Über wortweg08

Fotografie, Literatur, Theater, Film, Kunst. Mail: walter.pobaschnig8@gmail.com

„Das Erwartete tritt in beständiger Unerwartung in Erscheinung“ Tobias Leibetseder, Komponist_Wien 17.4.2021

Lieber Tobias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

„Das älteste elektromagnetische Signal, das wir beobachten können, ist der kosmische Mikrowellenhintergrund (englisch: cosmic microwave background, kurz CMB). Er entstand, als das kosmische Plasma etwa 380 000 Jahre nach dem Urknall zum ersten Mal neutral wurde und die Wärmestrahlung freisetzte, die im heißen, frühen Anfangszustand des Universums entstanden war. Genaue Beobachtungen dieser kosmischen Restwärmestrahlung zeigen, dass bereits damals Strukturen im Universum angelegt waren, die heute noch in Form von geringen Temperaturschwankungen des CMB beobachtbar sind.“ (Spektrum der Wissenschaft)

Tobias Leibetseder_Komponist, Musiker, Performer, Medienkünstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Wesensfreudige, Infra-  und Ultraregionlae

Das Unortspezifische, Weitluftige

und natürlich NFTs…

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Das Erwartete tritt in beständiger Unerwartung in Erscheinung. Gleichwohl grenzförmig, kugelflächig erhellend.

Was liest Du derzeit?

Unebenheiten der Raumzeit im Vorzimmer. Eine Auralisation der Welt im postdimensionalen Zeitalter. (erschienen 2124, 3. Auflage)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Do. Or do not. There is no try. (Yoda)

Vielen Dank für das Interview lieber Tobias, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Tobias Leibetseder_Komponist, Musiker, Performer, Medienkünstler

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tobias Leibetseder_Komponist, Musiker, Performer, Medienkünstler

Tobias Leibetseder :: Home

Fotos_1 Tobias Leibetseder; 2 Christian König.

25.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass das Kino und seine Filme wieder zelebriert und hochgehalten werden“ Anna Tenta, Schauspielerin_ Zürich 17.4.2021

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment bin ich gerade noch etwas in einer Schockstarre, weil ein Dreh wegen Corona gerade zum dritten Mal verschoben wurde. Von Januar bis Anfang April sah es gerade noch so gut aus, endlich war wieder was los, und ich hatte den Eindruck dass meine Branche gelernt hat, trotz Corona zu funktionieren, aber jetzt wo die Fallzahlen wieder steigen, werden die Engagements, je nach Drehort, gerade wieder auf Eis gelegt.

Anna Tenta, Schauspielerin

Daher versuche ich mir aktuell gerade besonders viel Struktur zu geben um nicht dem Corona-Blues zu verfallen.Ich stehe um 7h auf, wecke meinen Sohn Johnny(11Jahre alt),animiere ihn mit Frühstück und viel Geblödel, damit er wenigstens halbwegs gut gelaunt in die Schule geht.

Wir verlassen gemeinsam das Haus und ich mache dann den ersten Spaziergang mit unserer Hündin Lou. Danach gibts Asthanga oder Vinyasa Yoga inklusive Mini Meditation-mein täglicher Endorphin Kick. Emails beantworten, Krempel und Einkäufe erledigen sind dann am Plan, nach dem Mittagessen gibt es Zeit für E-Castings, falls gerade was ansteht, wenn nicht male ich.

Kürzlich gerade habe ich Dank Instagram wieder ein Bild verkauft was mich sehr gefreut hat, oder ich fahre schnell zu meinem Pflegepferd Manio und streife mit ihm durch den Wald und erzähle ihm alles was mir grad so durch den Kopf geht, er hat die besten Antworten ;)… und dann kommt schon Johnny aus der Schule und wir spielen, machen Aufgaben, Abendessen, und den Rest behalte ich für mich.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube es ist wichtig dass wir einander nicht aus den Augen verlieren. Damit wir durch die individuelle Problematik und die Angst vor der Ungewissheit, die jeden unterschiedlich trifft- nicht zu kleinen Inseln werden, die immer weiter auseinander driften. Jeder hat seinen eigenen Kampf, seine eigenen Issues mit der Situation. Wir sind nicht alle im selben Boot, aber im selben Sturm. Wir dürfen einander nicht vergessen, und sollten immer noch wahrnehmen können, wenn jemand über Bord geht und wirklich Hilfe braucht.

Manchmal muss man die eigene kleine Glasglocke sprengen und wieder lernen andere wirklich zu sehen und wahrzunehmen.Damit die Masken,die Regeln,die Angst vor Ansteckungen oder die Absenz davon, das Kreisen um die eigene Problematik nicht dazu führen dass wir einander verlieren.

Mir kratzt das alles natürlich auch an der Seele, und ich muss dadurch wirklich auch noch bewusster lernen meinen Selbstwert nicht so stark über mein berufliches Wirken zu definieren. Ich hab gedacht ich bin schon weiter diesbezüglich, aber ich merke ich übe immer noch. Es ist schon eine echte Herausforderung, wenn der eigene “Platz in der Welt” plötzlich so massiv in Frage gestellt wird.

Vielleicht ist es die Zeit sich an Sehnsüchte,Träume, Visionen zu erinnern, an die vielleicht zarteren, intimieren Töne die uns bewegen… vielleicht sind Sie es, die unserer Seele helfen da heil durchzutauchen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei Theater und Film zu?

Irgendwie ist Kunst doch ein Resonanzkörper unserer selbst, aber im weiteren Sinne auch eine Stellungnahme, eine individuelle Momentaufnahme, ein Zeitzeugnis, eine Haltung und ein Anhalten, eine Erinnerung zur Reflektion und Introspektion.

Ich bin ganz sicher, dass Kunst, sich auszudrücken mit künstlerischen Mitteln, ein Urbedürfnis des Menschen ist und nicht wegzudenken ist aus unserer Welt, das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.

Die Wertigkeit, welche der Kultur innerhalb unserer Gesellschaft gegeben wird, die jedoch ist antastbar und zerbrechlich. Und wir Künstler sind es auch. Das wird uns allen durch die aktuelle Situation schmerzlich bewusst.

Ich hoffe wirklich sehr, dass die Politik unsere Existenz als Kulturschaffende nicht per se in Frage stellt, sondern dass es nach dieser langen Zwangspause zu einer großen Kunst und Kulturwelle kommen wird, in der es nur so sprüht vor Kreativität, Phantasie und Lebenslust.

Persönlich wünsche ich mir, dass das Kino und seine Filme wieder zelebriert und hochgehalten werden. Die große Leinwand und das gemeinsame Erleben im dunklen Bauch eines Kinosaals hat eine ganz eigene Magie, die ich trotz all der tollen Serienformate weder als Schauspielerin noch als Zuschauerin missen möchte.

Was liest Du derzeit?

“To be a man” von Nicole Krauss-und ein Sachbuch über natural horsemanship von Monty Roberts liegen auf dem Nachttischchen, gerade fertig gelesen habe ich  “conversations with friends” von Sally Rooney.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“The world is violent and mercurial–it will have its way with you. We are saved only by love–love for each other and the love that we pour into the art we feel compelled to share: being a parent; being a writer; being a painter; being a friend. We live in a perpetually burning building, and what we must save from it, all the time, is love.”

Tenessee Williams

soul search_Anna Tanta

Vielen Dank für das Interview liebe Anna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Schauspiel- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna Tenta, Schauspielerin

http://www.annatenta.com

Foto_Wolfgang Zac

Bild_Anna Tenta

14.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass man an den Leben der Anderen teilhabe“ Yu-Sheng Tsou _ Schriftsteller, München 17.4.2021

Lieber Yu-Sheng, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wach geworden bleibe ich auf dem Bett, stelle mir vor, welche Dinge, maßnahmenmäßig und maßnahmen-unmäßig, ich heute begehre, und versuche, ihre Risiken unpräzise zu begreifen, damit ich wahrnehme, dass ich langsam aus dem Schlaf in diesen Tag eintrete und an ihm teilhabe. Danach wiederhole ich, noch auf dem Bett, einige soziologische und politische Diskurse, die ich lernte, und bringe sie in eine Pseudodialektik; derzeit sind diese Diskurse häufig von Carl Schmitts „Freund und Feind” und den verschiedenen gesellschaftlichen Verhüllungen dieses hypothetischen Grundzustandes, von Hobbes, von den Vertragstheorien, und manchmal auch  von Agamben. Meine Andacht/Pseudodialektik endet normalerweise mit einer Versenkung ins (hypothetische/fiktive/allein im Diskurs hervorgebrachte) Leben in jeder/jedem, auf das das Gesetz schreiben wolle, dessen Position das Gesetz aber nicht erreichen könne, das in einem lärme und höre, aber nie spreche.

Gleichzeitig höre ich die Geräusche außerhalb meines Zimmers in dieser Zweier-WG, die meine Vermieterin macht, weil sie danach zur Arbeit gehen muss.

Dann stehe ich mit einem neu formulierten Zeitplan im Herzen auf. Wenn das Wetter nicht schlecht ist, gehe ich joggen, sonst mache ich Sport in meinem Zimmer.

Danach begebe ich mich auf die Spur des Alltags. Im letzten Semester bei einem Seminar bemerkte ich, dass die englische Übersetzung mit dem Ausdruck der routinization den Weber’schen Terminus der Veralltäglichung (der einmal zauberhaften Kräfte) behandelt; ich denke häufig über diese Übersetzung nach, weil ich immer noch eine kleine Distanz zwischen dem Begriff des Alltags und dem Begriff der Route empfinde.

Yu-Sheng Tsou _ Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Da ich eigentlich nicht geeignet bin, auf diese große Frage zu antworten, würde ich mich in Bezug auf diese Zeiten mit zunehmenden notwendigen Maßnahmen gerne auf einen Absatz der Brihadaranyaka Upanishad beziehen, den T. S. Eliot in seinem Gedicht „The Waste Land” zitiert und Jacques Lacan für das Schlusswort seines Buches Fonction et champ de la parole et du langage en psychanalyse (1953; für die englische Übersetzung, siehe The Language of the Self. Anthony Wilden übers. Johns Hopkins University Press, 1997) übernimmt. Meine unpräzise Übersetzung dieses Absatzes lautet:

Der Herrscher all der geborenen Lebewesen sprach mit seiner Stimme des Donners zu den strahlenden Gottheiten: „DA! Habt ihr mich verstanden?” Die strahlenden Gottheiten antworteten: „Dies haben wir verstanden. Sie befehlen uns, uns selbst zu zähmen. (myata)”

Der Herrscher all der geborenen Lebewesen sprach mit seiner Stimme des Donners zu den Menschen: „DA! Habt ihr mich verstanden?” Die Menschen antworteten, „Dies haben wir verstanden. Sie befehlen uns, einander ein Etwas zu geben. (datta)”

Der Herrsche all der geborenen Lebewesen sprach mit seiner Stimme des Donners zu den sich häufig ärgernden Gottheiten: „DA! Habt ihr mich verstanden?” Die sich häufig ärgernden Gottheiten antworteten: „Dies haben wir verstanden. Sie befehlen uns, aneinander teilzuhaben. (dayadhvam)”

Daher sprach der Herrscher all der geborenen Lebewesen im Donner: „DA! DA! DA! Ihr habt mich verstanden.”

Brihadaranyaka Upanishad: 5.2.1-5.2.4

Im Vergleich zur Mehrheit der Kommentare zur mysteriösen Kadenz des „Waste Land”, die den sanskritischen Ausdruck dayadhvam (day: 2. Person Plural, Imperativ) als Begriff der Sympathie interpretiert, tendiert Lacans Text an dieser Stelle zur Bedeutung des Teilhabens: Man höre den Worten des „großen Anderen” als sporadischen Befehlen zu, sodass man sich verhalte (dāmyata), indem man die anderen, die auch den Worten des „großen Anderen” zuhörten und versuchten, sie zu verstehen, als die Entsprechenden von einem anerkenne (datta); in dieser Hinsicht solle man nicht vergessen, dass man an den Leben der Anderen teilhabe (dayadhvam), weil man innerhalb der zugehörten Worte des „großen Anderen” das eigene Leben in der Form eines anerkannten Menschen habe.

Lacans Interpretation thematisiert eine Relation zwischen 1) einer Gewalt, der als imperativischen Worten zugehört wird, weil man sie verstehen will und muss, 2) dem als Worte ausgedrückten Begehren von einer/einem, und 3) den mithilfe der Worte sich gegenseitig als Menschen anerkennenden Menschen, die über die Teile der Leben von Anderen verfügen, indem sie ein eigenes haben; diese Vorstellung erinnert mich an meine/unsere jetzige Situation. DA-da-da-DA…

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Rolle(n), die Bühne, die Szenerien, das umfassende Rundtheater der Mnemonik, die Realität und die Wirklichkeiten. Im Kontext der Kybernetik fragte Juri Lotman nach der ontologischen Verortung der Kunst (1967); wahrscheinlich stellt er sich die Wirklichkeit inmitten der Realität vor als ein möbliertes Zuhause, und die Kunst, als eines der funktionierenden Subsysteme der Wirklichkeit, sei ein möbliertes Zimmer dieses Zuhause, in dem man sich unterhalte in der Weise, als würde man sich unterhalten, und sich bewege in der Weise, als würde man sich bewegen; d.h. in diesem Zimmer spielt man mithilfe/wegen der Möbel und der halb-geschlossenen Tür in einer schwebenden Zeit des „als-ob”, damit man Abstände verwirklicht, die ermöglichen, entweder dass man sich auf sich selbst bezieht, oder dass man innerhalb einer Wirklichkeit die Grenze der Wirklichkeit überquert und sehr bald zurückkehrt, sodass man sich als Teil dieser Wirklichkeit auf die Wirklichkeit bezieht.

Kurze Zeit in diesem Zimmer verweilend, weil irgendwo irgendwann nicht erlaubt wird, das Zuhause zu verlassen: Die schwebende Zeit des „als-ob” führt zur logischen Schwierigkeit, die dem „Diagonalargument Cantors”, mit dem Cantor die Überabzählbarkeit einer Menge offenbart, isomorph ist, weil im Zimmer der Kunst jede verwirklichte Selbstbezogenheit der Wirklichkeit ein Fragment der Wirklichkeit hervorbringt, das aus den Elementen der gerade funktionierenden Wirklichkeit besteht, aber trotzdem noch nicht von dieser Wirklichkeit enthalten wird.

Ich kann mich noch an das Gespräch in diesem Zimmer zwischen Dr. Bernard Rieux und Jean Tarrou zum Thema des Grundlegenden erinnern; danach trat René Girard in dieses schwebende Zimmer ein, hier beobachtete er die Spiele der Sündenböcke und dachte an das Bauopfer eines Zuhause, das manchmal auf dem Fundament noch lärmt; danach fand ich in diesem Zimmer Le Guins „The Ones Who Walk Away from Omelas”.

„Re-entry” ist Niklas Luhmanns Zauberspruch, mit dem man sich in einen Bumerang transformieren könne, der wieder und wieder nach/aus dem ortlosen Ort —Utopie— geworfen werde, und wenn man Spencer-Browns Kalkül zur Selbstbezogenheit im Laws of Form wiederholt, wird man wahrscheinlich ein Gefühl der Unsicherheit bekommen, weil diesem Kalkül nach man nicht imstande sei, zu wissen, was in der Dunkelheit auf dem Weg von Selbst nach Selbst erfahren wurde zwischen zwei Wirklichkeiten. Trotzdem, dāmyata, seid leiser, um das Grundlegende zu vernehmen; datta, gebt dem Fundament dieser Szenerie auch ein Stück von stimmhaften Worten; dayadhvam, an ihm hat man aber schon teil.

Was liest Du derzeit?

Der Stupa gerade auf meinem Schreibtisch besteht aus den folgenden Bauelementen: Hilmi Yavuz, wenn die zeit kommt (Özlem Özgül Dündar übers. ELIF Verlag, 2014). Armin Steigenberger, das ist der abgesägte lauf der welt (Norderstedt 2020). Alexandru Bulucz, was Petersilie über die Seele weiß (Frankfurt am Main 2020). Saskia Warzecha, Approximanten (Berlin 2020). Gilbert Simondon, Individuation in Light of Notions of Form and Information (Taylor Adkins übers. University of Minnesota Press, 2020).

Das Stüpchen gerade an meinem Bett besteht aus den folgenden Bauelementen: W. S. Merwin, The Rain in the Trees. Julio Cortázar, Rayuela (Gregory Rabassa übers). Milorad Pavić, Dictionary of the Khazars (Christina Pribićević-Zorić übers).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Affekt gegenüber einem Ding, das wir uns als frei vorstellen, ist stärker als der gegenüber einem notwendigen Ding und folglich noch viel stärker als der Affekt gegenüber einem Ding, das wir uns als möglich oder zufällig vorstellen. Ein Ding sich als frei vorstellen kann aber nichts anderes bedeuten, als dass wir es uns einfach vorstellen, indem wir die Ursachen, von denen es zum Handeln bewegt wurde, außer Acht lassen. Folglich ist der Affekt gegenüber einem Ding, das wir uns einfach vorstellen, bei sonst gleichen Umständen, stärker als gegenüber einem notwendigen, möglichen oder zufälligen, und mithin ist er der stärkste.” (Spinoza, Ethik: V, Lehrsatz 5, Beweis; zitiert aus Agambens Die kommende Gemeinschaft.)

Ich vermute, darin sollte das Prinzip der anthropomorphischen Rhetorik enthalten sein, die man zuerst auf sich selbst überträgt und danach auf die anderen legt.

Vielen Dank für das Interview lieber Yu-Sheng, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Yu-Sheng Tsou, Schriftsteller

Yu-Sheng Tsou: Drei Gedichte – Signaturen (signaturen-magazin.de)

Foto_privat.

18.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass die Unterschiede zwischen den Lebenswelten jetzt noch stärker hervortreten“ Thorsten Krämer, Schriftsteller_ Wichlinghausen_D 16.4.2021

Lieber Thorsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe so gegen 8 Uhr auf (oder auch nicht), schreibe ein wenig (oder auch nicht), mache Frühstück (oder auch nicht), gehe einkaufen (oder auch nicht), koche (oder auch nicht), lese (oder auch nicht), mache die Wäsche (oder auch nicht), radel eine halbe Stunde auf dem Heimtrainer (oder auch nicht), esse (man muss ja), sitze in Zoom-Meetings (oder auch nicht), verzettel mich in Online-Diskussionen (das immer), schaue Serien (oder Filme).

Das alles untermalt vom vertrauten Tür-auf-Tür-zu-Boulevardtheater des Familienlebens mit berufstätiger Frau und zwei erwachsenen Söhnen, die zwar gerade studieren, aber dabei kaum die Wohnung verlassen.

Thorsten Krämer, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht, jede*r hat doch etwas anderes, das ihm/ihr gerade wichtig ist. Die einen vereinsamen, die anderen haben Lagerkoller; die einen nutzen eine unerwartete Auszeit, die anderen stehen vor dem Ruin. Vielleicht ist nur das verallgemeinerbar: zu verinnerlichen, dass in einer solchen Ausnahmesituationen die eigene Lage, das eigene Befinden noch weniger repräsentativ aufgefasst werden kann als eh schon; dass die Unterschiede zwischen den Lebenswelten jetzt noch stärker hervortreten und entsprechende Folgen zeitigen. Aber selbst eine solche Selbst-Relativierung setzt ja schon ein gewisses Maß an Absicherung voraus, über das sehr viele nicht verfügen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich finde es schwierig, so allgemein zu sprechen, siehe meine vorherige Antwort. Warum sollte ich Empfehlungen für andere aussprechen? Literatur und Kunst spielen in meinem Leben eine große Rolle, daraus kann ich aber nicht ableiten, dass dies für alle gelten sollte. Ich finde es problematisch, eine besondere Bedeutung für das eigene Tun zu proklamieren. Andererseits ist es natürlich legitim, in einer allgemeinen Wettbewerbssituation für die eigene Position einzutreten. In dieser Hinsicht kann und soll auch die Kulturbranche Lobbyarbeit betreiben – aber vielleicht in Zukunft ohne die Verbrämung, die heute damit oft einhergeht.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Die Glocken von Basel‟ von Louis Aragon und „Ducks, Newburyport‟ von Lucy Ellmann. Das hat sich irgendwie ergeben, passt jetzt aber sehr gut zusammen – einerseits dieser an klassische Vorbilder angelehnte französische Gesellschaftsroman aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der vor allem Frauenfiguren in den Fokus stellt; andererseits der 1000 Seiten lange innere Monolog einer amerikanischen Hausfrau der Gegenwart.

Thorsten Krämer, Schriftsteller

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Diese Stelle findet sich gleich auf den ersten Seiten von „Ducks, Newburyport‟ (erschienen 2019) und hat mich davon überzeugt, dass ich das weiterlesen will:

„… the fact the Ben says everybody on earth will soon be starving or suffocating or dying of SARS or Ebola or H5N1, the fact that H5N1 only has to mutate a few more times and we‘re all goners, so maybe it was all for nothing, human achievement, but before that happens, we still have to do our taxes, and Leo needs to fix the garage door …‟

Vielen Dank für das Interview lieber Thorsten, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Thorsten Krämer, Schriftsteller

Home (thorstenkraemer.de)

Fotos_stills_Video „Interventions for Readings‟:
https://vimeo.com/387270820

17.3..2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Eine gute Mischung zwischen Nachrichten-Konsum und der Vermeidung dessen“ Lisa-Lena Tritscher, Schauspielerin_Wien 16.4.2021

Liebe Lisa-Lena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Erstaunlich geregelt (sagte sie stolz J). Ich bin viel in der Natur und beginne gerade wieder zu proben. Außerdem konnte ich mich aufraffen, mit der Umsetzung einiger eigener Projekte zu beginnen.

Lisa-Lena Tritscher, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nach innen zu gehen, weil das außen manchmal ganz schön deprimierend sein kann. Eine gute Mischung zwischen Nachrichten-Konsum und der Vermeidung dessen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich tu mir immer schwer damit solche Dinge für die Gegenwart zu beantworten. Geschichte schreibt sich doch immer erst im Nachhinein. Ich darf gespannt darauf warten, welche Rolle dem Theater im Zusammenhang mit der Coronakrise zuteil wird, wenn die Spielstätten uns wieder empfangen dürfen.

Was liest Du derzeit?

Christoph Schlingensief „Kein falsches Wort jetzt“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich nehm` noch ein Schlückchen Eierlikör, das Leben muss ja irgendwie weitergehen“ Harpe Kerkeling

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa-Lena, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa-Lena Tritscher, Schauspielerin

Lisa-Lena Tritscher – österreichische Schauspielerin und Model

17.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ausgewählte Lyrik“ Zdenka Becker. Podium Porträt 112. Verlag Podium.

Ausgewählte Gedichte_Zdenka Becker_Podium Verlag

Zdenka Becker, mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, trifft schon mit dem ersten Gedicht „diese einladung“ Ihres neu erschienen Lyrikbandes in das Herz von Leserin und Leser.

Es ist eine einzigartige Kraft und Wucht mit der die Autorin Mensch, Liebe und Welt in Ihren Wortbogen spannt und die poetischen Pfeile landen treffsicher im Erleben, Erfahren von Rausch und Schmerz, Sehnsucht und Erfüllung, Drama und Hoffnung des Menschen. Beeindruckend ist die Virtuosität von Sprache, welche gleichsam die Essenz von Liebe reduziert und wirkmächtig auf den Punkt bringt und erfasst. Es ist ein Mitgerissenwerden, dem ein Staunen und Ergeben folgt in diesen faszinierenden poetischen Kosmos, der Gedanke und Wiedererkennen öffnet und nicht loslässt.

Die Gedichte Zdenka Beckers sind Spiel und Mitte des Lebens. Es geht darin immer um alles. Um Begegnung mit Menschen und Orten. Um Leichtigkeit, Offenheit wie um Einsamkeit und Kraft im Fortgehen und Erinnern.

Gedichte als Mut zu Leben und Sein. Zur Liebe. Ohne Kompromiss.

„Ein poetisches Geschenk zur richtigen Zeit. Ein mitreißendes Plädoyer für Mensch, Liebe, Welt, Mut“

Walter Pobaschnig 4_2021

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„Ingeborg Bachmann geht es nicht um Perfektion sondern um das Leben“ Patricia Trageser_ Schauspielerin_ Station bei Bachmann_Wien 16.4.2021

Patricia Trageser, Schauspielerin

Ingeborg Bachmann ist so vielseitig. Da ist Kraft wie Zerbrechlichkeit.

Im Schreiben ist ganz dieses Ankommen zu spüren. Reflexion, Mut und Direktheit. Dieses Bei-Sich-Sein, das Ängste nicht ausschließt, sondern an- und aufnimmt, vielleicht um diese zu verwandeln, in jedem Fall um diese auszusprechen für sich und andere, schonungslos.

Wenn Bachmann schreibt ist sie Zuhause. Da ist innerlich Haus und Grund. Auch Abgrund. Natürlich steckt da viel Persönliches drin und das macht verletzbar.

Auch auf der Bühne ist es so. In jeder Rolle steckt viel aus dem eigenen Leben und es ist ein Preisgeben davon. Das ist Überwindung, Angst und Befreiung.

Der Roman Malina ist da sehr exponiert. Das ist einzigartig. 

Rollen mit großer „Fallhöhe“ interessieren mich sehr. Das geht an das Innerste, greift über Konvention hinaus und führt weiter in der eigenen Persönlichkeit.

Bei Ingeborg Bachmann geht es nicht um Perfektion sondern um das Leben. In allen Schattierungen. Es geht um Dasein im Doppelsinn. Die Welt wahrzunehmen und mein Da-Sein – „Ich bin da!“. Das ist ein Wert und Weg.

Es ist viel zu lernen von Ingeborg Bachmann.

Das Feuer stellt ja bei Bachmann eine wesentliche Chiffre für Kunst und Leben dar. Und ist natürlich ganz unmittelbare Tragik. In meiner Kindheit hatte ich selbst große Angst vor Feuer, ich träumte davon und konnte kein Feuerzeug in die Hand nehmen.

Ich muss jetzt wieder stark daran denken. Dieses Brennen wie die Angst vor dem Feuer ist ja eine Metapher für Kunst. Der Wille, das Bemühen, die Herausforderung um die Flamme der Anerkennung und des Erfolges im Beruf Künstlerin und gleichzeitig die Angst, die Enttäuschung. Das liegt sehr nahe beieinander. Flamme und Asche.

Feuer hat eine große Kraft wie Macht. Da ist Spiel, Faszination und Zerstörung. Kunst, Liebe, Leben trägt all das in sich. Der Roman erzählt davon. Da ist alles kompromisslos.

Auch diese Lust zu Begegnung bei Bachmann kommt mir da in den Sinn. Gerade in einer Stadt wie Wien ist es ja wunderbar möglich sich zu treffen und auszutauschen. Bachmann lebte das und es ist hoffentlich bald wieder so gut möglich. Kunst lebt wesentlich davon. Begegnung ist natürlich auch Netzwerk, das trägt. Gerade in diesen Tagen.

Begegnung ist ebenso ein Entdecken der eigenen Persönlichkeit. Ein ganz wichtiges. Das fehlt ja jetzt großteils in der unmittelbaren Form. Wir müssen uns da wieder finden und wohl neu entdecken.

Im Roman Malina geht es um Kopf und Herz. Um den Zwiespalt dabei, den Widerstreit. Das kennen wir alle. Aber wer traut sich das so schonungslos auszusprechen?

Leben heißt riskieren. Auch den Schmerz.

Frau kann ihre Konflikte selbständig lösen, dazu braucht es keinen Mann.

Frau ist so viel – aber nicht das Schneewittchen, das auf den Prinzen wartet.

Heute muss alles sehr schnell gehen. Auch das Kennenlernen. Das ist der falsche Weg.

Es fehlt oft das Interesse für das Gegenüber in einer Beziehung. Der echte Kontakt. Da ist viel Oberfläche aber keine Tiefe.

Sympathie auf den ersten Blick gibt es, nicht Liebe.

Liebe ist Arbeit.

Nur die ersten 4/5 Monate ist honeymoon.

Unsere Gesellschaft ist gekennzeichnet von Erwartung und Überforderung. Das ist auch in der Liebe so.

Eine Stadt, ein Ort trägt Liebe. Im Entflammen, Erleben, Zelebrieren wie dem Erlöschen.

Jede Stadt trägt die Flamme und die Asche der Liebe. Das prägt, lässt nicht los. Bleibt unvergessen. Der Roman erzählt davon.

Ingeborg Bachmann _ Foto _Heinz Bachmann

Männer suchen nach Rechtfertigungen, Frauen stellen Fragen. Frauen sind im Selbstreflexionsprozess weiter. Männer haben da noch einen Weg vor sich.

Diversität in der Kunst sollte mehr strukturell angesprochen und thematisiert werden. Es gibt viel zu tun.

Ingeborg Bachmann war mir bisher über Fotos und Berichte bekannt. In der Erarbeitung dieses Projektes zum Romanjubiläum ist sie mir aber sehr schnell nahegekommen. Da ist eine starke Verbindung fühlbar geworden. Diese Entdeckungsreise ist sehr interessant.

Ingeborg Bachmann ist Vorbild und Inspiration. Es geht darum aufmerksam und neugierig sein. Nach Außen wie nach Innen. Zurückzuschauen wie ich was ich geworden bin und immer weiterzugehen in Leben und Kunst.

Patricia Trageser, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Patricia Elisabeth Trageser, Schauspielerin _Wien.

„Das Theater und die Kunst haben nun die Möglichkeit ganz neue Wege zu gehen“ Patricia Elisabeth Trageser_Schauspielerin, Wien 16.12.2020 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Kempinski_Wien_15.1..2021

Walter Pobaschnig _ 4_2021

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„Die regenerierende und heilende Wirkung von Musik und Kunst wird immer bewusster“ Desirée Mostetschnig, Musikerin, Klagenfurt 15.4.2021

Liebe Desirée, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment starte ich den Tag unter der Woche mit meinen beiden Kindern (5  und 9) und bringe meinen Sohn nach den mütterlichen Morgengeschäften in  den Kindergarten – die Große besteht darauf selbst mit dem Bus zu fahren 🙂 Im Idealfall gehe ich danach jeden zweiten Tag eine kleine Runde laufen oder setze mich aufs Ergometer. Dann stehen oft Termine in Vorbereitung für Studiotage, Gigs oder Projekte im Sommer an. An den Vormittagen übe, transkribiere, oder bearbeite ich eigene Lieder, arbeite an Homepage und Socialmedia Präsenz, oder bereite den nächsten Singlerelease in Ton und Bild vor. Mittwochs habe ich einen regelmäßigen Probetermin mit einem Kollegen.

Vor Ostern begann die Projektarbeit mit einer vierten Volksschulklasse der BAfEP Klagenfurt – Voice meets Music – da bin ich dann bis Juni immer montagvormittags in der Schule. Nachdem ich meinen Sohn zwischen 14h und 15h wieder vom Kindergarten abgeholt habe, betreue ich an ein bis zwei Nachmittagen Klienten in vokalen Einzelsessions, weswegen ich mich auch regelmäßig selbst oder am Messegelände testen lasse. Grundsätzlich brauchen mich meine Kinder nachmittags im Moment sehr: wir verbringen Zeit miteinander, lernen, üben Klavier, ich unterstütze sie bei ihren Nachmittagsaktivitäten z.B. die Online-Treffen des Theaterclubs oder der Gang zum Kieferorthopäden …. Abends essen wir gemeinsam.

Wenn die Kinder dann schlafen, geht die Arbeit an den Projekten meist weiter. Es kann aber auch vorkommen, dass ich einfach mit ihnen einschlafe. Wochenends versuche ich mir Kreativzeit einzurichten, nehme Probentermine wahr, mache Aufnahmen mit einer Grazer Kollegin oder bearbeite das was unter der Woche liegen geblieben ist. Sonntags verbringe ich zumindest nachmittags voll und ganz mit meinen Kindern. Alle 2-3 Wochen ca. brauche ich eine intensive Pause für ca. 2-3 Tage – dann geht es wieder weiter.

Desirée Mostetschnig, Musikerin, Komponistin, Trainerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Neben dem, dass die Fähigkeit der persönlichen Selbsteinschätzung noch nie so wichtig war wie heute (was braucht mein System gerade, wie hoch ist mein Stresspegel, muss jetzt unbedingt was raus oder: wie aufnahmefähig bin ich gerade etc. …) ist es wichtig, dass jeder seinen individuellen Umgang findet. Für mich persönlich ist es gut mich vor allem zeitlich in längeren Spektren zu bewegen und die Vorausschau zu pflegen, auch wenn dies schwierig erscheint in solch instabilen Zeiten. Das Arbeiten an Ausrichtung und lebendigen Zielen und  der respektvolle Umgang mit meinen eigenen Bedürfnissen schenkt mir Kraft – und die ist für uns alle gerade besonders wichtig denke ich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Ich denke wesentlich wird sein wie agil sich der Mensch auf neue Umstände fähig ist einzulassen und sich der Veränderung zu stellen: Dies sind fordernde und anstrengende Prozesse für uns „Gewohnheitstiere“. In der Rezeption von Musik wird es auch in der Popularmusik immer weniger um reine Unterhaltung gehen. Den Menschen wird die regenerierende, rekreative und heilende Wirkung von Musik und Kunst unabhängig ihrer Genres und Sparten immer bewusster. Auch das dem Menschen innewohnende Bedürfnis danach die eigene Kreativität auszuleben und dadurch mental selbstregulierend tätig zu sein gewinnt immer mehr an Bedeutung.

Was liest Du derzeit?

Im Moment lese ich wieder Hermann Hesse´s Siddhartha.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das folgende Zitat hat mich bereits durch einige krisenhafte Momente hindurch getragen, da ihm die Hoffnung innewohnt die uns in dunklen Zeiten oft verlässt. Und so möchte ich es an dieser Stelle gerne teilen:

„Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt

Schmetterling.“ (Laotse)

Desirée Mostetschnig, Musikerin, Komponistin, Trainerin

Vielen Dank für das Interview liebe Desirée , viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Desirée Mostetschnig, Musikerin, Komponistin, Trainerin

www.desireemostetschnig.com

https://desireemostetschnig.bandcamp.com

Fotos_Gernot Gleiss

18.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur kann Raum für Veränderung schaffen“ Franziska Hauser, Schriftstellerin_Berlin 15.4.2021

Liebe Franziska, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich überlege jeden Morgen neu, ob die Prioritäten von gestern heute noch stimmen. An meinem neuen Roman schreibe ich zwar jeden Tag und verbringe die Abende mit meinem Mann und meiner Tochter, aber oft mache ich auch ganz sinnlose Sachen, weil ich zu wenig Arbeit habe. Einerseits tut es ganz gut, nicht mehr so einen effektiven Alltag zu haben, andererseits ist es auch sehr irritierend. Die finanzielle Abhängigkeit, die ich bisher immer vermieden habe, finde ich jetzt beängstigend.

Franziska Hauser, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Der Hoffnung, dass alles wieder so wird wie es war, sollten wir nicht so viel Raum geben, sondern lieber herausfinden was wir ändern müssen. Ich habe mich, gerade im Frühling, oft total daneben gefühlt, wenn alle unter rosa Kirschblüten, Milchkaffee schlürfend auf den Straßen saßen und die komplette Sorglosigkeit zelebriert haben. Die haben wir jetzt nicht mehr und ich will eigentlich nicht, dass alles wieder wird, wie es war. Diesen Hochleistungsalltag will ich auch nicht zurückhaben, weil ich glaube, dass die Hochleistung und die Selbstoptimierung auch die Vergnügungssucht bedingt. Ich hab mir immer mehr Ernsthaftigkeit und Vernunft gewünscht und gedacht: Irgendwann kommt ein Monster und schlägt uns die Kaffeetassen aus den Händen. Jetzt ist das Monster da und gibt uns einen Auftrag: „Wenn ihr klug und mutig seid, könnt ihr euch retten!“ Jede Bewegung erzeugt ja eine Gegenbewegung und es ist jetzt eine Chance, etwas zu ändern, wenn man sich am Alten nicht mehr festhalten kann. So viele Missstände zeigen sich jetzt und können nicht mehr so leicht verdeckt und ignoriert werden. Vielleicht wissen wir ja in Wahrheit schon immer alles was wir wirklich wissen müssen. Dass wir den Klimawandel und die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen so sehr vorangetrieben haben, liegt ja nicht daran, dass wir nicht anders könnten, sondern vor allem daran, dass uns bisher noch Nichts daran gehindert hat. Vermutlich ist es leider keine Hilfe fürs Klima, oder für unsere Besinnung, oder Achtsamkeit, wie ich es in meinem Harmoniebedürfnis gerne hätte. Aber wenn wir nicht wollen, dass die Pandemie einfach nur eine von vielen Katastrophen ist, sollten wir nicht nur versuchen uns selbst zu retten, sondern auch sehen was sich jetzt besser machen lässt, um auch die Zukunft unserer Kinder zu retten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, die wichtigste Aufgabe der Literatur ist es den Lesern die Angst zu nehmen. Die Sorglosigkeit ist genauso falsch wie die Angst. Man kann mit Literatur Raum für Veränderung schaffen, weil wir uns Veränderungen ja immer erstmal vorstellen müssen, bevor wir sie umsetzen können. Die Literatur kann diese Vorstellung sein.

Was liest Du derzeit?

Fräulein Nettes kurzer Sommer von Karen Duve mag ich gerade sehr, weil es so schön respektlos geschrieben ist, sodass ich als Leser selbst entscheiden darf, wen ich sympathisch finde und wen nicht. Das gefällt mir.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen ist, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Bertolt Brecht

Franziska Hauser, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Franziska, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Fotoprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franziska Hauser, Schriftstellerin, Fotografin

Autorin (foto-haus.info)

Alle Fotos_Selbstporträts_Franziska Hauser

17.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Griffen – wie es früher einmal war“ Ein Zeitbild um 1910. Valentin Hauser. Hermagoras Verlag

Es ist eine Zeit des Innehaltens. Und damit auch des Erinnerns, des Rückblicks in nähere und entferntere Vergangenheit. Dies lässt für Augenblicke die großen Anforderungen der pandemischen Gegenwart etwas vergessen. Wie war es damals? Was magst Du erzählen? Ein Buch ist da ein wunderbarer wissender Reisegefährte in Wirklichkeit und Traum der Menschheitsgeschichte…

Der österreichische Buchautor und Komponist, Valentin Hauser, lädt dazu ein, anhand von Lebenserinnerungen in Wort und Bild die Kärntner Gemeinde Griffen in Leben und Gesellschaft Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts nacherleben zu können. Und es ist vielfältig, erstaunlich und spannend was es da zu sehen und lesen gibt…

Der Autor, ein Freund des österreichischen Nobelpreisträgers Peter Handke, welcheraus Griffen gebürtig ist,lässt auch diesen prominenten Sohn der Gemeinde zu Wort kommen. Peter Handke schreibt ein Vorwort und dabei gleich einen Preis aus. Seien Sie gespannt…

Neben der inhaltlichen sehr gelungen kompakten Zusammenstellung, der eine umfassende Recherche zugrunde liegt, die in höchstem Maße zu würdigen und anzuerkennen ist, ist auch das Druckformat und der Satz von Wort und Bild hervorzuheben – dies ist einmalig gelungen. Besonders auch die Präsentation historischer Fotos in so guter Qualität und die Textabstimmung dazu.

Als diese Besprechung verfasst wird, höre ich im Radio gerade, dass Hugo Portisch, der anerkannte österreichische Journalist und eine Legende zeitgeschichtlicher Präsentation gestorben ist. Wie Portisch so viel für das österreichische Geschichtsbewusstsein geleistet hat, so ist auch das vorliegende Buch ein wichtiger Mosaikstein regionaler wie österreichischer Identität.

Walter Pobaschnig 4_21

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