Über wortweg08

Fotografie, Literatur, Theater, Film, Kunst. Mail: walter.pobaschnig8@gmail.com

„Dass das Umdenken, ein Umdenken bleibt“ Kathrin Röggla, Schriftstellerin_ 23.5.20

Liebe Kathrin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schreiben, Kinder, Haushalt Schreiben, Kinder, Schreiben, Haushalt, Kinder, Kinder, von 7.00-22.30

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Allmende, eine gute soziale und gesundheitspolitische Absicherung. Dass das Umdenken, ein Umdenken bleibt, und nicht alles auf „normal“ versucht sich wieder einzuschießen.

 

Kathrin Röggla_Andreas Schmidt

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Sichtbarkeit für die Problemlagen zu erstellen, die unterschiedlichsten Erfahrungswelten zu verknüpfen, Eigensinn und Ernsthaftigkeit mit Spiel zu verbinden. Zum Lachen zu bringen. Möglichkeitsräume aufzuzeigen.

 

Was liest Du derzeit?

Albert Camus, Kurt Tucholsky, Lucia Berlin und Eva Horn übers Anthropozän

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kurt Tucholsky, 1926 in der Weltbühne, „Gruß nach vorn“: „Fragen werden ja von der Menschheit nicht gelöst, sondern liegen gelassen“

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Kathrin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kathrin Röggla, Schriftstellerin

https://www.kathrin-roeggla.de/

 

13.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Andreas Schmidt

„Die Literaturszene braucht gemeinsame Strategien“ Katherina Braschel, Schriftstellerin_22.5.2020

Liebe Katherina wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf wurde durch die Covid-Krise vielleicht ein wenig kompatibler mit anderen Menschen als er sonst ist. Wenn ich es mir einrichten kann, beginnen meine Tage um ca. 11 Uhr am Vormittag und enden um ca. 2 Uhr in der Nacht. Diesen Rhythmus beizubehalten ging jetzt relativ gut, da Termine am Vormittag ohnehin quasi ganz wegfallen.
Ich stehe auf, frühstücke, lese Nachrichten oder höre Radio, erledige dann Mails und so weiter, verbringe einen großen Teil jedes Tages mit dem Telefonieren, Sprach- oder Textnachrichten austauschen mit Freund*innen und meiner Familie, gehe eventuell spazieren, einkaufen und setze mich, wenn es geht, gegen Abend ans Schreiben. Allerdings hemmt mich die anhaltende Ungewissheit der Gesamtsituation momentan sehr dabei.
Ich lese momentan auch viel, mehr als zuvor oder verbringe den Abend mit den Menschen, mit denen ich zusammen wohne. Die ersten fünf Isolationswochen war ich alleine isoliert, hatte nur Kontakt mit meiner Mutter und das stets mit zwei Metern Abstand. Das war eine sehr aufreibende, intensive Erfahrung, dieses Fehlen von Anderen, das Fehlen von Berührungen etc. Bei der ersten Berührung nach fünf Wochen, eine Umarmung einer Freundin, hatte ich Tränen in den Augen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das aufeinander Schauen, aneinander Denken, nachfragen, füreinander da sein. Besonders für Menschen, die alleine sind, alleine wohnen oder die jetzt besonders gefordert sind. Menschen mit psychischen Problemen, die sich jetzt eventuell intensivieren, Menschen mit Kindern, die seit Wochen nicht mehr durchatmen können. Menschen mit finanziellen Problemen, gravierenden Zukunftsängsten. Ungewollt Schwangere. Die Liste ist lang.
Besonders wichtig finde ich auch, gerade angesichts der ständigen Betonung des Nationalen, insbesondere durch den Kanzler, nicht den Blick für andere Geschehnisse zu verlieren. Dass Flüchtende an den Außengrenzen der Festung Europa bewusst dem Sterben überlassen werden, das ist Mord (und gleichzeitig nichts Neues, die Situation wird durch den Virus nur nochmals verschärft). Dass viele Menschen keine Wohnung haben, in der sie #stayathome machen können.

 

Katherina Braschel _ Mark Daniel Prohaska

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Die Covid-Krise hat sehr viele Mechanismen und Dynamiken, die in unserer Gesellschaft ohnehin bestehen, verdeutlicht und verstärkt zu Tage treten lassen, zumindest habe ich das sehr stark so erfahren. Diese Dinge werden „nach Corona“ (wie und wann auch immer das sein wird) nicht weg sein, im Gegenteil. Wichtig wird das sein, was jetzt auch wichtig ist, insofern: siehe meine letzte Antwort.
Es fallen jetzt schon so viele durch den Rost, wesentlich wird sein, das weiterhin nicht aus den Augen zu verlieren und so gut es geht etwas dagegen zu unternehmen.
Ich weiß nicht, ob der Literatur speziell eine andere Aufgabe als sonst zukommen wird. Die Verantwortung, die man als Schreibende*r den Figuren, dem Stoff, der Sprache etc. gegenüber hat, bleibt dieselbe.

Natürlich würde ich mir aber wünschen, dass die Literaturszene sich auf die eine oder andere Weise gemeinsam Strategien des Abfederns überlegt. Für diejenigen, die bei allen Förderungen herausgefallen sind, für uns Frühjahrserscheinungen von 2020, für diejenigen, die aufgrund anderer Verpflichtungen wie Care-Arbeit Monate an Arbeitszeit verloren haben…

 

Was liest Du derzeit?

Viel. Und sehr unterschiedliches.
Ich habe einige Frühjahrserscheinungen gelesen, z.B. „Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher oder „Und wie wir hassen!“ herausgegeben von Lydia Haider.
Zudem lese ich immer wieder Texte von befreundeten Schriftsteller*innen, an denen gerade gearbeitet wird.
Außerdem lese ich „Das Wichtigste ist, sich selber treu zu bleiben. Die Geschichte der Zwillingsschwestern Rosl und Liesl“ von Erica Fischer über NS-Widerstand. Dann immer wieder ein paar Seiten in „Das obszöne Werk“ von Georges Bataille und vor ein paar Tagen habe ich auch noch „The Terrible“ von Yrsa Daley-Ward angefangen. Es ist momentan ein bisschen viel, aber ich genieße es auch.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Kein Mensch ist illegal.“
Das ist vielleicht kein klassisches Textzitat, aber eine Tatsache, derer wir uns immer wieder bewusst werden müssen. Menschen sind nicht illegal, können es nicht sein, es ist ein System, das über (Il-)Legalität und Legitimität entscheidet und dieses System ist auch nur eine Erzählung.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Katherina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katherina Braschel, Schriftstellerin

Foto_ Mark Daniel Prohaska

 

12.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Eine Rumpelstilzchen-Gesellschaft ist es“ Verena Stauffer, Schriftstellerin _ Wien 21.5.2020

Liebe Verena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Tage, seit sich die Kronenkrankheit auf die Länder gesetzt hat, sind spitz geworden, hart, glatt an den Kanten, mit hohen Zacken und blendenden Spiegelungen. Sie sind ungerecht, brutal und bekränzt. Wenn man aber in ihnen sitzt, dann fühlen sie sich groß und weich an. Sie dehnen sich aus, erweitern sich wie Kolonialbestrebungen früherer Königreiche, werden größer und entfernen sich von ihren nächsten. In einem Tag sind jetzt viele, ihre Namen verschlucken sie selbst. Auch halten sie nicht, was sie einst versprochen haben, sondern tragen Neues heran. Die neuen Tage setzen über, in ein scheinbar fremdes Land, denn ich fühle, wie sich die zu den Handlungen gehörenden Gedanken verändert haben, das führt zu einer Veränderung der gesamten Ansicht

Die Zukunft könnte ein Bär auf zwei Pfoten sein, und niemand weiß, welches Gebiet er bewandern will, sage ich zu einer Freundin. Besser wir halten viel Honig bereit. Die Zukunft wohnt auf einem zu hohen Berg, niemand kann sagen, wie sie zu bergen ist, man kann ja nicht in die Zukunft hineingraben wie in einen Stollen, um aus ihr das Glitzernste herauszuholen – aber, warum eigentlich nicht?, frage ich sie. Ich setze meine Maske auf, zum Schutz gegen den feinen Staub, den Schutt und den Dreck, den ich fortzukarren habe

Das mache ich für die Neugeborenen und für die Föten, damit ihre Augen das Schönste sehen, von der Welt

Die alte Zeit holt niemanden mehr ein, wir sind ihr davongezogen, glanzlos. Leb wohl! Ich stehe am Fenster und blicke ihr hinterher, jetzt liegt sie schon weit zurück, ein Teil von mir ist in ihr geblieben

 

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Die Tage, die jetzt sind, sie bringen die Holunderaugen zum Schaukeln, die Wolken wippen auch, sie wiegen sich hin und her wie die Fragen, die ich mir stelle. Deshalb begann ich ihren Lauf auszuheben, herauszuschaufeln die Aussagen der Vergangenheit aus ihren Gruben. Sie kamen in den letzten Wochen auf mich zu, auch jene der Verstorbenen und jetzt entschwinden sie langsam wieder. Sie und ich, wir konnten einander in dieser Zeit noch einmal begegnen, auch das haben die großen Tage hervorgebracht. Nur Antworten gab es keine, die Verstorbenen können nichts mehr über die Gegenwart sagen, sie standen seltsam ratlos vor mir.

Es ist immer noch heuer

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Gesellschaft ist in ihrem Denken entzweigerissen – eine Rumpelstilzchen-Gesellschaft ist es –

da denke ich an das Wesen der Demokratie, für deren Erhalt eine Meinungs- und Gesinnungspluralität notwendig ist, denn stünden alle hinter einer Ansicht, dann würde eine Kraft zu mächtig und wir liefen Gefahr totalitären Ansprüchen ausgesetzt zu werden

 

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Es ist wichtig für mich an den Gebirgsgraten dieser Zeit mich aufzuschürfen, zur eigenen Stimme in der Tiefe, im Inneren, im Erinnern sich selbst wiederzufinden:

die Eselin, den Glückskerl, den Clown

 

die Wüterin

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Nun aber setze ich lieber wieder meine Maske auf, die Maske der Belustigung ist es nicht, denn wer von Belustigung spricht, der schwebt meist schon in Gefahr, weil es ihm ernst ist

 

Das mag ich, wenn jemand über ihm ernste Dinge scherzen kann

 

Es ist mir, als wüchse tags Neues aus den sich verwandelnden Geschehnissen, nachts schlafe ich in einer Krone aus Erde

 

Glitzernd vor mir die Zukunft, ein Fisch, oder ein Bär mit einem Fisch in der Hand, oder ein glänzender Berg, mit einem Bären mit einem Fisch in der Hand, oder wie die Kronenkrankheit mit uns in der Hand, oder wie der Kronenkrankheitskönig auf einem glänzenden Berg mit einem Bären mit einem Fisch, der Kronenkrankheit und uns in der Hand

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was ist dabei wesentlich und welche Rolle kommt der Literatur dabei zu?

 

Es ist einerseits wichtig niemanden zurückzulassen, sich für soziale Gerechtigkeit noch stärker einzusetzen. Es ist auch an der Zeit nicht weniger, sondern mehr zu verlangen: noch mehr Freiheit. Noch mehr Unterstützung. Eine Umverteilung von Kräften und Macht

Weniger Massenkonsum, weniger Flugzeuge, weniger Verkehr

Die Welt noch einmal neu zu bauen!

Bücher sind Staumauern gegen totalitäre Bestrebungen der Staaten, gegen eine Radikalisierung der Bevölkerung gegenüber Minderheiten. Vor den Büchern stehen die Schriftsteller*innen, die Dichter*innen, hinter den Büchern die Leserschaft, so bildet sich ein dicker Wall, der dagegenhält

Manchmal sind es Bücher allein, die Trost oder Freude spenden, die einen über schwierige Zeiten retten, mich retten sie

 

Was liest Du derzeit?

 

Oh, so viel, viele der Neuerscheinungen, ich möchte lesen und lesen, auch deshalb ist es gut, dass die Tage größer geworden sind

Poschmann, Warzecha, Küchenmeister, Bulucz, Szalay, Okopenko … Adler, Helfer, Meschiks Vaterbuch. Valerie Fritsch, Adalbert Stifter, Hendrik Jackson, Yevgeniy Breyger, Daniel Falb, Sonja vom Brocke, Uljana Wolf und viele mehr …

… aber auch Wissenschaftstheorie, Waldenfels „Erfahrung, die zur Sprache drängt“, über Jean Amery und Paul Feyerabend und ein sehr interessantes Buch über die Geschichte des Transithandels von Lea Haller

 

Welche Textstelle, welchen Impuls aus Deinem aktuellen Gedichtband möchtest Du uns mitgeben?

 

„Vorurteile ohne Kausalität oder die Diskreditierung weiblicher Kronen:

Für den Krokus dieser Welt. Und plötzlich in der Lage zu sein

sie doch noch einmal neu zu bauen“

 

Aus: OUSIA; Verena Stauffer. Kookbooks, März 2020.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Verena, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Lyrikband und Deine kreativen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Verena Stauffer, Schriftstellerin

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https://literaturoutdoors.com

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Alle Fotos_Walter Pobaschnig

 

 

Weitere Informationen:

 

Die aktuelle Rezension zu OUSIA von Jürgen Brôcan auf fixpoetry:

https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/verena-stauffer/ousia-1

 

Online-Auftritt von Verena Stauffer beim Literaturfestival Viral:

https://www.facebook.com/glitteratur/videos/278919649771734/UzpfSTcwMzkyNDgxMToxMDE1ODIzMzIxMTcyNDgxMg/

 

OUSIA, zu bestellen u.a. bei:

https://www.graetzlbuchhandlung-lainz.at

 

https://www.morawa.at/detail/ISBN-9783948336042/Stauffer-Verena/Ousia?bpmctrl=bpmrownr.1%7Cforeign.193171-1-0-0

 

https://autorenbuchhandlung.buchkatalog.de/Product/3000002745991/18705/10002/-3/Buecher_Drama-und-Lyrik_Lyrik/Verena-Stauffer/Ousia/4099276460822241232/4099276460822241224/4099276460822241224

 

 

„Angst ist der Brennstoff der Demagogen“ Ferdinand Schmalz, Dramatiker, Schriftsteller_20.5.2020

Lieber Ferdinand, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit habe ich keinen geregelten Tagesablauf. Viel Lesen, viel Zeit mit den Kindern, viel Draußensein.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe das Gefühl, dass diese Krise uns alle auf eindringlichste Weise mit unseren tiefsten Ängsten konfrontiert. Die Angst vor der Ungewissheit, die Angst unsere Liebsten zu verlieren, die Angst selbst betroffen zu sein, die Angst vor dem Tod. Darauf reagieren wir unterschiedlich, manche flüchten sich in den Fitnesswahn, manche ziehen sich zurück in die Depression, andere produzieren wie verrückt. Ich fände es besonders wichtig, diese Angsterfahrungen als Gesellschaft zu verarbeiten, zu kanalisieren, die Toten zu betrauern. Denn Angst ist der Brennstoff der Demagogen.

 

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Dein aktuelles Theaterstück „Jedermann stirbt“ bekommt derzeit ja eine besondere Aktualität in Ereignis und realen Erfahrungen von Tod, Leiden und Fragen nach Zukunft und Lebensveränderungen. Was ist in diesen gesellschaftlichen Prozessen jetzt wesentlich und welche Perspektiven können wir gewinnen?

Mein Jedermann hatte vor kurzem im Schauspiel Frankfurt Premiere, mit Wolfram Koch in der Hauptrolle. Am letzten Tag vor dem Shutdown war das Stück angesetzt. Das muss schon eine seltsame Stimmung gewesen sein, wenn es da heißt: „für all die toten, die noch leben, die glauben noch zu leben. die innerlich schon längst verrottet sind, obwohl sie immer noch nicht aus den rollen fallen. aus allen totenstädten kommen sie. die toten, die in ubahnen, in den cafes, die im theater da auf nebensitzen sitzen.“

Was wir in dieser Krise hautnah erleben mussten, ist, dass der Reichtum eines Landes nicht nur am BIP zu bemessen ist. Dort wo die sozialen Netze in den letzten Jahren kaputt gespart wurden, hat der Virus am verheerendsten zugeschlagen. Bei den Milliardenpaketen an Wirtschaftshilfen, die in Windeseile geschnürt wurden, darf man befürchten, dass sie wieder an den falschen Stellen reingespart werden.

 

Was liest Du derzeit?

Miranda July – der erste fiese Typ, Rachel Cusk – Outline, Wladimir Majakowski – Wie macht man Verse?

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem Theater- , Schreibprojekten möchtest Du uns mitgeben?

„es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Ferdinand, viel Freude und Erfolg für alle Theater- und Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ferdinand Schmalz, Schriftsteller

https://www.fischerverlage.de/autor/ferdinand_schmalz/22840

 

8.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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„Werte müssen überdacht und neu definiert werden“ Martina Clavadetscher, Schriftstellerin, Schweiz_19.5.2020

Liebe Martina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nicht viel anders als sonst, ich stehe auf, arbeite, lese, recherchiere und schreibe; die öffentliche Seite meiner Arbeit fällt nun weg, die Reisen, die Auftritte bzw. die Theaterbesuche; die Abende verbringe ich jetzt eben zu Hause, lesend oder ich schaue Filme und Serien.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Geduld, Vernunft. Und ein Umdenken, das gilt für die Individuen wie auch für die gesellschaftlichen und politischen Systeme. Werte müssen überdacht und neu definiert werden; persönlich hilft es, neue Pläne zu schmieden, damit wieder Perspektiven entstehen, wobei das Gefühl der Unsicherheit und Unzuverlässigkeit sehr lähmend sein kann, muss ich zugeben.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Literatur ist langsam, Fiktion braucht eine Distanz zur Aktualität, eine Weite zur Wirklichkeit, alles andere ist Dokumentation. Dennoch soll Literatur ihre Finger auf die Wunde legen und erzählen, darüber erzählen, darunter, dahinter, alles verdrehen und in neue Formen gießen.

 

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Was liest Du derzeit?

Verschiedenes; Jean Baudrillard – Das radikale Denken, und Erzählungen von Edgar Allan Poe.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das Ziel der Schreibkunst ist es, ihren Gegenstand zu verfremden, ihn zu verführen, ihn vor seinen eigenen Augen verschwinden zu lassen.

Jean Baurdillard. Das radikale Denken.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Martina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater- und Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen: 

Martina Clavadetscher, Schriftstellerin, 

Startseite

 

8.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Foto_Lesung Bachmannpreis 2018 _ Walter Pobaschnig

„Now is the time to take time. Or forever like that …“ Akemi Takeya, performer, choreographer_Wien 18.5.2020

Liebe Akemi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zwischen 7 und 8h wache ich auf. Dann lese ich. Ich habe immer Zeitungen und Bücher um mich. Ich sehe auch manchmal gleich ins Internet, um Nachrichten zu lesen, ORF, aber auch was gerade in Japan passiert.

Für mich persönlich ist es wichtig zu verstehen, was das Corona Virus ist und dabei möglichst verschiedene Aspekte von Medizin, Wirtschaft bis zu Politik zu beachten und aufzunehmen. Das betrifft die ganze Welt – aber speziell für mich Japan. Darüber informiere ich mich, etwa mit Fernsehsendungen oder Fachartikeln. Das ist mein tägliches Corona-Training (lacht).

Das Klavierspiel ist ebenso fixer Bestandteil des Tages. Jeden Tag gehe ich auch einkaufen in den Supermarkt. Das ist ein Ritual. Dann koche ich – also richtig, etwa Schweinsbraten. Ich habe dazu Kochbücher, auch das Internet verwende ich für Rezeptanregungen. Das tägliche gute und viele Kochen ist mir sehr wichtig.

Abends sehe ich einen Film oder eine Dokumentation. Schlafen gehe ich aber sehr spät – zwischen 2 und 3h.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles so wird wie vor der Corona-Krise. Es wird um etwas Neues gehen und ich bin sehr neugierig was da passieren wird.

Ich denke, wir sind in einem Prozess der Reinigung. So wie wir jetzt das alte Gewand wegwerfen, werden wir es auch persönlich und in der Gesellschaft tun müssen.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

 Ich frage mich jetzt, wo ist mein Publikum und wer ist mein Publikum in Zukunft? Welche Wege muss meine Kunst gehen?

Kunst hat immer mit dem Ich zu tun, das ist der Ausgangspunkt und dann die Frage nach dem Weg zum Wir. Das „ Ich“ ist ein Japan ein fake und die Gesellschaft hat eine Maske. Die Ortsveränderung, mein Weg nach Europa war dabei ein wichtiger Schritt der Auseinandersetzung. Hier in Europa gibt es so ein starkes Ich, jeder sagt „Ich denke, Ich spüre“ – das sagen wir nicht in Japan und ich habe es hier auch noch immer nicht geschafft dies zu sagen. In mir kämpfen jetzt immer wieder diese zwei „Ichs“, jenes der Herkunft und jenes der Gegenwart. Das ist mein Schicksal.

Der Ausdruck der Sprache ist in diesem Prozess auch ganz wesentlich. Ich schreibe derzeit songs und konzentriere mich auf diese Möglichkeit.

Meine Kunst muss generell nach Ich und Wir fragen. Als inneren und äußeren Anspruch und dabei über bloße Ansagen in Reden hinausgehen. Das ist für Kunst an sich so.

 

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Was liest Du derzeit?

Japanese history from ancient times to modern times (Manga Version)

 

Welchen Impuls/Text aus Deinen Kunstprojekten möchten Sie uns mitgeben?

„To be capricious“ is the most essential universal force for my artwork: It leads to natural decisions by chance or impulse, not by logical needs or reasons. I can say that it is a magical remedy that could bring me provocative essence! Now is the time to take time. Or forever like that …“

„Kapriziös zu sein“ ist die wesentlichste universelle Kraft für mein Kunstwerk: Sie führt zu natürlichen Entscheidungen durch Zufall oder Impuls, nicht durch logische Bedürfnisse oder Gründe. Ich kann sagen, dass es ein magisches Mittel ist, die mir provokative Essenz bringen könnte! Gerade jetzt ist die Zeit, sich dafür Zeit zu nehmen. Oder für immer so …

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Akemi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Akemi Takeya, Choreographer, Performer

http://www.akemitakeya.com/news

 

 

30.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig.

https://literaturoutdoors.com

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Cafe Prückel Wien, 30.4.20.

 

 

„Wie verdächtig Bezeichnungen wie „Neue Normalität“ sind“ Robert Prosser, Schriftsteller, 17.5.2020

Lieber Robert, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit Beginn der Pandemie bin ich in Tirol. Ich habe mal nachgerechnet: Seit der Matura war ich nicht mehr so lange durchgehend im Dorf. Während der Quarantäne war es ein Pendeln zwischen einem Gefühl des vollkommenen Abgeschnittenseins und einer angenehm surrealen Stimmung inmitten der zugesperrten Hotelbauten, der verlassenen Pisten, der fast menschenleeren Berge und Wälder. Ich versuche, die aufgezwungene Freizeit möglichst sinnvoll zu nützen. Gerade wird ein längerer Essay fertig – eine Art Journal, vor allem über eine Recherchereise durch den Libanon im Juni 2019 – und ein Roman ist im Entstehen, das beschäftigt mich sehr.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mental möglichst stabil zu bleiben, trotz der Ungewissheit, der ökonomischen Ängste und der Langeweile. Und trotz aller Enttäuschung, die ich persönlich aufgrund der desaströsen Flüchtlingspolitik empfinde, scheint es mir in Anbetracht der wiedererstarkten Nationalstaaten wichtig, jetzt besonders an der Idee der Europäischen Union festzuhalten. Der Rudelwahn zeigt sich auch auf lokaler Ebene. In meinem Bekanntenkreis verfallen einige in eine Art Herdentrieb und verteidigen Tirol samt Landesregierung und Touristikern gegen die Angriffe von Außen (gegen „die Wiener“ oder „die deutschen Medien“). Das man uns nichts vorwerfen könne, die Schigebiete nicht als Virenherde verunglimpft werden dürfen. Aber es ist eine Schande, was für den Wintertourismus gemacht und was diesem ermöglicht wird, die Verflechtungen von Seilbahn, Hotellerie und Politik sind durch die Corona-Krise öffentlich geworden, es bleibt zu hoffen, dass es zu einem Umdenken kommt, hin zu einem ökologisch verantwortungsvolleren Umgang mit der Natur.

 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das schließt an die vorige Antwort an. Im besten Fall behalten wir im Kopf, was die jetzige Situation klar gemacht hat. Wie wichtig ein Sozialsystem ist und wie eilfertig Regierungen Grundrechte beschneiden, eine Entwicklung, die zu Verhältnissen wie in Ungarn führen kann. Wie schnell sich Maßnahmen weltweit durchsetzen lassen, wie nötig eine solche Entschlossenheit im Bezug auf den Klimawandel wäre. Wie verdächtig Bezeichnungen wie „Neue Normalität“ sind und wie viel Berechtigung das bedingungslose Grundeinkommen hat. Derartige Ideen und Entwicklungen sicht- und erfahrbar zu machen, zu zeigen, wie sie auf den Einzelnen wirken, das, glaube ich, ist eine der Möglichkeiten von Literatur.

 

Was liest Du derzeit?
Apeirogon von Column McCann und Was man sät von Marieke Lucas Rijneveld

 

Welches Zitat, welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

Let us consider the view:
a house where white clouds
decorate the muddy halls.
Oh, put away your good words
and your bad words. Spit out
your words like stones!
(Aus: From the Garden, Anne Sexton)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Robert, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman „Gemma Habibi“ und Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Robert Prosser, Schriftsteller

Aktueller Roman: „Gemma Habibi“ Verlag Ullstein fünf, 2019. 

http://www.robertprosser.at/

 

5.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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