Lieber Titus Meyer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage beginnen mal früh, mal spät, es gibt momentan sehr wenig Konstanz, da ich versuche, Familie, Brotjob, Schreiben und andere Projekte unter einen Hut zu bekommen.
Titus Meyer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Kunst, in welcher Form auch immer, zu machen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Frieden ist immer wesentlich. Auch selbst im Klitzekleinen (im menschlichen Miteinander, aber auch anderen Lebewesen gegenüber). Kunst ist das größte Privileg unserer Spezies und das potenziell Friedensstiftendste, was wir haben.
Was liest Du derzeit?
Ich lese meist sehr viel auf einmal. Von Artikeln abgesehen, mittlerweile aber wenig von A nach B, wie man das Lesen in der Schule beigebracht bekommen hat und es die meisten Leute ausschließlich zu tun pflegen: Heuristisch von links nach rechts, von oben nach unten drüber hinweg zu fliegen um es zu erfassen, zu verstehen (also zu beherrschen). Ich möchte Zeichen aber emanzipiert sehen. Daher lese ich gern alles, was mir zu experimenteller Poesie in die Hände kommt. Vor allem Anagramme und Palindrome. Zur Zeit gerne die Werke aus dem herausragenden Kleinstverlag englischsprachiger Poesie: Penteract Press.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wir verdünnen fortwährend unser Verstehen, damit es reichen soll, statt zu schreien nach der Wand einer gemeinsamen Not, hinter der das Unbegreifliche Zeit hat, sich zu sammeln und anzuspannen. – Aus: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, R.M. Rilke
Titus Meyer, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview, lieber Titus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Titus Meyer, Schriftsteller
Zur Person _ Titus Meyer, *1986 in Berlin. Lebt als Autor ebendort. Zuletzt erschienen: Äonen o. Ä., etcetera press berlin, 2023. Beschäftigt sich in seiner Arbeit fortwährend und intensiv mit Anagrammen, Palindromen und zahlreichen anderen, mitunter selbst entwickelten, buchstabenzentrierten Verfahren. Bisweilen auch als Komponist experimenteller Musik tätig.
Aber ausgeschlossen aus allen Friedensprozessen, keine
Chance bekamen,
Einen Sitzplatz unter den Großen zu bekommen.
Alle Ehre jedem Mann, aber die Strategie „Sieg-Niederlage“ brachte keine
Chance dem Frieden niemals, seit Anbeginn der Menschheit.
Haben wir dann noch die Möglichkeit, die „Win-Win“ Strategie
Allein unter die Lupe zu stellen, zu der viele Frauen
Nach wie vorstehen und ins Leben täglich rufen:
Chance zum Frieden und somit der Frieden für alle ist
Eine Philosophie, die allen das Leben bedeutet.
Ana Bilic, 25.10.2023
Ana Bilic, Autorin und Filmregisseurin
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Ana Bilic, Autorin und Filmregisseurin
Zur Person _ Ana Bilic (1962, Zagreb) lebt in Wien als Autorin/Filmregisseurin. Sie ist auch tätig als Theaterautorin und -regisseurin sowie als Linguistin.
Scharmien Zandi, Musikerin, Komponistin, Schauspielerin _ Wien
Liebe Scharmien Zandi, Du bist in den Proben zur Premiere von „Bühnenbeschimpfung“ (Sivan Ben Yishai, übersetzt von Maren Kames) im Schauspielhaus Wien 3.11.2023. Wie kam es zu Deinem Engagement und wie gestaltet sich der Probenprozess?
Tobias Herzberg (Anm: künstlerische Leitung neu im Schauspielhaus Wien, gemeinsam mit Marie Bues, Mazlum Nergiz und Martina Grohmann) hat mich bei einem Symposium im Wiener Rathaus eingeladen, die Live Musik zur Erstaufführung von „Bühnenbeschimpfung“, die auch Saisoneröffnung der Spielzeit wie der Start für die neue künstlerische Leitung wie des Ensembles am Schauspielhaus Wien ist, zu gestalten.
Ich sagte sofort zu! Es ist wahnsinnig schön, wenn sich Theater und Musik verbinden, ein ganz spannendes Projekt und auch herausfordernder wie inspirierender Probenprozess, da es ja anders als im Musiktheater hier um ein besonders Zusammenspiel, um ein Akzentuieren mit Regie, Dramaturgie, Ensemble geht. Ich spiele und produziere die Sounds wie erarbeite auch mit dem Ensemble Musikszenen.
„Bühnenbeschimpfung“ ist eine Liebeserklärung an das Theater und seiner gesellschaftlichen Impulsgebung und Kraft! Die neue vierköpfige Intendanz präsentiert und positioniert sich hier im shared ownership Gedanken, im Anspruch von flachen Hierarchien, die ja auch eine Form der Dekonstruktion und kritischen Reflexion sind. Auch ich lebe und strebe diese Philosophie des Theaters an.
Es geht im Stück um Macht und Ohnmacht, die unterschiedlichen Ebenen, die Bausteine der Architektur des Menschseins. Die Dramaturgie verbindet Humor wie Ernsthaftigkeit, ohne Moralkeule. Es ist Glamour, Glitter und Punk.
Es geht um das Aufzeigen, um Strukturen des Theaters selbst, um Kunst als Existenzform und Formen von „Ausbeutung“, die es leider auch gibt – „Du spielst ja gerne für eine Pizza und ein Bier“. Ich verstehe mich nicht als Künstlerin, die sich das Ohr abschneidet, sondern als Künstlerin in Idee, Anspruch und Anerkennung.
Ich freue mich sehr ein Teil dieser Produktion zu sein! Eine große Ehre in Theaterkomposition, Performancekunst, an den Schnittstellen von darstellender Kunst und Musik, mitwirken zu dürfen. Und es bleibt das Element Live (lacht).
Wie erlebst Du im Probenprozess das Zusammenspiel mit Regie, Dramaturgie, Ensemble?
Ich bin da in der spannenden Rolle, Ideen der Regie aufnehmen zu dürfen und in ein klangliches Motiv zu setzen, wie selbst Ideen einzubringen. Die beste Idee gewinnt (lacht).
Die Musik gilt es im Probenprozess gemeinsam abzustimmen. Manchmal trifft es ja ein einfacher Ton – „das ist es!“ – aber bei einem umfangreicheren Track braucht es auch Zeit, während ja die Probe läuft. Ein schönes Miteinander wie eine Herausforderung, in der alle ihr Bestes geben.
Wie siehst Du Deine Rolle im Stück?
Ich spiele mich selbst, was ja nicht so viel Rolle ist (lacht). Ich kann mich sehr gut in die Dramaturgie hineinfügen.
Wie beurteilst Du die künstlerischen Perspektiven von Musik und Theater in Zukunft?
Musik bringt sich als internationale, grenzenüberschreitende wie verbindende Sprache ins Theater ein. Es weitet den Raum, die Perspektive über das doch örtlich gebundene Sprechtheater hinaus.
Ist „Bühnenbeschimpfung“ Deine erste Zusammenarbeit mit dem Schauspielhaus Wien?
Ja. In einer Produktion im Landestheater Niederösterreich gab es bereits eine Verbindung von Musik und Theater, wobei ich da auch als Schauspielerin mitwirkte.
Wie zeigt sich für Dich Akzentuierung und Charakteristik der neuen Leitung wie des Ensembles am Schauspielhaus Wien?
Da ist sehr viel Kompetenz, Engagement und auch das Bemühen um Augenhöhe in Haus wie Zusammenarbeit über das Haus hinaus, etwa in unmittelbarer Nachbarschaft als Begegnungsraum.
Was kann Musik heute in unseren herausfordernden Zeiten bewirken?
Für mich ist Live Musik Leben, ein Miteinander-Leben, face-to-face Ideen zu diskutieren, umzusetzen und zu zelebrieren.
Musik ist ein sehr mächtiges Element, in verschiedenen Richtungen.
Wie war Dein Weg zur Musik?
Es gab da keinen Plan B, sondern nur einen Plan A. Und es galt herauszufinden, wo die Tür ist, durch die es zu gehen gilt (lacht). Und wichtig ist das Durchhaltevermögen und sich mit Menschen mit tollen Energien zusammen zu tun.
Wir sind hier zwischen den Polen der Psychoanalyse (Berggasse, S.Freud Museum) und der Literatur (Strudlhofstiege/Doderer). Wohin sieht sich die „Bühnenbeschimpfung“ hingezogen?
Es ist eine gute Mixtur davon, ein Cocktail von Literatur und Psychoanalyse in der Thematisierung von Macht und Ohnmacht.
Wie kann Theater Gegenwart und Geschichte mitschreiben?
Theater schreibt mit jedem Stück Geschichte mit.
Wie möchtest Du zur „Bühnenbeschimpfung“ einladen?
Wer persönliche Emotionen durchwaschen und die Verbindung zu sich selbst und Gesellschaft (neu) ansetzen will – das wäre eine Möglichkeit, wie tausend andere, kommen Sie! Am 3.November ist die Premiere!
Herzlichen Dank für das Interview liebe Scharmien Zandi und toi, toi, toi für die Premiere!
Scharmien Zandi, Musikerin, Komponistin, Schauspielerin _ Wien
Interview mit Scharmien Zandi, Musikerin, Komponistin, Schauspielerin _ Wien
Zur Person_ Scharmien Zandi works as a professional composer and musician for theaters, operas and with various Musician for Live-Shows.
She compose for the Longfu Theater in Beijing, Landestheater Niederösterreich in Austria and for the Inclusion-Ensemble Theater Delfin the piece Niemandsland and Dürrenmatt’s Die Physiker. With MISTHAUFEN – an Austrian ensemble- she compose and played on stage at the Radio Kulturhaus Ö1. She also creates sounddesigns for exhibitions and radioplay.
With her Band CADÜ she released 2019 the debut album STEELSTREET and played more than 30 Shows all over Europe (e.g. Berlin, Budapest, Timisoara, Olten, Graz, Vienna). Her Avangarde-Chanson AMOUR FOU shows her strong artistic skill of singer-songwriting and inspires audiences in China, Europe and the USA. For this show she was awarded for the Austrian Music Theater Award 2020 for „Best Off-Production“
She studied classical vocal (soprano) and is a multinstrumentalist (piano, guitar, synthesizer, transverse flute, kurdish daf).
Lieber Michael Hammerschmid, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wie ein Umschleichen von Papier. Ein Hinter-dem-Fenster-Sitzen. Vorhang zu oder offen. Das Bett hüten, ein mit dem Fahrrad-Fahren, den Wind spüren, den Tag verlieren oder gewinnen, lesen, den Computer lassen, dann doch Emails-Schreiben, das Schreibheft halten, Listen machen. Ein Teetrinken, etwas für meine Töchter kochen, ein Abgelenktwerden. Eine Klarheit finden. Einen Raum öffnen, aus dem Tag in den Tag schlüpfen, ans Schreiben gehen. Ein Gedicht schreiben. Es in den Computer tippen. Zurück zu anderem. An einem Aufsatz arbeiten. Die Hausübung kontrollieren. Die Küche aufräumen. Ein Gespräch führen. Mich nach etwas sehnen. Im Abend verschwinden. Im Schlaf. In der Nacht.
michael hammerschmid, lyriker und kurator des internationalen lyrikfestivals „dichterloh“ in wien
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht, wer alle sind. Wer sind alle? Wo sind alle? Es gibt so viele Menschen. Das Einfache ist für jeden Menschen wichtig. Das Wichtige ist nicht einfach, aber einfach. Das Wichtige ist besonders. Jeder Mensch ist besonders. Das Wesentliche nicht aus dem Auge verlieren. Dranbleiben. Die Informationen genau beobachten. Nicht schnell urteilen. Genau bleiben. Nicht zuviel und nicht zu wenig die Medien verfolgen. In Beziehung bleiben. Forschen. Horchen. Fragen. Mehr fragen. Nachdenken. Sich austauschen. Wieder nachdenken. Sich nicht hängen lassen. Sich ausruhen. Offen sein. Den Terror benennen. Den Krieg. Traurig sein. Nicht traurig bleiben. Handeln, leben, denken, hoffen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ach, die Literatur. Sie mischt sich ständig ein. Unscheinbar meist, schreibt sie mit, legt sie sich quer zum Bestehenden, unterquert die Macht, sticht in sie kleine Wahrheiten, doch die Macht schlägt nach ihr, will sie loswerden. Die Literatur schreibt weiter, die Kunst entsteht. Wehe, sie wird unterdrückt (sie wird unterdrückt, in halbwegs funktionierenden Demokratien eher ignoriert), sie schreibt weiter. Lässt sich nicht angenehm machen. Lässt sich nicht verflachen. Ist zu vielfältig. Begehrt gegen Einfalt auf. Atmet, lebt. Welcher Neubeginn? Es ist soviel Apokalypse im Raum. Krieg. Es ist so viel Tod im Raum. Welcher Aufbruch? Der Aufbruch des einzelnen Wortes, Satzes, der Menschen, die sich wehren und nicht unterkriegen lassen. Persönliches Ungenügen. Persönliches Dennoch. Die Literatur steht auf. Tritt auf die Bühne. Spielt. Die Bühne tritt ab.
Was liest Du derzeit?
Renate Welshs „Johanna“, ein Roman über das Wesentliche, das im Leben eines zur Dirn bei einem Bauern genötigten jungen Mädchen in den faschistischen 1930er Jahren in Österreich präsent bleibt. Roman und Figur lassen sich nicht kaputtmachen. Sie konzentrieren sich und bleiben genau. Sie bleiben genauer als genau. Die Aufgabe der Literatur / im Leben.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich saß mit Renate Welsh-Rabady und Ihrem Mann Shiraz Rabady in einem Zugabteil. Der Zug ratterte oder glitt vielmehr durch die sonnengefluteten Felder. Ich erzählte Renate Welsh von einem Aufsatz, den ich über die Frage „Was ist Lyrik?“ gerade geschrieben hatte. Renate Welsh dachte scharf nach. Dann sagte sie: Lyrik ist der Versuch, dem Chaos eine Melodie abzutrotzen. Der Zug strich weiter über das Land. Er schien zu schnell für diese Welt. Er zeichnete, schien mir, eine leise Melodie.
Vielen Dank für das Interview, lieber Michael, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
michael hammerschmid, lyriker und kurator des internationalen lyrikfestivals „dichterloh“ in wien.
Zur Person _michael hammerschmid, lyriker (für kinder und erwachsene), kurator des internationalen lyrikfestivals „dichterloh“ in wien, lebt und arbeitet in wien.
Zur Person _ Krasimira Stikar, Künstlerin, 1980 geboren in Ruse, Bulgarien, absolvierte das Studium „Animation“ an der Neuen Bulgarischen Universität Sofia und das Diplomstudium „Computer und Medienkunst“ an der Akademie der bildenden Künste Wien.
Sie lebt und arbeitet in Wien.
Ihre Werke präsentiert sie in Einzel- und Gruppenausstellungen, zB in der Galerie Straihammer und Seidenschwann.
Gerne gibt sie ihre Kreativität auch an die nächste Generation in von ihr betreuten Kinderkunstkursen weiter.
Zu den Bildern:
Zu den Bildern im Interview bzw. Werk:
WERTEWANDEL, EGON SCHIELE, Bleistift auf Papier, 20 Zeichnungen, 100 x 70 cm, 2022 WERTEWANDEL, MIRACULOUS MÄDCHEN, Bleistift auf Papier, 20 Zeichnungen, 100 x 70 cm, 2022 WERTEWANDEL, DAS UNGEWISSE, Bleistift auf Papier, 20 Zeichnungen, 100 x 70 cm, 2022
In den grauen Zeichnungen werden zwei menschliche Silhouetten ( Schiele und Disney Miraculous Ladybug Mädchen ) in dem Brustkorb durch geometrische Linien symbolisch gebrochen und vereint. Die Musterbewegung erweitert sich in der ungewissen Zukunft. Sie verkörpert für mich den Wertewandel, der mich vor enorme Herausforderungen stellt – aber auch neue Chancen eröffnet.
Lieber Ivan Strelkin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Im Moment bin ich in der Endphase der Proben für mein neues Stück „Der verlorene Geburtstag“, also verbringe ich jeden Tag vier Stunden mit meinen Schauspielerinnen, und der Rest des Lebens dreht sich darum. Wenn ich aufwache, versuche ich, so schnell wie möglich die Wohnung zu verlassen, trinke einen großen Brauner bei Anker und bereite mich auf die Probe vor. Wenn die Probe endet, verschicke ich die Einladungen für die Premiere. Dann schlafe ich ein.
Ivan Strelkin, Regisseur, Schauspieler „Der verlorene Geburtstag“ _Premiere: 2.11.2023 Pygmalion Theater, Alserstrasse 43, 1090 Wien _ weitere Termine: 3,4. November,
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht, was für uns alle wichtig ist. Ich versuche, sehr vorsichtig mit demPronomen „wir“ zu sein. Nicht, dass ich es nicht zu schätzen wüsste, ein Teil der Gesellschaft (oder der Menschheit) zu sein, aber ich versuche einfach zu vermeiden, für andere Menschen und im Namen anderer Menschen zu sprechen. Ich ziehe es vor zu sagen, was für mich wichtig ist. Für mich ist es sehr wichtig, in der Realität präsent zu sein. Sensibel und einfühlsam zu bleiben. Die Realität in meiner künstlerischen Arbeit zu reflektieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich bin ein Pazifist. Für mich ist Gewalt nicht zu rechtfertigen. Das Theater, wie ich es verstehe, ist der Raum, in dem Gewalt unmöglich ist. Kunst im Allgemeinen ist der Bereich, in dem Gewalt nicht vorkommen kann. Das ist für mich die Rolle des Theaters – unterdrückte Emotionen freizusetzen und Traumata auf gewaltfreie Weise zu überwinden.
Produktionen/Auswahl: Ivan Strelkin
Beast in love, 2019„Hals- und Beinbruch!“, 2013The Phantom of the Operette, 2017
Was liest Du derzeit?
Ich habe gerade „36 Stunden“ von Horvath gelesen. Ich lebe seit 4 Jahren in Österreich und kenne mich mit klassischer österreichischer Literatur nicht besonders gut aus, deshalb habe ich vor kurzem beschlossen, mich weiterzubilden.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Kleines Zitat aus „Der verlorene Geburtstag“: „Einsamkeit ist wie eine Droge – je einsamer man ist, desto einsamer will man sein“. Kommen Sie, um mein neues Stück zu sehen: 2,3,4. November, Pygmalion Theater, Alserstrasse 43 in Wien!
Vielen Dank für das Interview, lieber Ivan, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Ivan Strelkin, Regisseur, Schauspieler
Zur Person _ Ivan Strelkin wurde 1988 in Sankt Petersburg (Russland) geboren. Er studierte Schauspiel und Regie an der Staatlichen Theaterakademie seiner Heimatstadt. 2013 hat er Russland verlassen, um in Estland als Regisseur zu arbeiten. 2016-2019 studierte er Choreographie an der Folkwang Universität in Deutschland und arbeitete als Regisseur und Choreograf in Deutschland, Österreich, Italien, Luxemburg, Polen, Kroatien. Zwischen 2019 und 2021 studierte er an der Anton Bruckner Privatuniversität, MA „Bewegungsforschung“. 2020 gründete er zusammen mit Kasija Vrbanac Strelkin das Kunstkollektiv „Flirty Horse“; 2021-22 unterrichtete an der ABPU und Kunstuni Linz. 2021 zog er mit Kasija und „Flirty Horse“ nach Wien.
Teneriffa. Es ist eine Rückkehr an den Ort gemeinsamer Liebe, gemeinsamen Lebens. 1987 lernten sie sich kennen. Sie, Tochter berühmter Schauspieleltern und selbst bereits bewunderter Film-, und Fernsehstar. Er, gefeierter Schriftsteller, Schauspieler „Kir Royal“. Ein Traumpaar. 1992 heiraten sie. Drei Kinder. 14 Ehejahre.
Nun, 16 Jahre nach der Trennung, eine gemeinsame Reise unter besonderen Voraussetzungen, die es im Wort festzuhalten gilt. Getrennt. Ein Experiment, das gewagt wie spannend ist, weil es Seelenräume öffnet und betreten lässt. Angst keine beide nicht. Ein Wiedersehen, eine Begegnung, ein Aufschreiben. Zwei Menschen, zwei Seiten, eine Reise…
Es ist ein ganz besonderes Buch-, und Leseereignis, welches die Bühnen-, Kino- und TV-Publikumslieblinge hier vorlegen und damit an einem schonungslos offenen Dialog der Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Gespräche teilhaben lassen. Überraschend, außergewöhnlich, mitreißend – „Szenen keiner Ehe“.
„Szenen keiner Ehe“ Marie Theres Relin, Franz Xaver Kroetz. dtv.
Zur Person _ Volkmar Mühleis, geboren 1972 in Berchtesgaden, lebt in Brüssel und unterrichtet dort und in Gent an der LUCA School of Arts Philosophie und Ästhetik. Zu seinen literarischen Veröffentlichungen zählen die Gedichtbände ‚Das Recht des Schwächeren‘ sowie ‚Fête de la Musique‘, des Weiteren sind von ihm das ‚Tagebuch eines Windreisenden‘ und mehrere Novellen erschienen. Er ist Mitglied im PEN Zentrum für deutschsprachige Autoren im Ausland.
Liebe Anna Carina Roth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin aktuell Artist in Residence in Buenos Aires und genieße jeden Tag nach dem Aufstehen die Sonnenstrahlen und einen Kaffee auf dem Weg ins Atelier. Spätabends geht es dann auf ein Bier oder vor Erschöpfung ins Bett. Manche Tage verbringe ich aber auch im Café oder in den Museen, wie dem MALBA.
Anna Carina Roth, Künstlerin
Anna Carina Roth _ Studio in Buenos Aires, folgendeProvinz Jujuy im Norden Argentiniens, folgendesNachtleben in Buenos Aires, folgendes
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nicht hinzunehmen, dass unzählige Zivilist:innen in Gaza und Israel sterben sowie die Situation im Iran, Afghanistan, Syrien, Sudan, Armenien und der Ukraine. Gleichzeitig aber auch auf die eigene, psychische Gesundheit achten – es kann schon sehr belastend sein, was auf der Welt passiert.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Die Welt steht vor großen Herausforderungen wie die Klimakrise, die anhaltende Inflation, mehr und mehr Kriege, die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich – wenn wir politisch keine neue Richtung einschlagen und auf Solidarität setzen, sehe ich mit Pessimismus in die Zukunft.
Die Kunst ist ein Weg, auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Sie ist, auch wenn nicht immer gezielt politisch, ohne Ausnahme ein Zeichen der Zeit. Das schließt die unmittelbaren Geschehnisse in das eigene Schaffen mit ein.
Was liest Du derzeit?
ich bin in der Anstalt. Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk – Friederike Mayröcker
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„wir fühlten den Puls seiner Zeit, wir zählten ihn mit der Zunge“ – Auszug aus dem oben genannten Buch von Friederike Mayröcker
Vielen Dank für das Interview, liebe Anna Carina Roth, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Anna Carina Roth, Künstlerin
Zur Person _ Anna Carina Roth wurde 1993 in Oberwart, Burgenland, geboren. Sie machte ihr Diplom in künstlerischer Fotografie an der Schule Friedl Kubelka, bevor sie von 2018–2022 Fotografie an der Universität für angewandte Kunst in Wien studierte, wo sie nun in der Klasse für Ortsbezogene Kunst ist.
Spuren, die vor allem der menschliche Körper hinterlässt, sowie die Spur als Relikt sind zentrale Themen in ihrer Arbeit. Durch Materialien, die sich verändern und mit ihrer Umgebung reagieren, will sie das Vergehen der Zeit nachvollziehbar machen. Oft werden die Betrachter:innen in die Arbeiten einbezogen: Sie lösen Bewegungsabläufe kinetischer Installationen aus oder schreiben sich mit ihrer Anwesenheit unbewusst in partizipatorische, prozesshafte Objekte ein.
Ihre Arbeiten waren zuletzt unter anderem auf der Foto Wien, ARD Art in Kairo, Galerie 52 in Essen, Kunstverein Baden und Landesgalerie Burgenland zu sehen.
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Liebe Gudrun Liemberger, GuGabriel, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?
Dass wir in einem sehr „verkrusteten“, auf keinen Fall ganzheitlichen System leben und das ein großes Problem für die gesamte Gesellschaft darstellt. Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind oft eher latent vorhanden und das geht auf Kosten aller davon betroffenen Beziehungen.
Auch ein direkter emotionaler Ausdruck ist dann nicht möglich, weil man keine Vertrauensbasis hat. Männer und Frauen sind total unterschiedlich und die wenigsten schaffen es – noch immer – eine ehrliche, auf vielen Ebenen erfüllende und nachhaltige Beziehung zu leben.
Auch mit großer Lust und Leidenschaft können die wenigsten Paare nachhaltig umgehen.
Das Entstammen aus „zerstörten“ Familien- und Eltern-Beziehungen macht es sicher noch schwerer diese zerstörerischen Strukturen aufzulösen und zu heilen. Ein Bewusstseinsmangel sowie ein abgespalten Sein von der Natur erschweren den Zugang zu Wissen und Reflexion. Wenn man diverse Welten oder Gegensätze nicht miteinander vereinbaren und verbinden kann, ist eine Flucht in Extreme meist vorprogrammiert.
Wie siehst Du „Undine“?
Undine sehe ich als sehr leidenschaftliche und unmittelbare Frau, die einen ganz direkten Zugang zu Liebe und auch zur Erfahrung von körperlicher Liebe hat. Sehr leidenschaftlich und emotional. Intelligent und sensitiv sieht sie vieles, was in unserem System tatsächlich falsch läuft, bzw. sogar von der Gesellschaft als „normal“ und begrüßenswert angesehen wird und sie als Außenseiterin, möglicherweise auch psychotisch dastehen lässt.
Mittels ihrem enormen Tiefgang – und ihre offensichtliche Hilflosigkeit sich ausreichend abgrenzen zu können und ihren Zugang bewusst zu ändern – ist sie dieser emotionalen Zerstörung und auch Sehnsucht total ausgeliefert. Wie eine Süchtige, die sich abhängig gemacht hat, oder es wurde. Sie schafft es nicht, in ihre Selbstliebe zu kommen und damit in ihre Selbstermächtigung.
Ich denke, Wasser und die Natur an sich helfen ihr dabei wieder zu sich zu kommen. Weil die Natur nicht wertet, aber ein großer Heiler und Beschützer ist.
„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Geschiedene Frauen sind nicht mehr verpönt, das ist gut. Es gibt zwar jetzt mehr Frauenquoten da und dort aber oft repräsentieren sie eher das männliche Prinzip und nicht die positiven Qualitäten und Eigenschaften einer Frau. Da gibt es noch viel Aufholbedarf. Auch immer noch bei der Bezahlung.
Die FRAU, das Weib-liche, ist großes Thema und noch sehr unerlöst. Eigentlich verkörpert eine Frau das Empfangende, Tragende, Beschützende, Liebende, Weite, Heilende. Wenn man sich unsere Welt so ansieht, sind wir hier (noch) total gescheitert…
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
Ich sehe es so, dass wir aufgrund der noch immer vorherrschenden patriarchalen Strukturen Kriege und Zerstörung haben in der Welt. Dass wir die Natur mit Füßen treten, dass es ausschließlich um Profit geht. Zu 99,9 Prozent. Auf Kosten aller. Ich glaube, dass da zum Großteil Männer dahinterstehen.
Und dass es kaum Umsicht und ganzheitliches Denken gibt. Eine Win- Winsituation für alle beteiligten gibt es kaum. Die ganze Welt scheint eine Börse zu sein.
Frauen werden oft immer noch als naiv und unterbemittelt hingestellt oder dienen zum „Herhalten“. In vielen Fällen ist das so.
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?
Ein ehrlicher Umgang wäre ein guter Anfang. Ehrliche und liebevolle Kommunikation. In erster Linie eigentlich mit einem selbst. Selbstliebe und Respekt und Achtsamkeit für einander. Bewusstsein schaffen, Probleme aufarbeiten und nicht ständig unter den Teppich kehren und vertuschen. Gesellschaftlich und politisch gesehen.
Solange so viele überall mitmachen wo Unrecht passiert, werden wir da nicht weiterkommen. Wie auch? Und ich glaube jeder ist gefordert, sich selbst zu heilen und zu lieben und zu sehen, wie er sich ein Umfeld schaffen kann, das freudvoll ist.
Am ärmsten dran sind Menschen, die friedvoll und sensibel und möglicherweise nicht gefestigt sind. Und am schlimmsten ist es wahrscheinlich für unsere Kinder. Solange wir uns außerdem nicht als Einheit begreifen, die mitsammen hier ist und sich die Welt schafft… wird es auch schwierig sein etwas zu ändern. Lieben und die Energie hochhalten… wieder Leichtigkeit schaffen… bei sich bleiben. Gerade in Beziehungen. Ehrlich sein.
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
Diese Zerrissenheit, Leidenschaft und das Drama erinnern mich an Situationen in der Vergangenheit in meinem eigenen Leben. Einerseits ist so etwas sehr intensiv, andererseits muss man sehr weit sein, um sich nicht zu zerstören.
Was bedeutet Dir Natur?
Ich liebe die Natur, arbeite gerne mit und in ihr und sehe mich als Teil davon. Bin sehr verbunden mit allem. So geht es mir am besten.
Ich habe auch das Gefühl, dass wir alle zusammenarbeiten. Alle Elemente, alle Energien. Je bewusster ich sein kann, umso mehr sehe und spüre ich das, ohne mich abhängig zu machen. Das ist ein sehr spannender Prozess.
Ich liebe die Gewalt der Elemente. Das Archaische. Ich lasse mich gerne von all diesen Ausdrücken berühren. Ob Wind, Wetter, Sonne, Mondlicht in der Nacht, Erde, Sand,…. und ich freu´ mich über die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt.
Und wie reich die Natur gibt, wenn das Saatgut gut ist. Das ist auch ein großes Thema. Es ist an der Zeit, uns unsere Natur zurückzuholen.
Was bedeutet Dir das Element Wasser?
Ich bin in einem Wasserzeichen geboren und liebe Wasser. Auch hab´ ich großen Respekt davor. Es kann gewaltig sein und man kann ertrinken. So ist das auch mit den Emotionen.
Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?
Seit ich wieder mehr im Garten arbeite, bekomme ich das auch wieder mehr mit. Den Kreislauf der Natur. Ansonsten ist es sehr unterschiedlich und kommt auch sehr darauf an, welche Projekte ich gerade umsetze. Und wo.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
Indem jeder bei sich anfängt Dinge in Ordnung zu bringen, und wir gemeinsam alles was nicht stimmt und funktioniert anders machen. Mit einem Bewusstsein für Natur und Artenvielfalt, gesundem Wasser, Boden und Saatgut. Wahrheit leben. Das ist eine Grundherausforderung. Politisch gesehen findet meiner Meinung nach seit Jahren und jetzt verstärkt eine Art Krieg gegen die Natur statt. Die Natur wird aber immer gewinnen. Auch ohne uns. Und es ist ein Frevel, dass bereits so viel zerstört wurde und wird.
Und wenn wir uns nicht jetzt umbesinnen und zusammenhalten – eine möglichst schöne Welt selbst machen, wird das nicht passieren. Sonst wärs schon passiert. Wir – jeder Einzelne – ist hier gefordert. Das glaub ich.
Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?
Selbstliebe und Vertrauen, Dankbarkeit und Aufmerksamkeit. Achtsamkeit.
Was lässt Liebe untergehen?
Achtlosigkeit. Desinteresse. Selbstgerechtigkeit.
Wie war Dein Weg zur Musik?
Leidenschaftlich, holprig, steinig, zeitintensiv, fordernd, erfüllend und wunderschön.
Welche aktuellen Projektpläne hast Du?
Ich arbeite an meinem ersten deutschsprachigen Album, ab Jänner probe ich auch wieder für ein neues Theaterstück und ein englischsprachiges Album ist auch schon „in der Lade“.
Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?
Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer!
Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Akrostichon zu „Undine geht“ bitten?