„Noch mehr lieben, was uns umgibt“ Gundula Schiffer, Schriftstellerin_Köln 3.6.2021

Liebe Gundula, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Na ja, an dem hat sich im Grunde kaum etwas geändert, da ich ja auch zuvor schon zu Hause gewerkelt habe. Dem Kern meiner Arbeit kann ich glücklicherweise weiterhin nachgehen, also schreiben und übersetzen. Die Literatur ist die Immateriellste unter den Künsten, sie kommt mit Wenigstem aus. Im Extremfall könnte man sich sogar Papier und Computer wegdenken, ich würde aber den Bleistiftstaub und das Flackern der Buchstaben auf dem Bildschirm vermissen. Unterhalb der Woche stehe ich relativ früh am Morgen auf.

Der Vormittag ist die „ordentlichere“ Zeit, wo ich ein paar Stunden an Übersetzungsaufträgen aus dem Hebräischen arbeite, berufliche Kommunikationsdinge erledige etc. Um Mittag herum mache ich länger Pause, das sind die „nüchternsten“ Stunden des Tages. Aber ich freue mich dann jedes Mal riesig aufs Laufen im Stadtwald; in den Wald bin ich echt dauerverliebt. Ich muss mich überhaupt viel bewegen. Als zu Anfang von Corona eine komplette Ausgangssperre kommen sollte, hat mich das echt panisch gemacht. Ich schaue gerne dem Licht zu, wie es sich verändert und mich verändert, also meine Stimmungen und Empfänglichkeiten moduliert. Leider ist der deutsche Himmel oft monatelang so grau, als wäre man von oben zubetoniert. Und dazu dann „Lockdown light“. Meine Lieblingszeit ist sonst der Nachmittag und der Übergang in den Abend. In diesen Stunden bin ich in der inneren Verfassung, um an Gedichten zu arbeiten und mich von allem gefangen nehmen zu lassen, was dorthin führt.

Ich bin Tiefsee-Taucherin und Bühnen-Junkie in einer Person. Genügend Alleinsein ist mir notwendig, aber ebenso brauche ich den regelmäßigen Kontakt zum Publikum bei Lesungen und den Austausch mit meinen Kolleg*innen und Freunden in einer nicht nur literarisch pulsierenden Stadt wie Köln. Eine Stadt ist ja auch ein lebendiges Wesen und die meine fühle ich derzeit nicht mehr so recht. Auch Fahrradfahren macht nicht mehr denselben Spaß wie früher. Und natürlich fehlen mir die selbstverständlichen Israel-Aufenthalte. Das gibt es so ein richtiges schmerzhaftes Ziehen; Sehnsucht eben, nach der Sprache, bestimmten Atmosphären und guten Freunden. Doch trotz all dieser Einschränkungen habe ich schöne Projekte, dichterische wie übersetzerische, so dass ich die Zeit als erfüllt erlebe. Und obendrein wurde mir im April für mein Lyrikband-Projekt Hioba Hymore eines der beiden Dieter-Wellershoff-Stipendien des Literaturhaus Köln und der Stadt Köln zugesprochen. Für all das bin ich ungeheuer dankbar.    

Gundula Schiffer, Dichterin-Übersetzerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einerseits weiterhin: das Akzeptieren dieser irgendwie auch skurrilen Situation, die die Welt derzeit im Griff hat, und der wir eben zum Teil machtlos ausgeliefert sind. Andererseits aber: Unbedingt in Bewegung bleiben und nicht in Lähmung verfallen; erfinderisch sein, wie man sich dennoch menschlich und künstlerisch begegnen und nahekommen kann. Wege jenseits des Bildschirms kultivieren. Also immer auch mal wieder weg von den unechten Blumen. Jetzt im Frühling und Sommer kann man sich endlich wieder in Parks oder auf Balkonen treffen.

Sich bewusst zu machen, wie viel immer noch da ist. Egal wie unterschiedlich unsere Lebenssituationen auch jeweils sein mögen, bin ich mir sicher, dass das bei jedem von uns, zumindest hier in der westlichen Welt, noch viel ist. Noch mehr lieben, was uns umgibt. Jeden Tag für unaufwändige Freuden sorgen und die so richtig genießen: die Tasse Kaffee als greifbare Auszeit, die gute Einfälle bringt; die Natur, die immer geöffnet ist. Und sich erlauben, Zukunftspläne zu schmieden und die nächsten Reisen zu planen. Es kommt wieder und wir werden es auf Händen tragen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es gibt eine gewisse positive Erfahrung des geteilten Leides sozusagen, weil diese Einschränkungen und Verluste eben uns alle, den ganzen Globus betreffen. Corona hat meiner Beobachtung nach auch bewirkt, dass man sich leichter öffnet, unterschiedliche Bedürfnisse und Sensibilitäten halten sich an der Oberfläche auf. Diese Solidarität, größere Bereitschaft des einander Zuhörens und Unterstützens sollten wir als humanes Potential nicht wieder verschwinden lassen.

Durch die Pandemie ist das Unverzichtbare, sind die wesentlichen Aufgaben der Kunst in aller Schärfe klar geworden, und die, denke ich, weisen den Weg in die Zukunft. Dass sie keine Begleiterscheinung unserer Gesellschaft ist, sondern uns mit der Essenz des Menschlichen versorgt. Literatur und Kunst sichern jene Freiräume, die es ermöglichen, auf die wohl intensivste Weise mit uns selbst und mit anderen in Berührung und Dialog zu sein. Und in meinen kühnsten Visionen ist es noch immer so, dass Kunst einen Krieg verhindert, ein Gedicht ein Menschenleben rettet. Kunst und Literatur sind immer auch ein Werkzeug des Widerspruchs und des Abweichens von dem, was andernorts gerade als das Wichtigste und Nützlichste erscheinen mag. Sie bringen das wesentliche Plus an Perspektiven. Mit Literatur demonstrieren wir vielleicht am deutlichsten, welche Art Mensch und Gesellschaft wir sein wollen und was es braucht, um daran arbeiten zu können.

Eine Aufnahme aus meiner Werkstatt mit handschriftlichem Gedicht_Gundula Schiffer

Was liest Du derzeit?

Ach, viel zu vieles gleichzeitig und wild durcheinander, vieles bleibt dann oft lange angeknabbert liegen. Aber zielgerichtet sind es im Moment zwei Bücher: Schchol wekischalon (Breakdown and Bereavement) von Josef Chaim Brenner und Noa Noa von Paul Gauguin.

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Weil ich ihre Interpunktion, besonders die Gedankenstriche, schon immer mochte, auch darum, klassicherweise, Verse von Emily Dickinson (aus dem Gedicht: „There’s a certain Slant of light“), an dieser Stelle unübersetzt:

„Heavenly Hurt, it gives us – / We can find no scar, / But internal difference – / Where the Meanings, are –“

Vielen Dank für das Interview liebe Gundula, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gundula Schiffer, Dichterin-Übersetzerin

www.gundula-schiffer.de

Foto_Porträt_Falko Alexander; Foto_Werkstatt/Gedicht_Gundula Schiffer.

6.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Schreiben ist Herzblut für mich“ Silvia Pistotnig, Schriftstellerin_Wien 2.6.2021

Ich habe schon in der Schulzeit viel geschrieben und hatte immer das Gefühl ich kann mit Worten gut umgehen. Später dachte ich, ich möchte da etwas weiterkommen und begann Kurzgeschichten zu schreiben. Dann folgten weitere Schritte.

Silvia Pistotnig, Schriftstellerin

Ich schreibe schnell, nur das Buch als Ganzes dauert dann etwas. Das ist dann oft eine Zeitfrage oder auch etwas Faulheit (lacht).

Ein Gedanke kommt, eine Figur, dazu eine Geschichte, im Schreiben ergibt sich dann ein Prozess. Ich will mich im Schreiben auch selbst unterhalten.

Ich schreibe und dann kommt lange nichts (lacht). Dann schreibe ich wieder und lese wieder nach. Wenn ich schreibe, schreibe ich schnell.

Das entspricht auch meiner Persönlichkeit, etwa im Sport. Kraft- Konditionsübungen. Schnell, effektiv. Es muss schnell sein. Marathon ist nichts für mich.

Sport ist wichtig. Ich bin auch Aerobic-Trainerin, habe dazu eine Ausbildung mit Gewerbeschein gemacht. Derzeit übe ich es beruflich nicht aus.

Namen spielen in meinen Texten meist keine große Rolle. In meinem aktuellen Roman „Teresa hört auf“ ist dies bei der Titelfigur anders. Teresa, da ist das Royale – Maria Theresia – und auch das Helfende – Mutter Teresa – drin.  Dazu dann der Name der Freundin ohne größere Bedeutung.  

Psychoanalyse ist in meinen Texten kein Thema. Die Psyche spielt eine Rolle, das Extreme.

Schreiben ist Herzblut für mich.

Literatur ist da, hat keine Grenzen.

Kurze Sätze, den Kern treffen – die frühe Jelinek ist da für mich beeindruckend.

Ich schätze aber auch Sagen sehr – wie phantastische Romane.

Phantasie schätze ich sehr. Im Schreiben, Lesen und Leben.

Wien ist für mich Lebenswelt. Stadt und Natur, diese Verbindung genieße ich auch sehr.

Ich bin in Kärnten aufgewachsen. Kärnten, das ist umgebende Liebeswelt für mich. Heimat ist natürlich ein belasteter Begriff. Aber Kärnten, da ist viel Gefühl – Landschaft, Menschen. Nähe.

Ich liebe gutes Essen und Trinken. Es ist etwas so sinnlich Schönes wie wenig anderes. Salat und Brot liebe ich am meisten. Mein Mann bäckt das Brot selbst. Butterbrot und frischer Salat ist köstlich. Ich mag auch Süßes, bin aber mehr für salzig und sauer.

Kasnudl gehen nur von der Oma für meine Kinder und für mich auch (lacht).

Silvia Pistotnig, Schriftstellerin

Im Gespräch und Fotoporträt:

Silvia Pistotnig _ Schriftstellerin _Wien. 

Romanneuerscheinung: „Teresa hört auf“

Silvia Pistotnig – Teresa hört auf (milena-verlag.at)

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ 5_2021.

https://literaturoutdoors.com

„Ein spiritueller Aufbruch wäre das Wichtigste für die Gesellschaft“ Ossi Huber, Musiker_Klagenfurt 2.6.2021

Lieber Ossi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich unternehme viel, um mein Immunsystem bei Laune zu halten. Wanderungen mit meiner kleinen Familie inklusive Hund – an Orte, die ich bisher nicht oder kaum kannte. Es gibt deren so viele! Warum in die Ferne schweifen wenn das Schöne liegt so nah? Ich lache gern und viel – ohne Humor wird es kalt. Ich lese viel, mir fallen Texte zu, ich musiziere und habe mit meinen Freunden von „ossi huber&band“ soeben ein neues Album eingespielt (Jedn Tag in`Spiagl schaun). Ja – und oft sitze ich einfach nur da und bin …

Ossi Huber_Musiker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Man darf sich nicht von ratternden Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft verunsichern lassen und stattdessen im Jetzt verweilen. Sich dem Leben stellen. Das Leben kommt daher, wie es will – es lebt dich! Es ist, wie es ist (und es kann nicht anders sein …).

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Dieser Aufbruch (ich meine damit einen Aufbruch nach innen) ist mir 2008 einfach „passiert“. Ich glaube, dass ein spiritueller Aufbruch das Wichtigste für die Gesellschaft wäre. Nicht nach Lignano reisen sondern nach innen. Finden statt suchen.

Musik und Kunst können dabei eine wichtige Rolle spielen, nämlich Menschen zu begleiten und sie zum Zuhören zu bringen. Ja – zuhören anstatt sich berieseln zu lassen. Aufmerksam und wachsam sein anstatt mit der Herde zu grasen …

ossi huber&band

Was liest Du derzeit?

Wieder einmal das Buch, das mein Leben verändert hat. „Stille des Herzens“ von Robert Adams. Ein spirituelles Werk für Leser, die weder Politik noch irgendwelchen Religionen hinterherlaufen und spüren, dass sie Jahre lang von Illusionen eingewickelt wurden …

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein wunderbares Zitat von Jiddu Krishnamurti (ein indischer Philosoph, Theosoph und Weisheitslehrer), der sein Studium an der Pariser Sorbonne absolviert hat:

„Ich habe nichts gegen das Leben“.

Vielen Dank für das Interview lieber Ossi, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ossi Huber_Musiker

Home (ossihuber.at)

Fotos_privat.

5.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Nach einer guten Geschichte kann man der normalen Welt wieder neu begegnen“ Marion Demme-Zech, Schriftstellerin_ Rehlingen-Siersburg/D 2.6.2021

Liebe Marion, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Früh aufstehen, wie auch schon zuvor. Alles so erledigen, dass ich in Ruhe arbeiten kann und ab spätestens acht Uhr sitze ich am PC und schreibe. Mit einer Mittagspause oft bis in den Nachmittag hinein, wenn nichts anderes ansteht. Danach geht es meist raus in die Natur, zum Spazieren, einem schönen Ort in der Nähe, den ich noch nicht kenne, manchmal mit Freunden, manchmal mit „ausgeliehenem“ Hund. Dazu kommt noch Einkaufen, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

Als Autorin hat sich tagsüber und an Wochentagen gar nicht mal so viel verändert, außer, dass nun auch der Rest der Familie zumeist im HomeOffice ist.

Marion Demme-Zech, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass es weiterhin Dinge gibt, auf die oder an denen man sich (er)freuen kann, würde ich aus meiner Sicht sagen. Ohne Highlights lebt es sich nicht gut. Zu jeder Zeit gibt es gute und schlechte Dinge und etwas zu finden, was man sich gönnen kann, ist wohl die Kunst – nicht nur jetzt, sondern immer. Das kann der Garten sein, bei mir sind es derzeit ganz besonders die Korallen, die langsam in meinem Meerwasseraquarium heranwachsen, der Frühling, nette Kontakte, die auf kreative Weise trotzdem möglich sind, und natürlich spannende Projekte. Ebenso wie allerlei Pläne und Wünsche für die Zukunft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich schätze, es ist zu jeder Zeit so, dass Literatur oder Kunst an sich eine wichtige Rolle für Menschen spielen kann. Schließlich bieten Bücher und Geschichten, aber auch Bilder, Fotografien oder Filme, stets die Möglichkeit, in eine andere Welt einzutauchen und die würde ich mir im Moment in jedem Fall coronafrei wählen. Lesen und Kunst bieten eine Auszeit, ein kurzes Entrücken, aus der Realität. Das heißt für mich nicht, dass man etwas verdrängt oder vor Tatsachen flüchtet, sondern, dass es eine Möglichkeit gibt, Abstand von den alltäglichen Dingen oder auch Problemen zu gewinnen. In einer Geschichte kann man nicht selten, ganz eigene Lösungen und Sichtweisen für sich und auf das eigene Leben zu finden. Jeder liest schließlich etwas anderes zwischen den Zeilen heraus.

Bücher bieten immer Antworten und vermutlich sucht man sich eine neue Lektüre genau nach diesen Gesichtspunkten aus. Nach einer guten Geschichte kann man der normalen Welt wieder neu begegnen – vielleicht mit neuen Perspektiven, Ideen oder einfach nur gut erholt mit etwas Rückenwind.

Was liest Du derzeit?

Ich hänge in mehreren Büchern fest. Was aber nicht an der Qualität der Bücher liegt. Ende Mai ist Abgabe für meinen neuen Roman – da bleibt das eigene Lesen leider viel zu oft auf der Strecke.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„I give myself very good advice, but I very seldom follow it.“

Lewis Carroll

Das sagt meine Protagonistin als ersten Satz in „Letzter Ausstieg Saar“, dem ersten Teil meiner Saarland-Krimireihe. Das wäre noch eine Alternative zu dem Lewis Carroll-Spruch als Zitat.

Marion Demme-Zech, Schriftstellerin_im Flieger des „Kleinen Prinzen“ Antoine de Saint-Exupery

Vielen Dank für das Interview liebe Marion, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich dank dir auch, lieber Walter, für die spannenden Fragen.

5 Fragen an Künstler*innen:

Marion Demme-Zech, Schriftstellerin

Marion Demme-Zech – Gmeiner Verlag (gmeiner-verlag.de)

Glücksorte im Saarland – DROSTE Verlag (droste-verlag.de)

Fotos_1,2, 4 Marc Demme, 3 Marion Demme-Zech;

7.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Der Aufbruch beginnt mit Akzeptanz“ David Stecher, Musiker _Wien 1.6.2021

Lieber David, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment ist das sehr situativ. Am Morgen und am Abend sind die Spaziergänge
mit Partnerin und Hund die einzigen Konstanten derzeit. Manchmal arbeite ich als
Bauleiter im Souterrain meiner Nachbarin, Montags und Samstags gehe ich meinem
9to5 Job im Handel nach, welcher auch meine Fixkosten deckt. Unter der Woche ist
das Studium als Tontechniker im Fokus. Nebenbei darf ich im Off Theater in Wien
den Ton für unsere Zoom-Theater (Mai) bzw. Live Vorstellungen machen und auch andere
tontechnische Leistungen wie Mikrofonierungen erstellen, Löten und was sonst so
anfällt, durchführen.

Da unser Album in der finalen Phase steckt ist natürlich auch Mastering, Promotion
und generell die Absprache mit dem Label bzw. Studio eine zentrale Beschäftigung
im Moment. Sehr wichtig dabei ist das Thema Release, da wir abhängig von
Konzerten sind. Dementsprechend haben wir den Release des Albums nach hinten
verlegt, da die Live-Branche für uns MusikerInnen wohl immer noch die wichtigste
Einnahmequelle darstellt. Wir hoffen, dass bis dorthin auch Konzerte in
dementsprechender Form möglich sein werden.

David Stecher, Musiker/Tontechniker

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesundheit, sowohl physisch als auch psychisch. Die Pandemie belastet alle auf
unterschiedliche Art und Weise. Folgend werden auch die Antworten auf diese Frage
unterschiedlich lauten. Ein Anliegen ist mir, dass die finanzielle Situation, gerade im Kunst und Kultur Bereich, zumindest machbar erscheint. Ich hoffe, dass die KollegInnen in allen
Bereichen, von Booking, Technik, Schauspiel, MusikerIn etc. halbwegs über die
Runden kommen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was
wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Theater,
der Kunst an sich zu?

Ich glaube der Aufbruch beginnt mit Akzeptanz. Ich wage zu behaupten, dass ein
Leben ohne Covid-19 nicht/schwer vorstellbar sein wird. Der Fachbegriff wäre
glaube ich eine Endemie. Also ein Leben mit Corona, sowie mit der saisonalen
Sommergrippe zum Beispiel. Wir werden durch Impfungen und Immunisierung den
Großteil der schweren Folgen beseitigen und irgendwann wird es wie eine klassische
Erkältung sein. Bis dorthin dauert es aber noch ein wenig.

Die Pandemie wirft wieder einmal mehr die soziale Frage auf – und genau die gilt es
aus meiner Sicht wieder vermehrt zu thematisieren. Ich erhoffe mir von
MusikerInnen und Theatern, dass sie diese aufgreifen. Große Onlineshopping
Konzerne zahlen kaum Steuern in Europa, während finanzielle Hilfestellungen
teilweise noch immer nicht angekommen sind. Außerdem finde ich die Entwicklung der QurdenkerInnen Bewegung als sehr beunruhigend. Es stellt mir die Haare auf,
wenn vermeintlich Linke mit Neonazis demonstrieren. Hier soll und kann die Kunst
und Kultur als Spiegel für die Gesellschaft dienen. Allerdings wird der große Effekt
davon glaube ich erst wieder unter „normalen“ Bedingungen eintreten.

Was liest Du derzeit?

Ich muss gestehen, ich bin kein großer Leser. Im Zuge meines Studiums befasse ich
mich sehr viel mit tontechnischer Literatur. Meistens lese ich, sofern ich lese, Lyrics.
Dafür schaue ich viele Dokus und Satire-Sendungen. What Drives Us ist gerade
kürzlich erschienen und finde ich durchaus unterhaltsam, auch wenn der musikalische
Mehrwert überschaubar ist. Jan Böhmermann und sein ZDF Magazin Royale sind ein
fester Bestandteil unseres Freitag Abends und kann ich nur empfehlen. Wie Eingangs
erwähnt ist meine Hauptlektüre zurzeit ein manual eines 16 kanaligen Mischpultes
welches im Theater steht.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Read the fucking manual! Spaß bei Seite.

In What Drives Us wird unmissverständlich die Kernbotschaft transportiert und diese
lautet Sinngemäß:,, Auch wenn man es sich am Anfang nicht zutraut/vorstellen kann,
man sollte immer an seiner Idee arbeiten, sie verfolgen und sich einfach trauen”.
Ich glaube, dass diese Angst vor der Angst immer noch viele Menschen davon abhält,
ihr eigenes Ding umzusetzen. Speziell im letzten Jahr wurde diese Angst leider für
viele noch verstärkt…

Vielen Dank für das Interview lieber David, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich sag’ Danke!

5 Fragen an Künstler*innen:

David Stecher, Tontechniker / Musiker / Student

Foto_ Aria Sadr-Salek

5.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com



„Die Kultivierung inneren „Reichtums“, die in eine bewusstere Haltung zur Welt umschlagen könnte“ Dagmar Rohm, Bildende Künstlerin _Wien 1.6.2021

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hat sich im Großen und Ganzen eigentlich nicht sehr verändert. Ich verbringe viel Zeit im Atelier, wo ich der Zeit auf meine Art und mit den gestalterischen Mitteln der Malerei nachspüre. Anfangs hat mich die erzwungene Verlangsamung der Geschäftigkeit entzückt. Es kam mir vor, als könne ruhiger geatmet werden, jetzt, da dem Atmen durch den Virus der Krieg erklärt war. Das war ein Indiz für eine erlebbare Gegensätzlichkeit, was mich sehr neugierig gemacht hat.

Dagmar Rohm_Bildende Künstlerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, dass durch die Krise viele ihre eigene Existenz neu und vertieft reflektieren.
Darin steckt enormes Potenzial. Vielleicht wird es künftig weniger relevant, Statusspiele
zur Imagepflege gegen die Umwelt zu vollführen. Ich sehe den großbürgerlich
kapitalistischen Lebenszweck einmal mehr in Frage gestellt. Dieser trägt die Fratze des Hochmuts. Was natürlich kräftig moralisch klingt.. und andererseits auch naiv, denkt man an die Börsen – Gewinner der Krise.


Vor einem Aufbruch werden jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was
wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die Kultivierung inneren „Reichtums“, die in eine bewusstere Haltung zur Welt
umschlagen könnte, der weisere Entscheidungen zugrunde liegen, wäre ein weitreichendes global Sinn stiftendes überpersönliches Ziel. Aber das ist natürlich sehr idealistisch gedacht. Dennoch widerspiegelt gerade dies meine Sehnsucht.

Gute Kunst ist für mich immer satt vom Jetzt und irritiert den routinierten Gang der
Dinge und der Wahrnehmung. Man könnte mutwillig und etwas zynisch sagen, der Krise wäre durch Corona ein Kunstwerk geglückt, das ein Innehalten provoziert und unser aller Denken revolutioniert, möglicherweise zu einem besseren hin. Das Wort „Rolle“ (von Kunst) ist ein Fallstrick – Kunst sollte keine haben.. und Künstler*Innen dienen nicht so. Das Kategorisierende, das ich mit der Zuweisung einer „Rolle“ verbinde, beinhaltet Zweck, Zwang und Ratio. Ein bisschen Irrationales muss der Mensch aushalten.

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade mit dem 1. Teil der Trilogie „Vernon Subutex“ von Virginie Despentes
begonnen. Daneben lese ich noch Flauberts „Madame Bovary“ zu ende, und Alice Millers „Am Anfang war Erziehung“ liegt auch auf meinem Schreibtisch, sowie das Essay – Band „Hunger und Seide“ von Herta Müller.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Niemand hat das Recht zu gehorchen“ von Hannah Arendt

Vielen Dank für das Interview liebe Dagmar, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dagmar Rohm, Bildende Künstlerin

Aktuell – Dagmar Rohm

Foto_Dagmar Rohm

5.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com