„bestehende strukturen /netzwerke etc. zu erhalten und zu unterstützen“ Eva Bischof-Herlbauer, Projektionskünstlerin_ Wien 3.5.2021

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

früh morgens aufstehen / social media checken dazu den ein oder anderen espresso / telefonate erledigen und nebenbei dem putzteufel seinen tribut zollen / danach viel zeit mit einreichungen verbringen um zumindest die aussicht auf ein bisserl geld im börserl / und sobald sich die dunkelheit übers corona geplagt land legt und die telefone und sonstigen kommunikationswege still im schlaf versunken versuch ich mich kreativ zu betätigen – will heißen video cutten oder konzepte schmieden. ein paar kunden und aufträge sind uns dann ja doch noch geblieben – ansonsten wären wir schon längst  dem lockdown bedingtem untergang zum opfer gefallen.

Eva Bischof-Herlbauer_Projektionskünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 zusammenhalt und die hoffnung nie aufgeben 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“ 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

bestehende strukturen / kultur affine orte und firmen / netzwerke etc zu erhalten und zu unterstützen – denn das ist die basis unserer arbeit. vieles wird in trümmern liegen aber man darf dies nicht als das ende sehen es geht immer irgendwie weiter wenn zur zeit mehr schlecht als recht 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“

Was liest Du derzeit?

thor kunkel  / das schwarzlicht terrarium 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

shakespeare – die ganze welt ist eine bühne …

ich möchte diese bühne auch in zukunft nutzen um unsere kunst der welt zugänglich und konsumierbar zu machen  – um dies zu ermöglichen ist eine neue art von kreativität gefragt wege abseits der ausgetretenen pfade zu finden – wir lernen umzudenken, dinge aus anderen blickwinkeln zu sehen  – vielleicht das positive dieser krise – es entsteht viel neues im bereich innovativer techniken und kommunikation. 

Eva Bischof-Herlbauer_„Serie_Ignored Prayers“

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva Bischof-Herlbauer, Projektionskünstlerin

www.4youreye.at

Alle Fotos_Eva Bischof-Herlbauer

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Verdammt und vernichtet“ Kulturzerstörungen vom Alten Orient bis zur Gegenwart. Hermann Parzinger. Beck Verlag

Es ist Kultur in Werk, Austausch und Gespräch, die eine Gesellschaft prägt und die sie weiterentwickelt. Und die sie wesentlich trägt. Etwa in Zeiten besonderer Herausforderungen wie jetzt in einer Pandemie. Kultur und Kunst sind da wichtiger Anker im Sturm der Zeit, der Lebenswelten erschüttert. Und eben diese finden nun auch wesentlich Halt in Wort und Werk, Buch und Film, Musik, verschiedensten Ausdrucksformen von Fragen, Ansichten und Perspektiven wie auch der Möglichkeit von Ablenkung und Erholung darin…

Kultur und Kunst sind aber immer auch in einer kritischen Lage was ihre Möglichkeiten der Voraussetzung und Verwirklichung betrifft. Der Begriff der „Systemrelevanz“ ist dabei in diesen Zeiten der Pandemie öfters gefallen und es galt und gilt sich da zu behaupten und auf Wert und Nutzen für Mensch und Gesellschaft hinzuweisen.

Dieses Ringen der Gegenwart ist aber auch in der Geschichte immer wieder Herausforderung gewesen. Bewunderung wie unmittelbare, direkt oder verzögert, Zerstörung waren da oft sehr nahe beieinander. Jubel und Untergang. Triumph und Drama. Kunst und Kultur haben da viel zu erzählen…

Hermann Parzinger, Archäologe und Prähistoriker, Präsident der Stiftung preußischer Kulturbesitz, stellt im vorliegenden Buch „Verdammt und Vernichtet“ Kulturzerstörungen in der Weltgeschichte in fundierter wie eindringlicher Weise dar. In dreizehn Überblickskapitel über die Anfänge im Altertum, den byzantinischen Bilderstreit, der neuzeitlichen Reformation, das Zeitalter der Kolonialisierung, der französischen Revolution, des Nationalsozialismus bis zu islamistischen Zerstörungen der Gegenwart und kritischen Ausblicken der Gegenwart gibt der Autor einen kompakten Gesamtüberblick wie eine anschauliche Darstellung dieser dunklen Kapitel unser Menschheitsgeschichte in Schönheit wie Zerstörung und steten Neubeginn von Kunst und Kultur.

„Ein ganz wichtiges Buch, das Erinnerung und Mahnung wie Auftrag und Impuls für die Schönheit und Kraft wie auch Gefährdung von Kunst und Kultur zu aller Zeit ist“

Walter Pobaschnig 5_21

https://literaturoutdoors.com

„jeden Tag damit beschäftigt mit der Sehnsucht umzugehen“ Jeanne Werner, Schauspielerin_ Wien 2.5.2021

Liebe Jeanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe immer sehr früh auf, das hat sich verändert – ich schlafe tief und fest und wache früh auf. Glücklicherweise habe ich momentan das Privileg viel zu proben und zu drehen: Das ist erfüllend, dafür ist es aber nervenzehrend nicht zu wissen, wann wir wieder vor einem Publikum spielen oder wann beispielsweise wieder Filmfestivals stattfinden dürfen. Wenn ich nicht arbeite, gebe ich mich der Vorbereitung meiner Projekte oder den Kulturformen hin, die man auch in Ein- oder Zweisamkeit betreiben kann: Lesen, Filme schauen, kochen. Ich bin auch jeden Tag damit beschäftigt mit der Sehnsucht umzugehen, die sich gerade nicht stillen lässt: Nach Kultur, Familie, Gemeinsamkeit.

Jeanne Werner, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Menschen, die Krieg erlebt haben, haben mir kürzlich gesagt: Wir schaffen das, uns geht es doch gut. Neben dieser Art von Demut sind zur Zeit sicher zwei Dinge hilfreich: Verantwortung für sich und andere, und Akzeptanz. Ich habe in dieser Pandemie nach und nach gelernt, dass es nichts bringt, sie wegzuwünschen. Unser vorheriges Leben ist erstmals vorbei und wird in genau derselben Form hoffentlich auch nicht (sofort) wiederkommen: Die unreflektierte und unkontrollierte Art und Weise zu konsumieren, massiv zu reisen und sich dauernd mit anderen zu vergleichen. Ich habe gemerkt, wie wenig ich brauche. Was ich aber brauche, sind neue Begegnungen und Kultur. Es tut weh, dass die Theater und Kinos, sowie unzählige andere kulturelle Orte mit guten Hygienekonzepten, nicht offen sein dürfen. Sie könnten den Menschen auch in diesen schwierigen Zeiten Hoffnung und Rückhalt zu geben. Am Ende scheint die Impfung der einzige Ausweg gewesen zu sein, nicht ein verantwortungsvolles Miteinander. Klare und motivierende Botschaften hierzu habe ich in unserer medialen Öffentlichkeit und bei den Entscheidungsträgern in letzter Zeit stark vermisst.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich bin voller Hoffnung, dass etwas neu wertgeschätzt werden wird, das vorher völlig selbstverständlich schien: Das kulturelle Live Erlebnis. Ich weiß genauso wenig wie alle anderen, was nun kommen wird, und welche Rolle wir dabei spielen werden: Aber dass wir wieder zusammen ‚feiern‘ wollen, sei es in einem vollen Theatersaal oder in Form gemeinsamer körperlicher Betätigung in einer Sporthalle, oder wie auch immer… ich bezweifle stark, dass wir den Drang danach verlernen.

Was liest Du derzeit?

„Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski. Ein sehr lebensbejahendes Buch.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mascha Kaléko: „Rezept“

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Vielen Dank für das Interview liebe Jeanne, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jeanne Werner, Schauspielerin

Jeanne Werner – theatre and film actress – Home (jeanne-werner.com)

Foto_Chloé Weydert

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„wie sich mit einer Käsereibe zu rasieren“ Holger Schober, Schauspieler_Wien 2.5.2021

Lieber Holger, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eigentlich nicht sehr anders als vor der Pandemie. Aufstehen, mit dem Hund raus gehen, Kind versorgen und ab an den Computer. Das Schreiben von Theaterstücken und Drehbüchern ist ja an sich ein sehr einsamer Prozess, wo man sich schon unter „normalen“ Umständen vorkommt, als wäre man in Quarantäne. Die Tage verschwimmen und wenn man keine schulpflichtigen Kinder hätte, würde man überhaupt nicht mehr wissen, was für ein Tag eigentlich ist. Das ist jetzt auch so, mit dem Unterschied, dass meine Frau im Nebenraum sitzt und das gleiche erlebt. Was sich natürlich geändert hat, ist  der Pegel an Hoffnung und Optimismus, dass das alles in absehbarer Zeit besser wird. Der geht nämlich immer weiter nach unten, an manchen Tagen hat man das Gefühl, dass man die Anzeige gar nicht mehr lesen kann.

Ich habe ja im November 2020 das SZENE Waldviertel Festival übernommen, das ab Herbst unter seinem neuen Namen „Tagträumer*innen – Theaterfestival für junges Publikum“ in mehreren Orten im Waldviertel Station machen wird. Und ich weiß noch, als ich im November zugesagt habe, das zu machen, dachte ich mir : Herbst 2021? Das geht sich sicher aus. Da sind wir alle geimpft und die Welt ist ein Ort voller rosa Wolken und wir tanzen alle in den Sonnenuntergang. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher und hoffe, dass wir bis zu unserem Start Ende August überhaupt spielen dürfen. Ein internationales Theaterfestival in diesen Zeiten zu planen, ist ungefähr so lustig, wie sich mit einer Käsereibe zu rasieren. Abgesehen davon, dass man sich nichts live anschauen kann und ein ganzes Festival aufgrund von Videomitschnitten und Hörensagen plant, macht einen das ständige „Wenn-Dann“ einfach fertig. Vor allem wenn man das zum ersten Mal macht, denn es ist nicht einfach, den Ausnahmefall zu planen, wenn man noch nicht mal weiß, wie der Regelfall funktioniert. Also ist der aktuelle Tagesablauf eine immer unberechenbarere Abfolge an Verzweiflung, Euphorie und dem Wunsch, sich zu betrinken (was für mich als Antialkoholiker besonders verwirrend ist) und den Momenten, wo man einfach auf der Couch sitzt und ins Leere starrt und hofft, dass Wunder passieren.

Holger Schober, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir miteinander lachen können. Wenn ich mit Frau, Kindern und Hund am Boden sitze und kichere, dann ist alles nicht mehr so schlimm. Dass wir uns gegenseitig spüren, dass wir wissen, dass wir für einander da sind. Dass wir den Mut nicht verlieren. Dass wir uns nicht zerfleischen. Dass wir lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Dass wir aufhören, kleinlich zu sein und das große Ganze sehen können. Dass wir Liebe zulassen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich kann es nicht mehr hören, wenn unser Bundeskanzler von einer „Rückkehr in die Normalität“ spricht. Es wird keine Rückkehr geben, die Pandemie hat unser aller Leben für immer nachhaltig verändert. Es wird an uns liegen, ob wir diese Veränderung annehmen, die richtigen Schlüsse daraus ziehen und statt der Rückkehr zu einer alten Normalität, die unseren Planeten mit 150 kmh gegen die Mauer gefahren hat, hin zu einer „neuen“ Normalität finden, die unser Spezies überleben lässt. Die Kunst kann dabei eine wesentliche Rolle spielen, weil es ihre Aufgabe ist, Fragen zu stellen, ohne dass sie Antworten liefern muss. Das Theater als Treffpunkt für Menschen, die etwas gemeinsam erleben möchten, die sich Emotionen hingeben möchten, die gemeinsam einer Erzählung lauschen möchten, die sie berührt, sie schüttelt und zum Glühen bringt, wird ein wesentlicher Faktor werden, zumindest theoretisch. Ich habe das Gefühl, dass in der Theaterszene sehr viel aufbricht, überall erheben sich Stimmen gegen patriarchale und diktatorische Strukturen, Menschen, die ausgebeutet werden, lernen NEIN zu sagen. Wenn das Theater so einem Selbstreinigungsprozess unterzogen wird, dann hat es vielleicht wieder die Möglichkeit, seiner ureigensten  Aufgabe nachzukommen, nämlich gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren, zu benennen, an zu stoßen und Utopien zu entwickeln. Und bei allem, was rund um uns passiert, werden wir in den nächsten Jahren alles an Utopien brauchen, was wir kriegen können.

Was liest Du derzeit?

„Mein Bruder“ von Karin Smirnoff, das mir die schwedische Verwandtschaft ans Herz gelegt hat. Ein unfassbar starkes Buch, dass teilweise so weh tut, dass ich gar nicht weiß, ob ich es empfehlen soll.

„Außerirdisch – Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“  von Avi Loeb. Vielleicht unterbewusst ein eskapistischer Gedanke, ganz weit weg zu gehen, da es ja mit dem intelligenten Leben auf unserem Planeten gefühlt seit der Pandemie noch weiter bergab geht, als sonst.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien, denn dort passiert alles 50 Jahre später.“ Von Gustav Mahler- finde ich im Moment sehr tröstlich.

Und mein immerwährendes Lebensmotto, das, wie ich finde, jetzt gerade sehr gut passt: „Ich mache aus Scheiße Gold – oder umgekehrt.“

Vielen Dank für das Interview lieber Holger, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspiel-, Buchprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank auch und alles Gute. Danke für diese tolle Interview-Reihe, ich lese sie mit sehr großer Begeisterung.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Holger Schober_Schauspieler, Regisseur, Autor und Festivalleiter

Foto_Anna Stöcher

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ich stelle mir gern vor, dass mein Zimmer ein Raumschiff, mein Schreibtisch die Steuerkonsole ist“ Martin Knuth, Schriftsteller_Haßloch/D 1.5.2021

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ein fester Tagesablauf gehört eigentlich zu den Dingen, die ich mir für später aufsparen wollte. Jetzt stehe ich aber mit erschreckender Regelmäßigkeit früh auf und mache dann erst mal Sport, um die folgenden Stunden am Schreibtisch gut zu überstehen. Je später es wird, desto enger rücken die Wände. Wenn am Nachmittag die Zimmerdecke schon fast den Schreibtisch berührt, fliehe ich nach draußen. Ich flaniere durch die Gegend und höre Hörbücher, weil man beim Lesen auf der Straße doch sehr leicht verunglückt.

Martin Knuth, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„Jeder lebt in seiner eigenen Welt“ haben die Lassie Singers einst gesungen und denke, dass sie damit auch in Pandemiezeiten recht haben. Für manche hat sich fast nichts geändert, für andere alles. Natürlich hoffe ich, dass es in den kommenden Jahren nicht zu dem befürchteten kulturellen Kahlschlag kommen wird. Davon abgesehen stehen viele wahrscheinlich gerade vor der großen Herausforderung, jetzt nicht ihre im letzten Frühjahr geschriebenen Corona-Tagebücher oder gar den deutschsprachigen Corona-Roman zu veröffentlichen. Ich denke, dass wir damit noch ein paar Jahre warten sollten, denn das Thema ist einfach zu frisch und ausgenudelt zugleich.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur kann dabei helfen, der räumlichen und geistigen Enge zu entfliehen. Ob man eskapistische Literatur auch im Lockdown schreiben kann? Ich stelle mir gern vor, dass mein Zimmer ein Raumschiff, mein Schreibtisch die Steuerkonsole ist. So entsteht vielleicht keine Hochliteratur, aber vielleicht etwas, was uns in zukünftigen, klimabedingten Lockdowns auf andere Gedanken bringt.

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich „Schau mich an“ von Elif Shafak. Bisher geht es da um eine unheimlich dicke Frau, die während einer nicht enden wollenden Fahrt im Sammeltaxi davon träumt, eine Sahnetorte zu verdrücken. Für meinen Geschmack ein sehr guter Beginn. Außerdem lese ich immer mal wieder „A Swim in a Pond in the Rain“ von George Saunders.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die Gedankengänge, vor deren Abschluss wir stehen, dem Schriftsteller nur eine Forderung präsentieren, die Forderung nachzudenken, seine Stellung im Produktionsprozesse sich zu überlegen.“

Walter Benjamin: Der Autor als Produzent

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martin Knuth, Schriftsteller

„Zwischenhalt Erde“ von Martin Knuth: Buchtrailer – YouTube

Foto_privat.

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Der Kunst ein Stück ihrer Freiheit und damit Mündigkeit zu geben“ Veronika Kulcsar, Tänzerin_Wien 1.5.2021

Liebe Veronika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist eine Frage zu der ich gerne eine schöne Antwort hätte, die ich ehrlicherweise allerdings nicht bieten kann. Genauso wie mein emotionales Innenleben zur Zeit recht willkürlich erscheint (teils auch mir selbst), genieße ich diese Freiheit von äußeren Strukturen und gebe mir Raum, um intuitiv jeden Tag so zu gestalten wie er für mich authentisch in dem Moment Sinn macht. Die einzigen Konstanten sind wohl mein morgendlicher Kaffee mit Hafermilch, Lesen, mit Freunden Videocalls führen, Yoga, Meditieren und Improvisieren (Tanz).

Außerdem arbeite ich gerade an einem Solo (oder besser gesagt ein Duo mit einer Stehlampe) und versuche hier immer wieder regelmäßig Studiozeiten einzubauen. 

Veronika Kulcsar, Tänzerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wohlwollen, Mitgefühl, Solidarität und Geduld. Obwohl ich im Tanz, in der Bewegung und auch in meinem Leben selbst eigentlich ein sehr energetischer, dynamischer und teils auch ungeduldiger Mensch bin, habe ich die Notwendigkeit einer geerdeten Ruhe in sich selbst zu finden, in den letzten Monaten sehr stark zu fühlen bekommen. In der immer schnelllebigeren Zeit sind wir als Gesellschaft, aber auch als Individuen (mich inkludiert) es nicht mehr gewohnt, dass manche Dinge länger Zeit brauchen und Hektik und Panik die Dauer der Zeit nicht verkürzen, sondern sie subjektiv vielleicht sogar länger erscheinen lassen. Deshalb ist eine gelassene Geduld wohl das beste was wir uns und den anderen Menschen tun können in dieser Zeit. 🙂

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Ich denke der Tanz und die Kunst generell sind sich der eigenen Rolle in der Gesellschaft und der auch damit verbundenen Aufgabe und Verantwortung nicht mehr ganz so bewusst. Kunst war gesellschaftlich und auch politisch oft sehr relevant und KünstlerInnen waren sich ihrer Kraft Menschen, Herzen und auch Meinungen zu bewegen bewusst. Leider scheint das kapitalistische System meiner Meinung nach auch die Kunst (und damit auch den Tanz) als ein weiteres Zahnrad in sich integriert zu haben und anstatt kritisch darüber reflektieren zu können sind wir KünstlerInnen zu sehr beschäftigt nicht in dem System unterzugehen und verlieren aber den tiefen Mehrwert, den wir der Gesellschaft bieten könnten.  Ich selbst finde mich auch immer wieder mit diesem Problem des “Wollens” vs. “Könnens” konfrontiert und hoffe stark, dass KünstlerInnen und auch alle kunstbegeisterten Menschen die Kunst wieder mehr vom kapitalistischen Druck befreien können. Ein bedingungsloses Grundeinkommen oder andere finanzielle Absicherungen des Staates, was auch KünstlerInnen zu Gute kommen würde, könnten mögliche Wege dazu sein, um der Kunst ein Stück ihrer Freiheit und damit Mündigkeit wieder zu geben.

Was den Tanz angeht denke ich, er bietet etwas sehr Wertvolles um nicht nur durch diese Krise gehen zu können, sondern auch um danach die Erlebnisse zu integrieren und eventuelle “Wunden” oder Defizite die daraus entstanden sind in uns einzelnen Menschen heilen zu können. Bewegung und Tanz schaffen es uns ganz tief mit uns selbst und unserem Körper zu verbinden während wir gleichzeitig uns mit unserer Umgebung und anderen Menschen in einem gegenseitig voneinander beeinflussten System wahrnehmen können. Das gilt, meiner Meinung nach, bei der aktiven physischen Teilnahme an Tanzprozessen genauso wie bei der Teilnahme als Zuschauer oder Publikum.

Bewegung und Tanz als eine erweiterte nicht linguistische Form der Sprache und Kommunikation haben meiner Meinung nach ein sehr großes Potential und können Empathie in uns Menschen wachsen und blühen lassen. Sie sind ein Weg zurück zu der eigentlichen Bescheidenheit unserer individuellen Existenz.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer gern mehrere Bücher aus verschiedenen Genres parallel. Derzeit lese ich “The mind is flat” von Nick Chater, “Der Ego Tunnel” von Thomas Metzinger, “Emotionale Intelligenz” von Daniel Goleman, “Kafka on the shore” von Murakami und “Human Acts” von Han Kang.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Is the body an extension of the environment or the environment an extension fo the body?” Xavier le Roy

Vielen Dank für das Interview liebe Veronika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Veronika Kulcsar, Tänzerin, Künstlerin

veronikakulcsar.com | -Art is not a thing; it is a way.-

Fotos_Veronika Kulcsar

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Dass ein Weiterso, weil es irgendwie funktioniert hat, nicht mehr möglich ist“ Michael Pietrucha, Schriftsteller_Forchheim/D 30.4.2021

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An 5-6 Tagen die Woche gebe ich Online-Kurse am Nachmittag und an 6-7 Tagen übersetze ich vormittags. Manchmal mehr oder weniger. Ich bin Freelancer, kann mir Pausen erlauben, aber seit einem Jahr ist mein Arbeitspensum in die Höhe geschossen. Ich genieße es, bis zu einem gewissen Grad. Mein Job ist ein sehr einsamer, aber die Isolationen in den Lockdowns fordern auch mich sehr. Vorher schon existente Schlafstörungen sind noch strapazierender geworden. Mein lyrisches Schaffen leidet ein wenig unter diesem Zusammenspiel aus unterschiedlichen Faktoren. Ich gehe mit einer Idee normalerweise meist Tage lang kopfschwanger, bevor ich den ersten Entwurf in einer frühen Morgenstille aufschreibe. Danach wird er meist ein halbes Dutzend Mal überarbeitet. In diesem Jahr habe ich erst ein Gedicht geschrieben. Im letzten Jahr, nicht zuletzt aufgrund der neuartigen Herausforderungen, und meinem Versuch sie zu verarbeiten, meiner noch stärkeren Reflexion der eigenen Entwicklung, schaffte ich etwa 1 Gedicht pro Monat. Lebensqualität geht verloren, wenn ich nicht ein paar schöne Zeilen zu Papier bringe. 

Michael Pietrucha, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Lieb zueinander sein und die Ruhe bewahren. Freundliche Floskeln wechseln in jeder Alltagsbegegnung. Selbst die erste beste Albernheit ist ein Eisbrecher und macht, dass sich das Gegenüber in meiner Gegenwart wohl fühlt. Die kleinen Dinge bewusster genießen, wie ein Lächeln, das liebevoll gebrühte Heißgetränk To Go wertschätzen, einen Flirt, ein Kompliment. Wer beim Spaziergang anhält, merkt beispielsweise, dass Stieglitze immer im Paar unterwegs sind. Solche Dinge wünsche ich mir für uns, neben verantwortungsbewusstem Tun unserer aller Gesundheit gegenüber, versteht sich.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst fehlt generell immer. Derzeit mehr denn je. Ich vermisse es, mit Menschen über Kunstwerke zu sprechen. Das betrifft weniger die Literatur. Ich weiß nicht, maße es mir nicht an zu urteilen, ob Lyrik die gleiche zusammenführende Kraft hat wie die bildenden Künste oder wie die großen Mythen, die sich über teils Jahrtausende überliefert und neue Geschichten und uns alle geprägt haben. Ich bezweifle, dass Lyrik das heutzutage kann; außer bei Lyriker:innen selbst und ihren Leser:innen. Sie wird zur Kenntnis genommen, das ist schon was. Dichterworte wirken über Zoom nicht so nachhallend bei der Zuhörerschaft wie bei einer Live-Lesung. Darüber hinaus bin ich gespannt, wie sich die Gesellschaften und Staatssysteme verändern werden. Vieles ist auf der Welt losgetreten worden. Auch bei uns stellt man fest, dass ein Weiterso, weil es irgendwie funktioniert hat, nicht mehr möglich ist.

Was liest Du derzeit?

Ich war schon immer ein ungeduldiger Leser, der völlig verschiedene Bücher gleichzeitig las. Insgesamt lese ich weniger als je zuvor. Paradox, nicht wahr? Es sind zurzeit sehr viele Verseschmiede aus aller Herren Länder, wie „Barfuß“ von Bela Chekurishvili, „Wildniß“ von Daniela Danz, „weil es keinen grund gibt für grund“ von Axel Görlach, „In Begleitung des Windes“ von Abbas Kiarostami, immer wieder Miłosz und Zagajewski, aber auch der epische Roman „Horcynus Orca“  von Stefano d’Arrigo.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ehrlich gesagt bin ich kein Freund von Zitaten. Und dass nicht nur, weil ich schrecklich darin bin, Text zu memorieren. Aber das von Dürrenmatt stammende „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden“ lässt sich auf die jetzigen Verhältnisse gut anwenden.

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Pietrucha, Schriftsteller

Foto_privat.

30.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Wir sollten unsere Ängste auf den Tisch legen und offen reden“ Isabel Folie, Schriftstellerin_Wien 30.4.2021

Liebe Isabel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite als selbstständige Werbetexterin – ich kenne das Arbeiten im Home Office also nur zu gut. Darum hat sich meine Tagesstruktur auf den ersten Blick gar nicht einmal so stark verändert: Einige Stunden am Tag texte ich, andere widme ich dem literarischen Schreiben und dem Lesen. Neu ist, dass ich seit Kurzem an der Gestaltung eines intermedial angelegten Kunstmagazins arbeite. Am Wochenende bringt dann der Prosecco Schwung ins Leben.

Auch wenn die Tage mit all diesen Aktivitäten gut gefüllt sind, fehlt mir der persönliche Austausch mit anderen Künstlern, das Schreiben im Kaffeehaus oder das Beisammensein im Beisl sehr. Das wirkt sich auch auf mein Schreiben aus: Es ist in diesem ständigen Lockdown sehr viel mühsamer und kräftezehrender für mich, Inspiration zu erhalten und beim Schreiben den ersehnten Elan zu erlangen.

Isabel Folie, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Man sollte sich bewusst sein, dass es gerade für niemanden leicht ist. Wir alle wünschen uns, dass sich rasch etwas zum Besseren ändert. Deswegen ist es besonders wichtig, dass wir zusammenhalten und uns nicht gegenseitig anfeinden und diffamieren. Wir sollten nicht nur die eigenen Ängste, sondern auch die Ängste der anderen ernst nehmen. Und wir sollten darüber ganz offen reden. Denn nur über das, was auf dem Tisch liegt, kann man einen Konsens finden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke die Kunst steht gerade an einem Punkt, an dem sie sich die Frage stellen sollte, wie sie anerkannter und politisch einflussreicher werden kann. Für mich ist es nun an uns Künstlern, die Menschen dermaßen mitzureißen, dass die Kunst gar nicht mehr anders als systemrelevant sein kann.
Es gibt viele Wege, wie die Kunst das erreichen kann und immer wieder hat sie in der Vergangenheit bereits bewiesen, dass sie in der Lage ist, in schwierigen Zeiten eine gewichtige Position einzunehmen. So kann sie zum Beispiel in ihren Werken hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und den Menschen einen möglichen Weg dorthin weisen. Oder sie kann schonungslos den Finger in die Wunde legen und aktuelle Missstände aufdecken.
Ich für meinen Teil arbeite zurzeit – neben meinem sozialkritischen Romanprojekt – auf meiner Website (www.grauergreif.at) an einer Plattform, die das Ziel hat, Künstler intermedial zu vernetzen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese meist mehrere Bücher gleichzeitig.
Robert Pfaller – Mit blitzenden Waffen
Anton Tschechow – Die Dame mit dem Hündchen. Erzählungen 1896 – 1903
Martin Buber – Ich und Du
Annie Ernaux – Die Jahre

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat von Robert Pfaller: Haltet eure Empörung über Kleinigkeiten möglichst klein. Denn nur dann werdet ihr imstande sein, euch über das zu empören, was euch klein hält.

Vielen Dank für das Interview liebe Isabel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabel Folie, Schriftstellerin

www.grauergreif.at

Fotos_privat.

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Der direkte Austausch zwischen Künstler*innen und Publikum ist für mich unersetzbar“ Martina Sinowatz, Schriftstellerin_ Wien 30.4.2021

Liebe Martina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Auf alle Fälle bin ich Procastinationsexpertin geworden, wobei mich das Radio sehr effizient unterstützt.

Sonst verbringe ich viel Zeit mit Denken, Schreiben, Lampenfieber haben (nächste Woche findet Lyrik im Mai statt …) Grazer Autorinnen Autorenversammlung – Lyrik im März (gav.at) und meinem neuen Hobby Kochen.

Martina Sinowatz, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für „uns alle“ ist schwierig zu beantworten. Wer sind denn „wir alle“? Wenn es allgemein zu verstehen ist, finde ich es wichtig, Kontakte zu halten. Die psychische Distanz soll keine soziale sein. Beziehungen zu halten oder zu festigen ist eine schöne – ich nenne es bewusst – Arbeit.

Nur: Gilt das wirklich für alle? Eigentlich kann ich es doch nur für mich selbst beantworten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur,  der Kunst an sich zu?

Persönlich freue ich mich darauf, Kunst wieder in realen Räumen zu erleben und zu machen. Der direkte Austausch zwischen Künstler*innen und Publikum ist für mich unersetzbar. Wie sehr mir das abgeht, habe ich 2020 im Sommer erfahren, als es kurz, wenn auch eingeschränkt möglich war. Diese Liveereignisse habe ich wie Feste erlebt und genossen.

Einmal konnte ich selbst als Lesende teilnehmen und es war für mich eine Bereicherung, die Reaktionen auf die Texte wieder einmal in der Mimik, in der Körperhaltung der Zuhörenden zu erleben. Das ist virtuell nicht derart unmittelbar spürbar. Bei einer Liveperformance ist das noch vehementer, Lampenfieber inklusive mit der immer wieder hochkommenden Frage: Warum mache ich das eigentlich?

Literatur und jede andere Kunst spielen für die meisten Menschen, die ich kenne, eine große Rolle und sie freuen sich wie ich darauf, sie wieder als gemeinschaftliche Erlebnisse zu genießen. Danach noch auf ein Resümee-Bier zu gehen, gehört für mich dazu.

Was liest du derzeit?

Soeben habe ich die Lektüre abgeschlossen von: Bernadine Evaristo: Mädchen, Frau etc. aus dem Englischen von Tanja Handels.

Das Buch hat mir eine Freundin geschenkt und mir damit eine große Freude bereitet. Der Roman ist witzig, berührend, feministisch, ironisch und spannend. Schade, dass ich ihn schon ausgelesen habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt eine Formation, die das avantgartistische Prinzip der assoziativen Montage in Wort und Aktion verfolgt:

grauenfruppe | startseite

Die grauenfruppe sind Daniela Beuren, Elke Papp, Karin Seidner und ich als alphabetisch letztgereihtes Vierterl. Im September feiern wir im Rahmen einer GAV-Veranstaltung unser 25-jähriges Bestehen unter dem Motto, das wir durchaus als Impuls verstehen:

BILDET KOLLEKTIVE!

Vielen Dank für das Interview liebe Martina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Martina Sinowatz, Schriftstellerin

Grazer Autorinnen Autorenversammlung – MITGLIEDER (gav.at)

Foto__privat

29.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Dass das Theater noch mutiger wird“ Julia Jenewein, Regisseurin _Innsbruck 29.4.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin in der glücklichen Situation, proben und arbeiten zu können, was sehr zum
Seelenwohl beiträgt, da die Theatervermissung sonst zu groß wäre. Da ich mich kurz
vor Corona selbständig gemacht habe, bin ich einerseits froh, keine Existenzängste
haben zu müssen. Andererseits ist es ein höchst merkwürdiger Zustand, weil man
die harte Arbeit nie einem Publikum präsentieren darf und ständig mit der Angst
lebt, für die Schublade zu produzieren. Jedes Verschieben und Absagen ist mühsam
und schmerzt.

Julia Jenewein, Regisseurin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf sich zu achten und gesund zu bleiben, physisch und psychisch. Ich zum Beispiel
brauche regelmäßig Pausen von Nachrichten oder Social Media Diskussionen und
konsumiere viel Kunst und Natur, dann geht es mir besser. Man spürt überall sehr
viel Frust und angestaute Aggressionen, diese Zeit geht den Menschen an die
Substanz. Ich wünsche mir Empathie, Solidarität und Vernunft. Wir sollten nicht nur
diese Pandemie, sondern vor allem auch den Klimawandel, die Asylpolitik und die
Rechtsradikalität bekämpfen, das schaffen wir nur gemeinsam.


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Hoffentlich! Ein Neubeginn würde der Welt gut tun, obwohl das im Moment
regelrecht utopisch wirkt. Wesentlich wird sein, die Menschen und die Gesellschaft
wieder zu vereinen. Die Kunst und Kultur steht also vor einer verantwortungsvollen
Aufgabe, denn sie war immer schon Vermittlerin des Unaussprechlichen. Ich liebe
das Theater, weil es unmittelbar auf Ereignisse reagieren kann. In Echtzeit und
einmalig können Menschen dort miteinander interagieren, Energien und
Denkprozesse freisetzen. Das geht nur, wenn man endlich wieder unter einem Dach
sein darf. Auf der Bühne muss alles erlaubt sein und ich hoffe, dass das Theater nach
der Krise noch mutiger und unbequemer wird, „systemrelevant“ darf es gar nicht
sein wollen. KünstlerInnen müssen hinsehen, nicht weg, auch hinter der Bühne.
Nach monatelangem Stillstand gibt es hoffentlich genug kritische Stimmen und das
gemeinsam Erlebte kann emotional verarbeitet werden.

Was liest Du derzeit?

„Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ von Mary MacLane und „Ich und die
Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert“ von Isolde Charim.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich gebe gern einen Ohrwurm weiter, den ich gerade habe, von Kali Uchis‘ „After the
storm“:
„So if you need a hero, just look into the mirror.
No one‘s gonna save you now, so you better safe yourself.“

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Jenewein, Regisseurin

Foto__Miriam Thaler

29.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com