Jasmin Avissar, Tänzerin, Choreografin _ performing „Malina“ _ Station bei Malina/Romanschauplatz Wien _ Walter Pobaschnig 3/25.
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
(Streunerin mit gläserner Stirn _ entwurzelte schatten/Radius Verlag 2025)
Es ist eine ganz besondere Literaturedition, welche der so facettenreiche Freiburger Autor, Jakob Leiner, hier in zweisprachiger Übersetzung vorlegt. Die Welt und phantastische Eindringlichkeit des Surrealismus treffen dabei beeindruckend in ihrer poetischen Form auf Leserin und Leser.
Der als einziger Sohn des Immobilienmaklers Clément Grindel und der Schneiderin Jeanne-Marie Grindel (geb. Cousin) Paul Éluard (Eugène-Émile-Paul Grindel * 14. Dezember 1895 Paris +18. November 1952 Charenton-le-Pont/Paris) veröffentlichte bereits im Alter von achtzehn Jahren erste Gedichte. 1917 lernt er bei einem Kuraufenthalt seine spätere erste Frau Gala kennen, die ihm zur verlässlichen Unterstützerin und Begleiterin am weiteren künstlerischen Weg wird. Dieser bringt ihn in der Aufbruchsepoche des Surrealismus in engem Austausch zu bildenden Künstlern und bedeutenden Malern wie Max Ernst, Pablo Picasso, Man Ray, Joan Miró oder Salvador Dalí. Paul Éluard wird zum organisatorischen Unterstützer und auch in vielem Angelpunkt surrealistischer Kunstproduktion. Er wird zur kontinuierlich produktiven wie eigenständigen lyrischen Stimme, auch in schwierigsten Kriegszeiten (er schließt sich der Resistance an). Sein Gedicht Liberté wird in tausenden Flugblättern von englischen Flugzeugen über dem besetzten Frankreich abgeworfen. 1952 starb Éluard an einem Herzinfarkt und wurde auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris beigesetzt. Am 2. April 2007 wurde nach dem facettenreichen wie mutigen Dichter ein Asteroid (15752) benannt.
Das lyrische Werk Éluard zeichnet sich in einer sehr eigenständigen Sprachform- wie -variation aus, die in Phantasie, Sehnsucht und Hoffnung, Leben, Liebe und Gesellschaft zu verbinden und zu durchdringen sucht. Der Schriftsteller ist ein Botschafter und Erneuerer in Wort, Sprache und menschlichen Formen von Gemeinschaft. Die Nähe zur Musik scheint dabei vorgezeichnet, wobei diese kein unmittelbares Kennzeichen des Surrealismus ist.
Der vorliegende Gedichtband, in einer wunderbaren Neuübersetzung des Freiburger Schriftstellers und Herausgebers Jakob Leiner, präsentiert nun aber eine ganz besondere künstlerische Kooperation und Inspiration, in welcher der Komponist Francis Poulenc ausgewählte Gedichte Éluards in Klavierlieder und Chorzyklen aufnimmt. Diese vertonten Gedichte, Ausdruck einer sehr tiefgehenden Zusammenarbeit, sind nun zweisprachig französisch/deutsch zugänglich und eröffnen ganz ergreifende wie spannende Horizonte lyrischer Sprache in der Epoche des Surrealismus an den Schnittstellen von Literatur und Musik.
„Die einzigartige poetische Stimme des Surrealisten Paul Éluard in hervorragender Neuübersetzung, ein Buchereignis erster Klasse!“
entwurzelte schatten
vertonte gedichte / poèmes mis en musique
Paul Éluard, Jakob Leiner (Herausgeber und Übersetzer) _ Radius Verlag
SPEED aktionstheater ensemble _ 11.01.26 Premiere _ Theater am Werk/Kabelwerk Wien
„Speed“
Google Suchfilter: Ungefähr 3 550 000 000 Ergebnisse (0,21 Sek.)
Speed(KI)_ Geschwindigkeit: ist eine physikalische Größe, die angibt, wie schnell sich ein Körper bewegt und in welche Richtung die Bewegung erfolgt. Sie wird als das Verhältnis der zurückgelegten Strecke zur benötigten Zeit definiert.
Speed (Google) ist ein stimulierendes Amphetamin, das vor allem aktivierend und konzentrationssteigernd wirken kann. Je nach Dosierung und Umfeld kann die Wirkung unterschiedlich erlebt werden.
Für das „aktionstheater ensemble“ ist Bewegung/Geschwindigkeit in Sprache/Spiel ein unverwechselbares Charakteristikum, das in seiner Perfektion immer neu begeistert.
Hier wird Wort/Körper/Choreographie/Musik/Kostüm zu einem Feuerwerk, einer Explosion menschlicher Erfahrung, Erlebens, die in atemberaubender Interaktion und Präzession die Bühne in ein existentiell-gesellschaftliches Kaleidoskop in wunderbarer Typisierung von Mensch und Alltag verwandelt und tausend Farben von Augenblicken des Lebens in punktgenauer Inszenierung und famosen Spiel zum einzigartigen Erlebnis werden lässt – „wie schnell sich ein Körper bewegt und in welche Richtung die Bewegung erfolgt“ ist ein unerklärliches wie großartiges Faszinosum des Abends.
Und dieser ist bestes „Theater-Speed – stimulierendes Amphetamin“ der Sinne und in der Nachwirkung, den Gesprächen am Weg zur U-Bahn und danach „aktivierend und konzentrationssteigernd“ gegenüber Geschwindigkeit&Leben&Zeit im individuellen wie objektiven Kontext unserer Welt. Haupt- und Nebenwirkungen sind erwünscht.
„Je nach Dosierung und Umfeld kann die Wirkung unterschiedlich erlebt werden“ – trifft ebenso gänzlich auf einen Bühnenabend des aktionstheater ensemble zu. Es ist ein Gemeinschaftserlebnis, ein Zusammenkommen, Erleben, Staunen, Feiern von Bühnenfreiheit, -möglichkeit. Vielleicht ist es so etwas wie bester „Theater-Schamanismus“, aber das weiß niemand so genau. Aber es wirkt ungemein schnell und direkt, verstört, trifft, öffnet, begeistert – „speed“.
Hervorzuheben ist ebenso die großartige aktionstheater ensemble Bühnenästhetik, die in ihren Hell-Dunkel Kontrasten wie in Musik/Kostüm eine intensive atmosphärische Wirkung der existentiell-narrativen Struktur des Wortspiels (Rückblenden, Dialog) gibt und dabei eine Art von „Theater noir“ erzeugt, welches zum unverwechselbaren Markenzeichen geworden ist.
Ein Theaterabend, der gleich zu Beginn dramaturgisch in Lebensnähe der verlorenen JÖ Karte wunderbar den Funken zum Publikum springen lässt und dann als dichtes Kammerspiel des Alltags an der Supermarktkasse, in der Wohnungssuche unter Freunden, in Erinnerungen, Bloßstellungen, Verzweiflungen das Publikum in Lachen, Staunen, spontanem Applaus wie Stille sehr beeindruckend bis zum im wahrsten Sinne des Wortes atemlosen Finale begeisternd mitnimmt – auch da eine geniale Schlussszene im Ausatmen der Schattenrisse.
Ein einmaliger unvergleichlicher Theaterabend – speed im besten Sinn!
Walter Pobaschnig 11.1.2026
SPEED aktionstheater ensemble
11.01.26 Premiere _ Theater am Werk/Kabelwerk Wien
INSZENIERUNG UND KONZEPT: Martin Gruber
TEXT: Martin Gruber und Ensemble
DRAMATURGIE: Martin Ojster
ENSEMBLE: Zeynep Alan, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek sowie Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse ihrer Wohnung/Bocca di leone, Rom um 1971
Im Interview _ Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/Wien
Lieber Leopold, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich habe vor einem Jahr ein Porträt von Ingeborg Bachmann geschrieben, es erscheint demnächst in meinem neuen Buch „Portraits“ bei PalmArtPress in Berlin. Es war mir wichtig, dass Bachmann in dieser Sammlung dabei ist, auch, weil sie zu ihrer Zeit, Mitte des 20. Jahrhunderts, eine der damals noch nicht allzu vielen Frauen war, die ein komplexes und hochinteressantes literarisches Werk geschaffen haben (neben ihrer Freundin Ilse Aichinger). Erstmals gelesen habe ich sie in meiner Studentenzeit, sie blieb immer irgendwo in meinem persönlichen Parnass vorhanden, vielleicht eher im Schatten, aber manchmal ist sie daraus hervorgetreten, oder ich habe sie eigens hervorgeholt.
Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/Wien _ Station bei Malina _ Romanschauplatz _ Wien _ Walter Pobaschnig 5/25, f.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Wie die meisten Autoren (sie sah sich als Autor, nicht als „Autorin“, das war ihre Art, ihre Leistung als Frau zu betonen) hatte sie ihren eigenen Stil. Den zu beschreiben ist, wie bei anderen Autoren, nicht einfach und würde einen ganzen Essay erfordern. Sie hat vieles probiert, hat sich entwickelt, ihr Bachmann-Stil war nicht ab einem bestimmten Zeitpunkt da und ist dann geblieben (wie bei Thomas Bernhard), sondern hat sich ziemlich verändert. Mich interessiert mehr dieses dauernde Versuchen, das Ungenügen, das in ihrem Werk immer wieder spürbar ist – mehr als die wenigen rundum gelungenen Werke. Rundum gelungen sind am ehesten einige Erzählungen aus „Das dreißigste Jahr“. Vielleicht hat sie da zu ihrer Mitte gefunden; eine Mitte, die sie nicht dauerhaft halten konnte. Um den Roman als damals für sie neue Form hat sie gerungen, die Todesarten-Trilogie ist eine große Ruine, eine Baustelle, die vielleicht nichts anderes sein konnte als Ruine. Das Werk „behauptet“ sich als Ruine, schrieb Walter Benjamin über das barocke Trauerspiel: Die – bei Bachmann: schwierige – Neugeburt hat die Form der Ruine. In diesem Sinn würde ich Bachmanns Roman-Torsi, zu denen man vielleicht auch „Malina“ zählen sollte, als Barockliteratur bezeichnen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Habe ich gerade gemacht, aber erwähnen möchte ich noch, dass einige der Bilder und auch der Formulierungen ihrer Gedichte sich mir tief eingeprägt haben, so dass sie mich sicher bis zum Lebensende begleiten werden („Ausfahrt“, „Enigma“ und andere).
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten Sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview 1971. Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich sehe einerseits die Welt, die immer noch patriarchal ist, aber viel weniger als zu Lebzeiten Ingeborg Bachmanns. Ich sehe andererseits Ingeborg Bachmann 1971, als sie Jahre hinter sich hatte, in denen sie selbst krank war. Krank gemacht von den Männern, von bestimmten Männern mit Namen und Adresse, oder doch (auch) von anderen Faktoren? Ich wage es nicht zu beurteilen. Mit dem zitierten Satz in dieser Form kann ich nicht viel anfangen. Er läuft vielleicht auf die heute ziemlich verbreitete, oberflächliche Rede von der „toxischen Männlichkeit“ hinaus, die ich so nicht teile. In einem literarischen Text könnten solche Pauschalsätze („alle Männer“) rhetorische Wirkung haben. Thomas Bernhard hat das vorgemacht. Bachmann hat Bernhard rezipiert, und ich glaube – obwohl er etwas jünger war als sie –, er hat sie in ihrer letzten Zeit beeinflusst.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Kann gut sein, dass das Schreiben für Bachmann ein Martyrium war. Aber auch ein, wenn auch einsamer, Raum der Freiheit. Beides. In ihrer letzten Zeit wahrscheinlich mehr Martyrium als Freiheit.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wenn ich eine Frage „frei“ hätte wie z. B. bei einer Pressekonferenz oder vor einer Fee, dann würde mir gar nichts einfallen. In einem mehr persönlichen Kontext würde ich sie vielleicht bitten, mir noch ein wenig mehr als das, was man eh weiß, von ihrem Zusammenleben mit Hans Werner Henze zu erzählen, der ja bekanntlich schwul war, und ob sie ihm ernstlich vorgeschlagen hat, zu heiraten, oder doch eher ironisch. Wir könnten gemeinsam in Italiensehnsüchten schwelgen und uns über diese lustig machen. Und nebenbei ein paar italienische Erfahrungen austauschen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich bin mitten in einem Roman und hoffe, dass er gelingt und andere das auch so sehen. An diesem Punkt schreibt sich ein Text ein bisschen wie von selbst, er folgt seiner eigenen Dynamik. Das ist mir allerdings auch immer wieder suspekt. Manchmal muss man sich als Autor (d. h. den Text) bremsen. Oder?
Herzlichen Dank für das Interview!
Bitte.
Leopold Federmair, Schriftsteller_ Hiroshima/Wien _ Station bei Malina _ Romanschauplatz _ Wien _ Walter Pobaschnig 5/25.
Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Fotos: Leopold Federmair, Station bei Malina _ Romanschauplatz _ Wien _ Walter Pobaschnig 5/25.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Ingeborg Bachmann auf ihrer Terrasse in der Bocca di Leone/Rom, um 1970
Im Interview _ Anja Knafl _ Schriftstellerin, Schauspielerin _ Klagenfurt
Liebe Anja, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist kein rein literarischer, sondern ein existenzieller. Ich habe sie nie als Autorin gelesen, die man „versteht“, sondern als Stimme, die etwas freilegt, das ohnehin schon da ist. Bachmann schreibt nicht erklärend, sondern was ich als „ehrlich“ betiteln würde. Ihre Texte sind für mich Räume, in denen Sprache plötzlich Verantwortung übernimmt. Für Schmerz, für Widerspruch, für das Unsagbare. Als Schauspielerin begegne ich ihr über den Klang, den Rhythmus, die Brüche der geschriebenen Worte. Als Autorin über die Radikalität, mit der sie Denken und Fühlen nicht trennt, sondern den Lesenden konfrontieren möchte, hinzusehen.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das Besondere an Bachmanns Schreiben ist für mich ihre Unbestechlichkeit. Sie schreibt nicht, um zu gefallen, nicht, um zu beruhigen, nicht, um Lösungen anzubieten. Sie nimmt Sprache ernst und damit auch die Gewalt, die in ihr liegen kann. Ihre Texte verweigern einfache Lesarten, sie sind fragil und präzise zugleich. Bachmann schreibt mit einer Klarheit, die weh tut, weil sie nichts beschönigt. Und gerade darin liegt eine große Form von Wahrheit, von der wir alle mehr in unserem Alltag brauchen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
„Malina“ ist für mich ein Schlüsseltext. Nicht nur literarisch, sondern menschlich. Dieser Roman zeigt, wie innere Zerstörung gesellschaftlich erzeugt wird, wie Gewalt sich verinnerlicht, wie Sprache zerbricht, wenn sie zu lange gegen sich selbst verwendet wird.
Auch ihre Gedichte begleiten mich stark, vor allem jene, in denen Liebe und Verlust nicht romantisiert, sondern seziert werden. Bachmann schreibt Liebe nicht als Erlösung, sondern als Risiko und damit trifft sie, denke ich, einen wunden Punkt.
Anja Knafl am „Tor mit den Löwen bei Ivan“ _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ Walter Pobaschnig 1/25, folgende
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Erschreckend aktuell. Bachmann beschreibt Machtverhältnisse, die bis heute wirksam sind, nur subtiler, besser verpackt. Die patriarchale Gewalt, von der sie spricht, ist keine historische Kategorie, sondern ein fortlaufender Zustand. Sie zeigt, wie Systeme Menschen krank machen, wie private Beziehungen politische Spiegel sind. Dass ihre Texte heute wieder so stark gelesen werden, hat viel damit zu tun, dass wir beginnen, diese Strukturen wieder verstärkt wahrzunehmen und klarer benennen können, auch wenn es unbequem ist.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in einer Vorlesung. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich glaube nicht, dass Schreiben zwangsläufig Martyrium ist. Aber es ist immer ein Risiko. Wer ehrlich schreibt, setzt sich aus: Dem eigenen Denken, den eigenen Widersprüchen, manchmal auch der Einsamkeit. Kunst entsteht nicht aus Leid an sich, sondern aus der Bereitschaft, hinzusehen, wo andere wegschauen und ja, manchmal ist dieser offene Blick mit Schmerz verbunden, aber auch häufig mit einer positiven Verknüpfung. Bachmann hat diese Bereitschaft bis zur Selbstgefährdung gelebt. Das muss kein Ideal sein, aber es ist ihre Wahrheit über die Konsequenzen radikaler Wahrhaftigkeit.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gefragt, ob sie manchmal Zufriedenheit mit sich als Lebewesen gespürt hat. Nicht als Konzept, sondern als Gefühl. Und ich hätte ihr gerne gesagt, dass ihre Texte vielen Menschen Worte gegeben haben für Zustände, die sonst sprachlos geblieben wären. Dass sie nicht allein war mit dem, was sie gesehen hat. Auch wenn es sich für sie so angefühlt haben mag. Ich glaube, dass ich sie gerne umarmt hätte…
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite derzeit an mehreren Theater- und Textprojekten, die sich stark mit Macht, Identität und Sprache beschäftigen, unter anderem an eigenen Langtextformaten, in denen persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Analyse ineinandergreifen. Außerdem bin ich als Schauspielerin in verschiedenen Produktionen im deutschsprachigen Raum verteilt tätig und habe große Freude an Spoken-Word-Formaten, die Literatur und Performance verbinden. Bachmann begleitet mich auch dabei immer. Weniger als Vorbild, sondern als Maßstab: für Genauigkeit, für Mut, für Verantwortung gegenüber dem Wort, das auf ewig in der Welt verweilen darf.
Naoko Muneoka, Künstlerin _ Wien _ performing _ Romanschauplatz „Malina“ Wien / Donau Wien _ Walter Pobaschnig 7/25, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Wort & Bild
Malina _ Akrostichon
Text _ Ines Edith Oppitz, Schriftstellerin _ Wels/OÖ
Performance_ Naoko Muneoka, Künstlerin _ Wien
Malina
Macht Missbrauch und Spiele
Achtlos verkannt
Liebessehnsucht
Illusion
Negation
Aus
Ines Edith Oppitz, 5.1.2026
Naoko Muneoka, Künstlerin _ Wien _ performing _ Romanschauplatz „Malina“ Wien / Donau Wien _ Walter Pobaschnig 7/25
Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Im Interview _ Petra Ganglbauer, Schriftstellerin _ Wien.
Liebe Petra, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann und ihr Werk haben mich schon in frühester Jugend fasziniert; ich habe auch als professionelle Schriftstellerin keine Scheu, mich mit ihr zu befassen; ich registriere nämlich bisweilen in meinem Umfeld ein Zögern im Hinblick auf eine zu intensive Befassung mit berühmten Autorinnen, wohl auch aus Angst, selbst nicht ausreichend rezipiert zu werden und sich über ein anderes Werk definieren zu müssen. Es ist schon richtig, daß Autor*innentum auch verlangt, vor allem sich selbst als produzierende Kraft in den Mittelpunkt zu stellen, dennoch setzen wir alle letzlich beim Werk jener an, die vor uns geschrieben haben. Das gilt es auch entsprechend zu würdigen!
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie hatte ein unfassbar konzises Sensorium für die Strukturen und Mechanismen in der Gesellschaft und die Interaktionen zwischen den Menschen (Geschlechtern). Sie war darüber hinaus imstande, diesem Sensorium eine Sprache zu geben, die einmalig ist und überzeugt.
Petra Ganglbauer _ Station bei Malina _ Romanschauplatz/Wien _ folgende
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich schätze Malina ganz besonders, aber auch die anderen Arbeiten. Mit ihren Gedichten habe ich mich vor allem in meiner Jugend befasst.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Wenn ich Bachmann lese, habe ich das Gefühl, daß es kaum eine zeitliche Distanz zwischen damals und heute gibt. All die hierarchischen oder auch frauenfeindlichen, zerstörerischen, abschätzigen Strukturen sind nach wie vor leider relevant. Mehr noch, sie werden gerade zur Zeit durch einige alte Männer, die immer gefährlichere Machtallüren an den Tag legen und von denen jeder den anderen und uns allen beweisen will, wie omnipotent er ist, global noch manifester.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
„Immer auch“, würde ich so nicht sagen. Aber wenn ich an meine Genese denke und mir auch die Lebensbedingungen in meinem literarischen Umfeld anschaue, dann kommt diese Charakterisierung meiner persönlichen Erfahrung doch sehr nahe. Schreiben als Berufung, als Profession, als Lebenshaltung fordert bisweilen viel Verzicht ein: es bedeutet Reduktion auf das Wesentliche, eine zwingende Fokussierung, die immer wieder Opfer verlangt. Wenn man so ein fragiles Sensorium wie Bachmann hat, bleiben oftmalige seelische Verletzungen freilich nicht aus. Schreiben ist dann auch nicht, wie oft irrtümlich erwähnt, Trost. Es ist eher eine schmerzerfüllte Reise.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie wohl gefragt, wie es sich angesichts eines solchen Werks überhaupt leben lässt.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Eines meiner Bücher wird Dank der Initiative des Essayisten und Übersetzers Erhan Altan ins Türkische übersetzt: „Suretsiz Mektuplar“ („Briefe ohne Gesicht“, Wiener Frauenverlag-Milena, 1992) erscheint in der Reihe Avusturya kitaplığı (Österreich Bibliothek). In diesem Jahr soll auch ein neuer Lyrikband publiziert werden: „Im Augenschein der Dinge“. Ein paar Projekte sind zudem in Planung.
Herzlichen Dank für das Interview!
Petra Ganglbauer, Schriftstellerin
Aktueller Prosaband von Petra Ganglbauer: „Es ist ein Nah und Fern“ Bibliothek der Provinz.
Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, Rom, um 1970.
Fotos: Petra Ganglbauer: Walter Pobaschnig _ Romanschauplatz „Malina“ _ Wien 4/25
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Es beginnt in der Schule. Plötzlich, unerwartet. Der Schmerz schlägt wie ein Blitz in den Bauch. Schlägt ein, schlägt aus, schlägt zu, erschlägt…dann die Kette der Aufmerksamkeit, Lehrerin, Mutter, Arzt, Vater…
„Mein Vater kam und sagte, dass ich krank sei und hierbleiben müsste. Dann schoben sie mich auf der Liege in ein Zimmer, in dem noch viele andere Kinder waren…“. Der Weg geht weiter im Schmerz, der Ungewissheit, Momenten der Ruhe, Hoffnung…kein Entkommen….
Der Schmerz, das Leiden ergreift Körper und Geist, da und dort. Drei Frauen, die durch Dunkelheiten des Ungewissen wandern müssen, nach Halt suchen und in Existenz, Welt und Umwelt ihren Weg gehen in Krankheit, Verzweiflung und Hoffnung…
Gabriele Vasak, eine der vielseitigsten wie spannendsten Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum, spannt in ihrem neuen Roman einen ganz großen existentiellen wie gesellschaftskritischen und metaphysischen Bogen des Leidens, der Krankheit und des damit verbundenen Weges in allen Herausforderungen, Rat- und Hoffnungslosigkeiten und Horizonten- wie Perspektivensuche.
Die in Wien lebende Autorin und langjährige Medizinjournalistin beeindruckt in diesem sehr eindringlichen wie mitreißenden Roman in selbstbewusster Formsprache, die mit sehr anschaulicher, bildmächtiger Schilderung der Leidenserfahrung verbunden, ein storyboard bietet, das drei Frauenwege in je individuellen Kontexten öffnet und ganz außergewöhnlich verdichtet. Das erzählerische Konzept filmschnittartiger collagengleicher Situativität, die wunderbar gesetzt in Reflexionen übergeht und zwischen Leid, Sinn und Wille ganz fein wie dramatisch oszilliert, ist eine der ganz großen Stärken dieses Romans, der schon im Titel „Ich bin die ich bin“ (Gottesoffenbarung in jüdisch-, christlicher Tradition) auf das Erschüttern, Zusammenfallen von Halt und Orientierung im Zustand des Leidens und den Kampf ins Leben zurück im Ausgesetztsein der täglichen individuellen Erschütterung und Selbstbehauptung.
„Ein erschütternder Existenz- und Gesellschaftsroman, der in selbstbewusster Erzählvirtuosität wie Dramatik einzigartig ist!“
ICH BIN DIE ICH BIN (Roman) 2022. Gabriele Vasak, Wien. Bestellbar unter info@gabriele-vasak.at