„Sommeranfang“ Ilinca Florian, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Berlin 21.6.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Sommeranfang


Grauen

Irrsinn

Vertrauen

Einsicht



Perspektive

Ernst

Alarm

Chimäre

Erschöpfung



Alternative



Chaos

Hoffnung

Akzeptanz

Normalität

Chance

Erkenntnis


Ilinca Florian, 2.6.2022

Ilinca Florian, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Ilinca Florian, Schriftstellerin

https://www.politycki-partner.de/projekt/bleib-solang-du-willst/

Foto_Edmond Laccon 

Walter Pobaschnig _ 2.6.2022.

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„Ich wünsche mir in der Literatur mehr realistische Ansätze“ Sandra Andres, Schriftstellerin _ Bad Rappenau/D 21.6.2022

Liebe Sandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, frühstücken, Yoga, arbeiten, kochen, essen, Hunde-Gassi-Gang, arbeiten, Hunde-Gassi-Gang, Ukulele spielen / auf der Terrasse chillen, Abendessen, nette Serie schauen, schreiben (ja, ich bin Spät-/Nacht Schreiberin), beim Lesen einschlafen.

Sandra Andres, Schriftstellerin und Videojournalistin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Uns auf das Gute, Positive in unseren Leben zu konzentrieren und aus allem das
Beste zu machen. Das zu verändern, was wir können, aber auch nicht verzweifeln an dem, was wir nicht ändern können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich versuche, Veränderungen positiv gegenüberzustehen, auch wenn sie mich oft zuerst erschrecken. Veränderungen bringen auch Entwicklung, spannende Chancen. Auch in der Literatur. Veränderung und Entwicklungen realistisch und lebensnah zu beschreiben, liegt mir in meinen Büchern immer am Herzen.

Ich wünsche mir in der Literatur mehr realistische Ansätze, die sich auf das echte Leben und reale Beziehungen einlassen. Mehr starke Frauen, die es in unserem Alltag ja oft gibt, denen in der Kunst aber noch viel zu wenig Tribut gezollt wird. Figuren mit all ihren Fehlern und Makeln. Ein realistisches Bild der Gesellschaft in der Literatur ermutigt und stärkt Menschen in ihrem Alltag. Auch in der Autorengruppe „Herzgespinste“ haben wir uns das zum Ziel gesetzt.

Was liest Du derzeit?

„Spätzletango“ von Kevin Leonard Butler und „Inspektor Takeda und die stille Schuld“. Ist eher ungewöhnlich, ich lese nur sehr auserwählte Krimis. 😉

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wer einen Traum verwirklichen will, muss zuerst aufwachen.“

Und wenn noch Platz ist, gern einen kurzen Textimpuls aus meinem aktuellen
Buch: „Liebe ist unschuldig und gleichzeitig kompromisslos, überwältigend und
verheerend in ihrer Intensität. Sie kommt ohne Vorwarnung, haut uns völlig aus
der Bahn und ist dabei das Schönste, was uns passieren kann.

Sandra Andres, Schriftstellerin und Videojournalistin

Vielen Dank für das Interview liebe Sandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sandra Andres, Schriftstellerin und Videojournalistin

www.sandraandres.com 

IG/Twitter/TikTok: @sandrarubicon

Fotos_privat

19.5.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gewalt will eine Lösung“ Bettina Strang, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Hamburg 20.6.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gewalt will eine Lösung.

Imagine life in peace.

Vernunft führt keine Klinge

Entmenschlichung erschießt



Pflück alle Lorbeerlügen

Erklär den Krieg für tot

Am Ende wird nichts siegen

Courage will befrieden

Es gibt kein Kampfgebot



Ach!



Clowns fehlt die Angst vorm Scheitern

Hol Mut wie andre Luft

Am Glauben längst getroffen

Neigt sich das letzte Hoffen

Chiffriert als Frühlingsduft

Endlich.


Bettina Strang, 28.5.2022

Bettina Strang, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Bettina Strang, Schriftstellerin

https://bettinastrang.de/

Foto_Clarke Voss

Walter Pobaschnig _ 28.5.2022.

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Bachmannpreis 2022_ „Ich finde es schade, wenn man mit allen Diskursen gewaschen sein muss, um einem Text folgen zu können“ Leon Engler, Schriftsteller _ Wien 20.6.2022

Lieber Léon, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022! Wie gestaltet sich der Text- und Bewerbungsprozess und wie hast Du Deine Teilnahmebekanntmachung erlebt? Welche Reaktionen gab es?

Es gibt Texte, an denen ich monatelang sitze und jede Formulierung 23 Mal überdenke, echte Schweißarbeit. Und dann gibt es die, die sich wie von selbst schreiben, wo ich bei der Entstehung eigentlich nur danebensitze, kaum transpiriere und Kaffee trinke.

Der Klagenfurt-Text ist so ein Text, der sich selbst geschrieben hat, wo die Écriture automatique zugeschlagen hat. Als die Einreichfrist vor der Tür stand, habe ich geschaut: Was habe ich denn so produziert in letzter Zeit? Da gab es einen Text, sehr ernste Literatur, den habe ich sehr ernsten Juror*innen gesendet. Und dann war da dieser Text, meine Wildcard, die ging an Philipp Tingler, weil ich dachte, der könnte das schätzen. Und weil ich Adrenalin schätze, habe ich alles erst auf den letzten Drücker losgeschickt, vom Flughafen, kurz bevor das Gate geschlossen wurde, und, um die Sache richtig spannend zu machen: ohne Kontaktdaten.

In Palermo wollte ich dann ein Telegramm hinterherschicken, aber schon allein der Titel meines Texts war 30 Euro lang. Ich habe das Geld dann lieber in Negronis und Pistazien-Eis investiert. Und als Philipp Tingler mich anrief, lief ich gerade über den Piazza Bellini, wo sich früher das wichtigste Theater der Stadt befand und gerade ein Film gedreht wurde und Möwenschwärme kicherten. Das passte alles gut zu meinem Text, in dem es hauptsächlich um Schauspieler und Möwen geht. Man sucht ja als Mensch immer nach dem Symbolhaften, nach Zeichen und Bedeutung, damit am Ende nicht alles für die Katz ist.

Aber schon eigenartig, dass mich jetzt ausgerechnet dieser Text, dieser literarische Schnellschuss, nach Klagenfurt führt und nicht einer der schweißtreibenden Texte, an dem ich so richtig lange saß. Ja, und die meisten Menschen in meinem Umfeld wissen gar nicht so genau, was der Bachmannpreis ist. Mit denen rede ich also eher über das Wetter, die Inflation und den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten.

Léon Engler, Schriftsteller _ Wien

Wie gehst Du jetzt auf den Wettbewerb zu? Welche besonderen Vorbereitungen wird es geben?

Ich habe mir ein Buch von Epiktet gekauft, bin zum Stoizismus konvertiert, habe Bauchatmung gelernt und habe die Trauben gedanklich schon mal für so sauer erklärt, dass es mir gar nichts mehr ausmacht, dass ich selbst mit Hebebühne und Greifzange nicht rankomme. Ich kultiviere also meinen defensiven Pessimismus. Ich bin sehr selbstkritisch und habe eine Unkrautphantasie, deswegen habe ich schon hunderte Wege des Scheiterns durchgespielt. Aber das empfehlen auch die Stoiker: Stelle dir das Schlimmste vor, Tod und Verderben, und wenn das Schlimmste eintritt, dann hattest du wenigstens Recht. Außerdem habe ich darüber nachgedacht, eine Maske meines eigenen Gesichts anfertigen zu lassen oder einen Schauspieler zu engagieren, der aussieht wie ich, aber leider niemanden gefunden, deswegen werde ich den Text wohl oder übel selbst vortragen müssen. Und jetzt bin ich nervöser als vor meiner Geburt.

Ingeborg Bachmann sagte zu den Anfängen ihres Schreibens: „Manchmal werde ich gefragt, wie ich, auf dem Land großgeworden, zur Literatur gefunden hätte. – Genau weiß ich es nicht zu sagen; ich weiß nur, dass ich in dem Alter, in dem man Grimms Märchen liest, zu schreiben anfing, dass ich gern am Bahndamm lag und meine Gedanken auf Reisen schickte…“

Wo bist Du geboren, aufgewachsen und wo liegen die Anfänge, Wurzeln, Inspirationen Deines Schreibens?

Ich wurde auf einer Bauernhofruine in Bayern geboren wurde. Meine Eltern hatten da gerade ihre Selbstversorgerphase und sind von München aufs Land. Die war aber relativ schnell wieder zu Ende, ich glaube, weil das Haus einzustürzen drohte oder die Zucchini nichts geworden sind. Dann sind wir wieder zurück in die Stadt. Dort beginnt meine Erinnerung. Ich bin nicht im Hofgarten-Ralph-Lauren-Aperol-Kokain-München großgeworden, sondern in Giesing, was damals vielleicht am ehesten einem Arbeiterviertel entsprach. In meiner Jugend ging es dann auch weniger um Hochkultur und mehr um die niederen Neigungen – Videospiele, Alkohol, Skaten, Musik. Aus irgendeinem Grund habe ich mir aber Bücher in der Stadtbibliothek ausgeliehen. Mit 15 habe ich dann Nietzsche in der U-Bahn gelesen. Ich habe zwar nicht verstanden, was der Typ mit der Laterne da predigte, aber es hat mich verständnislos berührt. Dann habe ich immer mehr gelesen. Wissen aufsaugen ist ja auch ein Weg, um Unsicherheit zu kompensieren. Und ich war dumm und unsicher, das traf sich also gut. So mit 17 habe ich dann auch begonnen, Texte zu schreiben. Und dann habe ich einfach nie wieder aufgehört. Schreiben heißt für mich für eine Textlänge einen Lebensentwurf anprobieren zu dürfen. Die meisten Menschen haben nur ein Leben. Das wäre nichts für mich.

Was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig?

Richten soll das Gericht und Botschaften übermitteln die Post. Das sehe ich nicht als mein Aufgabengebiet an. Außerdem habe ich eine fürchterliche Phobie vor Gewissheiten. Ich bin immer erstmal dagegen. Die Grönland-Wikinger sind lieber ausgestorben, als Fisch zu essen, weil Fisch in ihrer Kultur als giftig galt. Ich will der sein, der fragt: Vielleicht nicht doch eine Räuchermakrele, Eiríkr? Darum versuche ich, fragende, skeptische, antiideologische Texte zu schreiben. Und Milan Kunderas hat behauptet, dass der Roman vehement antiideologisch eingestellt sein sollte. Bei Dostojewski zum Beispiel weiß man nicht mehr, welcher der darin streitenden »Wahrheiten« er selbst anhing. Und bei Robert Musil ist alles zu spät – da lassen die Weltanschauungen Federn wie die Hühner in der Geflügelrupfmaschine. Diese Fährte der Polyphonie nimmt mein Klagenfurt-Text auf, steht im Zeichen des Zweifels und des sperrigen Wörtchens Ambiguitätstoleranz. Genug Geschwafel: Mir ist auch wichtig, dass meine Texte anschlussfähig sind, darum schrecke ich auch von Humor nicht zurück. Humor ist für mich eine Art trojanisches Pferd, in dem ich die Melancholie verstecke. Die wurde früher auf den Humor zurückgeführt, also auf die Körpersäfte, die schwarze Galle eben. Und das Schreiben ist auch laut Statistik der Beruf, in dem Männer die höchste Wahrscheinlichkeit haben, depressiv zu werden. Man muss es also mit Humor nehmen. Ich bin der Erste in meiner Familie, der an die Uni durfte – deswegen habe ich gleich zweimal studiert. Ich war aber auf keiner Schreibschule und so kommt man vielleicht weniger in die Versuchung, avantgardistische Sachen zu schreiben, auch wenn ich experimentelle Romane sehr gerne habe. In den 60ern und 70ern rebellierte man ja gegen ein Verständnis von Literatur als etwas Hohes und Geheimnisvolles und wollte unmittelbare Kunst schaffen, die ästhetische Erfahrung demokratisieren. Also von einem hermetischen Ansatz zu einem porösen Ansatz, wo jeder mitmachen und mitreden konnte. Und dieses Willkommen-Heißende, Durchlässige, Anti-Elitäre imponiert mir. Ich finde es schade, wenn man mit allen Diskursen gewaschen sein muss, um einem Text oder einem Theaterstück folgen zu können – und selbst dann nicht auch mal zugeben kann, dass der Kaiser ein Nudist ist.

Welche aktuellen Projekte gibt es?

Ich sitze im Moment an einem Hörspiel, einer Verteidigung des Gehens, bei dem ich ganz Berlin durchwandere. Hunderttausende Jahre lebten die Menschen ja als Nomad*innen. Damals reichten ein paar Stunden pro Tag, um alle lebensnotwendigen Bedürfnisse abzuhaken. Man hatte also viel mehr Freizeit als die Büroangestellten und Scheinselbstständigen von heute. In deren 40-Stunden-Woche sind Nahrungsmittelbeschaffung, Fitnesscenter und Achtsamkeitstraining (Pilzsuchen, Brot backen, Waldbaden, Chi Gong) noch nicht eingepreist. Selbst der Urlaub blieb unseren Ahnen erspart, weil sie noch keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit kannten, das Ideal der Wiederherstellung der Arbeitskraft durch Sonnenbaden, All-you-can-eat-Buffets und Mietrollerunfälle. »Was für ein Leben benötigt denn Urlaub vom Leben?«, fragt Ulrich im Mann ohne Eigenschaften. Die Sesshaftwerdung ist der größter Fehler in der Geschichte der Menschheit, da ist sich die Wissenschaft mittlerweile einig. Darum gründe ich den »Club of Roam«: Das Gehen könnte, so meine These, die Lösung aller Probleme sein, sei es die keimende Weltwirtschaftskrise, die Erhitzung des Weltklimas oder ein zu üppiges Mittagessen.

Was kommt unbedingt auch in den Reisekoffer für Klagenfurt?

Zahnseide. Ich möchte an dieser Stelle auf den Fachartikel »Floss or die« im Journal Dentistry Today (Juli 1998) hinweisen, Amerikas führendem klinisches Nachrichtenmagazin für Zahnärzt*innen.

Léon Engler, Schriftsteller _ Wien

Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!

Bachmannpreis 2022 _ Teilnehmer:innenvorstellung:

Léon Engler, Schriftsteller _ Wien/Berlin

Fotos_privat.

Walter Pobaschnig 6_22

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„Man muss sich Fragen stellen, das Theater kann Antworten geben“ Victoria Rottensteiner, Schauspielerin _ Wien 20.6.2022

Liebe Victoria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als selbstständige Schauspielerin und Regisseurin ist das gar nicht so einfach. Jeder Tag ist anders und genau das liebe und hasse ich gleichzeitig an meinem Beruf. Es ist großartig durch die nicht vorhandene Routine nicht in einen Alltagstrott zu verfallen und ständig lernt man neue Leute und Situationen kennen. Und trotzdem würde ich wahnsinnig gerne einen Urlaub mehr als zwei Wochen im Voraus planen können.

Aber grundsätzlich kann man sagen, dass ich jeden Tag zur Probe fahre, dazwischen immer noch Zeit für Sport finden muss, um den Kopf auch mal richtig abschalten zu können. Denn selbst wenn man nicht bei der Probe ist arbeitet man von zu Hause weiter, macht die Nachbereitung des Tages oder bereitet sich auf das nächste Projekt vor. Am Abend freue ich mich sehr mit Freunden und/oder Kollegen Essen zu gehen und so den Tag ausklingen zu lassen.

Victoria Rottensteiner,
Schauspielerin, Tänzerin, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?  

Für uns alle sollte das Miteinander wieder wichtig werden. Ich habe das Gefühl, dass dies in den letzten Jahren sehr vernachlässigt wurde. Speziell die letzten zwei Jahre haben uns gesellschaftlich sehr gefordert, ständig wurde man in Gruppen eingeteilt. Man begegnete sich mit Ablehnung, Unverständnis und Abstand. Das Gefühl von Gemeinsamkeit wurde immer weniger greifbar. Jeder kämpft nur mehr für sich, aber gerade in der Theaterwelt brauchen wir einander. Jeder, egal in welcher Funktion, ist ein Teil des Gesamtbildes und schon wenn das kleinste Teilchen fehlt, läuft es Gefahr zusammen zu brechen. Wir müssen wieder zusammenfinden und den respektvollen, wertschätzenden Umgang miteinander wieder für uns entdecken

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Musik, der Kunst an sich zu?

Wir befinden uns momentan in einer Zeit, in der unsere eigene Haltung und die Auseinandersetzung mit uns selbst eine große Rolle spielt. Das Theater und die Kunst sollten uns den nötigen Raum und Inspiration dafür geben. Man muss sich Fragen stellen, das Theater kann Antworten geben und manchmal sogar Lösungen zeigen. Und das Schöne daran ist, dass man es aus einer stillen Beobachtungsposition betrachten kann. Es kann innere Vorgänge auslösen, ohne dass man währenddessen beurteilt wird. Trotzdem kann man sich gleichzeitig mit anderen austauschen und die Welt vielleicht von einem neuen Standpunkt betrachten. Ein Ort des Miteinanders.

Was liest Du derzeit? 

Ich lese im Moment „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway und außerdem das neue Stück, das ich diesen Sommer inszenieren werde.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Jeder Mensch hat seinen Weg und jeder Weg ist richtig“ – Thomas Bernhard

Victoria Rottensteiner,
Schauspielerin, Tänzerin, Regisseurin

Vielen Dank für das Interview lieber Jakob, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Victoria Rottensteiner_Schauspielerin, Tänzerin, Regisseurin

Fotos_1&3 Christoph Hofer; 2 privat; 4 Nicole Klünsner.

12.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Give me a moment to realize…“ Larissa Tomassetti, Künstlerin _ Give Peace A Chance _ Gmünd/Ktn. 19.6.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Give me a moment to realize…

I had no idea something like that could happen again

Veeringly I am watching the war from outside

Everything seems like an unreal nightmare



Please let this cruelty end soon

Every life saved counts

Away with all these destructive acts

Can this world finally get better?

Every day new children are born



A wonderful fact that gives hope



Can we give peace a chance?

How real is the chance to save our planet?

Are we able to tame our egoism?

Nature is a wonder that needs to be protected

Can we finally let love rule?

Even if it’s a naive dream?



Larissa Tomassetti, 14.6.2022

„cohesive orbit”

Larissa Tomassetti “DS cohesive orbit”, Dynamic Stills-series 2021

Chaos and order determine our universe, everything seems to pulsate and constantly change. The circle holds the torn shapes together and resembles a black orbit that brings movement to rest

Interpretation:

The series of works “cohesive orbit” shows how fragile our world is. There are many levels, insights and outlooks, color tones, fractures, shadings or networks, all of which form a large, fragile whole. Space and time meet, overlap and determine each other. Everything is in dynamic motion and at the same time seems to stand still or keep returning. Cycles determine our existence, the life on our planet, every action has an impact, everything seems to be an interdependent part of a large „cohesive orbit“.

Formal analysis:

The first impression shows a fragile circle that holds together but seems fragile. The work consists of several levels that flow into each other, the foreground, middle and background show connecting lines. The vertical stripes add rhythm to the painting and create a flickering effect. the indicated circle seems to hold everything together, resulting in a cohesive unit. The colors are reminiscent of our earth seen from the universe. It reflects a golden light but the gold layer seems to be crumbling.

Technique:

A mixed technique of acrylic and oil painting is used in this work. Several layers of paint are applied one after the other and then removed again. The vertical stripes are created using a decollage technique.

Larissa Tomassetti, Künstlerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Larissa Tomassetti, Künstlerin

https://www.larissa-tomassetti.com/

Fotos_Larissa Tomassetti

Walter Pobaschnig _ 14.6.2022.

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„Mut! Mut zur Veränderung, Mut zur Hoffnung, Mut um durchzuhalten“ Ines Klary, Schauspielerin _ Wien 19.6.2022

Liebe Ines, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe normalerweise keinen regelmäßigen Tagesablauf. Und ich mag es so sehr gerne, da jeden Tag etwas anderes ansteht.

Ich beginne meinen Tag aber fast immer mit einer gemütlichen Tasse Kräutertee. Diese Woche hatte ich beispielsweise zwei Drehtage für einen Kurzfilm, eine Abendvorstellung im Theater Spektakel, einen Workshop mit einer Casting Direktorin aus Deutschland und ein ganztägiges Meeting mit meiner Kollegin Hannah Monty Bacher bezüglich der nächsten Produktion unseres gemeinsamen Künstlerinnenkollektiv RELIÉE.

Ich versuche jede Woche mindestens einen Tag zu finden, an dem ich meine „Büroarbeit“ erledigen kann, also das Verschicken von Bewerbungen, Fotoshootings planen, Casting- und Jobausschreibungen sichten, E-Mails beantworten usw. Auch ein ganz freier Tag in der Woche ist mir sehr wichtig (allerdings leider nicht immer möglich).

Ines Klary, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mut! Mut zur Veränderung, Mut zur Hoffnung, Mut um durchzuhalten. Ich denke, dass Mut für uns in der aktuellen Situation sehr wichtig ist, um Veränderungen, die unaufhaltbar und oft auch gut sind, zuzulassen und nicht die Hoffnung zu verlieren. Wenn wir uns unseren Mut bewahren, können wir uns aus einer passiven „Opferhaltung“ befreien und eine aktive, handlungsfähige Position einnehmen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke eine „Superkraft“ des Theaters und somit auch des Schauspiels ist es, Themen auf eine Metaebene zu bringen, aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und damit zu reflektieren. Es wird möglich, Umstände in einen neuen Kontext, eine neue Perspektive zu setzten, sie zu kritisieren und Umgangsmöglichkeiten und deren Konsequenzen in einem geschützten Raum durchzuspielen.

Wesentlich ist daher denke ich auch, dass in der Gesellschaft diese vielfältigen Möglichkeiten des Theaters und der Kunst und ihres enormen Wertes, den sie für das Leben haben, anerkannt und gefördert werden. Das Theater bietet eine einzigartige Möglichkeit mit Themen wie Aufbruch und Neubeginn umzugehen, diese Themen zu reflektieren und erfahrbar zu machen.

Was liest Du derzeit?

Überleben im Darsteller Dschungel von Mathias Kopetzki

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Feiere dich selbst!“ – Stephanie Maile

Ines Klary, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Ines, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ines Klary, Schauspielerin

https://reliee.productions/ueber/

Fotos_ 1 Martin Jordan; 2 Christine Hofstätter

8.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Bachmannpreis 2022_“Verlier dich nicht, versuche wahrhaftig zu bleiben, und nimm dir, was du kriegen kannst“ Franzobel, Schriftsteller, Bachmannpreisträger 1995 _im Rückblick Interview II_ Wien 19.6.2022

Fortsetzung_Interview _Bachmannpreis Rückblick:

Lieber Stefan, wir sitzen hier zum Interview bei prächtigem Frühlingswetter im schattigen Garten eines Praterrestaurants.

Ist so ein Platz wie hier auch ein Schreibort für Dich bzw. welche Orte bevorzugst Du beim Schreiben und gibt es auch bestimmte Schreibzeiten?

Der Schreibort ist bei mir das Bett. Ich schreibe im Liegen. Das hat sich einfach so ergeben.

Zu Anfang meines Schreibens habe ich eher nachts geschrieben. Meine ersten Texte sind alle erst ab Mitternacht entstanden. Mit den Kindern hat sich das völlig umgedreht, jetzt schreibe ich in der Früh. Es ist oft so, dass ich um fünf, sechs Uhr morgens beginne und schreibe, solange der Kopf klar ist.

Franzobel, Schriftsteller _ Wien _
Bachmannpreisträger 1995

Du beeindruckst auch sehr und hast viel Erfolg mit Deinen neuen großen historischen Romanen – „Das Floß der Medusa“ (2017) und „Die Eroberung Amerikas“ (2021), alle Paul Zsolnay Verlag, Wien.

Wie gestaltet sich der Entstehungsprozess eines solchen Romanprojektes?

Es gibt den Stoff, der mich fasziniert, und dann versuche ich möglichst viel zu recherchieren und Material zum Thema zu finden. Das ist heute aufgrund des Internets viel leichter, weil man etwa online bei Antiquaren Sachliteratur auswählen kann. Ich wüsste nicht, wie ich das vorher gemacht hätte (lacht). Dann gibt es Streamingdienste, auf denen ich mir Filme anschauen kann, die in der Zeit spielen, das ist hilfreich, wenn man in andere Zeiten eintauchen will. So komme ich in das Erzählen. Im Idealfall bin ich dann so im Schreiben, dass es meinen ganzen Tag bestimmt. Es geistern immer viele Ideen im Kopf herum und es fallen mir dann etwa im Halbwachzustand Szenen ein, die dann ein Ganzes ergeben.

Es ist ein strahlender Frühlingstag heute. Ist das Schreiben auch jahreszeitabhängig bzw. inspiriert bei Dir?

Nein, eigentlich nicht.

Das Schreiben ist ja oft durch Lesereisen unterbrochen und da gibt es Momente, an denen ich denke, jetzt möchte ich lieber beim Text bleiben. Ich muss dann aber nach Mannheim, Düsseldorf oder Dortmund.

Natur ist fantastisch, wie jetzt hier im Praterfrühling, wenn die kahlen Bäume ausschlagen. Aber jede Jahreszeit hat etwas. Sommer, Herbst, Winter, ich mag jede Jahreszeit und wir sind in Österreich da privilegiert in dieser Vielfalt völlig unterschiedlicher Jahreszeiten.

Gibt es so etwas wie einen Teamgedanken der teilnehmenden Schriftsteller:innen in Klagenfurt und ist man etwa im regelmäßigen Kontakt auch nachher und trifft sich auch bewusst als Gruppe?

Nein, eigentlich überhaupt nicht.

Es hat damals geheißen, es sei ein durchschnittlicher literarischer Jahrgang, aber da waren viele Persönlichkeiten und literarische Qualitäten. Ingo Schulze gewann den dritten Preis. Ilija Trojanow hat einen Preis gewonnen. Radek Knapp war dabei, Händl Klaus, Gundi Fyrer. Ulrike Kolb hat den zweiten Preis gewonnen, war wahnsinnig nett, ist dann aber in meiner Wahrnehmung völlig verschwunden. Und alle anderen trifft man immer wieder im Literaturbetrieb. Etwa Trojanow, wir waren beide in der Endauswahl um den Bachmannpreis. Es ging der Juryentscheid damals, glaube ich, 7:4 für mich aus, es war relativ knapp. Durch diese etwas komische Sache mit Preisvorschlag und Abstimmung damals, hat er dann fast gar nichts gewonnen. Trojanow gewann dann den vierten Preis. Wenn wir uns treffen, flachsen wir schon über den Bachmannpreis (lacht).

Du bist Bachmannpreisträger 1995. 2023 wird des fünfzigsten Todestages der Namensgeberin Ingeborg Bachmann (Schriftstellerin, *1926 Klagenfurt +1973 Rom) gedacht, auch mit einer Ausstellung im Literaturmuseum Wien.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann? 

Ich habe einmal ein Theaterstück über Jack Unterweger (*1950 +1944, Schriftsteller; verurteilter, angeklagter Mörder; in Kärnten wie Ingeborg Bachmann aufgewachsen; Anm.) geschrieben und da gibt es eine Szene, in der Unterweger Bachmann in der Bahnhofsrestauration Klagenfurt trifft. Dieser Plot eines möglichen Zusammentreffens gefiel mir gut.

Ich finde die Gedichte, auch die Lebensgeschichte Bachmanns, sehr spannend. Ihren Roman Malina habe ich versucht zu lesen, aber kam da nicht recht rein.

Bachmann ist für mich ein Typ österreichischer Frau, die aus Bürgerlichkeit und Gesellschaft ausbrechen will. Das war ja zu ihrer Zeit noch viel schlimmer. Ich hatte auch immer wieder Begegnungen mit Frauen, die rebellieren und Ketten sprengen wollten.

Die Liebe zu Rom verbindet uns sicher auch (lacht).

Du bist wie Ingeborg Bachmann nach Wien gezogen. Was bedeutet Dir Wien?

Ich habe in der Volksschule gewusst, dass ich nach Wien gehen werde. Heute fahre ich zwar immer wieder gerne weg, aber ich komme auch gerne zurück, das ist ein gutes Zeichen (lacht). Ich mag Wien sehr.

Wien hat sich sehr verändert. Ich bin in den 80er Jahren nach Wien übersiedelt, da war es sehr viel grauer, sumpfiger, und es gab weniger Möglichkeiten. Leute erzählen mir von den 60er Jahren, dass es zwei Lokale gab, Cafe Sport und noch etwas im Grätzl, mehr war da nicht.

Das hat sich heute sehr verändert und es ist viel spannender und gibt eine gute Mischung mit dem Wiener Grant.

Ich habe in den letzten Jahren aufgehört über Wien zu schreiben. Es hat am Anfang für mich eine Rolle gespielt, das Wienerische zu verarbeiten, jetzt bin ich über Österreich hinausgekommen, ist es mir nicht mehr so wichtig.

Ich könnte mir aber nach wie vor keine andere Stadt als Wien zum Leben vorstellen. Hamburg mag ich, aber zum Leben ist für mich Wien unersetzbar.

Wir sind hier ganz in der Nähe des Ernst Happel Stadions. Fußball ist auch eine Leidenschaft wie literarisches Thema bei Dir.

Im Blick zum Stadium – was macht für Dich die Faszination Fußball aus und gibt es ein historisches Fußballspiel, das Du in Spannung, Dramatik hervorheben möchtest?

Fußball definiert sich ja auch über Antipathie. Meine Freude, wenn Bayern München verliert, ist größer als die, wenn Rapid Wien gewinnt (lacht). Das Finalspiel zwischen Bayern München und Manchester United, in dem es in der Nachspielzeit zwei entscheidende Tore für United gab, war für mich ein persönliches Highlight (Champions League Finale 1999; Bayern München führt bis zur Nachspielzeit 1:0, United gelingt dann der überraschende Umschwung und Sieg;  Anm.).

Generell schaue ich mir Fußball gerne an und freue mich über ein schönes Spiel. Gestern war ich mit meinem Sohn beim Wiener Derby Rapid:Austria in der Rapid Fankurve. Ich freue mich, wenn Rapid gewinnt, aber ich bin kein Fan im Sinne von „Rapid ist mein Leben“. Es gibt dann doch Wichtigeres im Leben (lacht).

Die Virtuosität der Sprache ist ein Kennzeichen Deines Schreibens? Gibt es Virtuosität im Fußball heute noch oder erliegt dies den ökonomischen Sachzwängen?

Das Niveau im Fußball ist in jedem Fall besser geworden. Wenn man sich die Spiele der 70er Jahre ansieht, dann macht da einer ein paar Tricks und der Rest steht. Heute gibt es da ständig Bewegung von allen und auch die unglaubliche Passgenauigkeit über das halbe Feld und die perfekte Ballannahme ist beeindruckend. Wenn man selbst spielt, weiß man, wie schnell sich so ein blöder Ball verspringt (lacht). Das Niveau in der Champions League und der Nationalmannschaften ist schon gewaltig.

Das „Zaubern“ im Fußball, das die Spieler ja auch vermögen, sieht man aber seltener, und man freut sich, wenn es doch aufblitzt. Kylian Mbappe (französischer Nationalspieler, Anm.) schätzte ich etwa sehr.

Fußball selbst ist kommerzialisiert worden. Vor dreißig Jahren konntest Du nicht ein ganzes Leben mit einer Fußballerkarriere finanzieren. Da hast du in Österreich eine Trafik oder Tankstelle bekommen. War auch nicht schlecht (lacht). Heute gibt es Einkommen, die sind höher als das Bruttosozialprodukt eines afrikanischen Staates. Das ist jenseits von allem.

Gibt es ein Fußball WM Spiel, das Dir in besonderer Erinnerung ist?

Es gibt immer wieder so Spiele wie das 7:0 der Deutschen gegen Brasilien bei der WM 2014 in Brasilien, die sich einprägen.

Die wichtigsten Spiele waren für mich sind jene, die ich in der Kindheit gesehen habe. Etwa 1974, Deutschland:Schweden auf einem flimmernden sw Fernseher. Dann die 1978 WM Spiele, vor allem jene der Österreicher. 1982 habe ich intensiv wahrgenommen, da war ich großer Italien Fan. Bruno Conti habe ich da sehr geschätzt mit seinen Sturmläufen und Vorlagen für Paolo Rossi. Dann hat diese Begeisterung etwas nachgelassen. Es gab Jahre, in denen ich Fußball gar nicht konsumiert habe. Später ist es wieder gekommen. Diese enorme emotionale Bindung habe ich aber nicht mehr. Als ich meinem Sohn sagte, dass 2014 Deutschland und nicht Argentinien Weltmeister geworden ist, war das eine Tragödie für ihn (lacht).

Wie hast Du den Bachmannpreis in den letzten Jahren mitverfolgt?

Es gab Jahre, da habe ich ihn gar nicht mitverfolgt, und es hat Jahre gegeben, in denen ich am Bildschirm intensiv dabei war. Das ist von Jahr zu Jahr unterschiedlich.

Manchmal kippe ich rein und denke, das ist total spannend und manchmal denke ich, das interessiert mich überhaupt nicht. Es ist mal so, mal so

Hast Du in den letzten beiden Jahren die digitale Version des Bachmannpreises miterlebt?

Nein.

Ich hatte ja selbst viele digitale Lesungen, aber davon halte ich nicht viel. Es ist besser als nichts, aber in einem Raum die Atmosphäre zu spüren ist schon etwas anderes, als wenn jeder Zuhause im Wohnzimmer ist und sich mit dem Handy ablenkt.

Wie hast Du privat und beruflich die letzten beiden Jahre, die ja von einer Pandemie geprägt waren, erlebt?

Zuerst fand ich es spannend, weil da etwas passiert ist, das die Gesellschaft auf die Probe gestellt hat. Man hat gespürt, es geht jetzt nicht mehr um die Freiheit des Einzelnen, sondern um das Überleben der Gesamtheit. Eine interessante Erfahrung, die ich bisher so nicht hatte. Man spürte, du musst dich jetzt der Pandemie fügen, dich an die Vorgaben halten.

Ich habe in dieser Pandemie Zeit versucht, trotzdem ein paar Reisen zu machen. Insgesamt war es keine große Einschränkung. Natürlich waren viel weniger Lesungen und Auftritte, was ist mir auch abgegangen ist, besonders die Begegnungen, das Reden mit Leuten, das Zusammenzusitzen.

Privat haben wir viel gekocht, Rezepte ausprobiert. Das war eine Weile lang ganz lustig, aber irgendwann wird diese Enge, Nähe doch zu viel. Aber insgesamt war es fast romantisch schön.

Woran arbeitest Du aktuell?

Es ist ein literarisches roadmovie über das Amerika der letzten 40 Jahren. Aktuell arbeite ich über einen Pathologen, der das Gehirn von Albert Einstein entnommen und vierzig Jahre damit gelebt hat. Moderne Physik und was ihre Erkenntnisse mit sich bringen, finde ich sehr spannend. Dabei sind Fragen der Gehirnforschung wie auch der Religion im Blickpunkt. Was ist Zeit, Raum?

Wie gelingt es in solche Spezialgebiete literarisch vorzudringen?

Ich versuche viel aufzusaugen, das erfordert viel Arbeit, und es gibt auch Grenzen, wo ich aussteigen muss. Die literarische Aufgabe ist es dann, dieses Wissen umsetzen, ohne im Schreiben zu umfangreich, zu detailliert naturwissenschaftlich zu sein.

Die Literatur ist Dein Schwerpunkt. Gibt es auch weitere künstlerische Wege, die Du gehst?

Nein, nur Literatur.

Ich habe früher gedacht, dass ich Talent für die Malerei hätte und ich habe diese Liebe immer noch. Aber ich bin mit Literatur derart ausgelastet, dass ich schlicht keine Zeit, anderes zu tun.

Was ich manchmal mache, ist schnitzen. Mein verstorbener Onkel war ein guter Schnitzer und ich habe da Schnitzwerkzeug geerbt und ich arbeite gerne hin und wieder handwerklich.

Das Schreiben selbst, am Computer, ist ja körperlos, hat nichts Sinnliches, und da habe ich dann Lust etwas Haptisches zu tun, sei es kochen oder schnitzen oder im Garten Erde umgraben (lacht).

Ist der Garten auch eine Leidenschaft von Dir?

Wir haben uns in Pandemiezeiten ein Stelzenhäuschen gekauft, das war relativ günstig und hat einen sehr großen Garten. Das Sein, das Beobachten des Lebens in der Natur, das habe ich schon gern und es ist auch etwas, das einen runterholt. Man merkt dann, wie unwichtig und klein oft die Probleme sind.

Es gibt ja in vielen Bereichen des Lebens, etwa in der Schule, ein Buddy System, das Neuankommende begleitet. Gibt es, wünscht man sich das auch in der Literatur, dass Erfahrungen, Tipps ausgetauscht und Hilfestellungen bei einem großen Wettbewerb wie dem Bachmannpreis untereinander angeboten werden?

Was ich festgestellt habe ist, dass junge Schriftsteller von sich aus zur Gruppenbildung neigen. Da ist das kein Thema, sie ergänzen sich, wollen wissen, wie es funktioniert und es gibt keine Konkurrenz, was sehr angenehm ist.

Wenn dann einer der Gruppe berühmt wird, ist das sofort der Böse, der sich verkauft hat. Das hat man auch nach der Ostöffnung gut verfolgen können. Als einige westliche Verlage hatten und ihre Bücher gut verkauft wurden, waren sie die Verräter der Gruppe.

Aufgrund der Kapitalisierung des Literaturbetriebes gibt es eine große Konkurrenz untereinander. Es geht um Werbeflächen, wer ist in der Buchhandlung vorne und wer hinten. Was schade ist, weil da ein Gemeinschaftsgefühl zerstört wird.

Der Sommer steht vor der Tür. Wie sieht der ideale Sommer für Dich aus?

Ich bin im Sommer gerne in Österreich am Land, gerne im Garten und in der Natur. Meist auch für eine Woche in Griechenland zum Tauchen, Schnorcheln. Aber nicht einmal das müsste sein. Die Möglichkeit hier im Sommer draußen zu sein, ist schon faszinierend (lacht).

Mir ist der österreichische Winter immer zu lang und da versuche ich, irgendwohin zu fliehen.

Welche Erinnerung hast Du an die Sommertage des Bachmannpreises und die Stadt Klagenfurt?

Das Radfahren fällt mir da ein. Mit dem Fahrrad kam man ja überallhin und wir sind meist zum Wörthersee, zum Bad Maria Loretto gefahren. Ich mochte die Seenähe. Es waren auch wettertechnisch sehr schöne Sommertage.

Was möchtest Du der Bachmannpreisträgerin, dem Bachmannpreisträger 2022 mitgeben?

Verlier dich nicht, versuche wahrhaftig zu bleiben, und nimm dir, was du kriegen kannst.

Franzobel, Schriftsteller _ Wien _
Bachmannpreisträger 1995

Vielen herzlichen Dank für das Interview, lieber Stefan, viel Freude mit dem diesjährigen Bachmannpreis und eine wunderschöne Sommerzeit!

Bachmannpreis 2022 _ im Rückblick _Interview:

Franzobel, Schriftsteller, Bachmannpreisträger 1995 Wien

https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/franzobel/

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Riesenrad/Prater Wien _ Mai 2022.

Walter Pobaschnig 6_22

https://literaturoutdoors.com

Bachmannpreis 2022_ „Dass dieses Etwas, das mitgeteilt werden möchte, das Wichtigste bleibt“ Ana Marwan_Schriftstellerin _ Wolfsthal/NÖ 18.6.2022

Liebe Ana Marwan, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022!

Wie gestalte sich der Text- und Bewerbungsprozess und wie hast Du Deine Teilnahmebekanntmachung erlebt? Welche Reaktionen gab es?

Mein Verlag hat mich gefragt, ob ich eine Geschichte für den Wettbewerb schreiben möchte, und ich habe mich gefreut, eine Aufgabe und eine Frist zu bekommen, denn es war Winter und ich habe wieder widerwillig hiberniert. Der Vorschlag war für mich ich also eine Motivation, mich wieder an den Schreibtisch zu setzen, und das war gleichzeitig auch schon das Ziel. Dass ich tatsächlich zum Wettbewerb eigeladen werde, hielt ich, angesichts der Anzahl der Autoren und einer noch größeren Anzahl guter Texte, für sehr unwahrscheinlich. Also war ich, und bin es immer noch, erstaunt, nach Klagenfurt eingeladen zu werden. Normalerweise werden Dinge, sobald sie passieren, schnell selbstverständlich; in diesem Fall kann ich das nicht behaupten.

Ana Marwan_Schriftstellerin 

Wie gehst Du jetzt auf den Wettbewerb zu? Welche besonderen Vorbereitungen wird es geben?

Ich bereite mich nicht besonders vor, ich habe meinen Text zweimal meinem Hund vorgelesen und einmal meinem Mann, damit ich die vorgeschriebenen 25min nicht überschreite, und ich habe mir ein Paar Samtschuhe gekauft. Sonst wüsste ich nicht, wie ich mich vorbereiten könnte. Für mich ist das eine Art Ereignis, für das man nie wirklich bereit seit kann, weil so vieles daran unvorhersehbar ist.

Ingeborg Bachmann sagte zu den Anfängen Ihres Schreibens: „Manchmal werde ich gefragt, wie ich, auf dem Land großgeworden, zur Literatur gefunden hätte. – Genau weiß ich es nicht zu sagen; ich weiß nur, dass ich in dem Alter, in dem man Grimms Märchen liest, zu schreiben anfing, dass ich gern am Bahndamm lag und meine Gedanken auf Reisen schickte…“

Wo bist Du geboren, aufgewachsen und wo liegen die Anfänge, Wurzeln, Inspirationen Deines Schreibens?

Ich habe schon als Kind vor dem Schlafengehen Dinge auf kleine Telefonzettel notiert und sie unter dem Polster aufbewahrt. Rückblickend denke ich, es war schon immer klar, dass ich Schriftstellerin werde. Nach vorne blickend hatte ich jedoch bis vor drei Jahren keine Ahnung gehabt, was ich „werden möchte“. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens geglaubt, ich bin noch nicht, ich werde etwas. Jetzt fühle ich mich als Schriftstellerin. Ich glaube aber gleichzeitig auch: Wenn ich z.B. Gärtnerin geworden wäre, würde ich auch einen Weg sehen, der sich seit meiner Kindheit bis heute klar durchziehen würde und als offensichtlichste Wahl erscheint.

Was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig und welche aktuellen Projekte gibt es?

An meinem Schreiben ist mir wichtig, dass es weiterhin aus meinem eigenen Bedürfnis, etwas mitzuteilen, entsteht. Dass dieses Etwas, das mitgeteilt werden möchte, das Wichtigste bleibt und weder dem Mitteilenden noch dem Empfänger Vorrang gibt.

Ich würde auch echt ungern ein tour de main, eine Handfertigkeit entwickeln, die mir das Schreiben leicht machen würde. Eine künstlerische Geste kann man leicht nachmachen, die ist dann aber von allen möglichen leeren Gesten die unnötigste.

Was kommt unbedingt auch in den Reisekoffer für Klagenfurt?

Meine neuen Samtschuhe. Ich möchte nicht oberflächlich klingen, aber alle meine Schuhe sind dreckig, ich gehe seit Jahren sehr wenige Asphaltwege, und ich erfreue mich ihrer sanften Unbenutztheit.

Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!

Bachmannpreis 2022 _ Teilnehmer:innenvorstellung:

Ana Marwan_Schriftstellerin 

Foto_Marijan Močivnik

Walter Pobaschnig 6_22

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„Gestern“ Beate Kniescheck_Autorin _ Give Peace A Chance _ Wien 18.6.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gestern

Im Schlaf

Vodka gerochen und

Erbrochen



Palisaden

Errichtet

Ausstaffiert mit

Camouflageanzügen von

Edelweisspiraten



Aufgewacht. Seither



Changieren zwischen

Hilflosigkeit und

Alptraumhafter Lähmung.

Nie wieder. haben wir gesagt. Und jetzt?

Courage, sie zieht weiter, stumm und verschwiegen

Erreichen wir ihn noch, den Frieden?


Beate Kniescheck, 3.6.2022

Beate Kniescheck_Autorin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Beate Kniescheck_Autorin

www.kniescheck.com

Foto_Ferry Nielsen

Walter Pobaschnig _ 3.6.2022.

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