Christoph Prückner, Regisseur, Schauspieler _acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Wien _ Walter Pobaschnig 6/23, folgende.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
UNDINE GEHT_ Akrostichon
Text _ Romana Ganzoni, Schriftstellerin
Performance_ Christoph Prückner, Regisseur, Schauspieler
UNDINE GEHT
Unter euch, keine Sprache.
Nicht gerettet.
Die Wahrheit, unbewohnbar.
Ich spreche ein letztes Mal.
Nicht für euch.
Es genügt.
Geht.
Es gibt keine Versöhnung.
Hier nicht.
Trotzdem: Wort.
Romana Ganzoni, 9.1.2026
Christoph Prückner, Regisseur, Schauspieler _acting Malina _ Romanschauplatz „Malina“ Wien _ Walter Pobaschnig 6/23.
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Liebe Romana, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein Zugang zu Bachmann ist in meiner Jugend und sehr leise entstanden, mit vierzehn, fünfzehn Jahren, ihre Texte waren wie ein Versteck für mich, und das hatte von Anfang an eine körperliche Komponente, ich zitterte im Versteck. Ihre Gedichte bringen mich bis heute zum Zittern, wie das bei manchen Worten, die ich fast nicht aussprechen kann, der Fall ist, manchmal bin ich den Tränen nah, ich muss leer schlucken, atme schneller.
Ihr Werk brachte die Art von Erkenntnis, die ich mir als junger Mensch erhofft hatte, es kam als wiederkehrendes Innehalten. Beim Lesen hatte und habe ich oft das Gefühl, dass ich langsamer und aufmerksamer werden muss. Als würde ihre Sprache mich bitten, nichts zu übergehen, auch mich selbst nicht.
Ich habe Bachmann nicht „verstanden“ im Sinne eines sicheren Besitzes. Ihre Texte bleiben widerständig. Vielleicht ist das mein Zugang. Dass ich mich ihnen nicht als erfahrene Leserin oder „Wisserin“ nähern kann, ich fühle mich jedes Mal neu ausgesetzt und gemeint und gleichzeitig weder angeklagt noch entlastet.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Es ist diese Zurückhaltung, die keine Ausweichbewegung ist. Bachmann drängt sich nicht auf, das hat sie nicht nötig, sie hebt die Stimme nicht, gerade deshalb ist sie so eindringlich. Ihre Sätze wirken bedacht, manchmal vorsichtig, fast tastend, zugleich wissen wir, hier ist nichts zufällig gesetzt.
Ich habe den Eindruck, dass sie der Sprache misstraut, ohne sie preiszugeben. Sie weiss, wie schnell Worte verletzen, beschönigen, verzerren können. Darum ist ihr Schreiben so konzentriert und genau.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Malina ist für mich ein Buch, zu dem ich immer wieder zurückkehre, ohne es mir anzueignen. Vielleicht, weil es weniger erzählt als freilegt. Weil es zeigt, was geschieht, wenn ein Bewusstsein keinen sicheren Ort findet.
Die Gedichte begleiten mich seit Jahrzehnten, und sie werden mich bis zuletzt begleiten. Sie sind eine Konstante für mich und Trost, weil ich bei der Lektüre immer wieder testen kann, ob ich noch „funktioniere“. Und, siehe da!, es gibt mich noch immer oder immer wieder in dieser nervösen Empfindung von einst.
Dies zu Gefühl, Haut und Knochen. Der Kopf ist beeindruckt, wie früh Bachmann gespürt hat, dass Zeit, Geschichte und persönliche Erfahrung nicht voneinander zu trennen sind.
Die Poetikvorlesungen lese ich wie eine Selbstvergewisserung. Schreiben als etwas, das Konsequenzen hat.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich lese sie nicht als zeitgebundene Kritik. Eher als sorgfältige Beschreibung von Strukturen, die sich fortsetzen, auch wenn sie ihre Gestalt wechseln. Bachmann interessiert sich nicht für Schuldzuweisungen, sondern für Mechanismen, dafür, wie Macht sich tarnt, wie Gewalt sich verkleidet, wie Sprache Normalität herstellt.
Das macht ihre Texte so gegenwärtig. Ausserdem erinnern sie uns daran, dass wir alle immer Teil dessen bleiben, was wir erkennen können.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ein verschattetes Wort, voller Tränen und Blut. Auch Pathos. Ich würde vielleicht, etwas nüchterner, sagen, dass wir bei Bachmann spüren, dass Schreiben für sie kein Schonraum war. Es war etwas, das sie sich nicht erspart hat.
Wenn sie von dieser „absonderlichen Art zu existieren“ spricht, sehe ich darin weniger Selbstbeschreibung als Feststellung. Schreiben als Zustand, der Einsamkeit nicht aufhebt, sondern sichtbar macht. Vielleicht liegt das Belastende nicht im Schreiben selbst, sondern darin, sich nicht abzuwenden.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte ihr nicht viel sagen wollen. Vielleicht nur, dass ihre Texte mich begleiten, ohne sich zu erschöpfen.
Ich hätte sie gern gefragt, ob sie manchmal gehofft hat, weniger genau sein zu müssen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Schreiben schreiben schreiben.
Herzlichen Dank für das Interview!
Der herzliche Dank gebührt Dir und Deiner Arbeit, lieber Walter.
Romana Ganzoni, Schriftstellerin
Aktueller Roman von Romana Ganzoni: Magdalenas Sünde. Roman, Diogenes, 2022 ISBN 978-3-257-24656-8 https://romanaganzoni.ch/buecher/
Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, Rom, um 1970.
Joanna Godwin-Seidl, Schauspielerin, Regisseurin _ Wien
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview & Performance _ Joanna Godwin-Seidl, Schauspielerin, Regisseurin _ Wien
„Der weiteste Weg…Ingeborg Bachmanns erste Tage in Wien“ _ Joanna Godwin-Seidl _ performing _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _
Ingeborg Bachmann kam hier 1946 in Wien in einer Untermietwohnung an. Später bezeichnet sie den Weg von ihrer Heimatstadt Klagenfurt nach Innsbruck, Graz und schließlich Wien als „längsten“ und beschreibt damit die Suche nach Beruf, Identität und Auseinandersetzung mit Geschichte und Herkunft. Diese Themen werden auch zur Mitte ihres Schreibens.
„Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt,
sucht ein enthaupteter Engel ein Grab für den Hass
und reicht dir die Schüssel des Herzens…“
„Früher Mittag“ _ aus dem Gedichtband „Die gestundete Zeit“ Ingeborg Bachmann 1953
Joanna Godwin-Seidl, Schauspielerin, Regisseurin _ Wien _ performing Bachmann _ Originalschauplatz Wien
Liebe Joanna, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist weniger ein akademischer als ein existenzieller. Ich bin ihr Werk nicht systematisch „durchstudierend“ begegnet, sondern punktuell, fast wie man einem Menschen begegnet, der einen plötzlich sehr genau anschaut. Ihre Texte haben mich immer dort erreicht, wo Sprache brüchig wird und dennoch präzise bleibt – im Zwischenraum von Intimität, Gewalt, Liebe und Identität. Als Schauspielerin und Regisseurin interessiert mich besonders diese Spannung zwischen Kontrolle und Verletzbarkeit.
„Der weiteste Weg…Ingeborg Bachmanns erste Tage in Wien“ _ Joanna Godwin-Seidl_ performing _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _ Walter Pobaschnig f.,
„
Der weiteste Weg…Ingeborg Bachmanns erste Tage in Wien“ _ Joanna Godwin-Seidl_ performi
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Bachmanns Schreiben ist für mich radikal ehrlich, ohne jemals platt zu sein. Sie benennt Gewalt nicht nur als gesellschaftliches Phänomen, sondern als etwas, das sich in Beziehungen, in Sprache, in Selbstbilder einschreibt. Diese Verbindung von politischem Denken und innerem Erleben macht ihr Werk so zeitlos – und zugleich unbequem. Sie zwingt uns, genau hinzusehen, auch dort, wo wir lieber ausweichen würden.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Mich beschäftigen vor allem die Texte, in denen private Beziehungen als Schauplatz gesellschaftlicher Machtverhältnisse sichtbar werden – etwa Malina oder die Erzählungen aus dem Todesarten-Zyklus. Dort wird deutlich, wie Liebe, Abhängigkeit und Gewalt ineinandergreifen. Das ist im Theater ein häufiges Thema.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich lese diese Aussage weniger als Angriff auf einzelne Männer, sondern als radikale Diagnose eines Systems. Bachmann beschreibt eine patriarchale Ordnung, die nicht nur Frauen zerstört, sondern auch Männer deformiert – emotional, sprachlich, menschlich. Erschreckend ist, wie aktuell diese Analyse geblieben ist. Die Formen haben sich verändert, aber die Mechanismen von Macht, Verdrängung und Gewalt sind nach wie vor wirksam.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich glaube nicht, dass Kunst zwangsläufig Martyrium sein muss – aber sie ist fast immer mit einem Preis verbunden. Kunst verlangt Offenheit, Risiko, ein Sich-Aussetzen. Bei Bachmann spürt man, wie sehr Schreiben eine existentielle Notwendigkeit war, kein ästhetischer Luxus. Vielleicht liegt das „Verdammte“ weniger im Leiden selbst als in der Unmöglichkeit, sich dem nicht auszusetzen, wenn man einmal wirklich genau hinschaut.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie vermutlich nicht viel gefragt, sondern ihr zugehört. Vielleicht hätte ich ihr sagen wollen, wie sehr ihre Texte heute noch wirken – gerade auf Künstlerinnen, die sich mit familiären Konflikten, weiblicher Autonomie und den unsichtbaren Formen von Gewalt beschäftigen. Und ich hätte sie gefragt, ob sie sich vorstellen konnte, dass ihre Sprache einmal anderen Frauen helfen würde, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.
„Der weiteste Weg…Ingeborg Bachmanns erste Tage in Wien“ _ Joanna Godwin-Seidl_ performing _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _ Walter Pobaschnig f.,
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Aktuell arbeite ich an einer englischsprachigen Produktion am Theater Drachengasse: My Old Lady von Israel Horovitz. Das Stück verhandelt familiäre Konflikte, die gesellschaftliche Position von Frauen und die Frage, wie sehr familiäre Beziehungen unser Leben prägen – mit all ihren Ambivalenzen aus Liebe und Gewalt, Nähe und Verletzung, Konflikt und auch Momenten von Freude.
Dabei ist das Stück zugleich von Tragik und feinem Humor durchzogen – eine Mischung aus Komödie und Tragödie, die diese Themen zugänglich und menschlich macht. Gerade diese Verflechtung von privatem Erleben und strukturellen Machtverhältnissen empfinde ich als sehr bachmannisch. My Old Lady ist ab 9. Februar am Theater Drachengasse zu sehen.
MY OLD LADY by Israel Horovitz
Foto: Gernot Ottowitz
Stage Director: Joanna Godwin-Seidl
Starring: Bronwynn Mertz-Penzinger, Dave Moskin, Kathy Tanner
viennatheatreproject.com
A production of vienna theatre project
9. – 21. Februar 2026, Di–Sa um 20 Uhr
Performance in English
Theater Drachengasse Fleischmarkt 22, Eingang Drachengasse 2 1010 Wien
Performance: Originalschauplatz/Lebensort Ingeborg Bachmanns in Wien.
„Ich sitze alleine zu Hause und ziehe ein Blatt in die Maschine, tippe gedankenlos:
Der Tod wird kommen.“
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann 1971
„Malina“ _ Joanna Godwin-Seidl_ performing _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _ Walter Pobaschnig f.,
„Malina“ _ Joanna Godwin-Seidl_ performing _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _ Walter Pobaschnig f.,
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Akrosticha
MALINA
Mut
Angst
Lustlosigkeit
Intuition
Nachtigall
Atemlosigkeit
Joanna Godwin-Seidl, 22.1.26
„Malina“ _ Joanna Godwin-Seidl_ performing _ Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Fotonovel am Originalschauplatz _ erster Wohnort/Wohnung 1946 von Ingeborg Bachmann im IX. Wiener Gemeindebezirk _ Walter Pobaschnig f.,
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreografin _ performing „Malina“ _ Station bei Malina/Romanschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 3/25, folgende.
INGEBORG
Ist
Nicht
Gestundet das
Erlebte dringt in
Bewusstseinsströme
Ohne Scheu und
Reimt
Gedichte
Ingrid Walter, 7.1.2026
Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreografin _ performing „Malina“ _ Station bei Malina/Romanschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 3/25.
Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es zu wesentlichen Begegnungen, Inspirationen ihrer Texte. Ebenso ist es die Zeit erster Anerkennung als Schriftstellerin. Mit Wien bleibt die später in Rom lebende Schriftstellerin zeitlebens verbunden. Ihr einziger Roman Malina, den sie in Rom abschließt, spielt in Wien. Das „Ungargassenland“ im III.Wiener Gemeindebezirk ist dabei topographischer Bezugs- und Mittelpunkt. Ebenso nehmen viele Gedichte auf Wien Bezug.
Ingeborg Bachmann auf ihrer Terrasse in Rom, Bocca de Leone, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Monika Vasik, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Monika, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe während meiner Schulzeit nichts von der Schriftstellerin und ihrem Werk erfahren, weil wir ausschließlich Bücher männlicher Autoren vergangener Epochen durchnahmen, die meisten davon elendslangweilig. Die Literatur der Gegenwart blieb mit Ausnahme von Thomas Bernhards Kurzprosa unerwähnt. Erstmals gehört habe ich den Namen Bachmann 1973 in den Medien nach ihrem Tod in Rom. Ich begann, ihre Werke am Beginn meines Medizinstudiums zu entdecken, zunächst Prosaarbeiten, die mich begeisterten, später ihre Gedichte, die ich bis heute immer wieder gern zur Hand nehme.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Mich beeindruckt, dass sie in einer Zeit, die wenige erfolgreich publizierende Frauen kannte, konsequent ihren Weg als Schriftstellerin verfolgte und patriarchalen Zumutungen trotzte. Spannend an ihrem Werk finde ich, dass es sich nicht einfach weglesen lässt, sondern bei jedem Wiederlesen erneut mein Interesse weckt und am Köcheln hält, mich immer wieder stolpern, innehalten lässt, weil ich an Sätzen und Versen hängenbleibe, mich darin immer wieder ein- und festlesen mag. Manches hat sich mir bis heute auch nach wiederholter Lektüre nicht entschlüsselt, sondern behielt ein Geheimnis, weshalb ich damit noch immer nicht fertig bin.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihre immer noch aktuell wirkenden Frankfurter Vorlesungen, in denen sie Probleme zeitgenössischer Literatur analysiert. Zum Einstieg in die Bachmann-Lektüre empfehle ich meist die Erzählungen, vor allem Das dreißigste Jahr, Drei Wege zum See und Undine geht gingen mir noch lang nach meiner Lektüre nah. Und ihre Gedichte, weil es guttut, sich lesend vom Weltenlärm und von sprachlicher Verrohung zu distanzieren, sich in achtsamere Sprachräume zu bewegen und dort zu verweilen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ingeborg Bachmann war geprägt durch die Bestialitäten des Zweiten Weltkriegs und durch zerstörte Gesellschaften, die in der Nachkriegszeit wieder aufgebaut werden mussten. Wachen Auges nahm sie die strukturelle Gewalt, die Ausbeutung und Rechtlosigkeit von Frauen wahr, erlebte selbst patriarchale Denkweisen und Machtgefälle nicht nur in ihren Beziehungen zu Männern. Und sie thematisierte dies mit ihren künstlerischen Mitteln, nämlich mit ihrer Sprache. Heute leben wir in einer Zeit der Rückschritte, in der autoritäre Denkmuster wieder im Trend sind. Wir sehen das Zunehmen rechter Ideologien und des Nationalismus, die Wiedergeburt des starken Mannes, des Faustrechts, der Unterwerfung und des Raubrittertums. Nicht zuletzt greifen sprachliche Verrohung, Willkür und Manipulation um sich. Bücher werden verboten, Forschungsergebnisse negiert, vor allem aber steigt die Gewalt gegen Frauen und andere gesellschaftliche Gruppen, die abgewertet werden. Bachmanns Gesellschaftskritik hat daher leider nichts an Relevanz und Dringlichkeit verloren.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Hat Ingeborg Bachmann ihr Schreiben als Martyrium bezeichnet? Vor dem von Dir zitierten Satz hat sie in ihrer Rede jedenfalls gesagt: „ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.“ Das klingt nach einem Aufgehen im Schreiben, einem Einssein mit sich selbst im Akte des Schreibens. Ein Martyrium, wenn man das Wort schon verwenden möchte, wäre dann allenfalls das Nicht-Schreiben, ein Herausfallen aus dem Schreiben und damit der Schritt ins Leben, in den Alltag und in Beziehungsgeflechte.
Ich kann mit dem Geschwätz, dass das Kunstschaffen ein Martyrium sei, nichts anfangen, weil es meist dazu dient, die Existenz als Schreibende sowie die eigenen sprachlichen Leistungen mythisch zu überhöhen. Man gibt sich den Auftrag zu schreiben doch aus freien Stücken. Bachmann wusste, dass „die Erfahrung die einzige Lehrmeisterin“ ist. Als Teenager habe ich zwei Sommer in der Telefonzentrale eines großen Betriebs gejobbt. Danach wusste ich, wie ich mein Leben nicht verbringen wollte: fremdbestimmt, angeschnauzt und missachtet. Sprachmächtigkeit ist etwas Wertvolles. Für mich ist mein literarisches Schreiben stets pure Notwendigkeit, Arbeit und Glück.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ob sie mit der Veröffentlichung ihrer privaten Briefkorrespondenz mit Paul Celan oder Max Frisch einverstanden gewesen wäre?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein nächster Lyrikband erscheint voraussichtlich im Herbst 2026. Ein weiterer Band mit politischen Gedichten ist im Entstehen. Und ich arbeite an einem Sachbuchprojekt, das den Brüchen im Leben Wiener Schriftsteller:innen durch den Nationalsozialismus nachspürt.
Herzlichen Dank für das Interview!
Monika Vasik, Schriftstellerin
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Foto:Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Isabelle Huppert als namenlose Schriftstellerin (alter ego von Ingeborg Bachmann) in „Malina“ , Regie: Werner Schroeter_DEU, AUT 1990,folgende _ „Malina“, Ingeborg Bachmann, Roman 1971.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
Malina _ Akrostichon
Text _ Rotraut Schöberl, Schriftstellerin, Buchhändlerin _ Wien
Fotos: Malina _Film, 1990, stills.
Mathieu Carrière als „Malina“.
Can Togay als „Ivan“
MALINA
Macht und Erinnerung verschränken sich
Angst wohnt zwischen den Worten
Liebe spricht in Rätseln
Ich zerfalle an der Wirklichkeit
Niemals ist das Schweigen unschuldig
Am Ende bleibt das Verschwinden
Rotraut Schöberl, 10.1.2026
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
1990 verfilmte der deutsche Regisseur Werner Schroeter den Roman, teils an Originalschauplätzen in Wien.
Drehbuch: Elfriede Jelinek; Produktion Stefan & Thomas Kuchenreuther;
Isabelle Huppert: namenlose Schriftstellerein _ Mathieu Carrière: Malina _ Can Togay: Ivan _ Fritz Schediwy: Vater _ Isolde Barth: Mutter _ Libgart Schwarz: Fräulein Jellinek _ Peter Kern: Bulgare _ Wiebke Frost: Schwester _ Tomma Wember: Frau von Ivan
Im Interview _ Rotraut Schöberl, Schriftstellerin, Buchhändlerin _ Wien
Liebe Rotraut, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Über Stimmung, Emotion und Sprache. Ihre Texte sprechen mich (immer noch) emotional an. Die Gedanken, die Fragen, die in den Zeilen mitschwingen, die Fragilität und die Verletzlichkeit der Menschen. Gleichzeitig fasziniert mich, wie sie Gesellschaft, Macht und Ungerechtigkeit reflektiert, ohne dass es belehrend wirkt. Ich kann mich in ihre Figuren hineinversetzen, aber auch ihre kritischen Beobachtungen auf die Welt um mich herum übertragen.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Bachmanns Texte sind intensiv und genau. Ihre Sprache ist klar, poetisch, manchmal fast fragmentarisch, und doch spürt man jede Emotion. Sie verbindet persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlicher Kritik, und ihre Texte fordern einen heraus, genau hinzuschauen: auf sich selbst, auf andere, und auf die Welt.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ja, gerne: Die gesamten Gedichte: Ich könnte mich nicht für einen Band entscheiden: ihre Lyrik berührt mich heute noch genauso wie beim ersten Lesen…
Simultan – nein, alle Kurzgeschichten; denn die sind für mich verdichtete Epen.
Ganz besonders liebe ich: Die glücklichen Augen – hier fasziniert mich besonders, wie sie die Suche nach Nähe, Glück und Verständnis schildert, und wie man trotz aller Einsamkeit Würde bewahren kann. Und natürlich auch dass Groddeck hier kräftig durch die Zeilen blinzelt 😉
Malina – die Auseinandersetzung mit Liebe, Gewalt und Identität.
„Die Männer sind unheilbar krank…“ – Ingeborg Bachmann, Interview 1971. Wie siehst Du Bachmanns Gesellschaftskritik heute?
Ihre Kritik an patriarchalen Strukturen ist leider noch immer aktuell. Sie zeigt, wie Rollenbilder Menschen einengen und verletzen, Männer wie Frauen. Heute sehen wir, dass diese Mechanismen immer noch weiter wirken, manchmal subtiler, manchmal offener. Bachmann erinnert daran, dass Gesellschaft und Macht nicht nur äußere Strukturen sind, sondern tief in Beziehungen und Verhalten sitzen und dass man sich dessen bewusst sein muss.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren…“ – Ist Schreiben immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Bei Bachmann auf jeden Fall. Schreiben ist bei ihr eng verbunden mit Nachdenken, Hinterfragen, sich selbst beobachten. Es kann weh tun, es kann einsam machen, aber es ist auch die einzige Möglichkeit, Klarheit zu gewinnen: über sich selbst und über die Welt. Für sie war Kunst ein Weg, das eigene Leben zu verstehen, auch wenn das bedeutet, sich selbst zu fordern oder zu quälen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt oder gefragt?
Ich würde sie gerne fragen, wie sie die Balance fand zwischen der Härte der Realität, der eigenen Verletzlichkeit und dem Schreiben.
Ob sie je Hoffnung gespürt hat, dass sich die Gesellschaft verändern wird, oder ob sie dachte, wir Menschen wiederholen immer wieder dieselben Fehler. Und ich würde ihr gerne sagen, wie stark mich ihre Texte bewegten.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ganz unbachgmannhaft meinen Meidling ‘CosyCrime’ fertigstellen: Mit einer pensionierten Buchhändlerin mit kaputten Knie (und einer Leidenschaft für Schani Breitwieser, den Robin Hood von Meidling) als Protagonistin 😉
Herzlichen Dank für das Interview!
Rotraut Schöberl, Schriftstellerin, Buchhändlerin _ Wien
Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreografin _ performing „Malina“ _ Station bei Malina/Romanschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 3/25
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse der gemeinsamen Wohnung mit Max Frisch in Rom, 1962. Das Foto entstand kurz vor der traumatischen Trennung des Starpaares der Literatur _ Foto: Heinz Bachmann
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
Ingeborg _ Akrostichon
Text & Performance _ Anja Knafl, Schriftstellerin, Schauspielerin _ Klagenfurt