich schätze.
Was ist Euer Lieblingsfoto? Gibt es ein Foto von Euch Dreien?
SB: Lachend auf der Terrasse in der Via Bocca di Leone, so habe ich sie in Erinnerung.
HB: Frühe Familienfotos, später gibt es nur ganz wenige. Einige Aufnahmen von Baldi Schwarze, die das Fröhliche meiner Schwester festhalten. Es gibt nur zwei Aufnahmen unserer Hochzeit, wo wir drei zusammen sind, aber immer mit weiteren Personen. Es wird meist ein Ausschnitt von Ingeborg, Sheila und mir gezeigt.
Ingeborg Bachmann _ Terrassenwohnung Bocca di Leone/Rom _ Fotos_Garibaldi Schwarze (folgende)Bocca di Leone_Rom_Wohnung Ingeborg Bachmann revisted 2018 _ Walter Pobaschnig (folgende) Ingeborg Bachmann _ Rom _ Fotos_Garibaldi Schwarze (folgende)
Wie werdet Ihr den Todestag begehen?
SB: In Trauer, dass sie so früh gestorben ist.
HB: In aller Zurückgezogenheit, wenn möglich mit meiner Schwester Isolde und Sheila, im engen Familienkreis.
Herzlichen Dank für das Interview liebe Sheila und Heinz Bachmann! Alles Gute für Euch und Eure Familie!
Das Ingeborg Bachmann-Projekt
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst/Fotografie.
Dabei kommt den topographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person Ingeborg Bachmann beizutragen.
Walter Pobaschnig _ Idee/Organisation/Fotos/Interviews
Johanna Mucha, Schauspielerin, Sängerin _ acting „Malina“ Johanna Mucha, Schauspielerin, Sängerin _ acting „Malina“ . Malina, Ingeborg Bachmann. Roman, 1971.
„Da es klingelt, girrt, surrt, greife ich nach dem Telefon, ich will schon Hallo sagen, denn es könnte Ivan sein, aber dann lege ich den Hörer leise nieder, weil mir für heute kein letzter Anruf erlaubt war.“
Malina (folgende)
„Aber heute rauche ich und warte und rauche ich vor dem Telefon bis nach Mitternacht, und ich hebe ab und Ivan fragt, und ich antworte…“
„Wie nett, dass Du mich
Nett, warum nett?
Einfach so. Es ist nett von dir“
„Ich heute abend?
Nein, wenn du nicht kannst
Aber du bist doch
Das schon, aber dahin will ich nicht
Ich halte das aber für, entschuldige
Ich sage dir doch, es ist ganz ohne…
Du hast also. Du bist also
Dann bis morgen, schlaf gut!“
„Es war Mord“
Station bei Malina_Roman Ingeborg Bachmann_Wien_1971
acting Malina _ Romanschauplatz/Lebensort Ingeborg Bachmanns in Wien:
Johanna Mucha, Schauspielerin, Sängerin_Wien_ acting _
„…bald, mein Liebster, bald sehen wir uns, nur mehr 12 Tage, und ich kann an Deiner Brust liegen, anstatt Gedichte aufsagen zu müssen, wir werden furchtbar froh sein…
Deine Ingeborg“
Ingeborg Bachmann an Max Frisch, Frühjahr 1961
Ingeborg Bachmann und Max Frisch bezogen 1960 in der Via Giulia 102 ihre erste Wohnung in Rom. Im Frühjahr 1961 zogen sie in die Via De Notaris 1F.
sdrVia Giulia 102 _ erste gemeinsame Wohnung (1960/61) in Rom von Ingeborg Bachmann/Max Frisch
„Ein Stillstehen. Kein Alarm, keine Sirenen. Es kommt niemand zu Hilfe. Der Rettungswagen nicht und nicht die Polizei.
Es ist eine sehr alte, eine sehr starke Wand, aus der niemand fallen kann, die niemand aufbrechen kann, aus der nie mehr etwas laut werden kann.
Es war Mord.“
Malina, Ingeborg Bachmann. Roman, 1971.
Via Giulia, Rom _ Am Weg zum Wohnhaus/letzte Wohnung Ingeborg Bachmanns Rom _
„Der Wagen fuhr beinahe die ganze Straße entlang, inmitten der alten, grauen, wie schlafend und leer aussehenden Häuser mit den großen, vergitterten Fenstern und den tiefen Vorhallen, durch die man in düstere, brunnenähnliche Höfe blicken konnte (…) Man merkte noch jetzt, dass hier einst das elegante Viertel war; nun war es der Stille und Einsamkeit der Vernachlässigung anheimgefallen und von einer Art klerikaler Ruhe und Verschwiegenheit erfüllt…“ Rom, Emil Zola
Palazzo Sacchetti _ letzte Wohnung von Ingeborg Bachmann (1971-73)
„Das regelmäßige, vom Alter geschwärzte, kahle und massive Haus machte ihn etwas beklommen….Die Fassade, gegen die Straße zu ungeheuer breit und viereckig, bestand aus drei Stockwerken; das erste Stockwerk war sehr hoch, sehr vornehm. Statt jeden Schmucks ruhten die hohen, wohl aus Furcht vor einer Belagerung mit ungeheuren, vorspringenden Gittern versehenen Fenster des Erdgeschosses auf großen Konsolen…“ Rom, Emil Zola
Ingeborg Bachmann wohnte im letzten Stockwerk des Palazzo.
In der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 erlitt Ingeborg Bachmann in ihrer römischen Wohnung einen Brandunfall, an dessen Folgen sie am 17.Oktober verstarb.
Hannah Arendt. Es ist ein Leben, das zu Beginn eines Jahrhunderts seinen Anfang nahm, das in seinem unvorstellbaren Grauen die Notwendigkeit neuer Denkwege in Analyse, Kritik und Perspektiven neuer Gesellschaft forderte. Ihr Name ist dabei ein ganz wesentlicher und ihr Leben und Werk ist bis heute Inspiration und Voraussetzung modernen kritischen gesellschaftlichen Denkens.
So umfangreich ihr Werk in gesellschaftsphilosophischen, historischen wie theologischen Themen ist, so herausfordernd ist es auch eine Biographie darzustellen. Wie, wo beginnen? Es gilt auszuwählen.
Thomas Mayer, Philosoph, wählt für seine in Wort und Bild beeindruckende Biographie, den Schwerpunkt der Jahre des Heranwachsens wie der Flucht nach Paris bzw. den USA in den 1930er bis in die 1950er Jahre. Dies ist eine sehr dramatisch-tragische wie auf das Werk bezogene spannende Lebenszeit, in der viele philosophische Grundlagen später Werke zu finden sind.
Der renommierte Autor überzeugt in der Verbindung von Biographie, Zeitgeschichte, Werkentstehung und gut lesbarer Erzähldarstellung, die interessant wie spannend einem ganz besonderen Leben folgen lässt.
Zahlreiche neue Dokumente wie Fotos fließen in diese Biographie ein und stellen damit eine der einflussreichsten Philosophinnen der Moderne eindrücklich vor.
„Eine Biographie als Leseerlebnis einer der bedeutendsten Philosophinnen der Moderne“
Zur Person _ Thomas Meyer wurde an der LMU München promoviert und habilitierte sich auch dort. Nach zahlreichen Stationen im In- und Ausland lehrt Meyer Philosophie in München. Schwerpunkt seiner Forschungen und Publikationen bildet das 20. Jahrhundert. Er hat mehrere Schriften Hannah Arendts ediert, darunter „Wir Flüchtlinge“ (2015) und „Die Freiheit, frei zu sein“ (2018). Thomas Meyer Bücher & Biografie | PIPER
Hannah Arendt, Thomas Meyer. Die Biografie. Piper Verlag.
Liebe Olga Zhminko, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jeder Tag ist anders, aber meine morgendliche Routine ist mehr oder weniger dieselbe: den Tag mit einem Glas Wasser beginnen, 5 tibetische Rituale durchführen, duschen und mit meinem Partner frühstücken. Den normalen Arbeitstag verbringe ich entweder im Büro oder zu Hause. Die Abende sind immer unterschiedlich. Es hängt von meinen Plänen, meinem Energiepegel, meinen Verpflichtungen und Inspirationen ab.
Olga Zhminko, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Bewältigen Sie Ihre eigene psychische Gesundheit in diesen turbulenten, unsicheren Zeiten. Seien Sie präsent. Menschlich bleiben.
Olga Zhminko, Phoenix process
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Sich selbst kennenlernen und verstehen – das ist das Wichtigste. Kunst ist ein starker Katalysator, um sich selbst kennenzulernen, wenn man die Zeit nimmt, um die Auswirkungen der Kunst zu beobachten (eigene Emotionen, Reaktionen, Gefühle).
Olga Zhminko, Phoenix process II
Was liest Du derzeit?
On Fire. The Burning Case for a Green New Deal von Naomi Klein.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„There is no planet B“
Vielen Dank für das Interview, liebe Olga, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Olga Zhminko, Künstlerin
Zur Person _ Olga Zhminko (UA/AT)
Geboren in der Nähe von Kyiw, Ukraine. Erlangte ein BBA-Diplom an der International Christian University und der National Tax Academy in der Ukraine. Aufbau einer erfolgreichen Bankkarriere bei internationalen Banken, die 2016 zur Übersiedlung nach Österreich führte. Ich erwarb ein Diplom in Finanzstrategie an der Universität Oxford und ein Zertifikat in Business Sustainability Management an der Universität Cambridge. Jetzt setze ich meinen beruflichen Weg im österreichischen Umweltbundesamt fort, um einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu leisten.
Bis 2020 war sie Autodidaktin; dann besuchte sie Kurse an der Vienna Academy of Visionary Art und dem Wiener Atelier für traditionelle Kunst, um ihre Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern und hochwertigere Kunstwerke zu schaffen.
Ausgewählte Ausstellungen:
Triptych gallery at Andriivs’ky descent (Kyiv, Ukraine 2015)Artist’s House (Kyiv, Ukraine 20152016)Transformation 2020’s virtual exhibition of visionary art (US 2020)Vienna Art Markt (Vienna, Austria 2021)KreativRaum Gallery (Vienna, Austria 2021)crossart virtuel #2, Galerie SMEND (Köln, Germany 2021)Transition: Art for Regenaissance virtual exhibition by Vision Train (US 2021)Tribute to Frida Kahlo virtual exhibition by Vision Train (US 2021)LOVE-LIEBE-AMOR exhibition at publicartists gallery (Vienna, Austria 2021)ARTBOX SwissExpo exhibition (Zurich, Switzerland 2021)7th Toronto Visionary Art Exhibition (Toronto, Canada 2022)Artbox.Project Venezia 1.0 (Venice, Italy 2022)TWINS International Exhibition by LeoniArt (Sicily, Italy/ Celaya, Mexico 2022)8th Toronto Visionary Art Exhibition (Toronto, Canada 2023)Kunstschaffen Vienna, Peace Exhibition (Vienna, Austria 2022)
Mitgliedschaften: World Art Games – WAG. International Artistic Organization FZA Verein zur Foerderung von Kultur, Kunst und Wissenschaft _Worte und Taten Kunstverein (https://www.worteundtaten.at/)
Liebe Elise Wilk, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kein Tag ähnelt dem anderen und das ist auch gut (und spannend) so.
Ich sitze gerade im Zug in Richtung Bukarester Flughafen, von dort geht es weiter nach Berlin. Im Oktober werde ich viel reisen, aber in den letzten zwei Wochen konnte ich es genießen, zu Hause zu sein. Ich schätze die Zeit, die ich in Kronstadt, Siebenbürgen, verbringen kann sehr- mit Familie und Freunden, mit Schwimmen und Wandern, mit Kino und Theater, mit Netflix-Abenden und natürlich auch mit Arbeit. Meine Heimatstadt ist nicht nur wunderschön, sondern auch der perfekte Ort zum Energie-Tanken und Schreiben. In den letzen Tagen hatte ich Besuch, wir waren viel unterwegs in Rumänien- ein Glück, dass der Herbst noch so schön und warm ist.
Elise Wilk, Dramatikerin
Was ist jetzt für uns alle besonderes wichtig?
Aufmerksam gegenüber anderen zu sein. Den uns nahestehenden Menschen sagen, dass wir sie lieben. Leute häufiger anrufen (einfach nur anrufen, um zu sehen, wie es ihnen geht), statt selber auf Anrufe zu warten. Es ist komisch: wir wissen, dass wir all diese Sachen theoretisch tun müssen, und tun sie trotzdem nicht. Anderen aufmerksam zuhören und aufrichtiges Interesse am anderen zeigen- das sollte für uns wichtig sein, in schwierigen wie in glücklichen Zeiten.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Dem Theater kommt immer in Zeiten des Aufbruchs eine wichtige Rolle zu. Es sollte wichtige und mutige Themen ansprechen und vertieft bearbeiten und damit zum öffentlichen Diskurs beitragen. Es sollte Denkanstöße liefern, Perspektiven eröffnen, und dabei keine Antworten liefern, sondern eher Fragen stellen. Es sollte weiterhin Geschichten erzählen, und dadurch etwas im Menschen bewirken. Viele sagen, Theater kann die Welt nicht verändern. Doch auch wenn nur ein einziger Zuschauer an einem Abend den Theatersaal anders verlässt, als er ihn betreten hat, dann ist die Welt schon anders als davor.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerade Djinns von Fatma Aydemir. Ich lese immer langsamer, und lege das Buch immer öfter weg, damit es nicht so schnell zu Ende geht. Es ist eins der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen. (Friedrich Nietzsche)
Vielen Dank für das Interview, liebe Elise, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Elise Wilk, Dramatikerin
5 Fragen an Künstler*innen:
Elise Wilk, Dramatikerin
Zur Person _Elise Wilk ist in Kronstadt, Siebenbürgen zweisprachig (rumänisch-deutsch) aufgewachsen. Sie ist eine der meistgespielten Dramatiker*innen der jüngeren Generation in Rumänien. Ihre Stücke wurden mehrfach preisgekrönt, sowohl in Rumänien als auch im Ausland inszeniert und in 13 Sprachen übersetzt.
Sie nahm an internationalen Programmen wie dem Forum JungerAutorInnen der Theaterbiennale Wiesbaden (2014), dem Dramatiker-Programm Hot Ink in New York (2015), Fabulamundi.Playwriting Europe (ab 2013) oder Galata Perform Instanbul (2021) teil.
Ihr letztes Stück, das dreisprachige (deutsch, englisch, rumänisch) Union Place. Eine kurze Trilogie ist ein Auftragswerk für das Schauspielhaus Salzburg.
Seit 2021 unterrichtet sie Szenisches Schreiben an der Kunstuniversität in Târgu Mureș.
Station bei Bachmann_ Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin_ Leipzig_ Lebensort Ingeborg Bachmanns in Wien (1946) _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)Station bei Bachmann_ Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin_ Leipzig_ Lebensort Ingeborg Bachmanns in Wien (1946) _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Liebe Antje-Kathrin Mettin, wir sind hier an persönlichen wie literarischen Bezugspunkten der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in Wien. Ist es auch in Deinem Schreiben so, dass Du Lebensorte als Ausgangspunkte aufnimmst?
Für mein Schreiben spielen Lebensorte immer wieder eine große Rolle, allerdings auf ganz verschiedene Art. Aktuell bin ich etwa mit wichtigen Orten meiner Kindheit befasst, an die ich schreibend zurückkehre – und zwar deshalb zurückkehre, weil ich an diesen Orten Erfahrungen gemacht habe, die mich nie losgelassen haben, die mir immer wieder – beharrlich und unbeabsichtigt – in Erinnerung gekommen sind und von denen ich erst allmählich zu verstehen beginne, dass und warum sie bedeutsam sind. Bedeutsam für mich, aber bedeutsam auch als Erfahrungen, die andere womöglich ähnlich gemacht haben, an anderen Orten. Und doch wieder an ähnlichen Orten, denn so arg unterscheiden sich die vorfindbaren Lebensorte unserer Gesellschaft leider doch oft nicht.
Insofern spielen ›Lebensorte‹ noch in anderer Hinsicht eine ganz zentrale, vielleicht sogar die tragende Rolle für mein Schreiben: im Sinne nämlich einer gewissermaßen kindlichen Suche nach Orten, an denen es sich überhaupt leben lässt. Nach Orten, die entweder anders sind als gewohnt, oder nach ›normalen‹ (Un-)Lebensorten, an denen etwas Neues, Unerwartetes, ›Anormales‹ geschieht und das sie erst auf diese Weise eigentlich zu ›Lebensorten‹ werden lässt.
In diesem letzten Sinne kann für mich eigentlich alles zum Lebensort werden: die Blumen im Topf etwa, auf denen sich Licht in einem Wassertropfen bricht und wodurch das Leben plötzlich wie von Zauberhand reich und üppig wird. Oder Orte wie das Treppenhaus jener kurzzeitigen Bleibe Ingeborg Bachmanns – ein Ort, an dem sie nicht eigentlich ›gelebt‹ hat, aber an dem sie beim Durchqueren doch Empfindungen hatte, ein Ort, der lebendige Empfindungen in ihr verursacht hat – und der durch mein Wissen darum wieder ganz eigenes Leben in Konstellation mit meinen Bachmann-Lektüren in mir hervorruft. In diesem Sinne sind auch Bücher Lebensorte. Schließlich können auch Bücher Orte sein, an denen etwas ganz und gar Lebendiges passiert, nämlich eine Begegnung über Raum und Zeit hinweg, die dennoch ganz physisch ist, durch Bauch, Bein, Nerven und Kopf geht. Von Begegnungen solcher Art, von Lebensorten solcher Art sind meine Texte durchgehend getragen.
Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?
Neben Annette von Droste-Hülshoff war Ingeborg Bachmann eine der ersten Schriftstellerinnen, die ich bewusst als weibliche Schriftstellerinnen kennengelernt habe – und von deren Themen und deren Sprache ich sogleich erschüttert war und tief berührt worden bin. Was ich von ihr zunächst gelesen habe – Undine geht, Simultan, Das dreißigste Jahr – war anders, sinnlich, gleichzeitig scharf und auf gewisse Weise klar und kalt, rebellischer als alles, was ich bis dahin kannte. Ingeborg Bachmann ist gewissermaßen eine der ersten schreibenden ›Schwestern‹, denen ich literarisch begegnet bin und denen ich mich verbunden gefühlt habe. Die Suche nach Schwestern nämlich: nach Frauen, denen ich mich auf irgendeine Art nahe, ›verwandt‹ fühle – bestimmte Schriftstellerinnen etwa, bestimmte Zeitgenossinnen, auch mythologische Frauenfiguren – beschäftigt mich stark, es entsteht derzeit ein Gedichtzyklus, der eben diesen ›Schwesternschaften‹ nachspürt und der nicht zuletzt auch an Ingeborg Bachmann adressiert sein wird.
Möchtest Du einen Text Bachmanns hervorheben?
Eines von Ingeborg Bachmanns letzten Gedichten – Delikatessen – arbeitet und arbeitet heftig in mir fort – wohl auch, weil mich die Frage umtreibt, wozu all das Schreiben, wie mit den Worten umgehen, wo doch allenthalben Worte als ein Nichts, als etwas Evidentes, Offenkundiges, auch Gewaltvolles verwendet werden und selten als etwas, das wundern macht und staunen lässt. Worte werden oft für Gewalt verwendet – und an ihnen wird Gewalt verübt. Aber auch Dichtung, Kunst können etwas Gewaltvolles annehmen, zumal, wenn sie eh nur das Bestehende verfestigen helfen und es gar ästhetisieren. In diesem Sinne möchte ich zwei besonders prägnante Stellen des Gedichts zitieren, die diese Spannung – Gewalt an, Gewalt durch Sprache – in schillernder Ambivalenz namhaft machen:
» Soll ich
eine Metapher ausstaffieren
mit einer Mandelblüte?
die Syntax kreuzigen
auf einen Lichteffekt?
Wer wird sich den Schädel zerbrechen
über so überflüssige Dinge – «
» Soll ich
einen Gedanken gefangennehmen,
abführen in eine erleuchtete Satzzelle?
Aug und Ohr verköstigen
mit Worthappen erster Güte?
erforschen die Libido des Vokals,
ermitteln die Liebhaberwerte unserer Konsonanten? «
Was sind Themen in Deinem Schreiben?
Für mein Schreiben ist es essentiell, dem Kleinen und Unauffälligen, dem, was sonst leicht dem Blick und der Wahrnehmung entgeht, meine Aufmerksamkeit zu schenken – und mich über das Unauffällige zu wundern. Man kann das auch als ein Zeitnehmen beschreiben: ich versuche, mir Zeit für das zu nehmen, was sonst selten Zeit geschenkt bekommt. Mich von demjenigen Kleinen zum Innehalten bewegen zu lassen, was bei genauem Hinschauen einen (freudigen) Schauer auszulösen im Stande ist. Die Zeit fürs Kleine ist darum ein wesentliches Thema für mich, oder vielmehr: bedingt die konkreten Themen. Es wird so viel gemeint, es wird so grob gesprochen, es ist so vieles vermeintlich politisch und engagiert – und mir wird dabei oft ganz ungut zumute, denn ich habe das Gefühl, das vermeintlich ›Politische‹, ›Aktuelle‹ ist oft ein Schachzug, Kunstschaffen und Sprachliebe zu rechtfertigen, sie gut zu verkaufen. Das ist natürlich nicht die Schuld eines Einzelnen. Susan Buck-Morss hat es in Bezug auf Walter Benjamin einmal wundervoll auf den Punkt gebracht: das Politische ist nicht unbedingt das, was auch thematisch ›politisch‹ zu sein scheint. Politisch im emphatischen Sinne kann auch das sein, was zur (Re-)Sensibilisierung der Wahrnehmung beiträgt – einer Wahrnehmung, die sich im Laufe der Neuzeit und Moderne mehr und mehr abgedichtet hat, die mehr und mehr ›anästhesiert‹ worden ist. Nur eine sensible Wahrnehmung ermöglicht wirklich menschliches und in diesem Sinne: politisches Miteinander: »He [Benjamin] is demanding of art a task far more difficult – that is, to undo the alienation of the corporal sensorium, to restore the instinctual power of the human bodily senses for the sake of humanity’s self-preservation, and to do this, not by avoiding the new technologies, but by passing through them.«[1] Für mich bedeutet ›Politisches‹ darum vielmehr, lebendige, sinnliche, intensive Momente aufzuspüren – solche Momente, in denen das Erstarrte, ›Wohlgefügte‹, ›Normale‹ und ›Gesetzte‹ durcheinander gerät und in denen sich so etwas wie Lebenslust und Glück Bahn bricht. Ich denke, nur darin liegt überhaupt die Kraft zur Rebellion und zum Verändern, zum Aufsprengen. Nicht im Betonen, dass etwas verändert werden muss und im Aufstellen neuer Glaubenssätze, sondern in der Suche nach den kleinen Ahnungen von dem, was ein glückliches Leben bedeuten könnte und das verteidigt oder auch freigesprengt werden muss. Denke ich an graue Büroräume, an graue Denkräume, an scheinbar unabänderliche Gesetzmäßigkeiten, Vorschriften und Pflichten, verliert sich dagegen aller Lebenswille. Von diesen Dingen versuche ich zu schreiben.
Wie war Dein Weg zur Literatur und welche Schwerpunkte gibt es da?
Die Frage, wie mein Weg zur Literatur war, ist gar nicht so leicht zu beantworten – denn wo beginnt Literatur? Als Kind habe ich, wie wohl im Grunde alle Kinder, Geschichten jeder Art über alles geliebt. Geschichten, die ich an unterschiedlichen Orten aufgeschnappt habe – in der Schule, beim Spielen, auch in der Kirche (ein reicher Geschichtenfundus!), in Filmen und freilich auch in Büchern. Und sehr früh habe ich angefangen (vor dem Lesen), selbst Geschichten zu erdenken und zu erträumen – im Spiel mit anderen Kindern, aber auch still, innerlich. Ich denke heute, auf gewisse Weise war das mein Weg zur Literatur – es lag in all diesen Geschichten eine Ahnung davon, dass die Welt reicher, schöner ist als wie sie den Kindern von den Erwachsenen (meist) gezeigt wird. Insofern habe ich mich immer besonders angezogen von derjenigen Literatur gefühlt, die einer gewissen Schönheit, Andersartigkeit, Fülle nachspürt. Dass ich damit begonnen habe, meine stillen Gedanken und Wortgebilde auch aufzuschreiben, war ein recht später Schritt – und sie auch öffentlich zu machen, noch ein anderer. Ich habe es mir nie vorgenommen, habe mir nie gesagt: Jetzt fange ich zu schreiben an. Es ist einfach irgendwann passiert, nach und nach – und jetzt kann und mag ich nicht mehr aufhören damit. Es ist so, als hätte ich endlich zu etwas gefunden, was ich lange verdrängt, vermisst habe. Manchmal reibe ich mir selbst ganz verwundert die Augen und wundere mich, wie das eigentlich passiert ist. Ich hätte auch niemals gedacht, dass Lyrik mir so nahe steht, scheinbar ist es aber so, sie bildet momentan den Schwerpunkt meines Schreibens, aber ich bin auch mit Erzählungen und Theaterstücken befasst.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Zur Zeit arbeite ich an vielen verschiedenen Projekten, so dass mir zuweilen etwas schwindelig wird und ich hoffe, ihnen allen auch tatsächlich über kurz oder lang gerecht werden zu können. Verschiedene Gedichtzyklen wachsen derzeit und kommen ihrem Abschluss näher (›Durchbrüche – oder auch: Epiphanien im Bade‹, ›Schwesternschaften‹, ›Farbsuche‹ und ›Mikroskopie : Krustentiere‹), ich schreibe kontinuierlich an meinen ›Mikrogrammen‹ auf Instagram weiter, es ist ein Buch zu Walter Benjamin und seinem Begriff des Erzählens im Entstehen inbegriffen, ein Musiktheaterprojekt wartet auf Fortsetzung, eine Erzählsammlung, die ich vorerst ›Kindliche Oppositionen‹ getauft habe, drängt mich zum Weiterschreiben und ein kleines Theaterexperiment habe ich mir für den Winter vorgenommen, in dem ich zu Texten Paul Scheerbarts mit Licht und Schatten laborieren möchte. Andere Projekte warten auf günstige Gelegenheiten und dürfen momentan noch ruhen.
Welche Bezüge gibt es von Dir zu Wien?
Mit Wien verbindet mich sehr, sehr viel – ich liebe Wien über alles und möchte über kurz oder lang hier auch leben. Es ist eine sehr besondere Stadt, historisch, durch all die vielfältigen Kulturen und verschiedenen Einflüsse, die hier zusammengekommen sind. Ich denke allein schon an Sigmund Freud und die Psychoanalyse, an Schriftsteller wie Joseph Roth, Peter Altenberg, Karl Kraus, an Künstler wie Egon Schiele, Gustav Klimt oder Otto Wagner, an Komponisten wie Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Arnold Schönberg. Und nicht zuletzt wegen der besonderen Theatergeschichte, vor allem der komödiantischen, schlägt mein Herz wie wild für Wien, zum vielgeliebten Johann Joseph Felix von Kurz, genannt Bernardon, möchte ich in den nächsten Jahren dringen ein Buch schreiben. Und dann gibt es hier natürlich einfach ganz und gar bezaubernde, umwerfende Orte en masse – den Prater, den Zentralfriedhof, die Museen, die Kaffeehäuser, die großartigen Jugendstil-Bauten, das Loos-Haus und so fort. Ich könnte lange weiterschreiben, aber kurzum: In Wien verdichtet sich so vieles, was mit allem, das mir wichtig ist, zu tun hat, dass ich mich kaum einer anderen Stadt ähnlich verbunden fühle.
Welche Eindrücke nimmst Du vom Wohnhaus Ingeborg Bachmanns mit?
Es war für mich eine sehr eindrückliche, sehr ›auratische‹ Erfahrung, an einem Ort sein zu können, an dem Ingeborg Bachmann für gewisse Zeit gelebt hat. Ich habe dort etwas empfunden, was auch ihre Texte in mir immer wieder auslösen: Ein extremes, sehr berührendes Spannungsverhältnis von Weite und Enge. Das sich drehende Treppenhaus etwa ging mir besonders nahe: einerseits lädt es zum Springen und Laufen ein, hat etwas Märchenhaftes – und andererseits erinnert es auch an eben jene Türme in den Märchen, die einsperren und denen man zu entkommen versucht, zu entkommen durch Fenster, die zwar die Sicht nach draußen zulassen, aber doch wieder nur auf enge Hinterhöfe blicken lassen. Diese Spannung von Hoffnung und Eingeschlossensein habe ich stark empfunden, insofern waren auch die Nägel an der Wand im Garten, die etwas verlassen wirkenden hinteren Wirtschaftsräume für mich sehr einprägsam. Wie gerne habe ich mir aber auch vorgestellt, wie Ingeborg Bachmann voller Freude, voller Lebenslust die Treppe entlanggelaufen ist, lachend, glücklich, voller Sehnsucht und Lebensmut.
Darf ich Dich abschließend zu einem Ingeborg Akrostichon bitten?
Ich rannte, lief, verzweifelte am
Namen aller Dinge, die in
Geborgenheit /
GEborgenheit,
GeBorgenheit,
GebOrgenheit /
GeboRgenheit |
GeborGenheit der Buchstaben sich harmlos gaben.
Brach ab, die Reihe unsrer Worte : das Benennen, das zwar das
Atmen nur zu gliedern schien, noch nicht das Leben uns zerstörte; doch
Cassandra brauchte ich nicht, zu wissen, dass auch ein
Höllentor in jedem Nennen lauert und
Macht mit Buchstaben auch Menschen frisst.
Arretiert, festgestellt, ausgetilgt – mein
Nein soll alles mächtig
Nennen übertönen, zerbersten wohlgefügten Rhythmus eines nennend Grauens ¯ ‚
Vielen Dank, liebe Antje-Kathrin Mettin, für Deine Zeit in Wort und Bild bei Ingeborg Bachmann, alles Gute für alle Projekte!
Lieber Walter, einen herzlichen Dank Dir – es war eine wundervolle Erfahrung, gemeinsam mit Dir Ingeborg Bachmann nachspüren zu können, die Hände auf jene Steine, jenes Holz legen zu können, das auch sie angefasst hat. Ich bin ganz berührt davon, wie Du es schaffst, Orte lebendig werden zu lassen, merci beaucoup!
Station bei Bachmann_ Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin_ Leipzig_ Lebensort Ingeborg Bachmanns in Wien (1946) _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
[1] Susan Buck-Morss, Aesthetics and Anaesthetics: Walter Benjamin’s Artwork Essay Reconsidered. In: October, Vol. 62. (Autumn, 1992), pp. 3–41, hier: 5.
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Performance, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Liebe Loulou Omer, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
Wie ein Manifest gegen die patriarchale, erdrückende und sterile Gesellschaft, getragen von einem einzigartigen und einsamen Wesen, einem Mischlingswesen, nicht ganz menschlich, nicht ganz sozial, flüssig, sehr emotional und weiblich. Sie spricht das Manifest, ohne politische Doktrin, ohne ein beschützendes „wir“, aus einer höchst persönlichen Lebenserfahrung heraus und eigenem Schicksal. Vielleicht ist Undine etwa, wie Kassandra, eine Weissagerin, die auch weiß, dass ihr niemand zuhört. Ingeborg Bachmann sagte, dass Undine die Kunst ist. Ich mag sie so sehen.
„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Geändert hat sich wahrscheinlich, dass ich gefragt bin. Noch ändern sollte sich zuerst, überall gleiche Rechte, gleiche Bezahlung und ein Ende der Gewalt. Danach kann man tiefer gehen und versuchen undogmatisch zu denken, ich meine, zu denken.
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
Diese Macht ist omnipräsent, sie bestimmt nicht nur über Besitz und Verteilung von Geld und bei politischen Entscheidungen, sondern, und das finde ich von höherer Bedeutung, über grundlegende Denkweisen unserer Gesellschaft. Damit meine ich, wie wir die Welt in festen, nicht-zu-hinterfragenden Kategorien für uns ordnen und „das Gute“ mit Kontrolle gleichsetzen. Die Kontrolle über die Natur, über „die anderen“, über die Frauen, über die Krankheiten, über die Zeit, über die Kunst. Ich verstehe es als Ausdruck einer pathologischen Zivilisations-Angst. Die Angst vor der Sinnlosigkeit unseres Da- Seins, die auch die Angst vor dem Tod ist und doch nicht als solche gesehen wird.
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?
Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es früher besser war. Das ist doch die große Frage, und die große Aufgabe, wie schafft man Liebe? Durch Gott? Wohltätigkeit? Sozialismus? Yoga? Kunst? Katzenvideos?
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
Frei zu sein, meiner Wahrheit zu folgen, auch wenn es einsam ist. Mich in meiner eigenen Art auszudrücken, auch wenn ich riskiere, nicht verstanden zu werden. Kunst als hochwertiges Mittel um die Welt zu verstehen, da sie ein liebevoller Blick ist, auch, und vielleicht, besonders wenn sie die Abgründe berührt.
Was bedeutet Dir Natur?
Schönheit. Liebe. Rätsel.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
Sich vom Irrsinn der Technologie lösen und aus ihr keine Religion machen, die großen Mächte sind überzeugt sie wären Gott. Oder Geld oder sowas. Es kann also nur auf der persönlichen Ebene beginnen…