Lieber Helmut Scharner, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der ist in der Tat recht unterschiedlich, ich reise oft ins Ausland, wenn ich daheim bin, unternehme ich Ausflüge mit meiner Familie in meiner Heimat im niederösterreichischen Mostviertel. Dabei bin ich auch immer auf der Suche nach interessanten Schauplätzen für meine nächsten Krimis, die üblicherweise im Mostviertel spielen. Mit meiner Tochter gemeinsam lese ich am Morgen und am frühen Abend Kinderbücher. Wenn sie dann schläft, setze ich mich an den Schreibtisch und bringe meine Ideen zum nächsten Krimi zuerst per Hand aufs Papier und danach tippe ich den Text in den Computer.
Helmut Scharner, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, es ist wichtig, festzustellen, was man selbst beeinflussen kann und was nicht. Bei den Dingen die man selbst in der Hand hat, sollte man sich entscheiden, ob man aktiv wird oder nicht und dann entsprechend handeln. Was man nicht beeinflussen kann, das sollte akzeptiert werden, wie es ist. Man sollte sich darauf einstellen und nicht durch unnötige Konzentration darauf Energie verschwenden oder sich seine Stimmung verderben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mit der Literatur und fiktiven Geschichten lässt sich der Zeitgeist gut darstellen und auch mögliche Lösungsansätze lassen sich fast spielerisch finden und durchspielen. Insofern ist Literatur in Zeiten des Umbruchs und des Neubeginns immens wichtig.
Mir als Krimiautor fällt dabei nur ein kleiner Teil zu, aber wer Geschichten schreibt, und auch wer sie liest, lernt dabei, sich in andere Figuren hineinzuversetzen und deren Handlungen und Motivationen zu verstehen. Das kann uns im täglichen Miteinander helfen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten aufeinandertreffen, wie es derzeit eben oft vorkommt.
Was liest Du derzeit?
Shaolin – Du musst nicht kämpfen, um zu siegen
Bernhard Moestl
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Sei dazu entschlossen, und die Sache ist getan. (Konfuzius)
Helmut Scharner, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview, lieber Helmut, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Helmut Scharner, Schriftsteller
Zur Person _Helmut Scharner wurde 1975 in Ybbsitz in Niederösterreich geboren, der heimlichen Schmiedehauptstadt Mitteleuropas. Er arbeitet als Sales Manager für den größten österreichischen Stahlkonzern. Beruflich wie privat reist er viel um die Welt, doch sein Dreh- und Angelpunkt ist das niederösterreichische Mostviertel, in dem er mit seiner Familie lebt.
Helmut Scharner hat bereits mehrere erfolgreiche Kriminalromane geschrieben, die in seiner Heimat verankert sind. Er ist Mitglied der Autorenvereinigungen »Das Syndikat« und der österreichischen Krimiautoren.
Aktueller Roman _ Helmut Scharner, Mostviertler Grafen, Kriminalroman. Gmeiner Verlag.
Mostviertel, Niederösterreich: Beim Schautriften im Mendlingtal wird ein lebloser Körper im Wasser entdeckt, zermalmt von Baumstämmen. Doch der Mann wurde zuvor mit einem geschmiedeten Nagel erstochen. Es handelt sich um den „Schmiedepapst“ Gottfried Lugbauer, eine angesehene Persönlichkeit der Mostviertler Eisenstraße. Der Kreis der Verdächtigen lässt sich rasch auf die Teilnehmer seiner Schmiedekurse eingrenzen. Doch auch Lugbauers Konkurrenz profitiert von seinem Ableben. Als ein weiterer Mord geschieht, beginnt für Major Brandner ein Wettlauf gegen die Zeit.
Jetzt ist der Filmkritiker allein in seiner Wohnung. Seine Frau Nancy hat ihn verlassen…Selbstzweifel nagen an ihm…
Seine Freunde Linda und Dick besuchen ihn und versuchen jetzt Wege für ihn in neuen Beziehungswirklichkeiten zu finden…und da gibt es so manche Überraschungen…denn auch Humphrey Bogart ist imaginär zu „Gast“…
Das Wiener Theaterensemble theater privat begeistert in der Regie von Alice Mortsch mit einer Inszenierung von Woody Allens Komödienklassiker „Play it again, Sam“ in pointensicherer Spielfreude, die beim Publikum treffsicher landet und mitreißt.
Regie und Ensemble gelingt es, auch mit einem wunderbar abgestimmten detailreichen Bühnen- wie Kostümbild, die komplexe Theater/Filmvorlage selbstbewusst aufzunehmen und für einen ganz besonderen Theaterabend mit wunderbaren Esprit zu akzentuieren, der als ein Highlight des Wiener Theaterlebens zu bezeichnen ist. Hier wird Hervorragendes in Inszenierung, Spiel geleistet und der Abend voller Witz über moderne Beziehungs- und Berufswirklichkeiten wird zum Erlebnis. Da wäre auch Woody Allen begeistert!
„Ein mitreißender Theaterabend voller Witz und Esprit!“
Spiel’s nochmal, Sam _Woody Allen _theater privat
Premiere 10. November 2023 um 19:30 Uhr
weitere Aufführungen: 11., 12., 14., 17., 18. November 2023
jeweils um 19:30 Uhr
Es spielen: Jörg Bergen, Karin Frank, Klaus Kubo, Christoph Sautter, Kerstin Zimmermann
Es sind Fotos, die als Erinnerungen Menschen wieder in Begegnungen, Erfahrungen, Lebensstationen sichtbar machen und gleichsam einen neuen stillen Dialog herstellen, der ein ganz besonderer Zugang in aller Freude wie Vergänglichkeit ist.
Wie im Privaten ist dies bei Künstler:innen nicht anders. Fotos stellen Gegenwart und Nähe von Person und Werk her. Sie sind Wirkung, bewusst inszeniert, ausgewählt und an die Öffentlichkeit gebracht. Es steckt eine Erzählung darin, die es zu vermitteln gilt. Stilbild, Projektionsfläche, Ansprache und Hingabe, Formen von Präsenz von Kunst und Öffentlichkeit, die erwünscht wie Spannungsfeld sind. Das ist heute wie schon Jahrhunderten so. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, es hat seine Macht und Gültigkeit. Davon gibt es kaum ein Entkommen in Kunst als Existenzform. Es gehört zum „Job“.
Auch bei der vor fünfzig Jahren verstorbenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Es gibt längere Fotostrecken von ihr, in denen sie gleichsam mit der Öffentlichkeit des Bildes spielt und etwa in Rom mit dem befreundeten Schauspieler und Fotografen Garibaldi Schwarze sich in einer klassischen hollywoodlike „homestory“ präsentiert. Lächelnd, entspannt in Küche, auf der Terrasse, in der Stadt. Bachmann wusste um gesellschaftliche Mechanismen. Durchschaute diese, litt an diesen, setze diesen das Wort und das Spiel entgegen. Die Bilder der Serie sind ganz direkter Ausdruck davon. Selbstbewusst sich entgegenstellend – „Da habt ihr, was ihr wollt, aber ihr bekommt mich nicht“, scheint der Subtext im Bild zu sein.
In der Fotoserie von 1962, die ihr Bruder Heinz anlässlich eines Familienbesuches anfertigte (über 70 Aufnahmen, die umfassendste Serie von Ingeborg Bachmann überhaupt), und von der auch das Coverbild des vorliegenden Bandes stammt, zeigt eine sehr persönliche Seite, die einem Requiem in reduzierter ernster Mimik gleicht. Es ist die Zeit des Trennungsprozesses von Max Frisch. Die Fotos entstanden in der letzten gemeinsamen Wohnung, Via de Notaris 1F, Rom. Die Zukunft ist dunkel und unsicher, Bachmann will gleichsam festhalten – „Mach` Fotos von mir!“ , lädt oder fordert sie ihrem Bruder auf. Der erfüllt diesen Auftrag genial. Wählt, obgleich weitestgehend ohne Erfahrung, sehr professionelle Portrait Perspektiven. Das ist erstaunlich und wohl einer dieser golden moments in der Kunst, gerade in der Fotografie, die nicht gänzlich zu entschlüsseln sind. Gut so.
Dies sind zwei exemplarische Fotostationen, welche Uta Degner, Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Salzburg und mit Irene Fussl Herausgeberin der Salzburger Bachmann Edition, in ihrem bemerkenswerten Fotoband zum 50.Todestag Ingeborg Bachmanns (*25.Juni 1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) vorlegt.
Es ist eine Fotoreise von der Kindheit bis zu den letzten Lebensjahren, die viele Facetten des privaten wie literarisch-öffentlichen Lebens zeigt und spannende Wege von Präsentation, Inszenierung in der Bildanalyse offenlegt.
Hervorzuheben ist die Bandbreite wie Auswahl der Fotos, die in diesem Querschnitt wie dem Kommentar, Kontext etwas ganz Besonderes sind.
„Ingeborg Bachmann im Bild. Eine ganz besondere Fotobegegnung zum 50.Todestag.“
Ingeborg Bachmann. Spiegelungen eines Lebens. Degner, Uta. wbg Theiss Verlag.
208 S. mit über 150 farb. Abb., 22 x 29 cm, geb. mit SU.
Station bei Malina_ Sabine Foraboschi, Schriftstellerin_Wien_ acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Station bei Malina_ Sabine Foraboschi, Schriftstellerin_Wien_ acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Liebe Sabine Foraboschi, wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien. Sind Dir die Orte hier vertraut?
Ich kenne diese Orte bisher nur als Romanschauplaetze von „Malina“, bin aber fasziniert von deren Authentizität.
Welche Bezüge und Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und dem Roman Malina?
Ich habe mich auch mit Bachmanns Biographie befasst und finde mich in einigem wieder. Malina gilt für mich inhaltlich als sehr interessant, da es sich hierbei um die Geschichte einer Dreiecksbeziehung handelt, die zur damaligen Zeit nicht oft öffentlich thematisiert wurde.
Welche Eindrücke hast Du von den Schauplätzen in der Ungargasse, die wir besucht haben?
Irgendwie schien die Zeit stehengeblieben zu sein.
Wie siehst Du den Aufbau und das Konzept des Romans?
Ich finde den dreistufigen Aufbau sehr interessant, das Konzept dahinter als Meisterklasse der Literatur, dass dieser Erzählung seine besondere Note verleiht.
Wie ist die Beziehung zwischen Mann und Frau im Roman dargestellt und wie ist dies heute zu sehen?
Der Mann im Roman wird als dominant dargestellt, die Frau untetwürfig. In einigen Bereichen des Lebens ist dies heute noch so, vielfach hat sich aber das Rollenbild gewandelt, u a auch durch die Emanzipation der Frauen.
Wie beurteilst Du die Protagonisten Ivan, Malina, Ich-Person in Ihrem literarischen Kontext bzw. dem Kontext der Autorin und Ihrer Biographie?
Laut Bachmann handelt es sich hierbei um ein autobiographisches Werk, aber nicht um eine eigentliche Biographie. Es wird auch als Aufarbeitung ihrer Beziehung zu Max Frisch gesehen, sowie den Erlebnissen ihres Vaters im 2.Weltkrieg. Ivan verkörpert den dominanten Mann, Malina, hat stets für die Erzählerin Zeit, während diese als geduldig, unterwürfig charakterisiert wird.
Wie siehst Du das literarische Konzept des dreistufigen Aufbaus des Romans?
Ich erachte diesen Aufbau als sehr interessant und vor allem sehr passend zur Handlung
Welches Frauen- und Männerbild spricht Ingeborg Bachmann in Malina an und wie aktuell ist dies heute?
Der Mann wird als sehr dominant und bestimmt dargestellt, die Frau als unterwürfig, wartend und geduldig. Auch heutzutage ist das noch in manchen Fällen so, wenngleich sich durch die Emanzipation der Frau schon einiges geändert hat.
Welchen Einfluss hatte und hat der Roman auf Literatur und Kunst?
Ende der 1960iger Jahre gab es bereits die erste Emanzipationswelle in Europa. Natürlich wurden auch Künstler und Literaturschaffende davon inspiriert. Auch das Gegenteil davon spiegelt sich in den zu jener Zeit verfassten Werke wieder, eben auch das klassische Rollenbild und die damit verbundenen Nachteile, die diese mit sich brachten.
Wie siehst Du das Ende des Romans?
Die Szene, in der die Erzählerin im Mauerspalt verschwindet, finde ich sehr interessant. Somit wird das Ende offengelassen.
Gab es in Deinen Literatur-, Kunstprojekten Berührungspunkte zu Ingeborg Bachmann?
Ich habe auch Bachmanns Biographie gelesen, da mich ihr Leben sehr fasziniert. Schriftsteller sind häufig nicht Menschen der großen Worte, verbringen auch viel Zeit allein in ihrem Schaffen. Die Identifikation mit den Romanfiguren und der Bezug zur eigenen Geschichte spielen dabei auch eine wichtige Rolle.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
2024 erscheint mein Ratgeber über Sterbebegleitung. Gleichzeitig arbeite ich an einem Auftragsbuch über herzkranke Kinder, sowie an einem Buchprojekt über Menschen, die einen medizinischen Schicksalsschlag gemeistert haben.
Hättest Du mit Ingeborg Bachmann gerne einen Tag in Wien verbracht und wenn ja, wie würde dieser aussehen?
Ein Spaziergang an der Donau wäre mit Sicherheit dabei, wie auch ein Besuch in der Ungar- und Beatrixgasse. Ein paar gute Gespräche bei einer Tasse Tee in ihrem Lieblingskaffee. Mit Sicherheit würde ich Ihr auch eines meiner Bücher als Geschenk überreichen.
Darf ich Dich abschließend zu einem Malina Akrostichon bitten?
M ein
A ller
L iebster
I Ivan
N Neues
entdecken
A Aufbruch
Station bei Malina_ Sabine Foraboschi, Schriftstellerin_Wien_ acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Station bei Malina_Roman Ingeborg Bachmann_Wien_1971
im Interview und szenischem Fotoportrait_acting Malina:
Sabine Foraboschi, Schriftstellerin__Südtirol/I_ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _
Lieber Andreas Pflüger, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der neue Roman kam am 9. Oktober heraus, also trabe ich jetzt Tag für Tag in die Zirkusarena, gebe Interviews, habe Fototermine, mache Lesungen und bin fast jeden Abend in einer anderen Stadt. Früher habe ich das gehasst, aber seit Corona – dem Wegbrechen so vieler Veranstaltungen – genieße ich jeden einzelnen Auftritt. Anfang November las ich im Saarland, meiner alten Heimat.
Andreas Pflüger, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir müssen dem Antisemitismus entgegentreten, der sich in »Demonstration« genannten Zusammenrottungen von Israelhassern Bahn bricht. Viel, viel lauter müssen wir werden, auch im »Kulturbetrieb«, wo man derzeit ja staunt, dass viele von denen, die bei jedem Scheiß das Maul aufreißen, beschämend still geworden sind, wenn es um die Verurteilung des Hamas-Terrors geht. Ein salopper Antisemitismus ist unter Künstlern und Veranstaltern hoffähig geworden, wir wissen es alle, schon lange. Für diese Menschen kann ich mich nicht mal mehr schämen, ich verachte sie.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur ist immer politisch, jedenfalls meine. Dennoch halte ich wenig davon, als Autor zu jeder politischen oder gesellschaftlichen Entwicklung Stellung zu beziehen. Das ist kein Widerspruch zu meiner Antwort auf die vorherige Frage. Autoren sind nicht per se klüger als Politiker, und aus ihrem Blick auf die Welt lässt sich in den seltensten Fällen eine Maxime für ein besseres Miteinander ableiten. Literatur sollte das tun, was sie am besten kann: die Welt mit poetischen Mitteln deuten, das Schreckliche im Komischen zeigen und das Komische im Schrecklichen.
Was liest Du derzeit?
Deepti Kaapor, »Zeit der Unschuld« – und zwar zum zweiten Mal. Im Sommer habe ich einen ersten Anlauf gemacht; das Buch hat mich sprachlich überzeugt und auf den ersten hundert Seiten sogar begeistert, doch dann habe ich die Lektüre abgebrochen, aus einer Reihe handwerklicher Mängel, die aufzuzählen hier zu weit ginge. Dennoch habe ich beschlossen, dem Roman eine zweite Chance zu geben. Ich bin nun schon auf Seite 250, 20 Seiten weiter als ich im Sommer kam, also ist vielleicht doch noch nichts verloren. Übrigens bin ich ein großer Freund von zweiten Chancen, in der Literatur und im Leben.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Sollte am Ende noch Zeit sein
will ich mich nicht fragen
warum ich sterben muss
sondern wissen
warum ich gelebt habe.
(Aus meinem Roman »Endgültig«)
Andreas Pflüger, Schriftsteller _ Fernsehstudio
Vielen Dank für das Interview, lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andreas Pflüger, Schriftsteller
Zur Person _Andreas Pflüger wurde 1957 in Thüringen geboren. Er wuchs im Saarland auf und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Zu seinen Werken zählen Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher, Dokumentarfilme und Romane. Nach dem Spionagethriller Operation Rubikon, seiner preisgekrönten Bestseller-Trilogie um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron und Ritchie Girl legt Pflüger nun seinen sechsten Roman vor.
Burgdorfer Krimipreis 2020
Deutscher Krimipreis 2018
Stuttgarter Krimipreis 2018
Hypovereinsbank-Krimipreis 2018
Aktuelles Buch: Andreas Pflüger, Wie Sterben geht. Thriller. Suhrkamp Verlag.
„Winter 1983. Auf der Glienicker Brücke ist alles bereit für den spektakulärsten Agentenaustausch der Geschichte. KGB-Offizier Rem Kukura – Deckname Pilger – soll gegen den Sohn eines Politbüromitglieds ausgetauscht werden. Mittendrin: Nina Winter, die Kukura als Einzige identifizieren kann. Doch auf der Brücke wird Nina in ein Inferno gerissen, und das Schicksal von ihr und Rem wird zu einer Frage von Krieg und Frieden zwischen den Supermächten.
Drei Jahre zuvor: Nina ist Analystin beim BND und wertet Spionage-Informationen aus. Eine Schreibtischagentin. Bis man ihr mitteilt, dass Pilger, der geheimnisvolle Moskauer Top-Agent des BND, seine weitere Zusammenarbeit von ihr abhängig macht: Er will, dass Nina als seine Führungsoffizierin nach Russland kommt. Sie weiß, dass es die Chance ihres Lebens ist. Doch Nina ahnt nicht, dass sie beim KGB einen Todfeind haben wird. Um zu überleben, muss sie zu einer anderen werden, zu einer Frau, die mit dem Tod tanzt.“
Erscheinungstermin: 09.10.2023
Fester Einband mit Schutzumschlag, 448 Seiten, Sprachen: Deutsch
In welcher Welt ich eigentlich gern leben würde und dass, sich das
Vorstellen zu können, zu wollen,
Ein
Privileg ist, dass
Ein
Aufflackern der Imagination irgendwie schon im Kern
Clownesk
Entzaubert und mich zurückwirft
Auf Fragen nach
Chancengleichheit
Hierarchie
Autonomie
Nichts, was dem
Chaos
Entgegentritt – und doch!
Simone Kucher, 9.11.2023
Simone Kucher, Schriftstellerin
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Simone Kucher, Schriftstellerin
Zur Person _ Simone Kucher schreibt Hörspiele- Theaterstücke und Prosa. Studierte Theaterwissenschaft, gender studies und Neuere deutsche Literatur in München und Berlin.
Ihr erstes Stück „Falls City“ kam 2005 in der Roten Fabrik in Zürich zur Uraufführung. Die Autorin wurde zur Dramatikerwerkstatt der Internationen Schillertage am Nationaltheater Mannheim, der Nacht der Dramatiker der Münchner Kammerspiele, zur Theaterbiennale Wiesbaden „Neue Stücke aus Europa“ eingeladen und 2009 mit ihrem Stück „Silent Song“ für die St. Gallener Autorentage nominiert. (veröffentlicht in „Theater der Zeit“). Ihre Theaterstücke wurden in Wien, Basel, Zürich und Berlin uraufgeführt und ins Tschechische, Englische und Französische übersetzt.
Mit dem Theaterstück „Eine Version der Geschichte“ wurde sie 2016 zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und 2018 zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater eingeladen, in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich. Am 30.09.2023 war die Uraufführung ihres Stückes „Nach dem Essen“ im Theater Regensburg.
Für den WDR3 entstanden die Hörspiele „Der Stimme ihren Ort zurück“ (2015), „Von einem zum anderen Tag“ (2017), „playgrounds“ (2019), „Nach dem Essen“ (2020)
Mit dem Komponisten Petros Ovsepyan realisierte sie 2015 die Sprechoper „Sprach der Wolf“ im Rahmen der Klangwerkstatt Berlin und das Hörspiel „playgrounds“.
Im Februar 2024 erscheint ihr erster Roman „Die lichten Sommer“.
Luisa Stachowiak, Regisseurin, Schauspielerin _ Wien
Zur Person _ Luisa Stachowiak wurde 1980 in Köln geboren.
Nach abgeschlossener Schauspielausbildung an der Folkwang Hochschule Essen/ Studiengang Schauspiel Bochum war sie 6 Jahre lang am Nationaltheater Mannheim als Ensemblemitglied und Gast tätig.
2013 zog sie nach Wien und gründete dort das Schauspielstudio Stachowiak.
Ihre letzten Inszenierungen waren „Was ihr Wollt“ (OFF Theater, Wien), „Frau Müller muss weg“ (Schikaneder, Wien), „Kunst“ (Theatertage Weissenbach) und „Der Tod und das Mädchen“ (Theater Arche, Wien), „Betrogen“ (Kunst im Prückel), „Lost Mythologies“, (Semmelweisklinik)
Werner Kofler, 1947 in Villach als Sohn eines Kaufmannes geboren und nach abgebrochener pädagogischer Ausbildung als Schriftsteller bis zu seinem Tod 2011 in Wien tätig, ist einer der herausragendsten Autoren deutschsprachiger Literatur und sein Werk eines der vielfältigsten.
Die Werkausgabe in fünf Bänden, deren Bände vier und fünf nun vorliegen, ist eine herausragende Leistung in Text und Kommentar der HerausgeberInnen Claudia Dürr und Wolfgang Straub wie des Sonderzahl Verlages in seiner Ermöglichung und Gestaltung.
Im Band 4 steht das umfangreiche Hörspielwerk im Mittelpunkt, welches seit den 1970er Jahren zu seinem literarischen Schwerpunkt an den Schnittstellen von Text und Hör-Inszenierungssetting zählt. Das Hörspiel erfordert ganz bestimmte Textebenen, die gleichsam unmittelbar im Hören das Bild und eine Erzählfolge, Kammerspiel vor Augen setzen und dieses intensiv miterleben lassen. Kofler hat dies besonders geschätzt, worauf die umfangreichen Konzeptionen schließen lassen, die auch gerade den besonderen Stil Koflers, in direkter Sprache, Satire ein Hörspiel Dramolette mitreißend tragisch wie brillant zu verfassen, markant ausdrücken. Kurz, knapp, treffend, wird Kritik auf den Punkt gebracht und gesellschaftliche Eitelkeiten werden schonungslos entlarvt. Der Literaturbetrieb selbst steht da auch immer wieder im Mittelpunkt. Etwa wenn Kofler im Hörspiel „In der Hauptstadt der Literatur“ die gnadenlose Jury einer Preisvergabe mit scharfem Witz und Kritik in ein Hörspiel setzt:
„Bürgel: Das Preisgericht!
…….
Erlanger:…wer solche Prosa schreibt, ist entweder ein Narr oder ein Kind oder ein gefährlicher Mensch!
Leichte Unruhe im Publikum.
Klamm (zu K.): Jetzt haben wir sie ganz schön zerzaust. Möchten Sie noch etwas sagen?
K: ….Ich sage nicht, dass es ein liederliches Verfahren ist, aber ich möchte ihnen diese Bezeichnung zur Selbsterkenntnis angeboten haben…“
Die Verweise auf den Klagenfurter Bachmannpreis der 1970er Jahre und die Erzählung „Der Prozess“ Franz Kafka sind Referenzen mit denen Kofler hier in unverkennbarer Art satirisch einmalig arbeitet und gesellschaftliche Verfasstheiten, Mechanismen und Zusammenhänge schonungslos offenlegt.
Im fünften Band wird das lyrische Werk vorgestellt, das die Anfänge seines Schreibens charakterisiert und mit dem der Schriftsteller, der 2008 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet wird, um 1970 bricht (wie Ingeborg Bachmann um 1960). Der Lyriker Kofler, noch weitestgehend unentdecktes literarisches Land, stellt sich dabei an den formalen Schnittstellen von reduzierter, gleichsam wie bei einer Zugsfahrt vorbeiziehender Ortsbezeichnungen, Bildkraft und Sprach-Experiment in inhaltlicher Auseinandersetzung mit Leben, Herkunft, Gesellschaft als starke, selbstbewusste poetische Stimme vor. Die Werkausgabe bietet auch hier in der ausgezeichneten Darstellung/Kommentierung eine wunderbare Grundlage für weitere Zugänge.
Notizen, Kurzprosa, dramatische Texte runden diesen Schlussband ab und geben überraschende wie spannende Einblicke in Textstudien, Inspirationen, Stellungnahmen, Eintragungen, welche die so hochwertige qualitative Fülle des Werkes des vielfach ausgezeichneten doch nach wie vor nicht so präsenten Schriftstellers, herausragend in Text und Kommentar vorstellen.
„Eine hervorragende Werkausgabe – Werner Kofler in jenem Licht, wie es sein sollte!“
Werner Kofler, Kommentierte Werkausgabe (Band 4 und 5). Hörspiele, Lyrik, Kurzprosa, dramatische Texte. Herausgegeben von Claudia Dürr, Herausgegeben von Wolfgang Straub. Sonderzahl Verlag.
Station bei Malina_ Zarah Weiss, Schriftstellerin _Wien_ acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Romanschauplatz Malina _ Ungargasse
Station bei Malina_ Zarah Weiss, Schriftstellerin _Wien_ acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Liebe Zarah Weiss, wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien. Sind Dir die Orte hier vertraut?
Gar nicht, in der Ungargasse bin ich zum ersten Mal! All meine Wiener Jahre habe ich bisher nur irgendwo an der U6 gewohnt. An meinem allerersten Abend in Wien war ich allerdings hier um die Ecke im Kino, das war ein besonderer Start in der Stadt.
Welche Bezüge und Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und dem Roman Malina?
Malina habe ich das erste Mal recht jung gelesen – ohne mich je mit Bachmann beschäftigt zu haben. Es hat mich gepackt, aber ich konnte nicht genau sagen, warum. Jetzt habe ich den Roman zum zweiten Mal gelesen, mit mehr Hintergrund. Gerade vor kurzem habe ich auch von Trottas Film über Bachmann und Max Frisch und Beckermanns Film über den Briefwechsel Bachmann – Celan im Kino gesehen. Bachmann war beim Lesen für mich unglaublich nahbar und ich habe viel mehr mitgenommen als beim ersten Mal. Das ist ein Buch, das sich immer wieder neu entdecken lässt.
Welche Eindrücke hast Du von den Schauplätzen in der Ungargasse, die wir besucht haben?
Es ist ganz schräg, ich habe wirklich das Gefühl, als könnten Ivan oder die Erzählerin jederzeit um die Ecke kommen! Ich habe gelesen, dass Bachmann den Roman in Rom geschrieben hat, aber es kommt mir vor, als würde sie mit ihrer Schreibmaschine hinter einem dieser Fenster sitzen, so nah ist ihr Text.
Wie siehst Du den Aufbau und das Konzept des Romans?
Am Anfang nimmt die Erzählerin mich bei der Hand und zieht mich ins Buch. Ich gebe mich ihren Hoffnungen hin, spüre ihre Unruhe – bis alles zusammenbricht. Hier schaue ich dann plötzlich von außen auf das, was ich lese: Woran verzweifelt sie, woran verzweifeln wir heute? Der dritte Teil fragt mich dann ganz direkt: Wie kann oder soll ein Leben in dieser Welt möglich sein?
Was sind für Dich zentrale Themen und Aussagen des Romans?
Das Patriarchat, der Zweite Weltkrieg, Nationalsozialismus, die Rolle der Frau, Beziehungen, Identitätsfindung, das In-die-Welt-geworfen-sein, sich öffnen, sich selbst behaupten, Kommunikation, Schuld, Gewalt, Angst, Hoffnung
Aber vielleicht nenne ich beim nächsten Lesen wieder ganz andere Punkte. Ich glaube, dass dieser Roman sich jeder Person anders erschließt.
Wie ist die Beziehung zwischen Mann und Frau im Roman dargestellt und wie ist dies heute zu sehen?
Die Erzählerin wirft sich hoffnungsvoll in die Beziehung mit Ivan und wird von ihm doch immer wieder hingehalten, zurückgewiesen, enttäuscht. Die Vaterfigur im zweiten Teil ist für mich gleichzeitig auch Bild für die männliche Welt an sich. Die Erzählerin kann darin nicht überleben.
Bis heute hat sich etwas mehr getan auf dem Weg zur Gleichberechtigung, aber die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Rollenbilder führen Frauen immer noch häufig in ein Abhängigkeitsverhältnis. Unterdrückung ist unsichtbarer geworden, aber immer noch da.
Wie beurteilst Du die Protagonisten Ivan, Malina, Ich-Person in Ihrem literarischen Kontext bzw. dem Kontext der Autorin und Ihrer Biographie?
Malina wird ja teilweise auch als Antwort auf Frischs Mein Name sei Gantenbein gelesen, das ich direkt nach der Lektüre angefangen habe.
Ich sehe das Buch aber ganz grundsätzlich als eine Antwort Bachmanns auf die Welt, in der sie lebte. Sie hat sich geweigert zu heiraten, den Konventionen zu unterwerfen und ist damit angeeckt, auch bei Frisch. Gleichzeitig waren ihre Beziehungen von so viel Unsicherheit geprägt, das zeigt sich für mich auch in Malina, und ich bin sehr dankbar für die Offenheit, mit der sie darüber schreibt.
Ich bin gespannt auf den Briefwechsel zwischen Bachmann und Frisch, der vor kurzem veröffentlicht wurde – und nachdem ich im Film Anja Plaschg und Laurence Rupp beim Lesen der Briefe von Bachmann und Celan zusehen durfte, steht Herzzeit auch ganz oben auf meiner Leseliste.
Wie siehst Du das literarische Konzept des dreistufigen Aufbaus des Romans?
Ich konnte durch die klare Unterteilung den Roman für mich klarer einordnen. Am Anfang direktes Eintauchen in die Verliebtheit, dann die fieberhaften Albtraumsequenzen, zuletzt die Krise. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass die drei Teile auch für sich allein stehen könnten und trotzdem noch wirken würden. In ihrer Gesamtheit aber entwickeln sie eine Wucht, die regelrecht erschlägt.
Welches Frauen- und Männerbild spricht Ingeborg Bachmann in Malina an und wie aktuell ist dies heute?
Es hat sich sicher einiges verändert, aber dass Bachmann die Zeit in Malina nicht genau einordnet, zeigt, wie zeitlos die Problematik ist. Stereotype und binäres Denken, Rollenbilder und Unterdrückung, toxische und manipulative Beziehungen gibt es heute noch genauso. Manches lässt sich klarer benennen, manches ist viel unsichtbarer geworden. Für ein aktuelles Projekt beschäftige ich mich gerade mit Femiziden. Die Zahl dieser Morde, die immer noch als Beziehungsproblem der „Anderen“ verharmlost werden, steigt rasant und zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Wir alle kennen Opfer (sexualisierter) Gewalt, Täter scheinbar nur wenige. Sehr gute Lektüre in diesem Zusammenhang ist Asha Hedayatis kürzlich erschienenes Buch „Die stille Gewalt“, das genau auseinandernimmt, wie gewaltvoll auch die staatlichen Strukturen sind und den Frauenhass fortsetzen. Es ist noch viel zu tun.
Welchen Einfluss hatte und hat der Roman auf die Entwicklung von Literatur, Kunst und Emanzipation und Gesellschaft?
Der Roman ist immer wieder neuinterpretiert worden, noch heute werden neue Lesarten entdeckt. Ich denke, dass ein gleichzeitig so unbestimmtes, so poetisches und so radikales Buch mit Nutzung all der Kommunikationsformen sehr einzigartig ist. Bachmann schafft es, gesellschaftliche und patriarchale Strukturen in einer Zeit zu kritisieren, in der diese teilweise nicht einmal klar benennbar waren. Gleichzeitig ordnet sie es absichtlich zeitlich nicht ein. Den zweiten Teil lese ich zunächst als Nachkriegsliteratur, aber er kann auch auf Probleme einer anderen Zeit übertragen werden. Malina ist ein Buch, auf das sich immer wieder zurückkommen lässt.
Wie siehst Du das Ende des Romans?
„Es war Mord“ – die Erzählerin stirbt, verschwindet in der Wand – eine Existenz in der patriarchalen Welt ist ihr unmöglich geworden. Die männlichen Figuren im Roman, in der Gesellschaft vernichten sie; Malina in ihr lebt weiter.
Gab es in Deinen Literatur-, Kunstprojekten Berührungspunkte zu Ingeborg Bachmann?
Oft blicke ich auf die Texte zurück, die ich geschrieben habe, und sehe, dass sie sich im Grunde fast alle damit beschäftigen, was es bedeutet sich in einer patriarchalen Welt zu bewegen – manchmal direkt, oft als Unterton. Das sehe ich auch als großes Thema bei Ingeborg Bachmann.
Ich liebe außerdem ihre genauen Beobachtungen und ihre gleichzeitig klare und poetische Sprache – das ist etwas, das ich anstrebe – sie ist ein großes Vorbild für mich.
Du bist wie Ingeborg Bachmann als Schriftstellerin nach Wien gezogen. Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier als Künstlerin gemacht?
Durch Wien weht noch ein alter Geist. Wenn ich durch die Stadt spaziere, vorbei an verblichenen Schildern und Kaffeehäusern, überlege ich immer, was hier schon alles für Geschichten passiert sind, welche Menschen hier schon gelebt haben. Und parallel dazu ist die Stadt so modern und wandelbar, jeder Bezirk hat seine eigenen charakteristischen Ecken, so viele Menschen kommen zusammen. Ich habe das Gefühl, hinter jeder Ecke lauert eine neue Geschichte.
Wien kann aber auch so verschlossen sein. Feindselig, nationalistisch.
Gleichzeitig wird die Kultur, die Literatur hier sehr unterstützt. Es könnte noch viel mehr sein, aber gerade die Stadt Wien fördert Projekte, die gerade erst entstehen, und das ist extrem wertvoll.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
In diesem Jahr habe ich mich etwas von der Prosa wegbewegt und arbeite gerade parallel an einem Theaterstück und einem Drehbuch – letzteres wird im Rahmen der Drehbuchwerkstatt an der HFF München erarbeitet. Das Theaterstück verwebt eine Geschichte von heute mit einer unfassbaren Anekdote, die vor hundert Jahren geschah.
Hättest Du mit Ingeborg Bachmann gerne einen Tag in Wien verbracht und wenn ja, wie würde dieser aussehen?
Oh ja! Ich würde mit ihr einen Verlängerten nach dem anderen in einem Kaffeehaus trinken und dann durch die Stadt spazieren – am Nachmittag vielleicht auch raus in die Weinberge. Ich hätte so viele Fragen!
Darf ich Dich abschließend zu einem Malina Akrostichon bitten?
M ann –
A ch
L iebes
I ch
N enne damit doch
A uch Dich, die Frau
Station bei Malina_ Zarah Weiss, Schriftstellerin _Wien_ acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Station bei Malina_Roman Ingeborg Bachmann_Wien_1971
im Interview und szenischem Fotoportrait_acting Malina:
Liebe Sara Reichelt, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich als Schriftstellerin/Künstlerin selbstständig arbeite, ist jeder Tag anders, was mir gut gefällt. Aber es gibt zwei Routinen: Ich starte den Tag mit Arabischlernen und ich ende den Tag mit dem Lesen in einem literarischen Buch.
Sara Reichelt, Schriftstellerin und Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich kann nicht für ALLE sprechen, nur für mich selbst. Auch das JETZT ist jeden Tag neu, je nachdem wie sich bestimmte politische Lagen – z.B. im Nahen Osten entwickeln. Für mich ist es derzeit wichtig, dass mein am 9.11. 2023 bei Periplaneta erscheinender, bzw. erschienener Roman „Gefährliche Mietschaft“ möglichst viele Leser*innen finden wird. Bin rund um die Uhr mit PR für dieses Buch beschäftigt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Da ich nicht weiß, welcher Aufbruch, welcher Neubeginn konkret gemeint ist, kann ich die Rolle der Literatur, der Kunst nicht bestimmen. Im Allgemeinen sehe ich weder Literatur noch Kunst als ein Vehikel der Politik, aber ein Schriftsteller/Künstler darf sich natürlich in der Rolle eines Intellektuellen über politische Themen äußern. Was ich für jeden Aufbruch/Neubeginn wesentlich finde: Mut, aber kein Wagemut, die Bereitschaft, auf Altes zu verzichten, um für Neus Raum zu schaffen und eine große Portion an gut reflektiertem Optimismus.
Was liest Du derzeit?
„Alle Tage“ von Terézia Mora, „The Guest“ von Emma Cline, „Die Selbstgerechten“ von Sahra Wagenknecht und DIE ZEIT (regelmäßig).
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielen Dank für das Interview, liebe Sara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur- Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sara Reichelt, Schriftstellerin und Künstlerin
Zur Person _Sara Reichelt lebt als Schriftstellerin und Künstlerin in Berlin. Sie interessiert sich für Menschen, Kultur(en), Sprache(n) und hat Uni-Abschlüsse in Psychologie, Judaistik und Vergleichender Religionswissenschaft.
Seit 1986 erscheinen literarische Texte von ihr in Literaturzeitschriften, Anthologien und als Bücher. Außerdem tritt sie auf Lesungen auf, bevorzugt im Kontext von zeitgenössischer Kunst und auf Lesebühnen.
Während ihrer Berufstätigkeiten als Beraterin und Dozentin und in der Immobilienbranche sind ihr viele Menschen begegnet. Die Verschmelzung dieser Erfahrungen floss in ihren neuen Roman «Gefährliche Mietschaft», der im November 2023 bei Periplaneta erschienen ist.
Aktuelle Bucherscheinung _ Sara Reichelt: „Gefährliche Mietschaft“. Roman. Periplaneta Verlag.
Berlin 2021. Rund um die Vermietung einer kernsanierten Altbauwohnung in Neukölln geraten zwei Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft in ein aufregendes Duell. Da ist die weltfremde, intellektuelle Katharina, die als Single im Zuge der Pandemiemaßnahmen immer mehr vereinsamt. Sie angelt sich mit ihrer Zu-Vermieten-Anzeige ausgerechnet Jennifer, eine selbstbewusste, gewitzte Betrügerin, die sich nicht nur in Katharinas Wohnung, sondern auch in deren Leben schleicht. Die beiden Protagonistinnen in diesem Kammerspiel entsprechen nicht immer dem Klischee, welches die jeweils andere im Kopf hat. Die Eigentümerin ist nämlich weder reich noch skrupellos und die Mietnomadin alles andere als dumm oder unkultiviert.
sara reichelt präsentiert uns – konsequent in tagebuchähnlichen Perspektiven – zwei unterschiedliche Persönlichkeiten und tiefe Einblicke in deren soziale Gefüge, Wünsche, Sorgen und Nöte.
Sara Reichelt: „Gefährliche Mietschaft“. Roman. Periplaneta Verlag.
Softcover, Klappenbroschur, 224 Seiten/ 20,6 x 13,5 cm, GLP: 15,00 € (D)