„Fürchte dich, Hans!“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Julia Kulewatz, Schriftstellerin, Verlegerin _ Thüringen/D 17.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Julia Kulewatz 

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962 _ Heinz Bachmann

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Julia Kulewatz, Schriftstellerin, Verlegerin, Literaturwissenschaftlerin, Dozentin

Liebe Julia, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Wenn die Bachmann gegen etwas angeschrieben hat, so begegnet mir das täglich. Es sind auch die Männer mit Namen Hans, aber nicht allein das märchenhafte Rollenbild. Das hat und hätte uns niemals gereicht, das erschöpft uns nicht, es lässt uns vielleicht die Moore und Menschen und Myzelien verlassen, so weit und so klar und in einer solchen Überlichtgeschwindigkeit, dass wir uns von uns selbst überrascht wiederfinden, irgendwo im All, zwischen Sternen, nicht tot, nicht lebendig, umgeformt, erneuert, vielleicht als ein Fackelbaum, brennend, sich vor aller Augen im Abglanz selbst verzehrend, mahnend, himmlisch verheerend sind wir dann, gemacht aus geborgten Wörtern oder aus müde herübergeschenkten Versatzstücken, nur die verborgenen, die zwischen den Zeilen hausen, die sind nicht so einfach zu haben, wie wir waren, so wie Hans, wie Ivan, wie die meisten Menschen. Ein Zugang kam über Hans:

Männer mit Namen Hans

für I. B. und all die anderen Wasserfrauen,

bekannt und unbekannt

Hans,

Immer Einer nur unter den Vielen mit Namen.

Einer zog aus, das Fürchten zu lernen,

Ein Anderer, es Hans zu lehren,

Einer nur hat es gelernt,

Den Dirnen und Trinen,

Der Gretel,

Den Dummen und Gescheiten,

Der Geliebten,

Der starke Hans im Glück,

Eisenhans, dann Hänschen klein,

Hans mein Igel.

Unter Waffen,

Unter Wasser,

Unversehrter Hans-Guck-in-die-Luft,

Hast Schwein gehabt, Hans,

Und eine goldene Gans,

Versierter Hans-Dampf-in-allen-Gassen.

Fürchte dich, Hans!

Vor Wiederholung,

Vor Auflösung

Und vor Ohne-Namen-Sein,

Auf der Lichtung liebend,

Und in Wassern,

Undine kommt.

Kulewatz, Julia: Männer mit Namen Hans, aus: Orkaniden. Sturmgedichte, 3. Auflage, 2023, kul-ja! publishing, Erfurt.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

„An schönen Oktobertagen kann man, von der Radetzkystraße kommend, neben dem Stadttheater eine Baumgruppe in der Sonne sehen. Der erste Baum, der vor jenen dunkelroten Kirschbäumen steht, die keine Früchte bringen, ist so entflammt vom Herbst, ein so unmäßiger goldener Fleck, daß er aussieht, als wäre er eine Fackel, die ein Engel fallen gelassen hat. Und nun brennt er, und Herbstwind und Frost können ihn nicht zum Erlöschen bringen.

Wer möchte drum zu mir reden von Blätterfall und vom weißen Tod, angesichts dieses Baums, wer mich hindern, ihn mit Augen zu halten und zu glauben, daß er mir immer leuchten wird wie in dieser Stunde und daß das Gesetz der Welt nicht auf ihm liegt?“

Zit. Bachmann, Ingeborg: Auszug aus Jugend in einer österreichischen Stadt, in: Das dreißigste Jahr. Erzählungen, ungekürzte Ausgabe, 1. Auflage, 1966, Deutscher Taschenbuchverlag, München.

Sie setzt sich als Schriftstellerin den Elementen vollkommen aus: „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers.“ Ingeborg Bachmann ignoriert in ihrem Schreiben das Offensichtliche, enttarnt es durch ledigliche Benennung als bloßes Blendwerk, Ablenkung vom Wesentlichen. So geht die Erzählperspektive mit uns vorüber am Stadttheater, streift es nicht einmal, hängt den Blick lieber an einen flammenden Baum, wohl wissend, dass sein Simulacrum besser zu tragen ist als eine Bühne, als Inszenierung und großes Theater, wohl wissend, das auch davon nichts bleiben wird. „Das Krematorium von Wien ist seine geistige Mission, sehen Sie, wir finden die Mission doch noch, man muß sich nur weit genug auseinanderreden, aber schweigen wir darüber, hier hat das Jahrhundert an seinem brüchigsten Ort, einige Geister zum Denken befeuert und es hat sie verbrannt, damit sie zu wirken beginnen […].“ (Bachmann, I.: Malina, Piper,Sonderausgabe 1982, Gesamtherstellung in Wien) –

Bachmanns Blick allein inszeniert für die Rezipienten und vor sich selbst als eine Rechtfertigung des In-der-Welt-sein-Müssens, ein In-ihr-Stehen und -Sehen, ist in diesem Augenblick selbstbestimmter Direktor einer eigenen Gedankenbühne als Momentaufnahme und führt, weg vom Theater, nicht hinter die Kulissen, sondern zu dem, was vorher war und auch nachher sein muss, nach allen Bühnen sein muss, den Kulturstätten und „kultischen Administrationen eines Totenreichs“ zum Trotz zurück zu einer gefährdeten und zu gleich gefährdenden, vermeintlich ursprünglichen Natur. Aber sogar dort geht alles in Flammen auf, weil keine Einheit bestehen kann und die Sehnsucht als Suche nach dieser bleiben muss. Was zuvor schon fruchtlos war, muss brennen, damit es wirken kann und das wird nicht zu löschen sein.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Nicht spezifische Werke an sich, aber vielleicht Aspekte ihres Schreibens, die mir wichtig erscheinen …

Mich beschäftigen vor allem die Werke, wo die Dichterin (die Erzählstimme) über den Denker spricht, als eine Art absonderlicher Archetypus. Es ist meines Erachtens nur Wenigen gelungen, das Dichterdenken als eine zyklisch wiederkehrende Hybridform des ewigen Übergangs beider Disziplinen ineinander zu begreifen, zu leben, festzuhalten, abzubilden. Bachmann hat das im Gedicht nicht weiter verfolgt, dieses bewusste Abbrechen, das ich nie als ein Innehalten begriffen habe, das hat mich schon als Vierzehnjährige erstaunt und dann tatsächlich innehalten lassen, vor jedem Gedicht. Ich habe viele Eindrücke nie versprachlicht. Wie hätte man das seinem Deutschlehrer erklären sollen? Das brauchte einen langen Atem wie Ertüchtigungen und Übungen, fließend bis zum Ätherhauch hin. Das war keine Verweigerung, aber doch ein Zutrittsverbot für die, die das nicht mitfühlen oder denken konnten oder schlimmer, sich nicht einließen mit etwas wie Dichtung. Für mich war es, wie sich in die Sprache hineinatmen zu müssen, später auch über den perpetuierten Akt des Sprechens an sich, schließlich über gelebte Performanz. Es war ein Aus-sich-herausgehen-Müssen, ein Sich-auf-Zeit-Verlassen, Sichhingeben und Von-sich-selbst-Ablösen.

In einem Interview mit Kuno Raeber aus dem Jahr 1963 wird Bachmann gefragt, was ihr am wichtigsten in ihrer Produktion sei, Lyrik, Hörspiel oder Prosa. Sie antwortet: „Die sind mir alle eins […]“ und betont daraufhin, dass sie aufgehört habe, Gedichte zu schreiben, als ihr der Verdacht kam, sie „[…] »könne« jetzt Gedichte schreiben, auch wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe. Und es wird eben keine Gedichte mehr geben, eh’ ich mich nicht selbst überzeuge, daß es wieder Gedichte sein müssen und nur Gedichte, so neu, daß sie allem seither Erfahrenen wirklich entsprechen.“ 

Ich muss dazu sagen, dass das Lesen ihrer Dichtung meine eigenen ersten lyrischen Versuche gestoppt und mich darüber lange im Gefühl reflektieren lassen hat, ich habe mich dann in mir selbst eingesponnen und einfach alles archiviert, was die Welt uns angetan hat in unvergleichlicher Brachialität, in ihrer radikalen Poetik, in ihrem schmerzhaft poetischen Ausdruck, der gewissermaßen ewig ist. –

Das hat sie mir gegeben, die Bachmann. Deshalb lese ich ihre Briefe nicht. Das wiederum möchte ich ihr geben, einen privaten, indifferent diffusen, nicht lesbaren Raum, eine Art Dunkelkammer, eingebettet in meiner Vorstellungskraft, sinnierend in meinem Denken, das manchmal das Gedicht, der Gedanke, die Erzählung einer anderen wird, etwas, das ich mit niemandem teile: Zutritt verboten. „Weil es darüber nichts zu sagen gibt. Das gehört in die Intimität von zwei Personen.“

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Diese Lesart ist für mein Empfinden natürlich gegeben, bleibt aber an der Oberfläche. Nehmen wir ihre Erzählung „Undine geht“. Die Lichtung der Begegnung mit Hans initiiert den ersten Schwellenmoment als ein unbestimmbarer Ort ohne Fokus, ein Ort, der immer ist und doch nie, ein Reich im Dazwischen. Denn es liegt überhaupt nicht in der Natur einer Undine (die personifizierte Natur ist) „zu gehen“, zu verführen, zu locken, zu rufen hingegen schon. Erst die Verbindung mit Hans, der, so die Erkenntnis Undines, alle Hänse ist, aber Undine ist auch alle Undinen (was aber nicht gezeigt wird), ermöglicht das Sich-Aufrichten in weiblicher (anscheinend übermenschlicher) Wut (und ja, die wird in unserer Zeit noch immer nicht genug wahrgenommen und oft als überemotionaler Ausbruch ohne Berechtigung gewertet). Wir schauen als Rezipienten aus Undines verletzter Sicht auf Hans, die eine fließende ist. Hans währenddessen ist das rationale, (aktiv) verletzende männliche Prinzip. Das Gehen wird doppelt aufgeladen, im Sinne eines Verlassens und gleichzeitig ist es ein Sich-Erheben, denn Undine ist und bleibt ein (in der Literaturgeschichte zumeist unbeseeltes) äußerlich menschlich anmutendes Wasserwesen aus einem dem Menschen verloren geglaubten Zauberreich. Sie ist nicht die vollendete (ganze, heile) Frau, sondern bekommt durch Hans erst die Möglichkeit, gehen zu lernen. Oder nehmen wir Malina, den männlichen Doppelgänger der Ich-Erzählerin, der bleibt, während Ivan (wie ein Hans von vielen) als Reibungsfläche, als Widerspieglung von Gewalt verschwindet. Ivan ist letztendlich nicht mehr als ein männlich geartetes/codiertes Symptom einer Krankheit, die unsere Zeit bestimmt. Tatsächlich geht es um die viel schwerwiegendere Integration des männlichen Doppelgängers, die Integration von überstandener Verletzung in einer an Dualität (auch im Sinne von Trennung) krankenden Welt.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ich bin mir nicht sicher, ob man sich da bewusst hineinbegibt, sagt, jetzt werde oder bin ich Schriftsteller, und so begründe ich jetzt mein Leiden, das ein edles ist, weil ich doch etwas zu sagen habe, das alle lesen/hören/sehen müssen. Da spricht auch die Verlegerin aus mir, die die absonderlichsten Geschichten hört, warum Menschen schreiben und warum ihr Buch in diese Welt muss, die es verändern wird. Persönlich habe ich mich lange zurückgehalten, was das literarische Schreiben angeht. Und ja, das Leben hat sich in mich eingeschrieben und doch ist es aus meiner Sicht nur eine mitunter sehr begrenzende Ausdrucksform. Das reicht mir nicht und es reicht mir auch nicht, diesen Weg als Martyrium zu versinnbildlichen. Aber ich verstehe genau, was es heißt, wenn Bachmann sagt: „[…] eh man sich nicht die Hand verbrannt hat, kann man nicht darüber schreiben.“ Für mich persönlich hat es drei Gräber (ein anonymes, ein Familiengrab und ein Dichtergrab), drei Formen zerstückelter Erinnerungen in ihrer Rückführung und drei Träume (einen ersten, zweiten und letzten) gebraucht, um für eine Zeitlang im Schreiben so unverwundbar heil zu sein, dass die Nachtgedichte (O Nyx. Nachtgedichte, kul-ja! publishing, 2025) entstehen konnten. Ich habe die Verbrennungen erst archivieren und dann überwinden müssen, die Erkenntnis dahinter war, dass ich sonst meine Leser verwunde, wie es Bachmann mit mir getan hat, und nicht jeder will und kann zur übertragenen Fackel werden, wohl aber sollte man Ausschau nach dem Brennen halten, denn das wird, wie Bachmann sagt, weder durch Frost noch Herbstwind zu erlöschen sein, es wird in der Welt wirken.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Keine Sorge, ich lese deine Briefe nicht.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Auf meine Nachtgedichte folgen mit Nereiden reden nicht in diesem Jahr endlich meine Tiefseegedichte begleitet von den Unterwassercollagen von Patrizia Spieker in die Welt. Sie erscheinen am 19. März zur Leipziger Buchmesse. Auch wird es bald eine Zusammenfassung aller meiner Kurzgeschichten in einem Band geben. Da hole ich mir gerade die Rechte von anderen Verlagen zurück. Die multidisziplinäre Künstlerin Sara Stubenbaum wird das im Bild umsetzen. Darauf freue ich mich von ganzem Herzen.

Mit der Verleihung des Deutschen Verlagspreises 2025 haben sich die Manuskripteinsendungen für kul-ja! publishing verdreifacht, das hat mein eigenes Schreiben leider etwas in den Hintergrund gedrängt. Das Verlagsteam arbeitet gemeinsam mit mir fieberhaft und bereits in Vorfreude auf die großen Buchmessen hin. Durch meine Vorlieben und unsere Autoren im Verlag rückt jetzt natürlich auch Wien in den Fokus. Außerdem baue ich gerade internationale Künstlerkooperationen auf, um weiterhin Talente sichtbar zu machen. Dafür brauchte es viele verschiedene Formen des Ausdrucks und eine gute, klar strukturierte Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Verlagswebsite: https://www.kul-ja.com/

Herzlichen Dank für das Interview!

Lieber Walter, und das möchte ich Dir schon länger sagen, es ist eine große Arbeit, die du für uns Kulturschaffende tust und die kann man nicht genug wertschätzen. Wir haben zu danken.

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann

Fotos: Portrait&Motiv Bachmann_Julia Kulewatz/privat.

Walter Pobaschnig   1_26

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„Und“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Wort&Bild _ Harald Darer/Clara Montocchio _ Wien 17.1.2026

Undine geht_
Clara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin_acting _
Donau/Wien _

Walter Pobaschnig 5/24, folgende

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Wort & Bild

Undine geht _ Akrostichon

Text _ Harald Darer, Schriftsteller

PerformanceClara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin



UNDINE GEHT

Und

Niemals

Dachte

Ich:

Niemals

Erlöst

Gott

Eine

Horde

Täter

Harald Darer, 8.1.2025

Undine geht_
Clara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin_acting _
Donau/Wien _

Walter Pobaschnig 5/24.

Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.

„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann Rom 1962 _
Foto: Heinz Bachmann

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Wort & Bild

UNDINE GEHT _ Akrostichon

Text _  Harald Darer, Schriftsteller

PerformanceClara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin

Harald Darer, Schriftsteller

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann

Foto: Harald Darer: Walter Pobaschnig 8/25

Fotos:  _ Undine geht_ Clara Montocchio, Sängerin, Schauspielerin_acting _
Donau/Wien _ Walter Pobaschnig 5/24
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Walter Pobaschnig 1/26

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„der persönliche Kokon darf nicht zum Grab des Verstandes werden“ Runa Corvin, Schriftstellerin _ Niedersachsen/D 16.1.2026

Liebe Runa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Kaffeetrinken, Nachrichten hören. Tief durchatmen. Hoffen, dass der Tag ohne die ganz großen Katastrophen vergeht. Und hoffen, dass der Widerstand gegen Verbrecher und Diktatoren anschwillt und zur befreienden Welle wird. 

Dann setze ich mich an mein Manuskript. Mein neuer Roman spielt vor mehr als 2000 Jahren, in einer Zeit des Umbruchs, des Imperialismus und der Kulturkämpfe. Wissen muss bewahrt, Geiseln müssen gerettet werden, eine starke Frau sucht ihren Weg im zerstrittenen Europa. Ein topaktueller Roman also. Vor allem aber eine spannende Abenteuergeschichte vor historischem Hintergrund.

Runa Corvin, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht verzweifeln, nicht den Mut verlieren, nicht schweigen. Als ich jung war, hat unsere Generation die Älteren gefragt: Warum habt ihr das zugelassen? Uns selbst haben wir gefragt: Wie hätten wir gehandelt? Mit jugendlicher Überheblichkeit waren wir überzeugt, wir hätten das Richtige getan.

Was wollen wir unseren Kindern und Enkeln einmal antworten?

Wir können aus der Geschichte lernen, ob sie 100, 1000 oder 2000 Jahre zurückliegt. Wir müssen nicht hinnehmen, was ABBA damals sangen: „The history book on the shelf Is always repeating itself“.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst und Literatur müssen unbequem bleiben und sich nicht wegducken oder zähmen lassen. Sensitivity Reader scheinen einen höheren Stellenwert zu haben als Lektoren, die sich um Geschichte und Stil kümmern.

Schon im ersten Pandemiejahr fiel mir auf, dass die Verlage den Markt mit Wohlfühlbüchern überschwemmten. Der Blick auf die Büchertische in den Buchhandlungen verursachte mir Sodbrennen. Ein bisschen Herzschmerz hier, ganz viel idyllische Landschaft da, selbst die Krimis boten nur noch lustige Morde und nette, kauzige Ermittler. Überall leuchtende Farben und eine Prise Glitzer. Auch romantische Fantasy funkelt in allen Facetten. Kontroversen, echte Probleme und Gesellschaftskritik scheinen viele Verlagen heute als Kassengift zu sehen. Der Eskapismus blüht.

Natürlich will man sich auch mal in einen Roman oder Film hineinkuscheln, aber der Kokon darf nicht zum Grab des Verstandes werden.

Was liest Du derzeit?

Wie meist mehrere Bücher und Zeitschriften parallel, je nach Tageszeit und Stimmung zur Entspannung oder zur Recherche. Zum Beispiel „Rette die Katze“ von Blake Snyder. Immer zur Hand als Nachschlagewerk ist Jean-Louis Brunaux: „Druiden. Die Weisheit der Kelten“. Ich war froh, als ich es doch noch in der deutschen Übersetzung fand, nachdem ich mich durch das französische Original gequält hatte. Jetzt stehen beide nebeneinander in meinem Handapparat, der knapp zwei Regalmeter umfasst. Ich bin von Haus aus Journalistin, Recherche zählt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber wie bei jedem Artikel findet nur ein Bruchteil des Erlesenen den Weg in den fertigen Text. Der Unterbau muss stimmen, damit die Erzählung glaubhaft wird. Dann können die Leserinnen und Leser in die Story eintauchen und den Menschen folgen, die ich erschaffen und gemeinerweise sofort in Schwierigkeiten gebracht habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

J.R.R. Tolkiens Satz: “Es ist eine gefährliche Sache, aus deiner Tür hinaus zu gehen. Du betrittst die Straße und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.”

Runa Corvin, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview, liebe Runa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen: Runa Corvin, Schriftstellerin

Zur Person/über mich: Runa Corvin wurde in einem Schwarzwaldtal geboren und lebt heute in der Weite Niedersachsens.
Nach vielen Jahren als Journalistin ist sie es gewohnt, präzise zu recherchieren und komplexe Inhalte zugleich spannend und verständlich aufzubereiten. Unter ihrem Klarnamen veröffentlichte sie bereits drei Kriminalromane und zahlreiche Kurzgeschichten.
Ihre neue Romanreihe verbindet ihre Erfahrung im Spannungsgenre mit ihrer Begeisterung für historische Stoffe.

Fotos: privat

15.1.2026_Interview_Walter Pobaschnig

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„Grün liegen“ Runa Corvin, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Niedersachsen 16.1.2026

GIVE PEACE A CHANCE


Grün liegen

In hügeligem Land

Vergessene Gräber

Ehemals Großer



Pfade schlängeln sich

Empor zur verfallenen Stadt

Auf dem Berg

Caesaren zerfielen zu Staub wie

Ehedem ihre Feinde


Antike verblasst


Carnyxen warnen

Heute nicht mehr

Alles wird gezeigt

Nichts wird gesehen

Chaos verschleiert den Blick

Enthüllt das Wissen!

Runa Corvin, 15.1.2026

Runa Corvin, Schriftstellerin

GIVE PEACE A CHANCE

Runa Corvin, Schriftstellerin

Zur Person/über mich: Runa Corvin wurde in einem Schwarzwaldtal geboren und lebt heute in der Weite Niedersachsens.
Nach vielen Jahren als Journalistin ist sie es gewohnt, präzise zu recherchieren und komplexe Inhalte zugleich spannend und verständlich aufzubereiten. Unter ihrem Klarnamen veröffentlichte sie bereits drei Kriminalromane und zahlreiche Kurzgeschichten.
Ihre neue Romanreihe verbindet ihre Erfahrung im Spannungsgenre mit ihrer Begeisterung für historische Stoffe.

Fotos: Portrait: privat; Motiv _ Walter Pobaschnig.

15.1.2026_Interview_Walter Pobaschnig

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„aufmerksam zu sein – für uns selbst und für andere“ Jacqueline McNichol, Dramaturgin _ Wien 15.1.2026

Liebe Jacqueline McNichol, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt meist ruhig und gemächlich, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einem Buch auf dem Schoß – ein Moment, um die Gedanken zu ordnen, bevor der Alltag startet und das Chaos der Termine hereinbricht. Gelegentlich arbeite ich projektbezogen als Dramaturgin, Regieassistentin oder auch in der Soufflage. Derzeit liegt mein Schwerpunkt jedoch auf meinem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie auf der Vorbereitung meines bald beginnenden Doktorats der Theaterwissenschaft. Anschließend widme ich mich dem Schreiben, überarbeite Kurzgeschichten oder beschäftige mich mit Theatertexten, die mich bewegen.

Zwischendurch gehe ich spazieren, lasse meine Gedanken schweifen und finde neue Impulse für meine Geschichten. Abends führt mich mein Weg entweder zu einer Vorstellung – hinter die Bühne oder als Zuschauerin ins Publikum.

Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist die Fähigkeit, aufmerksam zuzuhören und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Gerade in Zeiten, die unübersichtlich oder belastend sein können, helfen Klarheit, Geduld und gegenseitige Wertschätzung, um die eigenen Ideen und Bedürfnisse wahrzunehmen. Gleichzeitig ist es wichtig, Räume für Kreativität, Reflexion und gemeinsames Nachdenken zu bewahren. Kleine Gesten, ehrliche und direkte Worte sowie ein offenes Herz können viel bewegen – im Theater wie auch im Alltag.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Vor einem Neubeginn wird es entscheidend sein, aufmerksam zu sein – für uns selbst und für andere. Theater und Kunst bieten dafür einen besonderen Raum: Sie machen Gefühle und gesellschaftliche Prozesse erlebbar, eröffnen Perspektiven und regen zum Nachdenken an. Schauspiel und Geschichten erlauben, Erfahrungen zu teilen, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Sie geben Orientierung, schaffen Empathie und zeigen, dass Veränderung möglich ist. Kunst kann Brücken bauen zwischen Menschen und zwischen Ideen, sie kann uns reflektieren, inspirieren und ermutigen.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich Versagen von Nora Weinelt – ein Essay, der sich mit der Bedeutung von Scheitern und dem Begriff des Versagens in unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Weinelt zeigt, wie der aus der Mechanik stammende Begriff des Versagens in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat und wie sehr uns soziale wie innere Zuschreibungen darüber bestimmen, was als Erfolg oder Misserfolg gilt.
Was mich besonders fesselt, ist der Anspruch des Textes, Scheitern nicht als bloßes Defizit zu lesen, sondern als kulturelle Kategorie, die unser Selbstverständnis wie auch unser Urteil über andere prägt. Die präzise Sprache und die klare Analyse laden dazu ein, die eigenen Erfahrungen von Bruch, Bewertung und Erwartung neu zu befragen – ein Prozess, der sowohl literarisch spannend als auch persönlich anregend ist.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Textimpuls, der mich beim Lesen von Versagen besonders berührt hat, stammt aus der einleitenden Beschreibung des Begriffs:

„Jemanden einen Versager zu nennen, ist die größtmögliche Beleidigung, wurzelt darin doch das Urteil, dass sich im Versagen der angesprochenen Person etwas Bahn gebrochen hat, das ohnehin nicht zu vermeiden war.“

Dieses Zitat bringt in wenigen Worten auf den Punkt, wie tief unser Denken von Zuschreibungen wie „Versager*in“ geprägt ist – und wie fundamental verletzend sie wirken können. Es lädt dazu ein, darüber nachzudenken, wie wir in Sprache und Bewertung mit Menschen und uns selbst umgehen, was wir als Scheitern markieren und welche narrative Kraft wir dem Begriff geben. Für mich ist das kein bloßer theoretischer Gedanke, sondern ein praktischer Impuls: unsere Sprache und unsere Zuschreibungen bewusst zu hinterfragen, um Raum für Verständnis, Offenheit und neue Perspektiven zu schaffen – sowohl im Theater als auch im Alltag.

Vielen Dank für das Interview, liebe Jacqueline, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen: Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Zur Person/über mich: Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in Oberösterreich, begann Jacqueline McNichol 2016 ihr Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Schon während der Studienzeit war sie an verschiedenen Theaterhäusern tätig, darunter am Landestheater Linz, am Volkstheater Wien, am Theater in der Josefstadt sowie am Burgtheater. Nach dem Studium arbeitete sie von 2019 bis 2021 als Regieassistentin am Salzburger Landestheater, von 2021 bis 2023 am Theater in der Josefstadt sowie 2023 und 2024 bei den Seefestspielen Mörbisch. 2022 wirkte sie als Dramaturgin bei der Theaterproduktion „Die gefesselte Phantasie“ (Regie: Achim Freyer) im Rahmen der Raimundspiele Gutenstein mit. 2023 betreute sie die Produktion „Die Kirche des Teufels“ am Ateliertheater Wien dramaturgisch. 2024 war sie als Dramaturgin bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf engagiert. Im Jahr 2025 schloss McNichol ihr Masterstudium ab. Ihre Masterarbeit wurde im selben Jahr in Buchform veröffentlicht. Während ihrer bisherigen Theaterlaufbahn arbeitete sie mit Regisseur*innen wie unter anderem Alexandra Liedtke, Claus Peymann, Stephen Medcalf und Andreas Gergen zusammen. McNichol lebt und arbeitet in Wien.

Foto: privat

14.1.2026_Interview_Walter Pobaschnig

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„Minnesota“ Jo Nesbø. Kriminalroman. Ullstein Verlag.

Bestsellerkultautor Jo Nesbø legt einen neuen Roman vor und das ist ein Spannungs- und Leseereignis erster Klasse! Der norwegische Autor versteht es auf einmalige Weise das Krimi Genre zu einem literarischen Kunstwerk zu formen, in dem er in Sprache und narrativer Form seit Jahrzehnten Maßstäbe setzt und dieses ständig weiterentwickelt. Das ist sehr beachtlich und zeichnet jedes seiner Bücher aus.

Die Geschichte selbst spielt mitten in den persönlichen Schicksalsschlägen wie gesellschaftlichen Zerrüttungen und Herausforderungen im mittleren Westen der USA, in welchen der Ermittler Bob Oz einen Mörder im Milieu von Waffenhandel und Drogen jagt. Es scheint ein undurchdringliches Geflecht von Rache, Gewalt und dunklem Geheimnis zu sein, dem Oz gegenübersteht. Doch er gibt nicht auf, schöpft gleichsam manisch aus dem Schmerz des Unfalltodes seiner dreijährigen Tochter Energie und jagt einem Phantom hinterher und sucht es zu fassen…eine Hochschaubahn zwischen Leben und Tod beginnt, doch die Zeit ist knapp…

„Das Krimi Genre als literarisches Kunstwerk – Jo Nesbø regiert!“

„Minnesota“ Jo Nesbø. Kriminalroman. Ullstein Verlag.

Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten

Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob

ISBN  9783550203091

Hardcover 24,99 €

E-Book (ePub) 19,99 €

Walter Pobaschnig 1/26

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„Geben“ Jacqueline McNichol, Dramaturgin _ Give Peace A Chance _ Wien 15.1.2026

GIVE PEACE A CHANCE


G eben

I ntensivieren

V ergeben

E ndlichkeit


Potenzial

Erleben

Achtsamkeit

Chaos

Einverständnis


Allgegenwärtigkeit


C hance

H altung

A ufbegehren

N eubeginn

C hancengleichheit

E rmöglichung


Jacqueline McNichol, 14.1.2026

Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

GIVE PEACE A CHANCE

Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Zur Person/über mich: Jacqueline McNichol | Dramaturgin | Regieassistentin | Souffleuse

Geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in Oberösterreich, begann Jacqueline McNichol 2016 ihr Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Schon während der Studienzeit war sie an verschiedenen Theaterhäusern tätig, darunter am Landestheater Linz, am Volkstheater Wien, am Theater in der Josefstadt sowie am Burgtheater. Nach dem Studium arbeitete sie von 2019 bis 2021 als Regieassistentin am Salzburger Landestheater, von 2021 bis 2023 am Theater in der Josefstadt sowie 2023 und 2024 bei den Seefestspielen Mörbisch. 2022 wirkte sie als Dramaturgin bei der Theaterproduktion „Die gefesselte Phantasie“ (Regie: Achim Freyer) im Rahmen der Raimundspiele Gutenstein mit. 2023 betreute sie die Produktion „Die Kirche des Teufels“ am Ateliertheater Wien dramaturgisch. 2024 war sie als Dramaturgin bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf engagiert. Im Jahr 2025 schloss McNichol ihr Masterstudium ab. Ihre Masterarbeit wurde im selben Jahr in Buchform veröffentlicht. Während ihrer bisherigen Theaterlaufbahn arbeitete sie mit Regisseur*innen wie unter anderem Alexandra Liedtke, Claus Peymann, Stephen Medcalf und Andreas Gergen zusammen. McNichol lebt und arbeitet in Wien.

Fotos: Portrait: privat; Motiv _ Walter Pobaschnig.

14.1.2026_ Walter Pobaschnig

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„Uferlos weht meine Seele“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Wort & Bild _ Petra Ganglbauer, Schriftstellerin _ Wien 14.1.2026

Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien _
performing „Undine geht“ Donau/Wien _
Walter Pobaschnig 8/25 _ folgende

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Wort & Bild

Undine geht _ Akrostichon

Text & Performance _ Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien.

UNDINE GEHT

Uferlos weht meine Seele

Niemand findet es

Dieses Halbleben

Im Wellenspiel

Noch hoffe ich weit

Entfernt

Gehen ist Haltung

Eine poetische Erfindung

Hält das Gedicht

Trägt es weithin

Petra Ganglbauer, 6.1.2026

Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien _
performing „Undine geht“ Donau/Wien _
Walter Pobaschnig 8/25

Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.

„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann Rom 1962 _
Foto: Heinz Bachmann

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Wort & Bild

Undine geht_ Akrostichon

Text & Performance _ Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien.

Petra Ganglbauer, Schriftstellerin Wien.
Petra Ganglbauer und Walter Pobaschnig _
„Undine geht“ _ Donau/Wien 8/25

Foto _ Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos _  Petra Ganglbauer: „Undine geht“ performing _ “ Walter Pobaschnig 8/25.

Literatur outdoors 1/26

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„ich fühlte mich verstanden, Bachmann verbunden“ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Verena Dolovai, Schriftstellerin _ Klosterneuburg/NÖ 14.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Verena Dolovai

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung/Bocca di leone,
Rom um 1971

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Verena Dolovai, Schriftstellerin _ Klosterneuburg/NÖ

Liebe Verena, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Denke ich an Ingeborg Bachmann, so denke ich an meine Jugend, an die Schule, an jene ikonenhafte brillante Sprachkünstlerin und Lyrikerin, unerreicht. Denke an den Bachmannpreis, denke an die Zeit in Wien, als ich studierte. Als mir jemand „Das dreißigste Jahr“ in meinem fünfundzwanzigsten schenkte. Wie ich das Buch verschlungen, es geliebt habe. Wie es, bis heute, einen besonderen Platz in meinem Bücherregal einnimmt und diese Widmung in sich trägt. Wie ich mich in meinen anfänglichen Berufsjahren als Juristin mit Bachmanns Gedicht „Ich“ so sehr identifizierte. Es machte auch mich aus, empfand ich, aber das Leben nicht unbedingt leicht(er). Auch fühlte ich mich verstanden, Bachmann verbunden.

Verena Dolovai, Schriftstellerin

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ihre unglaubliche Intensität und Leidenschaft, ihre äußerst anspruchsvolle poetische Sprache, das Sich-Bewegen zwischen Extremen. Diese Mischung aus Verletzlichkeit und unglaublicher Sprachkraft gepaart mit höchstem Intellekt. Dass sie als schreibende Frau so brilliert hat, ein Stern in der Literatur war, unter sehr schwierigen Bedingungen und dem männlich dominierten Literaturbetrieb.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

All ihre Gedichte, insbesondere „Ich“ und „An die Sonne“, „Das dreißigste Jahr“. Ihr gesamtes Werk hat meine Jugend und mein Denken, meinen Zugang zur Welt und Gesellschaft stark beeinflusst, bis heute.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ingeborg Bachmann war aus meiner Sicht mutig und äußerst sensibel zugleich. Das macht es schwierig, in der „Realität“ zu bestehen, sie „zu ertragen“. Gleichzeitig macht es Ingeborg Bachmanns Einzigartigkeit aus. Ich bewundere ihr sprachliches Werk unglaublich.

Ich selbst betrachte mich als Frau, die in der Gegenwart die starken Stimmen meiner weiblichen Vorbilder – und dazu gehört Ingeborg Bachmann zweifelsohne – aufgreifen möchte und ihre Botschaft, diese so wichtigen Erkenntnisse und Errungenschaften, literarisch sowie persönlich fortzusetzen versucht. Lese ich Literatur von Frauen aus dem vergangenen Jahrhundert, fühle ich mich ihrem Denken unglaublich nahe.

Aus der Perspektive einer Frau sind die Themen immer noch ähnlich und aktuell, finde ich, auch wenn wir heute in unseren Breiten in dieser Hinsicht weitergekommen sind, was insbesondere auch in der geänderten Rechtslage Ausdruck findet. Diversität und unterschiedliche Perspektiven sind seit jeher unglaublich wichtig. Wir müssen uns überholten Rollenbildern nach wie vor entgegenstellen und für unsere Freiheit und Unabhängigkeit mit Worten stark machen. Es darf keinen Stillstand geben.

„Es ist auch mir gewiss, dass wir in der Ordnung bleiben müssen, dass es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt und wir uns aneinander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“

Wie versteht Du dieses Zitat Ingeborg Bachmanns (Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, 1959) als Schriftstellerin heute?

Ich verstehe es so, dass es auch im Rahmen einer gesellschaftlichen Anpassung möglich ist, nach dem Unmöglichen, dem Vollkommenen, dem Optimum zu streben, es teilweise oder in einem bestimmten Ausmaß auch zu erreichen. Nie sollten wir unsere Ideale aufgeben, stets sollten wir daran arbeiten, die Umstände zu verbessern.  

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wann haben Sie gewusst, dass sie nur schreibend existieren können?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich habe das Hans-Weigel-Literaturstipendium 2024/25 für mein Romanmanuskript „Wenn es dunkel wird, ruf ich deinen Namen“ erhalten und das Manuskript abgeschlossen. Derzeit schreibe ich an meinem dritten Roman und werde dafür im Sommer 2026 im Rahmen eines Aufenthaltsstipendiums in Linz sein. Auch werde ich den ein oder anderen Text in einer Anthologie oä veröffentlichen, Lesungen abhalten und mit Schüler:innen über meinen Debütroman „Dorf ohne Franz“ in Austausch treten.

Herzlichen Dank für das Interview!

Verena Dolovai, Schriftstellerin

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.

Fotos: Verena Dolovai _ „Station bei Verena Dolovai“ _ 10/24

Walter Pobaschnig   1_26

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„Literatur und Kunst können uns wissender machen“ Michael Hillen, Schriftsteller _ Bonn 13.1.2026

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie beinahe jeden Tag werden wir später (meine Frau und ich) einen Spaziergang am Rhein machen. Gleich ob von der Bonner Südstadt aus, wo ich aufwuchs und was heute weitgehend als „gentrifiziertes Viertel“ zu bezeichnen wäre, in dem meine Eltern (Mutter „Hausfrau“, mein Vater größenteils seines Arbeitslebens als ungelernter Karosserieschlosser tätig) heute die Miete nicht mehr würden bezahlen können, oder vom nördlichen Ortsteil Bonn-Castell aus, geprägt von vielen Spuren und Zeugnissen der Römer, wo ich nun seit einem halben Jahrhundert wohne – es waren und sind stets bloß wenige Gehminuten bis zum Fluß, der mit seinen vielen stromauf- und stromabwärts fahrenden Frachtschiffen und den weißen Ausflugsbooten eine Kontinuität im eigenen Leben bildet.

Zudem werde ich mich weiter einem entstehenden Gedicht widmen (ab einer bestimmten Phase besteht dies vorwiegend aus dem ständig stillen Aufrufen des Geschriebenen), was erfüllender noch scheint, als es irgendwann veröffentlichen zu können, kann doch während dieser Arbeit die „Angst vor dem weißen Blatt“ wieder einmal verscheucht werden. Ich muß dabei konstatieren, daß ich nach der endlichen Reinschrift (oft stehen dieser zehn, zwölf abgewandelte Fassungen voran) eine gewisse Erschöpfung verspüre (was mittlerweile, Jg. 1953, womöglich auch mit dem Älterwerden zusammenhängt). Gewiß ist das schwer zu verstehen für einen „Außenstehenden“, „die paar Zeilen“ wird er mit einigem Recht sagen können, doch ist es wohl über viele Tage dieses ständige Überprüfen des zuerst Handgeschriebenen, es in Gedanken durchgehen, wo man geht und steht, dieses ständige Abhorchen des Klangs einer Wortfolge, das leise Vorsichhinsagen einer Passage, eines Satzteils und wiederum das Verwerfen oder der Zweifel am Verwerfen sowie die Suche nach dem trefferenden Wort, das manchmal sich lange nicht einstellen mag, was diese Ermüdung hervorruft („Dichten ist wie Radium gewinnen. Arbeit ein Jahr, Ausbeute ein Gramm“, W. Majakowski). Aber es ist eher eine Feststellung denn eine Klage, weiß man doch um das weitaus härtere Los so vieler Leute.

Und die monatlichen „Briefe gegen das Vergessen“ werde ich heute noch an Regierungen und Botschaften schreiben, eine weltweite Initiative von Amnesty International, an der ich mich beteilige seit ich noch ein jüngerer Mann war, um mit vielen anderen zu versuchen, öffentlichen Druck auf die politisch Verantwortlichen in aller Welt auszuüben und die Freilassung zu fordern für gewaltfreie, namentlich von Amnesty genannte und mit ihrem Schicksal vorgestellte politische Häftlinge, die im jeweiligen Land ohne rechtsstaatliches Verfahren und aus nichtigen und konstruierten Gründen gefangengehalten werden und oft Folter, Mißhandlungen, verweigerter medizinischer Versorgung ausgesetzt oder von einem Todesurteil bedroht sind.  

Michael Hillen, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Niemand kann natürlich für „alle“ sprechen, doch ich denke, wer genug zu essen und ein warmes Zuhause hat, wer nicht von Drohnen und Granaten angegriffen wird, nicht aus einem Land zu fliehen genötigt ist, weil es um leben oder sterben geht, wer nicht um einen Eimer Wasser kilometerweit laufen muß, dem sollte bewußt sein, daß das nicht selbstverständlich ist und vielen das Gegenteilige widerfährt und wieviel auch vom Zufall der Geburt abhängt. Daß es soviel Mangel, Unfreiheit und Ungleichheit unter den Menschen gibt, kann keiner für rechtens erklären, es gründet auf einem Unrecht, dem niemand in der Welt ausgesetzt sein dürfte. Überhaupt diese bedrückende „Duplizität der Ereignisse“: Während im eigenen Leben etwas Belangloses, Banales geschieht, ist zur gleichen Zeit jemand anders mit Gewalt, Tortur, Zerstörung konfrontiert. „Fremdes Leid bringt keinen Trost“, sagt ein spanisches Sprichwort. Daher hört nicht auf zu gelten: So wie es ist, kann es nicht bleiben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich wird u.a. sein, daß der auch in einem reichen Land wie Deutschland sich ausbreitenden Armut, Wohnungs- und Obdachlosigkeit politisch entgegengewirkt wird. Der parallel bestehende und sich anhäufende Reichtum Weniger kann nicht anders als obszön bezeichnet werden. Eine weitere demokratiegefährdende Entwicklung ist die zunehmende Tendenz, daß Fake-Nachrichten von einem breiten Publikum offensiv in die eigene Meinungsbildung „integriert“ werden, was den Demagogen zupaßkommt, die aus zynischem Kalkül stets das Schlechteste fürs eigene Land erhoffen, um sich als vermeintliche Heilsbringer zu gerieren. Hannah Arendt schrieb: „Wo Tatsachen konsequent durch Lügen und Totalfiktionen ersetzt werden, stellt sich heraus, daß es einen Ersatz für die Wahrheit nicht gibt. Denn das Resultat ist keineswegs, daß die Lüge nun als wahr akzeptiert und die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, sondern daß der menschliche Orientierungssinn im Bereich des Wirklichen, der ohne die Unterscheidung von Wahrheit und Unwahrheit nicht funktionieren kann, vernichtet wird.“  (Hannah Arendt, Wahrheit und Politik)

Literatur und Kunst, „die schönen Künste“ nennt man es ja nicht völlig zu unrecht, können uns sicherlich sensibilisieren, bezogen darauf, wie wir sprechen, sehen, wahrnehmen, wie wir über Dinge, Menschen oder gesellschaftliche Verhältnisse urteilen und denken, welchen Blickwinkel wir einnehmen, vielleicht verändern sollten. Und ebenso aufklärerisches Potenzial wird ihnen nicht abzusprechen sein, mit den ihnen eigenen Mitteln können sie uns wissender machen. Zweifel gegenüber dem eigenen künstlerischen, hier: literarischen Tun sind nie gänzlich fernzuhalten, andererseits unerläßlich, um irgendeiner Selbstüberschätzung erst gar keinen Raum zu geben („Literatur bewirkt nichts, sie ist der Schleier vor den Leichenbergen“, so Theodor Lessing, und man möchte ein klein wenig mehr Milde erbitten). So folge ich letztlich gern der polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska, die „das Lächerliche des Schreibens dem Lächerlichen des Nichtschreibens“ vorzog.

Was liest Du derzeit?

Pier Paolo Pasolini, „Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte“ und ein weiteres Mal, es ist stilistisch so fein geschildert, von Marisa Madieri, „Wassergrün. Eine Kindheit in Istrien“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wäre ich kein negativer Schriftsteller, möchte ich ein negativer Tischler sein“ (Günter Eich)

„Es ist gleich, ob einer mit seinem Preßlufthammer oder an seiner Schreibmaschine verzweifelt“ (Thomas Bernhard)

„Der Überdruß des beständig Neuen“ (Fernando Pessoa)

Vielen Dank für das Interview, lieber MIchael, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen: Michael Hillen, Schriftsteller

Zur Person/über mich: Michael Hillen, geb. 1953 in Bonn, lebe dort. Nach Ausbildung in einem sonderpädagogischen Verlag Tätigkeit als Korrektor, Lektor und Bibliothekar; Lyriker. Die zuletzt veröffentlichten Gedichtbände waren „Frau Röntgens Hand“ (Edition Keiper, Graz 2012), „Wundbilder“ (mit einer Radierung von Peter Marggraf; San Marco Handpresse, Bordenau/Venezia 2016), „Antonia und andere Frauengeschichten“ (Verlag Traian Pop, Ludwigsburg 2018), „Stockrosen“ (mit Aquarellen von Peter Marggraf; San Marco Handpresse, Bordenau/Venezia 2020 – eine die gesamte Entstehung des Künstlerbuchs „Stockrosen. Gedichte“ dokumentierende Kassette ist aufbewahrt im Deutschen Buch- und Schriftmuseum Leipzig) und schließlich „Wo das Gestern geblieben ist“ (Königshausen & Neumann, Würzburg 2021), Gedichte, die Vergangenem nachspüren und dabei auf unvermutet Gegenwärtiges treffen – „seiner Melancholie, bisweilen seinem Schrecken“, wie es im Klappentext heißt.

Aktueller Gedichtband von Michael Hillen:

Michael Hillen, Wo das Gestern geblieben ist. Gedichte, 97 S., 14,80 Euro, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, ISBN: 978-3-8260-7426-4.

https://verlag.koenigshausen-neumann.de/product/9783826074264-wo-das-gestern-geblieben-ist/

Foto: privat

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