Zur Person _ Tanja Langer, geboren 1962 in Wiesbaden, lebt seit 1986 in Berlin. Sie veröffentlichte Erzählungen, Hörspiele und Romane wie Der Tag ist hell, ich schreibe dir, Der Maler Munch, Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte und den Afghanistanroman Der Himmel ist ein Taschenspieler (mit D. Majed). Als Textdichterin für Neue Musik verfasste sie das Libretto für die Oper Kleist (UA 2008) und den Liederzyklus Künstlerinnen/ Fürchterlich ist die Braut am Abend von Rainer Rubbert, die Oper Ovartaci – crazy, queer & loveable für 12 Komponist*innen (2017/8 Staatsoper Unter den Linden, Berlin) u.a.. 2019 eröffnete sie ihr Projekt zum Erinnern und Vergessen mit dem Roman Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder die Erfindung der Erinnerung. 2016 gründete sie den polyphonen Bübül Verlag Berlin.
Langer gilt als »… eine aufregende und avancierte Autorin mit Gespür für politisch-gesellschaftliche Umbrüche, die sie immer auch aus privater Sicht zu spiegeln weiß.« Volker Heigenmooser, literaturkritik.de
Liebe Lisa Riesner, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wenn ich aufwache frage ich mich als Allererstes: Wofür bin ich dankbar..und das ist immer eine ganze Menge! Ich gehe in die Sonne, ich bewege mich und dann tue ich was ich liebe: Schauspielarbeit und helfe meinen Klienten ihre Träume zu erfüllen.
Lisa Riesner, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Uns daran erinnern, dass wir alle eins sind, dass LIEBE alles ist, das wir unser Herz ausweiten und, dass wir eine Stimme haben und diese nutzen, dass wir uns gegenseitig helfen uns schützen und uns unterstützen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das Theater muss wieder lauter werden. Theater ist nicht LAUT genug, es traut sich nicht genug und es ist nicht immer von Gemeinschaft und wahren Respekt untereinander getrieben, nur wer aus Liebe arbeitet, kann Liebe vermitteln.
Frauen, die Schöpferinnen des Lebens, ihre Stimme will ich hören, ihre Sichtweise und ihre Kunst, denn sie ist die Quelle der Liebe. MUT zuzusprechen und MUT zu zeigen, und vor allem Leute geht ins Theater und schaut gute Filme, wir lernen so viel davon….
Was liest Du derzeit?
The ultimate Coach
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Love does not just sit there like a stone, it has to be made, like bread, remade all the time, made new.
Ursula K. Le Guin
Vielen Dank für das Interview, liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Lisa Riesner, Schauspielerin
Zur Person _Lisa Riesner ist deutsch österreichische Schauspielerin und war zuletzt als Olivia am Brandenburger Theater zu sehen. In Glasgow drehte sie kürzlich einen US/UK Kinofilm. Sie lebt in Copenhagen und arbeitet international.
Lieber Volkmar Mühleis, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Morgens mache ich für uns Frühstück, danach schreibe ich, wenn ich nicht unterrichten muss. Unsere Katze sieht dem Ganzen tatenlos zu.
Volkmar Mühleis, Schriftsteller, Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das ist eine verständliche, aber doch sehr schwierige Frage. An unserer Kunsthochschule in Gent habe ich Studierende aus der Ukraine, Russland, Israel, u.a. Ins Gespräch zu finden bleibt unendlich wichtig. Krieg ist ein Ausfall der Sprache, wie die Philosophin Antje Kapust treffend schrieb. Zugleich nimmt die Zerstörung der Natur zu. Im ausgehenden Mittelalter sprach man vom Narrenschiff, der Torheit, die am Ende regiert. Wie kommen wir darüber hinaus? Die Frage bleibt ungeklärt und ist doch lebenswichtig.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Was genau ist mit jetzt gemeint? Die großen Herausforderungen sind offensichtlich die Erhitzung des Klimas und die geopolitischen Veränderungen nach dem Kalten Krieg. Die Künste entfalten die Spiel- und Denkräume der Imagination, der Poesie, des Ausdrucks von Erfahrung, Wahrgenommenem, Vorstellbarem. Wo immer sich diese Formen und Phänomene im Alltag auswirken, wirken sich die Künste aus.
Was liest Du derzeit?
Lichtsaite von Zbigniew Herbert.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wenn wir wollen, dass man uns Glauben schenkt, müssen wir zurückhaltend sein.“ Wisława Szymborska
Vielen Dank für das Interview, lieber Volkmar, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Volkmar Mühleis, Schriftsteller, Musiker
Zur Person _ Volkmar Mühleis, geboren 1972 in Berchtesgaden, lebt in Brüssel und unterrichtet dort und in Gent an der LUCA School of Arts Philosophie und Ästhetik. Zu seinen literarischen Veröffentlichungen zählen die Gedichtbände ‚Das Recht des Schwächeren‘ sowie ‚Fête de la Musique‘, des Weiteren sind von ihm das ‚Tagebuch eines Windreisenden‘ und mehrere Novellen erschienen. Er ist Mitglied im PEN Zentrum für deutschsprachige Autoren im Ausland.
Jana Revedin, Schriftstellerin, Architektin _ Romanneuerscheinung: Jana Revedin „Der Frühling ist in den Bäumen“Aufbau Verlag _ nach der Lesung/Empfang Ungargasse/Wien _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann
Liebe Jana Revedin, herzlichen Dank für die so bewegende Buchpräsentation und Lesung in Wien am 10.10.2023! Was hat Sie veranlasst, einen Roman mit Ihrer Mutter als Protagonistin zu schreiben?
Sie selbst.
In ihren letzten Lebensjahren hatte sich meine Mutter einen Bauernhof in Kärnten gekauft. „Hier will ich sterben und du bist bei mir“, sagte sie zu dieser für eine intellektuelle Städterin doch sehr originelle Wahl. Aber sie wusste, ich würde mich in dieses kleine verwilderte Anwesen verlieben, denn es lag nahe zu Venedig, wo ich mit meinem Mann und meinen zwei kleinen Töchtern lebte. Ich war Architektin geworden und konnte den Hof für sie sachte und mit der nötigen Ruhe restaurieren. Oder, lassen Sie mich nachdenken … war ich wohl Architektin geworden, um mich ihrer ein Leben lang eroberten und dann wieder aufgegebenen Heimaten anzunehmen?
Zurück zu diesem Hof. Im letzten Sommer ihres Lebens, einem langen sonnigen Sommer, genau wie in diesem Jahr, führte ich sie Tag um Tag hinaus in den Garten. Es war schon Spätsommer, als sie mich bat, ein Album aus der Bibliothek zu holen, und sie diktierte mir eine Begebenheit in ihrem Leben, von der sie nie zuvor berichtet hatte. Es war ein kurzes, ein sachliches Diktat. Als sie geendet hatte, gab sie mir einen Auftrag: „Irgendwann schreibst du diese Geschichte auf.“
Signierstunde nach der Buchpräsentation _ Wien 9.10.2023
Ihre Mutter, die Protagonistin des Romans, begründete 1953 die erste Frauenzeitschrift „Lady“ Deutschlands. Wie erfolgreich war die „Lady“ im Nachkriegsdeutschland?
Die Lady machte ihre Epoche. Kaum jemand konnte damals nach Paris, Mailand oder London reisen, wo die Mode-, Design- und Theatertrends geschrieben wurden, erst recht nicht nach New York, wohin die Kunst-, Philosophen- und Literaturszene ausgewandert war. Mit der Lady reiste jedermann, jedefrau mit. Die von Marlene Dietrich initiierten „Weekends mit Lady“ waren ein Wegweiser für diese Öffnung zu einem jungen, gar nicht verwöhnten, sondern schlicht kulturbegeisterten Publikum. Man konnte eine damals kaum bekannte Maria Callas in einer verlassenen Grotte auf Capri den Mond besingen hören, mit dem jungen Nouvelle-Cousine-Rebellen Paul Bocuse auf Lyoner Bierbänken speisen, mit Diors Nachwuchstalent Yves Saint-Laurent die verborgenen Bazars von Marrakesch erkunden, mit Peggy Guggenheim barfuß den durchwindeten venezianischen Lido entlangflanieren …
Jana Revedin, Schriftstellerin, Architektin _ nach der Lesung/Empfang Ungargasse/Wien
Gleichzeitig befreit sie sich aus ihrer jungen, doch zutiefst unglücklichen Ehe. Woraus bezog sie ihre Kraft und wie konnte dies gelingen?
Aus ihrer Aufgabe, aus ihrem Tun. Das Tun, das wir uns nehmen lassen, die Entfremdung zwischen dem Menschen und den Spuren, die er hinterlassen kann, trennt ihn von seinem Selbst, sagt Hannah Arendt. Der gesellschaftliche Vertrag der Ehe befand sich seit der Jahrhundertwende in grundlegender Veränderung. Meine Mutter war eine, die die Kraft zu einer konsequent selbstverantwortlichen Haltung, den Glauben an ihre Talente aus der Natur, der Musik und der Literatur bezog, von den Menschen und Tieren, die sie liebte, aus den zauberhaften Fügungen, die jeder Tag uns beschert.
Wie kann eine Familie in der Generationenfolge heilsam mit schmerzhaften, traumatischen Erfahrungen umgehen?
Indem wir Vertrauen leben, indem wir Verlässlichkeit beweisen. Darf ich eine Stelle im Buch zitieren? Renina, meiner Mutter, wird an einem Morgen bewusst, dass sie die sexuellen Nötigungen ihres Mannes nicht mehr ertragen kann. Wie darüber sprechen? Und mit wem? Sie gesteht ihren Eltern, dass sie sich scheiden lassen will. Eine im Jahr 1953 gerade eben erlassene rechtliche Möglichkeit, doch ein gesellschaftlicher Selbstmord. Sie wagt es, ehrlich zu sein und nach einer allgemeinen Schrecksekunde erlebt sie, wie die Eltern ihr rückhaltlos beistehen: „Sie hatten ihren Standpunkt akzeptiert, ohne nach weiteren Details zu fragen. Das nannte man Vertrauen.“
Wie selbstbestimmt, wie unabhängig ist die Frau heute? Was braucht es gesellschaftlich noch?
Rechtlich, politisch und gesellschaftlich haben wir viel erreicht, doch wir sind bequem geworden. Bevor wir eine neue Herausforderung annehmen, wägen wir viel zu viel ab. Männer haben an der Front, auf der Jagd, beim Sport gelernt, das nicht zu tun, sie gehen voran, und die gesamte Gesellschaft steht hinter ihnen. Wir Frauen haben ebenso die Wahl: „Up our out!“, entweder Sie wachsen, oder wir feuern sie, sagen die wirklich guten Arbeitgeber. Wählen Sie bitte, zu wachsen. Machen Sie sich nicht klein!
Was ist Ihnen in Ihrem Schreiben, in dem Frauen in unterschiedlichsten Lebensphasen im Mittelpunkt stehen, wichtig?
Es stehen ebenso Männer im Mittelpunkt! Wer sonst stützt meine Protagonistinnen? Wer macht sie glücklich? Es gibt noch Milliarden Kavaliere auf dieser Welt, gerade die der jungen Generation, die sich nichts sehnlicher wünschen, als auf ihre Freundinnen und Frauen stolz zu sein. Ich beschreibe, was ich heute erlebe und verbinde es mit dem, was ich geschichtlich recherchieren kann.
Sie sind Schriftstellerin und Architektin. Wie gehen Sie an das Schreiben heran? Gibt es da Ähnlichkeiten mit der Architektur?
Genau wie ich für ein Projekt immer den Kontext, seine Geschichte, seine politische und soziale Struktur, seine Kultur und Atmosphäre studiert habe, tue ich es heute mit meinen Protagonisten. Ich gehe ihre Wege nach, wochenlang, monatelang. Wie lebten sie ihren Alltag? Wie kleideten sie sich, was aßen sie, wie sprachen sie, wie schwiegen sie, hörten sie Musik? Und welche? Wie hielten sie sich aufrecht in harten Lebensmomenten? Und wodurch? Wundersamerweise haben sich ihre Orte und Lebenswelten kaum verändert, weder das Berlin, Weimar und Dessau der Ise Frank in „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“, noch das Venedig der „Margherita“, das Paris und Buenos Aires von Jean-Michel Frank und Eugenia Errázuriz in „Flucht nach Patagonien“ oder das Konstanz der Renina in „Der Frühling ist in den Bäumen“. Wir können heute wie damals auf ihren Spuren wandeln, und das tun meine Leser.
Ihre Protagonisten scheinen vor uns zu stehen …
Michelangelo sagte: „Ich setzte meinen Meißel erst ab, wenn ich an der Haut angelangt bin.“ Beim Schreiben gehe ich noch weiter, bis unter die Haut.
Wie finden Sie Ihre Protagonisten?
Ich suche meine Protagonisten nicht, sie finden mich. Es geschehen Fügungen, ich summe den langsamen Satz oder die Arie, die sie ebenso stets vor sich hin summten, ich entdecke den Jazzclub, den sie liebten, den Fotografen, der sie portraitierte … Dann ist alles einfach, ich muss nur noch entscheiden: Erzähle ich einen einzigen schicksalhaften Tag? Drei Jahre? Dreißig Jahre?
Wie und wo schreiben Sie?
Wenn die Geschichte da ist, schreibe ich überall und zu jeder Zeit. Es ist ein Geschenk.
Sie lehren in Paris, leben in Venedig. Ihr Rückzugsort ist Ihr Bauernhof in Kärnten. Wie inspirierend sind Orte, Lebensräume für Sie?
Meine Orte sind meine Ruhe.
Was schätzen Sie an Kärnten?
Die Menschen. Ohne sie wäre die schönste Natur Schall und Rauch.
Heuer ist das 50. Todesjahr Ingeborg Bachmanns. Was schätzen Sie an Ingeborg Bachmann?
„Dort drüben hätte sie gerne gelebt“, schreibt sie in „Das Honditschkreuz“. Ihr schönster Text. Es gibt immer ein „dort drüben“, das wir ersehnen, das wir anstreben, das uns lockt und schließlich trägt. Brechen wir auf in ein „dort drüben“!
Was wird Ihr nächstes Buch?
Wie wird Renina gesund – und, wird sie wirklich gesund? Wie entwickelt sie ihre „Lady“ nach einem Anfangserfolg, der auch kurzlebig sein könnte? Auf wen kann sie sich verlassen?
Jana Revedin, Schriftstellerin, Architektin _ Romanneuerscheinung: Jana Revedin „Der Frühling ist in den Bäumen“Aufbau Verlag _ nach der Lesung/Empfang Ungargasse/Wien _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann
Interview mit Jana Revedin, Schriftstellerin, Architektin
Romanneuerscheinung: Jana Revedin „Der Frühling ist in den Bäumen“AufbauVerlag
Jana Revedin „Der Frühling ist in den Bäumen“AufbauVerlag
Zur Person _ Jana Revedin, geboren 1965 in Konstanz, ist Architektin und Schriftstellerin. Nach dem Studium von Architektur und Städtebau in Buenos Aires, Princeton und Mailand promovierte und habilitierte sie an der Universität Venedig und ist heute ordentliche Professorin für Architektur und Städtebau an der École Spéciale d´Architecture Paris. 2018 erschien ihr Bestseller über Ise Frank, „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“, 2020 ihr Roman „Margherita“ über die Renaissance Venedigs in den 1920er Jahren, der ebenfalls zum Bestseller wurde. Zuletzt erschien von ihr der Roman „Flucht nach Patagonien“ über Jean-Michel Frank und Eugenie Errazuriz (2021). Sie lebt in Venedig und Wernberg in Kärnten.
Alle Fotos _ Walter Pobaschnig 9.10.2023 Lesung/Empfang Wien – herzlichen Dank an Dr.Gertraud Gürtler für den wunderbaren Literatursalon im Anschluss der einzigartigen Lesung von Jana Revedin!
Liebe Krasimira Stikar, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Am Vormittag arbeite ich an meiner künstlerischen und persönlichen Entwicklung, während ich den Nachmittag und Abend mit meinen Kindern verbringe.
Krasimira Stikar, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonders wichtig sind Werte wie Liebe, Treue, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung für uns alle. Auch die Natur.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Für mich sind Reduktion und direkte Kommunikation wesentlich. Kunst sollte mich gedanklich modernisieren sowie gute alte Kulturwerte bewahren. Sie verbindet uns generationsübergreifend und international auf dem Wege der Kooperation. Fachbereichen anderen Disziplinen werden beinhaltet und bildnerisch-künstlerisch, ernsthaft oder unterhaltsam wiedergegeben.
Was liest Du derzeit?
Taschenguide „Manipulationstechiken“ von Andreas Edmüller und Thomas Wilhelm
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Eine Sache kann aus verschiedenen Perspektiven, Denkweisen und in verschiedenen Bildsequenzen betrachtet werden.“
Krasimira Stikar, Künstlerin
Vielen Dank für das Interview, liebe Krasimira, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Krasimira Stikar, Künstlerin
Zu Person und Werk_Krasimira Stikar,
1980 geboren in Ruse, Bulgarien, absolvierte das Studium „Animation“ an der Neuen Bulgarischen Universität Sofia und das Diplomstudium „Computer und Medienkunst“ an der Akademie der bildenden Künste Wien.
Sie lebt und arbeitet in Wien.
Ihre Werke präsentiert sie in Einzel- und Gruppenausstellungen, zB in der Galerie Straihammer und Seidenschwann.
Gerne gibt sie ihre Kreativität auch an die nächste Generation in von ihr betreuten Kinderkunstkursen weiter.
Zu den Bildern im Interview bzw. Werk:
WERTEWANDEL, EGON SCHIELE, Bleistift auf Papier, 20 Zeichnungen, 100 x 70 cm, 2022 WERTEWANDEL, MIRACULOUS MÄDCHEN, Bleistift auf Papier, 20 Zeichnungen, 100 x 70 cm, 2022 WERTEWANDEL, DAS UNGEWISSE, Bleistift auf Papier, 20 Zeichnungen, 100 x 70 cm, 2022
Meine Auswanderung 2002, alleine als junge Frau aus Bulgarien nach Österreich, veränderte meine zeitlich begrenzte Existenz auf der Erde grundsätzlich. Die Kunstgeschichte, die Unterhaltungsindustrie und Covid 19 beeinflussten meine persönlichen Werte weiter.
In den grauen Zeichnungen werden zwei menschliche Silhouetten ( Schiele und Disney Miraculous Ladybug Mädchen ) in dem Brustkorb durch geometrische Linien symbolisch gebrochen und vereint. Die Musterbewegung erweitert sich in der ungewissen Zukunft. Sie verkörpert für mich den Wertewandel, der mich vor enorme Herausforderungen stellt – aber auch neue Chancen eröffnet.
TOGETHER WITH ME, Acryl auf Papier, zwei Bilder je 30×40 cm, 2021 ZWÖLF STREIFEN, Bleistift auf Papier, 50×70 cm, 2017 SPIRALE, Bleistift auf Papier, 100×70 cm, 2019 RICHTUNG WECHSELN, Bleistift auf Papier, 50×70 cm, 2018
Das breit gefächerte Thema „Wertewandel in der Kunst und im Leben im Laufe der Zeit.“ beschäftigt mich. Für mich sind beide Welten – Kunst und Unterhaltungsindustrie – bedeutend. Sie von allen Seiten zu betrachten, hilft mir, den gegenwärtigen Wertewandel besser zu verstehen und thematisieren. Aktuelle Herausforderungen wie Diversität, Integration und Inklusion bei der jungen Generation in Wien sehe ich als eine zukünftige Inspiration für neue Konzepte. Es ist für mich auch wichtig das Kindliche, nicht den Ernst des erwachsenen Lebens zu erforschen.
Die Initialzündung für Kunst in meiner Kindheit war meine Liebe zu Animationsfilmen. Ich sehe meine Bilder in Animationssequenzen und halte auf Papier eine Bildsequenz der Bewegung fest. Die anderen „Frames“ finden im geistigen Auge des Betrachters statt. Kunst ist für mich ein Denk-, Lern- und Lebensprozess. Sie erweitert meine Gedanken, mein Bewusstsein literarisch, musikalisch und visuell.
Das Leben hat viele reale und digitale Bildsequenzen. Der einzelne Mensch kann nur einen winzigen Ausschnitt wahrnehmen. Manche Ereignisse werden im Alltag von den Menschen und den Massenmedien hervorgehoben, andere zur Seite gedrängt.
Ich beobachte die Zeit, in der ich lebe, und skizziere künstlerisch Bildsequenzen, die mich, und vielleicht auch dich, an einen Ruhepol in unserer schnelllebigen Welt erinnern. Ich frage mich, ob die Natur, der Mensch und die digitalen Technologien in der Zukunft ein fruchbares „Mitteinander“ finden – oder werden sie aufeinanderprallen?
Stagnation is just as important as movement. Rest is just as important as adventure. Slowness is just as important as speed. Krasimira
Betreff: Mein Auftritt in Social media: I connect things that don`t belong together. Music, objects, pictueres, and animation. Then a crazy unit is created. Somehow, befits our age of information overload.
Liebe Ines Berwing, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich vor einem knappen Jahr Mutter einer kleinen Tochter geworden bin und mein Partner ebenfalls selbständig ist, wechseln wir uns mit der Kinderbetreuung und dem Schreiben ab.
Schreiben: Gerade wenig Lyrik und viel Drehbuch. Ich hoffe, das ändert sich wieder, sobald die Kleine in die Kita kommt und wieder größere Freiräume entstehen. Momentan ist alles sehr eng getaktet.
Ines Berwing, Drehbuchautorin, Lyrikerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich fühle mich gerade wirklich nicht in der Lage, „für uns alle“ zu sprechen. Die letzten Monate habe ich in einer Art Stillblase und zugegebenermaßen ein bisschen an den Geschehnissen in der Welt vorbei gelebt. In diesem Zustand war es für mich eher wichtig, mich und mein Baby vor den Krisen im Außen zu schützen.
Also kann ich nur für mich sprechen: Die Augen nicht zu verschließen angesichts einer immer bedrohlicher werdenden Wirklichkeit, empfinde ich als extrem wichtig. Informiert zu bleiben. Empathisch. Sich gegenseitig mit Wärme und Großzügigkeit zu begegnen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, der Kunst an sich zu?
Ich glaube, Kunst trägt immer schon das Potential zur Heilung in sich, sowohl der Schaffenden als auch der Rezipierenden. „Kunst ist die Befreiung aus dem Gefängnis der Scham“, sagt Deleuze im Dokumentarfilm ABÉCÉDAIRE – Gilles Deleuze von A bis Z. Daran glaube ich. Sie besitzt auch noch tausend andere Rollen. Aber diese empfinde ich selbst als die wichtigste.
Was liest Du derzeit?
In den wenigen Stunden, in denen ich gerade zum Lesen komme: Uljana Wolfs Essay-Sammlung „Etymologischer Gossip“. Und immer auch Lyrik, gerade: „längst fällige verwilderung: Gedichte und Gespinste“ von Simone Lappert.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Siehe oben.
Vielen Dank für das Interview, liebe Ines, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Filmprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Ines Berwing, Drehbuchautorin und Lyrikerin
Zur Person _Ines Berwing, lebt als Drehbuchautorin und Lyrikerin in Berlin.
Ihr zweiter Lyrikband wird im Herbst 2024 bei Schöffling erscheinen.
Liebe Tanja Langer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Er wird strukturiert vom Rhythmus der Versorgung meines Lebensgefährten, der schwer an ALS erkrankt ist; dh morgens Frühstück, Medikamentengabe, mittags, abends genauso, wichtig: Gespräch (das braucht Zeit, weil sein Sprechen eingeschränkt ist). Zwischen den Mahlzeiten Organisatorisches, Nachrichten im Radio, Einkaufen, Behörden, medizinische Bürokratie. Sein Mittagsschlaf unter der Maske: in dieser Zeit bisschen Verlagsarbeit, laufende Dinge, manchmal eine Stunde lesen und nachdenken (eher nachts), selten schreiben, nachmittags mal mit ihm spazieren „fahren“ (Rollstuhl) oder ihm bei seinen Arbeiten helfen (tippen, verstehen, etc.). Ganz anders denken. Manchmal sticke ich.
Tanja Langer, Schriftstellerin und Verlegerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Frieden. Die Unvernunft aufhalten.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
(Die Frage klingt ein bisschen wie kurz nach Corona) Wir erleben ununterbrochen Zäsuren, immer neu entflammende Kriege, es ist viel Leid, Mitleid, Grund für Trauer in der Welt, die Trauer ist extrem wichtig, um für die Zukunft Konsequenzen ziehen zu können. Ich denke, Kunst und Literatur können helfen, sich damit auseinanderzusetzen, sich in „Ambivalentem“ einzuüben, differenzierter wahrzunehmen. Wir brauchen Geduld und Liebe.
Was liest Du derzeit?
Dylan Thomas, Wallace Stevens, Edith Sitwell, ich versuche mal den neuen Ken Follet wegen der Weberei, und von Maike Wetzel „Schwebende Brücken“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Von Rosa Luxemburg: „Sieh, dass du Mensch bleibst. Mensch sein ist von allem die Hauptsache. Und das heißt fest und klar und heiter sein, ja heiter, trotz alledem.“
Vielen Dank für das Interview, liebe Tanja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Tanja Langer, Schriftstellerin und Verlegerin
Zur Person _Tanja Langer, geboren 1962 in Wiesbaden, lebt seit 1986 in Berlin. Sie veröffentlichte Erzählungen, Hörspiele und Romane wie Der Tag ist hell, ich schreibe dir, Der Maler Munch, Kleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte und den Afghanistanroman Der Himmel ist ein Taschenspieler (mit D. Majed). Als Textdichterin für Neue Musik verfasste sie das Libretto für die Oper Kleist (UA 2008) und den Liederzyklus Künstlerinnen/ Fürchterlich ist die Braut am Abend von Rainer Rubbert, die Oper Ovartaci – crazy, queer & loveable für 12 Komponist*innen (2017/8 Staatsoper Unter den Linden, Berlin) u.a.. 2019 eröffnete sie ihr Projekt zum Erinnern und Vergessen mit dem Roman Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder die Erfindung der Erinnerung. 2016 gründete sie den polyphonen Bübül Verlag Berlin.
Langer gilt als »… eine aufregende und avancierte Autorin mit Gespür für politisch-gesellschaftliche Umbrüche, die sie immer auch aus privater Sicht zu spiegeln weiß.« Volker Heigenmooser, literaturkritik.de
Lieber Philippe Hermann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meine Tage sind sehr unterschiedlich. Sie beginnen immer mit einem Kaffee. Soll ich Dir einen serviere? Diese Bohnen haben einen edlen Geschmack, sie waren nicht einmal die teuersten.
Wenn ich an die Konstanten denke, zwischen meinen Tagesaktivitäten an der Côte d’Azur, im Elsass und in Österreich, die Zeit im Büro, auf der Baustelle, usw., würde ich sagen, dass es drei sind und dass sie die Menschen betreffen: die Wörter „Bitte“, „Danke“ und „Entschuldigung“. Es erfordert eine gewisse Bescheidenheit und große Höflichkeit, gute Ideen zu haben und sie konsequent in die Tat umzusetzen, was immerhin das Herzstück dessen bilden, was von mir erwartet wird. Diese Zauberwörter sind eine Voraussetzung zum Erhalt qualitativ hochwertiger Arbeit sowohl von den Ingenieuren, Unternehmern, Handwerkern und Arbeiter. Professionell zu sein, besteht für mich nicht nur daran, die eigene Grammatik von jedem zu kennen, aber auch reaktiv, flexible und pro-aktiv zu sein, um die vielen Beteiligten an das Projekt anzuhängen. Natürlich muss man auch mit Amtsträger, Investoren, Immobilienmakler, sprechen und sogar Nachbarn oder Nutzern zuhören, aber all das geschieht effizienter, wenn das Bauen erstmal Konsistenz hat. Eine motivierende, bedeutende Arbeitsatmosphäre kann manchmal kleine Wunder hervorbringen. Der Bauherrschaft wird dadurch die Kohärenz des Projekts versichert.
Philippe Hermann, Architekt
Da ein Bau ein gemeinsames Werk in dem die Leistung und der Stolz von jedem Beteiligten enthalten sein sollte, benötigt es ein Architektenprojekt, das mehrmals täglich, ob vor Ort oder in den Studien, hilft, Entscheidungen zu treffen. Konkret, dienen meine Leistungen dieser Kommunikation und sind dadurch eklektisch. Möglicherweise verbringe ich Zeit im Büro damit, einen Vorentwurf für einen Kunden oder ein Ausführungsdetail von Hand für einen Unternehmer, der am nächsten Tag Beton gießen muss, zu zeichnen. Oft bin ich damit beschäftigt, einen Bericht oder eine Ausschreibungsakte zu schreiben. Ich telefoniere, organisiere Besprechungen. Schließlich fällt ein gewisser Zeitaufwand für die Recherche und Dokumentation an.
Villa Joy, P. Hermann Arch., folgendes Foto
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Im Raum um uns herum gibt es Zeichen, die von Bedeutung sind, weil sie die Orte charakterisieren und uns berühren. Einige von ihnen berücksichtige ich, als Ausgangspunkt für die spezifische Situation jedes Projekts. Ich meine: es gibt eine Frage die uns alle betrifft, die des Kontexts.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Die Kontinuität ist im Auge zu behalten. Sollte es auf gewisser Hinsicht einen Aufbruch geben, so wäre Künstler nicht, wer der neuen Mode folgt, sondern wer durch seine Arbeit Zusammenhänge zwischen vorher, jetzt und später zeigt. Wir müssen Künstlern, die Visionen für uns alle tragen und unser Leben prägen, einen viel sichtbareren Platz einräumen. Ich habe gerade Nina Märkl, Marine Peyre, Cécile Barani, Magda Steinhauser und meinen Freund Heinrich Büchel ausgestellt, die alle ihre Motivation in der Räumlichkeit, Funktionalität, Zeitlosigkeit und Schönheit sehen. Ihre Werke sind einzigartig und inspirierend. Gespräche mit diesen unglaublichen Menschen können stundenlang dauern, sie sind wirklich leidenschaftlich und voller großzügiger Ideen.
Villa Fuont Nova, P. Hermann Arch.
Was liest Du derzeit?
Ich lese „Ruse“ von Eric Naulleau auf Französisch, eine Geschichte, die sich in Roustchouk abspielt, einer Stadt mit westlichem Charakter in Bulgarien.
Gleichzeitig lese ich „Die Welt von gestern“ auf Deutsch und genieße jeden Satz der Schrift von Stefan Zweig.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wie Drogo bei Dino Buzzati sagt: in letzter Zeit war der Wirbelsturm immer heftiger geworden, dann war plötzlich nichts mehr und die Uhren funktionierten nutzlos.
Vielen Dank für das Interview, lieber Philippe, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Architektur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Philippe Hermann, Architekt
Zur Person _Philippe Hermann, Dipl.-Ing Arch. DPLG
Geboren im Lothringen, Studium an der Ecole Nationale Supérieure d’Architecture in Straßburg.
Gründete sein eigenes Büro 2004 in Nizza. Tätig in Südfrankreich, Monaco, Straßburg, Luxemburg und Österreich.
Aktuelle Bauten: Villa Joy (Peille, F), Villa Fuont Nova (La Turbie, F), Wohnungsbau Rue 1900 (Luxembourg-City, L)
Gerd Scherm, Schriftsteller und bildender Künstler
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Gerd Scherm, Schriftsteller und bildender Künstler
Zur Person _
Gerd Scherm *1950 ist freischaffender Schriftsteller und bildender Künstler, lebt in einem alten Fachwerkgehöft auf der Frankenhöhe. Sein reiches literarisches Spektrum umfasst Theaterstücke, Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Satiren, Lyrik und Essays. Mehrere Komponisten vertonten seine Texte von Songs bis zur abendfüllenden Oper.
Zu Gerd Scherms bekanntesten Werken gehören die Nomadengott-Saga und seine Dramen. Er wurde u.a. mit dem Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis und dem Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgezeichnet und war Stipendiat des Auswärtigen Amtes in Italien und Schottland.
Nach der Trennung von Max Frisch im Frühjahr 1963 bezieht Ingeborg Bachmann eine Wohnung in Berlin/Grunewald/Königsallee 35.
„Ich ziehe am 1.Juli in den Grunewald/Königsallee 35, momentan stehen dort noch saumselige Maurer herum und flicken Wände und Türen…“
Brief Ingeborg Bachmann an Max Frisch
„Ich fange an, mich einzurichten in den Fakten und der Zeit, in der keine Wunder geschehen, und ich wünsche nichts mehr, nur Ruhe, um jeden Preis Ruh, und ich muss der geringsten Aufregung aus dem Weg gehen – es gibt immer noch genug, auch wenn man kein Telefon hat und sich vergräbt wie eine Maus…“