Da ist der Krieg. Immer noch. Und da ist das Leben in Trümmern. In allem. Doch war es je anders?
Menschen irren umher auf der Suche nach einer Unterkunft und Nähe. Doch die Gewalt ist immer noch da. Verschwindet nicht…
Vera kommt zu Mali und ihrem Sohn. Mali öffnet die Tür. Brot, Marillenmarmelade, Obstler ist die Währung, die jetzt gilt. Und die Einsamkeit dazu…
Und jetzt beginnt Vera zu erzählen. Von der Nacht. Der Gewalt. Dem Stein, dem Baum und dem Regen. Alles noch da. Ganz nah…
Aber woanders noch Träume. Bei Grete. In der trostlosen Stadt…
Und sie alle geben nicht auf und stellen sich dem Tag und der Nacht, dem Gestern und Heute, dem Nichts und dem Alles, Stunde um Stunde…
„Wenn die Nächte nicht wären! Es hat eine Weile gedauert, bis sie begriffen hat, dass die Stimme, die sie jede zweite oder dritte Nacht aus dem Schlaf reißt, ihre eigene ist…“
Gudrun Seidenauer legt mit Ihrem neuen Roman eine erschütternde wie mitreißend spannende Geschichte des äußeren wie inneren Lebens und Überlebens im und nach dem Krieg vor, die aktueller nicht sein könnte.
Die Salzburger Schriftstellerin und Pädagogin fasst exemplarisch in die existentielle Mitte eines Kriegsgeschehens und packt dabei das brutale patriarchale Machtverhältnis an Kopf und Kragen und stellt dies anhand dreier weiblicher Lebensgeschichten in aller Schonungslosigkeit, Klarheit und Ausweglosigkeit dar. Dieser literarische Kunstgriff, der Geschichte und Gegenwart im gesellschaftlichen Rollengefälle bloßstellt und dabei die Wurzeln von Gewalt und Krieg mit viel Raffinesse in eine Erzählstruktur packt, ist einmalig und erinnert an ganz große literarische Namen wie Ingeborg Bachmann („Todesarten“).
Ein Roman, der in literarischer Raffinesse und Gesellschaftskritik Maßstäbe setzt. Sicherlich eine der besonderen bemerkenswertesten Überraschungen des Literaturjahres.
„Libellen im Winter“ Gudrun Seidenauer. Roman. Jung und Jung Verlag. 2023
Liebe Shola, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Es gibt zwar bei mir eine gewisse Morgenroutine, aber als freischaffende Künstlerin bin ich gesegnet, nach dem Lustprinzip meine Aufgaben zu erledigen.
Mein dreizehnjähriger Sohn und mein Hund sorgen für Struktur und auch Abwechslung. Wenn der Sohn in der Schule ist, und auch meine Hündin Phibie ihren Bewegungsdrang befriedigt hat, geht es an die Arbeit. Als Auftragsmalerin gibt es immer was zu tun, am Maltisch, am Schreibtisch, vor der Kamera für Youtube oder am Telefon, für ein Seelengepräch; eben das, was meine Energie gerade hergibt, wie zum Beispiel jetzt dieses kleine Interview – vielen Dank an dieser Stelle , Walter Pobaschnig.
Ich bin täglich dankbar, mir meine Zeit selbst einteilen zu können und wie schön ich mir mein Leben eingerichtet habe. Ich habe Freude am Schaffen und spüre, dass ich was zu sagen habe … spiele mit, im großen Ganzen und darf ich selbst sein, was mir immer wichtig war.
Wenn der Sohn aus der Schule kommt, widme ich ihm Zeit – das hat für mich Priorität und dann geht es weiter mit meiner “Arbeit” bis Abends, solange meine Energie da ist. Das ist immer unterschiedlich – ich bleibe flexibel.
Shola Feldkamp, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zentrierung, wissen um die eigene Kraft – warum er/ sie hier ist und Mut, sich selbst zu leben. Selbstliebe und Liebe zum Leben!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Wow, eine spannende Frage, ich versuche, es mit wenigen Worten zusammenzufassen. Wie ich es wahrnehme, geht es um Befreiung von vielen alten Systemen, um in die Eigenverantwortung zu kommen.Letztendlich in die Liebe hineinzuwachsen, bewusst zu werden, dass wir ein großes Ganzes sind. Unsere Seele ist hier, um das zu erfahren und zu erLEBEN.
Kunst entspringt der Quelle, macht aufmerksam und hilft zu erwachen. Ich persönlich finde, dass Kunst wichtiger ist, denn je.
Kunst erinnert, wer wir sind, berührt und schafft Miteinander. Wir sind als Menschheit hier alle unterwegs, um dieses Einheitsgefühl auch auf Erden zu spüren, das Leben zu feiern und uns gegenseitig zu erinnern, wie dankbar wir sein dürfen, dass Mutter Erde für uns da ist.
Was liest Du derzeit?
Ehrlich gesagt lese ich zur Zeit gar nichts, … ich höre eher Podcasts mit Silke Schäfer oder schaue mir Selbstexperimente von Joseph deChangeman an auf Youtube. Am liebsten “lese” ich die Natur in meiner Freizeit und liebe dieStille.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein kleiner Reim aus meinem Kartenset, das gerade entsteht:
“Ich weiß, wie Heilung auf Erden geschieht, wenn jeder dem ander´n ins Herz hier sieht”
Vielen Dank für das Interview liebe Shola, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Julia Gradl, wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien. Sind Dir die Orte, die Umgebung hier vertraut?
Gelegentlich spaziere ich im Stadtpark, aber immer seltener, da er oft von Menschen überhäuft ist, das ist mir dann schnell zu viel. Das „Ungargassenland“, sowie der ganze dritte Bezirk, sind mir tatsächlich wenig vertraut.
Welche Bezüge und Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und dem Roman Malina?
Der Bezug zum Roman entstand tatsächlich erst durch das Fotoprojekt. Damit hat auch eine etwas „konkretere“ Form der Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk von Ingeborg Bachmann begonnen. Ich bin hingerissen und erschüttert zugleich. Vom Werk als auch von dem, was über ihre Person und ihr Leben bekannt ist.
Welche Eindrücke hast Du von den Schauplätzen in der Ungargasse, die wir besucht haben?
Einige der Schauplätze haben mich besonders gepackt. Dazu zählt der gefühlt tiefste und älteste Keller, in dem ich je war. Auch den Eingangsbereich der Ungargasse 6 empfand ich als besonders – ein Durchgang von so Vielem, und das, schon so lange. Mit dem Innenhof der Ungargasse 9 verbinde ich jetzt, wo ich zurückdenke etwas Friedliches und Geborgenes. Ein Ort für Rückzug. Ein Stückchen unbeschadete Natur.
Wie siehst Du den Aufbau und das Konzept des Romans?
Man könnte einen Zusammenhang zwischen den drei Kapiteln und den drei Protagonisten (Ich-Person, Ivan, Malina) der Dreiecksbeziehung erkennen. Vielleicht sind die drei Teile auch ein Sinnbild für Lebensabschnitte.
Nach einer steckbriefartigen Einführung der Figuren beginnt der erste Teil, in dem die Liebe zu Ivan beschrieben wird. Von Teil zu Teil wird es abgründiger. Den Höhepunkt stellen für mich die Schilderung der Albträume dar. Fortgeführt durch ein immer depressiveres und verstörteres Ableben einer Frau.
Teil 1 wirkte auf mich wie der Versuch einer liebevollen inneren Zuwendung, angeregt und eingeleitet durch Ivan. Teil 2 lässt Traumata in Form von Traumbildern zu Wort kommen. Träume vom immerzu quälenden, folternden und kriegsbehafteten Vater. Im Teil 3 spitzte sich die Dreiecksbeziehung zu. Tod und Sterben werden zu zentralen Themen.
Was sind für Dich zentrale Themen und Aussagen des Romans?
Zentrale Themen sind für mich die Vaterfigur, Krieg, Tod, Leid, Abhängigkeiten, Machtverhältnisse, Geschlechterungleichheiten, Alltag, Sehnsucht nach Geborgenheit und Eingebettet-Sein.
Einige Aussagen, die mich bewegt haben und im Zusammenhang mit den eben genannten Themen stehen:
„Ivan heilt.“
Ivan: „Warum hat noch nie jemand eine Freudemauer gebaut?“
„Gerechtigkeit ist eine unerreichbare reine Größe.“
„Denn der Mensch ist ein dunkles Wesen. Er ist nur Herr über sich in der Finsternis. Am Tag kehrt er zurück in die Sklaverei.“
„Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“
„Eigentlich müsste man in jedem einzelnen Mann einen unheilbaren klinischen Fall sehen […] Frauen sind gezeichnet durch die Ansteckungen“.
„Ich habe in Ivan gelebt und sterbe in Malina“.
Wie ist die Beziehung zwischen Mann und Frau im Roman dargestellt und wie ist dies heute zu sehen?
Die beiden Männer Ivan und Malina sind voll berufstätig, sehr viel beschäftigt, verdienen ausreichend Geld und haben kaum Freizeit. Sie sind zwar für die Ich-Person da, jedoch fühlt diese sich kaum von ihnen gehört oder richtig verstanden. Die Ich-Person ist einerseits emanzipiert und Feministin, das kommt vor allem in Teil 3 ausdrücklich zu Wort, und andererseits doch den beiden Männern ergeben und unterlegen: Sie macht sich emotional von ihnen und ihrer Nähe abhängig.
Der Roman wurde 1971 veröffentlich und enthält wichtige Passagen, die das Patriarchat verurteilen und nach Veränderungen drängen. Heute genauso relevant wie vor 52 Jahren.
Wie beurteilst Du die Protagonisten Ivan, Malina, Ich-Person in Ihrem literarischen Kontext bzw. dem Kontext der Autorin und Ihrer Biographie?
Im literarischen Kontext spiegelt sich in den drei Protagonisten ein Geflecht verschiedener (Persönlichkeits-)Anteile/Qualitäten. Ivan als Sinnbild für Lebensfreude, Wildheit, Jugendlichkeit, heilsames Zuwenden zu sich selbst und zur eigenen Vergangenheit. Malina ist der Kontrast dazu: Rationalität und Beherrschung dominieren im Roman sein Auftreten. Die feinfühlige Ich-Person führt mit beiden Männern eine Beziehung, wobei nicht immer deutlich rauskommt, ob sie voneinander wissen. Sie fühlt sich zu beiden hingezogen, macht sich von ihrer Nähe und Zuwendung zwanghaft abhängig und wird immer verstörter und benommener, je mehr sich Ivan von ihr entfernt.
Die Ich-Person wohnt in allen drei Teilen bzw. Romanabschnitten mit Malina zusammen. Dementsprechend präsent sind auch die Dialoge der beiden. Von Ivan ist von Teil zu Teil immer weniger die Rede, wobei zu spüren ist, dass nur er es ist, nach dem sie letztlich lechzt.
Was den biographischen Kontext betrifft, so drückt die Autorin über die Figuren Ivan und Malina möglicherweise ihre innigsten persönlichen Verstrickungen aus. Als wären Ivan und Malina Teile, die in ihr Selbst wohnen und um Aufmerksamkeit ringen.
Welchen Einfluss hatte und hat der Roman auf die Entwicklung von Literatur, Kunst und Emanzipation und Gesellschaft?
Im Roman wird ein patriarchales Gesellschaftsbild dem Innenleben einer kriegstraumatisierten Frau gegenübergestellt. Malina wurde durch ein Drehbuch von Elfriede Jelinek verfilmt, ins Englische übersetzt und vergangenes Jahr als Theaterstück aufgeführt. Die Inhalte des Romans wirken bis heute in unterschiedlichen Bereichen weiter und beschäftigen die Menschen… 2026 jährt sich ihr Geburtstag zum hundertsten Mal… Wieder ein Anlass zum Weiterwirken und Gedenken ihres Werks.
Wie siehst Du das Ende des Romans?
Der letzte Satz im Roman lautet „Es war Mord“. Im Roman war oft von Mord, vom Sterben, vom Sich selbst zerstören die Rede… Das Ende ist schmerzbehaftet aber auch erlösend.
Gab es in Deinen Musik-, Kunstprojekten Berührungspunkte zu Ingeborg Bachmann?
Nein, bisher nicht.
Du bist wie Ingeborg Bachmann als Künstlerin von Salzburg nach Wien gezogen. Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier als Künstlerin gemacht?
Wien ist für mich Anonymität, ein künstlerisches Nest, Wienerwald, Bewegung und Begegnung. Als Künstlerin durfte ich hier in Wien schon einige Bühnen bespielen und besingen. Dafür mache ich Musik, um das, was mich ausmacht und ich in Musik finde, mit Menschen zu teilen und Nähe und Verbundenheit zu spüren.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Bald wird es neue Veröffentlichungen vom Duo Kardamom.T geben, auch werde ich in einer anderen Formation bald auf der Bühne zu sehen sein.
Hättest Du mit Ingeborg Bachmann gerne einen Tag in Wien verbracht und wenn ja, wie würde dieser aussehen?
Ja, das hätte ich sehr gerne. Morgens am Balkon mit Kaffee und Zigarette verweilen und vielleicht über Träume der vergangenen Nacht sprechen… zur Abwechslung hätte ich vorgeschlagen, in den Wienerwald wandern zu gehen und dort vielleicht an Bäume gelehnt Texte oder Gedicht improvisatorisch zu vertonen…
Darf ich Dich abschließend zu einem Malina Akrostichon bitten?
Lieber East Princess, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich steh auf und muss suchen, ein Wort, einen Gedanken und den Mumm, ihm zu folgen bis an seine Schranken. Er liegt ja noch in den Wolken. Ich setz Wasser auf und füttere mich mit Pudding und Rhabarberkuchen. Für ein paar Stunden bin ich erst mal stumm. Selbstgespräche nicht mitgezählt.
Dann habe ich die eine oder andere Frage und rufe M an. Bitte, erklären Sie mir die Welt. Das stets außerordentliche Interesse bestätigt die hohe Bedeutung meiner Anliegen. M sagt dann so was wie „Mh“, „Hm“, „Mh hm“, „Hm mh“, „Hmm“, bis der Schleim im Hirn sich bewegt und eine Antwort generiert. Daraus ergeben sich meist noch mehr Fragen.
Es folgt eine Reihe von Plagen, bezahlte Umfragen beispielsweise. Man muss ja Geld eintragen. Der profane Teil der Reise. Bis irgendwann die Wut Genozid-Niveau erreicht und ich zur erstbesten Waffe greife. Vorher rufe ich M an. Bitte, wozu würden Sie raten: Reife oder Ungeduld? M atmet tief aus: „Beides.“ Und also, da haben wir den Salat. Grrr! M ist so unerträglich weise.
Der ganze große Garten liegt im Dunkeln, und ich fang an zu scharren. Ist man ganz leise, hört man, man ist nicht alleine: Wühlmäuse, Maulwürfe, Tausendfüßer, Regenwürmer in bunten Farben – alle, die was umgraben. Graswurzelbewegungen. Okay. Na gut. Es ist viel zu tun.
East Princess, Künstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir sollten jeden Tag eine halbe Stunde spazierengehen, allein, auf allen Vieren. Ich denke, das eröffnet neue Perspektiven.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Jeder Tag, jede Stunde hat eine Zeitenwende. Die Zeit ist nicht lethargisch, nur weil wir es sind, doch kennt sie nur die Ewigkeit, keinen Neubeginn. Wenn wir das verstünden, möglicherweise würden wir uns manchen Aufbruch ersparen, manches Unheil, manche Sünden. Aber vielleicht ist auch das Problem, dass wir es verstehen.
Die Zeit, wie sie vergeht. Woraus unsere Not entsteht, sie zu prägen und möglichst allen davon zu künden. Am besten via Social Media. Das egalisiert alle Stimmen und Meinungen.
Merke: Demokratie braucht Expertise, und Expertise braucht Empathie. Unser Mangel daran ist Ursache jeder Krise. Kunst sollte immer die Mächtigen reizen und den „Elefant im Zimmer“. Dann muss zumindest mal renoviert werden.
Was liest Du derzeit?
Zunächst mal zwielichtige Börsenseiten. Börse ist nie bieder. Mein Tipp: Match Group. Läuft im Moment so gut wie meine Dates, aber die kommt wieder.
Und dann „Phettbergs Predigtdienst“ im Falter. Der letzte echte Humus in einer Welt voller Bullshit und synthetischer Scheiße. Oder guckt euch an, wie Hermes Phettberg in seiner „Nette Leit Show“ Peter Kern küsst. Obwohl der kein Jeansboy ist. Das gehört zum Schönsten, was je den Äther streifte.
Wie auch mein „Lieblingsbuch“: Cora Frost. Theater, Konzert, online – wo immer ich es öffne, ich fühl mich nicht mehr lost.
Man vergisst ja manchmal, es zu sagen: DANKE.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wir sind ja auch dumm. Allesamt. Der eine Teil gewissermaßen von Natur aus, ohne alle Anstrengung. Der andere Teil nach einem sehr aufwendigen, sehr anstrengenden Curriculum.“
Die einarmige Taube
Vielen Dank für das Interview lieber East Princess, Künstler, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
East Princess, Künstler _ Berlin
Über sich selbst_ East Princess ist – wahrscheinlich – „der Heilige Geist„. schreibt, singt, tanzt, ist Wind, Hauch und Atem, tröstet und steht bei. Seine Schriften schenken Weisheit und Liebe. Doch es gibt noch mehr Indizien. So kann er auf Menschen überspringen und in sie eindringen. Und obwohl er das alles kann, ist er Single. Sehr verdächtig.
Mit „Vater“ und „Sohn“ hält er mühelos Augenhöhe. Auch das spricht für die These und für die Dreifaltigkeit. Als nicht-binäres Wesen hat er allerdings noch etwas mehr zu bieten. Zeugnis geben die – Zufall oder nicht – 12 Ausgaben der Zeitschrift *schnuppe. Ernstzunehmende Gläubige befassen sich direkt mit der Heiligen Schrift, neu erschienen als romanhafte Erzählung „Atmen im Gegenwind“.
Wem das noch zu wenig ist, der besucht ihn einfach in der Klosterstraße 44. Hier befindet ein deutsch-demokratisch-republikanischer Fernmeldetechnik geweihter Tempel. Dieser beherbergt heute das Theater TD Berlin, wo er hinter der Bar steht und gegen schlechte Bezahlung Wodka ausschenkt und Wein predigt, aber Wasser trinkt. Prosit und Amen!
Zur Person_Anja Schwennsen wurde 1981 in Hamburg geboren. Sie lebt am Rand der Fischbeker Heide, schreibt Lyrik und Prosa und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache an der Bucerius Law School. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Hamburg und Straßburg und wurde mit einer Arbeit über „Mythische Rede in der Literatur“ promoviert. Seit 2020 veranstaltet sie die „Lesung unterm Kirschbaum“ in ihrem Garten.www.Anja-Schwennsen.de
Im Moment bin ich in der Recherchephase für ein mögliches nächstes Buchprojekt, also noch am Anfang der „Spurensuche“, schaue mir Videos und Filme zu dem Thema (das ich jetzt noch nicht verraten möchte) an, gucke, was es so an Artikeln und Büchern dazu gibt, lese einiges.
Grit Poppe, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Alle sind ganz schön viele. Worauf bezieht sich die Frage? Auf die allgemeine Weltlage? Also für mich persönlich ist es wichtig, Ruhe zu bewahren, sich nicht verunsichern zu lassen in dieser unsicheren Zeit, auch zu schauen, wo und woraus man Kraft schöpfen kann.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wir leben in einer sehr bewegten, bewegenden Zeit, in der sich viel verändert, leider auch zum Negativen, und die uns alles abverlangt, jedem einzelnen Menschen und der Gesellschaft an sich. Vielleicht können Literatur und Kunst dazu beitragen, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, klarer zu denken und zu einem inneren Frieden beizutragen. Gute Bücher sind (mit etwas Glück) in der Lage die „körpereigene Abwehr“, wie es ja bei manchen Medikamenten heißt, oder auch sie seelische Kraft zu steigern.
Was liest Du derzeit?
Gerade gelesen habe ich von Megan Miranda „Little Lies – Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ und zurzeit lese ich „Tagebuch einer Invasion“ von Andrej Kurkow und „Meinen Apfelstrudel sollten Sie sich nicht entgehen lassen – Schalom – Begegnungen in Israel“ von Michael G. Fritz. (Außerdem noch zwei Bücher zur Recherche.)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Früher gab es nur Dunkelheit. Wenn du mich fragst, gewinnt das Licht.“
True Detective
Vielen Dank für das Interview liebe Grit, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Grit Poppe, Schriftstellerin
Zur Person_ Grit Poppe, geboren 1964 an der Ostseeküste in Boltenhagen. Studierte am Literaturinstitut in Leipzig, war Landesgeschäftsführerin der Bürgerbewegung Demokratie. Wohnt in Potsdam/Brandenburg, 2 Kinder, arbeitet als freiberufliche Autorin. Schreibt Kinder-, Jugendliteratur wie auch Bücher für Erwachsene
Ihr Jugendroman Weggesperrt wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher. Zuletzt erschienen sind der Roman Angstfresser (Mitteldeutscher Verlag, 2020), die Jugendromane Alice Littlebird (Peter Hammer Verlag, 2020) und Verraten (Dressler Verlag, Herbst 2020).
Ein toter Direktor eines Jugendwerkhofs, ein verschwundenes Kind und ein Ermittlerduo zwischen Ost und West.
Torgau am 10.11.1989: Hoffnung weht durch die kleine Renaissancestadt an der Elbe. Die Mauer ist gerade gefallen, da wird der Direktor des örtlichen Jugendwerkhofs tot aufgefunden. Beate Vogt von der Morduntersuchungskommission wird aus Leipzig geschickt, um zu klären, was passiert ist. Kurz nach der Befragung des 14-jährigen Insassen Andreas verschwindet dieser spurlos. Steckt er hinter der Tat? Ist er in den Westen geflüchtet, oder ist ihm etwas zugestoßen? Und dann bekommt Beate ungebetene Hilfe: Hauptkommissar Josef Almgruber aus Nürnberg soll ihr die westdeutsche Arbeitsweise nahebringen. Doch der hat keine Ahnung von DDR-Strukturen. Beate braucht keine Belehrungen und lässt ihn links liegen. Aber dann wird Beate bedroht und Almgruber zusammengeschlagen. Sie begreifen, dass sie zusammenarbeiten müssen. Ob sie wollen oder nicht.
Liebe Franziska, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich zähle mich zu den privilegierten Menschen, die in den zeitlichen Freiräumen, die ihnen die Pensionierung eröffnet hat, schwelgen können. Der Pferdefuß dabei: Man ist nicht mehr so jung, wie man es gerne wäre.
Franziska Bauer, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Allem voran die Bereitschaft, neue Wege zu gehen und dazuzulernen
Die Besinnung auf das Wesentliche – auf gelebte Menschlichkeit, auf Solidarität, auf Wahrhaftigkeit, auf das Sein, nicht auf das Haben;
Dabei dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben: Aller Schrecken hat ein Ende.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst und Literatur weiten die Perspektive, weil sie die Menschen ganzheitlich berühren, ganz im Sinne der Katharsis, die man der griechischen Tragödie zuschrieb, und ganz im Sinne von Saint-Exupéry, der seinen kleinen Prinzen sagen lässt, man sehe nur mit dem Herzen gut.
Was liest Du derzeit?
Den neunten Band der Brenner-Krimis des österreichischen Autors Wolf Haas
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen: die Hoffnung, der Schlaf, das Lachen.“ (Immanuel Kant, 1790)
Vielen Dank für das Interview liebe Franziska, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Franziska Bauer, Schriftstellerin
Zur Person_
Zur Person_Franziska Bauer, geb. 1951, Studium der Russistik und Anglistik in Wien, wohnhaft im Burgenland, pensionierte Gymnasiallehrerin, Schulbuchautorin, schreibt Lyrik, Essays und Kurzgeschichten für Zeitschriften und Anthologien, zwei Lyrikbände beim Apollon Tempel Verlag, Gewinnerin des 10. Bad Godesberger Literaturpreises
VOLKER KAMINSKI, geb. 1958 in Karlsruhe, Studium Germanistik/Philosophie, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Er veröffentlicht Kurzgeschichten, Glossen (Berliner Zeitung), zahlreiche Romane, z.B. „Herzhand“ 2021, „Der Gestrandete“ 2019, „Auf Probe“ 2018, „Rot wie Schnee“ 2016. Im Herbst 2023 erscheint der Roman „Ballerina“ bei PalmArtPress Berlin.
Kaminski rezensiert Romane aus dem arabisch-persischen Kulturraum für die Deutsche Welle. Seit 2014 ist er Lehrbeauftragter an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und unterrichtet dort Creative Writing in einer Romanwerkstatt. Außerdem bildet er Autor*innen aus über das Institut für kreatives Schreiben (IKS). Stipendien: Alfred Döblin-Stipendium. Stipendium Kunststiftung Baden-Württemberg, Stipendium Künstlerhaus Edenkoben.