Kristina Schippling, Schriftstellerin und Filmregisseurin
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Kristina Schippling, Schriftstellerin und Filmregisseurin
Zur Person_Kristina Schippling lebt als Schriftstellerin und Filmregisseurin in Berlin. Nach drei literarischen Büchern und weiteren Kurztexten ist 2021 ihre Dissertation erschienen. Zudem publiziert sie philosophische Texte. Neben Kurzfilmen hatte nun auch ihr erster Dokumentarlangfilm „The Sound of Cologne“ beim Filmfestival Cologne seine Uraufführung.
Lieber Siegfried, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Früher, als ich noch musste, hab ich den Wecker immer auf drei Minuten nach sechs gestellt. Ich wollte nie um sechs aufstehen, das wusste ich schon ganz jung. Jetzt wache ich meist vor sechs auf. Das Morgenritual (ich hoffe ich werde immer am Morgen duschen können), Kaffee, Zeitung. Da kann es dann schon zur kleinen Wanderung die Bücherregale entlang kommen, alte Freunde begrüßen, manche verwundert anschaun – das hab ich gelesen? warum weiß ich nichts mehr davon? Eher missmutige Gedanken von manchen Büchern: warum werde ich nicht beachtet? Bücher reden, echt. Dann bald hinaus – gehen. Und Leute betrachten. Das ist das wichtigste: Leute betrachten, und Tiere … und so wies mich dahinträgt, trödle ich durch die Stadt und mach keinen Plan. An manchen Tagen arbeite ich auch im Brechthaus in Augsburg.
Siegfried Völlger, Lyriker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Grundgesetz Artikel 1 Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Um zu verstehen gibt es nur einen weg: Wissen. Bildung, lernen, verstehen lernen. Denken – wird häufig sehr unterschätzt. Ich glaube nicht, dass das unbedingt bedeutet, dass man ein anständiger Mensch wird, aber die Chance ist größer (in vielen Regierungen, um nur einen Bereich zu nennen, gibt es durchaus gebildete Menschen die von einer grandiosen Dummheit und Boshaftigkeit sind). Wir sind ganz Einzelne. Kunst und Literatur wirken zuerst an den Einzelnen. Ich glaube nicht an Gruppen, Bewegungen, Epochenthemen.
Zu all dem Wissen kommt natürlich das Erkennen, das einem die Welt gibt. Ich kanns nicht gut anders sagen, vielleicht denken manche Gott, aber da kann ich dann nicht mittun. Es gibt ein Verstehen und Erkennen, und da besonders in der Kunst, das nicht nur auf Wissen baut, das etwas ganz kreatürliches ist. Darauf kann man immer hoffen.
Hoffen also, dass die Kunst, die Literatur, was sie ja zweifellos bei Einzelnen tut, mehr trifft, mehr bewegt, über den Alltag hinaus Freude bringt, zum Denken anregt, Verstehen hilft. Also zugänglich ist für viele – wir versinken sonst im Grau, im Grauen.
Was liest Du derzeit?
Ich entdecke grad Bertolt Brecht wieder. Seine Vielfältigkeit. Vor allem in den Prosa Arbeiten, Journalen, und natürlich die Lyrik, die frühe besonders gern, in der er noch ganz ungezähmt ist.
Immer lese ich Lyrik,. Ich mochte schon immer skandinavische Autoren, Lars Gustafsson, Olav H. Hauge und andere. In den letzten Jahren hat es im Elif Verlag eine Reihe von Übersetzungen aus dem Isländischen gegeben, übersetzt von (man muss Übersetzer immer erwähnen, meist loben) Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer – sehr lohnenswert!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann
Francis Picabia
Vielen Dank für das Interview lieber Siegfried, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Siegfried Völlger, Lyriker
Foto_privat
29.9.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Zur Person_Franziska Bauer, geb. 1951, Studium der Russistik und Anglistik in Wien, wohnhaft im Burgenland, pensionierte Gymnasiallehrerin, Schulbuchautorin, schreibt Lyrik, Essays und Kurzgeschichten für Zeitschriften und Anthologien, zwei Lyrikbände beim Apollon Tempel Verlag, Gewinnerin des 10. Bad Godesberger Literaturpreises
Liebe Beate, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin Vollzeit berufstätig als Kommunikationsberaterin und Trainerin, außerdem haben wir zwei Kinder. Das heißt, mein Tag beginnt mit Care-Tätigkeiten: Kinder aufwecken, Frühstück und Schuljause vorbereiten. Weil ich selbständig bin, arbeite ich danach oft im Homeoffice. Falls wenig zu tun ist, gönne ich mir zwischendurch Arbeitspausen. Die sehen so aus, dass ich lese, bevorzugt am Balkon, oder an einem literarischen Text schreibe.
Am frühen Nachmittag, sobald die Kinder nach Hause kommen, koche ich. Darin bin ich furchtbar schlecht, aber ich würde nicht auf das gemeinsame Mittagessen verzichten, weil es mich glücklich macht, wenn die Teenager mir ein paar persönliche Dinge erzählen, die sie gerade beschäftigen. Nachmittags steht dann wieder Arbeit am Programm: Textarbeit, Termine, Telefonate, regelmäßig halte ich Seminare oder Fachcoachings zu Social Media-, Text- oder PR-Themen. Der Abend „gehört“ der Familie – und den Büchern.
Beate Kniescheck, Autorin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität, aber auch Selbstfürsorge sind jetzt besonders wichtig. Es sind schwere Zeiten für viele Menschen, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Wir sollten auf uns selbst schauen, dabei aber nicht aus den Augen verlieren, ob und wie wir anderen helfen können.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke, wir werden mehr Offenheit brauchen, um den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft zu stärken. Diese Offenheit ist aus meiner Sicht ein Merkmal spannender künstlerischer und literarischer Werke.
Was liest Du derzeit?
„Nachkommen“ von Marlene Streeruwitz, „Lucida Console“ von der genialen Natalie Deewan und „Im Kaffeehaus“, ein sehr schön gestaltetes Buch, in dem Fotograf Sepp Dreissinger neben Portraitaufnahmen von Künstler:innen auch Interviews mit Literat:innen publiziert. Unter anderem führte er im Lauf der Jahre Gespräche mit Ilse Aichinger, Elfriede Gerstl, Friederike Mayröcker oder Christine Nöstlinger, um nur einige wenige zu nennen. Sehr interessant, eine schöne Abendlektüre!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.“ Von wem das Zitat stammt, scheint nicht bekannt zu sein, manche schreiben es dem brasilianischen Schriftsteller Fernando Sabino zu. Aus literarischer Sicht ist das natürlich ein ausgemachter Blödsinn, es braucht am Ende nicht unbedingt „Friede, Freude, Eierkuchen“. Aber ich mag den Optimismus, der in diesem Zitat mitschwingt. Wir werden ihn noch brauchen.
Beate Kniescheck, Autorin
Vielen Dank für das Interview liebe Beate, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
„Normalerweise sagte er auch während des Arbeitstages nicht mehr als Guten Tag, Guten Appetit, Frau Lah, Bitte sehr, Entschuldigen Sie, Danke, Macht nichts, Erlauben Sie….“
Abends dann der Morgenmantel, Couch, Bett, lesen. Worte zu seiner Frau. Der Blick auf die wachsende Pappel vor dem Fenster, die den Blick auf die Welt verdeckt. Auch die innere, die ganz ruhig ist…
Und doch ist es eine Welt der Begegnung, der Bewegung. Der Stille und der Sprache. Der Menschen. Blitzlichter und Dunkelheit. Die eigene und die andere. Alles da. Immer wieder….
Es geht weiter…
Verpuppt….
Ana Marwan, gefeierte Bachmannpreisträgerin 2022, legt mit „Verpuppt“ ihren zweiten Roman vor und dieser begeistert wie der Siegerintext in Klagenfurt in stilistischer wie inhaltlicher Virtuosität, Originalität und Unverwechselbarkeit.
Ana Marwan, Bachmannpreisträgerin 2022
Die in Slowenien geborene und aufgewachsene Schriftstellerin nimmt Leserin und Leser in einzigartiger Sprach- und Erzählkraft von der ersten Seite an fasziniert mit und lässt bis zum Schließen des Buchdeckels in Überraschung, Witz und Sinn nicht mehr los. Und auf dieser Reise des Wortes begegnet Menschliches, Allzumenschliches in allen existentiellen, sozialen wie metaphysischen Unmittelbarkeiten.
Aufmerksamkeit, Beobachtungsgabe und Abstraktion, Transformation ist wohl eine der wesentlichsten Voraussetzungen von Literatur. Ana Marwan ist eine Meisterin darin und lässt in Sprachwitz Sein und Schein des Lebens ganz fein aufblitzen, ansehen und weiterziehen zur Wahrnehmung, Erfahrung der Leser*innen. Es ist ein Dialog, den die Schriftstellerin hier führt und dieser verbindet in Textmontagen philosophisches wie literarisches Schreiben zu einer Symbiose, einem Universum, darin sich Mensch und Erde weiterdrehen, verpuppen…
Ana Marwan sitzt in ihrem Schreiben mit Nietzsche, Musil und Bachmann am Tisch. Ein Symposium, ein Fest, zu dem Leserin und Leser geladen sind! Wenn morgen die Welt untergeht, sollten sie heute Ana Marwan gelesen haben.
„Ana Marwan ist eine begeisternde, herausragende Stimme moderner Literatur!“
„Verpuppt“ Ana Marwan. Roman. Otto Müller Verlag. 2023
Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan sehr gut gefüllt mit Studien, Arbeit und viel Musik und Literatur.
Katharina Mirk, Regisseurin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke es ist wichtig sehr bewusst mit den eigenen Empfindungen umzugehen und sich nicht von Negativität hinreißen zu lassen. Und ein bisschen mehr Gelassenheit im Umgang miteinander würde nicht schaden. Einander als Menschen sehen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Film, der Kunst an sich zu?
Vermutlich hilfreich ist, den schwerwiegenden Veränderungen mit einer gewissen Sachlichkeit zu begegnen und sich selbst weniger wichtig zu nehmen. Es funktioniert nur miteinander.
Kunst hat für mich die Aufgabe eines Spiegels, eine Möglichkeit sich mit der Welt und den Menschen auseinanderzusetzen, vor allem auch in humorvoller Weise. Und Kunst ist politisch, eine wunderbare Art des Austauschs.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerne parallel, momentan „Die Gerechten“ (Albert Camus), „Erzählungen aus Kolyma“ (Warlam Schalamow) und „Die Scham“ (Annie Ernaux).
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der Kopf ist Rund damit das Denken die Richtung ändern kann.“ (Francis Picabia)
Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Katharina Mirk, Regisseurin
Foto_privat
27.11.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Mein Tagesablauf hängt davon ab, welchem meiner Berufe ich nachgehen muss oder darf. An Tagen, an denen ich an der Berufsschule für Baufachleute Allgemeinbildung unterrichte, stehe ich um sechs Uhr auf, lese Zeitung und fahre dann mit dem Velo zur Schule. Dort bin ich eine Performerin mit Wort- und Körpereinsatz und habe keine stille Minute.
An meinen Schreibtagen stehe ich später auf, wachse in den Tag. Ab zehn Uhr sitze ich am Schreibtisch und lese, was ich schon geschrieben habe. Danach folge ich der Sprache in die Erde oder auf Astenden. Begleitet werde ich meist von Vögeln und Eichhörnchen.
Die Abende sind Geschichten gewidmet oder lieben Menschen. Und dem Schlaf.
Maja Peter, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für uns alle wäre jetzt wichtig, mehr von dem zu tun, was uns nährt und vertieft. Sogar meine Schüler, allesamt Berufseinsteiger, wünschen sich nichts mehr, als weniger Zeit mit Nützlichsein zu verbringen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Um der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken, müssen wir zuhören, beobachten und zulassen, dass sich ALLE äußern können. Mit Sorge beobachte ich, dass starke Trends Publikationen verhindern, die gerade nicht en vogue sind oder sogar gegen die Trends wie z.B. Wokeness, Genderfluidness etc. antreten. Denn um uns gegenseitig zu verstehen, brauchen wir auch die Bücher, Filme und Kunstwerke, die uns quer vorkommen, uns stören. Ich finde es falsch, jede kritische Stimme unter Extremismus-Verdacht zu stellen. Als Schweizerin weiß ich: Gesellschaften halten offen ausgetragene Differenzen aus. Unangenehmes abzuwürgen, zu denunzieren und zu alarmieren ist weder der Kunst noch einer Gesellschaft zuträglich.
Was liest Du derzeit?
Ich lese «Wider die Kunst» von Tomas Espedal und mit einer Klasse «Der Fremde» von Albert Camus. Beides auf Deutsch.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat, mit dem ich mich immer wieder ankere, stammt aus dem Gedicht «Im Gewimmel» von Wislawa Szymborska:
„Ich hätte ich selbst sein können – doch ohne Erstaunen,
und das würde bedeuten,
jemand ganz anderer.“
Vielen Dank für das Interview liebe Maja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!