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„Die Theater sind genauso erkrankt“ Heinz-Arthur Boltuch, Schauspieler _ Wien 21.1.2022

Lieber Heinz-Arthur, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich keine beruflichen Verpflichtungen habe, fahre ich meine beiden Töchter in die Schule. Eigentlich ein sehr wichtiges Ritual für uns Drei, in den 15 Minuten besprechen wir alles was uns wichtig erscheint, ob es motivierende Worte vor einer Prüfung, die richtigen Antworten auf freche Sprüche von Mitschülern sind oder eine Nachtkritik über meine Vorleseleistung bei der Gute Nacht Geschichte ist, es geht immer lustig her.

Nachdem meine jungen Damen das Auto verlassen haben, beginnt mein Alltag. Telefonieren mit meiner Agentin, zu einem Tonstudiotermin fahren oder wieder nach Hause, um dort zu lesen, zu schreiben oder einfach wieder einmal Ordnung in die Unordnung meiner Zettelwirtschaft zu bringen. Rollenstudium, Textlernen oder neue Ideen aufschreiben und im Idealfall sie gleich mit den richtigen Leuten besprechen und zu teilen sind auch meine Tagesbegleiter. Fad ist mir nicht, nur manchmal langweilig. Doch in dieser scheinbaren Langeweile kommen oft sehr gute Gedanken oder Erkenntnisse auf.

Heinz-Arthur Boltuch, Schauspieler, Sprecher, Regisseur, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine sehr gute Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Jeder hat seine Bedürfnisse.

Ich hoffe, daß die Gesellschaft nicht zu sehr auseinanderdriftet und wieder das Gemeinsame im Mittelpunkt steht. Das Freundschaften nicht ob des Impfstatus zerbrechen, daß man dem anderen wieder zuhört. Denn irgendwann ist diese Pandemie auch wieder vorbei und was dann? Es kommen andere Probleme und um sie zu lösen oder erträglicher zu gestalten, benötigt man Freunde, aber auch um Glück und Freude zu erleben und zu fühlen braucht man sie. Und zwar nah und nicht durch einen emotionalen Graben getrennt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die momentane Realität ist, daß wir Alle von der Variantenvielfalt dieses Krankheitserregers einfach in den Schwitzkasten genommen werden. War es vor ein paar Monaten noch die Angst, daß die Zuschauer nicht kommen wollen, hat sich jetzt der Angstschweiß der Theaterdirektoren, ob sie genug SchauspielerInnen für den Abend für die Woche habe, um Vorstellungen zu spielen, ja den Spielplan einhalten können, gemischt. Eine schreckliche Situation, denn im Sprechtheater hat man keine Zweitbesetzung, Keine(n) der Einspringen kann. Da die Theaterensemble kleiner wurden, müssen ganze Vorstellungsserien abgesagt werden. Die Theater sind also genauso erkrankt, wie Teile der Bevölkerung. Manche Bühnen haben einen „leichten Verlauf“, weil sie von Geldgebern „geimpft“ wurden, aber manche werden nicht mehr gesunden und einfach sterben. Sie werden einfach weg sein. Sie werden fehlen.

Die Filmindustrie hat bis auf den ersten Lockdown durchgearbeitet, jedoch mit enormem Risiko. Drehtagverschiebungen, Drehverschiebungen oder Drehstopps sind und waren die ständigen Dämonen die in den Köpfen der Produktion, Regie, Cast und Crew herumschwirren und schwirrten.

Und selbst wenn man ein Projekt fertigbekommen hat, muss man um die Kinopremiere zittern. Ich selbst habe in einem bezaubernden Kinofilm „Tutti per Uma“, eine italienisch/österreichische Kinoproduktion, mitgespielt der sollte vor Weihnachten in die Kinos, dann jetzt im Jänner und nun wird er hoffentlich im April dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt.

Und nun zum Neubeginn. Er wird kommen, wenn sich alles beruhigt hat. Die Leute werden wieder ins Theater und ins Kino gehen und wieder über Inszenierungen streiten, SchauspielerInnen Lobeshymnen singen oder sie für nicht gut befinden. Eben die Normalität.

Drauf freue ich mich und mit meinen Freunden und Kollegen zusammenzusitzen und bis in die Puppen über Alles und Nichts zu reden.

Was liest Du derzeit?

Sein oder Nicht vom großartigen Klaus Pohl. Ein wundervoller Roman über die Hamletprobenzeit von Peter Zadeks Inszenierung. Ein Buch, das ich Jedem empfehlen kann, der wissen will wie Proben sein können und aber auch für Schauspieler, die das Gefühl haben bei Proben oder am Regisseur zu zerschellen. Dieses Werk wirkt beruhigend gegen jegliche Versagensangst.

Hamster im Hinteren Stromgebiet von Joachim Meyerhoff. Auch dieses Buch ist sensationell ehrlich und birgt für mich als Arztsohn so manche Pointe. Es ist wirklich toll geschrieben.

Und

Lockvogel Ein spannender Krimi geschrieben von meiner Schauspielschulfreundin Theresa Prammer.

Diese drei Bücher beweisen, daß Schauspieler nicht nur spielen können, sondern auch schreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der beste Weg ein Problem vergessen zu können, ist, etwas daraus zu lernen.

Und

Wer auf der Stelle tritt kann nur Sauerkraut fabrizieren.

Beide Zitate von Sir Peter Ustinov. Die gefallen mir momentan sehr gut.

Vielen Dank für das Interview lieber Heinz-Arthur, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Heinz-Arthur Boltuch, Schauspieler, Sprecher, Regisseur, Autor

Foto_Barbara Kaudelka

12.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich = ? Du = ? Wir = ? “ Bernd Ernst, Schriftsteller_Pirmasens, Rheinland-Pfalz/D 20.1.2022

Lieber Bernd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Brotjobler und Familienmensch wird mir mein Stundenplan oft vorgegeben. Ich genieße deshalb meine Freizeiten und widme mich zumindest dem Lesen täglich. Dem Schreiben werde ich mich in Kürze wieder intensiver widmen können, weil neben dem o. g. ein Nachbarschaftsprojekt im Rahmen von Demokratie leben! ausläuft. Ich freue mich meine laufenden literarischen Projekte: ein weit vorangeschrittener Lyrikband, ein Manuskript mit Erzählungen, sowie eine Romanidee, aus der ich gerade Figuren entwickle und mit der Szenenplanung begonnen habe, in naher bzw. nicht allzu ferner Zukunft zum Abschluss zu bringen.

Bernd Ernst, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, die Rückbesinnung auf die wesentlichen Werte, die wir bisher kennen, unserer Existenz, der Demokratie und unseres Zusammenlebens, etc. sind ganz wichtig. Aber es sollte dann auch eine zukunftsfeste Weiterentwicklung stattfinden. Am besten unter Berücksichtigung globaler Einflussfaktoren bei der wir die Nachhaltigkeit unseres Denkens und Handelns in den Fokus stellen! Wir brauchen den konstruktiven Dialog in allen Lebenslagen. So in etwa. Ich kann das natürlich nicht allumfassend beantworten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Bevor wir nach der Rückbesinnung in die Zukunft aufbrechen, sollten wir eine Bestandsaufnahme machen und Antworten finden auf diese Fragen:

Ich = ?

Du = ?

Wir = ?

und uns vielleicht Ziele definieren.

Sicher ist das Studium der Literatur ein wichtiges Hilfsmittel bei der Selbstfindung und beim Reifeprozess eines Individuums und möglicherweise nachhaltiger als ein flüchtiger Blick auf ein Kunstwerk. Was der Einzelne dabei in sich aufnimmt, hat natürlich Auswirkungen auf die Ausprägung der Innenwelt die wiederum die Außenwelt beeinflussen kann. Inwieweit die Menschheit bei der Auswahl und des Studiums von Literatur, die sie voranbringen sollte,  insgesamt bis dato erfolgreich war, möge man bewerten.

Ohne Zweifel sind das Erzeugen und das Beschäftigen mit Kunst im Allgemeinen wichtig für die Ausprägung von Kultur und Kulturen. Was das Abhandenkommen hingegen mit uns macht, erlebten wir ja auch.

Literatur und Kunst können Hilfsmittel sein, aber am Ende gestalten der Mensch und die Menschheit!

Was liest Du derzeit?

Ich lese momentan „Crossroads“ von Jonathan Franzen.

Zuvor habe ich „Ein Sohn der Stadt“, des von mir sehr geschätzten Kent Haruf gelesen. Dessen Werk in an dieser Stelle wärmstens empfehlen möchte!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hier möchte ich aus dem Gedicht „Manche mögen Poesie“  von Wislawa Szymborska“ zitieren:

Poesie –

was aber ist Poesie.

Manch wacklige Antwort

ist dieser Frage bereits gefolgt.

Aber ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ich halte mich daran fest,

wie an einem rettenden Geländer.

Vielen Dank für das Interview lieber Bernd, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Bernd Ernst, Schriftsteller

https://www.berndernst.de/

Foto_privat.

25.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ende in Sicht“ Ronja von Rönne. Roman. dtv Verlag

Da war der Regen im Kopf. Jetzt und immer schon. Und dann die Brücke. Jene in die Tiefe. Ins Dunkel. Nicht jene zur Welt. Zu den Gesprächen, den Plänen.

Jetzt war das Leben der Anderen weit weg. Und sie hier. Mit dem Blick hinunter und dem Schneckenhaus in der Hand. Es fällt. Und auch sie…

Und dann Hella. Die Musik im Radio des Autos „out oft he dark“. Auch ihr Weg hat ein letztes Ziel. Und dann fällt Juli. Mittenhinauf.

Und jetzt geht es weiter. Für beide. Erstmal zur Raststation. Kaltes Wasser ins Gesicht…70 Cent…life or death goes on…?

Mal sehen…

der Blick auf zwei Leben, das Gewordensein…im Gespräch…die Straße entlang…bis dahin oder dorthin…

Die Berliner Schriftstellerin, Journalistin, Bloggerin und Bachmannpreisteilnehmerin 2015 Ronja von Rönne legt mit ihrem Roman „Ende in Sicht“ ein mitreißendes roadmovie unterschiedlicher Lebensalter vor, das im packenden Erzählstil wie der psychologischen Raffinesse überzeugt. Spannung, Dynamik wie Witz und Ironie verbinden Tragödie und Komödie zu einem Meisterwerk moderner Literatur. Zweifellos ein Buch zur Zeit, das begeistert.

„Ein abgründiges wie packendes psychologisches roadmovie der Generationen“

Walter Pobaschnig 1_22

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„Es gibt in komplexen Themen wenig Wirksameres als eine Geschichte“ Armin Wühle, Schriftsteller_Hannover 19.1.2022

Lieber Armin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An der Dusche und dem Kaffee am Morgen hat sich nichts geändert. Danach geht es zunächst an den Schreibtisch, wo ich die ersten unverbrauchten Stunden schreibend verbringe. Neben meiner Schriftstellerei habe ich einen Teilzeitjob, der mir viel Spaß macht, dorthin verschwinde ich dann zur Mittagszeit (oder ich bleibe, wie nun häufiger, einfach am Tisch und öffne einen neuen Tab)

Armin Wühle, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir uns nicht die Grundlage jeglicher konstruktiver Diskussion – die Anerkennung von Fakten – nehmen lassen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst und Literatur waren schon immer hervorragende Mittel, um uns komplexe Themen nahbar zu machen; um uns Blickwinkel näher zu bringen, die wir nicht kennen, und so Verständnis zu schaffen. Es gibt in dieser Hinsicht wenig Wirksameres als eine Geschichte, und wenn diese auch ästhetisch-künstlerisch überzeugt, ist sie für mich rundum gelungen.

Was liest Du derzeit?

Momo von Michael Ende, das ich trotz vielfacher Empfehlungen nie gelesen hatte (und das einem immer wieder deutlich macht, dass Ende auch ein hervorragender Verfasser absurder Literatur war). Etwas unbeachtet daneben liegt Cloris von Rye Curtis; ein gut geschriebener Roman, der mir aber an vielen Stellen unnötig grausam daherkommt, daher kämpfe ich mich ein wenig durch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Schneit es, oder ascht es?“ (aus Thomas Köcks „Klimatrilogie“), sicherlich keine ganz verkehrte Frage in unseren Zeiten

Vielen Dank für das Interview lieber Armin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Armin Wühle, Schriftsteller

Foto_privat.

3.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass wir uns in der Kunst bestehenden Boden wieder zurück erkämpfen müssen“ Max Ortner, Schauspieler _ Wien 18.1.2022

Lieber Max, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die aktuelle Krise hat natürlich meinen Tag verändert. Auch wenn ich es beim Film noch etwas leichter habe als ich es am Theater hätte, so wurden die Projekte und Drehtage spürbar weniger.

Wichtig ist, seinen Rythmus nicht zu verlieren. Man braucht einen Anker. Meiner ist der Sport. So beginnt mein Tag immer mit Sport. An Arbeitstagen gehts danach ans Set. An anderen Tage dehne ich die Sporteinheit, verbringe den Vormittag im Boxclub oder auf dem Rennrad. Danach meditiere, koche und esse ich. Am Nachmittag versuche
ich draußen zu sein, zu lesen, zu lernen.

Max Ortner, Schauspieler

Mein Beruf ist ein Handwerk. Das Gehirn ist ein Muskel. Beides gehört gefördert und gefordert, sonst wird es weniger geschmeidig. Und wenn gerade nichts da ist, dann mache ich mir selbst Arbeit, lerne Monologe oder schreibe Drehbücher. Einfach für mich.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt. Corona ist ein Brandbeschleuniger für jede Dynamik. Bei all der
Angst und dem Ärger dürfen wir nicht auf die Person neben uns vergessen. Sie braucht uns vielleicht. Es ist wichtiger denn je, genauer hinzuhören und hinzusehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Es ist ein sich auf die Reise machen. Allerdings nicht zu neuem Land. Es ist eher, dass wir uns bestehenden Boden wieder zurück erkämpfen müssen. Es reicht nicht mehr nur zu sein. Wir müssen einmal mehr unseren Wert unter Beweis stellen. Wenn die Politik den Stellenwert unserer Arbeit nicht wahrnimmt, werden wir bei nächster Gelegenheit wieder durch den Rost fallen. Das gilt es tunlichst zu verhindern. Wir müssen wieder lernen, lehren, rebellieren, aufbauen, einreißen, laut sein, beißen, kratzen, mahnen, warnen, läutern
und vor allem unterhalten.

Was liest Du derzeit?

„Der Zorn des Meeres“ von Bram Stoker
und ich lese nie nicht Mascha Kaleko!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen Und schrien sich zu ihre Erfahrungen Wie man schneller sägen konnte, und fuhren mit Krachen in die Tiefe, und die ihnen zusahen schüttelten die Köpfe beim Sägen Und sägten weiter.“

Bertolt Brecht trifft fast schmerzlich exakt heutiges politisches Geschehen. Vielleicht weil es gar keine rein „heutige“ Erscheinung ist. Was aber anders wurde, ist die Akzeptanz und das Schweigen. Vielleicht wäre es wieder ein bisschen an der Zeit, uns auf unsere Stühle zu stellen, und ein paar Dinge kritisch und laut in Frage zu stellen. So ein kleiner Funken Revolution hält nämlich auch frisch und jung! Und abschließend, auch von ihm: „So wie es ist, bleibt es nicht!“

Max Ortner, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Max, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Vielen Dank!

5 Fragen an Künstler*innen:

Max Ortner, Schauspieler

www.maxortner.at

Fotos_Jeanne Degraa

3.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Romy Schneider hat sich als „sentimentale Wienerin“ bezeichnet“ _Interview Günter Krenn, Autor _ 40.Todesjahr Romy Schneider _ Wien 18.1.2022

Patricia Elisabeth Trageser _ Schauspielerin _Wien/Berlin
reenacting Romy Schneider

Sehr geehrter Herr Krenn, wie kam es zu Ihrem aktuellen Buchprojekt zu Romy Schneider?

Als mich der Molden-Verlag fragte, ob ich mir eine Publikation zum Thema Romy Schneider vorstellen könne, war ich zunächst skeptisch. Nach zwei Büchern über sie, einer Biographie und einem Buch über die Amour Fou mit Alain Delon, die ich verfasst habe, schien mir kein weiteres Thema passend, bis mir ihre Familiengeschichte einfiel, die mich bei Lebensgeschichten immer besonders interessiert. Bei meinen letzten beiden Arbeiten, einer Biographie über Karlheinz Böhm und einer über Serge Gainsbourg & Jane Birkin, schien mir die Familiengeschichte mindestens ebenso spannend wie die der Protagonistinnen und Protagonisten. Wir alle sind schließlich Teil einer Familiengeschichte, ob wir wollen oder nicht…

Günter Krenn, Autor, Österreichisches Filmuseum

Wie gestaltete sich der Entstehungsprozess des Buches? Welche Schwerpunkte zu Leben und Werk wurden gesetzt?

In diesem Buch habe ich Romy Schneiders Leben in die Geschichte ihrer Vorfahren eingebettet, erzähle von der Schauspieldynastie der Albach-Rettys und der Familie Schneider, wobei vor allem die der Rettys faszinierend ist, da es sich um eine Familie handelt, deren Mitglieder über Generationen im Theatergewerbe tätig waren. Romys Großmutter Rosa Albach-Retty etwa stieg vom Kind eines Wanderschauspielerehepaares bis zur Doyenne des Wiener Burgtheaters empor und lebte von 1874 bis 1980 unglaubliche 106 Jahre! Auch Romys Eltern Magda Schneider und Wolf Albach-Retty waren im Schauspielberuf tätig, es war daher für Romy Schneider nicht immer leicht, sich gegen diese Familientradition durchzusetzen, sich, wie es der Titel nennt, „frei zu spielen“. Ein ähnliches Problem hat nun auch ihre Tochter Sarah Biasini, die ebenfalls im Rahmen der Familiengeschichte im Buch berücksichtigt wird.

Welche Gespräche haben Sie geführt? Gab es Kontakte zur Familie von Romy Schneider?

Bei diesem Buch habe ich mich sehr viel mit Dokumenten befasst, die im Österreichischen Staatsarchiv, der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, sowie dem Bundesarchiv in Berlin liegen. Ich wollte meine Ausführungen, die weit ins 19. Jahrhundert zurückgehen, aber auch jene über die Zeit des Nationalsozialismus konkret belegen können. Außerdem verwendete ich den Nachlass von Ernst Marischka in den Filmbezogenen Sammlungen des Österreichischen Filmmuseums, wo ich arbeite. Um ein wenig mehr Einblick in die Familienatmosphäre zu gewinnen, stellte ich Romy Schneiders Nichte Patrizia Albach einige gezielte Fragen, die nur jemand aus dem engeren Familienkreis beantworten konnte. Und natürlich konnte ich bei meiner Arbeit auf zahlreiche Interviews aus der Vergangenheit zurückgreifen.

Romy Schneider ist in Wien in eine bedeutende Schauspielfamilie geboren. Wie waren die Beziehungen Romy Schneiders zu bzw. der Einfluss Ihrer Familie väterlicher- und mütterlicherseits?

Väterlicherseits gab es, wie schon erwähnt, die auf bereits mehrere Generationen zurückgehende Theatertradition, mütterlicherseits den Filmstar Magda Schneider, der ebenfalls am Theater ausgebildet worden war. Dieses Vorbild einer erfolgreichen Schauspielerfamilie hatte Romy Schneider stets vor Augen und war vom Phänomen des Theaters zeitlebens beinahe eingeschüchtert. „Das einzig Wahre für einen Schauspieler ist die Bühne“ hat sie in Interviews immer wieder betont und dabei sicher wiederholt, was man ihr doziert hatte.

Welche Beziehung hatte Romy Schneider zu Ihrem Vater, dem Wiener Schauspieler Wolf Albach-Retty (1906 – 1967) und Ihrer Großmutter der Schauspielerin Rosa Albach-Retty (1874 – 1980)?

Ihr Vater war der große Abwesende in Romy Schneiders Kindheit, sie hat ihn idealisiert, geliebt und verehrt, selten kritisch gesehen. Auch die Großmutter war, einerseits wegen ihrer Stellung als Burgtheaterschauspielerin, andererseits als starke Frauenpersönlichkeit, jemand, den Romy Schneider sehr bewundert hat. Auch wenn Rosa Albach-Retty, noch bevor Romy sich ihre ersten Sporen beim Film verdient hat, einmal über sie gesagt haben soll: „Kein Talent. Kein Organ. Die kann nicht zum Theater!“

Romy Schneiders Vater konvertierte zum evangelischen Glauben. Welche Bewegründe gab es da und wie vollzog sich dies?

Meiner Erinnerung nach müsste es umgekehrt gewesen sein. Wolf Albach-Retty war nach der Konfession seiner Mutter Rosa evangelisch und hat vor der Ehe mit Magda Schneider deren katholisches Religionsbekenntnis angenommen. Er zeigte vor allem in jüngeren Jahren wenig Interesse für religiöse Dinge, sondern eher für Autos, Frauen, die Jagd, daher denke ich nicht, dass er über seinen Konfessionswechsel allzu viel nachgedacht hat.

Welche Bedeutung hatte Religion für Romy Schneider? Wurden ihre Kinder getauft?

Zur „Gretchenfrage“ hat sich Romy Schneider kaum geäußert, weder was sie selbst noch ihre Kinder betrifft. Sie wurde katholisch getauft, ging einige Jahre auf ein Internat mit katholischen Schwestern. Das hat sie zweifellos geprägt. Im Laufe ihres Lebens hat sie sich sehr für das Judentum zu interessieren begonnen, vor allem, weil sie sich ausgiebig mit den Verbrechen des Nationalsozialismus beschäftigt hatte. Die Namen für ihre Kinder, David und Sarah, waren bewusst gewählt, eines der ersten Geschenke an ihren Sohn war ein Anhänger in Form des Davidsterns.

Gab es seitens der Großmutter auch Kontakt zu den Kindern Romy Schneiders?

Wenn sich die Frage auf Rosa Albach-Retty bezieht, so haben sich einige Besuche mit Romys 1966 geborenen Sohn David ergeben, wenn sich die Großfamilie auf dem Anwesen Magda Schneiders in Schönau am Königsee traf. Sarah wurde 1977 geboren, zu jenem Zeitpunkt lebte Rosa mit 103 Jahren bereits im Künstlerheim in Baden bei Wien. Da sie 1980 starb, werden sich, wenn überhaupt, nur wenige Treffen mit der Kleinen ergeben haben. Rosa Albach-Retty kannte die Urenkel aus diesem Familienzweig wohl eher von Fotos und Erzählungen her.

War Romy Schneider bei den Begräbnissen Ihres Vaters bzw. Ihrer Großmutter in Wien anwesend und war Sie da familiär eingebunden?

Bei der Beerdigung ihres Vaters im Jahre 1967 auf dem Evangelischen Friedhof in Wien war Romy Schneider dabei. Anders war dies 1980, als ihre Großmutter in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof beigesetzt wurde. Da reiste Romy Schneider erst ein paar Tage später an, um allein und vor allem anonym Abschied nehmen zu können. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits ein beliebtes Opfer von Paparazzi geworden, die mit Fotos der trauernden Romy Schneider viel Geld verdienten. Das nahm immer groteskere Formen an: Um den medialen Rummel um ihre Person zu entgehen, hatte sie das Begräbnis ihres ersten Ehemannes Harry Meyen in Hamburg ein Jahr zuvor kauernd auf dem Boden eines Lieferwagens verlassen müssen. Ähnliche Szenen wollte sie der Familie und sich selbst bei diesem Anlass ersparen.

Was bedeutete Romy Schneider Wien? Welche besonderen Bezugsorte gibt es da?

Romy Schneider kam 1938 in Wien zur Welt, als Österreich bereits Teil des Deutschen Reichs war und sie blieb zeitlebens deutsche Staatsbürgerin. Dennoch hat sie sich oft als „sentimentale Wienerin“ bezeichnet und gerne Zeit hier verbracht. Einige der Filme aus den Anfängen ihrer Karriere sind in Wien entstanden, sie hat während der Dreharbeiten oft im Hotel Sacher gewohnt. Ihre Großmutter lebte im 19. Bezirk in der Reithlegasse. Die Familie Schneider besuchte in Wien gerne diverse Theater, darunter natürlich das Burgtheater, aber auch die Staatsoper. Wenn man Romy Schneiders Stimme hört, fällt vor allem bei privaten Aufnahmen, die österreichische Färbung darin auf. Sie hatte zwar keine offiziellen österreichischen Dokumente, trug ihren diesbezüglichen Pass aber auf der Zunge.

Wo wurden die Sissi Filme, mit denen Romy Schneider Mitte der 1950er Jahre schnell berühmt wurde, in Wien gedreht?

Bei den Außenaufnahmen sowie einigen Interieurs hat man sich für das für Tourismuszwecke äußerst wirksame Schloss Schönbrunn entschieden, obwohl die österreichische Kaiserin mehr Zeit in der Hofburg verbracht hat. Einige Szenen wurden im Palais Liechtenstein gedreht, vieles in den Studios am Rosenhügel. Die legendäre Filmhochzeit fand nicht wie in der historischen Wirklichkeit in der Augustinerkirche statt, sondern in der Michaelerkirche, die man wiederum als Stephansdom ausgab…

Was waren Motive für die Schauspielerin nach Frankreich zu gehen und wie reagierte Ihre Familie darauf?

Romy Schneider ging zweimal nach Frankreich. Einmal 1958, als sie Alain Delon frischverliebt folgte, um mit ihm in Paris zu leben. Das sorgte innerhalb ihrer Familie für einen Skandal, weil die in ihren Filmen als „blütenreine Unschuld“ verkaufte Romy nun ohne Verlobungsakt oder Trauschein mit einem Mann unter einem Dach lebte. Erst nach einiger Zeit konnte eine publikumswirksame Verlobung für die Medien inszeniert werden, zur Hochzeit kam es bekanntlich nie. Nachdem sich das Paar 1964 trennte, zog Romy nach Deutschland und heiratete dort Harry Meyen. 1969 war es wieder Delon, der sie nach Frankreich holte, um ihr mit „Der Swimmingpool“ die Chance eines Comebacks anzubieten. Der Erfolg dieses Films war der Beginn ihrer zweiten Karriere, denn in Frankreich wurden ihr – im Gegensatz zu Deutschland oder Österreich – interessante zeitgemäße Filmstoffe angeboten.

Wie und von wem wurde die Schauspielerin Romy Schneider beruflich beraten und gemanagt?

Erst von ihrer Mutter und ihrem Stiefvater Hans Herbert Blatzheim, der jedoch wohl einen Teil ihrer beträchtlichen Gagen in sein Firmenimperium investiert haben dürfte. Später waren es unterschiedliche Agenturen, von denen sie vertreten wurde, in Hollywood etwa von dem legendären Paul Kohner. Wichtiger wäre für Romy Schneider gewesen, sich mit Leuten zu umgeben, die sie in Steuersachen besser beraten hätten, denn ohne entsprechende Aufsicht hat sich bei ihr eine große Steuerschuldenlast angehäuft, die ihr in den letzten Lebensjahren ziemlich viele Probleme machte.

Welche Ihrer Filme schätzte sie selbst besonders?

Romy Schneider war bis zu ihrem Tod davon überzeugt, keinen wirklich bedeutenden Film gedreht zu haben. Natürlich gibt es Streifen, die ihr sehr am Herzen lagen, etwa die Filme mit Claude Sautet, in denen sie ihre Rollen mit einem leisen ironischen Lächeln um die Mundwinkel anlegen konnte. Das hat ihr, glaube ich, durchaus entsprochen. Oder auch „Der Prozess“ unter der Regie von Orson Welles, bei dem sie das erste Mal das Gefühl hatte, etwas Außerordentliches geleistet zu haben. Die Zweifel an der Qualität der eigenen Arbeit überwogen jedoch zeitlebens.

Welche freundschaftlichen Kontakte gab es von Ihr zu Kolleg*innen bzw. Künstler*innen?

Die meisten von Romy Schneiders Freundinnen und Freunde kamen nicht aus der Kollegenschaft, sondern aus dem privaten Kreis, wie etwa die Journalistin Christiane Höllger. Zu den Ausnahmen gehörten Hildegard Knef, Gertraud Jesserer, Jean-Claude Brialy, Michel Piccoli und – nicht zu vergessen – Alain Delon, der sich nach Ende ihrer Beziehung bis zu Romy Schneiders Tod als guter Freund erwies.

Romy Schneider war mit der kürzlich tragisch verstorbenen Wiener Schauspielerin Gertraud Jesserer (1943 – 2021) befreundet. Wie gestaltete sich diese, wie war der Kontakt, Austausch?

Romy Schneider und Gertraud Jesserer lernten sich bei dem Film „Die Halbzarte“ 1958 in Wien kennen. Sie freundeten sich an, schrieben sich danach regelmäßig, wodurch Jesserer stets über das Privatleben Romys informiert blieb. Als Romy Schneider mit ihrem Ehemann Harry Meyen 1969 nach Hamburg zog, traf sie Jesserer, die dort Theater spielte, wieder. Beide waren nun junge Mütter, man sah sich regelmäßig. Man kann also mit Recht sagen, dass Getraud Jesserer eine enge Vertraute von Romy Schneider war. Das Lebensschicksal der beiden Frauen weist fatale Parallelen auf: Beide waren autodidakte Talente, begannen in sehr frühen Jahren ihre Filmkarriere, beide mussten den Schmerz nach dem Verlust eines Kindes verkraften, beide Ex-Ehemänner beginnen Selbstmord, beide Frauen starben einen tragischen Tod…

Gab es Kontakte bzw. freundschaftliche Kontakte zu österreichischen Künstler*innen?

Ich denke, die meisten solcher Kontakte, wie etwa zu Peter Weck oder Senta Berger, waren eher beruflich. Auch Karlheinz Böhm traf Romy Schneider selten, sie war dann in ihren Gesprächen aber immer wieder erstaunlich offen zu ihm, wie er mir bei einem Interview erzählte. Die einzige Ausnahme war wohl die bereits erwähnte Gertraud Jesserer.

Überlegte Romy Schneider bzw. gab es künstlerische Pläne wieder in Wien Theater zu spielen, zu drehen?

Theaterpläne beschäftigten Romy Schneider ihr ganzes Leben lang. Sie wurde als Filmschauspielerin bekannt, stand nur zwei Mal auf der Bühne, sah jedoch – sicher geprägt durch die Familie – im Theater den höchsten künstlerischen Anspruch für eine Schauspielerin. Die Vorstellungen, wie und in welcher Form sie am Theater agieren sollte, änderte sich im Laufe ihrer Karriere immer wieder. Es gab schon in den 1950er Jahren ein Angebot des Burgtheaters, das Magda für ihre Tochter jedoch ablehnte, weil sie es als zu früh empfand. Mehrere deutsche Theater bewarben sich später, keines erhielt den Zuschlag. Zuletzt hätte es Romy Schneider bevorzugt, in einem neuen, eigens für sie geschriebenen Stück zu spielen, wohl um nicht mit anderen Schauspielerinnen, die die Rolle zuvor interpretierten, verglichen zu werden. Filmangebote aus Wien hat sie ab dem Film „Der Kardinal“ nicht mehr angenommen, immerhin hat sie für „Gruppenbild mit Dame“ im Waldviertel gedreht. Hätte sie länger gelebt, wären Kontakte zum neuen österreichischen Film durchaus möglich gewesen, denken wir nur an die französisch-österreichischen Filme Michael Hanekes.

Romy Schneider als private Person. Welche privaten Interessen, Freundschaften pflegte, Hobbys hatte Sie?

Trotz der Tragik ihrer beiden letzten Lebensjahre wäre es falsch, Romy Schneider generell als tragische Figur zu zeichnen. Im Gegenteil, sie war eine lebensfrohe, humorvolle junge Frau. Man kann sie als sehr offen und ehrlich beschreiben, als sensibel, leicht verletzbar, manchmal aufbrausend, aber auch unsicher und ängstlich. Was den Freundeskreis betrifft, suchte sie nach ausgleichenden und selbstbewussten Charakteren. Vor der Kamera lebte sie auf, gleichzeitig war sie als Künstlerin sehr selbstkritisch und selten mit ihrer Leistung zufrieden. Was Hobbies betrifft, so war es als Kind und Jugendliche die dekorative Malerei, etwa auf Holztellern, die sie gerne ausübte. Später setzte sie die Filmarbeit so ins Zentrum ihres Lebens, dass sie neben etwas Urlaub und Musik kaum mehr Zeit für Hobbies hatte.

Romy Schneider als Liebende und Mutter. Was bestimmte, kennzeichnete da ihren Weg?

Man kann wohl sagen, dass sie in der Liebe sehr leidenschaftlich, sehr emotional war. Das gilt für Männer ebenso wie für ihre beiden Kinder und ihre Familie. Das bedeutet aber nicht, dass sie nebenher nicht auch ihren Beruf geliebt hat, ihre Arbeit, ihre Berufung. Dieser Umstand wird mancher Frau immer noch – völlig zu Unrecht – negativ angerechnet, während es bei Männern als völlig normal akzeptiert wird.

Alain Delon wird als Ihre große, tragische Liebe bezeichnet. War es so?

Alain Delon hat längst verstanden, dass er und Romy Schneider in gewisser Weise für immer zusammengehören werden. In der Phantasie und der Erinnerung der Menschen. Im Leben hatte die Liebesbeziehung nicht funktioniert. Aber in den späteren Lebensjahren entstand eine echte Freundschaft, in der Delon immer wieder in entscheidenden Momenten für Romy Schneider da war, man kann sagen, bis über ihren Tod hinaus. Aus Liebe zu ihm brach sie 1958 aus ihrer bisherigen luxuriösen Welt aus, zog nach Frankreich, riskierte ihre märchenhafte Karriere, änderte ihr Leben von Grund auf. Durch ihn lernte sie den Regisseur Luchino Visconti kennen, der mit ihr ein Theaterstück inszenierte und Filme drehte. Fünf Jahre nach der Trennung bot ihr Delon die weibliche Hauptrolle in „Der Swimmingpool“ an, womit der entscheidende Teil von Schneiders internationaler Karriere begann. Nach den Schicksalsschlägen am Ende ihres Lebens stand er ihr immer wieder als Freund zur Seite. Auch die Organisation von Schneiders Begräbnis übernahm er ganz in ihrem Sinn, indem er Presse und Öffentlichkeit weitgehend ausschloss.

Von Romy Schneider gibt es sehr viele Fotoserien. Wie kam es dazu?

Viele Fotografen haben betont, dass Romy Schneider das Posieren vor einer Kamera durchaus geliebt hat, dabei selbst gerne kreativ wurde, immer neue Variationen des Geforderten anbot. So entstanden unzählige Fotoserien, die nun immer wieder publiziert werden. Mich erstaunt selbst, wie viele Fotos in den vergleichsweise wenigen Lebensjahren von Romy Schneider eigentlich gemacht wurden. Angelehnt an den Satz von Marlene Dietrich, die über sich selbst meinte, man habe sie zu Tode fotografiert, scheint es bei Romy Schneider so zu sein, dass man versucht, sie ins Leben zurück zu fotografieren.

Es gibt von Romy Schneider auch sehr viele private Paparazzi Fotos bis hin zum Tod ihres Sohnes. Wie ging, musste Sie damit umgehen?

Während sie vor der Kamera von Profis wie etwa Robert Lebeck oder Helga Kneidl gerne posierte, waren ihr Paparazzi, die mit indiskreten und geschmacklosen Aufnahmen viel Geld verdienten, zuwider. Zu den schlimmsten Dingen, die sie dabei erleben musste, gehörten Aufnahmen ihres toten Sohns, die entstanden, nachdem sich Fotografen ins Krankenhaus geschlichen hatten, und dem toten Kind dort die Decke über dem Kopf wegzogen, um es abzulichten. In einem ihrer letzten Interviews nimmt Romy Schneider darauf Bezug, prangert die an, welche solche Fotos machen, aber auch die, welche sie abdrucken. Sie fragt in beiden Fällen zu Recht: Wo bleibt hier der Anstand, die Moral?

Welche privaten und beruflichen Pläne hatte Romy Schneider vor Ihrem Tod?

Privat war sie frisch verliebt in Laurent Pétin, wollte mit ihm und ihrer Tochter Sarah viel Zeit in einem Landhaus in Boissy-sans-Avoir verbringen. Sie träumte davon, eines Tages nur mehr auf dem Land zu leben, keine Filme mehr zu drehen… Ob sie das jemals erreicht und dann durchgehalten hätte, wissen wir nicht. Beruflich war sie voller Pläne, auch weil sie gewusst hat, dass Filmarbeit sie zumindest kurzzeitig von ihrem privaten Kummer erlöst. Als nächstes wollte sie einen Film mit Alain Delon drehen, für den es bereits ein Drehbuch gab, zu dem es jedoch nicht mehr kam.

Welche Erkenntnisse über Leben und Werk Romy Schneiders haben Sie im Zuge des Buchprojekts gewonnen?

Es hat mir gefallen, im Rahmen einer Familiengeschichte Romy Schneider trotz ihres zentralen Erscheinens im Buch letztlich als eine von mehreren Frauenfiguren zu behandeln und daher auch immer wieder aus einer anderen Perspektive zu betrachten, bzw. den Blickwinkel auf sie zu verändern, zu erweitern. Die Geschichte der Familien Albach-Retty und Schneider bis hin zu den Biasinis ist ja vor allem eine Geschichte mit faszinierenden Frauencharakteren.

Was schätzten Sie an Romy Schneider?

Am meisten hat mich ihr Fleiß beeindruckt, ihr Bedürfnis, sich im Beruf stets fordern zu lassen, einen schweren künstlerischen Weg zu gehen, es sich nicht leicht zu machen, mit guten Regisseuren an schwierigen Stoffen zu arbeiten. Wie wenig andere Schauspieler*innen ihrer Generation hat sie sehr früh damit begonnen, sich dem Thema Nationalsozialismus zu stellen, hat gespürt, dass es hier etwas aufzuarbeiten gibt. Es war ihr wichtig, Stoffe zu wählen, die mit jener Zeit zu tun hatten, den Opfern aus der Vergangenheit dabei Gesicht und Stimme zu geben.

Welcher ist Ihr Lieblingsfilm und warum?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Wenn ich mich festlegen muss, dann wäre es wohl „Die Dinge des Lebens“, weil hier Dinge zu den Themen Liebe und Beziehungen gesagt und gezeigt werden, die sich längst als zeitlos gültig erwiesen haben. Aber das gilt auch für andere ihrer Filme, vor allem jene von Claude Sautet, etwa „César und Rosalie“…

Darf ich Sie bitte abschließend zu einem Romy Schneider Achrostikon bitten?

Rosemarie

oesterreich

marischka

ymor

Sarah

charismatisch

herzlich

natürlich

ehrlich

integer

david

emotional

ruhelos

Vielen Dank für das Interview!

Sehr gerne, danke für Ihr Interesse!

40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris)

Im Gespräch_Autor Günter Krenn

https://www.styriabooks.at/romy-spielt-sich-frei

Foto Autor_privat.

12.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Patricia Elisabeth Trageser _ Schauspielerin Wien/Berlin

reenacting Romy Schneider _

Patricia Elisabeth Trageser _ Schauspielerin Wien/Berlin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Grand Hotel Wien 7.1.2022

Walter Pobaschnig 1_22

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„Dass die Kunst eine bedeutendere Rolle einnehmen soll als bisher“ Martin Buchgraber, Kabarettist & Autor _ Wien 17.1.2022

Lieber Martin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

6:20: Leise klettere ich aus dem Bett. “Meine Zeit” und die ist aktuell viel wert. Die nächsten 30 Minuten sind für nur mich reserviert. Ich mache mir einen Kaffee und beginne meinen Tagesplan.

6:23: Die Kleine torkelt verschlafen samt weißem Stofftiger herein. Die Familienzeit beginnt. Wir googlen nach „Babyhasen“.

6:40: Die Große kommt und testet sich für die Schule. Die geliebte Geliebte tapst müde zur Morgenhygiene.

7:00: Frühstück & Jause richten. Wo ist der Stofftiger?

7:30: Die Große schnappt sich ihren Rucksack und verlässt gutgelaunt die Wohnung.

7:45: Die geliebte Geliebte geht mit der Kleinen ins Bad. Danach ein schneller Tee. Der Stofftiger taucht im Wäschekorb wieder auf.

8:00: Ich rolle mit der Kleinen in den Kindergarten. Heiliges Abschieds-Winken vorm Kindergarten. Der Stofftiger winkt mit. Am Heimweg treffe ich den Postler, er klagt über das Weihnachtsgeschäft, seine Rückenschmerzen und „de Packl – Schlepperei“.

Martin Buchgraber _ Kabarettist & Autor

8:30: Die geliebte Geliebte workt emsig im Home Office.

8:45: Ich starte einen Proben-Durchlauf im Kinderzimmer. Ist “eh fast” wie auf einer richtigen Bühne. Die Stofftiere sind mein Regisseur.

10:30: Telefonat mit der treuen Agentin. Sämtliche Vorstellungen werden verschoben. Ich tu als, ob nichts wäre… was irgendwie auch stimmt.

12:45: So spät? Kann das sein? Was kochen wir? Die Große kommt gleich nach Hause. Ich will meine geliebte Geliebte interviewen. Sie weilt, zumindest mit ihrem oberen Körperdrittel, in einer Zoom Konferenz. Es läutet an der Tür.

12:46: Der Postler. Er ist redselig, hat ein „schwares Packl“ für uns und noch immer Kreuzschmerzen. Das Paket nehme ich ihm ab, die Kreuzschmerzen muss ich ihm lassen.

13:00: Die Große ist da und hungrig. In der Schule war es “schön”. Es ist immer schön. Wenn etwas nicht schön war, dann rückt sie erst später damit heraus.

13:30: Gemeinsames Mittagessen. Anschließend beginnt die Große mit der Hausübung. Ich pendel zwischen Küche und Kinderzimmer. Meine Gitarre liegt noch im Kinderzimmer.

14:45: Die geliebte Geliebte holt die Kleine vom Kindergarten ab.

15:00: Ramba Zamba. Die Kleine reitet auf ihrem Stofftiger durch die Wohnung.

15:01: Die Große schreit. Sie hat keine Ruhe bei der Hausübung.

15:30: Wo war der Unterschied zwischen einer Strecke und einer Geraden? Eh alles gleich… oder? Die geliebte Geliebte rettet uns.

15:45: Die Kleine will eine Jause. Ich denke kurz an meine Vormittagsprobe zurück …und erinnere mich, dass meine Gitarre noch im Kinderzimmer liegt.

16:00: Wir jausnen. Die Große kommt und meint kleinlaut, dass in der Schule nicht immer alles so schön ist. Sie beichtet uns ihren Bio Test.

16:45: Ich gehe mit der Großen Inline Skaten. Sie fährt in ein Hundstrümmerl.

17:30: Die Kleine baut einen Holzturm. Er landet auf meiner Gitarre. Verdammt.

18:30: Ab ins Bad. Der Stofftiger wird nass. Drama.

19:00: Sandmännchen und Abendessen. Ich inspiziere meine Gitarre. Kleiner Kratzer, aber sonst alles ok. Der Stofftiger wird geföhnt.

20:00: Die Kleine geht ins Bett. Wo ist der Stofftiger?

21:00: Die Kinder schlafen. Juhui! Wir auch gleich!

02:15: Die Kleine steht mit Stofftiger neben dem Bett. Sie muss pipi. Noch 4 Stunden, dann geht es wieder von vorne los.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Meine persönlichen 3,5 Gs:

• Gesundheit

•Gelassenheit

•Gute Grundstimmung

Wir müssen es schaffen gemeinsame Lösungen zu finden. Lösungen, die uns allen ein gutes Leben ermöglichen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ein Gefühl, welches mich zeitweise beschleicht ist, dass wir Kulturarbeiter gerade hart gegen eine wachsende Kunst- und Kulturlosigkeit anarbeiten müssen. Das scheint ein endloser Kampf zu sein. Wir versuchen im Lockdown unsere Seele zu beruhigen. Das macht jeder auf seine eigene Art. Einige lesen Bücher, andere hören Podcasts und viele machen es mit RTL. Ich wünsche mir, dass die Kunst eine bedeutendere und größere Rolle einnehmen soll als bisher. Vor allem um das Wort zu strapazieren, eine exponentiell Größere, als sie aktuell inne hat.

Ich mache mir Sorgen, dass nach dem „Neubeginn“ die kantigen, scharfen Ellbogen ausgefahren werden und die notwendige Solidarität auf der Strecke bleibt. Ich halte es für möglich, dass es zu einem kulturellen Überlebenskampf kommen wird. Oder, wie es der Gouverneur der Nationalbank zu Beginn der Pandemie ausdrückte, dass jede Wirtschaftskrise auch eine Reinigung ist. Das finde ich bedenklich, gerade für die kleinen Kunst- und Kulturstätten.

Des weiteren bin ich der Meinung, dass es unsere dringende Aufgabe ist, wachsam zu sein und unser Publikum vom Alltag abzulenken. Mein schönstes Geschenk ist es, wenn die Zuschauer nach einem Kulturbesuch mehr als die Garderobe und ihren Partner wieder mit nach Hause nehmen. Dann ist schon viel erreicht.

Was liest Du derzeit?

+Samuel Beckett – eine Biografie (von James Knowlson)

+1977 (von Philip Sarasin)

+ Das alte Testament (erzählt von Arik Brauer)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alles seit je. Nie was anderes. Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ (Samuel Beckett)

Martin Buchgraber _ Kabarettist & Autor

Vielen Dank für das Interview lieber Martin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kabarett-, Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Martin Buchgraber _ Kabarettist & Autor

NeuStart

Fotos_1 Chaluk; 2,3,4 Clemens Maria Schreiner.

27.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart“ Hannah Arendt. Vier Essays. Studienausgabe_Piper Verlag.

1945. Es ist eine Zeit des Neuanfangs und Aufbruchs in allem. Es gilt neues Leben, Perspektiven, Möglichkeiten und ein neues Verständnis von Gesellschaft zu finden. Der Mensch ist am Weg und sein Denken begleitet ihn dabei. Das Denken der Jahrhunderte. Und dies gilt es jetzt aufzunehmen, zu bedenken und Schlüsse daraus zu ziehen. Das Wort als Leitstern einer neuen Zeit in Demokratie, Frieden und Freiheit…

„Die abendländische Tradition politischen Denkens hat einen klar datierbaren Anfang, sie beginnt mit den Lehren Platos und Aristoteles`. Ich glaube, sie hat in den Theorien von Karl Marx ein ebenso definitives Ende gefunden…“

So leitet die Philosophin, Schriftstellerin und Journalistin Hannah Arendt ihren Essay „Tradition und Neuzeit“ Anfang der 1950er Jahre ein. Arendt befindet sich in dieser Zeit auf Vortragsreisen in die USA und Deutschland und fasst diese Vorträge dann auch in schriftlicher Form zusammen. 1957 kommt es zur Erstveröffentlichung und jetzt zu einer Neuausgabe.

Arendt schließt den einleitenden Essay mit den Worten „…wie dunkel und trübe der Himmel geworden war, an dem einst die Ideen der Menschen erschienen…“

Die Werke Hannah Arendts sind in ihrer kritischen Reflexion und dem fundierten philosophischen Wissen in Korrelation zu Gesellschaft und Entwicklung in jeder Zeitepoche ein Gewinn.

„Eine Neuerscheinung, die in Anspruch und Kritik auch die Situation der Zeit trifft“

Walter Pobaschnig 1_22

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„Der poetischste Selbstmord der Literaturgeschichte“ Lisa Kröll, Schauspielerin_Romanjubiläum Malina_Wien 16.1.2022

Lisa Kröll, Schauspielerin_Wien

Herzlich Willkommen, liebe Lisa Kröll, Schauspielerin, hier im Café Prückel in Wien! Vielen Dank für das Interesse und die Teilnahme am szenischen Foto/Interviewprojekt zum Romanjubiläum „Malina“, Ingeborg Bachmann!

Welche Bezüge gibt es von Dir zum Roman Malina und Ingeborg Bachmann?

Ein Freund von mir ist ein riesiger Ingeborg-Bachmann-Fan, ich würde sogar sagen ihr größter Fan, und vor Kurzem hat er sich ihr Gesicht auf seine Brust tätowieren lassen. Das hat mich dazu bewegt, mich mit ihren Texten zu beschäftigen.

Den Roman Malina habe ich als Vorbereitung für unser Projekt gelesen, und ich habe mich immer wieder in Bachmanns namenloser Ich-Figur ertappt.

Möchtest Du da bestimmte Aspekte nennen?

In meinen früheren Beziehungen dachte ich immer, ich bin so der Ivan (lacht). In meiner aktuellen Beziehung musste ich feststellen, dass ich einen Ivan kennengelernt habe und für mich dann nur noch die Rolle der Ich-Erzählerin übrig war. Interessant, wie man in verschiedenen Beziehungen ganz unterschiedliche Rollen einnimmt und sich selbst durch sein Verhalten überrascht. Ich habe entdeckt, dass ich ein Ivan, aber auch die Ich-Person im Roman sein kann. Aufregend.

Sind die Protagonisten*innen in ihrer Typologie geschlechterunabhängig?

Meiner Meinung nach ja. Ich glaube, dass die Geschichte in der heutigen Zeit mit umgekehrten Rollenbildern genau so funktionieren würde.

Wie gehst Du jetzt in literarischer Analogie zur Ich-Erzählerin mit den Emotionen um?

In gewissen Situationen möchte auch ich manchmal in einem Riss in der Wand verschwinden (lacht).

Die Ich-Figur ist in ihren Emotionen gefangen. Ich finde es wichtig, immer wieder Abstand von den eigenen Emotionen zu nehmen und zu versuchen, den Sachverhalt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Je nachdem, welche Menschen einen dabei unterstützen, kann sich das Bild von der wahrgenommenen Situation und einem selbst drehen. So kann man eine komplett andere Sichtweise annehmen und andere Seiten / Rollen an sich entdecken. Es kann spannend sein, ganz Neues an einem zu sehen.

Was ist für Dich das Spannende und auch Dramatische an den Rollenwechseln?

Wir haben meist ein fixes Bild von uns wie wir uns benehmen, und man ist sich dann sicher – so bin ich. Und dann kommt eine Person und wirft es über den Haufen. Und genau das ist das Spannende, Dramatische.

Plötzlich merkt man, ich kann anders sein bzw. anders wahrgenommen werden. Ich kann so oder so sein. Es ist aufregend, wenn die eigene Erwartungshaltung in Frage gestellt wird.

Du hast das letzte Kapitel des Romans gestern Abend gelesen. Was sind jetzt Deine Gedanken unmittelbar danach dazu?

Den Schluss der Geschichte habe ich mir bis gestern Abend aufgespart, um den Nervenkitzel der letzten Seiten voll auszukosten (lacht).

Das dramatische Ende der Ich-Erzählerin hat mich so berührt, dass ich Gänsehaut bekommen habe. Ich fand es wahnsinnig schön und tieftraurig gleichzeitig. Ingeborg Bachmanns Sprache hat mich an dieser Stelle richtig gefangen genommen.

Müsste ich eine Lieblingsstelle des Romans nennen, wäre es eindeutig der Moment, in dem die Ich-Figur in einem Riss in der Wand verschwindet – der poetischste Selbstmord der Literaturgeschichte.

Wo und wie liest Du gerne, auch im Café?

Mich kann man an den unterschiedlichsten Orten lesend antreffen, da es mir große Freude bereitet. Einen Teil von Malina habe ich zum Beispiel im überfüllten und lauten Zug gelesen.

Ich finde es total cool, die Kaffeehauskultur zu zelebrieren und bin eine echte Kaffeehausleserin. Aber auch zuhause, ungeschminkt und in eine Decke eingemummelt, fühle ich mich – stundenlang ungestört lesend – wohl.

Manchmal passiert es, dass ich ein paar Minuten lese, auf die Uhr schaue, und merke, dass drei Stunden vergangen sind.

Wie siehst Du die Kapiteleinteilung des Buches und die inhaltlichen Schwerpunkte darin?

Ich finde es großartig, dass das Buch in drei Kapitel geteilt ist, die sich so stark voneinander unterscheiden – vom Stil, dem Inhalt und den Emotionen her, die die Ich-Figur durchlebt. So war ich immer schon erwartungsvoll, was das nächste Kapitel wohl bringen mag.

Im ersten Kapitel des Romans kommt es zur Begegnung mit Ivan vor dem Blumengeschäft. Gibt es Liebe auf den ersten Blick?

Gibt’s vielleicht, ich kenne sie nicht (lacht). Bei mir ist es eher Liebe auf den zehnten Blick oder so (lacht).

Man kann sich aber gut vorstellen, wie man hier entspannt sitzt und plötzlich eine umwerfende Person das Prückel betritt.

Wie siehst Du diese beginnende und weiterführende Liebesbeziehung zwischen der Ich-Erzählerin und Ivan?

Im Laufe der Geschichte entschwindet Ivans Liebe und das Selbstwertgefühl der Ich-Person prückelt … äh bröckelt (lacht). Mit der Zeit wird ihr die Beziehung zum Verhängnis: Ihre Abhängigkeit von Ivan führt neben dem tiefergehenden Ursprung ihrer Probleme zur Eskalation und zum verstörenden Ausgang.

Einen besonders schönen Moment ihrer Beziehung finde ich die vorhin erwähnte erste Begegnung vor dem Blumengeschäft. Die beiden sehen sich und ihnen wird unmittelbar klar, dass sie schnell miteinander weggehen müssen, um den fragilen Augenblick nicht zu zerstören.

Ist das auch heute möglich?

Wenn beide Malina gelesen haben und a bisserl romantisch sind – vielleicht (lacht).

Wie nimmst Du die Emotionen der Ich-Erzählerin wahr, etwa im wiederkehrenden Prozess des Wartens auf Ivan?

Sie sitzt nur noch untätig herum, vernachlässigt sich selbst und ihre Arbeit und das Warten auf Ivans Anrufe wird zur Hauptbeschäftigung. Sie nimmt eine passive Rolle ein und macht ihr Wohlbefinden von einem Mann abhängig. Das hat mich sehr geärgert!

In dem Moment, in dem ein Zeichen von Ivan kommt, explodiert ihr Glück.

Was steckt in der Explosion des Glücks mit Ivan alles drinnen?

Plötzlich hat sie das Gefühl, Bäume ausreißen zu können.

Die nächste Ivan-Dosis ist da, und alles ist wieder gut: Sie ist glücklich, beschwingt, voller Zuversicht und mit einer Energie erfüllt, die ihr alleine schon längst abhanden gekommen ist. Die Ivan-Droge (lacht).

Wie siehst Du die Erzählfigur Malina?

Ich habe lange gerätselt, wer Malina ist. Erst war ich überzeugt, dass er der Mitbewohner der Ich-Figur ist. Im Laufe der Geschichte bekam ich ein immer stärkeres Gefühl, dass die beiden eine Art Ehepaar sein könnten. Und am Ende war ich überzeugt, dass Malina so etwas wie ihr »Alter Ego« ist. Dass die Ich-Erzählerin diese Gespräche nur in Gedanken führt und Malina gar nicht wirklich existiert.

Das, was mich am Anfang genervt hat – nämlich, dass Malina so eine kryptische Figur ist, und ich einfach nicht dahinterkomme, wer er wirklich ist – hat mich im Laufe des Roman immer stärker fasziniert und schlussendlich den großen Reiz der Geschichte für mich ausgemacht.

Braucht es ein »Alter Ego« zur Selbsterkenntnis?

Ich glaube, dass jeder versucht, Probleme aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Wie es aber enden kann, wenn eine Persönlichkeit stark gespalten ist und das Alter Ego zunehmend in Widerspruch zum Ich gerät, haben wir ja im Roman erfahren …

Wie siehst Du das zweite Kapitel »Der dritte Mann«?

Dieses Kapitel offenbart den wahren Ursprung der Probleme der Ich-Figur. Es beinhaltet viele düstere Andeutungen und hat mir ein paar Tränen in die Augen getrieben. Nach dem Kapitel »Glücklich mit Ivan« war ich wirklich überrascht von diesem großen Bruch.

Welche Bedeutung kommt der Vaterfigur in diesem Kapitel zu?

Man wird mit schrecklichen, die Ich-Erzählerin plagenden Traumszenen konfrontiert, in denen die Vaterfigur eine große Rolle einnimmt.

Es entsteht der Eindruck, dass die Ich-Figur alte, ungelöste Probleme mit sich herumträgt und der Vater ihre Persönlichkeit stark geprägt hat. Ihre Vergangenheit scheint maßgeblich für ihre jetzigen Gefühle verantwortlich zu sein – auch für die ungesunde Beziehung mit Ivan.

Wie siehst Du die Kommunikation, das Telefon ist dabei ja zentral, zwischen der Ich-Erzählerin und Ivan?

Die Telefongespräche zwischen den beiden finde ich irrsinnig gut von Bachmann zu Papier gebracht. Sie gehören aus meiner Sicht zu den besten Passagen im Roman. Die Dialoge haben keine richtigen Satzanfänge oder -enden, basieren allzu oft auf Missverständnissen und meistens reden die Ich-Figur und Ivan aneinander vorbei. Die Kommunikation der beiden spiegelt ihre Beziehung wieder.

Telefonierst Du gerne?

Ja, sehr gerne (lacht).

Die Menschen in meinem Umfeld würden sagen, viel und lang (lacht).

Aber so kann ich mit meiner Familie und lieben Menschen in Kontakt bleiben, die ich selten sehen kann, da sie in Tirol leben. Manchmal ergeben sich auch Gespräche wie in Malina, in denen man aneinander vorbeiredet und keine Satzenden findet (seufzt).

Wie siehst Du die Entwicklung der Ich-Erzählerin zum Ende hin im dritten Kapitel des Romans?

Ab einem gewissen Punkt im Roman scheint das Ende der Ich-Person unausweichlich. Trotzdem habe ich während des Lesens so gehofft, dass sie einen Weg hinaus aus ihrer Verzweiflung findet, dass ihr Schicksal doch noch eine wundersame, glückliche Wendung nimmt (zum Beispiel in dem Moment, als sie Ivan das letzte Mal trifft). Aber hätte Ingeborg Bachmann dem Roman ein Happy-End verpasst, würde er mich wohl kaum so nachhaltig aufwühlen und beschäftigen wie jetzt.

Wien ist der zentrale Romanschauplatz. Was bedeutet Dir Wien?

Ich liebe Wien – mit seinem berühmten Grant und Schmäh. Ich fühle mich hier super aufgehoben inmitten von lebensfrohen, kreativen Leuten und imposanten Gebäuden aus der Vergangenheit.

Dass mir Wien einmal so gut gefallen würde, dass ich nicht mehr von hier weg möchte, hätte ich anfangs nicht gedacht. Da war ich der Stadt gegenüber ein bisschen voreingenommen, muss ich zugeben (lacht).

Mir gefällt, dass hier in der Stadt ein gewisser Mut selbstverständlich ist, der am Land manchmal fehlt.

Woran liegt der Mut in der Stadt?

Man bekommt den Mut hier vorgelebt und mit der Zeit wächst man automatisch rein.

In Wien trifft man auf so viele unterschiedliche Menschen, Kulturen und Weltanschauungen und sieht unzählige Möglichkeiten wie man sein oder leben könnte. Da wird man einfach dazu inspiriert, mutig das zu verfolgen, was in einem selbst Leidenschaft entfacht.

Ein Dorf, in dem beinahe jeder jeden kennt, ist vielleicht nicht unbedingt der Ort, an dem man sich neu erfinden kann (lacht).

Wie war Dein Weg zum Schauspiel?

Als Kind dachte ich, dass man irgendwie verrückt sein muss, wenn man Schauspielerin werden will. Aber mit der Zeit hatte ich ein immer stärkeres Gefühl, dass ich verrückt bi… äh, dass ich genau das machen »muss« (lacht). Ich bewarb mich in Tirol an der Schauspielschule, wurde aufgenommen und war schnell total drinnen. Im dritten Semester habe ich nach Wien gewechselt und dort die Ausbildung abgeschlossen.

Mein Interesse fürs Theater an sich begann aber viel früher. Meine Mama ist ebenfalls eine große Theaterliebhaberin und hat mich schon als Kind zu Vorstellungen mitgenommen – so ist die Begeisterung auf mich übergesprudelt. In jungem Alter durfte ich bei Theaterprojekten mitwirken, die sie mit ihren Schülerinnen und Schülern auf die Beinen gestellt hat. Später spielte ich in einer Märchentheatergruppe und anschließend im örtlichen Theaterverein, in dem meine Mama Regie führte.

Ich mache auch weiterhin beruflich Grafik und Illustration, weil es mir ebenfalls Freude bereitet. Und dieses zweite Standbein ermöglicht mir eine gewisse Freiheit, besonders in der Pandemie.

Ich bin richtig froh, dass ich mich für eine professionelle Schauspielausbildung entschieden habe. Schauspielerin zu sein ist ein wunderschöner Beruf.

Was sind Deine derzeitigen Projekte, Projektausblicke?

Ich habe mehrere laufende Stücke am Pygmalion Theater in Wien, eines davon ist ein Solostück über die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Ich spiele es seit 2017. Super an der Inszenierung ist, dass ich sehr wenig Requisiten und kein aufwendiges Bühnenbild benötige und das Stück deshalb schnell »zusammenpacken« und an den unterschiedlichsten Orten spielen kann. Deshalb bin auch schon in einer Buchhandlung, einer Galerie und meiner Tiroler Heimat als Ulrike aufgetreten.

Gerne würde ich bald wieder ein Solostück machen, im Kontrast zum Meinhof-Stoff reizt mich etwas Lustiges!

Vor Kurzem »musste« ich mich für ein Casting in eine Schlammlacke werfen – aber daraus ist ein wirklich lustiges Video entstanden (lacht).

Im Roman ist die Ich-Erzählerin Schriftstellerin. Gibt es da auch ein Wiedererkennen im Beruf als Künstlerin?

Die großen Stimmungswechsel, die bei der Ich-Figur auftreten, je nachdem, ob sie die Ivan-Droge bekommen hat oder gerade auf »Entzug« ist, kann man auch im Schauspielberuf erleben. Oft sagt man, dass Schauspieler nur so gut wie ihre letzte Vorstellung sind. War der letzte Auftritt ein Erfolg, wandelt man wie auf Wolken durchs Leben, aber war die letzte Vorstellung schlecht besucht oder hat wenig Rückmeldung bekommen, ist man am Boden zerstört – ähnlich, wie wenn man ohne nächste Ivan-Dosis zurückbleibt (lacht). Dies lässt sich auch auf die Casting-Situation übertragen.

Welche Verbindung gibt es von Dir zum Wiener Café?

Bei meiner Übersiedlung nach Wien kannte ich nur eine einzige Person. Diese Schauspielerin hat mich in ein bekanntes Café geführt und von der Theaterszene und dem Leben in den Bezirken erzählt.

Ich habe sehr viele interessante, offene, aber auch skurrile Menschen in Wiener Cafés kennengelernt und manchmal hat sich auch ein kleines Projekt dadurch ergeben. Man trifft wirklich inspirierende Leute im Kaffeehaus. So wie jetzt (lacht).

Schreibst Du auch?

Schreiben ist eine tolle Tätigkeit. Eine Freundin von mir ist Schriftstellerin und veranstaltet immer wieder anregende Workshops, an denen ich gerne teilnehme. Ihre Übungen vermitteln wirklich Lust aufs Schreiben!

Ein strahlender Dezemberhimmel jetzt über Wien. Gibt es Lieblingsorte in der Stadt?

Ja, die Sonne kommt raus, das ist ein gutes Zeichen (lacht).

Ich habe eine Zeitlang in Döbling gewohnt, da war ich gerne in den schönen Weinbergen spazieren.

Den ersten Bezirk liebe ich besonders heiß. In meiner Anfangszeit in Wien bin ich in der Schauspielschule oft gefragt worden: »Was macht Du nachher, gehst mit auf a Glaserl?« Und meine Antwort war immer: »Gern, aber vorher muss ich noch durch den ›Ersten‹ spazieren, die besondere Atmosphäre aufsaugen« (lacht).

Derzeit wohne ich in der Josefstadt und finde es da total inspirierend.

Darf ich Dich abschließend zu einem Malina Akrostichon bitten?

Manchmal packt einen die

Angst, die

Langeweile oder der

Irrsinn – aber manchmal erlebt man auf dem

Nachhauseweg ein kleines

Abenteuer.

Lisa Kröll, Schauspielerin_Wien

Herzlichen Dank, liebe Lisa, für Deine Zeit in so inspirierendem Interview und wunderbarer szenischer Darstellung! Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte!

Vielen Dank für dieses prückelnde … äh prickelnde Projekt.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Lisa Kröll, Schauspielerin_Wien

https://www.lisakroell.com/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina_Cafe Prückel_Wien.

Walter Pobaschnig  1_22

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„Literatur sollte gesellschaftlich viel zentraler wahrgenommen werden“ Bettina Frfr. von Minnigerode, Schriftstellerin _ Erlangen 16.1.2022

Liebe Bettina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich schreibe ganztags, mit Unterbrechungen. Durch die Corona Pandemie bin ich viel länger und öfter zu Hause als früher, dadurch ist mein Alltag als Autorin also nicht beeinträchtigt. Andererseits ist es ein wesentlicher Mangel, keine Menschen im realen Leben treffen zu können. Und am meisten fehlen mir die kulturellen Veranstaltungen, die in Deutschland zum Teil gar nicht stattfinden konnten oder, wie zur Zeit, nur unter sehr erschwerten Bedingungen. Viele meiner KollegInnen und FreundInnen haben auch materiell sehr unter den eingeschränkten Auftrittsmöglichkeiten gelitten. Ich selbst habe im Jahr 2019 vor der Pandemie zwei Bücher veröffentlicht, einen Lyrikband und eine experimentelle „Erzählung“ aus Lyrik und Prosatexten, die natürlich aufgrund diverser abgesagter Lesungen nicht wirklich ihren Weg in den Markt gefunden haben. Das war sehr traurig. Im Frühjahr 2022 kommt nun ein Roman auf den Markt, er heißt „Kalle oder der Küchengötze“ und erscheint im März im Verlag Kulturmaschinen. Ich hoffe sehr, ihn auf der Leipziger Buchmesse vorstellen zu können. Und vor allem, dass ich da persönlich vor Ort sein kann.

Bettina Frfr. von Minnigerode, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde drei Dinge wirklich essentiell wichtig:

zum einen, dass wir alle dazu beitragen, diese elende Pandemie zu beenden. Mit Protesten und Impfgegnerschaft wird das nicht gelingen. Ich plädiere also wirklich an alle bisher Ungeimpften, sich die wissenschaftlichen Daten und Fakten anzusehen und für sich selbst die Risiken abzuwägen, die mit einer Erkrankung auch auf junge und scheinbar gesunde Menschen zukommen können.

Zum anderen leben wir nach wie vor mit der globalen Klimakrise, auch wenn dieses Thema vor dem Hintergrund der Pandemie in unzulässiger Weise vernachlässigt worden ist, sowohl in der medialen Berichterstattung als auch in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Aber mit der globalen Erwärmung und einer verfehlten Politik, die die Klimaziele nicht einhält, wird dieses die gesamte Erde betreffende Problem ja nicht kleiner! Ich finde es unabdingbar, dass wir alle unseren Teil beitragen, vor allem aber, dass wir Parteien wählen, die die Klimaziele wirklich ernst nehmen.

Zum dritten das Dauerthema, das mich nicht erst seit kurzem beschäftigt: die soziale Ungerechtigkeit. Wir haben gerade in der Pandemie erleben müssen, in welchem Umfang die gesamte Bevölkerung auf unsere Infrastruktur, insbesondere auf das Gesundheitswesen, angewiesen sind. Menschen haben den überarbeiteten, unter völlig inakzeptablen Arbeitsbedingungen schuftenden Pflegekräften in unseren Krankenhäusern applaudiert, aber was hat sich zum Besseren an ihren Arbeitsbedingungen verändert? Viel zu wenig. Ja, sie müssen angemessenere Löhne erhalten, aber sie brauchen auch andere Arbeitszeiten, weniger anstrengenden Schichtdienst, mehr Personal, bessere Pausen-, Freizeit- und Urlaubsregelungen. Seit vielen Jahren wissen wir um die inakzeptablen Bedingungen für das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Altenheimen, aber der Sparkurs unserer bisherigen und auch der neuen Regierung hat keine echte Abhilfe geschaffen. Und jetzt, in der Pandemie, werden diese Defizite eklatant deutlich. Es gibt aus viel mehr Bereichen des Lebens Beispiele für die soziale Ungerechtigkeit in unseren Ländern, aber ich schreibe hier ja keinen Essay.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Rolle der Kunst, und insbesondere der Literatur, die ja ihre Kunst mit Worten erschafft, muss und sollte gesellschaftlich viel zentraler wahrgenommen werden. In Zeiten zunehmender Lesemüdigkeit zugunsten von Medien wie Serien und Filmen wäre es wichtig, im öffentlichen Leben das Lesen von Büchern und die Rolle der Literatur viel stärker in den Fokus zu nehmen. Bücher können und sollten weiterhin den gesellschaftlichen Diskurs mitbestimmen. Wir AutorInnen können mit politischen Themen oder Aspekten von politisch relevanten Themen viel zur Bewusstseinsbildung und Meinungsbildung beitragen. In jeder unserer schriftlichen Äußerungen kann und sollte m.E. das Politische eine Rolle spielen. Vielleicht nicht immer zentral als Thema im Mittelpunkt stehen, das wäre sicher nicht immer möglich, aber wenigstens kann sich die LeserInnenschaft mit den wichtigen politischen Fragen der Zeit auseinandersetzen, auch in Romanen oder Lyrik.

Was liest Du derzeit?

Ich lese so oft und viel, wie ich es zeitlich schaffe. Im Augenblick gerade die Bücher eines Kollegen, mit dem ich durch gegenseitiges Lektorat unserer Bücher eng zusammenarbeite. Immer wieder lese ich Lyrik von befreundeten AutorInnen, aber auch deren Romane und Kurzgeschichten. Oder Essays. Meine Bücherstapel wachsen stetig an, ich komme trotz Viellesens kaum dazu, sie abzutragen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was braucht eine Frau, um sich als Schriftstellerin durchzusetzen? Zu Virginia Woolfs Zeiten ebenso wie heute? Ein Zimmer für sich allein und ein eigenes Einkommen! Ersteres habe ich, zu Letzerem könnt Ihr alle beitragen, indem Ihr fleißig meine Bücher lest und kauft!

Vielen Dank für das Interview liebe Bettina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Bettina Frfr. von Minnigerode, Schriftstellerin

Foto_privat.

10.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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