„Kunst spendet Hoffnung, zeigt auf, ist kritisch, ist liebevoll, tröstet. Genau das braucht die Gesellschaft jetzt.“ Julia D.Krammer, Schriftstellerin _ Wien 22.11.2020

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe Ende 2018 begonnen, als freiberufliche Künstlerin zu arbeiten, mein Unternehmen wort.klang (www.wortklang.at) jedoch offiziell erst Anfang 2020 gegründet. Der denkbar ungünstigste Zeitpunkt für eine Schriftstellerin, Sprecherin, Sängerin, Performerin, möchte man meinen. Doch ich hatte Glück. Tatsächlich habe ich etliche Wege gefunden, weiterzumachen und viel Unterstützung dabei erlebt – von treuen Kund*innen, Fördergeber*innen, der Familie, Freund*innen.

Julia D.Krammer, Schriftstellerin

Manches hat sich verändert, vieles ist gleich geblieben. Verändert hat sich, dass ich bisher live performte Tätigkeiten in den Online-Bereich verlagern musste. Das hat auch viel Positives für mich bewirkt – ich habe an der Schnittstelle Kunstfilm/Literatur experimentiert und meine Leidenschaft für dieses Medium entdeckt (mein aktuellstes Filmprojekt: https://www.youtube.com/watch?v=e0FaXp8SjGw).

Während des ersten Lockdowns kam es außerdem zu viel Aktionismus in meiner Künstler*innen-Community und zwei großartigen Projekten, die wir über Crowdfunding realisiert haben. Die Solidarität unter den Künstler*innen und der Arbeitswille unter verheerenden Bedingungen haben mich nachhaltig berührt, beeindruckt und geprägt.

Ich habe gelernt: trotz widriger Umstände ist man nicht allein. Es findet sich immer ein Weg.

So entstand „Arbeit statt Almosen“, von Marlen Schachinger initiiert. Das Thema: Frauen in der Literatur. Wir wollten keine Almosen, wir wollten arbeiten (dürfen). Der Output des Projektes hat uns alle überwältigt – es entstanden eine Anthologie (Fragmente – Die Zeit danach, erschienen im Promedia Verlag, Oktober 2020), ein Hörbuch, eine Kinodokumentation. Es folgten Radio-, TV- und Medienpräsenz.

Außerdem war ich Teil des Corpo Colectivo-Teams in der Umsetzung eines Projektes, das sexuelle Selbstbestimmung junger Mädchen und Frauen durch interdisziplinäre Künste förderte (Literatur, Tanz, Theater, Film). „My body (my) Rules!“ ist ein Tanz-Theaterprojekt, das seine Uraufführung – hoffentlich – im Dezember haben wird. Meine Rolle war neben der grafischen Gestaltung der Drucksorten, des Logos und der Give-Aways die literarisch/dramaturgische und stimmtechnische Arbeit mit den Teilnehmer*innen zu den Themen Sexuelle Selbstbestimmung Ausgrenzung, Alltagssexismus.

Da die Theater völlig zugedreht wurden, hat sich in diesem Bereich bei mir das meiste (zum Negativen) verändert.

Auch meine Engagements als Werbesprecherin gingen während des ersten Lockdowns etwas zurück, dafür wurde ich für einige Hörbücher und Voice-Overs gebucht. Glücklicherweise ist mittlerweile auch bei Werbejobs wieder ein Aufschwung spürbar.

Was hingegen gleich geblieben ist:

Ich befinde mich noch immer in der finalen Überarbeitung meines Romanmanuskriptes („Den Körper schreiben die Gedichte“).

Literarische Arbeit ist in meinem Fall immer fragil, sie ist abhängig von günstiger Stimmung, einem bestimmten Lichteinfall, sie ist störungsanfällig, braucht Stille im Kopf und Stille im Außen.

Da sie aber auch einer gewissen Kontinuität bedarf, um sich weiterzubringen, habe ich mir dafür die Morgenstunden und den Vormittag reserviert. Täglich. Unabhängig von meiner Stimmung, unabhängig von meinem Lustempfinden, vom Lichteinfall. Die Kontinuität trickst die Fragilität ein wenig aus – ich arbeite täglich literarisch, doch ich arbeite nur, so lange ich gut vorankomme. Es gibt Tage, an denen nichts funktioniert. Es gibt Tage, an denen ich die Zeit vergesse und wirklich durchgehend schreibe, redigiere, überarbeite, konzeptioniere.

In den Pausen zieht es an die frische Luft – ich gehe spazieren, schwimme, fahre Rad, versuche, das All anzuzapfen auf meinem Balkon mit einer Tasse Kaffee in der Hand (um mir diese Redewendung von meiner Lektorin auszuleihen). Ich habe den Eindruck, dass man aufs Jahr gerechnet eine relativ gleichbleibende Produktivität erreichen kann, wenn man sich nur täglich bemüht.

Sobald die Konzentration nachlässt, wende ich mich organisatorischen Dingen und Nebenprojekten zu; außerdem schreibe ich zahllose Listen (Listen als Lösungsansatz für alle Probleme der Welt);

Ich habe erkannt, dass ich für größere literarische Projekte ungebrochene Zeiträume benötige, in denen kaum Zwischenrufe durch Mails und sonstige Pflichten ertönen, um gut arbeiten zu können. Keine Termine, keine Aufgaben. Kein Prokrastinieren durch Koch-Orgien oder Putzen. Nur der Laptop und ich, ausreichend Kaffee, eine Kanne Tee, meine beiden Kater zur Seite (weil mir Katzen durch ihr permanentes Faulsein immer das Gefühl geben, LEISTUNGSTRÄGERIN zu sein 😊).

Sofern ich Kurse vorzubereiten habe (ich gebe Schreib- und Stimm-/Rhetorik-Workshops), Förderungsanträge zu schreiben, um Stipendien ansuchen muss, die Kuration für Famulus Kaffeehauslesungen oder Sonstiges zu erledigen habe, blocke ich mir daher komplette Zeiträume, in denen ich mich vorwiegend darauf konzentriere. Ich schreibe kurz morgens, der Kontinuität willen, doch nicht zielgerichtet. Um anschließend wieder ungestörte, lange Schreibphasen zu haben.

Wenn sich ein Filmprojekt auf einer meiner Listen befindet, sind Drehen und Schneiden übrigens die einzigen Tätigkeiten, die bei mir so große Sogwirkung und einen ganz natürlichen Flow erzeugen, dass sie nach dem Schreiben funktionieren. Cutting und Schreiben sind Blutsschwestern. Beim Schneiden kennt mein Körper keine Uhrzeit, keinen Hunger, keine Müdigkeit. Schneiden kann ich immer.

Die Wochenenden sind oft meinem Herzensprojekt gewidmet. Patrick Hasler und ich schreiben und illustrieren so genannter Krimidinner-Spiele für Zuhause. Wir haben Ende 2018 „Leichenschmaus“ gegründet (www.leichen-schmaus.at), weil wir selbst nicht genug von diesen kulinarischen Spieleabenden bekommen konnten – seither verbringen wir unsere Freizeit damit, perfekte Morde zu konstruieren.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich erlebe diese Krise als unerbittlichen Seismographen für das Richtige und das Falsche. Das ist nicht immer schlecht. Es ist nur manchmal schwer zu ertragen.

Ich spreche übrigens nicht vom moralisch Richtigen, ich spreche von einem Alltags-Check. Ich spreche von der Stabilität der Beziehungen, in denen man sich bewegt. Ich spreche davon, welche beruflichen Standbeine in Krisen das Überleben sichern können. Von Sicherheit. Ich spreche vom individuell wichtig Gewordenen, wenn plötzlich vieles weg ist. Von dem seltsamen Stillstand, der in so vielen Lebensbereichen plötzlich eingetreten ist, mit dem man nie zuvor umgehen musste, weil alles ein sich drehendes Hamsterrad war. Ich spreche von den ersten drei Personen, die man anruft, um sich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen, wenn ein Attentäter willkürlich auf Menschen schießt.

Das alles erfordert Innenschau und Resilienz, noch nie musste ich mir so direkt ins Gesicht sehen.

Ich habe den Eindruck, dass viele von uns ihre Sprache, ihre Verständlichkeit, das Gemeinsame verloren haben, wenn sie von ihren Sorgen berichten. Die Kommunikationsfähigkeit hat gelitten.

Wir erleben die Krise völlig individuell – manche langweilen sich, manche fürchten sich, halten die Familie nicht aus, die sie in die Welt gesetzt haben. Andere gehen unter in Arbeit oder erleben völlige Isoliertheit, sind einsam bis zum Zerbrechen. Manche haben Todesangst, manche sind stoisch, manche unterdrücken. Oft kann man sich nur schwer begreiflich machen, weil das Gegenüber in seiner eigenen Wahrheit so verhaftet ist, dass aufrichtiges Zuhören nicht möglich ist. Man muss sich langsam wieder zusammensetzen.

Ich selbst habe gerade in Bezug auf meine Beziehungen die größten Überraschungen (und Enttäuschungen) erlebt.

Freundschaften, die man zuvor als stabil eingestuft hätte, erweisen sich als nicht krisenresistent, andere dafür als umso tragender. Gerade, wenn sich eine Beziehung als völlig kräftezehrend herausstellt, sind Freundeskreis, ein erfüllender Beruf und Familie die Säulen, die das Durchkommen sichern können. Neben Gesundheit (sofern vorhanden).

Wenn mehrere Säulen gleichzeitig wegbrechen – zB. finanzielle Sicherheit/Beruf UND zu Bruch gegangene Ehen oder Liebesbeziehungen, man dann vielleicht auch noch erkrankt und völlig allein ist, ist es wirklich schwierig, sich wieder zusammenzusetzen.

Wenn du mich also fragst, was für uns alle wichtig ist: Lebensfreude suchen, Lebensfreude erhalten. Jeden Tag etwas Schönes tun. Stabile Beziehungen pflegen. Instabile Beziehungen ziehen lassen. Denn niemand weiß, wie lange wir uns noch in dieser Situation befinden werden. Alles, was Kraft gibt, sollte man deshalb kultivieren und hegen.

Was ich grundsätzlich im Umgang miteinander in dieser Situation wichtiger denn je einstufen würde: Einander zuzuhören. Empathie. Respekt. Ein gutes soziales Netz. Solidarität unter Kolleg*innen. Zusammengefasst: Menschlichkeit.

Ohne Menschlichkeit sind wir verloren, ohne Menschlichkeit bleibt kein Grund, zu hoffen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst ist seit jeher Stimme und Abbild der Gesellschaft gewesen, als solche wird sie weiter ihre Aufgabe erledigen. Sie wird sich durchsetzen und nicht untergehen, denn wir Künstler*innen können ohne sie nicht existieren. Wir werden bis zum Letzten kämpfen.

Kunst ist für mich nie Selbstzweck, Kunst spendet Hoffnung, zeigt auf, ist kritisch, ist liebevoll, tröstet. Genau das braucht die Gesellschaft jetzt.

Ich denke, wir werden ganz allgemein jedoch nicht um eine gewisse Flexibilität herumkommen. Starres Festhalten am Davor, furchtsame Blicke in die Zukunft, Angst – das waren schon immer schlechte Ratgeberinnen, die den Menschenverstand völlig aushebeln. Ich glaube außerdem, dass es wichtiger den je ist, kritisch zu bleiben. Sich auf eigene Werte zu besinnen und diesen treu zu bleiben. Wir werden neugierig sein müssen, werden scheitern, werden uns aufrappeln, werden wieder von vorne beginnen. Werden Lösungen finden. Wir sind anpassungsfähige Wesen, so wir werden auch diese Phase überstehen. Natürlich wird es jene geben, welchen die Anpassung unmöglich ist – ich hoffe inständig auf ein gesellschaftliches Hin zu mehr Solidarität. Ohne wird es nicht gehen.

Was liest Du derzeit?

Ach. Das ist eine erbauliche Frage! Auf meinem Tisch liegen immer fünf bis sieben Bücher; derzeit gibt es drei, denen ich mich regelmäßig zuwende – „Miroloi“ von Karen Köhler. „Die Bienen und das Unsichtbare“ von Clemens J. Setz. „Lavendellied“ von Elke Laznia.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Weil es so passend ist in diesen Zeiten:

„Das Innere ist aufgewühlt. Als hätte sich eine Hand in mich gegraben und meinen Blick verschoben. Ich stehe still, und es fühlt sich verlernt an, nach all den Jahren.“

Helene Bukowski, Milchzähne

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen, vielfältigen Literatur- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke dir!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia D.Krammer, Schriftstellerin, Sprecherin, Sängerin, Performerin

http://www.wortklang.at/?fbclid=IwAR3YvgDUzjA0bVBaeeBUX46p_i8ohVpqqGlHAGIeGt18aQQpuxSabtUkCV8

Foto_privat.

5.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist jetzt als Künstlerin noch härter zu überleben und seinen Weg zu gehen“ Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin _ Wien 22.11.2020

Liebe Lisa-Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Schauspielerin ist man ja meistens abends tätig – egal ob bei Proben oder Vorstellungen. Ich bin also keine Frühaufsteherin, ich bin eine Vormittagsaufsteherin. Die Tage sehen dann ganz unterschiedlich aus bei mir. Als freie Schauspielerin muss ich – besonders auch in der jetzigen Situation – sehen, dass ich selbstständig immer dranbleibe und auch an mir arbeite, wenn ich gerade nicht engagiert bin. Daneben gehe ich in den Zeiten, in denen ich nicht als Schauspielerin tätig bin, auch anderen Jobs nach.

Da ich selbst vom Land komme, verbringe ich meine Freizeit sehr gerne draußen in der Natur.  Wenn ich dann so im Grünen sitze, küsst mich auch manchmal die Muse und Kreativität und ich fange zu schreiben an – Gedichte, Kurzgeschichten, was mir gerade in den Sinn kommt. Manchmal baue ich auch meine nächtlichen Träume in meine Geschichten ein. Diese Texte veröffentliche ich aber meist nicht.

Draußen im Park oder im Wald kann ich mir auch meist sicher sein, dass ich meine Ruhe und meinen Platz habe. Was ich an der Corona Krise positiv finde, ist, dass die Menschen auf Grund des empfohlenen Mindestabstandes wieder ein Gefühl dafür bekommen was „mein Bereich“ und welcher „dein Bereich“ ist. Es ist wirklich schön beim Anstellen an der Kassa beim Supermarkt nicht mehr den heißen Atem des anderen in meinem Nacken zu spüren.

Lisa Marie Bachlechner _ Station bei Bachmann_Foto_Walter Pobaschnig 10_20.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es ist wichtig, sich nicht von der momentan oft vorherrschenden Panik mitreißen zu lassen, die meiner Meinung nach auf beiden Seiten vorhanden ist. Damit meine ich sowohl die, die vor dem Coronavirus aus Angst erstarren, als auch diejenigen, die alles leugnen und Verschwörungstheorien in die Welt setzen. Es ist wichtig, die Fakten zu kennen und sich der Realität zu stellen – und dabei nicht den Kopf zu verlieren.

Nur, weil gerade alles stillsteht, muss man selbst nicht stillstehen. Genau jetzt ist die Zeit, wo man bemerkt, wie wichtig es ist, wenn man sich mit sich selbst beschäftigen kann.

Es ist herausfordernd und schwierig, dass sich das Leben, wie wir es bis jetzt gekannt haben, gerade verändert oder stillsteht. Sich mit sich selbst zu beschäftigen, ist da oft gar nicht so leicht – da geht es mir auch nicht anders. Vor allem weil sich in dieser Ruhe oft Zukunftsängste in einem breit machen. Beruflich und privat. Aber ich denke, wir können diese Situation als Gelegenheit nutzen und Dinge, die man vorher in seinem Alltag als selbstverständlich gesehen hat, Wert zu schätzen.

Lisa Marie Bachlechner _ Station bei Bachmann_Foto_Walter Pobaschnig 10_20.

Vor einem Aufbruch, Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Theater und die Kunst beschäftigen sich ja mit der Gesellschaft – meist in einem kritischen Kontext. Ich denke, das Theater hat jetzt die Möglichkeit zu zeigen, dass Veränderung nicht nur negativ sein muss und dass diese ganze Situation auch als Chance gesehen werden kann.

Wir haben es ja jetzt beim Shutdown gesehen: Natürlich war das für viele sehr schlimm, vor allem wirtschaftlich. Das will ich in keiner Weise leugnen oder zur Seite schieben. Aber es hat auch eine Chance geboten – plötzlich war es möglich, alles ruhiger anzugehen. Auf einmal war es ganz einfach möglich, diesen Dauerstress, dem wir ständig ausgesetzt sind, zu stoppen, durchzuatmen und Dinge zu tun, die wir schon lange tun wollten. Oder die Meldungen, dass die Meerestiere plötzlich wieder zurückkehren und sich die Natur erholt. Es war doch wirklich schön und verblüffend wie schnell und in relativ kurzer Zeit, sich die Umwelt schon erholt hat!

Ich würde mir wünschen, dass wir diesen Weg nicht verlassen und uns besinnen, dass es noch andere Dinge im Leben gibt, als ständig von Termin zu Termin zu hetzen und den größten wirtschaftlichen Profit herauszuholen (eben oft auf Kosten der Umwelt).

Ich denke, das Theater kann hier eine richtungsweisende Funktion einnehmen. Kunst verbindet und bringt die Menschen zusammen. Ich habe in meinem Umfeld – auch bei Nicht-SchauspielerInnen – bemerkt, wie groß die Sehnsucht nach Kunst ist und wie sehr diese plötzlich wertgeschätzt wird. Da sieht man, dass die Kunst doch einen großen Stellenwert in unserem Leben einnimmt.

Zurzeit ist unter anderem die Kunstbranche leider einer dieser Bereiche, die  am meisten unter dieser Situation leidet. Es war schon vor der Corona Krise nicht einfach als Künstler zu überleben und seinen Weg zu gehen und jetzt ist es natürlich noch härter. Diese Tatsache verursacht bei mir oft schlaflose Nächte und ich wünsche mir, dass wir alle einen Weg aus dieser Situation finden und sich die Lage bald wieder bessert.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade wieder „Magazin des Glücks“ von Dea Loher. Das ist eines meiner Lieblingsbücher.

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich würde gerne einen Ausschnitt aus ebendiesem Buch von Dea Loher mitgeben –  aus der Erzählung „Schere“:

Das Kind glaubt, es ist allein in der Welt. Das Kind weiß, es ist allein in der Welt. Das Kind weiß, dass seine Person eine eigene, von allen anderen vollkommen abgeschlossene Person ist, dass auch der Mann und die Frau in sich abgeschlossene und von anderen getrennte Personeneinheiten sind, das Kind ist froh, dass es Sprechen gelernt hat, um eindeutig mitteilen zu können, wenn es Hunger hat, eine Unterschrift braucht oder zum Einkaufen geht. Darüber hinaus hat das Kind oft und vergeblich versucht herauszufinden, wie es in einer anderen als der eigenen Personeneinheit aussieht. Das Kind hat die Versuche eingestellt und weiß jetzt, dass es kein Verständnis gibt.

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa-Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin

Fotos_Walter Pobaschnig _ Station bei Bachmann_Wien 10_2020

20.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wie sich gegenüber einer Ideologie der Alternativlosigkeit ein Umgang mit Utopien anfühlen könnte“ Viola Nordsieck, Autorin_ Berlin 21.11.2020

Liebe Viola, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe um halb sieben auf, mache Kaffee und dann Frühstück für meine Kinder. Wenn die zur Schule gegangen sind, mache ich mehr Kaffee, erledige gefühlt tausend Dinge und fange, wenn ich Glück habe, irgendwann an zu schreiben. Generell trinke ich zu viel Kaffee und tue zu wenige Dinge, die nichts mit Schreiben oder Arbeit zu tun haben. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, haben wir meist Pläne und / oder spielen, kaufen ein, kochen und putzen die Wohnung.

Viola Nordsieck

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was immer für uns alle wichtig wäre: ein Gefühl des Aufgefangen-Werdens, der Sicherheit, wenn etwas oder alles schiefgeht. Das gibt es in unserer Gesellschaft nur für manche. Was für mich persönlich wichtig wäre: das Gefühl, unser direktes Umfeld mehr mitgestalten zu können, auch politisch. Meine Kieznachbar*innen reichen gerade eine Petition für bezahlbaren Wohnraum ein, die ich natürlich unterzeichnet habe, doch glaube ich nicht mehr daran, dass das wirklich eine funktionale Form politischer Teilhabe ist (Berlin hätte in Sachen sozialer Wohnungsbau von Wien lernen sollen, am Rande bemerkt).

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Erst einmal hat Kunst den Job, einfach Kunst zu sein und sich selbst genug. Ich denke nicht, dass Kunst jemals einen Auftrag haben oder erfüllen sollte: sie macht ihre eigenen Maßstäbe. Es gibt aber natürlich dennoch gewisse Auswirkungen von Kunst und Literatur auf die Gesellschaft. Wenn es gesellschaftlich möglich sein soll, neu zu beginnen, das heißt also umzudenken, wie mit der Welt besser, anders umzugehen wäre, dann würde der Freiraum für diese Vorstellungskraft in kulturellen Formen vorbereitet, zum Beispiel in Kunst und Literatur. Das heißt nicht platt, dass etwa Romane vom Klimawandel handeln müssten. Es heißt, dass Weisen zu fühlen und zu denken durch literarische Formen ausprobiert werden können, so dass beispielsweise erfahrbar wird, wie eine Ideologie der Alternativlosigkeit funktioniert und wie sich dem gegenüber ein Umgang mit Utopien anfühlen könnte.

 

 

Was liest Du derzeit?

In verschiedenen Lese-Stadien habe ich am Start: Zora Neale Hurston, „Their Eyes were watching God“, Ursula LeGuin, „The Dispossessed“, und Emine Sevgi Özdamar, „Seltsame Sterne starren zur Erde“. Alle drei sind wunderbar, auf sehr unterschiedliche Weisen.

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

„Unmöglich, an dieser Stelle aufzuhören. Das kann ich erst, wenn ich einen bestimmten Punkt in der Vergangenheit erreicht habe, der momentan in der Zukunft meiner Erzählung liegt.“

Annie Ernaux, Erinnerung eines Mädchens

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Viola, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Kunst- und Kulturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Viola Nordsieck_Autorin und Philosophin

Viola Nordsieck

Foto_privat

 

25.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Petitionen unterschreiben. Machen. Kultur darf nicht still werden“ Zuzana Cuker, Schauspielerin_Wien 21.11.2020

Liebe Zuzana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich nehme mir zurzeit viel Zeit für mich. Einen wirklichen Ablauf hab ich nicht, ich versuche zurzeit viel zu lesen, mich selbst zu finden, neue Sachen zu lernen, Sport zu machen, zu meditieren. Einfach jeden Tag aufzustehen, da zu sein und mich selbst mehr zu spüren.

Jedoch nehme ich mir jeden Tag eine kleine Sache vor, die ich erledige.

Im Gegensatz zum Sommer, in dem ich so eingedeckt mit einer Produktion war, nehme ich mir jetzt auch heraus ein bisschen Urlaub mit mir selbst zu machen und eigene Projekte, die mir am Herzen liegen, anzugehen. Ganz ohne Druck.

Zuzana Cuker, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht aufzugeben. Es war vorher schon schwer, als freischaffende Künstlerin.

Durch die aktuelle Situation ist es derzeit noch um einiges schwieriger. Gerade wenn man nicht an einem der staatlichen Theater arbeitet. Es ist besonders schwierig, weil Off-Produktionen und kleine Theater einfach nicht das notwendige Budget haben, um solch eine Krise zu überstehen. Mir wurden viele Jobs abgesagt. Ich glaube zurzeit geht es allen so. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen und Solidarität zeigen. Petitionen unterschreiben. Machen. Kultur darf nicht still werden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Was mich besonders ärgert, und schon immer geärgert hat, ist, das der Bereich Bühne oft als Hobby abgestempelt wird, und auch wurde. Ich finde Theater hat einen Bildungsauftrag. Ich bin mit Theater aufgewachsen, und es hat stark mein kritisches Denken und meine emotionale Intelligenz geprägt. Den Umgang mit Situationen, meine Wahrnehmung. Sich in die Welt einer anderen Figur zu versetzen, prägt die Empathie. Ich glaube wir stehen vor einer sehr schwierigen Zeit in der der Kapitalismus die Kunst niederschmettert. Mich persönlich beschäftigt das sehr.

In meiner Sommerproduktion spielten wir immersives, interaktives Theater mit MNS . Im Jahr 1914. Anfangs dachte ich das wäre ein schlechter Scherz. Aber ich fand das war eine Interessante Herausforderung und hat dann irgendwo auch total gepasst.

Wir hatten einen Corona- Beauftragten Arzt,  ein ausgearbeitetes Hygienekonzept, und es hat funktioniert.

Was liest Du derzeit?

Stefanie Sargnagels Buch „Dicht“ .

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das war eben, aber das hier ist jetzt, und dann ist dieses Jetzt vorbei, und es ist ein neues Jetzt.“

(Siri Hustvedt, „Was ich liebte“)

Vielen Dank für das Interview liebe Zuzana, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Zuzana Cuker, Schauspielerin

Foto_Raoul Bruck

21.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir brauchen einen neuen Natur- und Gesellschaftsvertrag“ Philipp Weiss, Schriftsteller_Wien 21.11.2020

Lieber Philipp, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich wollte das ganze Jahr über reisen, um für mein neues Buch zu recherchieren. Meinen letzten Roman Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen sollte ich 2020 auf Lesungen in China und Japan präsentieren. Stattdessen sitze ich in meinem neuen Schreibatelier in Wien wie in einer Raumkapsel. Ich arbeite, esse und schlafe hier. Ich lese und schließe mich ans Netz an, sauge auf, was in der Welt passiert, spinne es fort. Kant hat sein gesamtes Werk in Königsberg geschrieben, Karl May seine orientalischen Reiseberichte irgendwo bei Zwickau, und ich glaube, Jules Verne ist zum Mond, zum Mittelpunkt der Erde und um die Welt gereist, ohne Frankreich zu verlassen. Ich lasse mich davon inspirieren und versuche meinen Weltroman in meiner Wiener Raumkapsel zu schreiben und mich dabei schwerelos zu fühlen. Borges nennt es ein „Aleph“ – ein Ort, der alle Orte enthält. Dabei empfinde ich es als großes Privileg, in dieser Zeit mit solchem Komfort und solcher Sicherheit die Welt beobachten zu dürfen.

Philipp Weiss, Schriftsteller _ „In der Raumkapsel“

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Als Kollektiv. Wir sollten uns fragen, ob wir diesem Pfad ökologischer, ökonomischer und sozialer Eskalation weiter folgen wollen. Oder ob wir doch zu einer Verwandlung bereit sind. Covid-19 reiht sich ein in den Kreis der globalen Krisen. Es haben schon viele Stimmen darauf hingewiesen, dass das Auftreten einer Pandemie, wie wir sie heute erleben, keineswegs ein unvermeidliches Naturereignis ist, sondern vielmehr in direktem Zusammenhang steht mit unserem invasiven Naturverhältnis, nämlich mit der systematischen Zerstörung von Ökosystemen und folglich der Freisetzung in diesen gebundener Infektionskrankheiten. Im Fall von Covid-19 spielte etwa der grausame weltweite Handel mit Pangolinen eine entscheidende Rolle. Es ist darum sehr wahrscheinlich, dass in Zukunft weitere Pandemien folgen. Das Virus und noch mehr die Klimakrise sind nicht mehr kontrollierbare Rückkoppelungseffekte einer umfassenden Verfügbarmachung der Welt. Wir haben uns, ohne es zu merken, einem Todeskult überantwortet. Endlose Akkumulation, Wachstum, Beschleunigung und Steigerung führen in die Selbstzerstörung. Die Welt, schreibt der Soziologe Hartmut Rosa, ist uns zu einem Aggressionspunkt geworden. Alles, was erscheint, muss beherrscht, erobert, nutzbar gemacht werden. Nicht nur die Außenwelt, auch das eigene Selbst, der eigene Körper und unsere Beziehungen. Wir werden einander zu Aggressionspunkten: zu Konkurrenten oder zu imaginierten Gefahren. Der andere, dem wir heute auf der Straße begegnen, wird in unserer Wahrnehmung zur potentiellen Infektionsquelle oder zum potentiellen Terroristen. Wir machen einander Angst. Wir sind erschöpft. So wie die Ökosysteme erschöpft sind. Ein Impfstoff wird nur vordergründig Probleme lösen. Wenn wir weiter in einer so glücklichen Welt leben wollen, in der Literatur und  Kunst einen Platz haben, brauchen wir einen viel tiefgreifenderen Wandel, einen neuen Natur- und  Gesellschaftsvertrag, ein neues Verständnis von Relationen und Zusammenhängen und von unserem Platz im lebendigen Geflecht des Planeten. Es beginnt mit einer Transformation des Vorstellbaren. Können wir etwas anderes herbeisehnen als den alten zerstörerischen Normalzustand? Eine besonders schmerzliche Folge der Pandemie ist, dass die junge Klimabewegung und andere Widerstandsbewegungen rund um den Planeten abrupt unterbrochen wurden. Gerade jetzt bräuchte es Menschen auf den Straßen, Körper, die Reibung und Druck erzeugen. Eine neue Generation hat bereits begonnen, eine andere Welt zu entwerfen. Vielleicht könnten wir alle wieder zu Kindern werden, das Leben neu lernen. Wir müssten lernen, anders zu denken, anders zu bauen, anders anzubauen, anders zu wohnen, anders zu reisen, anders zu essen, anders herzustellen, das Bestehende anders zu verteilen, und anders Sorge zu tragen. Wenn wir dazu bereit wären, könnten wir sogar die uns zerfressende Angst wieder verlieren. Wir könnten Hoffnung fühlen. Und Spaß haben. Und die enormen Depots an Kreativität freisetzen, die in uns brachliegen. Menschen sind, wenn sie kooperieren und imaginieren, ungemein lösungsbegabte Wesen.     

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur ist eine Schule der Empathie und eine Schule des Hinschauens, ein Möglichkeitsraum, um Verwandlungen zu erproben, ein Zukunfts- und Gemeinschaftslabor, eine Konfrontation und eine Schocktherapie, auch ein Fluchtraum und unerschöpflicher Trost und jedenfalls eine Netflix-Alternative, die uns nicht betäubt, sondern aktiviert und dabei hilft, der Sprachlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Der Philosoph Günther Anders meinte schon Mitte des letzten Jahrhunderts, ein Grundproblem moderner Gesellschaften sei, dass diese mehr herstellen könnten als sie vorstellen könnten. Die Literatur kann da Abhilfe schaffen. Sie kann Imaginationsräume öffnen. Sie kann zuvor Undenkbares denkbar machen. Das ist politisch wichtig. Denn nur was wir erzählen können, können wir auch verändern. 

Was liest Du derzeit?

Ich bin ein erratischer Leser und lese nie einzelne Bücher, sondern Buchcluster. Einerseits zu bestimmten Themen, mit denen ich mich gerade befasse, andererseits zur Sprach- und Formsuche. Hier also die zufällige Liste der Bücher, die gerade vor mir oder neben mir stehen: Samanta Schweblin „Hundert Augen“, Leonora Carrington „Das Haus der Angst“, Clarice Lispector „Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau“, Jane Bennett „Lebhafte Materie“,  Hartmut Rosa „Unverfügbarkeit“, Peter Frankopan „Licht aus dem Osten“, Armin Nassehi „Muster“, Jim al-Khalili „Im Haus der Weisheit“, Jorge Luis Borges „Spiegel und Maske“, David Quammen „Spillover“, Jaron Lanier „Anbruch einer neuen Zeit“, Alexander Kluge „Russland-Kontainer“, Byung-Chul Han „Kapitalismus und Todestrieb“, George Dyson „Analogia“.

Philipp Weiss, Schriftsteller _ „In der Raumkapsel“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Wer Möglichkeitssinn besitzt, sagt nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.«

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Vielen Dank für das Interview lieber Philipp, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Philipp Weiss_Schriftsteller

http://www.philippweiss.at/aktuell.html

Foto_privat

15.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichsten Berufssparten, nicht nur der Kunst. Letztendlich hängen wir alle voneinander ab“ Eduard Lesjak, Künstler _ Wien 20.11.2020

Lieber Eduard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich in meinem Atelier in Wien meistens alleine lebe (meine Freundin lebt in Salzburg), bin ich Frühaufsteher. Ein Kaffee muss sein, dann geht’s schon ab ins Atelier. Meistens beginnt mein Alltag mit dem Checken meiner Kontakte zur sogenannten Außenwelt.

Nachdem ich viel mit Modellen arbeite, sind  ab der Zeit des Lockdowns bei mir eine Anzahl von Objekten entstanden, die direkt mit dem Erlebten und Erfahrenen dieser Zeit im Zusammenhang stehen.

Erst wenn sich ein Hungergefühl einstellt, gehe ich in die Küche …

Spätnachmittags mach  ich meistens eine Ehrenrunde durchs Viertel (Mariahilfmir – über die Grenze Richtung MQ)

Auch spätabends hänge ich noch immer an der Nadel.

IMGP50 _Margit Praschberger

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das ist ziemlich komplex und sehr schwierig zu beantworten.

Spontan fällt mir dazu wie folgt ein: Achtsamkeit – Empathie – demokratisches Handeln und miteinander umgehen – sich nicht von Medien oder der Politik komplett verunsichern zu lassen.

IMGP4933

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Wichtig ist für mich, dass meine künstlerischen Prozesse nach wie vor nicht von wirtschaftlichen Zwängen und gesellschaftlichen Vorgaben abhängig sein sollen.

Dazu gehört auch die gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichsten Berufssparten, nicht nur der Kunst. Letztendlich hängen wir alle voneinander ab.

IMGP5868

 

 

Was liest Du derzeit?

Robert Seethaler „ Die weiteren Aussichten“

Mario Vargas Llosa „Das Paradies ist anderswo“

Carlos Ruisz Zafon „ Der Schatten des Windes“

IMGP4654

 

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Von Nirgendwo nach Irgendwo …“

 frei nach dem Motto „alles okay – keiner weiß Bescheid“ (passend zu 2020)

 

„Was habe ich denn gesagt?“

Da küsste ich sie, ohne nachzudenken, leicht auf die Lippen.

 Aus :“Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafon

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Vielen Dank für das Interview lieber Eduard, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eduard Lesjak, Bildender Künstler

https://www.lesjakeduard.com/dcvcv

https://www.lesjakeduard.com/neue-seitedfdfddddddddddddddddddddd?fbclid=IwAR2zmCzkwCy-089AwrK-p3F7cuLbO8fDxdxykCSHIK9DZLJ1JFnC0naGsuY

Fotos: Margit Praschberger und Eduard Lesjak.

29.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Unsere Hauptaufgabe wird sein, den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu verlieren“ Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin _ Wien 20.11.2020

Liebe Kirstin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für Autorinnen, die wie ich in ihren Nebenberufen nicht fest angestellt sind, läuft der Tag in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen gar nicht so anders ab als sonst. Ich bin jeden Tag froh, wenn ich schreiben kann. Und ich bin derzeit jeden Tag froh, dass mein Talent nicht in darstellenden Künsten liegt. Beim Schreiben ist man notwendigerweise alleine und kann niemanden anstecken – außer mit Worten, Bildern und Geschichten, Gedanken und Ideen. Auch meinen körperlichen Ausgleich zur Schreibtischtäterei, Yoga, kann ich zu Hause problemlos ausüben. Aber ich leide darunter, Yoga zum ersten Mal seit 25 Jahren nicht unterrichten zu dürfen – oder nur online. Dieser direkte Austausch mit Menschen gehört für mich zum seelischen Gleichgewicht, denn beim Schreiben, sei das jetzt literarisch oder journalistisch, hat man oft das Gefühl, in eine Black Box zu rufen. Es kommt kein Feedback zurück. Das ist beim Yogaunterrichten anders.

Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin _

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für Menschen, die wie ich in freien Zeiten aufgewachsen sind, ist es schwer, von außen reglementiert zu werden. Die Parole unserer Kindheit lautete: Sei du selbst! Dass man unabhängig von den anderen ist – im positiven wie im negativen Sinn –, war aber schon immer eine Illusion. Es kann hilfreich sein, einzusehen, dass der Einzelne relativ machtlos ist. Und nicht gegen Windmühlen zu kämpfen. Aber es ist genauso wichtig, wachsam zu bleiben und nicht alles hinzunehmen, was man für ungerecht, kontraproduktiv oder schlicht gefährlich hält. Gefährlich wird es für mich, wenn man keine Argumente mehr austauschen kann, wenn das Gespräch schon am Beginn durch gegenseitige Verurteilungen und Argumente „ad hominem“ abgewürgt wird. Wenn es nur noch darum geht, wer Recht hat und der bessere Mensch ist. Das ist derzeit allzu oft der Fall.

Da ich über Opfer gearbeitet habe („Wie können wir über Opfer reden?“, Passagen 2018), bin ich besonders sensibilisiert für Sündenbockprozesse. Wenn man plötzlich meint, dass Jugendliche, die feiern, die Hauptschuldigen am Anstieg der Infektionen sind, der schon seit Monaten für den Beginn der kalten Jahreszeit prognostiziert wurde. Oder Menschen, die ihre Maske nicht tragen. Wenn man meint, dass man ohne das Fehlverhalten dieser „Schuldigen“ alles im Griff gehabt hätte.

Wir haben uns eine unmögliche Aufgabe gestellt: Ein Virus zu kontrollieren. Den Tod zu kontrollieren. Das Leben zu kontrollieren. Wenn Gesellschaften etwas zu sehr kontrollieren wollen, was man nicht kontrollieren kann, artet es am Schluss unweigerlich in Sündenbockprozesse aus. Denn irgendjemand muss ja schuld daran gewesen sein, dass es nicht geklappt hat … Damit will ich nichts gegen konkrete Maßnahmen sagen. Auch ich trage meine Maske, halte Abstand und verstoße nicht gegen die sich immer schneller ändernden Bestimmungen.

Es geht darum, darauf zu achten, durch Maßnahmen nicht mehr Schaden anzurichten als zu verhindern, darauf zu achten, dass niemand stellvertretend geopfert wird, und anzuerkennen, dass es möglich ist, sich geirrt zu haben – denn auch Kollektive können irren, wie die Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts eindrücklich vor Augen geführt haben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass wir vor einem Aufbruch stehen, denn der Mensch hat sich durch wie auch immer geartet Krisen noch nie geändert, geschweige denn „gebessert“. Das Management der Pandemie produziert Gewinner und Verlierer, das öffnet für die Zukunft Neid und Missgunst Tür und Tor. Manche Branchen stehen vor dem Ruin, wie die Gastwirte, Fitness- und Yogastudios etc., während andere keinen Solidarbeitrag zahlen, wie Beamte oder jene, von Mieten leben. Welche Parteien werden die tatsächlichen oder gefühlten Verlierer wählen? Das macht mir Sorgen. Ich denke aber auch an die Jugend, die Schülerinnen und Schüler, die derzeit keine Unterstützung von zu Hause haben, sowie diejenigen, die gerade mit der Schule fertig sind und im Regen stehen gelassen werden von der Gesellschaft, aber in Zukunft unsere Schulden abbezahlen sollen. Auch sie gehören zu den Verlierern der Krise …

Unsere Hauptaufgabe wird sein, den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu verlieren. Eine Diskussionskultur zurückzugewinnen, in der jeder die Argumente des anderen anhört und man dann versucht, das Überzeugendere zu tun bzw. einen Kompromiss zu finden.

Kunst und Literatur kann solche Missstände und Aufgaben nur aufzeigen, lösen müssen sie alle gemeinsam.

Was liest Du derzeit?

Ich habe sehr spät die Erzählungen und Gedichte von Christine Lavant entdeckt, in denen eine eigentümliche Kraft und Unerschrockenheit zu spüren ist, die überrascht und beeindruckt, vor allem, wenn man weiß, dass Lavant von Krankheit geschlagen war, und Fotos von ihr kennt: In dieser zarten, asketisch wirkenden Frau mit den traurigen Augen wohnte ein großer, unabhängiger, ja rebellischer Geist.

Außerdem lese ich im Zuge einer Romanrecherche Biografien von und über Frauen in den 1950er und 1960er Jahren in Wien: Maria Lassnig, Ingrid Wiener, Rosemarie Philomena Sebek u.A. Diese Frauen hatten mit noch viel mehr Gegenwind seitens einer sie abwertenden und ausschließenden Männergesellschaft zu kämpfen als wir heutigen Frauen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Literatur beschäftigt sich mit den großen Menschheitsfragen, auch wenn das anhand von konkreten Geschichten passiert. Ich denke derzeit viel über Angst nach, zu der der renommierte Neurophysiologe Gerald Hüther soeben ein Büchlein vorgelegt hat, das auch über die Coronakrise hinaus relevant bleiben wird. Denn er hat dabei die weise Entscheidung getroffen, die derzeitige Krise zu beschreiben, ohne konkrete Personen und Entscheidungen zu kritisieren oder Ereignisse zu rekapitulieren („Wege aus der Angst. Über die Kunst, die Unvorhersehbarkeit des Lebens anzunehmen“, V&R 2020). Es geht ausschließlich darum, zu verstehen, was Angst mit dem Einzelnen und mit Gesellschaften macht.

„Alle Vorstellungen, die wir Menschen herausbilden, um unser Leben zu bewältigen, erweisen sich bei genauerer Betrachtung als Vorstellungen davon, wie es uns gelingen kann, die Angst zu besiegen. Und wir haben allergrößte Angst davor, dass diese einmal gefundenen, Halt bietenden Überzeugungen ins Wanken geraten.

Am weitesten verbreitet ist die Vorstellung, wir könnten alles, was uns bedroht, durch geeignete Maßnahmen unter Kontrolle bringen. Deshalb betreiben wir Wissenschaft, suchen Rat bei Experten und versuchen uns so viele Fähigkeiten wie möglich anzueignen. Getragen wird dieses Bemühen von der Überzeugung, wir könnten irgendwann einmal alles kontrollieren, was uns bedroht. Alles, was darauf hindeutet, dass diese verständliche Vorstellung unzutreffend sein könnte, macht uns Angst.

Ebenfalls verbreitet ist die Vorstellung, es gäbe besonders kluge, umsichtige und kompetente Personen, die besser als wir wissen, was in schwierigen Situationen zu tun ist, die uns Halt und Sicherheit bieten und uns aus der Gefahr herausführen. Auch diese Vorstellung erweist sich allzu oft als unzutreffend. Und wenn wir feststellen, dass solche Anführer die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnten, bekommen wir Angst.

Sicher gibt es noch mehr solcher Vorstellungen, die uns helfen, unsere Ängste zu beschwichtigen – bis sie sich als ungeeignet erweisen. Dann befällt uns eine noch größere Angst. Deshalb geht es in diesem Buch nicht um das Besiegen von Angst. Was ich hier gemeinsam mit Ihnen herausfinden möchte, sind mögliche Wege, die uns herausführen aus der Gefangenschaft unserer eigenen Vorstellungen und Überzeugungen davon, wie sich die Angst besiegen lässt.“ (S. 10f.)

Eine lohnende Lektüre!

Vielen Dank für das Interview liebe Kirstin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte – Deinen neuen Gedichtband „Gemütsstörungen“ (lieferbar ab Montag 23.11.2020)

https://www.limbusverlag.at/index.php/gemuetsstoerungen?fbclid=IwAR3tahzrq7DnVCAdM7WOfJm1xisPF1COh5u-TT9OiRDB7HnWNpyLpAADlaQ

und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin

https://www.kirstinbreitenfellner.at/

Foto_Mats Bergen.

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ich sorge dafür, dass die Kinder gut essen, etwas lernen, an die frische Luft kommen, anschließend wiederhole ich das alles mit meinen Buchprojekten“ Philip Krömer, Schriftsteller _ Erlangen 19.11.2020

Lieber Philip, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich sorge dafür, dass die Kinder gut essen, etwas lernen, an die frische Luft kommen, anschließend wiederhole ich das alles mit meinen Buchprojekten. Beides bedarf einer großen Menge Geduld und Liebe.

philip-krc3b6mer-autorenfoto-2 _ privat

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die anderen. Und überbordende Geschichten gegen geistige und emotionale Verkümmerung. Das sowieso und immer.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mit dem Lockdown hat unsere Regierung bewiesen, dass sie zum Schutz ihrer Bürgerinnen und Bürger flott und effektiv heftige Einschnitte vornehmen kann. Aber warum dann Klimakrise, Unsicherheit und Prekariat bei sozialer und kultureller Arbeit, das Ganze Tohuwabohu im nationalen und internationalen Miteinander? Geht da nicht auch was, genauso flott und effektiv? Und warum eigentlich dieser ungesunde Drang bisher, diese Geschwindigkeit, wenn man doch eben erlebte, dass man auch ohne gut funktioniert? Dieses Bewusstsein müssen wir uns erhalten. Lesen hilft dabei. Jedes Buch, jede Geschichte macht eine Welt an Möglichkeiten auf. Z.B. Science-Fiction, die uns nicht nur zeigt und in die Zukunft verlängert, was heute schiefläuft, sondern auch, was wir noch dagegen tun können. Unser utopisches Potential ist beinahe unbegrenzt, wir finden nur zu oft Ausreden, um es nicht nutzen zu müssen.

 

Was liest Du derzeit?

Den Hackerroman „Kryptozän“ von Pola Oloixarac zum Aufwachen und „Narrenleben“ von Schädlich, um am Ende des Tages runterzukommen – all die Namen und Jahreszahlen, enorm meditativ.

 

Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Siehe meine Antwort oben: Science-Fiction! Ich schlage vor: Ursula K. Le Guin, Samuel R. Delany oder unseren hiesigen Dietmar Dath.

Vielen Dank für das Interview lieber Philip, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Philip Krömer, Schriftsteller

https://philipkroemer.wordpress.com/

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30.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„100xÖsterreich – Judentum“ Danielle Spera. Amalthea Verlag.

„100xÖsterreich – Judentum“ Danielle Spera. Amalthea Verlag.

Es ist eine Zeit der Unsicherheiten und Ungewissheiten was die Zukunft betrifft. Umso mehr tut es gut auf das zu sehen, was war, ist und was unser Leben in Geschichte und Gegenwart trägt und prägt. Die sehr bemerkenswerte Reihe „100xÖsterreich“ des Amalthea Signum Verlages setzt in sehr anschaulicher wie spannender Weise gesellschaftliches Werden und Sein eines Landes ins Bild und Wort und lässt staunend zurück und nach vorne blicken.

Im neu erschienen Band „100xÖsterreich – Judentum“ lässt die studierte Politikwissenschaftlerin, Journalistin und nunmehrige Direktorin des Jüdischen Museum Wien, Dr.Danielle Spera, das jüdische Leben Österreichs in bunter Vielfalt begeisternd anschaulich werden.

Es ist die pointierte informative Darstellung in Wort und Bild, die neugierig blättern und vertiefend verweilen lässt. Persönlichkeiten, Orte, Ereignisse in Stadt und Land kommen in das Blickfeld und lassen diese ganz neu (wieder)entdecken.

Sehr rare Fotografien, etwa des türkisch-israelitischen Tempels in der Zirkusgasse (1920) oder des Rothschild Spitals am Währinger Gürtel wie das Kaufhaus Gerngross (um 1920) in Wien oder die Synagoge in Lackenbach/Burgenland (um 1920) sind Kostbarkeiten einer reichen Stadt- und Landesgeschichte, die nun kompakt vorgestellt werden.

Der Autorin gelingt mit diesem Buch ein beeindruckender gesellschaftlicher Lebens- und Kulturbogen von Gestaltung und Impuls jüdischer Identität in Österreich. Eine Zeitreise wie ein Ausblick, die in dieser Zeit ganz besondere Bedeutung haben.

„Ein sensationeller Überblick über die jüdische Geschichte und das jüdische Lebens Österreich in spannenden, informativen Mosaiksteinen“

Walter Pobaschnig, Wien 11_2020

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„Jetzt ist die Zeit, neue Formate und Formen der Kunst zu finden“ Brigitta Höpler, Schriftstellerin _Wien 19.11.2020

Liebe Brigitta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gar nicht so anders als sonst auch. Im Frühling allerdings, als alle Cafés und Bibliotheken geschlossen waren, habe ich meine „nomadischen Arbeitsplätze“ vorübergehend verloren. Dafür habe ich die Stadt und den öffentlichen Raum auf eine ganze neue Art und Weise bewohnt, habe Zwischenräume und „Leos“ gefunden.

Mein Rhythmus war mehr von mir selbst und weniger vom Außen bestimmt, was meiner Arbeit sehr gut getan hat. Ich bin draufgekommen, dass ich weit mehr Rückzug brauche als ich dachte oder mir zugestanden habe. In den letzten Monaten habe ich so viel geschrieben und visuell-poetisch gearbeitet wie nie zuvor.

Ich telefoniere, skype und zoome nicht gerne, hatte aber schreibend intensiven Gedankenaustausch mit anderen Künstlerinnen und Freundinnen.

Brigitts Höpler _ Frühling 20 _ unter dem Kastanienbaum (1)

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube für jeden, für jede ist etwas anderes wichtig. Mir ist wichtig, mich nicht verwirren zu lassen, von den vielen herumschwirrenden Meinungen und Emotionen, sondern selbst zu denken und möglichst klar zu bleiben. Auch in der Sprache genau zu sein.

Der Begriff „Augenblicksglück“ aus einem Gedicht von Rose Ausländer hat für mich eine neue Bedeutung bekommen. Ich bin dankbar für das Ende meiner Illusionen, alles planen, machen und kontrollieren zu können.

Wichtig finde ich auch, den öffentlichen Raum neu zu verteilen, – zugunsten von Gehenden, Flanierenden, Verweilenden und Radfahrenden.

Interessant finde ich, dass das Virus offenlegt, wie verbunden wir alle miteinander sind. Jeder, jede ist Teil des Problems, und Teil der Lösung. Ich mag den alten Begriff „Wohlwollen“. In einer freundlichen Gesinnung einander Gutes wollen, um die Verbundenheit wissen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Schon immer fand ich Kunst, Poesie, Literatur im Stadtraum, in der Landschaft interessanter und konzentrierter als in „klassischen“ Ausstellungs- und Veranstaltungsorten. Literatur, die das Blatt verlässt, Malerei die Leinwand, Skulpturen, Installationen und Performances, die sich im Raum ausdehnen. Jetzt ist die Zeit, neue Formate und Formen zu finden.

Wir könnten den Begriff „kuratieren“ neu leben, „sich kümmern, Sorge tragen.“ Uns liebevoll um Texte, Kunstwerke, Künstler, Künstlerinnen, Orte, Räume kümmern.

Kunst und Literatur trösten, erfreuen, erhellen, erschüttern, weiten, verwurzeln, klären, deuten, entzünden, stärken – sind einfach notwendige Lebensmittel, im Sinne von Not wendend.

 

Was liest Du derzeit?

Roter Affe, Kaśka Bryla 
Beskiden-Chronik, Andrzej Stasiuk
Laute Paare, Margret Kreidl

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Schritt nach dem anderen
egal wie groß oder wie klein
ein Schritt nach dem anderen
und es muss immer nur
der nächste sein.

Aus dem Album „Alles bleibt“ von Violetta Parisini

Brigitta Höpler _ Literatursalon 1

 

Vielen Dank für das Interview liebe Brigitta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Danke für die Einladung und die Fragen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Brigitta Höpler, Autorin, Kunsthistorikerin, Schreibpädagogin

www.brigittahoepler.at

Fotos:

1_ Brigitta Höpler_Moderation Literatursalon 1_

2_Brigitta Höpler_Unter dem Kastanienbaum_Frühling 2020.

Fotos_privat.

26.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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