Ino Matsou, Schauspielerin _acting Ingeborg Bachmann _ Ankunft Wien _ Originalschauplatz _ Wien _ Foto_Vor der ersten Wohnung von Ingeborg Bachmann in Wien. Die Schriftstellerin kam hier 1946 in Wien an. Walter Pobaschnig, folgende.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
INGEBORG_ Akrostichon
Text _ Romana Ganzoni, Schriftstellerin
Performance _ Ino Matsou, Schauspielerin
INGEBORG
Ich habe behalten, was brennt.
Nichts davon ist Vergangenheit.
Gewalt im Satz.
Ein Wort zu viel.
Brennen als Bedingung.
Ohne Trost.
Reden gegen die Zeit.
Gegen das Schweigen.
Romana Ganzoni, 9.1.2026
Ino Matsou, Schauspielerin _acting _ Walter Pobaschnig, folgende
Ino Matsou, Schauspielerin
Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen, Aufbrüchen in Leben, Liebe, Literatur, die mit dieser Stadt in Wegen, Plätzen, Cafès ganz eng verbunden sind. Es formen sich wesentliche Themen und Schwerpunkte Ihres Schreibens. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin.
Mit Wien bleibt die später in Rom lebende und verstorbene Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina spielt in Wien, ebenso nehmen viele Gedichte darauf Bezug.
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung/Bocca di leone, Rom um 1971
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _Slavica Klimkowsky, Schriftstellerin
Liebe Slavica, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Nachdem ich Ende der siebziger Jahre ein paar ihrer Gedichte gelesen habe, wollte ich alles über die Schriftstellerin und ihr Werk erfahren. Da lebte ich seit kurzer Zeit in Berlin (kam im Herbst 1978 aus dem ehem. Jugoslawien) und studierte Medizin an der Freien Universität. Die Gedichte, so tiefsinnig und voller Energie, eröffneten mir eine neue Welt in der neuen Welt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Die Schwere der existentiellen Last der Frau und die Suche nach weiblicher Subjektivität, Stimme, Identität und persönlicher Wahrheit. Ingeborg Bachmann war eine faszinierende Persönlichkeit und authentische literarische Stimme der Zeit, eine linguistische Schöpferin, fleißig und klug.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
„Malina“, ihr erster und einziger Roman, der mich tief berührt hat, 1. Teil einer Trilogie, die sie nicht vollenden konnte.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Doch hat sie mit ihren Gedichten Anfang der fünfziger Jahre, vom patriarchal geprägtem Literaturbetrieb, viel Aufmerksamkeit erfahren. Nach ihrer intensiven, fast zwei Jahrzehnte langen Auseinandersetzung mit der Kunst, der Welt und der Kritik an eben dieser, wird sie, in der nach wie vor patriarchal dominierten Literaturwelt, ins Abseits gedrängt. Sachverhalte erkennen und sie beim Namen nennen, kam nicht gut an. Dennoch war/ist es wichtig – damals wie heute! Dafür wurde sie von ihren Leserinnen und Lesern verehrt.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Dass das Schreiben von literarischen Werken eine einsame Tätigkeit ist, wissen wir alle. Aber wenn der persönliche Anspruch und die Forderungen an die Kunst/Dichtung immer mehr „hochgeschraubt“ werden, mit jedem neuen Werk noch besser, noch präziser zu sein, kann die Arbeit zu einem „Martyrium“ werden. Manchmal ist es aber auch die Unzulänglichkeit der Sprache, die Qualen bereitet und eine/n Schriftsteller*in zur Verzweiflung bringen oder zum Schweigen verdammen kann.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wie gern ich sie gelesen habe und immer noch lese.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Aktuell arbeite ich an der Endfassung meines Lyrikbandes „Inselschimmer“, erscheint im Sommer 2026
Herzlichen Dank für das Interview!
Slavica Klimkowsky, Schriftstellerin
Slavica Klimkowsky, lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin, Dozentin für Kreatives Schreiben und Literaturvermittlerin in Berlin, vielfach ausgezeichnet sowohl für ihre Literatur in Einfacher Sprache als auch ihre Kurzprosa und Lyrik, beschäftigt sich in ihren Texten mit der Komplexität menschlicher Charaktere und Lebenswege. Seit ihren Studientagen schreibt sie Rezensionen, Essays, Lyrik und Kurzprosa und veröffentlicht in Anthologien.
Sie ist Herausgeberin zweier Anthologien und Co-Autorin zweier Mosaik-Romane. Slavica Klimkowsky arbeitet gern mit internationalen Kolleg*innen zusammen an Projekten, die verschiedene Sprachen und Kulturen zusammen bringen.
Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Ingeborg Bachmanns Schreiben kennzeichnet sich in dem Bemühen Klarheit in der Sprache und damit in Leben, Liebe, Geschichte zu bekommen und immer weiter daran zu arbeiten. Literatur ist dabei immer auf diesen Prozess existentieller wie gesellschaftlicher Identitätsfindung bezogen. Die in Klagenfurt geborene und begrabene Schriftstellerin, 1964 mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet, bezog in Reden, Interviews wie der Unterstützung von gesellschaftlichen Initiativen immer wieder Stellung zu Brennpunkthemen der Zeit.
„Man weiß nicht, ob Hoffnung ist, aber wenn keine Hoffnung ist, so ist es jetzt doch nicht ganz furchtbar, es dämpft sich, es muß nicht Hoffnung sein, kann weniger sein…“ Ingeborg Bachmann, Dankesrede Büchnerpreis, 1964
Im Interview _ Gabriele Vasak,Schriftstellerin _ Wien
Liebe Gabriele, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Meine Mutter hat mir zu meinem 16. Geburtstag den Band „Sämtliche Erzählungen“ von Ingeborg Bachmann geschenkt, und ich hab diese Erzählungen „gefressen“ und war und bin begeistert davon. Vor allem „Ihr glücklichen Augen“ hat mich damals wie heute beschäftigt: Darin ist die Rede von den „kranken optischen Systemen“ der Protagonistin Miranda, die ihr schlechtes Sehen als „ein Geschenk des Himmels“ bezeichnet, weil es sie davor bewahrt, das, was die anderen Menschen sehen und mitansehen müssen, aushalten zu müssen. Das empfinde ich als eine brillante Darstellung von Aspekten wie Außenseitertum und Rückzug aufgrund eines Mangels, aber auch das Schaffen von Nischen, in denen verletzliche Menschen sich ihr höchstpersönliches Leben einrichten. Außerdem gibt es da auch ein Identifikationsmoment für mich, da ich selbst nicht sehr gut sehe und meine Brille oft nicht trage, um die Dinge nicht so genau sehen zu müssen….
Gabriele Vasak, Schriftstellerin _ Wien _homestory _ Literatur outdoors _ Wien 1_26. folgende
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
„Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“ hat Ingeborg Bachmann nicht nur gesagt, sondern wohl auch gelebt. Ich denke, sie hat es als Aufgabe aller Schreibenden gesehen, den Menschen die Wahrheit zuzumuten.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Das ist schwierig, weil alles so gut ist, aber ich liebe die Erzählungen immer noch sehr und auch viele Gedichte – hier vielleicht besonders „Wenn einer fortgeht“:
Wenn einer fortgeht, muß er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,
er muß den Tisch, den er seiner Liebe
deckte, ins Meer stürzen,
er muß den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,
er muß den Fischen sein Brot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muß sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!
Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.
Wer sonst hat so intensiv und poetisch über Abschiede geschrieben….
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Seit 1971 hat sich einiges verändert, aber wir leben noch immer in einer patriarchalen Weltordnung oder -unordnung, nur dass wir heute andere Spielarten dieser zerstörerischen und selbst zerstörerischen Ordnung kennen und leben. Es ist vielleicht einen Versuch wert, sich dem entgegenzustellen, indem man und frau sie nicht ernst nimmt, in Nischen eine eigene Welt aufbaut und darin lebt.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Es hat schon etwas Seltsames, sich dem Schreiben auszusetzen und die meiste Zeit in relativer Einsamkeit zu arbeiten, aber ich empfinde es nicht als Martyrium allein zu sein, solange zwischendurch Kontakt und Austausch mit anderen stattfindet. Außerdem kann das alleine Arbeiten auch zu wunderbaren Flows führen – das erlebe ich immer wieder.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Mich hätte ihre Haltung zum Tod interessiert.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite derzeit an einem literarischen Experiment, bei dem nicht klar ist und auch nicht klar sein soll, ob es ein Dorfroman, ein literarisches Rätsel, eine Liebesgeschichte oder einfach Autofiktion ist. Das ganze wird ein Doppel-Roman, die beiden Teile sind als zusammengehörige, aber eigenständige Romane zu verstehen, die eine gemeinsame Geschichte erzählen, wobei im ersten Teil Rätsel auftauchen, die teilweise erst im zweiten Teil aufgelöst werden, und ich habe unglaublichen Spaß an der Sache.
Herzlichen Dank für das Interview!
Gabriele Vasak,Schriftstellerin _ Wien
Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Ingeborg Bachmanns Schreiben kennzeichnet sich in dem Bemühen Klarheit in der Sprache und damit in Leben, Liebe, Geschichte zu bekommen und immer weiter daran zu arbeiten. Literatur ist dabei immer auf diesen Prozess existentieller wie gesellschaftlicher Identitätsfindung bezogen. Die in Klagenfurt geborene und begrabene Schriftstellerin, 1964 mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet, bezog in Reden, Interviews wie der Unterstützung von gesellschaftlichen Initiativen immer wieder Stellung zu Brennpunkthemen der Zeit.
„Man weiß nicht, ob Hoffnung ist, aber wenn keine Hoffnung ist, so ist es jetzt doch nicht ganz furchtbar, es dämpft sich, es muß nicht Hoffnung sein, kann weniger sein…“ Ingeborg Bachmann, Dankesrede Büchnerpreis, 1964
Im Interview _ Susanne Sommer, Schriftstellerin, Januar 2026
Liebe Susanne, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann bin ich zuerst in der Schule im Unterricht begegnet. In lyrischer Form. In der Schule konnte keine rechte Verbindung zur Poesie entstehen. Zwischen Interpretationen und Benotung gehen die wahren Berührungspunkte verloren. Ich selbst ließ mir aber die Flamme, die Ingeborg Bachmanns Worte in mir entzündet hatte, nicht auslöschen. In meiner Studienzeit kam ich ihr, ihren Worten und mir selbst dann auf tiefere Weise näher. Und las auch ihren Roman „Malina“ und ihre Erzählung „Undine geht“. In mir blieben damals viele Fragen. Fragen, die ich Ingeborg Bachmann, Malina, Ivan, Udine, Hans und „den Menschen“ gerne gestellt hätte. Es brauchte ein Reifen in mir. Ein Reifen hin zu mir selbst. Mehr und mehr. Um immer tiefer in Ingeborg Bachmanns Schreiben, Beschreiben, Aufschreiben, Wortuniversenschreiben einzutauchen. Um es zu durchdringen. Nicht als Schablone anderer Menschen. Sondern als Susanne Sommer mit ihren hauteigenen Erfahrungen. Je mehr ich der Frau zuwachse, die ich bin, umso mehr wachse ich auch Ingeborg Bachmanns Sein und Tun zu. In bewusst gewählten Abständen lese ich ihre Gedichte, Erzählungen, Essays heute regelmäßig. Entdecke immer wieder Neues. Verstehe, begreife tiefer – aus mir heraus. Bin berührt, fasziniert, inspiriert, dankbar. Sprache als DAS zentrale Thema unter uns Menschen – ja, so ist es, kann und möchte ich dazu nur sagen.
Susanne Sommer _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien, folgende
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Für mich ist Ingeborg Bachmanns Schreiben ein Eintauchen in einen unendlich tiefen Ozean aus Worten und Beobachtungen. Nichts erscheint zufällig. Ein organisches Ökosystem. Eine Wildnis an Ursprung und Nachhaltigkeit. Eine Schöpfung. Ihre Art zu schreiben, hat für mich etwas Soghaftes. Die Rhythmik, die Bildhaftigkeit, die Lebendigkeit nimmt mich mit. Webt mich ein in einen Wortteppich aus Kraft. Ich werde entführt, gepackt, gerissen in eine Welt voll Detail, voll Gesellschaft, Geschichte und Mensch. Ich gerate in ein Klanggewebe, das ich am liebsten mit meinen Lippen, meiner Stimme selbst in die Welt hineinerschaffe. Und mich an den Worten erfreue, in regem Genuss. Ingeborg Bachmanns Schreiben hat für mich etwas zutiefst Sinnliches. Etwas, das ich nicht nicht mit allen Sinnen erspüren und genießen kann. Und ich liebe die Wahrheit ihrer Sprache. Ihre Idee, ihren Anspruch, mit Worten in die Tiefe, auf den Grund zu gehen. Und dadurch Bewusstheit zu schaffen und zu leben.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Also ganz spontan fallen mir ein (und dann sind das vielleicht genau die Werke, die besonders viel in mir berührt haben): die Gedichte „Ich“, „Enigma“, „Erklär mir, Liebe“, „An die Sonne“ und „Die gestundete Zeit“; die Erzählung „Undine geht“ (ich liebe den Mythos an sich und das, was Ingeborg Bachmann damit und daraus macht). Ich mag auch ihre Büchnerpreisrede. Na und das Briefwechsel-Buch „Herzzeit“ – ach, so berührend … no further comment needed … der Roman„Malina“ hat mich beeindruckt und wird mich immer beeindrucken aufgrund seiner Komposition. Ich mag die abgebrochenen Telefongespräche, die Wortfetzen, die hineingeträumten Gedanken, die Traumsplitter, die Poesie im Alltag. Es ist ein rhythmischer Sog. Eine Wort-Collage aus Leben.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ingeborg Bachmann hat nicht nur mit diesem Satz, sondern mit ihrem Werk die Tatsachen, Entwicklungen und Auswirkungen des Patriarchats ausgedrückt. Auszudrücken versucht. Sie sie selbst hat „gut hingeschaut“. Und wollte wohl auch, dass „andere“ hinsehen. Naja, und wenn wir heute hinschauen: Das Patriarchat ist da, wirkt, erschafft. Auch wenn Veränderungen passiert sind, so haben wir nach wie vor Ungleichbehandlung der Geschlechter, was Bezahlung, finanzielle Absicherung und Chancen betrifft. Als Mitglied der #igFem – Interessensgemeinschaft feministische Autorinnen, Mutter, Schriftstellerin, Partnerin und Frau beschäftige ich mich damit – nicht nur im Literatur- und Kunstbetrieb – ausgiebig: mit dem Aufzeigen der produzierten und ungleichen Bedingungen. Denn das Aufzeigen, das Hinschauen ist der erste Schritt. Seit Jahren läuft auch die internationale Aktion „Orange the World – 16 Tage gegen Gewalt an Frauen“. 2025 war ich zu einer Lesung zu diesem Thema eingeladen. Und durfte, musste feststellen: Allein in Österreich wird – statistisch gesehen – alle drei Wochen eine Frau durch einen ihr nahestehenden Mann ermordet! Jede dritte Frau in Österreich ist (ab ihrem 15. Lebensjahr) von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen. Mehr als jede vierte Frau erlebt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Mehr als jede fünfte Frau ist von Stalking betroffen. Was ich hier aufzähle, ist natürlich ein „wilder Auszug“. Ohne Anspruch und Vermögen auf Vollständigkeit. Schon gar nicht weltweit gesehen. Und es ist auch nicht dafür gedacht, „alle Männer über einen Kamm zu scheren“. Ich denke auch nicht, dass Ingeborg Bachmann das mit ihrer Aussage meinte oder tat. Sie beschrieb eine von Männern erschaffene und dominierte und ausagierte Leistungs- und Funktionsgesellschaft. In der nicht nur Frauen und das Weibliche keinen Platz haben. Sondern auch anders denkende, fühlende und handelnde Menschen nicht. Und definitiv auch nicht der Friede. Wir sehen und erleben es heute wie damals. Ich erachte es als essentiell: Ereignisse, Bewegungen, Entwicklungen mit Worten sichtbar zu machen, beim Namen zu nennen. Im Sinne Ingeborg Bachmanns: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“
In „Malina“, Ingeborg Bachmanns großen und einzigen Roman (1971), stehen Hell und Dunkel der Existenz, die Liebe „es ist immer Krieg“, wie die Traumata eines Landes in Erinnerung von Shoa, Weltkrieg im thematischen Vordergrund. Wie siehst Du ihren literarischen Zugang hier und wie müssen wir heute in Literatur und Existenz mit Geschichte umgehen?
Mich hat es einfach gleichermaßen begeistert wie beeindruckt, wie sie das persönliche mit dem globalen, dem gesellschaftlichen Trauma verwebt und in Verbindung bringt. Denn so ist es. Heute lässt es sich sogar wissenschaftlich nachweisen (wenn es nicht ohnehin zutiefst spürbar ist): Trauma wirkt. Im Körper. Und Trauma wirkt transgenerational. Ja, es wird tatsächlich vererbt. Alles, was uns traumatisch widerfährt (das sind Krieg, Erbeben, Naturkatastrophen im Großen, aber genauso alle Erfahrungen im Kleinen, die wir nicht „halten“ konnten mit unserem Nervensystem – sprich sämtliche unbegleitete Erlebnisse der Kindheit), bleibt in uns, formt unser Verhalten. Und wirkt über uns hinaus. In der Gegenwart. Und sogar bis in die Zukunftsgene unserer Nachkommen. Und es bedingt sich. Das gesellschaftliche Trauma erzeugt das persönliche. Und das persönliche Trauma wiederum wirkt sich auf die Gesellschaft aus. Denn all die kleinen Entscheidungen, die wir täglich treffen, tragen entweder mehr zum Frieden oder mehr zum Krieg bei. In uns selbst. In unserem Gegenüber. Und in Folge im größeren Gefüge. Ingeborg Bachmann war sich dieser Zusammenhänge bewusst. Und erschuf einen Roman, der die Stränge wie ein Netz zusammenführt. Was wir uns nach wie vor in der Literatur, in der Wissenschaft, in der Geschichtsschreibung und in unserer persönlichen Entwicklung fragen dürfen: Wie möchte ich mit mir und meinen Erfahrungen umgehen? Als Opfer oder als Sehende,als Ermächtigte? Wie möchte ich mit anderen Menschen umgehen? Möchte ich meine Wunden unreflektiert „an ihnen ausleben“ und weiterwuchern lassen? Auch umgekehrt: Möchte ich zulassen, dass andere Menschen ihre unreflektierten, unbewussten, unbesehenen Körper- und Herzerfahrungen in mich eingießen, mir aufdrängen? Selbstverantwortung – das ist für mich ein zentraler Weg. Und dieses Wort nicht nur „als schönes Wort“ zu verwenden. Sondern es durch mich selbst erleben, aus mir selbst heraus verstehen. Wissen, was es für mich bedeutet. Was ich damit tun kann und will. Ingeborg Bachmann hatte einen hohen Anspruch an die Sprache: Echt sollte sie sein; alles aufzeigend. Ja, sie hat so recht damit. Weg von den Floskeln. Weg von den Nachahmungen. Weg von den Moden. Weg von dem, was uns zwar vielleicht im Geist gefällt, was wir aber aus unserem eigenen Herzen und Erfahrungsschatz heraus noch nicht wirklich ausfüllen und bedienen können. Hin zu Authentizität. Zu Individualität. Auch zwei „Worte diese Zeit“. Lasst sie uns bitte mit Leben auskleiden. Mit uns und unserer Wahrheit.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie mit mir einen Whisky trinkt. 😉 Und ob sie sich vorstellen kann, mit mir über diesem Glas Whisky „einfach zu plaudern“. Und mir „ihre Wahrheiten zuzumuten“. Wäre ich mit ihr intim und eng befreundet gewesen, hätte ich auch gerne mehr über Paul Celan gewusst. 😉 Und: Wie und ob sie ihre schreiberischen Ideen, Impulse, Inspirationen „sinnvoll“ ordnen konnte. Ich habe nämlich für mich bis heute keinen wirklichen Weg gefunden.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe derzeit an einem Manuskript (Gedichte und Kurzgeschichten) für den burgenländischen Verlag „LexLiszt12“. Außerdem organisiere ich das neue Jahr „in Lesungs- und Veranstaltungshinsicht“. Die Termine gibt es alle auf meiner Website: www.textbewegungen.at. Hervorheben möchte ich aktuell die Veranstaltungen in der Alten Schmiede in Wien, im Literaturcafé Anno, im Café Amadeus, im Alten Kino im Mörbisch. Außerdem habe ich etliche Projekte mit der #igFem am Laufen: Da gibt es den Autorinnen-Chor, die KriLit, das Symposium im Herbst, eine Anthologie für den FZA-Verlag, mindestens eine Gemeinschaftslesung (in der wunderbaren Bibliothek im burgenländischen Litzelsdorf). Was ich auch unbedingt „angehen möchte“: ein neues Lyrik-Performance-Programm und meine Geburtserfahrungsgewalt-Gedichte.
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
Ich schenke Dir sogar zwei Zitate, lieber Walter. 😉
Also erstens aus „Malina“, weil ich diese haus-, stiegen-, taschen-besetzende Sucht von mir selbst zu 100% kenne: „Lesen ist ein Laster, das alle anderen Laster ersetzen kann oder zuweilen an ihrer Stelle intensiver allen zum Leben verhilft, es ist eine Ausschweifung, eine verzehrende Sucht. Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir, Präferenzen habe ich freilich auch, viele Bücher bekommen mir nicht, einige nehme ich nur am Vormittag ein, andere nur in der Nacht, es gibt Bücher, die ich nicht loslasse, ich ziehe herum in der Wohnung mit ihnen, trage sie vom Wohnzimmer in die Küche, ich lese stehend im Korridor …“
Und zweitens aus „Alles“: „Alles ist eine Frage der Sprache.“
Herzlichen Dank für das Interview!
SEHR gerne, lieber Walter! Immer wieder gerne.
Susanne Sommer, Schriftstellerin _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ 1/26
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Fotos: Susanne Sommer _ performing „Malina“ Originalschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 1/26
Naoko Muneoka, Künstlerin _ Wien _ performing _ „Undine geht“ Donau Wien _ Walter Pobaschnig 7/24, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
UNDINE geht _ Akrostichon
Text _ Ines Edith Oppitz, Schriftstellerin _ Wels/OÖ
Performance_ Naoko Muneoka, Künstlerin _ Wien
Undine geht
Unfassbar
Nah
Du und Ja
Im
Nimmermehr
Eins
Geläutert
Entschleiert
Hochzeit und Farce
Tod eines Traums
Ines Edith Oppitz, 5.1.2026
Naoko Muneoka, Künstlerin _ Wien _ performing _ „Undine geht“ Donau Wien _ Walter Pobaschnig 7/24
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _ Walter Pobaschnig f.,
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung/Bocca di leone, Rom um 1971
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Sebastian Görtz, Schriftsteller
Lieber Sebastian, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ihre Texte haben eine Stimme, der man sich schlichtweg nicht entzieht. Beim Lesen wird durch diese Stimme schnell Zugang zu einer eigentlich verborgenen Welt gewährt: der Innenwelt.
Man merkt das deutlich an dem populär gewordenen Gedicht „Reklame“ von 1956, das zwei Erzählebenen enthält: innere Betrachtungen und eingestreute, kursiv gesetzte Werbeslogans voller Heiterkeit. Die munteren Slogans sorgen für unentwegte Beschallung und entsprechen etwas tatsächlich Hörbarem, vielleicht aus dem Radio oder einem Lautsprecher. Trotzdem ist die eigentlich nicht vernehmbare, die gedachte oder gefühlte Stimme der inneren Betrachtungen das Textelement, das tatsächlich aufhorchen lässt.
Man ist also ab dem ersten Wort mittendrin. In den Tiefen.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie sprach 2009 in einer bedeutenden Rede von den Gefahren, die aus einem allgemeingültigen Literaturverständnis resultieren, „danger of a single story“. Wenn immer nur eine Position Literatur bestimmt, geht der Welt viel verloren.
Ingeborg Bachmann setzte mit ihren Texten einer über Jahrhunderte von Männern dominierten Literaturtradition eine eigene Erzählhaltung entgegen. Es ging nicht allein darum, sich als Frau unter Männern zu behaupten und damit die Verbindlichkeit von bestehenden Kriterien zu verfestigen. Vielmehr stellte Ingeborg Bachmann eigene literarische Prinzipien auf und orientierte sich an selbstgewählten Einflüssen.
Während die Postmoderne zeitgleich Strategien nutzte, mit denen Bestehendes dekonstruiert und neu zusammengesetzt wurde, bedeutete Ingeborg Bachmanns Werk keine Zerschlagung und Neuaneignung, sondern eine selbstbestimmte Erkundung, eine rigorose Emanzipation.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Mit der Erzählung „Undine geht“ von 1961 zeigt sich das literarische Verfahren ganz deutlich. Die mythologische Undine-Figur, dieser weibliche Wassergeist, war Inspiration für etliche von Männern geschaffene Werke. Das gilt für Literatur, Theater, Musik, Ballett, Malerei und Film. Nicht nur, dass sich Ingeborg Bachmann als Schriftstellerin nun auch diesem Undine-Stoff widmete: Sie schrieb dabei nicht über Undine, sondern nutzte die Ich-Perspektive. Sie gab Undine eine Stimme, einmal mehr solch eine präsente innere Stimme, die jetzt eine weibliche Stimme war. Sie ließ also die Figur zu Wort kommen, über die sonst so viel geäußert wurde.
Dass solche Positionswechsel geeignete Mittel gegen die Gefahr allzu einseitiger Perspektiven sind, zeigen zum Glück auch weitere Bücher – dazu gehören etwa Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ von 1983 oder Percival Everetts Roman „James“ von 2024.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Bemerkenswert ist Ingeborg Bachmanns Aussage in einem Interview: „die Männer sind unheilbar krank … sie sind es, wussten Sie das nicht? Alle …“ Ich meine, dass es in ihrem berühmten Gedicht „Die gestundete Zeit“ aus den frühen 1950er-Jahren eine Art Gegenstück gibt, nämlich den Vers: „er findet sie sterblich“.
Etwas Männliches unterstellt dem Weiblichen dabei Sterblichkeit, also Vergänglichkeit, zeitliche Beschränkung, das unaufhaltsame Zusteuern auf einen Endpunkt. Das Wort „er“ wird in dem Gedicht mit Sand gleichgesetzt, also einem Sediment, das an einer Art überdauerndem Endpunkt angekommen ist, das überall eindringt und das in Sanduhren die Zeit bestimmt. Der relativierten Aussage „er findet sie“ begegnete Ingeborg Bachmann später mit einer nicht-relativierten Feststellung: „die Männer sind“. Und dass Männer „unheilbar krank“ seien erscheint im Vergleich zu „sterblich“ als ein fortdauerndes Siechtum ohne Endpunkt.
Ich möchte einer zerstörerischen Gegenwart vor allem Empathie empfehlen, denn sowohl Formen von Sterblichkeit als auch Krankheit sind ja zunächst keine Kampfbegriffe, sondern die verdienen Mitgefühl von außen und innerliche Auseinandersetzung. Sie werfen Fragen auf: Wer stellt wem Befunde aus? Woran lässt sich eine Diagnose festmachen? Wie lässt sich helfen?
Literatur kann Medizin sein, und hier beziehe ich mich vorrangig auf Texte von Autorinnen. Ihre Erzählpositionen bieten bis heute Heilung an, um die allgemeine Versandung in einer „single story“ in den Griff zu bekommen und ihr etwas Unsterbliches entgegenzusetzen. Denn einseitige Rollenbilder schaden allen Geschlechtern.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Zu meinem eigenen Schreiben oder auch zum Lesen habe ich einen durchaus nüchternen Bezug, selbst in solchen Momenten, in denen es mich in seinem Bann hat. Doch dass Ingeborg Bachmann das Wort „verdammt“ nutzte, ist überaus reizvoll, da sowohl Verdammnis als auch Verdammung anklingen.
Von akribische Formvirtuosen bis hin zu den routiniertesten Groschenroman-Textern und Bestseller-Stars: Schreiben bedeutet für viele sicherlich im besten Sinne eine Verdammnis zu nicht-abschaltbaren Kreativprozessen oder eine Verdammung in Denkräume, die nur von ihnen betreten werden können.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Mich würde ihre Sicht auf ihre Lesebiografie interessieren. Mit welchen Büchern ist sie aufgewachsen? Was brachte beim Lesen etwas in ihr zum Klingen? Wo spürte sie Reibungspunkte, wo atmete sie auf?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite seit langer Zeit im Museumsbereich und genieße es sehr, seit einigen Jahren in einem Barockschloss tätig zu sein. Das Schreiben begleitet mich in meinem Alltag, doch ich investiere derzeit wenig Energie, dass am Ende etwas Gedrucktes entsteht. Mein Literaturbegriff ist weit. Ein fast unbegrenzter Raum, aber eben doch ein Raum, in dem ich ganz regelmäßig anzutreffen bin. Ich lasse mich durchaus finden.
Herzlichen Dank für das Interview!
Allerbesten Dank für deine unermüdliche Arbeit, Stimmen aus der Kultur einzufangen – gerade im konkreten Fall, wenn es um die Würdigung der großen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann geht.
Sebastian Görtz_Schriftsteller
Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Lieber Karl-Gustav, Du hast 2009 am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen, was ist spontan Deine erste Erinnerung?
Ein aufregender und aufreibender Anlass. Welcher Autor / welche Autorin träumt nicht davon, einmal in Klagenfurt vor den renommierten Juror:innen, Kritiker:innen, Agent:innen, Verleger:innen und dem Fernsehpublikum aufzutreten? Wer hofft nicht, nun endlich im Hub der Literaturszene angekommen zu sein? Klagenfurt – ein Ort der Träume, Illusionen und Frustrationen. Ich habe außer dem etwas surrealen Preis der Automatischen Literaturkritik nichts geholt. Ich nahm’s gelassen. Die Erleichterung, es hinter mir zu haben, überwog die Frustration.
Karl-Gustav Ruch, CH, Schriftsteller _ Bachmannpreisnominierter 2009 _ im Gespräch mit Clarissa Stadler, ORF, Moderatorin des Bachmannpreises 2009.
Von der Eröffnung des Bachmannpreises bis zur Preisverleihung sind es fünf Tage. Wie waren diese damals terminlich strukturiert und welchen Treffpunkt möchtest Du da hervorheben?
So genau kann ich mich nicht erinnern. Wir Autoren trafen uns vor allem an und nach den Lesungen und im Hotel. Ein oder zweimal trafen wir uns an einem Dinner mit den Juroren und Verlegern. Am letzten Tag war der Höhepunkt das Fussballspiel mit den Autoren.
Bachmannpreisnominierte 2009
Wie kam es zu Deiner Nominierung und wie hast Du Dich im Vorfeld vorbereitet?
Es war meine zweite Bewerbung. Juror Paul Jandl rief mich an und gratulierte mir zur Nominierung. Ich kippte vor Überraschung beinahe vom Stuhl, denn ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, aus Hunderten ausgewählt zu werden – auch wenn ich von meinem Text überzeugt war. Ich hatte in meinem Autorenleben erst zwei oder drei Lesungen vor Publikum gehabt, also habe ich das dramatische Vorlesen intensiv geübt.
Wie hast Du deine Lesung/Kritik und das rundum Danach erlebt?
Lesung: Du wirst verkabelt, auf die Bühne geschoben und stehst plötzlich im gleissenden Rampenlicht. Ich war so nervös, dass das Manuskript in meinen Händen während der Lesung zitterte; deshalb traute ich mich nicht, nach dem Wasserglas vor mir zu greifen. Aber davon haben zu meiner grossen Überraschung die wenigsten etwas gemerkt. Nach der Lesung hörte ich Kommentare wie: Mensch, warst du cool!
Ich merkte bald, hier geht es nicht nur um Texte, ums Lesen und die Autoren. Die Bühne gehörte den Juroren. Es war eigentlich ihre Show, ihr Wettkampf: sich gegen ihre Gegenspieler in der Jury rhetorisch durchzusetzen und vor dem Publikum zu triumphieren. Daumen hoch, oder Daumen runter und dann Stellung verteidigen. Scheingefechte? Wirkliche Gespräche, die sich entwickeln, waren das nicht.
Bei meiner Lesung kam es zu einem harten Schlagabtausch zwischenJuror Ijoma Mangold, der sich am Text festbiss, und Paul Jandl, der meinen Text tapfer verteidigte. Man lernt immer was: Ich hatte mir zuvor nicht vorstellen können, dass man einen Text mit Rollenprosa derart missverstehen oder missdeuten kann, wie Juror Mangold es vormachte.
Ich habe nie verstanden, warum die AutorInnen beim Jurorengespräch wie brave Schüler dasitzen sollen und nicht aktiv ins Gespräch einbezogen werden – wie in den Lesungen der Gruppe 47, von der der Bachmannpreis ja inspiriert wurde.
Jury & Publikum, 2009
Wie war der Kontakt zu Kollegen:innen, Jury, Publikum?
Ich hatte einen guten Draht zu den meisten AutorInnen. Aber in der Regel waren alle mit sich selbst und ihrer Lesung beschäftigt. Meine erste und nachhaltigste Begegnung war mit Karsten Krampritz. Auch heute habe ich noch einen freundschaftlichen Kontakt zu ihm über Facebook.
Wie hat sich die Teilnahme auf Deinen weiteren Weg des Schreibens ausgewirkt?
Ich glaube, wenig. Als deutschsprachiger Autor mit Wohnsitz in Spanien lebe ich im literarischen Abseits. Ich musste bald feststellen, dass ich auch nach Klagenfurt den Verlagen hinterherrennen würde, nicht sie mir.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen mitgeben?
Nehmt’s wie ein Sportevent. Schiri-Entscheide sind nicht immer nachvollziehbar. Dabei zu sein, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und Literaturklatsch zu hören, das eröffnet Schreibenden wertvolle Einsichten.
Darf ich Dich abschließend zu einem Geburtstagswunsch zum Bachmannpreis 50er und einen Gruß an Lesende, Jury und Publikum bitten:
Der Bachmannpreis ist und bleibt – auch auf internationaler Ebene – ein einzigartiger Anlass, der Literatur zum Ereignis macht. Herzlichen Glückwunsch! Möge er noch viele weitere Jahre feiern!
Anspannung vor der Auslosung der Lesereihenfolge _ Bachmannpreis 2023, folgende großes Publikumsinteresse an allen Lesetagen
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Zur Person Karl-Gustav Ruch:
Karl-Gustav Ruch, geboren 1954 in Zürich, Ausbildung zum Gitarrenlehrer, Studium der Germanistik und Philosophie. Er lebt seit 1990 in Barcelona, arbeitete als Deutsch-, Philosophie- und Musiklehrer und ist derzeit als freier Autor tätig.
Ab 1987 erste Veröffentlichungen von Erzählungen, Essays und Feuilletons. 2004 erschien sein Erzählband Talgo-Pendular (Eremiten-Presse), 2011 Hinter der Wand – Geschichten zwischen Zürich und Barcelona (edition 8), 2017 der Roman Das letzte Fenster (hockebooks). Sein letztes Buch, der Roman Linas Baum, ist 2024 bei Sisifo im Leipziger Literaturverlag erschienen.
Mit der Erzählung Hinter der Wand wurde er 2009 für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert.
Curriculum vitae
Geboren wurde ich als Amöbe, strampelte
auf Scheinfüssen ein paar Millionen Jahre
durch die Meere des Kambriums,
schlug dann mit Flossen,
kroch, schlich, humpelte
eine halbe Milliarde Jahre später ins Holozän,
überlebte Meteoritenhagel, Eiszeiten und Napoleon.
„Als Lina stirbt, soll ihre Asche unter ihrem Lieblingsbaum in den Wind gestreut werden. Auf dem Friedhof findet ihr Sohn Henrik einen Blumenstrauß mit der Inschrift: Ich liebe dich für alle Zeit. Henning. Henrik wird zum Ermittler. Er beginnt im Nachlass nach dem geheimen Leben seiner Mutter zu forschen und stößt auf Fotos, Liebes- und Abschiedsbriefe von einem Lars und einem Henning. Wer ist Lars, wer Henning? Lina hat in der Familie nie von früheren Beziehungen mit Männern erzählt, auch nicht von ihrer Adoption und ihrem biologischen Vater. Henrik reist auf den Spuren Linas nach Schweden und lernt so eine andere Frau kennen als jene, die er als seine Mutter kannte. Allmählich tut sich ein Abgrund auf. Seine Mutter wird ihm mehr und mehr zum Mysterium…“ Presseinfo
Anna Baar, Rede zur Literatur _ Bachmannpreis 2022
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann Rom 1962
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.