„Wir alle haben Grenzen und sind verwundbar!“ Dagmar Bernhard, Schauspielerin_Wien 25.6.2020

Liebe Dagmar, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich widme mich in dieser Zeit Büchern, mache Yoga, meditiere, entschleunige, geh in den Wald, probiere viele neue Rezepte aus, mache das ein oder andere kreative Video. Meine Aktivzeit hat sich auch bis in die Nachtstunden (2.00/3.00)  verschoben – da ist es ruhig – da bin ich am kreativsten. Es ist mir auch gelungen via Zoom das Comedy Projekt mit den Teilzeitdivas fertig zu schreiben. Mittlerweile darf ich mich über den einen oder anderen Echtzeittalk im Kaffeehaus und meine ersten Drehs, die wieder stattfinden durften, freuen.

 

Dagmar Bernhard_

 
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In dieser Zeit ist es wichtig zusammenzuhalten, niemanden zurückzulassen. Solidarität und Gemeinsinn ist hier ganz wichtig, denn nur gemeinsam werden wir aus dieser Krise gut rauskommen. Und eine weitere notwendige Komponente ist der Humor, denn wie Joachim Ringelnatz schon richtigerweise gesagt hat: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.

 
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, dem Film, der Kunst an sich zu?

Die Corona Krise hat uns vor Augen geführt, wie so vieles, was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben, alles andere als selbstverständlich ist und: Dass wir alle Grenzen haben und verwundbar sind!

Ich hoffe, dass durch dieses Chaos etwas erwächst, das uns stärker aus dieser Krise hervorgehen lässt und unsere Berufsgruppe sich den staubigen Mantel des „sind wir überhaupt systemrelevant“ – einfach abstreifen kann und wir im neuen würdevollen Gewande wieder strahlen können.
Die Rolle des Theaters, des Films und der Kunst war schon immer eine überlebenswichtige Nahrung für den Geist und die Seele, begonnen bei den Griechen bis zur heutigen Zeit. Ohne Kunst und Kultur verkümmert der Mensch!

 

 

Was liest Du derzeit?

Erich Fromm – Haben oder sein

 

 

Welches Zitat, möchtest Du uns mitgeben? 

Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt, und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.  – Max Reinhardt

 

Vielen Dank für das Interview liebe Dagmar, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dagmar Bernhard, Schauspielerin

https://www.dagmarbernhard.com/

 

31.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Walter Pobaschnig

 

„Wir hätten die Chance, die Probleme anzugehen“ Michaela Kaspar, Schauspielerin_TAG Theater Wien_24.6.2020

Liebe Michaela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich werde recht liebevoll und nicht gar zu früh geweckt von meinen beiden Kindern. Fertig machen, gemeinsames Frühstück, Haushalt, Einkauf, Kochen, meine Tochter in den Mittagschlaf begleiten, Jause, Park gehen oder einen Ausflug machen, Abendessen. Dazwischen und immerzu wird gespielt und getanzt was das Zeug hält. Reihenfolge ohne Gewähr.

Eingeflochten in den Tag werden berufliche virtuelle Meetings und Proben oder wie unlängst Aufnahmen zu einem Hörspiel, das wir mit dem TAG- Theater in der Gumpendorfer Straße über Zoom aufgenommen haben.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Ein großer Garten.

Bei sich bleiben- sich nicht aufreiben (lassen), Informationsquellen überprüfen.

Wie in anderen Zeiten auch- konstruktiver und wertschätzender Umgang miteinander.

Sich in starken Netzwerken organisieren für die versprochene rasche finanzielle Hilfe für betroffene Berufsgruppen.

Die solidarische Weltgesellschaft ist eine Utopie, die radikale Transformation der Wirtschaft unwahrscheinlich. Trotzdem hätten wir die Chance, die Probleme, die diese Krise wie die vielzitierte „Lupe“ für uns sichtbarer macht, anzugehen. Allerdings schwindet mein anfänglicher Glaube daran, dass die Situation in der wir uns gerade alle befinden, ein Momentum für Neues sein könnte.

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(Szenenfoto_Medea_TAG Theater Wien_2019)

 

 Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?

Ha! Die Rolle der Kunst- diese Frage lässt sich nicht in einem kurzen Statement klären. Kunst an sich ist für mich immer ein Ausdruck menschlichen Daseins. Sie spiegelt wider, was die Gesellschaft bewegt, bietet Reibungsfläche. Insofern könnte sie weiterhin tun, was sie auch zu anderen Zeiten tut.

Uns spiegeln, uns berühren, uns aufrütteln, uns verstören und verängstigen, uns erregen, unsere Werte in Frage stellen, in uns Zweifel aufwerfen, uns sensibilisieren, unsere Fantasie beflügeln, uns träumen machen, Visionen und Perspektiven aufzeigen, uns nachdenklich machen, uns fühlen lassen, uns mitreißen, unsere Leidenschaften und Sehnsüchte erwecken, uns Schönheit erfahren lassen, das Hässliche sichtbar machen und so vieles mehr. Und zu guter Letzt darf Kunst auch einfach unterhalten, uns zerstreuen und uns zum Lachen bringen.

Das alles setzt einen aufgeschlossenen, interessierten und neugierigen Rezipienten voraus- vielleicht ist das auch das, was schon immer wesentlich war für uns alle in dieser Welt und dem jetzt eine noch größere Bedeutung zukommt.

 

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(Szenenfoto_Medea_TAG Theater Wien_2019)

 

Was liest Du derzeit?

Das Malspiel und das Leben, Arno Stern

Die Welt von Gestern, Stefan Zweig

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Und noch kann uns der Himmel auf den Kopf fallen. Und das Theater ist dazu da, uns zunächst einmal dies beizubringen.“ Antonin Artaud

 

Vielen Dank für das Interview liebe Michaela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michaela Kaspar, Schauspielerin

http://www.dastag.at/ueberuns/ensemble/kaspar.html

 

Szenenfotos_Michaela Kaspar_Julian Loidl_Medea_TAG Theater Wien_ 26.11.2019 _ alle Fotos_Walter Pobaschnig.

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich glaube immer mehr, dass Kunst und Kultur uns leben lassen“ Amrei Baumgartl, Schauspielerin_Wien 23.6.2020

Liebe Amrei, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eine klare regelmäßige Routine hat über die ganzen letzten Wochen hinweg noch immer nicht wirklich Einzug gehalten in meinem Tagesablauf. Den Großteil des staatlich verordneten „Lockdowns“ habe ich in Graz verbracht, da wurde die Probenzeit Mitte März zwar abrupt unterbrochen, aber eine WG mit lieben Kollegen erschien mir verlockender, als zurück in (m)eine leere Wohnung nach Wien zu reisen. Drei Projekte sind aufgrund von Corona bei mir nun ausgefallen bzw auf unbestimmte Zeit verschoben, was mich derzeit bis in den Herbst hinein mit sehr viel frei verfügbarer Zeit und viel Ungewissheit zurücklässt.

Hier in Graz genieße ich vor allem den Luxus der Natur, gehe an der Mur spazieren, sitze am Schlossberg in der Sonne, meditiere und suche vor allem in einer Zeit, wo sich Regeln, Anordnungen und Angaben im Außen manchmal fast täglich ändern, Ruhe und Stabilität im Innen – und bin dabei so sehr dankbar, dass all diese Ungewissheit in eine Jahreszeit fällt, die uns Fülle, Leben und Neubeginn zeigt und spüren lässt.

Schon beinahe unbewusst passiert auch eine Reflexion in mir, denn dafür ist nun wirklich einmal Zeit. Den eigenen Weg zu betrachten, zu sehen wieviel davon einem vielleicht einfach „passiert“ ist, was man wirklich forciert und fokussiert erreicht hat und wie man die Weichen für die Zukunft stellen will.

Natürlich fehlt mir das Spielen, das Rollenvorbereiten und -erforschen und all diese stark pulsierende Lebendigkeit, die für mich mit dem darstellerischen Prozess einhergeht und mich ausfüllt, sehr – grundsätzlich fühle ich mich lebendiger, wenn ich spiele/spielen darf.

Neben all diesem „inneren Aufräumen“ kommt auch der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen nicht zu kurz – und sei es manchmal auch nur, um sich gegenseitig aufzubauen und zu versichern, dass man füreinander da ist, dass jede und jeder einzelne von uns relevant ist. Wir sind nämlich systemrelevant – alle in Österreich lebende Menschen. Die Krisenbewältigung und die Maßnahmen rund um das Coronavirus verdeutlichen stark, in welchem Wertesystem unser Staat/unsere Regierung denkt und agiert – und da sind wir von Gleichberechtigung weit entfernt. Niemand ist irrelevant oder weniger wert von einem sozialen und/oder wirtschaftlichen Netz aufgefangen zu werden – nur leider wird von öffentlicher Seite genau das Gegenteil kommuniziert und auch ausgeübt.

 

Amrei Baumgartl_

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es daher gerade jetzt besonders wichtig, dass jede/r einzelne von uns diese Gleichwertigkeit und den mitmenschlichen Respekt propagiert und lebt. Das fängt bei vermeintlichen Kleinigkeiten im Alltag an, wie zum Beispiel aus Respekt zu den Mitmenschen einen Mindestabstand einzuhalten (sei es auch nur aufgrund von potentieller Sinnhaftigkeit – schaden tut es niemanden) und geht hin bis zu Hilfestellungen für Menschen in Not (ältere/kranke Nachbarn, Bekannte, die unter Depressionen leiden, Unterstützung von karitativen Einrichtungen etc.)

Unterm Strich, sitzen wir was diese Pandemie anbelangt, „endlich“ einmal ausnahmslos alle im gleichen Boot – wäre doch toll, wenn uns diese Tatsache wohlwollender und freundlicher miteinander werden lässt und nicht (noch) verschlossener und verbitterter.

Was für uns alle jetzt also besonders wichtig ist? Freundlich zueinander sein, uns herzlich begegnen, anlächeln – geht auch unter der Maske – aufeinander schauen, menschlich sein.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Sowohl gesellschaftlich, als auch persönlich fände ich es großartig, wenn wir uns darauf besinnen wieder stärker von innen nach außen zu leben – derzeit kommt es mir so vor, als geschähe oft genau das Gegenteil.

Was einen individuellen Aufbruch und Neubeginn betrifft, so hoffe und wünsche ich mir für uns alle, dass ein Umdenken stattfindet, ein Besinnen auf „was ist mir persönlich wirklich wichtig?“ und ein – wenn auch anfänglich vielleicht nur schrittweises oder zaghaftes – dementsprechendes Handeln. Wesentlich dabei, denke ich, wird vor allem viel Mut und eine große Portion Ehrlichkeit mit sich selbst sein, um all die fremden Muster, Glaubenssätze und eingefahrenen Strukturen zu durchbrechen. Wenn all das weg fällt, bleibt mehr – dann bleibt nämlich alles, was wesentlich ist.

„(…) ein Vergnügen ohne Verlangen, eine Existenz ohne Dauer, eine Schönheit ohne Willen. Denn die Kunst ist die Emotion ohne das Verlangen.“ ( Muriel Barbery, „Die Eleganz des Igels“)

Ich glaube immer mehr, dass Kunst und Kultur uns leben lassen – weg vom nackten Existieren und Funktionieren hin zum Leben. Wohin retten wir uns, wenn wir uns verloren und verzweifelt fühlen, wonach suchen wir, wenn wir endlich mal wieder genießen und feiern oder uns einfach ablenken wollen? Musik, Bilder, Menschen, die uns in andere Welten (ent-)führen und all das in einem „geschützten“ Rahmen, denn ich als RezipientIn bin jederzeit frei zu wählen, wie sehr ich mich auf Kunst einlasse und wann ich lieber distanziert daran teilnehme.

Ich glaube, dass Theater immer mehr und nun auch wieder stärker ein selbstgewählter willkommener Ort der Begegnung sein wird, ein Ort des miteinander Erlebens und des Austauschs. Wir Menschen sind „Herdentiere“ und auf kurz oder lang sehnen wir uns nach Gemeinschaft und Momenten, die wir miteinander teilen können.

 

 

Was liest Du derzeit?

Gerade habe ich (endlich einmal) „Sommergäste“ von Maxim Gorki zu Ende gelesen – das hab ich bis jetzt nur auszugsweise gekannt. Als Kopfkino und zum „Abtauchen“ lese ich jetzt (wieder einmal) „Kunststücke“ von Rolando Villazón, eines meiner Lieblingsbücher, das ganz behutsam, mit viel Humor und leiser Melancholie vom Alltag eines Clowns erzählt und dabei Fantasie – und Wachwelt fast unbemerkt zu einem Leben verschmelzen lässt. Große Empfehlung!

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da gäbe es viele, aber spontan, weil eben gerade erst gelesen, aus Maxim Gorkis „Sommergäste“:

„Im Herzen Herrschaften fühle ich: es ist notwendig, es ist unerlässlich in den Menschen das Bewusstsein ihrer Würde zu wecken. In allen Menschen…in allen. Dann wird keiner von uns den anderen beleidigen. (…) lebt es sich leichter, fröhlicher unter Menschen, die sich ständig über das Leben beklagen? Seien wir doch gerecht (…) Was tragen wir alle zum Leben bei? Sie, ich, du?“

Sollte das als abschließendes Zitat zu trist sein, führe ich gerne noch ein schönes Lebensmotto von Pema Chödrön an:

„You are the sky, everything else is just the weather.“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Amrei, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Film- und weiteren Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Amrei Baumgartl, Schauspielerin

https://www.amrei-baumgartl.net/

Foto: Nicolas Galani

 

3.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

 

 

 

„Literatur, Kunst ist das, was zwischen dem Werk, dir und all dem Rundherum passiert“ Judith Nika Pfeifer, Schriftstellerin_Berlin_22.6.2020

Liebe Nika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hm, im Vergleich zu wann..? Das ändert sich mit den Orten, an denen ich bin und den Menschen, von denen ich umgeben bin. In den vergangenen Jahren war ich viel unterwegs, permanent am Arbeiten auf Reisen in Indien, Marokko, Arizona, Brüssel, Berlin, Frankreich, Italien, das waren superspannende Erfahrungen. Noch bis vor kurzem war ich mit einer Residency in Washington, wir haben an einem Audio-Projekt gearbeitet. Durch die Pandemie musste ich meine Gastprofessur abbrechen, weil meine Health Insurance plötzlich ungültig wurde, was wiederum mein Visum beeinträchtigt hat. Die Georgetown University hat sehr bald auf COVID-19 reagiert und bereits früh den ganzen Betrieb auf Online umgestellt und meine students und ich konnten via Zoom den Audio Walk fertig machen. Ich wäre sehr gern länger geblieben. DC ist eine unglaublich spannende, bunte und alternative Stadt abseits von dem, was einem medial vermittelt wird, mit einer tollen Musikszene! Also, mein Tagesablauf: Aufstehen, ich hab mir eine Art Morgenroutine zugelegt, an die ich mich aber nicht immer halte, bisschen YouTube Yoga oder raus ins Grüne, schreiben, meditieren oder auch nicht, duschen, frühstücken, loslegen mit dem was zu tun ist. Das sind dann Projekttreffen, Skype-Meetings, Audio-Editing, schreiben, konzipieren. Lesen, News & Literarisches, überlegen wie es weiter geht. Wie eh auch immer schon. Wenn es zu viel wird und sich zu überwältigend anfühlt, raus in die Natur oder Leute treffen. Mit Freund*innen telefonieren, videochatten. Musik hören! Lärm machen. Mitsingen. Tanzen. Schreiben. Radfahren. Recherchieren. Das, was mir am Herzen liegt stärken & unterstützen. Mit Abstand auf die Strasse gehen. Neue Dinge lernen. Feiern. Ins Bett gehen. Schlaf ist eine tolle Reset-Taste.

 

Judith Nika Pfeifer

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Puuuh, also generell im Leben ist es denke ich wichtig, sich einen Doppelblick bewahren: Auf das schauen, was im Argen ist und zugleich darauf, was alles an Gutem passiert und bereits passiert ist. Versuchen, alles vermeintlich Negative als Chance zu sehen. Eigene Vor-Urteile abbauen, sich engagieren — Be an accomplice, but please: Stay in your lane! Zusammenhalten, und teilen. Für andere da sein. Dabei bei sich bleiben, schauen, was man selbst braucht. Sich Hilfe holen, wenn nötig. Aktiv werden auch im Kleinen. Feiern! Das Leben ist immer noch ein Fest. Antizyklisch sein, ein großer Lebensrat meines Vaters, er hat auch immer gesagt: Scheiß da nix! Und kollektiv: Aufhören, in denial zu leben. Es ist an der Zeit, dass Europa Stellung bezieht, sich bekennt zu seiner jahrhundertelangen Rolle und Mitverantwortung für den Zustand der Welt. Ich denke, das Wichtigste ist, dieses weltweite System, das auf einer künstlich erzeugten “Knappheit” basiert und über Gier und Angst und Ausbeutung von Menschen und unserer Umwelt funktioniert, umzustellen auf eines, das auf Kooperation und Verteilung des natürlichen Reichtums aufbaut. Das geht nur über einen Shift in unserem Wertesystem. Wild denken. Und ganz einfach: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte leben & anwenden & justiziabel machen! Z.B. direkt, jetzt & gleich an den EU-Außengrenzen! Generell den Umgang mit unseren Ökosystemen überdenken. Alles fühlt, um es mit den Worten des famosen Andreas Weber zu sagen, er ist Naturwissenschaftler, Meeresbiologe, Kulturwissenschaftler & Philosoph — schwere Leseempfehlung!! In den Wissenschaften bahnt sich eine Revolution im Verständnis von Leben und Lebewesen an. Und das ist eine wunderbare Entwicklung. All things are alive. Wenn man sich indigenes Wissen anschaut, war das immer schon glasklar und gar nicht revolutionär.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Nett geknebelt könnte man sagen, die Antwort darauf, welche Rolle der Literatur oder Kunst zukommt, hängt von der Haltung ab. Nimmt man “L’art pour l’art” in den Blick, also, dass sich Kunst gerade durch ihre Funktionslosigkeit und Autonomie auszeichnet, dann geht es darum, die Annahme, dass Kunst eine Rolle erfüllen könnte, zu hinterfragen. Was wiederum keinen Sinn macht, wenn man unseren Umgang mit Kunst im Alltag im Blick hat: Da ist die These, Kunst und Literatur hätten gar keine Funktionalität wenig überzeugend. Auch wenn sie nur für sich ist, ist die Kunst auch immer für uns da: Wir schauen uns Bilder an, tanzen zu Musik, singen Songs, lassen uns durch Filme, Bücher etc. ablenken und unterhalten, lesen Gedichte, nutzen Gemälde als Geldanlage, als Informationsvermittler, ziehen über sie Rückschlüsse auf Praktiken, spezifische Vorlieben einzelner Epochen und gesellschaftliche Spielregeln vergangener Zeiten. Wir thematisieren Konflikte, entwerfen Zukunftsszenarien. Doch auch wenn der Künstler/ die Künstlerin dem Werk eine Funktion geben möchte oder vielleicht auch gibt, ist es letzten Endes völlig unerheblich, was er oder sie mit dem Werk sagen will. Kunst hat ganz klar ein Eigenleben. Die Frage ist: Was sagt es mir, was kann ich in dem Werk entdecken? Darum geht es. Kunst ist das, was zwischen dem Werk, dir und all dem Rundherum passiert.

Spannend finde ich im Moment ja all die neuen Fragen der Kommunikation: Dieses Wechselspiel: Wie sind wir digital und analog miteinander verbunden? Was wird dadurch möglich oder im Gegenteil verunmöglicht? Oberflächlich wird “analog” ja oft mit Vergangenheit und “digital” mit Fortschritt gleichgesetzt, dabei ist es ungleich komplexer. Vieles lässt sich digital einfach so gar nicht umsetzen. Und umgekehrt.

Ganz allgemein sehe ich die Rolle von Literatur und Kunst als eine des Übersetzens, Containens, Verstärkens, der eines Katalysators, Ermöglichers, Vehikels, Zündstoffs, eines Mediums, einer Raumzeitkapsel, einer Plattform. Je nachdem wer schreibt bzw. Kunst macht und also selbst als Medium agiert. Da ist es wichtig, herum zu fühlen, Ideen zu spinnen, auf gegenwärtige und vergangene Diskurse zu schauen, Hierarchien im Blick zu haben, sich — moralinfrei — mit der Welt mitdrehen und den Humor bewahren, einfach wahrzunehmen, wie sich die Dinge verschieben, zu schauen: Was ist es denn, was sich zeigt bzw. zeigen will und welche Form nimmt es an? Das Tolle ist, dass man aus allem etwas machen kann.

 

 

Was liest Du derzeit?

 Gerhard Rühms “um zwölf uhr ist es sommer”

“Night Sky with Exit Wounds” von Ocean Vuong

von Ling Ma “Severance” und

“Träume von Räumen” von Georges Perec

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 

alles was man sagen kann

kann man auch beiläufig sagen

 elfriede gerstl

 

Klassiker auf Klassiker, Wittgenstein brilliant ge-tweakt oder besser gesagt: grandios ver-gerstlt 🙂

 

“subvers in spe

to apocalypse

apocalypse later

weltuntergehe dich

später”

 

herbert j. wimmer

 

 

 

Oder wenn’s von mir was sein soll

 

„to be announced:

jede/r hat a angst

leave a reply

 

reply:

 

spread the word:

jede/r hat antworten

leave a fear“

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg für Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Judith Nika Pfeifer, Schriftstellerin, 

http://www.judithpfeifer.com/welcome/hello_hello.html

 

8.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

„Ich sehe keinen Neubeginn – nur das immergleiche Rad“ Lydia Haider, Schriftstellerin_Wien 19.6.2020

Liebe Lydia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jetzt? In Corona oder wegen des Bachmannpreises?
Mein Tagesablauf war und ist immer anders – aber Regelmäßigkeit, so eine biedere oder spießbürgerliche immergleiche Abfolge des Lebens, sind auch mein allergrößter Feind. Ich habe mir mein Leben schon so gebaut, dass das unmöglich ist/wird.

 

Lydia Haider Querformat (c) Karin Hackl

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht, was für UNS wichtig ist. Ich weiß nicht einmal, was für MICH wichtig ist.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst zu?

Ich sehe keinen Neubeginn – nur das immergleiche Rad, das sich dreht und dreht und dreht.

 

Was liest Du derzeit?

Marianne Fritz: Dessen Sprache du nicht verstehst

 

Welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

Mehr Vielfalt, weniger Einfalt.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lydia, viel Freude und Erfolg für Dein großartiges aktuelles Buch als Herausgeberin  –  „Und wie wir hassen!“  15 Hetzreden; Verlag Kremayr&Scheriau, 2020  – und für den Bachmannpreis wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lydia Haider, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

https://bachmannpreis.orf.at/stories/3047041/

link zum buch:  https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/und-wie-wir-hassen/

 

3.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ich fände das gut, wenn sich die Prioritäten verschoben hätten“ Katja Schönherr, Schriftstellerin_Zürich 20.6.2020

Liebe Katja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch Homeschooling und fehlende Kinderbetreuung recht fremdbestimmt. Jedenfalls komme ich nur wenig zum Lesen und noch weniger zum Schreiben. Aber eine Rückkehr zum Alltag, in dem ich wieder arbeiten kann, zeichnet sich ja glücklicherweise allmählich ab.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesunder Menschenverstand.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Ist es so? Stehen wir vor einem Aufbruch und Neubeginn? Ich fände das gut, sehr gut sogar, wenn uns die Lockdown-Zeit dazu gebracht hätte, sämtliche Selbstverständlichkeiten zu überdenken und zu fragen, wie wir danach weitermachen wollen. Wenn sich die Prioritäten verschoben hätten. In meiner Wahrnehmung aber dreht sich zumindest die politische Debatte überhaupt nicht um einen Neuanfang, sondern nur darum, möglichst schnell wieder in den Zustand zurückzukehren, der davor herrschte – ungeachtet sämtlicher ökologischer und sozialer Konsequenzen.

 

Was liest Du derzeit?

Ann Petry: „The Street – Die Straße“.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus Roland Barthes‘ „Die Vorbereitung des Romans“: „Um Zeit zum Schreiben zu haben, muss man auf Leben und Tod gegen Feinde kämpfen, die diese Zeit bedrohen.“ Diese Formulierung finde ich nur unwesentlich überdramatisiert.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katja, viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman – „Fünf Tage im Mai“, Klett-Cotta Verlag, 2019 –  und  den Bachmannpreis wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katja Schönherr, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

http://katjaschoenherr.de/

Foto: Suzanne Schwiertz

 

6.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Literatur muss sichtbar machen“ Hanna Herbst, Schriftstellerin_Köln 18.6.2020

Liebe Hanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Während ich diese Zeilen schreibe sieht er noch ganz anders aus. Ich muss in keinem Büro sein und beziehe ein Stipendium, also stehe ich morgens auf, gehe eine Runde mit dem Hund spazieren, und setze mich dann vor den Laptop, um zu schreiben. Aber ab Juni sitze ich wieder in einem Büro (wohl zu beginn nur von zu Hause aus) und werde wieder sehr wenig zum Schreiben kommen.

 

Hanna Herbst _ Ingo Petramer

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einen Apfel am Tag essen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Ich würde es gar nicht Aufbruch oder Neubeginn nennen. Vielmehr Menschen werden unter der Armut leiden, die die vergangenen Monate für ihr weiteres Leben bestimmt haben, viele Menschen werden daran sterben, viele wissen nicht, wie es weiter gehen kann, haben keinen Aufbruch und keinen Neubeginn vor Augen. Literatur und Kunst muss das sichtbar machen, aber auch Momente bieten, in denen man vor diesem Horror in eine Parallelwelt fliehen kann.

 

Was liest Du derzeit?

Zerschlagt die Banken von Rudolf Hickel

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Aus Janoschs Wörterbuch:

Alsdann! Eine Art Schlachtruf des willigen Menschen, der sich nach langer Prüfung entschließt, aus irgendeinem Grund irgendetwas dann doch beginnen zu wollen. Man ruft mehr oder weniger laut dieses »Alsdann! « aus, stellt sich vor die anstehende Tat hin, wobei es gut aussieht, wenn man sich dabei leicht die Hände reibt. Dann könnte man zur Tat schreiten. Besser wäre es, diesen verpflichtenden Schlachtruf durch ein »Warum denn nicht?« zu ersetzen. Denn dann wäre ein Rückzug von der Tat noch möglich, gibt es doch immer einen Grund, etwas nicht zu tun.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Hanna, viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis und ebenso für alle weiteren Projekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Hanna Herbst, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

https://bachmannpreis.orf.at/stories/3047116/

 

 

29.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Ingo Petramer

„Neubeginn ist eine Illusion. Leider“ Carolina Schutti, Schriftstellerin _ Innsbruck 17.6.2020

Liebe Carolina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment vermesse und „neutralisiere“ ich mein Wohnzimmer, klebe bunte Pünktchen als Markierungen für Kamerastativ, Barhocker, Fußablage, Topfpflanze auf das Parkett, experimentiere mit Licht, beschäftige mich mit Bildaufbau, übe, freundlich dreinzuschauen, ohne zu lächeln, konzentriert zu wirken, ohne abzuschrecken, die Kameralinse zu fokussieren, ohne zu schielen… löse die Pünktchen wieder, verschiebe alles um einen Millimeter, suche eine Ersatzglühbirne für alle Fälle – bin also gut ausgelastet.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Atmen.

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich dabei zu?

Neubeginn ist eine Illusion. Leider.

 

Was liest Du derzeit?

Milchmann von Anna Burns. Das Buch bestätigt, woran ich unbedingt glaube: Ausreichend Zeit verstreichen lassen, um der Essenz eines Ereignisses, einer Epoche, einer Person / Figur auf die Spur zu kommen. Der Verlockung widerstehen, diesem Consommé erneut Wasser hinzuzufügen, um scheinbar leichtere Genießbarkeit zu erzeugen. Die Intensität aushalten. Bruchlinien zelebrieren. Darauf vertrauen, dass Leserinnen und Leser belesene Menschen sind, die mit Irritationen umzugehen wissen.

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Darf es ein eigener Vierzeiler sein? Mit einem Paddel / hebt sie den toten Fisch / aus dem Wasser / in dem ihre Kinder schwimmen.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Carolina, viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis und Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Carolina Schutti, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

http://www.carolinaschutti.at/home.html

 

16.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Jörg Piringer _ über seine Bewerbung, die Leseaufzeichnung und Textinspirationen zum Bachmannpreis 2020_17.6.2020

Interview Teil II

Jörg Piringer _ über Bewerbung, Leseaufzeichnung und Textinspirationen.

 

Wie war das Prozedere Deiner Bewerbung und Einladung für den Bachmannpreis?

Letztes Jahr wurde ich fünfundvierzig und da überlegte ich, was will ich geschafft haben bis ich fünfzig bin. Ich habe also so einen 5 Jahresplan gemacht. Und einer dieser Punkte war, beim Bachmannpreis teilzunehmen.

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Ich habe bis jetzt immer wieder beim Bachmannpreis interessiert zugesehen und mich heuer zum ersten Mal beworben. Ich dachte, wie es wohl wäre mich einzubringen.

 

Im Herbst letzten Jahres habe ich überlegt, welchen Text ich schreiben werde. Es ist dann immer ein Phasenprozess im Schreiben. Ich schreibe viel, brauche dann Abstand, Pausen und montiere dann Passagen. Bis zum Jänner dieses Jahres hatte ich den Text fertig geschrieben und eingereicht. Es war eine sehr intensive Beschäftigung.

 

Mitte April wurde ich informiert, dass der Bachmannpreis stattfinden wird. Mir wurde dann freigestellt wo ich die Leseaufzeichnung machen möchte. Ich dachte zunächst es gibt vielleicht einen angebotenen Studioraum im ORF, dem war aber nicht so. Ich habe dann Fotos von meinem Studioatelier und meiner Wohnung zur Ansicht geschickt, wobei ich das Studio schon favorisierte. Auch aufgrund des Lichtes.

 

 

Welche Inspirationen gibt es für Deinen Bachmann_Text?

Es gibt viele Inspirationen. Die Jetztzeit steht im Mittelpunkt. Fragen wie: Was passiert gerade in sozialen Medien? Wie entwickeln sich gesellschaftliche Stimmungslagen und welche Kipppunkte gibt es da?

 

 

Wie gehst Du jetzt auf den Bachmannpreis zu?

Dieses online setting des Bachmannpreises ist für mich als Lesender einerseits entspannend, da die Lesung schon vor-aufgezeichnet ist und ich meine Arbeit gleichsam schon getan habe. Das Einzige was noch zu tun ist, ist dann daneben zu sitzen und möglichst klug dreinschauen. Andererseits ist es natürlich sehr sehr schade. Ich war ja selbst noch nie vor Ort in Klagenfurt. Es hätte mich der Ablauf schon sehr interessiert. Schön wäre es, vielleicht nächstes Jahr dort zu sein? Ob uns der Veranstalter dazu einlädt?

 

Ich gehe jetzt sehr neugierig auf den Wettbewerb zu. Es ist aufregend, zwar nicht so sehr wenn ich live vor Ort lesen müsste, aber doch. Auch vor der Aufzeichnung war ich etwas aufgeregt. Ich wusste nicht ob der Text von der Länge her passen würde. Aber es ist sich ausgegangen. Ich lese allerdings auch relativ schnell. Ich bin gespannt was passiert. Jetzt ist es natürlich ganz anders und umso spannender, wenn der eigene Fuß in der Tür ist.

 

Kannst Du uns das Setting der Aufzeichnung Deiner Lesung erläutern?

Die Lesung wurde in meinem Atelier-Studio in Wien aufgenommen. Der ORF war mit drei Kameras vor Ort. Die Idee war, dass es keinen Schnitt gibt. Ich habe also den gesamten Text am Stück gelesen. Ich habe einmal gelesen und das wurde gleich genommen. Ich war sehr froh, weil es doch anstrengend ist. Ich hatte mich zum Glück nicht so oft verlesen (lacht). Ob ich im Zweifelsfall nochmal lesen hätte können, habe ich jetzt nicht gefragt. Ich denke schon.

Jörg Piringer Studiojiu

 (Studio_Atelier_Jörg Piringer_Wien)

Gab es spezielle Vorbereitungen Deinerseits?

Ich habe mich auf diese Leseaufzeichnung nicht speziell vorbereitet. Obwohl es natürlich eine spezielle Lesung ist. Ich bin aber ein schlechter „Über“. Ich probe gar nicht gern. Mich reizt dieses unmittelbare Erlebnis, Ereignis auf der Bühne. Ich fürchte immer etwas, dass das Proben davon etwas nehmen könnte. Bei dem Bachmann_Text übte ich allerdings, weil ich das Versprechen minimieren wollte. Ich muss mich bei der Lesung ja an den „Urtext“ halten. Das mache ich ja auf der Bühne nicht, da bin ich sehr frei im interaktiven Prozess von Text, Ich und Publikum.

Es gab jetzt keine besondere Inszenierung der Lesung, nur ein Grundarrangement der Kameras natürlich. Ich war aber froh, dass es nicht in meiner Wohnung war. Das Studio ist da nicht so privat.

 

Gab es ein Glas Wasser am Lesetisch?

Muss ich überlegen- getrunken habe ich jedenfalls nicht, da blieb keine Zeit beim Lesen. Ich brauche da einen Rhythmus und auch eine Schnelligkeit.

 

Wie hast Du, in Zeiten von Videokonferenzen, den Aufnahmehintergrund arrangiert?

Nicht besonders. Wenn ich mich richtig erinnere, ist mein 3D Drucker und mein Fahrrad zu sehen. Das hatte mit den Kamerapositionen und der Bewegung zu tun. Ja, doch, eine Sektflasche habe ich beiseite geräumt (lacht).

 

Wie war dieses neue ruhige Lese-Setting für Dich, Du bist ja Publikum und die Bewegung, Interaktion mit diesem gewohnt?

Ja, diese Spannung, die eine Publikumssituation erzeugt, fiel natürlich weg. Ich mache auch Performances, in denen ich ganz direkt mit dem Publikum interagiere. Etwa in dem ich Wörter aus dem Publikum aufnehme. Ich lese aber auch frontal. Mich interessiert das Ausloten verschiedener Bühnen-Modi. Aber ich bin auch Studioarbeit gewohnt, da ich ja für Lesungen öfters Texte vorab aufnehme. Ungewohnt war die Bewegung der Kameras um mich.

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Welches Schriftbild und welche Formatstruktur hast Du  beim Lesetext verwendet?

Es gibt ja die Proportionalschriften (Buchstaben sind individuell in der Breite abgestimmt – gängiger Buchdruck) und die mono-spaced Schrift (jeder Buchstabe ist gleich breit). Für diese Bachmann_Lesung habe ich eine duo-spaced Schrift verwendet, diese hat zwei verschiedene Breiten – dicke/dünne Zeichen. Die dünnen Zeichen sind halb so breit. Das ergibt für mich ein gutes organisches Schriftbild. Sie ist auch gut im Block zu setzen für eine Lesung. 

 

Bist Du mit Deinen KollegInnen des Bachmanpreises 2020 in Kontakt?

Ich bin mit den Wiener TeilnehmerInnen in Kontakt. Wir kennen uns auch schon länger. Wir haben uns auch vorgenommen zu den Lesungen zu treffen und den Wettbewerb gemeinsam anzusehen, das ist ja wesentlich lustiger.

 

Was würdest Du bei einer Preisverleihung sagen wollen?

Preisrede? – Natürlich zuerst danke, es wäre wohl eine spontane Dankesrede – weiteres? Da müsste ich nachdenken.

 

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Lieber Jörg, viel Freude und Erfolg!

 

Interview I

https://literaturoutdoors.com/2020/06/16/online-auftritte-sind-kein-vollwertiger-ersatz-fuer-reale-begegnungen-joerg-piringer-schriftsteller_wien-7-6-2020/

 

Jörg Piringer, Schriftsteller, Bachmannpreisteilnehmer 2020

https://joerg.piringer.net/

 

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Fotos_Walter Pobaschnig_Station bei Bachmann _ 15.6.2020

und Jörg Piringer_Studio-Atelier.

 

 

 

„Literatur ist ein Ort des Staunens, der Auseinandersetzung, der Begegnung, der Autonomie“ Lisa Krusche, Schriftstellerin_Braunschweig_17.6.2020

Liebe Lisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vieles ist gleich geblieben, nur einen meiner liebsten Schreiborte, der Computerraum in der Universität, den kann ich gerade nicht nutzen. Und ich hatte eine kurze, intensive Phase ungehemmten Konsums von Reality-Show-Formaten, die ich vor mir selbst mit dem Zuhause-bleiben-müssen entschuldigt habe.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das, was auch schon vorher wichtig war: Selbstreflexion, Verantwortung übernehmen. Antifaschistisches, antirassistisches, antiimperialistisches feministisches Denken und Handeln (lernen). Und, was ich mir auch sehr wünsche würde, online und offline: weniger (latente) Aggression, weniger Häme, mehr Rücksichtnahme.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Bei der Frage habe ich zuerst überhaupt nicht an Corona denken müssen, sondern an die Bilder des Black Lives Matter Bewegung der letzten Woche und des Wochenendes. Ich hoffe, dass wir diesbezüglich vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen. Wobei ich Neubeginn eigentlich einen schwierigen Begriff finde, weil er suggeriert, man würde auf einem unbeschriebenen Blatt eine ganz neue Geschichte schreiben. Dabei geht es gerade auch darum, sich zu fragen: Was gibt es für eine Geschichte? Welche Strukturen schreiben sich in uns und durch uns fort und woher kommen die? Und wenn man diese Fragen beantwortet hat, kann es auf diesem Wissen aufbauend zu einer Veränderung kommen.

Ich finde es immer schwer generalisierend und in Kürze darüber zu sprechen, welche Rolle die Literatur oder die Kunst hat oder haben sollte oder nicht haben sollte. Für mich ist sie ein Ort des Zuhörens, des Lernens, des Staunens, der Auseinandersetzung, des Denkens und Fühlens, des Trostes, der Begegnung, der Autonomie.

 

 Was liest Du derzeit?

Ich lese meist Verschiedenes parallel. Gerade „Der 35. Mai“ von Erich Kästner, als eine Art Kindheitsrevival, „Wie die Deutschen weiss wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus“ von Wulf Hund, „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung“ von Judith Butler und als Hörbuch „Children of Blood and Bone. Goldener Zorn“ von Tomi Adeyemi.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aber gibt es überhaupt so etwas wie nichts, wie das Nichts? Ich weiß es nicht. Ich weiß, wir sind noch hier, wer weiß, für wie lange, lodernd mit unserer Sorge, mit ihrem anhaltenden Gesang.“ Aus: „Die Argonauten“ von Maggie Nelson.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis und Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa Krusche, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

http://lisakrusche.com/

Foto_Charlotte Krusche

 

8.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com