Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Christian Dörge_ Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Bildender Künstler, Theater-Schauspieler und -Regisseur
im Interview _ Christian Dörge_ Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Bildender Künstler, Theater-Schauspieler und -Regisseur _ München
Lieber Christian, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Der Weg zu Ingeborg Bachmann führte für mich anfangs über ihre Gedichte, die ich 1987 entdeckte – zu einem Zeitpunkt, an dem ich selbst die Möglichkeiten und Grenzen lyrischer Sprache auslotete. Diese Entdeckung war für mein eigenes Schreiben von erheblicher Bedeutung. Bachmann bedeutete für mich damals beinahe eine Rechtfertigung dessen, was ich selbst als Lyriker versuchte (oder – wagte): die Wirklichkeit nicht einfach abzubilden, sondern sie durch Sprache zu zerlegen, zu verschieben und neu zu konstruieren. Ihre Sprachskepsis, ihre Dunkelheit, das Verhältnis von Liebe und Zerstörung, später auch immer stärker die philosophische Dimension ihres Schreibens und jene gesellschaftliche Gewalt, die sich bei ihr bis in die intimsten Beziehungen hinein fortsetzt – all das waren und sind für mich wesentliche Zugänge zu ihrem Werk.
Sehr viel unmittelbarer wurde meine Beschäftigung mit Bachmann 1990. Damals entstand in Marburg ein Theaterprojekt über die Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, für das mir angeboten wurde, das Stück zu schreiben und auch Regie zu führen. Man wusste zu diesem Zeitpunkt natürlich längst von der Korrespondenz zwischen Bachmann und Celan, aber der Briefwechsel, den wir heute unter dem Titel Herzzeit kennen, war noch lange nicht enthüllt worden; die Briefe standen mir weder vollständig zur Verfügung, noch hätten sie einfach zitiert oder gar dramatisiert werden dürfen.
Aus diesen Umständen entstand für mich allerdings ein ungeheuer reizvoller künstlerischer Raum. Mein Bühnenstück Schrei-Papier und Schweige-Asche war keine Rekonstruktion oder Dramatisierung der Briefe, sondern ein fiktiv-dadaistisches Werk zwischen der dokumentierten Liebesbeziehung Bachmanns und Celans und einer Korrespondenz, die schon damals etwas beinahe Mythisches besaß: Man wusste, dass diese Briefe existierten, Spuren und Zusammenhänge waren bekannt, aber das eigentliche epistolarische Gespräch blieb unsichtbar. Mich interessierte deshalb weniger, dieses Gespräch szenisch zu rekonstruieren, als vielmehr einen imaginären sprachlichen Raum zwischen zwei Menschen zu schaffen, deren Schreiben und deren Beziehung auf außergewöhnliche Weise ineinandergriffen.
Das Projekt war im Frühjahr 1990 weit fortgeschritten: Die Besetzung stand, das Bühnenbild war entworfen und in Teilen bereits angefertigt, erste Leseproben hatten stattgefunden. Dann jedoch kam es zu Problemen mit dem Rechteinhaber, und die Inszenierung musste aufgegeben werden. Das empfinde ich bis heute als schmerzhaft, vielleicht auch deshalb, weil ich mich Bachmann und Celan während dieser umfangreichen Recherche und der anschließenden Theaterarbeit auf eine Weise angenähert hatte, die mit bloßer Lektüre nicht mehr vergleichbar war. Als Herzzeit schließlich viele Jahre später (2008) tatsächlich veröffentlicht wurde, existierte für mich gewissermaßen bereits eine andere, imaginäre Korrespondenz – jene, die ich 1990 aus ihren Spuren, Leerstellen und dem damals Zugänglichen für die Bühne konstruiert/imaginiert hatte.
Ich gehöre deshalb auch nicht zu jenen Lesern, die bei Bachmann Biographie und Werk möglichst sauber voneinander trennen möchten. Ihre Beziehungen, ihre Erfahrungen und ihre Verletzungen gehören für mich – im besten Wortsinne – zum Resonanzraum ihrer Literatur. Entscheidend ist allerdings, dass Bachmann daraus niemals bloße Bekenntnisliteratur macht. Persönliche Erfahrung wird bei ihr verwandelt, intellektuell durchdrungen, sprachlich neu organisiert. Darin fühle ich mich ihrem Verständnis von Literatur bis heute sehr nahe.
Diese Nähe bedeutet allerdings keine vorbehaltlose Verehrung. Es gibt bei Bachmann einen getragenen, bisweilen beinahe feierlichen Gestus, ein Pathos, gegen das ich mich behutsam sperre. Aber vielleicht ist auch dieser Widerstand ein Teil meiner Zugänge zu ihr. Eine Autorin, die einen über fast vierzig Jahre begleitet, muss nicht immer gefallen. Im Gegenteil: Interessant (und relevant) bleibt sie dort, wo Zustimmung und Widerspruch nebeneinander bestehen.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Als Leser beeindruckt mich an Bachmann zunächst die eigentümliche Spannung zwischen sprachlicher Schönheit und einem fundamentalen Misstrauen gegenüber eben dieser Schönheit. Ihre Sätze können von großer Eleganz, bisweilen geradezu musikalischer Geschlossenheit sein, und dennoch scheint unter ihrer Oberfläche beständig etwas gegen die Sprache selbst zu arbeiten. Das Wort ist bei Bachmann kein verlässliches Instrument, mit dem sich eine bereits vorhandene Wirklichkeit lediglich beschreiben ließe. Sprache ist selbst Teil dieser Wirklichkeit, mithin auch Teil ihrer Beschädigungen, ihrer Machtverhältnisse und ihrer Lügen. Dies verleiht ihrem Schreiben jene eigentümliche Unruhe, die selbst dort spürbar bleibt, wo ein Gedicht oder eine Prosapassage zunächst vollkommen gefügt und beherrscht erscheint.
Als Autor interessiert mich daran besonders, dass Bachmann die Beschädigung der Sprache nicht zum Anlass nimmt, auf deren Schönheit zu verzichten; das wäre zweifelsfrei die einfachere Konsequenz gewesen. Stattdessen setzt sie die Sprache gewissermaßen gegen sich selbst ein. Sie prüft ihre Begriffe, unterläuft Gewissheiten, verschiebt Bedeutungen und ist vehement geneigt, innerhalb eines bereits gesellschaftlich und historisch besetzten Materials einen anderen sprachlichen Raum herzustellen – eine Art Konjunktion literarischer Sphären, wenn man so will. Literatur bildet bei ihr Wirklichkeit deshalb nicht einfach ab; sie zerlegt deren sprachliche Ordnungen und setzt sie unter veränderten Bedingungen neu zusammen. Darin liegt für mich eine ihrer großen Modernitäten.
Hinzu kommt etwas, das ich bei Bachmann für mindestens ebenso wesentlich halte: ihre Fähigkeit, das Politische im scheinbar Privaten sichtbar zu machen. Liebe ist bei ihr niemals ausschließlich Liebe, eine Beziehung niemals lediglich die Geschichte zweier Menschen. In die intimsten Verhältnisse reichen gesellschaftliche Macht, tradierte Rollen, Geschichte und Gewalt hinein. Das ist besonders in Malina und im Komplex der Todesarten von ungeheurer Konsequenz. Die große historische Gewalt erscheint dort keineswegs als abgeschlossenes Ereignis, das sich hinter den Figuren verbirgt; sie hat ihre Erscheinungsform verändert und ist in ihre Gegenwart, ihre Beziehungen, ihre Körper und ihre Sprache eingedrungen. Das Verstörende daran ist, dass die Gewalt dadurch häufig vollkommen alltäglich aussieht.
Als Leser empfinde ich diese Verbindung von sprachlicher Präzision, Dunkelheit und intellektueller Schärfe noch immer als außerordentlich. Als Autor interessiert mich darüber hinaus das Risiko, das Bachmann eingeht: Sie erklärt ihre Gegenstände nicht restlos. Sie lässt Widersprüche bestehen, hält Leerstellen offen, verweigert dem Leser bisweilen jene psychologische Eindeutigkeit, die Literatur so angenehm konsumierbar machen kann. Ein Text muss bei ihr nicht beruhigen, und er muss seine Rätsel nicht ordnungsgemäß wieder einsammeln, sobald der Vorhang fällt.
Möglicherweise findet sich das Besondere ihres Schreibens deshalb für mich in einem Paradox: Bachmann zweifelt zutiefst an der Sprache und setzt zugleich ihre ganze Hoffnung auf sie. Sie weiß um deren Versehrtheit und besteht dennoch darauf, dass Literatur mit genau diesem unzuverlässigen Material etwas hervorbringen kann, das vorher nicht vorhanden war – eine andere Wahrnehmung, einen anderen Gedanken, möglicherweise sogar eine andere Vorstellung davon, was Wirklichkeit sein könnte. Als Leser kann ich mich dieser Spannung kaum entziehen; als Autor ist sie mir außerordentlich nah.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Sofern ich ein Werk hervorheben müsste, wäre es Malina. Nicht unbedingt, weil ich den Roman für eine Art poetologisch-ästhetische Summe Bachmanns hielte – solche Rangordnungen interessieren mich wenig –, sondern weil sich in ihm vieles auf eine beinahe beängstigende Weise verdichtet, was mich an ihrem Schreiben beschäftigt: Sprache und Sprachverlust, Liebe und Zerstörung, Identität und deren Auflösung, die Überlagerung privater Erfahrung durch Geschichte und schließlich die Frage, wie lange ein Mensch in einer Wirklichkeit bestehen kann, deren Ordnungen ihm zunehmend die Möglichkeit nehmen, sich selbst zu behaupten.
Malina ist für mich dabei weit mehr als die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern. Schon diese Beschreibung würde den Roman auf eine psychologische Dreieckskonstellation reduzieren, die er fortwährend überschreitet. Ivan und Malina sind in der Tat nicht lediglich Figuren einer äußeren Handlung; sie markieren zugleich unterschiedliche Möglichkeiten des Ichs, sich zur Welt und zu sich selbst zu verhalten. Da ist auf der einen Seite die Sehnsucht nach Liebe, Nähe, Unbedingtheit, vielleicht auch nach einer beinahe unmöglichen Erlösung durch einen anderen Menschen. Auf der anderen Seite stehen Ordnung, Vernunft, Kontrolle, Disziplin. Und dazwischen befindet sich dieses Ich, das schreibt, denkt, begehrt, sich widerspricht und allmählich aus der eigenen Existenz herausgedrängt wird.
Diese Konstellation berührt mich auch als Autor, weil ich die Spannung zwischen Entgrenzung und Kontrolle für einen elementaren Bestandteil künstlerischer Arbeit halte. Man muss sich einem Text ausliefern können und ihn zugleich beherrschen; man muss zulassen, dass Sprache den Dichter in Gebiete führt, die ihm vorher unbekannt waren, und im nächsten Augenblick unerbittlich entscheiden, welches Wort dort stehen darf und welches definitiv nicht. In Malina werden solche Gegensätze selbstverständlich existenziell und letztlich tödlich. Dennoch erkenne ich in dieser Unvereinbarkeit zweier Kräfte etwas wieder, das mir aus dem eigenen Schreiben vertraut ist: Kunst entsteht für mich häufig genau an jener Stelle, an der das Kontrollierte und das Unkontrollierbare aufeinanderstoßen.
Außerordentlich ist zudem, wie Bachmann in Malina das Persönliche und das Historische miteinander verschränkt. Die Gewalt des Romans kommt nicht ausschließlich von außen. Sie hat sich bereits in Sprache, Wahrnehmung, Begehren und Selbstverständnis eingeschrieben. Besonders in den Traumsequenzen des (zweiten) Kapitels Der dritte Mann bricht die historische Gewalt mit einer Radikalität in die private Existenz ein, die jegliche bequeme Trennung zwischen individueller Beschädigung und gesellschaftlicher Geschichte in einen Zustand der Unmöglichkeit überführt. Das Private besitzt bei Bachmann einen historischen Untergrund.
Und dann ist da natürlich das Ende. Das namenlose Ich verschwindet in einem Riss der Wand, Malina beseitigt die Spuren seiner Existenz, und schließlich steht dieser ungeheuerliche Satz: »Es war Mord.« Mich beschäftigt daran bis heute, dass Bachmann einen Mord behauptet, für den es im konventionellen Sinne keinen Mörder, keine Tatwaffe und keinen Tatort gibt, der sich kriminalistisch rekonstruieren ließe: Ein Mensch kann demzufolge vernichtet werden, ohne dass die Gesellschaft einen Mord wahrnimmt. Darin führt Malina unmittelbar in das Zentrum der Todesarten: zu jenen Formen der Zerstörung, die sich innerhalb nur scheinbar intakter Verhältnisse ereignen und gerade deshalb kaum als Gewalt durchschaut oder entziffert werden.
Malina ist für mich deshalb Bachmanns stärkstes Werk, weil der Roman keine Versöhnung zwischen seinen Gegensätzen erzwingt. Liebe rettet nicht, Vernunft rettet nicht, Sprache rettet nicht – und dennoch wird geschrieben: gegen die Sprache und zugleich mit ihr, in ihre Brüche hinein, ihre Gewissheiten demontierend, bis aus dem beschädigten Material eine andere Wirklichkeit hervortritt.
Diese nur bedingt bescheidene Zumutung empfinde ich als Leser als verstörend und als Autor als ungemein produktiv. Malina zeigt Literatur an einem Punkt, an dem sie nicht mehr erklären oder trösten muss, sondern etwas sichtbar macht, für das die gewöhnliche Sprache kaum einen Namen besitzt.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wäre mir eine Begegnung mit Ingeborg Bachmann vergönnt gewesen, so hätte ich ihr kaum eine Frage gestellt, die sich mit Literaturwissenschaft beantworten ließe. Ich hätte sie auch nicht nach Celan, Frisch oder der Entstehung von Malina gefragt. Wahrscheinlich hätte mich etwas viel Grundsätzlicheres interessiert: Kann man sich durch Schreiben tatsächlich aus einer Erfahrung herausarbeiten – oder schreibt man sich mit jedem Text nur tiefer in sie hinein?
Diese Frage beschäftigt mich auch im eigenen Schreiben. Ich habe Literatur nie als nachträgliche Illustration dessen verstanden, was einem widerfahren ist. Sobald eine Erfahrung in einen Text gerät, wird sie zerlegt, verschoben, überhöht, mit Erfundenem kontaminiert; irgendwann gehört sie nicht mehr ausschließlich dem Menschen, der sie erlebt hat, sondern einer Kunstfigur, einem lyrischen Ich, einer Sprache, die ihre eigenen Gesetze entwickelt. Und dennoch bleibt etwas von ihrem Ursprung darin zurück.
Bei Bachmann interessiert mich genau diese gefährliche Zwischenzone. Sie hat Persönliches in Literatur verwandelt, ohne daraus bloße Selbstentblößungsprosa zu machen; zugleich scheint mir ihr Werk immer wieder die Frage zu stellen, ob diese Verwandlung tatsächlich Erlösung bedeutet. In Malina wird geschrieben, analysiert, geordnet, imaginiert – und dennoch verschwindet das Ich. Die Sprache kann sichtbar machen, was geschehen ist; ob sie denjenigen retten kann, dem es geschehen ist, bleibt eine ganz andere Frage.
Vielleicht hätte ich Bachmann deshalb sogar noch etwas Unhöflicheres gefragt: Ob sie jemals einen Text geschrieben habe, nach dessen Vollendung es ihr schlechter ging als zuvor. Ob es Erfahrungen gab, die durch ihre literarische Bearbeitung nicht kleiner und beherrschbarer, sondern größer und gegenwärtiger wurden. Mich würde interessieren, ob sie jene eigentümliche Vorstellung vom Schreiben als Katharsis überhaupt geteilt hätte – oder ob sie wusste, dass Literatur mitunter das genaue Gegenteil bewirkt: dass sie konserviert, verschärft und einem das vermeintlich Überwundene in einer neuen Gestalt zurückgibt.
Und gesagt hätte ich ihr vermutlich etwas sehr Einfaches: dass ihre Zweifel an der Sprache mich mehr überzeugt haben als manche ihrer Gewissheiten. Denn gerade darin liegt für mich ihre nachhaltigste Wirkung. Sie hat gezeigt, dass man der Sprache misstrauen kann, ohne sie aufzugeben – dass man sie beschädigen, befragen, gegen ihre eingeübten Bedeutungen wenden kann und trotzdem weiterarbeitet. Das ist ein Widerspruch, den ich als Autor sehr gut kenne, und zu dem ich gern – wenn ich so sagen darf – eine zweite Meinung eingeholt hätte.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein gegenwärtiges literarisches Projekt trägt den Titel Suspirium. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Texten, wobei mir der Begriff »Textsammlung« beinahe schon zu ordentlich erscheint für das, was dort geschieht. Suspirium versammelt unterschiedliche Formen – Lyrik, Prosa-Miniaturen, längere Prosatexte, dadaistische Sprachmontagen, autobiographische Splitter, historische und politische Versuchsanordnungen –, die sich einer eindeutigen Gattungszugehörigkeit möglichst erfolgreich widersetzen.
Mich interessiert dabei zunehmend, was geschieht, wenn Sprache nicht mehr lediglich Träger eines Inhalts ist, sondern selbst zum Schauplatz wird. Wörter geraten unter Druck, Grammatik wird beschädigt, Begriffe werden zerlegt, neu montiert oder miteinander kontaminiert. Mitunter entstehen daraus regelrechte Sprachkörper oder sprachliche Rotationsmaschinen, also eine Literatur, bei der gelegentlich der Eindruck entsteht, der Text habe begonnen, seine eigene Grammatik zu fressen.
Dabei ist Suspirium keineswegs ein rein sprachartistisches Projekt. Unter diesen Verformungen liegen sehr konkrete Gegenstände: Gegenwart, Geschichte, politische und gesellschaftliche Gewalt, Kunstbetrieb, Alter, Herkunft, Verlust, Liebe, die eigene Biographie. Der Reiz ist dabei weniger die autobiographische Nacherzählung als die Frage, was von einem Leben übrigbleibt, sobald Erinnerung, Zeitgeschichte, Popkultur, Privates und mediale Wahrnehmung gleichzeitig zu sprechen beginnen.
Ein anderer Teil von Suspirium beschäftigt sich mit Dada und der Weimarer Republik. Auch dort möchte ich Geschichte nicht museal rekonstruieren. Inflation, Versehrtheit, politische Radikalisierung, Charleston, Großstadt, Reklame und die ungeheure ästhetische Produktivität jener Jahre werden unter Strom gesetzt und ineinander montiert, bis historische Beschreibung in eine Art Gegenwartsdelirium umschlägt.
Eingedenk dieser Aspekte ist Suspirium für mich weniger ein Buch über bestimmte Themen als der Versuch, verschiedene Zustände von Wirklichkeit in verschiedene Zustände von Sprache zu überführen. Ein Text darf dabei erzählen, ein anderer stottern, ein dritter schreien, ein vierter seine eigene Syntax demontieren. Das Ich darf seine Verlässlichkeit verlieren, und selbst Subjekt, Prädikat und Objekt werden zu zerlegbarem Material; Sprache wiederum beschreibt diese Beschädigung nicht, sondern vollzieht sie an sich selbst.
Das alles klingt wahrscheinlich erheblich programmatischer, als ich während des Schreibens vorgehe. Suspirium entsteht nicht nach einem vorher aufgestellten ästhetischen Regelwerk. Eher entdecke ich beim Schreiben, welche Form ein Gegenstand von mir verlangt – und gelegentlich verlangt er eben, dass ich ihm zunächst die Grammatik kaputtschlage.
Im Augenblick empfinde ich Suspirium deshalb als ein sehr offenes und zugleich ausgesprochen persönliches Projekt. Vielleicht sogar als eine Bestandsaufnahme meines gegenwärtigen Schreibens: dessen, was davon noch verwendbar ist, was ich hinter mir lassen möchte und was erst jetzt beginnt, sprachlich an Bedeutung zu gewinnen. Ich weiß noch nicht, ob dieses Buch am Ende eine Sammlung, ein Trümmerfeld oder eine ziemlich schlecht erzogene literarische Maschine sein wird. Im günstigsten Fall ein wenig von allem.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann-Zitat/-Text bitten?
Ich habe mich für einen Satz aus dem Briefwechsel mit Paul Celan entschieden: »Und wir – ach Paul, Du weißt ja, und ich weiß nur jetzt kein Wort dafür, in dem ganz stünde, was uns hält.«
Vielleicht berührt mich dieser Satz gerade deshalb so sehr, weil Bachmann darin etwas tut, das für mich weit über die konkrete Beziehung zu Celan hinausweist: Sie sucht nach einem Wort und erklärt im selben Augenblick dessen Unmöglichkeit. Es gibt dieses eine Wort nicht, in dem »ganz stünde«, was zwei Menschen aneinander bindet. Liebe, Nähe, Begehren, Abhängigkeit, Vertrautheit, Schmerz – jedes einzelne dieser Wörter wäre bereits eine Verkürzung dessen, was gemeint ist. Also lässt Bachmann die Leerstelle bestehen.
Und dennoch schreibt sie. Das ist für mich das Entscheidende. Der Satz kapituliert nicht vor der Unzulänglichkeit der Sprache, sondern gewinnt gerade daraus seine Exaktheit. Bachmann findet kein Wort für das, »was uns hält«, und formuliert mit diesem Eingeständnis möglicherweise etwas Wahrhaftigeres, als es jede noch so vollkommene Liebeserklärung vermocht hätte.
Als Autor ist mir dieses Misstrauen gegenüber dem vermeintlich richtigen Wort sehr nah. Mich reizt und beschäftigt Sprache besonders dort, wo sie nicht mehr reibungslos funktioniert, wo Begriffe porös werden, wo ein Satz an ein Etwas gerät, das sich seiner Benennung widersetzt. Manchmal muss Literatur die Leerstelle eben stehenlassen, anstatt sie mit einem schönen Wort zu versiegeln.
Und natürlich lese ich diesen Satz auch ganz persönlich. Mich bewegt die Vorstellung, dass es zwischen zwei Menschen etwas geben kann, für das die Sprache keinen vollständigen Begriff besitzt und das dennoch – oder möglicherweise gerade deshalb – zu beider Wissensschatz gezählt werden kann. »Du weißt ja«: Gewiss sind das die drei unscheinbarsten und zugleich intimsten Wörter dieses Satzes. Der andere muss nicht erklärt bekommen, was gemeint ist. Er weiß es.
Das ist für mich eine sehr schöne Vorstellung von Liebe – und zugleich eine sehr präzise Vorstellung von Literatur.
Herzlichen Dank für das Interview!
Christian Dörge_ Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Bildender Künstler, Theater-Schauspieler und -Regisseur
Liebe Esther, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus
Da ich gerade in Karenz bin, sind die Tage ganz unterschiedlich gestaltet, aber drehen sich viel um meine kleine Tochter, die das Tempo vorgibt. Ich bin trotz Karenz viel am Arbeiten, da ich dieses Jahr beim Klezmore Festival mein Debütalbum “Fli, mayn foygl” präsentiere, am 10.11.2026 um 19.30 im Radiokulturhaus. Glücklicherweise habe ich ein tolles Supportsystem mit meinem Partner und in meiner Familie, die es möglich macht, Kind und Kunst zu vereinbaren.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zusammenhalten, aufeinander schauen, und auf sich selbst- am besten mit gutem Essen und schöner Musik- zu hören zB beim Klezmore Festival im November.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Kunst bietet die Möglichkeit, Konflikte und Emotionen auf einer anderen Ebene auszuverhandeln, bietet eine andere Sprache als die Sprache, die nur auf Konfrontation aus ist- daher ist es so wichtig, gerade in konfliktreichen Zeiten, der Kunst ihren Raum zu geben.
Was liest Du derzeit?
Ehrlich gesagt findet sich zwischen Kind und Leben leider sehr wenig Zeit für meine große Leidenschaft zum Lesen. Wenn ich dazu komme lese ich momentan “Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)“, in dem es um transgenerationales Trauma geht und um die Wichtigkeit, sich seinen Traumata zu stellen um möglichst wenig davon an seine Kinder weiter zu geben.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
“Unsere ererbten Verhaltensmuster finden sich (dort) wieder, wie wir mit uns selbst sprechen, (…) ein kontinuierliches Geplapper (das wir selbst kaum wahrnehmen), aber eine harte innere Kritikerin sein kann.”
Gerade beim Kunstschaffen ist es teilweise unglaublich hart, über diese innere Kritikerin hinweg zu kommen und den Mut zu fassen, Kunst in die Welt zu setzen. Umso glücklicher bin ich, mich meiner eigenen Kritikerin gestellt zu haben und mein Debütalbum “Fli, mayn foygl” im November heraus zu bringen.
Auftritte national & international (Klezkanada, Shtetl Berlin, New York, Boston, Klezmore Festival, Kultursommer uvm
Akademischer Werdegang
Seit Oktober 2022 Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien
Masterstudium Ethnomusikologie
2011-2017 Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien
Diplomstudium Musikerziehung mit Hauptfach Chorleitung| Abschluss Juli 2017
2008-2013 Universität Wien
Bachelor in Germanistik | Abschluss Jänner 2013
AKTUELLES PROJEKT:
23. KlezMORE Festival Vienna _ 7. – 15. 11. 2026
Jahresthema: Sounding the Archive. Historische Quellen als Ausgangspunkt neuer Klangwelten
Sa., 7.11.2026 (19:30 Uhr) Stadtsaal / Eröffnungskonzert 1060 Wien, Mariahilfer Straße 81 THE KLEZMATICS _ Foto: Adrian Buckmaster
SPIELORTE: Ehemalige Synagoge St. Pölten; Ehemalige Synagoge Kobersdorf; Jüdisches Museum Wien; Liberale Jüdische Gemeinde Or Chadasch, Österr. Volksliedwerk, RadioKulturhaus, Sargfabrik, Schutzhaus Zukunft, Theater Akzent, YUNG YIDISH Wien
Mit The Klezmatics, Lea Kalisch & Der Šenster Gob, Black Rooster Kapelye, Anna Lowenstein und weiteren internationalen Gästen lädt das KlezMORE Festival Vienna von 7. bis 15. November 2026 zur 23. Ausgabe ein. Unter dem Titel „Sounding the Archive“ widmet sich das Festival der Frage, wie historische Lieder, Texte und musikalische Sammlungen heute weiterleben können – nicht als museale Zeugnisse, sondern als Ausgangspunkt zeitgenössischer künstlerischer Praxis.
Seit über 20 Jahren verbindet das Festival Erinnerungskultur mit einem lebendigen Blick auf jüdische Musik und schafft Räume für die Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Die Ausgabe 2026 richtet den Blick auf Archive als Orte der Erinnerung und zugleich als Ausgangspunkte neuer künstlerischer Prozesse. Vor dem Hintergrund der durch die Shoah unterbrochenen kulturellen Überlieferungen zeigen die eingeladenen Künstler:innen, wie historische Quellen weitergeführt und in heutige musikalische Zusammenhänge übersetzt werden können.
„Das KlezMORE Festival macht jüdische Kultur als lebendige Gegenwart erfahrbar und schafft Räume für Begegnung, Austausch und künstlerischen Dialog. Gerade in Zeiten, in denen Erinnerungskultur neu verhandelt wird, ist es wichtiger denn je, diese Stimmen sichtbar und hörbar zu machen“, sagt Lisa Reimitz, Co-Intendantin des KlezMORE Festival Vienna.
Do., 12.11.2026 (19:30 Uhr) Sargfabrik / Doppelkonzert 1140 Wien, Goldschlagstraße 169 PAVEL SHALMAN & BOKI RADENKOVIC KLEZMER & WIR & ELECTRIC ROSE _ Foto: Julia Wesely
KLEZMER & WIR & ELECTRIC ROSE _ Foto: Zisl Slepovitch
Internationale Positionen jüdischer Musik
Zu den Höhepunkten zählt das Jubiläumskonzert von The Klezmatics, die ihr 40-jähriges Bestehen feiern und zu den prägenden Ensembles der internationalen jüdischen Musikszene gehören. Lea Kalisch und das Prager Ensemble Šenster Gob verbinden jiddische Musik mit Humor, Chuzpe und zeitgenössischer Performance. Die Black Rooster Kapelye erschließt selten aufgeführte baltisch-jüdische Musikquellen und überführt diese in eine gegenwärtige musikalische Sprache.
„Mit Sounding the Archive präsentieren wir Künstler:innen, die historische Quellen auf höchstem künstlerischen Niveau in die Gegenwart übersetzen. Das Programm zeigt die Vielfalt jüdischer Musik heute – innovativ, international und eng mit ihrer Geschichte verbunden“, ergänzt Isabel Frey, Co-Kuratorin des Festivals.
Jüdische Geschichte an historischen Orten erleben
Auch 2026 erweitert das Festival seinen Radius über Wien hinaus und bespielt erneut die ehemaligen Synagogen in St. Pölten und Kobersdorf. Damit rückt die jüdische Geschichte auch in den Regionen in den Fokus und verbindet historische Orte mit zeitgenössischer künstlerischer Praxis.
Im Rahmen der KlezMORE Landpartie präsentiert die in Großbritannien lebende Musikerin Anna Lowenstein ein neues Programm, das persönliche Erinnerungen an das Aufwachsen in einer chassidischen Nachbarschaft Londons musikalisch verarbeitet. Eine gemeinsame Busanreise ab Wien sowie eine Führung durch das jüdische Kobersdorf ergänzen das Konzert und machen den historischen Ort selbst zum Teil der künstlerischen Erfahrung.
Vermittlung, Begegnung und lebendige jüdische Praxis
Neben den Konzerten setzt das Festival auf Vermittlung und Begegnung. Die Reihe „Kol Ishe – Jüdische Frauenstimmen“ in der liberalen jüdischen Gemeinde Or Chadasch eröffnet Einblicke in zeitgenössische liturgische Praxis aus weiblicher Perspektive. Mit der New Yorker Kantorin Sarah Myerson ist eine internationale Vertreterin jüdischer Liturgie zu Gast.
Führungen im Jüdischen Museum Wien und Workshops im Österreichischen Volksliedwerk schaffen zusätzliche Zugänge zur jüdischen Musikpraxis und richten sich auch an Menschen ohne Vorkenntnisse.
Archive als klingende Gegenwart
Beim Festival Finale mit der Black Rooster Kapelye steht im Schutzhaus Zukunft nochmals jene transkulturelle Perspektive im Mittelpunkt, die das Festival prägt: Musik als Ort des Austauschs, der Erinnerung und der künstlerischen Erneuerung.
Die Entblößung, Iracema Engel. Roman. Mantel Verlag.
Da ist das Leben. Geordnet. Mann. Kind. Karriere. Alles hatte sie geschafft mit so vielen Anstrengungen, Entbehrungen, Konsequenz und Zielstrebigkeit. Ein Leben wie eine Mission, die sich erfüllt und weiter erfüllt. Alles da. Schriftstellerin und Familie. Horizont und Zenit.
Dann die Lesereise. Und eine Begegnung mit ihrer Urlaubsliebe damals in Frankreich.
„…zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, am Leben zu sein.“
So war es damals. Und jetzt?
Alles wieder da und mehr…
„Es war, als hätten sie ein Stück aus der Zeit herausgeschnitten, es ihrem normalen Lauf entrissen, sich darauf geflüchtet wie Schiffbrüchige auf eine Insel, auf der sie alles fanden, was man zum Überleben brauchte, vor allem Liebe und Wärme…“
Doch sie wissen um ihre „Illusion“ und leben Begehren, Leidenschaft mit ihren bebenden Körpern wie Untergehende in Lust und Verhängnis…in gestundeter Zeit…
Die Wiener Schriftstellerin Iracema Engel legt mit „Entblößung“ ihren zweiten Roman vor und dieser ist ein Feuerwerk an Intensität, Atmosphäre, Spannung, die von Beginn an in den Bann ziehen und dem Leben einer Frau in allen Wagnissen, Grenzgängen zwischen Leben, Lust, Leichtigkeit, Leiden faszinierend wie atemlos folgen lässt. Was für ein literarisches Ereignis!
Hier ist eine ganz neue Erzählstimme, deren sprachliche Genialität und Direktheit, Liebe, Leidenschaft gleichsam im literarischen 3D erleben lässt. Die Autorin sitzt mit Henry Miller und Marcel Proust am Schreibtisch und geht in individueller selbstbewusster Stilbildung darüber hinaus. So schreibt im deutschsprachigen Raum niemand über die Liebe!
Iracema Engel stößt neue literarische Türen auf und hat keine Scheu Wort und Sprache an Mensch&Existenz, Kopf&Körper explodieren, eine Welt erschaffen und untergehen zu lassen.
Ein Roman, der den literarischen Herbst im Sturm erobert!
Iracema Engel, Schriftstellerin
Die Entblößung, Iracema Engel. Roman. Mantel Verlag
Gebunden, 308 Seiten
ISBN: 978-3-9505837-2-4
Verkaufspreis: 22,90€
Erscheinungsdatum: 09.09.2026
Foto: Cover _ Verlag
Fotos_ Iracema Engel _ Station bei Undine/Donau/Wien _ szenisches Fotoshooting „Undine geht“ (Ingeborg Bachmann, 1961) _ Walter Pobaschnig 7/26.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Lorena Pircher, Schriftstellerin,Übersetzerin, Dolmetscherin _ Wien
Zur Person/über mich:Lorena Pircher wurde 1994 in Südtirol, Italien, geboren. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Englisch und Französisch in Wien und Frankreich. Veröffentlichung zweier Gedichtbände sowie mehrerer Erzählungen und Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Sie übersetzt und dolmetscht aus dem Italienischen, Spanischen und Französischen ins Deutsche. Für ihre Werke erhielt sie Stipendien und wurde mehrmals ausgezeichnet.
Im Interview _ Lorena Pircher, Schriftstellerin,Übersetzerin, Dolmetscherin _ Wien
Liebe Lorena, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Meine ersten Lektüren beliefen sich auf Ingeborg Bachmanns Frankfurter Poetikvorlesungen, die ich ausgesprochen faszinierend finde, deren Erkenntnisse mich stets aufs Neue überwältigen. Auch Die gestundete Zeit, Das dreißigste Jahr und Malina, Texte, die ich immer wieder lese, treffen mich tief in ihrer emotionalen Radikalität, in ihrer Weitsichtigkeit, mit ihrem gesellschaftskritischen Blick, dem Sezieren patriarchaler Strukturen. Es existiert eine solche poetische, essayistische, literarische Dichte in Ingeborg Bachmanns umfassendem Werk, dem ich mich über die Jahre erst sukzessive angenähert habe und von dem es für mich noch so viel zu lesen, erneut zu lesen, versuchen zu verstehen gibt.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Für mich liegt das Besondere von Ingeborg Bachmanns Schreiben in der Feinfühligkeit, mit der sie Sprache abwiegt, ihrer Nuanciertheit, dass in ihren Sätzen unterschwellig eine zweite Bedeutung mitgetragen wird. Für mich ergibt sich eine Spannung in ihrer sprachlichen Präzision und dem Wissen, dass die Sprache beschädigt ist, und in der Art und Weise, wie sie poetische Überschreitungen im Schreiben gestaltet. Ihre Motivik, Verflechtungen von semantisch leicht verschobenen Wiederholungen, die Vielschichtigkeit und gleichzeitig karge Schönheit ihrer Sprache, all das berührt mich.
Möchtest du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Neben all ihren lyrischen Werken und poetologischen Entwürfen, die mich unaufhörlich beschäftigen, möchte ich gerne Malina und Undine geht hervorheben, da diese beiden Werke für mich nicht nur Sprache aufbrechen, sondern und insbesondere auch Rollenbilder, gesellschaftliche Zuschreibungen sprengen, die Frage nach der Möglichkeit eines anderen Lebens ausloten und patriarchale Gewalt in verschiedenen Formen aufzeigen. Wie Bachmann-Expertinnen wie Sigrid Weigel und Monika Albrecht unterstreichen, durchzieht Bachmanns Werk eine kompromisslose Analyse von Machtverhältnissen, eine präzise Untersuchung und Dekonstruktion derselben, eine Diagnose struktureller Gewalt und Entfremdung. Diese Aspekte werden meiner Meinung nach in Malina und Undine geht besonders sichtbar; die beharrliche Weigerung, gewisse Konstrukte für alternativlos zu erachten und die Bedeutsamkeit diesen entgegenzutreten.
Was hättest du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte ihr so gerne zugehört, sie lesen, ihre Werke vortragen gehört. Und mich so gerne bei ihr bedankt, für ihr Schaffen, dafür, welche Inspiration und literarische Begleitung sie so vielen Autor:innen ist.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite derzeit an einem neuen lyrischen Band, der einige narrative Langgedichte vereint, die im Laufe des letzten Jahres entstanden sind. Außerdem arbeite ich kontinuierlich an Übersetzungen aus dem Italienischen für verschiedene Projekte und dolmetsche viel aus dem Italienischen, Französischen und Spanischen ins Deutsche.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
»Alles ist eine Frage der Sprache.«
Aus der Erzählung Alles, in: Das dreißigste Jahr
Herzlichen Dank für das Interview!
Danke Dir, lieber Walter!
Lorena Pircher, Schriftstellerin,Übersetzerin, Dolmetscherin _ Wien
Zur Person/über mich: Lorena Pircher wurde 1994 in Südtirol, Italien, geboren. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Englisch und Französisch in Wien und Frankreich. Veröffentlichung zweier Gedichtbände sowie mehrerer Erzählungen und Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. Sie übersetzt und dolmetscht aus dem Italienischen, Spanischen und Französischen ins Deutsche. Für ihre Werke erhielt sie Stipendien und wurde mehrmals ausgezeichnet.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Lorena Pircher _ Projekt „Undine geht“ 8/25 _ Walter Pobaschnig
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse in ihrer Wohnung in der Bocca de Leone _ Rom, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Lisai Luftvogel, Schriftstellerin _ Ferrara/I
Liebe Lisei, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Bei mir in der Schule in den 80ern in Westdeutschland war Ingeborg Bachmann leider kein Thema, auch nicht später in der Universität in Perugia. Ich glaube, gerade in der Schulzeit wäre es für mich persönlich spannender gewesen als zum Beispiel die Konfrontation mit Brecht, wieder ein Mann. Daher ist mein Zugang kein akademischer, sondern eher ein persönlicher und vielleicht auch ein historischer. Ich befasse mich derzeit mit den Lebensbedingungen meiner Familie vor, während und kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Besonders schwer hatten es die Frauen. Mich erschreckt die Vorstellung, wie furchtbar es gewesen sein muss, sich als intellektuelle Frau in der Nachkriegszeit zu behaupten. In Ingeborg Bachmanns Texten spürt man die dunkle, einengende Atmosphäre einer Gesellschaft, die noch von zutiefst patriarchalen Strukturen geprägt war. Sie war eine mutige Wortkämpferin, die gegen diese männlichen Widerstände an-schreiben musste. Ihre Worte machen mich betroffen, aber auch ziemlich wütend, vor allem, wenn ich mir heute vorstelle, selbst in solchen Verhältnissen leben zu müssen.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Für Ingeborg Bachmann war Schreiben existenzieller Einsatz und zugleich Aufbegehren gegen das Schweigen. Sie war der Ansicht, dass der Faschismus 1945 nicht einfach vorbei war, dass er in den Köpfen der Menschen und den Beziehungen weiterlebte. Deshalb glaubte sie auch, dass es notwendig war, eine neue Sprache zu finden. Was ihr Schreiben für mich besonders macht, ist die radikale Verknüpfung von poetischer Schönheit und existenzieller Schärfe.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Unter Mördern und Irren. Die für mich damalige gruselige Männerwelt kommt besonders an der Beschreibung des Stammtischs zum Vorschein: „…wenn sie abends beieinander sind, trinken und reden und meinen. Wenn sie zwecklos reden, sind sie auf ihrer eigenen Spur, wenn sie meinen und ihre Meinungen mit dem Rauch aus Pfeifen, Zigaretten und Zigarren aufsteigen und wenn die Welt Rauch und Wahn wird …“ Nach außen hin waren sie kultiviert, die Professoren, Verleger und Beamten, doch hinter der Fassade versteckten sich die alten Täter und Mitläufer des NS-Regimes und ihre Frauen saßen eingesperrt zu Hause, mit ihren weiblichen Aufgaben: Kinder und Herd, vielleicht auch noch Kirche. „Keiner mochte daran denken, dass ihre Frauen jetzt zu Hause die Betten aufschlugen und sich zur Ruhe begaben, weil sie mit der Nacht nichts anzufangen wussten. (…) Mit den Gefühlen des Opfers lagen die Frauen da, mit aufgerissenen Augen in der Dunkelheit, voll Verzweiflung und Bosheit.“
Auch Das dreißigste Jahr, in der jemand aufweckt und begreift, dass seine Jugend vorbei ist und er in den Zwängen der Gesellschaft feststeckt, hat mich zur Reflexion angeregt:
„Ich wollte, ich könnte all denen, die an ihre einzigartigen Köpfe und die harte Währung ihrer Gedanken glauben, zurufen: seid guten Glaubens! Aber sie sind außer Kurs gesetzt, die Münzen, mit denen ihr klimpert, ihr wisst es nur noch nicht. Zieht sie aus dem Verkehr mitsamt den abgebildeten Totenköpfen und Adlern. (…) Gebt zu, dass ihr nur ein von den Alten möbliertes Land bewohnt, dass eure Ansichten nur gemietet sind, gepachtet die Bilder eurer Welt.“
Ich finde, dieser Abschnitt ist heute noch aktuell. Wer sind wir, woher stammen unsere Gedanken und Gewissheiten? Sind wir nicht bloß ein Konstrukt unserer eigenen Geschichte und der unserer Vorfahren? Abstand nehmen, das hat auch Ingeborg Bachmann versucht, als sie ihren Lebensmittelpunkt nach Rom verlegte. Aber funktionierte es? Teilweise sicher. Ich spreche aus eigener Erfahrung.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte zuerst meine Solidarität ausgedrückt und ihr gesagt, dass ich es unerhört finde, wie man sie behandelt hat, als Dichterfräulein. Dass ich noch heute bei dem Wort Fräulein oder Signorina an die Decke gehe. Zum Glück sagt das jetzt niemand mehr zu mir, mit allem, was es beinhaltet. Die Inszenierung Ingeborg Bachmanns als scheue, zarte und schutzlose junge Frau finde ich zutiefst abstoßend. Würde ein Mann so beschrieben werden? Sicher nicht. Bei einem Mann zählt weniger das Aussehen als der Geist, noch heute. Was bei Denkerinnen und Dichterinnen genauso sein sollte. Als Fräulein wollte auch Ingeborg Bachmann nicht gesehen werden, sondern als Schriftsteller, ohne den weiblichen Anhang, sie wollte für ihre Arbeit wahrgenommen werden, ohne dass ihr Geschlecht thematisiert wurde.
In ihrem Roman Malina ging Ingeborg Bachmann sogar so weit, dass das weibliche Ich am Ende des Buches verschwindet und nur das männliche Ich (Malina) übrigbleibt.
Ich hätte sie gefragt, wie sich gefühlt hat unter all den intellektuellen Männern, die sich so aufbauschten und redeten und meinten, und hätte sie gebeten, mir unverblümt von ihren Erfahrungen zu erzählen. Leider ist sie ja viel zu früh gestorben.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich habe einen Roman über eine junge Künstlerin geschrieben, die nach Perugia auswandert und dort in einer fremden und verwirrenden Alternativwelt landet, in der die Menschen auf kreative Weise leben und überleben. Der Roman spielt Anfang der Neunziger und handelt von Fremdheit, Kunst und Wahnsinn – im Hintergrund der zerfallende Ostblock und die europäische Wendezeit. Im Roman benutze ich bewusst unübersetzte italienische Dialogpassagen, die die Fremdheitserfahrungen unmittelbar in die Sprache hineintragen.
Jetzt bin ich gerade auf Verlagssuche.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Vielleicht einfach nur der letzte Satz aus Malina: „Es war Mord.“
Johanna Wagmeier, Kabarettistin und Autorin _ Graz
Liebe Johanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der hat sich Mitte September radikal geändert. Die ganze Familie muss jetzt in die Schule, wir stehen also früh auf, damit wir rechtzeitig fertig sind. Dann fahre ich mit dem E-Bike in die Schule und unterrichte. Am Nachmittag beschäftigen sich unsere Kinder sehr viel selbst, deshalb hab ich meist ein bisschen Zeit, um alles zu erledigen, was sonst so liegenbleibt. Außerdem muss ich ca. eine Stunde für die Irrigation einplanen – ich mache mir einen Einlauf mit warmem Wasser um meinen verbliebenden Dickdarm zu leeren, damit ich die übrige Zeit im Idealfall kontinent bin. Abends bringen mein Mann und ich die Kinder abwechselnd ins Bett und haben dann noch Zeit zum Lesen oder um einen Film zu schauen.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Seit meiner Krebserkrankung bin ich der Meinung, dass für uns alle Gesundheit das Wichtigste im Leben ist. Davor konnte ich das nicht nachvollziehen, weil Gesundheit für mich selbstverständlich war. Aber wenn sie fehlt, dann versteht man erst die Wichtigkeit. Abgesehen davon finde ich es wichtig, in jeder Situation das Beste aus dem eigenen Leben zu machen – und zwar sowohl für sich als auch für andere. Für mich ist das Schreiben und auf der Bühne stehen daher eine Synergie: Es ist für mich ein wunderbares Erlebnis und ich kann andere zum Lachen und zur Koloskopie bringen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mein persönlicher Aufbruch war meine Krebsdiagnose, das war der Startpunkt einer langen Reise. Mir war rasch klar, dass ich diese Reise nicht alleine schaffen werde, daher habe ich begonnen, über meine Krankheit zu reden und zu scherzen – um viele andere „ins Boot zu holen“.
Gesellschaftlich ist mein Eindruck, dass die Entwicklung für viele auch in diese Richtung geht. Es wird heute zum Glück mehr über Krankheiten, Tabuthemen und Unperfektes gesprochen. In meiner Kindheit war es noch so, dass es sehr viele Normen gab, denen man entsprechen musste und wie man zu funktionieren hatte. Ich habe heute in vielen Bereichen das Gefühl, das Ziel ist, jeder soll das Beste aus sich machen können und zwar auf seine eigene Art. Es wird zum Glück verstärkt Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse genommen und Unterschiede werden oft als Bereicherung gesehen. Ich hoffe, dass sich diese Sichtweise durchsetzt und die Menschen erkennen, dass es viele verschiedene Wege gibt, um eine gute und wertvolle Person zu sein.
Was liest Du derzeit?
Die „That’s life in dystopia“ Trilogie von Johanna Grillmayer. Außerdem die Deutschmatura des Herbsttermins 2026.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wenn man nur einmal lebt, sollte man vielleicht so sehr Mensch sein, wie es möglich ist.
Ich wurde 1987 in Linz geboren und wuchs in Oberösterreich auf. Nach der Matura 2005 am BG/BRG Auhof folgte das Lehramtsstudium Deutsch und Chemie an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Anschließend arbeitete ich erst zwei Jahre an einer ländlichen Mittelschule dann an einem Grazer Gymnasium. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Im Herbst 2022 wurde bei mir ein Rektumkarzinom diagnostiziert. Während der Behandlungen entdeckte ich mein Talent dafür, schwierige Situationen mit Humor zu meistern und hatte mein Debüt als Kabarettistin beim Grazer Kleinkunstvogel. Mir ist es wichtig, offen mit meiner Krankheit umzugehen und ich habe festgestellt, dass dies nicht nur von meinem Umfeld, sondern auch in der Öffentlichkeit gut aufgenommen wurde. Inzwischen bin ich in der onkologischen Nachsorge. Drei Jahre, ein Buch und ein Soloprogramm später hat sich im Grunde nichts geändert: Ich bin immer noch der Meinung, Krebs ist eine zu ernste Diagnose, um sie nicht mit Humor zu nehmen. Daher plädiere ich weiter für Offenheit im Umgang mit Schicksalsschlägen und zaubere meinem Publikum ein Lachen ins Gesicht, egal wie ernst das Thema ist.
Zuletzt erschien mein Buch „Donauschwabe und Mostschädel. Die Geschichte meines Großvaters“ ebenfalls im Verlag am Rande. Es handelt von meinem Großvater der als Sechsjähriger im Zweiten Weltkrieg im Zuge der Aussiedelung der Donauschwaben von Kroatien nach Österreich kam.
„Mein Leben war das ganz normale Alltagschaos einer berufstätigen Mutter von zwei Kleinkindern. Ich war 35 Jahre alt, als ich unerwartet die Diagnose Darmkrebs erhielt, die alles veränderte.
Schnell wurde mir klar: „Über den Scheiß sollte mal jemand reden.“ Im folgenden Jahr durchlief ich mehrere Behandlungen, die mein Leben in vielerlei Hinsicht auf den Kopf stellten. Dabei erlebte ich viele absurde Momente, in denen mir nicht klar war, ob ich besser lachen oder weinen sollte. Ich entschied mich (meist) für das Lachen.
Dies ist ein Buch über Krebs – und trotzdem ein lustiges Buch. Und es geht gut aus, versprochen.“