Über wortweg08

Fotografie, Literatur, Theater, Film, Kunst. Mail: walter.pobaschnig8@gmail.com

„Maschinen wie ich“ Ian McEwan, Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

 

 

Charly ist 32 Jahre alt und sein Leben stellt sich gerade auf den Kopf. Seine Mutter ist verstorben und dies stellt ihn vor neue persönliche Herausforderungen wie auch Aktivitäten. Für Trauer bleibt ihm jetzt nicht viel Zeit, da er zunächst das Einfamilienhaus verkaufen muss, das ihm zu groß und auch zu anstrengend ist. Es ist nicht sein Interesse houskeeper zu sein oder zu werden. Es ist jedoch ein günstiger Zeitpunkt für den Verkauf, Bauland ist sehr gefragt und jetzt steht Charlie vor den Möglichkeiten an modernster Innovation der Zeit teilzuhaben. Und das ist die Technik, genauer – ein Roboter!

Gesagt, getan, gekauft – „Vor uns saß das ultimative Spielzeug, der wahrgewordene Traum vieler Jahrhunderte…Unfassbar aufregend, aber auch frustierend…“.  Seine zehn Jahre Jüngere Freundin, Mirinda, findet den neuen Hausgast auch interessant. Sein Name ist schnell gefunden – Adam, der erste Roboter. Und Charly durfte ja auch programmierend miterschaffen. Eigenschaften waren auszuwählen – „offenherzig, schüchtern, energisch, tapfer…“.  Und jetzt ist Adam hier. Nackt und präsent. Und für Charly und Miranda beginnt eine ganz neue Zeit, die sie vor ungeahnte persönliche Erfahrungen, Fragen und Herausforderungen stellen wird…

Der britische Schriftsteller Ian McEwan, der 1998 mit dem Booker Preis und 1999 mit dem Shakespeare Preis der Alfred_Toepfer-Stiftung ausgezeichnet wurde, nimmt mit seinem neuen Roman wesentliche philosophische Fragen in Menschenbild, Ethik und auch Religion auf, die sich im Zusammenhang moderner Technologien und deren Anwendungsbereiche in der Gegenwart zunehmend stellen. Der Autor verpackt dies in eine mitreißend humorvolle Geschichte einer Partnerschaft, in der Mann und Frau ihr Selbstverständnis im Leben „zu dritt“ völlig neu reflektieren und ordnen müssen. Es ist ein direkter, sehr pointierter Sprachstil, der Leserin und Leser von Beginn an anspricht und gespannt bis zum großen Finale folgen lässt.

„Ein großartiger Roman in Stil und Spannung wie  im Anspruch von Frage und Reflexion zu Mensch, Technik und Zukunft.“

„Maschinen wie ich“ Ian McEwan, Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

Walter Pobaschnig 7_19

https:literaturoutdoors.com

„Das entfesselte Jahrzehnt“ Sound und Geist der 70er, Jens Balzer. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

Es sind zwei ganz besondere Ereignisse in den USA, welche das Jahrzehnt der 1970er Jahre in großen Utopien und Optimismus fulminant beginnen lassen. Die Musik und das Weltall sind die Auslöser für das gemeinschaftliche Erwarten, Feiern und Erhoffen von Millionen Menschen, weit über das Land hinaus. Eine neue Zeit in Vision und ungeahnter Dimension des Lebens bricht für so viele an und lässt eine Generation durchstarten:  „flower power, make love not war“ und „one small step for a man, one giant leap for mankind“. Das Musikfestival in Woodstock 15.-18.August 1969. Die Mondlandung 21.Juli 1969, Apollo 11. So endet und beginnt ein Jahrzehnt, dass so viel an Aufbruch und Veränderung in allen Lebensbereichen in sich tragen wird. Im aktiven innovativen Geist einer Generation und vor allem auch einem sound, der Lebensgefühl und Ausdruck spiegelt, prägt und trägt…

Der Autor, Kolumnist und künstlerische Ideengeber, Initiator und Berater (etwa Donaufestival Krems) Jens Balzer, legt mit „Das entfesselte Jahrzehnt“  eine vieldimensionale Zeitreise in das Jahrzehnt der 1970er Jahre vor, die vor allem in ihren zahlreichen kulturellen Querverbindungen und Erläuterungen, Spannung und Information verbindet und so ein Lesevergnügen öffnet, das ganz besonders ist.

Der Autor setzt vier Schwerpunktkapitel, die mit Aufbruch, Veränderung, Bewusstseinsbildung und Ausblick zusammengefasst werden können. Dabei kommt der Musik von David Bowie, Disco bis zu Punk eine besondere Bedeutung und Beachtung zu aber auch den wesentlichen Veränderungen der Lebensverhältnisse in wissenschaftlicher Innovation (etwa Antibabypille),  medialer Ansprache (Fernsehen, Werbung) und schließlich beginnender Digitalisierung. Beachtlich ist auch wie dem Autor eine weltweite Zusammenschau von Kultur, Gesellschaft und Politik gelingt. Ebenso ist der gute Erzählstil hervorzuheben, der Geschichte und story einzigartig zu verbinden weiß.

„Ein Buch wie ein Rockkonzert, das ein Jahrzehnt fulminant auf eine spannende wie informative Bühne bringt und leicht mitschwingen wie auch kritisch Hintergründe und Ausblicke mitdenken lässt.“

„Das entfesselte Jahrzehnt“ Sound und Geist der 70er, Jens Balzer. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Walter Pobaschnig 7_19

https://literaturoutdoors

„Gotteskind“, John Wray. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

Sie ist achtzehn Jahre alt. Und jetzt ist eine Entscheidung getroffen. Aden Grace kommt mit dem genehmigten Visum für die große Reise nach Hause. Ihre Mutter ist im Bett, alle Bilder sind umgedreht. Es ist ein kurzes Gespräch. Eigentlich nur eine Mitteilung über die Abreise. Doch diese hat eigentlich schon früher hier begonnen. In diesem Haus. Bei Vater und Mutter und der Suche der Tochter nach sich selbst. Sie war allein. Hier und dort. Kann eine Reise das ändern? Die eigene Welt neu erschaffen?

Jetzt geht Aden zu ihrem Vater. Er ist Professor an der Universität Berkley, sein Fachgebiet sind Nahoststudien. Der Vater versucht mit ihr zu sprechen und ihre Bewegründe und vor allem die Gefahren dieser Reise zu bedenken. Doch auch er selbst wählte in jungen Jahren den Weg nach Kandahar, um seinen persönlichen Fragen nachzugehen und Erkenntnis zu gewinnen. Aden erinnert ihn daran und lässt sich nicht aufhalten…

Am Flughafen trifft sie Decker. Sein Weg führt nach Pakistan wie der von Aden auch. Beide haben Bücher im Gepäck, die an der Zollkontrolle kritisch hinterfragt werden. Es sei für ihre religiösen Studien, sagen sie. Sie dürfen nach längerem Argumentieren passieren und steigen in das Flugzeug. Aden will mehr über ihre Religion und über ihr Selbstbild erfahren, deswegen ist sie jetzt im Flugzeug. Lange hatte sie mit ihrem Freund über die Möglichkeiten vor Ort dazu, in Pakistan gesprochen. Sie hatte sich vorbereitet. Doch als sie am Flughafen ankommen und die Stadt betreten, öffnet sich eine Welt, in der die Schatten des Krieges schon wie Regen auf die dunkle Erde fallen. Und der Weg wird noch weiterführen. Weiter in das Unvorstellbare, das alles fordern wird…

Der Deutschlandfunk Preisträger des Ingeborg-Bachmann Literaturwettbewerbes 2017 in Klagenfurt, John Wray, zeichnet in „Gotteskind“ den Weg einer jungen Frau nach, die sich von Familie und Herkunft löst, um ihren religiösen Fragen nachzugehen und Erkenntnis über ihren Lebensweg zu gewinnen. Dem Autor gelingt es dabei sehr anschaulich einen jungen Menschen in Wille und Ambivalenz zu beschreiben wie auch die Erfahrungen und Reflexionen darzustellen, welche sich in dieser Suche ergeben. Es ist ein moderner kritischer Entwicklungsroman, der in Thema und Anspruch mutige zeitgeschichtliche Wege geht, die in Spannung und Interesse folgen lassen.

„Ein Buch, das in spannender Erzählung wesentliche zeitkritische Fragen nach Sinn und Tragik in der Wandlung von Lebensidealen öffnet.“

„Gotteskind“, John Wray. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Walter Pobaschnig 7_19                  

https://literaturoutdoors

Isolde Moser, „Bruder, komm zum Militär“ Aus den Tagebuchnotizen des k.k. Artilleristen Josef Sechterberger in der Zeit der Napoleonischen Kriege, Neuerscheinung Hermagoras Verlag.

 

Die Geschichte dieses Buches beginnt in der Kindheit der Autorin. Als die Mutter eine Schublade öffnet, kommt ein vergilbtes Heft mit geheimnisvollen handgeschriebenen Schriftzeichen zum Vorschein. Das Interesse des Kindes ist geweckt und begleitet, bis die Möglichkeit kommt, dieser besonderen Familiengeschichte nachzugehen. Hinein in eine Zeit europäischer Konflikte, Kriege, Friedenschlüsse und mannigfachen Aufbrüchen der Gesellschaft in neue Herausforderungen…

Die Kärntner Autorin, Isolde Moser, studierte Philosophin mit Schwerpunkten zu Biographien und Geschichte, legt mit den Militär Tagebuchnotizen ihres Urahns, des Artilleristen Josef Sechterberger, eine ganz besondere Zeitreise in die Epoche Napoleons und deren dramatischen Bewegungen in Krieg, Politik und Friedensperspektiven bzw. -hoffnungen vor.  Der Zeitraum, der im Tagebuch vermerkten Stationen des Artilleristen, umfasst die Jahre 1813-1823. Es beginnt also mit dem militärischen Ringen in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.-19.Oktober 1813, in dem Napoleon einer europäischen Allianz (Russland, Preußen, Österreich, Schweden, England) unterliegt. Am Schlachtfeld auch Josef Sechterberger, der unmittelbarer Akteur wie Augenzeuge ist. Weitere militärische Stationen folgen für den Artilleristen und an seinen Wegrouten werden wesentliche militärische Entwicklungen wie Lebensbedingungen und gesellschaftliche Prozesse der Zeit deutlich.

„Ein Militär-Tagebuch der Epoche Napoleons und deren europäischen Folgejahren, das in umfangreicher Zuordnung, Erklärung und Illustration zu einem eindrücklichen Panoptikum von Mensch, Zeit, Politik und Gesellschaft wird.“

Isolde Moser, „Bruder, komm zum Militär“ Aus den Tagebuchnotizen des k.k. Artilleristen Josef Sechterberger in der Zeit der Napoleonischen Kriege, Neuerscheinung Hermagoras Verlag.

Walter Pobaschnig 7_19

https://literaturoutdoors

Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

 

Commissario Brunetti hat Dienstschluss. Er blickt noch kurz aus dem Fenster, bevor er die Questura verlässt. Ein wolkenloser Himmel über Venedig. Einer dieser Tage und Abende, in denen der Glanz der Sonne im Wasser zu malen scheint und sich die Gondeln darin wie tanzende Sterne spiegeln. Er überlegt kurz über die Piazza San Marco zu gehen, aber das Wetter und die damit verbunden zu erwartenden Menschenaufläufe verbieten das. So steigt er in die öffentlichen Verkehrsmittel um zum Palazzo Falier zu gelangen. Sein Schwiegervater bat ihn um einen Termin…

Angekommen, erzählt ihm der Conte über seinen langjährigen Freund Gonzalo, der auch zur Familie gehört und ebenso dem Commissario und seiner Frau gut vertraut ist. Brunetti hat ihn selbst kürzlich getroffen und sein heller gewordenes Haar und auch der bemühte aber sichtbare der Gang des Alters fiel ihm auf. Und jetzt kommt der Conte auf den Punkt. Brunetti zieht die Augenbrauen hoch…

Der kinderlose Gonzalo wünsche sich jetzt eine Regelung für sein Erbe. Er wünsche sich einen Sohn und habe sich bereits über Adoptionen erkundigt. Und jetzt mache sich der Conte Sorgen. Doch seine Hilfe hat der Gonzalo abgelehnt. Darum dieses Gespräch mit seinem Commissario Schwiegersohn…

Brunetti ahnt, dass dies eine sehr heikle Angelegenheit ist, in der Interessen und Geld bald den Himmel über der Lagunenstadt verdunkeln könnten. Und er hat Recht. Es beginnt ein Sturm, in dem er nun Ruhe bewahren muss, um die schwankende Stadt und deren Familien wieder in sichere Häfen zu führen…

Die amerikanische Bestsellerautorin Donna Leon legt mit ihrem achtundzwanzigsten Fall für Commissario Brunetti eine spannende, abwechslungsreiche und wunderbar lebensweltliche Reise zu Familienwegen und Interessen vor, der Leserin und Leser gerne folgen.

„Ein Roman, der über die Macht des Sterbens und die Angst davor und noch viel mehr über das Leben in Traum, Erwartung und schwieriger Endlichkeit erzählt.“

Donna Leon, Ein Sohn ist uns gegeben. Roman. Neuerscheinung Diogenes Verlag.

Walter Pobaschnig 7_19

https://literaturoutdoors

„Eine bejahende, freiheitsliebende Message“ Bachmannpreis 2019

IMG_20190626_193411 1

Abwechslungsreich, engagiert und spannend. So lassen sich die 43.Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt zusammenfassen. Dies trifft auf die Texte der 14 AutorInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz  – Martin Beyer, Ines Birkhan, Birgit Birnbacher, Yannic Han Boan Federer, Leander Fischer, Andrea Gerster, Daniel Heitzler, Julia Jost, Tom Kummer, Lukas Meschik, Ronya Othmann, Katharina Schultens, Silvia Tschui, Sarah Wipauer – wie auf die Jurydiskussionen (Jury – Hubert Winkels, Stefan Gmünder, Nora Gomringer, Klaus Kastberger, Hildegard Elisabeth Keller, Michael Wiederstein, Insa Wilke –  im Saal wie des Publikums danach zu. Es sind Texte, die im unterschiedlich bewerteten Anspruch von literarischer Konstruktion wesentliche Fragen an Mensch und Gesellschaft in Aufmerksamkeit, Kritik  und Utopie stellen.

IMG_20190630_113425_1 1

Der Ingeborg Bachmannpreis ging heuer, nach einer spannenden Stichwahl zwischen Birgit Birnbacher und Yannic Han Bao Federer, an die in Salzburg geborene und lebende Schriftstellerin und Soziologin Birgit Birnbacher. Ihr Text „Der Schrank“ verband hohe sprachliche mit kritischer sozialer Aufmerksamkeit. Die Jurorin Hildegard Elisabeth Keller, beim Literaturclub des Schweizer Fernsehens tätig, betonte, dass die soziale Frage nach der Reaktion des Individuums im „Wegbrechen von Arbeitsverhältnissen“ und den Prozessen neuer Identitätsfindung, etwa angesichts von „Zynismen: Neue Arbeit“, im Text thematisiert werde. Stefan Gmünder, Literaturredakteur bei „Der Standard“, hob hervor, dass das „reduziert werden auf eine Nummer im Text nicht plakativ ist“ sondern im „hier und jetzt“ passiert. Insgesamt sei der Text literarisch „äußerst fein gemacht.“ Klaus Kastberger, Professor für neuere deutschsprachige Literatur am Franz Nabl Institut der Stadt Graz und Leiter des Literaturhauses Graz, sprach davon, dass viel „Bachmann im Text steckt“, in literarischen Topoi (etwa Das Verschwinden, Romanende von Malina) und der Erzählstruktur „puren Alltagsleben in Leichtheit und Verspieltheit und doch Dringlichkeit“. Michael Wiederstein, Chefredakteur des Schweizer Literaturmagazins Literarischer Monat/Schweizer Monat, betonte die „Empathie für eigene Figuren und den Humor – etwa bei Berlacovic (Erzählfigur, Anm.)“, das ist „großartig.“

IMG_20190630_121312 1 1

Im Interview nach der Preisverleihung wies die Bachmannpreisträgerin darauf hin, dass es „für uns Autorinnen und Autoren eine Verpflichtung ist, bestimmte Missstände in der Gesellschaft nicht auszusparen. Mein Text handelt von der Erosion der sozialen Mitte. Es war mir sehr, sehr wichtig dies zu zeigen.“ Ebenso sei aber die Referenz auf Samuel Beckett am Ende wesentlich, „das Singen als große Freiheitslust“. Denn am Ende sollte „eine bejahende, freiheitsliebende message“ stehen.

Grundsätzlich werde in der modernen Gegenwartsliteratur um „Inhalte gerungen“, dies zeigten für sie auch eindringlich „die Texte wie die Jurydiskussionen in Klagenfurt.“

 

Marie-Luise Mathiaschitz, Bürgermeisterin der Stadt Klagenfurt, welche den Ingeborg Bachmann Hauptpreis in Höhe von 25 000EUR zur Verfügung stellt, hob hervor, dass „moderne Literatur immer Reflexion unserer Gesellschaft ist und diese verschiedenen Blickwinkel sind wichtig, um Gesellschaft mitgestalten zu können.“ Der Landeshauptmann von Kärnten, Peter Kaiser, wies darauf hin, dass es gesellschaftliche „Aufgabe der Kultur an sich ist, im Besonderen aber auch der Literatur, autokratischen Formen entgegenzuwirken.“

Hubert Winkels, Juryvorsitzender und Literaturredakteur des Deutschlandfunk, betonte die „Reflexionskraft von Literatur“, die in allen Lebensbereichen, besonders aber auch in gesellschaftspolitischen Herausforderungen wichtig ist.

IMG_20190630_120958 1

Weitere PreisträgerInnen sind: Leander Fischer – Deutschlandfunk Preis, Ronya Othmann – Publikumspreisträgerin BKS Preis, Julia Jost – Kelag Preisträgerin, Yannic Han Biao Federer – 3sat Preis.

Herzliche Gratulation den PreisträgerInnen und Dank an die Veranstaltungsleitung/Unterstützung von ORF, 3sat, Stadt Klagenfurt und Land Kärnten!

Der Ingeborg Bachmannpreis wird seit 1977 in Klagenfurt vergeben. Der erste Preisträger war Gert Jonke. Der renommierte Literaturwettbewerb ist einer der wesentlichen Treffpunkte der Präsentation und Diskussion moderner deutschsprachiger Gegenwartsliteratur.

 

Walter Pobaschnig, 3.7.2019

https://literaturoutdoors.com

 

 

„Station bei Bachmann“ Gespräch und Fotoporträt mit Sarah Wipauer, Bachmannpreisteilnehmerin 2019, 21.6.2019

Die Entscheidung für den Treffpunkt ist für Sarah Wipauer schnell getroffen, „der 9.Bezirk ist ein sehr spannender Stadtbereich“. Schon in ihrer Terminzusage lässt die Autorin anklingen, dass auch das „Alsergrundland“ viel an Überraschung und Geheimnis in sich trägt. Ich bin neugierig.

dav

Wir treffen uns vor dem ersten Wohnhaus von Ingeborg Bachmann in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Rothschild Spitals am Währinger Gürtel. Bachmann zieht hier 1946 ein. Als wir uns vor der schwerem holzgetäfelten Eingangstüre begegnen, ist gerade ein Umzug im Gange. Kartons, Lampen und Bücher werden bei sengender Hitze in den Transporter gehoben.

Umgezogen ist die Bachmannpreisteilnehmerin 2019, Sarah Wipauer, selbst nicht oft. „Wien ist mein Lebensmittelpunkt“, sagt die junge Schriftstellerin „ich bin hier geboren und auch aufgewachsen.“ In ihrer langjährigen Tätigkeit an der Universität Wien im administrativen Studienorganisationsbereich spielt die Topographie hier vor Ort ebenso eine wichtige Rolle – „ich bin fast jeden Tag hier, viele Institute, an denen ich zu tun habe und hatte sind hier angesiedelt.“ Wipauer erzählt auch, dass sie im Alten AKH, dem zentralen Krankenhaus der Stadt Wien in diesem Bezirk, geboren ist. Nach dem Neubau des Krankenhauses und dem Umbau des traditionsreichen Stadtareals ist ihre Geburtsadresse jetzt ein Restaurant geworden, lächelt sie. Es ist auch jetzt noch viel an baulicher Bewegung vor Ort „man kann sich vorstellen wie es hier vor 200 Jahren war aber auch wie es in 100 Jahren sein wird“, viel an Zeit, an alter Welt und an Schnittflächen zu neuen Entwürfen von Stadt und Stil seien hier lesbar, erzählt Wipauer.

Die Neugierde und das Schreibinteresse der Autorin für Lebensorte und ihre Entwicklungen und Hintergründe wird deutlich, „Historisches ist dabei sehr oft der Ausgangspunkt.“ Thematisch war bei Schreibprojekten im vergangenen Jahr „Pest und Barock in Wien im 17. und Anfang des 18.Jahrhunderts“ bedeutsam. Topographien spielen aber grundsätzlich eine besondere literarische Rolle – „manche meiner Texte sind relativ genau verortet“. Es sind urbane Landschaften, die „nicht so im Mittelpunkt stehen aber auch eine Geschichte haben.“ Die Freiheit von Sprache und Erzählkonstruktion ist dabei ebenso wesentlich.

sdr

Im Inneren des Jahrhundertwende Hauses erzählt Wipauer, dass sie mit siebzehn Jahren Bachmann gelesen hat und dann „in den Zwanzigern wieder“. Eine Einladung nach Klagenfurt ist immer auch ein Grund diese wesentliche österreichische Autorin wieder zu entdecken. Wie etwa beim Literaturkurs im Musil Haus/Museum in Klagenfurt 2011, an dem die Autorin teilnahm, „ich las in den Nächten immer Bachmann. Es waren die Erzählungen.“ Im romantisch wuchernden Innengarten frage ich die Autorin nach ihren Schreibanfängen, „ich schreibe Texte, seit ich schreiben lernte. Der Schwerpunkt ist Prosa.“ In der Frage nach literarischen Vorbildern ist die Schriftstellerin zurückhaltend, „es gibt Schwerpunkte und Phasen“, in denen sich AutorInnen abwechseln. „Kurzgeschichten, die ins Surreale gehen“, liest sie derzeit.

„Ich habe die Handelsakademie in Wien-Hetzendorf besucht und mich dann für das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Sinologie entschieden“, umreißt die Autorin ihren Bildungs- und Berufsweg, „ich bin froh über alle Einblicke dieser Wissenschaften. Die Zugänge zu Literatur etwa, die noch nicht übersetzt ist – bis ich sterbe kann ich hier weiterlernen.“

 

 

Als wir das Haus verlassen, schlägt Wipauer den Weg in Richtung Altes AKH ein, „wohin wohl diese Straße führt?“, fragt die Autorin. Es ist offensichtlich, dass das „Alsergrundland“ für die Schriftstellerin ein Entdeckungsland ist und es hier noch sehr viel zu erzählen gibt.

Bevor es jedoch weiter geht, machen wir Station in der “Taverna Gyros“ in der Währinger Straße. Der Besitzer Fokianos Konstantinos, aus Thessaloniki gebürtig, freut sich der Wiener Bachmannpreisteilnehmerin einen Gutschein für ein Abendessen für zwei Personen überreichen zu dürfen. Herzlichen Dank für diese freundliche Überraschung!

Das Gutscheinkuvert ist eingepackt und wir spazieren zur Statue eines Röntgen Wissenschaftlers im Anne-Carlsson Park. Am Weg umschreibt Wipauer die Gedanken zum in wenigen Tagen beginnenden Literatur- und Fernsehereignis in Klagenfurt, „ich freue mich auf Klagenfurt, die Stadt, die anderen Autorinnen und Autoren wie auch das Rundherum, hoffe aber auch, dass ich wieder heil zurückkomme.“ Ihr Text sei ein neues Schreibprojekt, mehr könne, dürfe sie dazu jetzt noch nicht sagen.

dav

Jetzt sind wir bei der ausdrucksstarken Büste im Park angelangt. Guido Holzknecht, dem österreichischen Mediziner und Pionier der modernen Radiologie, wurde hier 1932 ein Denkmal gesetzt. Dabei wurden auch die schweren Verletzungen und Amputationen an der Hand des Wissenschaftlers abgebildet. Holzknecht hatte diese bei seinen Bemühungen zur Fortentwicklung der Röntgenwissenschaft erlitten. Er hatte bis zu seinem frühen Tod trotz vieler Operationen weitergearbeitet. An seinem Sterbebett war auch Sigmund Freud. Holzknecht war einer seiner Klienten, aber auch ein persönlicher Freund, der diesen wiederum in seiner Krebserkrankung behandelte. Ebenso war Holzknecht Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Im Krieg wurde die Statue nun vermutlich zerstört. In jedem Fall kam es danach zu einer Neuaufstellung, in welcher Holzknecht alle Finger zurückgegeben wurden. Ein Leben für die Wissenschaft im schonungslosen Einsatz und schließlich dem Preis verbrannter Hände und dem frühen Tod.

IMG_20190621_154721 1

Eine ganz besondere Geschichte, auf welche die Autorin hier aufmerksam macht und die für mich jetzt auch auf Ingeborg Bachmann zurückverweist. „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers“, formulierte Ingeborg Bachmann über Schreiben und Leben. Eine erstaunliche Analogie von Wissenschaft und Literatur im Anspruch von Erkenntnis und Ausdruck wie dessen Konsequenzen hier im Wiener Park und dessen Nachbarn Ingeborg Bachmann und Guido Holzknecht. Der Kreis schließt sich – auch hier in Bachmanns  „Alsergrundland“.

dav

dav

 

Danke für diese sympathische Begegnung und diesen spannenden Nachmittag, liebe Sarah Wipauer, und alles Gute für Klagenfurt!

 

Walter Pobaschnig, 21.6.2019

https://literaturoutdoors

Alle Fotos_Walter Pobaschnig